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Full text of "Zeitschrift für deutsche Philologie"

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ZEITSCHRIFT 


FÜR 


DEUTSCHE  PHILOLOGIE 


HERAUSGEGEBEN 


VON 


Dr.  ernst  hopfner  und  Dr.  JULIUS  ZACHER 

PROVINZIALSCHULRAT  IN   KOBLENZ  PROF.    A.   D.    UNIVERSITÄT   ZU   HALLE 


3>555 


ZWÖLFTER    BAND 


HALLE, 

VEELAG     DER     BUCHHANDLUNG     DES     WAISENHAUSES. 

188  1. 


Pf 

Z3S 
Sc/.  /^ 


INHALT. 


Seite 

Altdeutsches  cpistel-  und  evangelienbuch.     Von  Stejskal    1.  323 

Gahmiuets  wappen.     Von  Hortzschansky    73 

Die  laienboichte  bei  Wolfram.     Von  Josef  Seeber 77 

Fetisch.  Hulft.  Judenspiess.  Liespfund.     Von  A.  Lübben    81 

Halberstädter  bruchstiicke.  1.  Aus  einer  predigtsanilung.  2.  Katechismusstücke 
und  segen.     3  Gevatter  tod.     4.  Medicinisches.     5.    Aus  einem    alphabetisch 

geordneten  kräuterbuche  [Macer  Ploridus].     Von  G.  Schmidt 129 

Zu  den  Halberstädter  predigtbruchstücken.     Von  J.  Zacher  183 

Macer  Floridus  und  die  deutsche  botanik.    Von  J.  Zacher 189 

Dativ  und  accusativ.     (Zu  ztschr.  11,  73).     Von  0.  Behaghel 216 

Briefe  an  Job.  Joach.  Eschenburg.     Von  R.  Thiele 217 

Der  wadel.     Von  K.  Kinzel  226 

Die  erd-   und   Völkerkunde    in    der  Weltchronik    des  Eudolf  von  Hohen -Ems. 

Von  0.  Doberentz  257.  387 

Beiträge  aus  dem  Niederdeutschen.    Von  Fr.  Woeste   302.  479 

Der  Verfasser  der  Frohen  Frau.     Von  M.  Rieger 304 

Aus  dem  Summarium  Heinrici.     Von  A.  Hortzschansky 305 

Die  älteste  alba.     Von  Joh.  Schmidt 333 

Fünf  sagen  vom  Hoch schwab.     Von  F.  Branky 342 

Zum  Sprachgebrauch  Goethes.     Von  R.  Sprenger    348 

Zu  Macer  Floridus.    Von  J.  Zacher 349 

Fetisch.    Von  W.  Crecelius 352 

Zum  Parzival  463,  15.    Von  K.  Lucae   383 

Ackermann  und  Agricola.    Von  H.Holstein 455 

Bruchstück  einer  mitteldeutschen  Margaretenlegende.     Von  R.  Hasenjäger....  468 

Miscellen, 

Zu  Klopstocks  Messias  ^ 256 

Ein  brief  Jakob  Grimms  an  Jon  Ärnason,  mitgeteilt  von  William  Carj! enter  353 
Die  jahresversamlung  des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung  in  Hildes- 
heim.   Von  W.  Seelmann  353 

Bericht  über  die  Verhandlungen  der  deutsch -romanischen  abteilung  der  XXXV. 
versamlung  deutscher  philologen  und  schulmänner  zu  Stettin  vom  27.  —  30. 

September  1880.     Von  E.  Henrici  361 

Brants  Narrenschiff,  neuhochdeutsch  von  Simrock 500 

Jablonowskische  preisaufgaben 500 

Litteratur. 

Die  prosaische  Edda  im  auszuge  nebst  Völsungasaga  und  Nornageststhättr, 
herausg.  von  E.  Wilken;  tli..  1.  —  Untersuchungen  zur  Snorra  Edda,  von 
E.  Wilken;  angez.  von  B.  Sijmons 83.  368 


rV  INHALT 

Seite 

M.  Schcrer,  geschichtc  der  deutschen  litteratur;    angez.  von  F.  Seiler  113 

Beowulf,  herausg.  von  Moritz  Heyne;  angez.  von  H.  Gering  122 

G.  Boetticlier,  die  Wolframliteratur  seit  Lachmann;  angez.  von  K.  Kinzel    126 
Seb.   Zehetmayr,    analogisch   vergleichendes    Wörterbuch   über   das   gesanit- 

gebiet  der  indogennanischen  sprachen;  angez.  von  0.  Behaghel  127 

Lessings   Hamburgische    dramaturgie,    erläutert   von    dr.    Fr.   Schröter    und 

dr.  Eich.  Thiele;  angez.  ven  E.  Neidhardt  229 

Hadamars  von  Laber  Jagd,  herausg.  von  dr.  K.  Stejskal;  angez.  von  K.  To- 
ra an  etz  243 

Die    poetischen  erzählungen    des   Herraud  von  Wildonie,    herausg.  von  K.  F. 

Kummer;  angez.  von  K.  Kinzel 250 

G.  Michaelis,  beitrage  zur  geschichte  der  deutschen  rechtschreibung ;   angez. 

von  K.  Kinzel 253 

H.  Althof,   graramatik  altsächsischer  eigennamen  in  westfälischen  Urkunden; 

angez.  von  0.  Behaghel 255 

Ad.  Ebert,    allgemeine   geschichte  der  literatur   des  mittelalters   im   abend- 

lando.  2.  bd.;  angez.  von  E.  Peters  364 

Th.  Mob  ins,   Verzeichnis  der  auf  dem  gebiete  der  altnordischen  spräche  und 

litteratur  von  1855  bis  1879  erschienenen  Schriften;  angez.  von  H.  Gering  369 
K.  Bünting,  vom  gebrauche  der  casus  im  Heliand.  —     Fr.  Naber,  gotische 

praepositionen.  1;  angez.  von  E.  Bernhardt  370 

Die  Pariser  Tagezeiten ,  herausg.  von  St.  Waetzoldt;  angez.  von  K.  Kinzel  372 

E.  Martin,  zur  Gralsage;   angez.  von  G.  Boetticher 377 

Eich.  Hamel,  Klopstock -studien.  IL  III;  angez.  von  0.  Erdmann 380 

M.  Eieger,   Klinger  in  der  Sturm-    und  Drangperiode;    angez.  von  0.  Erd- 
mann    382 

W.  Braune,  gotische  graramatik;  angez.  von  H.  Collitz 480 

K.  Weinhold,   kleine  mittelhochdeutsche  gramraatik.    —     H.  Paul,    mittel- 
hochdeutsche grararaatik;   angez.  von  K.  v.  Bahder  483 

G.  Milchsack,  die  oster-  und  passionsspiele ;  angez.  von  E.  Lehfeld 487 

Lamprecht  von  Eegensburg,  herausg.  von  K.Weinhold;  angez.  von  K.  Kinzel  491 
Der  Junker    und    der    treue   Heinrich,    herausg.   von  K.  Kinzel;    angez.   von 

H.  Busch 494 

0.  Erdmann,  über  die  Wiener  und  Heidelberger  handschrift  des  Otfrid;  angez. 
von  J.  Zacher 496 


Eegister  von  E.  Matthias 501 


ALTDEUTSCHES  EPISTEL-  UND  EVANGELIENBUGH. 

Die  lezteii  vier  decennieu  haben  für  die  erkentnis  altdeutscher 
prosa  bereits  ein  reiches  und  wertvolles  material  geliefert.  Werke 
geistlichen  Inhaltes  waren  es  in  erster  linie ,  die  volständig  oder  bruch- 
stückweise aufgefunden,  zur  veröifentlichung  gelangten.  Und  doch 
blieb  trotz  der  nicht  geringen  zahl  bisher  erschienener  predigten,  homi- 
lien ,  Übersetzungen  von  teilen  des  alten  und  neuen  testanientes,  beicbt- 
spiegeln  u.  ä.  eine  art  von  prosawerken  geistlichen  Inhaltes  völlig  unver- 
treten  —  die  altdeutschen  epistel-  und  evangelienbücher  (pericopen- 
samlungen).  Diese  lücke  auszufüllen  ist  das  im  folgenden  zur  mittei- 
lung  gelangende  denkmal  des  13.  Jahrhunderts  bestirnt.  Es  dürfte  einer 
freundlichen  aufnähme  gewiss  sein,  da  es  nicht  allein  seines  litterar- 
historischen  ,  sondern  aucb  seines  spracblichen  wertes  wegen  verdient, 
der  Vergessenheit  entrissen  zu  werden.^ 

I. 

Die  bandschrift,  nach  welcher  der  nachstehende  abdruck  erfolgt, 
befindet  sich  in  der  k.  k.  studieubibliothek  zu  Olmütz  (sign.  II  h  36), 
perg.,  13.  Jh.,  8«  (142"""  hoch,  113  """  breit),  121  biätter.  Das  evan- 
gelienbuch  begint  auf  bl.  1^'  und  schliesst  auf  120*",  angehängt  ist  ein 
seqencen  vom  heiligen  geisf  (120'' — 121").  Es  ist  von  zwei  in  ihrer 
Schrift  sehr  deutlich  unterschiedenen  Schreibern  geschrieben;  der  erste 
schrieb  von  l**  —  95%  der  zweite  von  95"— 121^;  die  zabl  der  zeilen 
auf  einer  seite  variiert  beim  ersten  zwischen  15  und  16,  beim  zweiten 
zwischen  22  und  23  zeilen.  Die  Überschriften  der  episteln  und  evan- 
gelien  sind  rot ,  ebenso  die  initialen ;  nach  Interpunktion  häufig  die 
folgenden  (schwarzen)  buchstaben  mit  roter  auszeichnung.  Die  schrift 
ist  durchaus  schön,  deutlich  und  rein;  der  dialect  des  denkmals  der 
baierisch- österreichische.  Die  bandschrift  besteht  aus  15  lagen  zu  je 
8  blättern;  nur  die  erste  läge  hat  9  biätter,  das  erste  blatt  ist  aber 
jezt  an  die  innere  seite  des  vorderen  deckeis  (holzband  mit  liellbraunem 
lederüberzug)  geklebt.     Blatt  121   bildet  mit  dem    an   die  innere  seite 

1)  Aufgabe  eines  zweiten  artikels  wird  es  sein  ,  das  werk  naeli  diesen  beiden 
ricbtungen  bin  einer  eingebenden  untersucbung  zu  unterzieben. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  1 


des  hinteren  Deckels  geklebten  blatte  ein  doppelblatt  (vor  dem  einbin- 
den besass  also  die  hs.  1  -f-  121  +  l  blatt).  Die  einzelnen  lagen  sind 
je  auf  ihrem  ersten  blatte  mit  römischen  Ziffern  bezeichnet  gewesen, 
einige  (I,  XII,  XIII)  fielen  später  dem  einbinden  zum  opfer.  Die  Vor- 
derseite des  buches  trägt  auf  zwei  papierstreifen  eine  alte  Signatur: 
EpVe  et  ewü"'  d'  tpe  in  vvlgari  S  21. 

Die  handschrift  war  bisher  wenig  oder  vielleicht  richtiger  gesagt 
gar  nicht  bekaut.  Wattenbach  führt  sie  in  seinem  „Verzeichnis  der 
handschriften  der  k.  k.  Universitätsbibliothek  in  Olmütz"  (Pertz,  Archiv 
der  geselschaft  für  ältere  deutsche  geschichtkunde  10,671  —  681)  nicht 
auf  und  Jul.  Feifalik  scheint  sich  auch  nur  mit  einem  sehr  oberfläch- 
lichen blicke  in  das  buch  begnügt  zu  haben,  denn  sonst  würde  er 
kaum  den  inhalt  desselben  mit  dem  irreleitenden  worte  „Predigten" 
bezeichnet  haben;  s.  „Beiträge  zur  deutschen  Handschriftenkunde  aus 
mähr.  Bibliotheken  und  Archiven"  im  Notizenblatt  der  bist. -stat. 
Section  der  k.  k.  mähr. -schles.  Gesellschaft  zur  Beförderung  des  Acker- 
baues, der  Natur-  und  Landeskunde.  Beilage  der  „Mittheilungen" 
1857  (nr.  7)  s.  55\ 

Der  nun  folgende  text  schliesst  sich  möglichst  getreu  der  hand- 
schriftlichen Überlieferung  an.  Dass  ich  einen  abdruck  und  nicht  einen 
kritisch  gereinigten  text  bringe,  wird  wol  keine  misbilligung  finden 
Prosaische  werke  wie  das  vorliegende  sind  ja  vor  allem  dazu  bestirnt, 
neues  und  verwendbares  material  dem  grammatiker  und  lexicographen 
zu  bieten  und  da  schien  eine  urkundliche  widergabe  des  textes  besser 
am  platze  zu  sein,  zumal  die  Schreibweise  des  ersten  und  zweiten 
Schreibers  nicht  die  gleiche  ist  und  manches  bemerkenswerte  moment 
bietet.  Nichtsdestoweniger  bin  ich  zu  zwecken  grösserer  brauchbarkeit 
des  buches  von  der  handschrift  in  einzelnen  punkten  abgewichen,  die 
ich  hier  kurz  anführe.  Der  citate  wegen  sind  die  zusammengehörigen 
episteln  und  evangelien  unter  je  einer  römischen  Ziffer  vereinigt,  die 
Zeilenzahl  am  rande  bemerkt;  die  einzelnen  stücke  sind  gegen  die  hs. 
von  einander  durch  einen  kleinen  Zwischenraum  gefreut;  alle  abkür- 
zungen  erscheinen  aufgelöst,  alle  eigennamen  und  ersten  Wörter  der 
absätze  mit  grossen  anfangsbuchstaben  geschrieben;  endlich  ist  die 
Interpunktion  consequenter  und  sinngemässer  durchgeführt.  Wo  ich 
sonst  von  der  hs.  abzuweichen  für  nötig  fand,  habe  ich  die  hand- 
schriftliche lesart  in  die  anmerkungen  gestelt  (nur  offenbare  Schreib- 
fehler wurden  stillschweigend  gebessert);  ergänzungen  meinerseits  sind 
durch  cursiven  druck  kentlich  gemacht. 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN 


[bl.  i"J      Das  sind  epistel  vnd  ewangelij'  an  den 

sun  tagen. 


Di  letzen  am  ersten  suniag  ze  aävent  scJireiht  Paulus'^. 

Priieder!  wissund  seit,  wann  zeit  ist  iezund  von  dem  slaff  auf 
zesten ;  wann  nu  ist  nsehner  vnser  liail ,  denn  do  wir  gelaiibten.  di 
nacht  ist  uergangen,  siinder  der  tag  hat  genahent;  darum  werf 
wir  ab  di  uerch  der  vinster  vnd  werd  wir  an  gelegt  di  waflfen  des  5 
Hechtes,  also  das  wir  an  dem  tag  erwerleich  gen:  nicht  in  frashait 
vnd  truncheuhait,  nicht  in  slaf  petten  vnd  vnschaemichaiten ,  nicht 
in  chrieg  vnd  neidung,  sunder  wert  an  ge  [2"]  legt  den  herren  lesum 
Christum. 

Bas  ewaiig^elij  am  ersten  suiitag-  ze  advent  —  Slatheus".  lo 

Do  si  nahenten  zu  lerusaleni  vnd  chomen  zu  Bethfage  zu  dem 
perg  Oliueti,  do  sant  lesus  zuen  seinr  iuuger  vnd  sprach:  „get  in 
das  castell,  das  gegen  ew  ist;  do  vindet  ir  zehant  ein  ezlinn  gepuu- 
ten  pei  irem  chinde;  di  loest  vnd  fuert  mir  di  her  zu  mir.  vnd 
Sprech  ew  iernent  zue,  so  sprecht  also:  do  bedarf  sein  der  herr,  so  15 
laet  er  ewchs  zehant."  das  ist  geschehen,  das  erfüllet  wurd  das 
geschriben  ist  durch  des  weissagen  mund,  der  do  spricht:  nu  sagt 
der  [2*^]  tachter  von  Syon:  siech,  dein  chünig-  chümt  dir  senfter 
sitzund  auf  ainer  eslinn  vnd  vnder  ires  chindes  loch,  di  iunger 
gingen  vnd  teten  als  in  lesus  gepoten  het  vnd  füerten  im  di  esliu  20 
mit  irem  chinde  vnd  legten  dar  auf  ir  gev/ant  vnd  hiessen  in  dar 
auf  sizen.  raanige  schar  strewten  ir  gewant  an  den  wege ,  di  andern 
prahen  este  von  den  paumeii  vnd  strewtens  an  den  wege.  aber  di 
schar,  di  do  var  gie  vnd  her  nach  uolget.  di  schrieren  sprechund: 
„wol  gesprochen  sey  dem  sun  Da  [3'']  uides ,  der  do  chumt  in  dem  25 
namen  des  herren." 

IL 
Am  andern  snntag-  di  lezen  —  sand  Panl*. 

Prüeder !  welch  geschriben  sind ,  zu  vnserr  1er  sind  si  geschri- 
ben, das  wir  mit-''  gedult  vnd  mit  troestung  der  schrift  geding" 
haben,     aber   got  der   gedult  vnd  des  trastes  geb  ew  das  selbe  ze 

1)  Die  ahbreviaturen  dafür  ew,   owg,  ewgelij ;    ansfjcschriehen   ist   das  icort 
nur  hl.  113a.  2)  Brief  an  die  Römer  18,  11  —  14.  3)  Emn(j.21,  1—9. 

4)  Brief  an  die  Römer  15,  4  — 13.      5)   Über  mit  von  jüngerer  hand  p  (patientia). 
6)  Darüber  von  jüngerer  hand  spoz. 


5  iiersten  geu  ein  ander  nach  lesu  Christo,  das  ir  ainmütig  mit  aym 
mnnd  eret  got  vnd  den  vater  lesu  Christi  vnsers  herren.  vm  das 
euphacht  an  einander,  als  auch  Christus  ew  enphie  in  di  er  gotes; 
ich  sprich  zwar ,  Christum  ^  gewesen  sein  eiun  diener  der  he  [3^\ 
sneiduug  durch  di  warhait  gotes  zu  bestaeten  di  gehaisse  der  vseter. 

10  awer  di  diet  über  di  parmung  eren  got  als  geschriben  ist:  dar  vm 
gich  ich  dir  in  den  dieten  vad  deini  nani  sing  ich.  vnd  awer 
spricht  er:  „vrewt  ew  diet  mit  seinem  volkh."  vnd  awer:  „lobt 
den  herren  alle  diet  vnd  Sprech  in  gras  alls  volkh."  vnd  aAver 
sprach  Ysayas :    „  is  ^  wirt   di  wurtz   vnd    der  auf  stet  zu  arden  di 

15  diet,  an  in  di  diet  gedingent.  awer  got  des  gediugeu  erfüll  ew  mit 
allen  vrewden  vnd  vrid  im  glauben,  das  ir  genüegt  in  hoffnung  vnd 
[4^]  tugent  des  heiligen  geistes," 

Das  ewang-elij  an  dem  auderu  suutag  —  Lticas^. 

lesus  sagt:    „is  werdent  zaichen  an  der    sunne  vnd   au    dem 

20  mann   vnd   an    den  sternen  vnd   auf  der  erde,    nat   an    den   lewten 

von  den   dussen   des  meres  vnd  wassers;   vnd  darrent  di  lewt  var 

varchten  vnd   von  der  Wartung,    das   do   chunt   wirt  der   weit;    is 

werdent  auch  erweget  di  tugent  der  himel.     so  sehent   si  denn  des 

menschen   sun  choemen  in   den  gewolchen  mit  grassem  gewalt  vnd 

25  magenchraft.     so    das   anhebet,    so    secht  auf  vnd  hebt   auf  ewre 

haubt;    wann   is  na  [4^"]  hent  ewr  lasung.''     vnd  sagt  in  ein  gleich- 

nüsse :  „  secht  di  veig  paum  vnd  all  paum.     so  si  vrucht  aus  werf- 

fent,   so  wisst  ir,   wo    das   der  sumer  nahent.     also  wenn  ir  secht, 

das  diz  geschiecht,    so  wisst,   das  nahent  ist  das  reich  gotes.     ich 

30  sag    ew    werleich,     das    diz    gesiecht    nicht    uerfert    vuz    is    alles 

geschiecht.     himel    vnd    erde    uergent,    awer    meine    wart   uergent 

nicht." 

III. 

Di  lezen  am  dritten  suntag'  —  sand  Paul*. 

Prüeder!  also  uerwsen  vns  der  mensch  als  di  diener  Christi 
vnd  ausgewer  der  hairaleichhait  gotes.  hie  iezund  wirt  gefra  [5*] 
get  vnder  den  aus  gewern,  ob  etwer  getrewer  funden  werd.  awer 
5  mir  vür  das  mynist  ist,  ob  ich  von  ew  geurtailet  werde  oder  von 
dem  menschleichen  tag;  sunder  noch  ich  mich  selb  urtail.  wann 
nichsnicht  ich  mir  wissund  pin,  sunder  nicht  in  dew  gerechtigt 
ich  pin.     wer  awer  urtailt  mich,  der  herr  ist.     darum  ir  sult  nicht 

1)  Daneben  oben  von  jüngerer  hancl  iSz.  2)  Josse   Vnlg.  3)  Evang. 

21,  25—33.  4)  1.  Brief  an  die  Corinther  4,  1  —  5. 


ALTDEUTSCHE    I'ERIKOPEN  O 

var  der  zait  urtailii,  vntz  das  cböin  der  lierr,    der  auch  erlewclitet 
di  uerparj>'en  vinster  viid  offeiit   di    riet    der  liertzen  vnd  denu  wirt  10 
lob  eini  igleichem  von  got. 

Das  ewang'elij  -—  loluiiines'. 

lobannes  bart  in  der  fancbnüss  Christi  werch ,  do  [5'']  saut  er 
zwen    iimger  zu   im   sprechund:    „pistus  der  cbünftig  ist  oder  pait 
wir  eins  andern."     des   antwurt  lesus  vnd  sprach    zu  in:    „get  bin  15 
wider  vnd  sagt  lobauui,    das  ir  habt  gebort  vnd  gesehen:   di  plin- 
ten  di  gescheut,  di  chrumpen  di  gent,    die    aussezigen   di  werdent 
gerainigt,  di  tareu  geho3rent,  di  taden  erstent,  den  arm  wirt  gepre- 
digt vnd  der  ist  sselig,  der  an  mir  nicht  wirt  geergert."    do  di  iun- 
ger  wider  haim  gingen,    do  begund  lesus  zesprechen  zu  der  menig  20 
von  lobanni:  „Avas  Avantt  ir  zesehen  in  derwüeste,  einen  rar  be  [6*] 
weget  von   dem  wiute?    was  want  ir  zesehen,    einn  menschen  lind 
gechlaidetV  nemt  war,  di  lind  gechlaidet  sein,  di  sind  an  der  cbü- 
nig  hofe.    was  maint  ir  zesehen,   einn  weissagen?    auch  ich  sag  ew 
halt   merer  denn   ein  weissag,  er  ist,    von  dem  geschriben  ist:   ich  25 
sent  meinn  engel  var  deinem  antliiz ,  der  macht  deinen  weg  var  dein." 

IV. 

Am  vierden  siuitag-  di  lezeu  —  sand  Paul  2. 

Prueder!  vrewt  ew  im  herreu  all  zeit,  awer  sprich  ich,  vrewt 
ew!  ewr  sitleicbait  sei  chund  allen  lewten:  der  herre  ist  nahen, 
nichsnicht  fleissig-  seit,  sun  [6^]  der  in  allem  gepet  vnd  Verlegung 
mit  genad  tueung  ewr  gepet  bechant  werde  pei  got.  vnd  der  vrid  5 
gotes ,  der  über  wint  allen  sin ,  der  behuet  ewer  hertz  vnd  ewr  uer- 
stentichait  in  Christo  lesu  vnserm  herren. 

Das  ewaug-elij  am  vierden  suutag  —  luhanncs^. 

Di  luden  santen  von  Jerusalem  di  ewarten  vnd  di  leuiten  zu 
lobanni,  das  si  vragten:  „wer  pistu."  vnd  er  uergach  sein  vnd  10 
laugent  sein  nicht  vnd  uergach  sein  vnd  sprach :  „  ich  pin  nicht 
Christ."  vnd  si  vragten  in:  ,,wer  pistu  denn,  pistus  Helyas?"  er 
sprach*:  „nicht."  ,, pistus  ein  weissag?"  er  sprach:  „nicht  pin." 
si  [7*]  sprahen:  „wer  pistus,  das  wir  is  chünnen  gesagen  den,  di 
vns  gesaut  haben?  was  sprichstu  von  dir  selbe?"  er  sprach:  ,,ich  15 
pin  ein  stymm  des  ^  rueffuuden  in  der  wüeste :  rieht  den  wege  des 
herren,    als  Ysayas    der   weissag  sprach."     vnd   di  poten  warn  der 

1)  Evang.  Mattlnei  11,  2  —  10.  2)  Brief  an  die  Philipper  4,  4  —  7. 

3)  Evang.  1,  19—25.        4)  spracht  hs.         4)  d'  lis. 


pliarisey  di  vragten  in  vud  spralien  zu  im:  „was  taufstii  denn,  so 
du  nicht  pist  Christ,  noch  Helyas,  noch  ein  weissag?"  des  ant- 
20  wurt  in  Johannes:  „ich  tauflf  in  dem  wasser;  er  stet  enmitten  vnder 
ew,  des  ir  nicht  wisst.  der  ist,  der  chamen  sol  nach  mir,  der 
var  mein  geschepht  ist,  des  ich  nicht  wirdig  pin  zeloe  [7^]  sen  di 
riem  seins  geschuechs."  das  geschach  in  Bethani  euhalb  des  Jor- 
dans, do  lohanues  was  vnd  tauft. 


All  dem  Aveiclmacht  tag-  zu  chriss  messe  di  letzen  saiid  Paul  zu  Tyto^ 

Aller  liebster!  erschinn  ist  di  genade  gotes  vnsers  hails  allen 
lerund  vus,  das  wir  uerlaugnund  di  vngüetichait  vnd  weltleich  begir, 
nüechtleich  vnd  gerechtichleich  vnd  guetleich  leben  in  dierr  uelt, 
5  bewartund  der  sseligen  hofnuug  vnd  der  zuechunft  der  glori  des 
grasseu  gotes  vnd  vnsers  hailer  lesu  Christi,  der  gegeben  hat  sich 
selb  vm  vns ,  das  er  vns  erledigaet  von  aller  pas  [8'']  hait  vnd  rai- 
nigaet  vns  im  ein  gensem  volch,  ein  nachfolger  der  gueten  werch. 
dew  red  vnd  man  in  lesu  Christo  vnserm  herren. 

10  Das  ewaug-elij  —  sand  Lucas". 

Ein  pot  gie  aus  von  chaiser  Augusto,  das  beschriben  wurde 
alle  di  weit,  di  beschreibung  ist  zu  dem  ersten  geschehen  von 
Cyrino,  lantvogt  in  Syria.  vnd  si  gingen  all  in,  das  si  uergsehen, 
igleicher  in  sein  stat.     Yoseph  der   fuer  auch  von  Galylea  von  der 

15  stat  Nazareth  in  ludeam  Dauides  stat,  di  genant  ist  Bethlehem, 
do  von  das  er  auch  von  Dauides  haus  was  vnd  von  seim  [8''J 
geskecht,  das  er  auch  uergsch  mit  Mariam  seinr  euphessenten 
chann,  di  swanger  was.  is  geschach  also,  do  si  warn,  das  erfüllet 
warn  di  tag,  das  sie  gepser.  vnd  gepar  ir  erst  geporn  sun  vnd  waut 

20  in  in  tuecher  vnd  legt  in  in  ein  chripp,  wann  si  het  nicht  stat 
vnder  der  schuphen.  dew  hierten  di  do  warn  in  dem  selben  lant 
hüettund  vnd  wachuud  di  nacht  wache  pei  ir  vich,  vnd  uemt  war, 
der  engel  des  herren  stuend  pei  in  vnd  di  chlarhait  gotes  vmschain 
sew  vnd  farchtenn  mit  grasser  farcht.     do  sprach  der  engel  zu  in: 

25  [9"-]  „furcht  ew  nicht;  ich  chünd  ew  ein  grassew  vrewd,  di  aller 
weit  geschieht:  wann  vns  ist  geparn  der  hailant  Christus,  der  do 
ist  Christus  der  herr  in  der  stat  Dauides.  vud  habt  das  zu  aim 
zaichen:  ir  vint  ein  chind  in  tuecher  gepuuten  vud  in  di  chrippe 
gelegt."    do  war  zehant  mit  dem  engel  ein  michlew  schar  des  him- 

1)  Brief  an  Titus  2,  11  —  14.  2)  Evamj.  2,  1-14. 


ALTDEUTSCHE    PERIKÜPEN  i 

lischen  heres  lobuud  got  viid   sprachen:    „er  vnd  lob  sei  im  dem  30 
haheii  got  viul  vrid  sei  auf  erde  den ,  die  guetes  willen  sein." 

VI. 

Di  Iczeu  zu  tag-  messe    -   saiul  Vaul  zu  Tyto^ 

Aller  liebster !  erschiun  ist  di  guetichait  vnd  nienscliait  [9''J 
des  hailer  gotes  nicht  aus  den  gerechten  werchen,  di  wir  haben 
getan ,  sunder  nach  seinr  parmung  hat  er  vns  hail  gemacht  durch 
sein  vlewung  vnd  widerpringung  der  uernewung  des  heiligen  gei-  5 
stes,  den  er  aus  gegossen  hat  in  vns  genüegieich  durch  Jesum 
Christum  vnsern  hailer,  daz  wir  gerechtigt  mit  seinn  genaden  erben 
sein  nach  dem  gedingen  des  ewigen  lebens  in  Christo  Jesu  vnserm 
herren. 

Das  ewaiigeüj  zu  tag-  messe  —  Lucam^.  10 

Dew  hierten  sprachen  zu  einander:  „ge  wir  hintz  Bethlehem 
vnd  besehen  das  wart,  das  geschehen  ist,  das  [10'']  vns  der  herr 
gezaigt  hat."  do  chomen  si  eylund  dar  vnd  funden  Mariam  vnd 
Yosephen  vnd  das  chindel  was  gelegt  in  ein  chrippe.  do  si  das 
gesahen,  do  erchantens  von  dem  wart,  das  in  gesagt  was  von  dem  15 
chinde.  do  wundert  sein  alle,  di  is  uernamen  vnd  das  in  di  hierten 
sagten.  Maria  behielt  alle  die  wart  in  irem  hertzen.  di  hierten 
fuern  wider  vnd  lobten  vnd  gloriticierteu  got  in  allen  den,  das  si 
gehört  vnd  gesehen  ^  beten. 

VII. 

Zu  vTou  ampt  di  lezeu  —  sand  Paul*. 

Prüeder!  vil  redund  vnd  in  vil  Aveis  etweun  got  reduud  den 
va:!tern  inn  propheten,  am  iungsten  [lO'']  an  den  tagen  hat  er  zu 
vns  geredt  in  dem  sun,  den  er  gesazt  hat  ze  erben  aller,  durch 
den  er  auch  di  weit  gemacht  hat.  der  wonet  mit  vns,  er  ist  ein  5 
schein  der  glori  vnd  ein  figur  seinr  Substanz  vnd  tragund  alle,  die 
mit  dem  wart  seinr  chraft  ein  rainiguug  der  sunden  maclmnd.  er 
sitzt  zu  der  zesem  der  maiestat  in  der  hoech:  als  vil  pesser  den 
engein  warden ,  wie  vil  er  vnderschaidener  var  in  den  namen  hat 
geerbet,  wan  Avelhem  ie  der  engel  sprach  er:  ,,niein  sun  pistu,  10 
ich  gepar  dich  heut?"  vnd  aber:  „ich  wierd  im  ein  vater  vnd  er 
wirt  mir  ein  sun?"  vnd  wenn  er  [ll'']  aber  in  füert  den  erst  geparu 
in  der  weit   rinch,   sprach  er:    „vnd  in    aupetten  all  gotes   engel." 

1)  Brief  an  Titus  3,  4  —  7.       2)  Evang.2,  15 — 20;  zu  Luc  am  «pfZ.  Evan- 
gelium secundum  Lucam.        3)  geh'u  hs.        4)  Brief  an  die  Hebräer  1,  1  — 12. 


STEJSKAL 


viid  7Ai  den  eiigelii  sprach  er:  „der  do  macht  sein  engel  geist  vnd 
15  sein  diener  flammen  des  fewer;"  awer  zn  dem  sun:  „dein  thron, 
got ,  in  weit  weit ;  di  gertt  der  gerechtichait  ein  gertt  deins  reiclis ; 
du  hast  lieb  gehabt  di  gerechtichait  vnd  hast  gehasset  di  pashait, 
darum  hat  dich  gesalbet,  got,  dein  got  mit  dem  oel  der  vrewden 
var  deinu  genasseu."  vnd:  „du  im  anfang,  herr,  das  erdreich 
20  gegruntfest  hast  vnd  di  werch  deinr  hant  sind  di  himel;  si  uer- 
derbent  awer  du  beleibest  vnd  sam  das  ge  [11^]  want  eraltent  vnd 
als  di  wat  wandelstu  sew  vnd  si  werdeut  uerwandelt:  awer  du  der 
selb  pist  vnd  deinew  iar  nicht  zergent." 

Das  evaiigelij  zum  ampt  —  saiid  lohaimesi. 

25  Im  anfang  was  das  wart   vnd   das  wart  Avas  pei  got  vnd  got 

was  das  wart,  das  was  im  anfang  pei  got  vnd  durch  is  wurden 
dinch  beschaffen  vnd  an  in  ist  nichtes  beschaffen  vnd  das  beschaf- 
fen warden  ist.  in  im  was  das  leben  vnd  das  leben  was  ein  liecht 
der  menschen,   vnd  lewcht  das  liecht  in  der  vinster  vnd  di  vinster 

30  begraif  sein  nicht,  ein  mensch  was  gesant  von  got,  des  nam  was 
Johannes,  der  chom  ze  [12''']  einem  urchunde,  das  er  urchimdet  von 
dem  liecht ,  das  si  all  gelanbteu  durch  in.  der  was  nicht  das  liecht, 
suuder  er  solt  urchunde  pringen  von  dem  liecht.  is  was  ein  wares 
liecht,     das    do    erlewcht   einn   igleichen   menschen    chcemunden  in 

35  disew  weit,  is  was  in  der  weit  vnd  di  weit  durch  is  gemacht  ist 
vnd  di  weit  bechant  sein  nicht,  in  sein  aigue  chom  er  vnd  di 
seinn  namen  in  nicht,  wie  vil  awer  ir  in  namen ,  den  gab  er  allen 
den  gewalt,  das  si  wurden  gotes  chind,  di  do  gelaubten  in  seinn 
namen,    di  nicht  von  sippe  noch  von  dem  willen  des  [12'']  mannes, 

40  sunder  di  von  got  geparen  sind,  vnd  das  wart  ward  zu  fleisch  vnd 
wonet  in  vns  vnd  wir  haben  gesehen  sein  glori,  als  di  ere  eins  ain- 
geparn  vom  vater  uolles  genaden  vnd  warhait. 

Vlll. 

Am  saiul  Stephans  tag"  di  lezen  an  der  zwelf  poten  puech^. 

Stephanus  vol  genaden  vnd  der  sterkh  tet  wunder  vnd  zaihen 
vil  im  volkh.  awer  is  stuenden  etleich  auf  aus  der  sammung,  di 
genant  warn  Libertinorura  vnd  Cyrenensium  vnd  Alexandrinorum 
5  vnd  der,  di  do  warn  von  Cylicia  vnd  Asya,  vnd  disputierten  mit 
Stephano.  vnd  si  machten  nicht  wider  sten  der  weis  [13*]  halt  vnd 
dem  geist ,    der  do  redt ,    sunder  do  si  harten   die ,   si  wurden  zer- 

1)  Evang.  1,1  — 14.  2)  Apontclgesch.  6,  8 — 10  und  7,  51  —  59. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  v 

hakht  ierr  lieizeii  vud  grisgvamteu  mit  deu  zendeii  gegen  im.  avver 
do  Stepliauus  was  vol  des  heiligen  geistes,  er  gedacht  inu  himel 
vud  sach  di  glori  gotes  vud  lesum  steundeu  zu  der  zeseni  gotes.  10 
awer  si  schreyund  mit  grasser  stymm  uei'habten  ire  aren  vud  sews- 
sen  teteus  ayumüetichleich  gegen  im  vnd  aus  wuerfeu  in  vur  di 
stat  vud  ucrstaiuteu  in.  vud  di  zewg  ab  legten  ir  gewaut  pei  deu 
füessen  des  iüugeliugs,  der  genant  was  Saulus,  vnd  stainteu  Ste- 
phanuni  got  au  rüeftundeu  |13'']  sprechund:  „herr  lesu  enphach  15 
meinen  geist."  awer  mit  geprauchten  chuieu  scliray  er  mit  grasser 
stymme  vud  sprach:  „herr,  nicht  sez  den  ir  sunte".  vnd  do  er  das 
gesprach,  entslief  er  im  lierren. 

Das  ewaiig-elij  au  saiid  Stephans  tag-        saud  Slatheus '. 

lesus    sagt   deu  luden   scharen    vnd  den  fürsteu  der  priester:  20 
„ich  sent  zu  ew  di  weissagen  vnd  die  weisen  vud  di  Schreiber,     di 
erslacht  ir  siimleich  vud  chrowtzigt  etleich  vnd  gayselt  sew  in  ewerr 
syuagog  vud  tehts  von  aiuer  stat  hiutz  der  andern,  das  do  von  über 
ew  chceui   alles   das  pluet   der  gerechten,    das  do  uergossen  ist  auf 
di  erden  von  des  rechten  Abels  pluet  [14"]  vntz  au  Zacharias  pluet,  25 
Barachye   sun ,   deu  ir  erto3tt  zwischen   dem  ^  tempel  vnd  dem  all- 
ter.    werleich  sag  ich  ew:  das  chumt  alls  über  ditz  geslaecht.    Isra- 
hel  ^,  di  du  siechst  di  weissagen  vnd  erstainst  di  zu  dir  gesaut  sind, 
wie  offt  wolt  ich  sammen  deine  chind  als  di  henne,  di  do  sammet 
ire  hüeudel   vuder   ir  uetich  vnd   du  wolltest  uicht!     uu  Avirt  uer-  30 
lassen   ewr   haus   wüestes.     ich    sag   awer  ew :    ir  secht  mich  nicht 
mer,  vntz  ir  Avert  sprechen:  der  sey  gesegent,  der  do  chümt  in  dem 
uamen  des   herreu.'' 

IX. 

Di  letzen  an  saud  lohauues  tag'  am  puecli  der  weisliait*. 

Der  furchtt  den  herren,  der  würcht  [14'']  das  guet,  vud  wer 
behaltuud  ist  di  gerechtichait,  er  begreifft  sei;  vnd  begegent  im 
als  ein  mueter  geeret.  si  speist  in  mit  dem  prat  des  lebens  vnd 
der  uersteutichait  vnd  mit  dem  wasser  hailuuder  weishait  trenkht  5 
si  in  vnd  wirt  geuestent  in  im  vnd  nicht  gepraucht  vnd  behaltet 
in  vnd  uicht  wiert  er  gescheudet  vnd  hoehet  in  pey  seinn  nächsten, 
in  mitte  der  saramuug  tuet  si  auf  seinu  muud  vnd  erfüllet  in  mit 
dem  geist  der  weishait   vud    der   uersteutichait  vnd    die  chlayd  der 

1)  Evang.23,  34  —  39.  2)  des  hs.  3)  Jerusalem  Vulg.  4)  Eccle- 

siasticus,  Buch  Jesus  Sirach  15,  1 — 6. 


10  STEJSKAL 

10  glori   legt    si   im   au,    vroleicli   vnd  vralokhen   hcert   si   auf  in  vnci 
mit  dem  [15*J  ewigen  nam  erbet  in  der  herr  vnser  got. 

Das  ewaugrelij  des  selben  tagres  schreibet  loliannes». 

lesus  sprach  zu  Petro:  „volge  mir  nach,"  Petrus  chert  sich 
vm  vnd  sach  den  iunger,  den  lesus  lieb  het  nach  volgund,  der 
15  auch  auf  seinner  pruste  lag  zdem  abent  essen  vnd  zu  im  sprach: 
„herr,  wer  ist,  der  dich  uerchauft?"  do  Petrus  den  iunger  sach, 
do  sprach  er  zu  Jesu:  ,,herre,  was  sol  awer  dierr?"  des  antwurt 
im  lesus :  „  ob  ich  in  also  wil  lassen  beleiben ,  vntz  ich  chüm ,  was 
willdu?  des  volge  mir  nach."  disew  rede  was  vnder  den  lungern, 
20  das  Johannes  der  iunger  nicht  solt  sterwen.  vnd  Jesus  [lö**]  sprach 
nicht  zu  im,  das  er  nicht  sterwen  solt,  sunder:  ob  ich  in  also  wil 
beleiben ,  vntz  ich  chiim ,  was  wildu  des  ?  der  iunger  Johannes 
urchviudet  das  vnd  hat  is  geschriben  vnd  wir  wissen  das  wol,  das 
sein  urchünd  war  ist. 

X. 
An  dem  suntag  dar  nach  di  letzen  —  sand  Paul  2. 

Prüeder!  wie  lang  zeit  der  erb  chlain  ist,  chain  vnderschaid 
ist  er  dem  chnechte,  wann  er  doch  sei  der  herr  aller;  suuder  vnder 
den  schermern  vnd  weisern  ist  er  vntz  an  di  gemessen  zeit  von 
5  dem  vater.  also  auch  wir,  do  wir  warn  chlain  vnder  den  demen- 
ten dierr  weit,  waren  wir  dienund.  sunder  do  chom  [16*]  di  uoll- 
hait  der  zeit,  sant  got  seinen  sun  geparn  vom  weih  warden  vnder 
der  e,  das  er  Icesat  di  vnder  der  e  warn,  das  wir  di  wünschung 
der  sün  enphingen.  awer  wenn  ir  seit  sun  gotes,  gesant  hat  got 
10  den  geist  seins  suns  in  ewr  hertz  schreyund:  abba,  pater!  zwar 
yezund  ist  er  nicht  ebnecht,  suuder  sun;  vnd  ob  er  ist  der  sun,  so 
ist  er  erb  durch  got. 

Das  ewangelij  —  sand  Lucam''. 

Joseph  vnd  Mariam,  di  mueter  Jesu,  di  wundert  iiber  das, 
15  di  geredt  wurden  von  im.  vnd  Symeon  segent  in  vnd  sprach  zu 
Mariam,  seiner  mueter:  „is  ist  gesetzt  zu  falle  vnd  zu  urstend 
manigen  in  [16'']  Jsrahel  vnd  im  zaichen,  dem  wider  sprechen  wirt. 
dein  selbs  sei  di  durch  vert  das  swert,  also  das  maniger  herzen 
gedanch  werdent  geoffent."  vnd  was  Anna  ein  weissaginne ,  di  waz 
20  Fanueles  tachter  von  dem  gesltecht  Äser,  di  was  ein  alt  weib,  di 
het  gelebt  mit   ir  manne   siben   iar  von  ir  magtum  vnd  was  witib 

1)  Evamf.äl,  19  —  24.       2)  Brief  an  die  Galater  4,  1  -7.       3)  Evang.  2, 
33—40. 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN  11 

nutz  au  vier  vnd  achzik  iar.  di  cbom  von  dem  teinpel  nicht  vud 
pat  got  nacht  vnd  tag  mit  iiasten  vnd  mit  irem  gepet.  di  chom 
zu  der  selben  weil  auch  got  lobund  vnd  sagt  von  im  allen  den,  di 
do  piten  der  lasung  Israhel.  vnd  als  si  uolprach  [17"]  ten  alles  25 
das,  sam  is  geschviben  was  an  der  e  von  got,  do  fuereu  si  Avider  in 
Galyleam  in  di  stat  ze  Nazareth.  das  chind  wuecbs  vnd  ward  chref- 
tig  voller  weishait  vnd  di  genade  gotes  was  in  im. 

XL 
Am  eweii  weich  tag  di  lezeu^  —  saiid  Paul  2. 

Prueder!  e  denn  chom  der  gelaub,  wurd  wir  behüett  beslos- 
seu  iu  deu  gelauben,  der  ze  offen  ward,  zwar  die  ee  vnserr  züch- 
tigern was  iu  Christo,  das  wir  aus  dem  gelauben  gerechtigt  werden, 
sunder  do  chom  der  glaub,  yezund  sei  wir  nicht  vnder  dem  zucht  5 
maister.  wanu  all  sei  wir  sün  gotes  durch  deu  gelauben,  der  ist 
[17'']  in  Christo  lesu.  wand  welch  ir  in  Christo  getauft  seit,  Chri- 
stum habt  ir  an  gelegt,  nicht  ist  der  lud  noch  der  Chriech,  nicht 
ist  der  diener  noch  der  vrey,  nicht  ist  der  man  noch  das  weih; 
wand  ir  all  ain  dinch  seit  in  Christo  lesu.  seit  ir  aber  Christi,  10 
darum  seit  ir  Abrahams  sam  vnd  nach  der  gehaisse  erben,  ich 
sprach  aber:  „wie  lang  zeit  der  erb  chlain  ist,  chain  vnderschaid 
ist  er  dem  chnechte,  vnd  er  doch  ist  der  herr  aller;  suuder  under 
den  schermiern  vnd  weisem  ist  er  vntz  an  die  gemesenn    zeit  vom 

vater."  15 

Das  ewangelij  —  saud  Lucam^. 

Do  di  aht  tag  ende  heten,  das  man  [IS""]  das  chind  besneiden 
solt,  do  ward  im  gegeben  der  nam  lesus;  alsam  ward  er  auch 
gehaissen  von  dem  engel,  e  das  er  enphangen  wurde  in  der  mue- 
ter  leibe.  20 

Xll. 
An  dem  preheu  tag  Esaye  letzen*. 

Stand  auf,  wierd  erlewcht  lerusalem!  wann  chomm  ist  dein 
liecht  vnd  di  glori  des  herren  ist  über  dich  auf  gegangen,  wand 
nim  war,  di  vinster  bedekhent  di  erden  vnd  die  swertz  di  folk; 
über  dich  awer  wiert  auf  geund  der  herr  vnd  sein  glori  wirt  an  5 
dir  gesehen,  vnd  werdeut  geund  di  diet  in  deim  liecht  vnd  di  chü- 
nig  in  dem  schein  deius  ausgangs,  heb  [18^]  auf  in  dem  vmswaif 
dein    äugen  vnd   siech,    alle  die  sind   gesammet  vnd   sind   chomen 

1)  Hs.  lez.         2)  Brief  an  die  Galater  3 ,  23  — 39;  4,  1  —  2.        3)  Evang. 
2,  21.        4)  Isaias  60,  1  —  6. 


12  STEJSKAL 

dir;  dein  sün  von  uerren  choement  vnd  dein  tcecliter  von  der  seifc- 
10  ten  auf  steut.  denue  wierstii  sehund  vnd  zue  liiessund  vnd  wirt 
wundrund  vnd  wiert  gepraitt  dein  hertz,  wann  becliert  wirt  zu  dir 
di  menig  des  nieres  vnd  wenn  di  sterk  der  diet  dir  zue  cliumt.  di 
menig  der  cha3mlein  wirt  bedekhund  dich,  dromedarij  Madian  vnd 
Epha,  all  von  Saba  choments  gold  vnd  weyroch  tragund  vnd  lob 
15  dem  herren  cliündund. 

An  dem  pielieu  ta§'  das  ewangelij    -  sand  Matheus^ 

[19"]  Do  lesus  was  geparn  ze  Bethlehem  Inda  in  den  tagen  ^ 
chunig^  Herodes,  do  chomen  die  chünig  von  asterlant*  ze  ^  leru- 
salem  vnd  sprahen:   „wo  ist^  der  luden'  chunich '^,  der  geparn  ist? 

20  wir  sahen  seinn  stern  in  dem  asterlant^  und  choemen,  das  wir  in 
an  petten."  do  das  der  chünich  Herodes  hart,  do  ward  er  traurig 
vnd  alle  lerosolima^*^.  vnd  samit^^  di  priester  fursten  ^^  all  vnd 
di  Schreiber  des  folkhs  vnd  vragt  sew  ^^,  avo  Christ  solde  geparn 
werden,     do  sagten  si  im   all:    „ze  Bethlehem  Inda;   wand  also  ist 

25  is  geschriben  durch  den  weissagen^'*:  Bethlehem  iudischs  *^  laut, 
du  pist  [19*]  nicht  di  minnist^^  vnder  den  fursten  Inda;  wann  von^' 
dir  chumt^^  ein  laitter^^,  der  richten  sol  mein  tblk  Israhel,"  do 
lued^*^  Herodes  di  chuuig  haimleich  vnd  lernt  ^^  von  in  di  zeit  des 
Sterns,    der  in  erschain  ^^  vnd   sant   sew  ^^   hintz  ^^  Bethlehem  vnd 

30  sprach  zu  in:  ,,get  hin  vnd  vragt  vleischleich  von  ^^  dem  chinde; 
vnd  so  ir  is  vindet,  so  enpiett  mir  herwider,  das  ich  auch  dar 
choem  vnd  is  an  pett."  do  si  uernomen  das  von  dem  chünich,  do 
fuern  ^^  si^'  danue  vnd  der  stern,  den  si  ze  ^*^  Orient  heten  gesehen, 
der  gie  ^^  var  in,    vntz^*^   si  dar  chamen,    do  das   chind  was;    dar 

35  ob  ^^  stuend  [20*J  er.     do  si  awer   den   stern  sahen,    do  vrewten  si 

1)  Evang.2,  1  — 12.  2)  Die  folgenden  handschriftlichen  hemerlcungen  zu 

diesem  stücTce  (anm.  2 — 31,  1  —  6)  rühren  sämtlich  von  einer  jüngeren  hand  her 
und  sind  zum  teil  das  resultat  eines  Vergleiches  unserer  hs.  mit  der  Versio  anti- 
qua.  —  Hinter  tagen  ein  j,  am  rande  des/.  3)  Über  u  ein  e,  oberhalb  g  ein  s. 
4)  Darüber  orieut.  5)  Darüber  Gen.  6)  Hinter  ist  41^.  7)  Zwischen  Juden 
wid  chünich  oben  ein.  8)  vor  der  4t-     (Ubi  est  qui  natus   est  rex  JiuteoruuiV) 

9)  Am  rande  orient.  10)  Darüber  mit  ym  (cum  eo).         11)  Hs.  sannit,  fehler 

corrigiert.  12)  "priester  "forsten"    (principcs  sacerdotum).  13)  w  durch- 

gestrichen. 14)  Durchgestrichen ,  daneben  am  rande  propheten  Micheam.  15)  Über 
u  ein  e.  16)  Darüber  kleinste.  18)  Darüber  wirt  ausgen  (exiet).  17)  Darüber 
aus  (ex).  19)  Am  rande  fürst  (dux).  20)  Darüber  rufte  (vocavit).  21)  Darüber 
forste  (exquisivit).  22)  Hsl.  erschain  corrigiert  in  erschine,  darüber  wä,&.  23)  w 
durchgestrichen.  24)  Darüber  Gen  (in).  25)  Darüber  noch.  26)  Darüber 
zogen.         27)  Vor  danne  oben  von.         28)  Darüber  in  (in).  29)  Corrigiert  in 

gie^'.    30)  Darüber  baß.        31)  Corrigiert  in  ob*'". 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  13 

sich  mit  grasser  vrewcl  viid  giengen  iu  das  haus  vud  fanden  das 
chind  mit  Mariam  seiner  mueter  vnd  viellen  vür  is  vnd  paten  ^  is 
an  vnd  teten  auf  ir  sehst/  vnd  prachten  ^  im  ir  gab,  gold  weyroch 
vnd  myerren ,  vnd  naraen  ^  antwurt  in  dem  gesiebte  *,  das  si  nicht 
widercbaemen  zu  Herode^  ein  andern  weg  cbertens  ^  wider  in  ir  40 
laut. 

XIII. 
Di  letzen  am  suutag:  do  nach  —  sand  Paul''. 

Prüeder!  ich  man  ew  durch  di  parmung  gotes,  das  ir  erpiett 
ewr  leichnam  ein  lemtig-  opher  heilig  got  gefallund,  das  beschai- 
[20'']  den  sei  ewr  dienst,  vud  nicht  sült  ir  geleichent  werden  dierr 
weit,  suuder  wert  uernewet  in  der  newuug  ewers  sinnes,  das  ir  5 
bewsert,  welher  sei  der  will  gotes  gueter  vnd  wol  geuallunder  vnd 
uolchcemner.  wann  ich  sprich  durch  di  genade,  di  mir  geben  ist, 
allen ,  di  do  sind  vuder  ew,  nicht  mer  uersten  denn  man  mues  uer- 
sten,  sunder  uersten  zu  der  nuehtichait  vnd  eim  igleichem,  als  got 
getailt  hat  di  masse  des  gelaubens.  wand  als  wir  in  aim  leichnam  10 
mer  glid  haben,  aber  alle  glid  nicht  das  selb  werch  haben,  also  wir 
vil  ain  leichnam  [21*]  sein  iu  Christo,  awer  wir  sunder  aynr  des 
andern  glid  in  Christe  Jesu  vnserm  herreu. 

Das  ewaug-elij  des  selben  tags        sand  Lucam^ 

Do  lesus   ward   zwelf  iar  alt   vnd   si  auf  fuern   zu  lerusalem  15 
nach  der  gewonhait   der   heiligen  tag,    do  di  ende  genomen  vnd  si 
wider  haim  gegiugeu ,    do  belaib  daz  chind  lesus  ze  lerusalem  vnd 
wessten   seine    vrewnt  des  nicht,     vnd  do  si  wouten,    das  er  haim 
mit  in  chsem,  vnd  do  si  ein  tag  waide  gegingen,  do  suechten  si  in 
vuder  seinn  chunden  vud  vnder  seinn  neuen,     vnd  do  si  sein  nicht  20 
funden,    do  gingen   si  wider  gen  lerusalem  vnd   suechten  in.  [21"] 
vnd  nach  drein    tagen   do    funden   si   in  sitzund  vnder  den    lersern, 
das  er  sew  hart  vnd  auch  vragt.     all,    di  in  harten  vnd  sahen,   di 
farchten  über  sein  weishait  vnd   sein  antwurt  vnd   sahen  vnd  wun- 
dert sew.  vnd  sein  mueter  sprach  zu  im:  ,,sun,  wi  hastu  vns  getan?  25 
dein  vater  vnd  ich  suechten  dich   chlagund."     do   sprach   er  zu  in: 
„was  ist,  das  ir  mich  suchet?  wisst  ir  nicht,  das  ich  mues  sein  an 
den  geschseften,  das  meins  vater  ist  ? "  vnd  si  uerstuenden  nicht  das 
wart,  das  er  zu  in  redt,     vnd  er  fuer  mit  in  wider  haim  vnd  chom 

1)  Über  a  ein  e.  2)  Darüber  opferten.  3)  Hsl.  iiam  corrigiert  in  name. 
4)  Daneben  " ,  am  rande  ym  slof  (in  somnis).  5)  Daneben  ' ,  am  rande  zunder. 
6)  Daneben  oben  (•).       7)  Brief  an  die  jRömer  12,  1—5.      8)  Evang.  2,  42-52. 


14  STEJSKAL 

30  zu  Nazareht  vud  was  in  [22"]  vndertau.  vnd  sein  mueter  behielt  alle 
diesew  wart  vnd  betracht  sew  in  ir  hertzen.  vnd  lesus  nam  zue 
an  der  weishait  vnd  an  dem  allter  vnd  an  der  genad  pey  got  vnd 
pei  den  lewten. 

XIV. 

Di  letzen  am  ersten  suntag-  —  sand  Paul^ 

Prüeder!  seit  habund  di  gäbe  nach  den  genaden,  di  ew  gege- 
ben ist  vnderschaidenleich.  aintweder  das  weissagen  nach  der 
beschaidenhait  des  glaubens  oder  den  dienst,  im  dienen  oder  der 
5  do  lert,  in  der  lernung;  der  do  mant,  in  der  manung;  der  do  geit, 
in  der  ainfaltichait;  der  do  var  ist,  in  der  entzichait;  der  do  erparmt, 
[22'']  in  der  vroeleichait.  di  lieb  an  gleichsenhait.  hassund  das  übel 
vnd  an  hangund  dem  gueten.  mit  prüederleicher  lieb  an  einander 
lieb  habund,  mit  den  eren  an  einander  vürchomund.     in  der  entzi- 

10  chait  nicht  trreg,  in  dem  geist  hitzig,  dem  herren  dienund.  in  der 
hoffnung  vrewund,  in  truebsal  gedultig,  dem  gepet  an  steund.  den 
natdürften  der  heiligen  gemainsamund ,  der  gast  ladung  nach  vol- 
gund.  wol  sprecht  ewern  a?htern  vnd  nicht  sult  ir  übel  sprechen, 
vrewt  ew  mit  den  vrewunden   vnd  waint  mit  den  wainunden.     das 

15  selb  an  einander  enphindund;  nicht  [23*]  hahew  uersteund,  sunder 
den  dienmuetigen  gehelund. 

Das  ewang-elij  —  sand  Johannes '-. 

Hachtzeit  sind  warden  in  Ghana  Galylee  vnd  di  mueter  lesu 
was   do.     Jesus   ward    auch    dar    geladen  vnd    sein    iunger    zu    der 

20  hachtzeit.  vnd  do  geprast  des  weins,  do  sprach  di  mueter  lesu 
zu  im:  „si  habent  nicht  weins."  des  antwurt  ir  Jesus:  „was^  mir 
vnd  dier,  weih?  is  ist  nicht  choemen  noch  mein  zeit."  do  sprach 
sein  mueter  zu  den  dieiia^rn :  „  was  er  ew  sage ,  das  tuet."  do  warn 
auch  gesatzt   sex  steineine  vas   nach    der   rainigung  der  luden  vnd 

25  in  igleich  vas  gieng  zwen  metzen  oder  trey.  do  |23'']  sprach  Jesus 
zu  in:  „füllet  di  uas  mit  wasser."  do  fülten  sis  vntz  ze  obrist. 
do  sprach  awer  Jesus:  „schepht  nu  vnd  gebt  dem  fursten  der  hacht- 
zeit." das  teten  di  diener.  do  er  do  getranch  des  wassers,  das 
do  warden  was  ze  wein,  vnd  er  wesst  nicht,  von  wanne  is  chomen 

30  was  (di  diener  wessten  is  awer  wol),  do  rüeft  architriclinus  dem 
prewtkan  vnd  sprach  zu  im:  „ein  igleich  mensch  geit  von  erste 
den  gueten  wein  vnd  so  si  trunckhen  werdent,  so  geit  er  denn  den 

1)  Brief  an  die  Römer  ]2,  6  —  16.        2)  Ermif/.  2,  1-^Jl.        3)  ZwiscJien 
was  und  mir  von  jüngerer  hand  ist. 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN  15 

argen,  du  liast  awer  den  gueten  behalten  vntz  her."  das  zaichen 
tet  Tesus  des  ersten  var  seinn  hmgern  in  Cha  [24*]  na  Galylee 
vnd  offent  sein  glori  vnd  sein  iunger  gelaubten  an  in.  35 

XV. 

Di  letzen  am  andern  suntag*  —  sand  Pauli. 

Prfieder!  nicht  sult  ir  witzig  sein  pey  ew  selben,  niemt  fibel 
vra  übel  Avider  gebund ;  besichtigund  di  gueten  nicht  alain  var  got, 
Sünder  auch  var  allen  menschen,  ob  is  geschehen  mag  das  von  ew 
ist,  mit  allen  lewten  vrid  habund.  nicht  ew  selb  werund  ir  aller  5 
liebsten,  sunder  gebt  stat  dem  zarn.  wann  geschriben  ist:  mir  di 
räch  vnd  ich  g'ilts,  spricht  der  herr.  sunder  ob  hungert  deinen 
feint,  speis  in;  ob  in  dürsst,  trenkh  in;  wann  das  tueund,  di  choln 
des  fewers  sammestu  [24'']  auf  sein  haubt.  nicht  soltu  nber  wunten 
werden  von  dem  übel.  10 

Das  ewangrelij  —  Matlieus^. 

Do  lesus  gie  ab  dem  perge ,  do  uolget  im  nach  ein  michlew 
menig.  vnd  ein  aussetziger  chom  vnd  pat  in  an  sprechund:  „herr, 
ob  du  wild,  so  machtu  mich  gerainigen."  lesus  rekht  aus  di  haut 
vnd  rüert  in  an  vnd  sprach:  ,,ich  wil,  wierd  gerainigt."  vnd  sotze-  15 
haut  ward  er  gerainigt  von  der  aussetzichait.  lesus  sprach  zu  im: 
,.  siech ,  das  du  is  iemeut  sagest ,  sunder  ge  vnd  zaig  dich  den  prie- 
stern  vnd  pring  das  opher,  das  Moyses  gepat  zu  einem  urchunde." 
do  er  gie  in  die  stat  ze  Capharnaum,  do  [25"]  gie  zu  im  der  cen- 
turius  vnd  pat  in  sprechund:  „herr,  mein  chind  leit  in  meim  haus  20 
pett  ris  vnd  wiert  übel  gechestigt."  do  sprach  lesus:  „ich  chum 
vnd  mach  in  gesunt."  do  antbuert  im  der  zenturius:  „herr,  ich 
piu  des  nicht  wierdig,  das  du  gest  vnder  mein  dach,  sunder  du 
sprich  ain  wart,  so  wirt  mein  chind  gesunt.  ich  pin  auch  ein 
mensch  vnder  gewalte  vnd  ritter  vnder  mir  han  vnd  sprich  ich  zu  25 
dem:  gingk!  vnd  er  get,  zu  eim  andern:  chum!  vnd  er  chumt,  vnd 
zu  meim^  chnecht:  tue  das!  vnd  er  tuets."  do  lesus  das  gehart, 
do  wundert  in  des  vnd  sprach  zu  den ,  di  im  nach  [25'']  uolgten : 
„werleich  sag  ich  ew,  ich  vand  so  grass  glaubens  nicht  in  Israhel. 
ich  sag  auch  ew  das  genueg  choement  von  osten  vnd  wessten  vnd  30 
sitzent  mit  Abraham  vnd  Ysaac  vnd  lacob  in  dem  himelreich;  di 
chind  ditz  reiches  werdent  gewarflfen  in  di  ausserist  vinster ,  do  wirt 
wainn  vnd  grisgramen  der  zende."     vnd  lesus   sprach  zu  dem  cen- 

1)  Brief  an  die  Römer  12,  16  —  21.       2)  J£vmr(f.  8,  1  —  13.      3)  Hs.  mein. 


16  STEJSKAL 

tiirio:    „ge  liin,    als  du   gelaubst  also   geschecli  dir"     viid    an  der 
35  selben  weil  ward  gesunt  sein  chind. 

XVI. 

Di  letzen  *  am  dritten  suntag  —  sand  Paul  ^. 

Prueder!  niement  sult  ichsicht  mier,  das  ir  an  einander  lieb 
habt;  wann  wer  seiun  nächsten  lieb  hat,  [26'']  der  erfüllet  di  e. 
wann:  nicht  ee  prich,  nicht  tcett,  nicht  betrewg,  niht  sag  falsch 
5  zewgnusse,  nicht  beger  das  guet  deins  nächsten,  vnd  ob  icht  ist 
ein  ander  gepot,  in  dem  wart  wiert  is  bestift:  hab  lieb  dein  näch- 
sten als  dich  selb,  di  lieb  des  nächsten  wiircht  nicht  Übels;  darum 
dew  uollhait  der  e  ist  di  lieb. 

Das  ewangelij  —  Marcus  3. 

10  Jesus  gie  in  ein  schef  vnd  uolgten  im  nach  sein  iunger.    vnd 

ward  ein  grasse  wegung  auf  dem  mere,  also  das  das  schef  bedekht 
ward  mit  dem  wasser;  lesus  der  slief.  do  wekten  in  sein  iunger 
vnd  sprachen:  „herr!  hail  vus,  wir  uerderben."  do  antwurt  [26''] 
in  lesus  vnd  sprach:    .,wes  furcht  ier  ew ,  ir  chlaius  glauben?"   do 

15  stuend  er  auf  vnd  gepat  dem  wint  vnd  dem  mer  vnd  ward  ein 
michlevv  stille,  vnd  di  lewt,  do  sis  gesahen,  wundert  des  zehant 
vnd  sprahen:  „wie  tan  ist  der,  wand  im  geharsam  sind  di  wind 
vnd  das  raer?" 

XVII. 

Di  letzen  am  vierden  suntag-  —  sand  Paul*. 

Prueder!  legt  ew  an  als  di  erweiten  gotes  vnd  di  lieben  di 
gedserm  der  parmung,  di  gfletichait,  dienmüetichait,  msessichait, 
gedult.  über  tragund  an  einander  vnd  gebund  ewch  selb,  ob  ainr 
5  wider  den  andern  icht  chlag  liab;  recht  als  der  herr  ew  geben  hat, 
[27'']  also  tuet  auch  ir.  vber  das  alles  seit  di  lieb  habuud,  di  ist 
ein  pant  der  uolchomenhait.  vnd  der  vrid  Christi  vrew  sich  in 
ewern  hertzen ,  in  dem  ier  auch  geladen  seit  in  aym  leichnam ; 
vnd  danchufem  west!  das  wart  Christi  das  wen  in  cav  genüchtlcich 
10  in  aller  weishait.  lerund  vnd  gemeinsam  und  ew  selb  in  psalm 
vnd  loben  vnd  geistleichen  sa^ngeu,  in  gonaden  siiigund  in  ewerm 
hertzen  dem  harren,  alles,  das  ir  tuet  in  warten  oder  in  werchen, 
alls  tuets  in  dem  namen  des  herren  Jesu,  der  genaden  danchund 
got  vnd  dem  vater  durch  lesum  Christum  vnsern  herren. 

1)  Hs.  letz.         2)  Brief  an  die  Römer  13,  8-10.         3)  Evanf).  MaithfP.i 
8,  33—27.        4)  Brief  an  die  Colosser  3,  12—17. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  17 

Am  suntag-  das  ewangelij  —  saiid  Matlieus'.  15 

[27*']  lesiis  sach  zu  seinen  lungern  vnd  sprach:  „ich  uergich 
dir ,  vater  hiniels  vnd  der  erden !  wann  du  uerpargen  hast  dein  tau- 
gen var  den  weisen  vnd  den  chluegen  vnd  hasts  geoft'ent  den  chin- 
den,  vater!  also  geuiel  is  dier.  is  ist  mir  alles  gegeben  von  mei-  . 
neni  vater  vnd  erchennet  auch  niement  den  sun  denn  der  vater,  20 
noch  den  vater  nieni  denn  der  sun  vnd  dem  is  der  sun  chunt  tuet, 
chcemt  zu  mier  all,  di  arbaitten  vnd  di  beswert  sein,  vnd  ich  hilff 
ew.  nemt  mein  loch  auf  ew  vnd  lernt  von  mir,  wann  ich  pin  senft 
vnd  dienmütigs  hertzen,  vnd  ir  vint  rue  ewern  seien;  [28*]  mein 
loch  ist  suess,  mein  purd  ring.  25 

XVIII. 

Di  letzen,  so  man  das  alleluja^  nidei*  leit  —  sand  Paul\ 

Prueder!  wisst  ir  nicht,  das  all  die  zewett  lauflfent  zwar  all 
lauflfents,  awer  ainr  uimt  den  Ion?  also  laufft,  das  ir  begreift! 
wann  ein  igleicher,  der  am  streit  chriegt,  var  allen  er  sich  enthaltt, 
vnd  di  selben  darum ,  das  si  ein  zergsenchleich  chron  enphahen ;  5 
awer  wir  ein  vutzergseuchleichew.  darum  lauff  ich  also  nicht  sam 
auf  ein  vngewiss,  also  streit  ich  nicht  sam  den  wint  slahuud;  sun- 
der ich  chestig  meinu  leichnam  vnd  zu  dienst  ich  in  pring,  das 
icht,  wenn  ich  den  andern  predig,  ich  vnfrum  [28'']  werde,  ich  wil 
nicht  ew  nicht  wissen,  prueder!  wand  ewr  vseter  all  vnder  dem  10 
gwolchen  gewesen  sind  vnd  all  das  mer  durch  gangen,  vnd  all  in 
Moysi  getauft  sind  in  dem  gwolken  vnd  im  mer,  vnd  all  das 
selb  geistleich  essen  geessen  habent,  vnd  all  das  selb  geistleich 
tranch  getrunken  haben  —  si  trunkhen  awer  aus  dem  geistleichen 
stain  in  begreiffund;  aber  der  stain  was  Christus.  15 

Das  ewangelij  —  Matheus*. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern:  „das  hlmelrelch  ist  geleich 
oim  hauswlert,  der  des^  margens  aus  get  mieten  werchlewt  in  seinn 
Weingarten,  do  er  gedingt  het  mit  den  [29°^]  werchlewten  zu  aym 
tag  vm  aym  phenlng,  do  sant  er  sew  in  seinn  Weingarten,  vnd  zu  20 
der  dritten  weil  gie  er  awer  aus  vnd  sach  an  dem  markt  ander 
sten  muessig  vnd  sprach  zu  den:  „get  auch  ir  in  den  Weingarten, 
vnd  was  recht  ist,  das  gib  ich  ew."  di  gingen  auch  hin.  do  gie 
er  aber  aus  vm  sext   vnd  non  zeit  vnd  tet  allsam.     zder  aindleften 

1)  Evang.  11,  25  —  30.  2)  Hs.  all'a.  .1)  1.  Brief  an  die  Corinther  9, 

24  —  10,5.        i)  Evang.  20,  1-^-16. 

ZElTSnUR.    F.    DEUTSCHE    PHII.OT-OGIK.      BD.    XII.  2 


18  STEJSKAL 

25  weil  gie  er  awer  aus  vnd  vand  ander  sten  vnd  sprach  zu  den: 
„wes  stet  ir  hie  all  deu  tag  raüessig?"  si  sprahen:  „vns  dingat 
niemen."  er  sprach  zu  in:  „get  auch  ir  in  den  Weingarten."  do 
is  do  spet  ward,  do  sprach  der  herr  zu  dem  schaf  [29*"]  fer:  „rueff 
den  werchlewten  vnd  gib  in  ir  Ion  vnd  heb  au  datz  dem  iungsten 

30  vntz  hintz  dem  ersten,"  vnd  do  is  chom  an  die,  di  vm  den  abent 
waren  chomen  in  den  Weingarten,  do  enphie  ir  igleicher  ainn  phe- 
ning.  do  is  do  an  di  ersten  chom ,  wolten  sie  wsennen ,  das  si  mer 
solten  haben ;  do  enphie  auch  igleicher  aynn  phening.  vnd  do  si 
enphingen,    do   murmelten  si   wider   den  hauswiert  sprechuud:    „di 

35  lessten  habent  ein  weil  gewarcht  vnd  du  hast  sew  vns  geleichet  an 
dem  Ion,  di  do  haben  getragen  di  puerd  des  tages  vnd  der  hitze." 
des  antwurt  er  ir  ainem:  „vrewnt!  [30*]  ich  tuen  dir  nicht  vnrecht; 
du  dingtest  mit  mir  nicht  mer  denn  vm  aym  phening.  nim ,  das 
dein  sei,    vnd  ge;    ich  wil  den  lösten  geben  als  vil  sam  dir.     oder 

40  zimt  mir  nicht  zetuen,  das  ich  wil?  oder  dein  aug  ist  ein  schalk, 
wann  ich  pin  guet?  also  werdent  di  lesten  di  ersten  vnd  di  ersten 
di  lessten;  vil  sind  geladen,  awer  ir  sein  wenich  erweit." 

XIX. 

Di  letzen  am  suiitag  do  nach  —  Paulus  i. 

Prueder!  gern  leit  ir  di  vnwitzigen  vnd  ir  doch  selb  witzig 
seit,  wand  ir  dultt,  wer  ew  in  dienst  pringt,  wer  ew  isst,  wer 
ew  nimt,  wer  sich  erhebt,  wer  ew  ans  antlutz  siecht.  [SC*]  nach 
5  der  vnedel  rede  ich,  als  wier  chrank  sein  gewesen  au  dem  tayl; 
in  weu  lernen  getar  —  in  vnweishait  red  ich  —  in  dew  getar  auch 
ich.  Hebrei  sinds,  vnd  ich;  Israheliteu  sinds,  vnd  ich  auch;  der 
sam  Abrahe  sinds ,  vnd  auch  ich ;  diener  Christi  sinds ,  vnd  ich 
auch  —  als  minne  weis  red  ich  —  ich  noch  mer ;  in  mer  arwaiten, 

10  entzichleich  in  charchern,  in  siegen  über  di  mass,  in  tceden  ent- 
zichleich.  von  den  luden  fünstund  viertzich  ains  minner  hau  ich 
gellten.  2  dreistund  mit  gerten  pin  ich  geslagen,  ains  pin  ich 
gestaint,  dreistund  schefbrüch  hau  ich  gellten,  nacht  vnd  tag  in 
[31*]  der  tieff  des  mores  pin  ich  gebeseu,  aufwogen  dikh,  in  schse- 

15  den  der  wasser,  in  noeten  der  Schacher,  in  nceten  aus  der  gemain, 
in  noeten  von  den  dieten,  in  noeten  in  der  stat,  in  nceten  in  der 
aingsecht,  in  noeten  auf  dem  mer,  in  noeten  von  falschen  pruederu, 
in  arbait  vnd  schceden,   in  vil  wachens,  in  hunger  vnd  dursste,  in 

1)  2.  Brief  an  die  Corinther  11,  19—12,  9.  2)   Am  linken  runde  der 

Seite  von  jüngerer  hand  genern. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  19 

vil  uasten,  in  chelten  vnd  naktum,  awer  an  di  äussern  dinch  mein 
taegieicher  anstant  ist,  di  fleissicbait  aller  chircheu.  wer  ist  siech,  20 
vnd  ich  nicht  siech  pin?  wer  wiert  geschent,  vnd  ich  nicht  wird 
geprant?  ob  ich  mues  gewden,  di  von  meiner  chrankhait  sind  gewd 
ich.  got  der  vater  vnsers  herren  [Sl**]  lesu  Christi,  dem  wol  ist 
gesprochen  iu  weit,  der  wais,  das  ich  nicht  lewg,  in  Damasco  der 
probst  des  folkhs  chnnigs  Arethe  der  huettat  der  stat  Damascenorum,  25 
das  er  mich  begriffe;  vnd  durch  ein  uenster  iu  eim  charb  über  di 
maur  ward  ich  aus  gelassen  vnd  also  entran  ich  seinn  hanten.  ob 
ich  gewden  mues  —  zwar  is  zimt  nicht  —  ich  chüni  awer  zu  den 
gesiebten  vnd  offnung  des  herren.  ich  wais  ein  menschen  in  Christo 
var  viertzehen  iaren  —  oder  im  leichnam  oder  aus  dem  leichnam  30 
wais  ich  niclit ,  got  waiss  —  getzukten  den  selben  vntz  in  den  drit- 
ten himel;  vnd  ich  wais  den  selben  [32*]  menschen  —  oder  im 
leichnam  oder  ausem  leichnam  wais  ich  nicht,  got  waiss  —  wand 
er  getzukt  ist  ins  paradys  vnd  hart  di  gehaimen  wart,  di  nicht 
ziment  dem  menschen  zereden.  durch  des  willen  gewd  ich;  durch  35 
mein  willen  aber  nicht  nuer  in  meinn  chrankaiten.  wann  ob  ich 
Avil  gewden ,  ich  wird  nicht  vnweis ,  wann  di  warhait  sag  ich ;  awer 
ich  uertrag,  das  iement  w?en  über  das,  das  er  an  mir  siecht  oder 
hoert  icht  von  mir.  vnd  das  icht  di  groes  der  offnung  mich  erheb, 
ist  mir  geben  ein  stechaer  meins  fleischs,  der  engel  Sathane,  das  40 
er  mich  halsslach.  vni  das  hau  ich  dreistuud  den  herren  gepeten, 
das  er  entwich  [32'' |  von  mir.  vnd  er  sprach  zu  mir:  „genüe  dich 
nieinr  genad,  wann  tugent  in  chrankait  wirt  uolpracht."  dar  um 
gewd  ich  gern  in  meinn  siechtümen,  das  in  mir  won  di  tugent 
Christi. 

Das  ewangelij  des  selben  tags  —  Lucas  ^  45 

Do  ein  michel  menig  chom  zu  lesu  vnd  von  den  steten  eyl- 
ten  zu  im,  do  sprach  er  ein  pispel:  „der  akherman  gie  aus  säen 
seinn  sam;  vnd  do  er  gesset,  do  viel  ain  sam  pei  dem  wege  vnd 
ward  uertreten  vnd  assen  in  auch  di  vogel.  vnd  ein  ander  sam 
viel  auf  di  stain ;  vnd  do  is  bechom ,  do  darret  is ,  wann  is  het  der  50 
fewcht  nicht,  vnd  ein  ander  sam  viel  in  di  darn  vnd  giengen  di 
[33*]  darn  do  mit  auf  vnd  erstekten  den  samen.  vnd  ein  ander 
sam  viel  auf  ein  guet  erdreich  vnd  pracht  hundertfaltig  vrucht." 
do  er  das  gesprach,  do  rief  er:  „der  aren  hab  zehörn,  der  hoer." 
sein  iunger  vragten  in,  was  das  pispel  wser,  do  sprach  er  zu  in:  55 
„ew   ist  gegeben   zu   wissen  di   betzaichnung   des  gotes  reich;   den 

1)  Evang.  8,  4  — 15. 


20  STEJSKAL 

andern  au  pispeln,  das  si  sehund  nicht  sehen  vnd  horunde  nicht 
uernemen.  also  ist  das  pispel:  der  sam  ist  das  gotswart.  der  do 
uellet  zu  dem  wege,    das  sind  di  das  gotes  wart   hcerent;    do  nach 

60  chümt  der  tiefel  vnd  uimt  is  von  ir  hertzeu ,  das  si  gelaubund  nicht 
sselig  werden,  das  [SS**]  awer  do  uelt  auf  den  stain,  das  sind  di^ 
di  das  wart  hcerent  vnd  is  mit  frewden  enphahent;  vnd  di  habent 
der  wurtzen  nicht ,  wann  si  gelaubent  zu  churtzer  zeit  vnd  werdent 
uerchert  von  der  becharung.     das  awer  wellet  in  di  darn,   das  sind 

65  di  is  hoirent  vnd  von  den  sargen  vnd  von  dem  reichtum  vnd  von 
der  Wollüste  des  leibes  sterwent  si  vnd  pringent  nicht  vrucht.  das 
awer  uellt  in  di  gueten  erd,  das  sind  die  mit  gueten  vnd  aller 
pesten  hertzen  vnd  mit  rainem  rauet  horent  das  gotswart  vnd  is 
auch  behaltent,  di  pringent  mit  gedult  di  vrucht. 

XX. 
Di  letzen  1  des  sunutags^  [34*]  ze  uasnaeht  —  sand  Paul^. 

Prüeder !  ob  ich  mit  zungen  der  menschen  vnd  der  engel  redset, 
sunder  hab  ich  nicht  di  lieb,  ich  pin  wardeu  als  ein  doenund  glok- 
speis  oder  ein  chlingunde  cymbal.  vnd  ob  ich  hau  den  weissagtum 
5  vnd  bechenn  alle  gehaim  vnd  all  chunst;  vnd  ob  ich  hab  allen 
glauben,  also  das  ich  di  perg  Übertrag,  sunder  hau  ich  nicht  di 
lieb ,  nichtes  pin  ich.  vnd  ob  ich  tail  in  essen  der  arm  all  mein 
hab,  vnd  ob  ich  gib  meinn  leichnam,  also  das  ich  prinne ,  suuder 
hab  ich  di  lieb,    nicht   nitsnicht   frumts   mir.     di  lieb   ist  gedultig, 

10  güetig  iss;  di  lieb  nicht  nei  [34"]  det ,  si  würcht  nicht  Übels,  nicht 
plset  si  sich,  si  ist  nicht  begierig,  nicht  suecht  si  das  ir  ist,  si 
wiert  nicht  geraitzt,  si  gedenkht  nicht  Übels,  nicht  vrewt  si  sicli 
über  di  pashait,  awer  si  mit  vrewt  der  warhait;  alle  diuch  über 
traits ,   alle  gelaubts ,  allew  gedingts ,    alle  leits.     di  lieb  ueltt  nim- 

15  mer  aus,  ob  di  weissagtum  werdent  gelsert  oder  di  zungen  horent 
oder  di  chunst  zenicht  wiert.  wann  aus  aim  tail  erchenn  wir  vnd 
aus  aim  teil  weissa  wir,  awer  wenn  nu  chumt  das  uolchomen  ist, 
so  wiert  gelaert  das  aus  dem  tail  ist.  do  ich  was  chlain,  do  redt 
ich  als  ein  chlainrr,  [35*]  ich  uerstuend  als  ein  chlainr,  ich  gedacht 

20  als  ein  chlainr;  awer  do  ich  pin  warden  ein  man,  hau  ich  aus 
gelsert  was  des  chlainn  was.  wier  sehen  nu  durch  ainen  spiegel; 
awer  dann  von  angesicht  zu  angesichte.  nu  erchenn  ich  aus  dem 
tail ,  aber  denn  wierd  ich  erchenuen ,  als  ich  erchant  pin.  nu  beleibt 
der  gelaub,    der  geding  vnd  di  lieb,   di  drew;    awer  das  merer  der 

25  ist  di  lieb. 

1)  Hs.  letz.        2)  Hs.  suuu.        3)  1.  Brief  an  die  Corinther  13,  1  —  13. 


ALTDEUTSCHK   PERIKOPEN  2X 

Das  ewangelij  —  Matheus'. 

lesus  nam  zu  im  di  zwelf  sein  iunger  vnd  spi;icli:  „wir  choe- 
men  auf  zu  lerusalem  vnd  wirt  geendet  alles,  das  geschriben  ist 
von  den  weissagen  von  des  menschen  sun.  er  wiert  ge  [30'']  geben 
den  dieten  vnd  wiert  uerspott  vnd  gegayselt  vnd  uerspürtzt;  vnd  so 
si  in  gegayselnt,  so  toettent  si  in  vnd  er  erstet  des  dritten  tages." 
das  wart  was  uerpargen  var  in  vnd  si  uerstuenden  des  nichsnicht, 
das  gesprochen  ward,  is  geschach ,  do  er  naheut  zu  Yericho ,  do  sas 
ein  plinter  pey  dem  wege  vnd  pat  das  allmuesen.  vnd  do  er  hart 
di  schar  vür  gen,  do  vragt  er,  was  do  wsev.  si  sagten  im,  is  wser  35 
lesus  von  Nazareth.  do  er  viir  gie,  do  rnefft  er  im:  „lesus  Dauids 
sun ,  erparm  dich  über  mich ! "  vnd  di  var  gingen ,  di  strafften  in, 
das  er  swig.  er  rM't  awer  michels  [36*]  mer:  „Dauids  sun,  erparm 
dich  über  mich!"  lesus  stuend  vnd  hies  in  weisen  zu  im  vnd  do 
er  im  nahent,  do  vragt  er  in:  „was  wild,  das  ich  dir  tue?"  der  40 
plint  sprach:  „herre,  das  ich  gesech."  lesus  sprach  awer  zu  iem: 
„siech  auf,  dein  gelaub  hat  dich  gesunt  gemacht."  vnd  so  zehant 
gesach  er  vnd  uolgt  im  nach  vnd  lobt  got.  alles  folkh,  das  is 
gesach ,  das  gab  got  glori. 

XXL 

Di  letzen  des  ersten  suntag^es  in  der  uassten  —  sand  Paul  2. 

Prüder!  wir  manu  ew,  das  ir  icht  eytel  di  genad  gotes  en- 
phacht.  wann  er  sprach :  in  der  gensemen  zeit  er  [36'']  hart  ich  dich 
vnd  an  dem  tag  des  hailes  half  ich  dir.  nemt  war  di  gensem  zeit, 
nu  ist  der  tag  des  hailes!  niemen  gebt  chain  laidigung,  das  nicht  5 
gescholten  werd  vnser  dienst;  sunder  in  allen  dingen  erpiet  wir  vns 
selbe  als  di  gotes  dieuer  in  vil  gedult,  in  truebsaln,  in  augsten,  in 
siegen,  in  charchern,  in  herferten,  in  arbaiten,  in  wachen,  in  uass- 
ten, in  chewsch,  in  chunst,  in  langmüetichait ,  in  süessichait,  im 
heiligen  geist,  in  vngetichter  lieb,  im  wart  der  warhait,  in  der  10 
tugent  gotes,  durch  di  waften  der  rechtichait  zu  der  zesem  vnd  zu 
der  letzen ,  durch  di  glori  vnd  vu  [37*]  edelhait ,  durch  den  vnleunt 
vnd  gueten  leunt;  recht  als  betrieger,  vnd  warhaft;  recht  als  di 
vnerchanten,  vnd  doch  erchaut;  als  die  taden,  vnd  secht,  wir  leben; 
als  di  gechestigten ,  vnd  doch  nicht  getoett;  als  di  traurigen,  awer  15 
all  zeit  vroeleich ;  als  dew  dürftigen ,  awer  vil  reichund ;  als  nichs- 
nicht habund,  vnd  alle  besitzund. 

1)  Evang.  Luccb  18,  31  —  43.        2)  2.  Brief  an  die  Corinther  6,  1  —  10. 


22  STEJSKAIi 

Das  ewangelij  —  Matlieus*. 

lesus  ward  gefiirt  in  di  wuesst  von  dem  heiligen  geist ,  das  er 

20  wurde  becbart  von  dem  tiefel.  vnd  do  er  gefasst  viertzk  tag  vnd 
viertzk  nacht,  do  nach  hungert  in.  vnd  der  uersuecher  chom  zu  im 
vnd  sprach:  „ob  dus  pist  der  gotes  sun,  so  ge  [37'']  peut,  das  di 
stain  werden  prat.."  des  antwurt  im  lesus:  „is  ist  geschriben,  das 
der  mensch  nicht  lebe  alaine  des  prates,  sunder  eins  igleichen  war- 

25  tes,  das  do  chomund  ist  von  dem  munde  gotes."  do  nam  in  der 
tiefel  mit  im  in  di  heilig  stat  vnd  setzt  in  auf  di  hoech  des  tem- 
pels  vnd  sprach  zu  im :  „  pistus  der  gotes  sun ,  so  la  dich  hin  nider ; 
is  stet  geschriben:  er  hab  dich  seinn  eugelen  enpholhen,  vnd  di 
tragen   dich  auf  iren  beuten,    das  du  deinn  fues  icht  laidigest  am 

30  stain."  do  sprach  lesus  awer  zu  im;  „is  ist  geschriben:  du  uer- 
suech  nicht  deinn  herreu  vnd  deinn  [38*]  got."  der  tiefel  nam  in 
awer  vnd  fuert  in  mit  im  auf  einn  haben  perkh  vnd  zaigt  im  alle 
reich  dierr  weit  vnd  ir  ere  vnd  sprach  zu  im:  ,,das  alles  gib  ich 
dir,    ob   du  nider  uellest   vnd  pettest   mich  an."     do  sprach  lesus 

35  zu  im:  „ge  hin,  Sathanas,  is  ist  geschriben:  deinnen  herren  vnd 
deinn  got  an  pette  vnd  im  ayn  dien."  do  lies  in  der  tiefel  vnd 
gingen  zu  im  di  engel  vnd  dienten  im. 

XXII. 
Di  letzen  am  andern  snnntag  —  sand  PauP. 

Prueder!  wir  pitten  ew  im  herren  lesu  vnd  vlegen ,  als  ir 
enphangen  habt  von  vns,  wie  ir  muesst  wandern  vnd  gefallen  got, 
als  auch  ir  wandert,  [38"]  das  ir  mer  genueget.  ir  wisst,  welhew 
5  gepot  ich  ew  geben  hab  durch  den  herren  lesum.  wann  das  ist  der 
wille  gotes,  ewr  heiligung;  das  ir  ew  enthalt  var  vnchewsch,  das 
chünn  ewr  igleicher  sein  vas  besitzen  in  heiligung  vnd  eren,  nicht 
in  leiden  der  begier  als  di  diet,  di  nicht  bechennent  got;  vnd  das 
niement  überge  oder  betrieg  in  geschäft  seinn  prueder;  wann  ein 
10  recher  ist  got  von  den  allen,  als  wir  ew  var  gesaget  haben  vnd 
betzewgt  haben,  waun  ew  nicht  got  geladen  hat  in  vnrainchait, 
sunder  in  heiligung  in  Christo  lesu  vnsern»  herren. 

Das  [39»]  eAvaug-elij  ~  Matheus''. 

lesus   gie   in   das   laut  Tyri  vnd  Sydonis.     vnd  ein  weib  von 
15  dem  geslsecht  Chanaan  aus  dem  selben  laut  di  rueft  in  an:   „herr, 

1)  Evang.  4,  1  —  11.    2)  1.  Brief  an  die  Thessalonicher  4,  1  —  7.    3)  Evang. 
15,  21  —  28. 


ALTDEUTSCHE   PEKIKOPEN  23 

üauidüs  sun ,  erpariii  dich  über  mich !  mciu  tachier  wiert  übel  gemüct 
von  dem  tiefel."  des  antwurt  er  ir  nicht,  des  gingen  sein  iunger 
zue  vnd  paten  in  sprechund:  „la  sei,  wann  si  schreit  vns  nach." 
des  antwnrt  in  lesus:  „ich  pin  nicht  gesant  wenn  zu  den  schaffen, 
di  uerdarben  sind  von  dem  haus  Israel."  do  chom  das  weib  und  20 
pat  in  sprechund  zu  im:  »herr,  hilf  mir!"  er  antwurt  ir:  „is  ist 
nicht  guet  zenemeu  der  chinde  prat  vnd  geben  [39"]  den  hunden." 
do  sprach  das  Aveib:  „ja,  herr,  wann  di  hüntel  essent  dew  prasera, 
di  do  uallent  von  ir  herren  tisch."  des  antwurt  ir  awer  lesus  vnd 
sprach:  „weib,  gras  ist  dein  gelaub;  dir  geschech  was  du  wellest."  25 
vnd  an  der  selben  weil  ward  ir  tachter  gesunt. 

XXIII. 
Di  letzen  am  dritten  suutag  —  sand  Paul*. 

Prueder!  seit  di  nachuolger  gotes  als  di  liebsten  süu,  vnd 
wandert  in  lieb ,  als  Christus  vns  lieb  hat  gehabt  vnd  gab  sich  selb 
vm  vns  ein  opher  vnd  ein  prant  opher  got  in  den  gesmachen  der 
süessichait.  awer  vnchewsch  vnd  alle  vnrainchait  oder  geitichait  5 
sol  [40"]  in  ew  nicht  genant  werden,  als  gezimt  di  heiligen;  oder 
pasheit  oder  toerleichew  rede  oder  vmlauffung,  di  zu  den  dingen 
nicht  gehorent,  sunder  mer  di  genad  tueung.  wann  das  wisst  uer- 
steund,  das  ein  igleich  vnchewscher  oder  vnrainr  oder  geitiger, 
das  ein  dienst  ist  der  apgoetter,  nicht  erbes  hat  in  dem  reich  Christi  10 
vnd  gotes.  niemt  ew  betrieg  mit  eyteln  warten;  wann  durch  das 
chom  der  zarn  gotes  in  di  sün  des  vngediugens.  darum  sult  ir 
nicht  werden  ir  gemainer ;  wann  ir  wart  etwenn  ein  vinster ,  awer 
nu  ein  lieht  im  herren.  als  di  sun  des  liechtes  [40^]  wandert ;  wann 
di  vrucht  des  lichtes  ist  in  aller  güet  vnd  gerech tichait  vnd  warhait.  15 

Das  ewaugelij  —  saiid  Liicam-. 

lesus  treib  eimi  tiefel  aus,  der  was  ein  stumme,  vnd  do  er 
den  tiefel  aus  gewarf,  do  redt  der  stumme;  das  wundert  di  schar, 
is  sprachen  auch  ir  sümleich :  „  er  uertreibt  den  tiefel  mit  Beltze- 
bup,  der  ein  fürsst  ist  der  tiefel."  sümleich  uersuechten  in  vnd  wol-  20 
ten  von  im  zaichen  sehen  von  himel.  do  lesus  sach  ir  gedänkh 
do  sprach  er  zu  in:  „ein  igleich  reich,  das  wider  sich  selb  ist, 
das  zerget  vnd  uellt  ain  haus  auf  das  ander,  vnd  ob  [41*]  der  tie- 
fel wider  sich  selb  ist,  wie  gestet  sein  reich,  wann  ir  sprecht,  das 
ich  mit  dem  fürssteu    der  tiefel    die  poesen  geist  uertreib?     vnd  ob  25 

1)  Brief  an  die  Ephesier  5,1  —  9.        2)  Evang.  11,  14  —  28. 


24  STEJSKAL 

ich  mit  Beltzebup  uerfcreib ,  mit  wem  uertreibent  sew  denn  ewr  sün  ? 
do  von  werdent  si  richter  über  ewch.  ob  ich  mit  dem  lieiligen 
geist  den  tiefe!  uertreib,  so  chitmt  in  ew  das  gotes  reich,  so  der 
starkh  gewaften  seinnes  hauss  huett,  so  ist  alles  das  mit  vrid,   das 

30  er  hat  besessen,  chimt  awer  ein  sterkherr  denn  er  vnd  über  win- 
det in ,  er  nimt  im  alls  sein  waften ,  zu  dem  er  het  zueuersicht. 
vnd  seinn  raub  den  tailt  er.  der  [41''J  mit  mir  nicht  ist,  der  ist 
wider  mich;  vnd  der  nicht  sanmiet  mit  mir,  der  strewt.  so  der 
pces  geist  aus   dem  menschen  fert,   so  fert   er  vm  die  wsesserigen 

35  stet  vnd  suecht  rue ;  vnd  so  er  ir  nicht  vint ,  so  spricht  er :  ich 
chum  wider  in  mein  haus,  dar  aus  ich  pin  gefarn.  vnd  so  er  aber 
chümt,  so  vindt  er  is  mit  pesem  geraiuigt  vnd  getziret.  so  nimt 
er  dennoch  zu  im  siben  ander  geist,  wirserr  denn  er,  vnd  varent 
dar   in   vnd  wouent  do;    vnd   sind   des   menschen  lesste  tag  wirser 

40  denn  sein  erste."  is  geschach  do  lesus  also  redt,  das  ein  weib  ir 
stimm  auf  hueb  von  [42"]  den  scharn  vnd  sprach  zu  im :  „derpaucli 
sei  sailig,  der  dich  trueg,  vnd  di  pruste,  di  du  saugtest."  vnd  er 
sprach:  „das  ist  also;  auch  sind  sselig,  di  do  horent  das  gotes 
wart  vnd  das  behutent." 

XXIV. 

Di  letzen  ze  mitter  uassteu  —  sand  Paul  K 

Prueder!  is  ist  geschriben,  das  Abraham  het  zwen  sün:  aynn 
von  der  diern  vnd  ain  von  der  vreyn.  sunder  der  von  der  diern 
ist  geparn  von  dem  fleisch,  aber  der  von  der  vreyn  ist  geparen 
5  dur  di  gehaisse.  dew  sind  gesprochen  durch  gleichnüsse ;  wann  das 
sind  die  zwai  geschajft:  das  ayn  an  dem  perg  Syna,  das  in  dienst 
[42**]  gepiert,  dew  ist  Agar;  wann  Syna  ist  ein  perkh  in  Arabia, 
der  zue  gefüegt  ist  ir,  di  nu  ist  lerusalem  vnd  dienuet  mit  ireu 
sünn.     awer  die  di  oben   ist  lerusalem  ist  vrey,   di  ist  vnser  mue- 

10  ter.  wann  is  ist  geschriben :  vrew  dich ,  vnfruchtparew !  di  du  nicht 
gepierst ;  prich  aus  vnd  schrey ,  di  du  nicht  gepierst ;  wann  vil  sein 
der  sün  der  uerwüssten  mer  denn  ir ,  di  do  man  hat.  awer  wir, 
prueder !  nach  Ysaac  gehaiss  sei  wir  sün ;  vnd  als  do  der  nach  dem 
vleisch  geparn  was  aechtat  den,  der  nach  dem  geist:  also  auch  nu. 

15  awer  was  spricht  di  schritt?  wierf  aus  di  diern  vnd  iren  sun; 
[43'1  wann  nicht  wiert  erb  der  diern  sun  mit  der  vreyen  sun.  zwar, 
prueder!  wir  sein  nicht  der  diern  sün,  sunder  der  vreyn,  mit  der 
vreyhait  vns  Christus  gelobst  hat. 

1)  Brief  an  die  Galuter  4,  22  —  31. 


ALTDEUTSCHE    I'ERIKOPflN 


25 


Des  suntag-s  ze  mitter  uasteii  das  ewaiigelij  lohamtcs '. 
Jesus   tiier    ze  Galylee   über  luer ,    das   genant  ist  Tyboriadis.  20 
vud  uolget  im  nach  ein  niiclilew  schar ,   wann  si  sahen  di  zaichen, 
di  er  begie  ob  den,  di   do  siech  warn,     er  gie  auf  ainn  perkli  vnd 
sas  do.     is  was  nahen  di  astern  zdeni  hachtzeitleichen  tag  der  luden, 
vnd  do  lesus  di  äugen  auf  liueb  vnd  sach ,  das  die  maist  menig  zu 
im  chom,  do  sprach  er  zu  seinem  iunger  Philippo :  „von  wem  chauff  25 
\i'6^]  wir  das  prat,   das  dise  geessen?'"     das  sprach  er  darum,  das 
er  in  uersuecht,   wann  er  wesst  wol,   was   er   tuen  solt.     des  ant- 
wurt  im  Pliilippus:    „zway  hundert  pheniug  wert   prates   gemieget 
in  nicht,    das  igleichem  ein  weuich  wurde.''     do  sprach  ainr  seiner 
iunger  zu  im,  der  was  genant  Andreas ,  Symonis  Petri  prueder:  „hie  30 
ist  ein  chind,    das  hat  fünf  giersteinew   prat  vnd  zwen  visch;    wie 
hach  hebt  awer  das  vnder  so  manigen?"  do  sprach  lesus:  „haisst  di 
lewt  sitzen."     do  lag  vil  hews  an  der  stat.     do  sassen  di  man,  der 
warn   an  der   zal   wol   fünf  tausent.     lesus   nam   di  prat  vnd  |44*] 
segent  sew  vnd  tailts  den,    di  do  sassen,   vnd  der  visch,  als  vil  si  35 
weiten,     do  si  Avurden  gesatt,    do   sprach  lesus   zu   seinu  iungern: 
„legt   zesamme   di   prasem,    di   do  über  sein  warden,    das  si  nicht 
verderben."     si  lasen  sew  zesamm  vnd   fülten  zwelf  chorb  mit  den 
prasem  von  den  fünf  giersteiuu  praten ,  di  do  über  sind  warden  den, 
di  do  assen.     do  di  lewt  sahen   das  zaichen,   das  er  begangen  het,  40 
do  sprachen  si :  „  er  ist  werleich  der  prophet ,  der  do  chomen  ist  in 
disevv  weit." 

XXV. 

Di  letzen  am  tympel  suntag-  —  saud  Paul-, 

Prueder !  Christus ,  der  peysteund  pisch  [44*']  olf  der  chünftigen 
güet,  das  witer  vnd  das  uolchomner  getzelt,  nicht  mit  der  hant 
gemacht,  das  ist  als  vil  gesprochen,  nicht  dierr  schephung,  noch 
mit  dem  pluet  der  poekh  vnd  der  chelper,  sunder  mit  seim  aygenn  5 
pluet  gie  er  ains  in  di  heilichait  vnd  ward  funden  di  ewig  erlasung. 
wann  ob  das  pluet  der  pcekh  vnd  der  stier  vnd  der  aschen  des 
chalbs  di  gemailigten  heiligt  zu  rainigung  des  vleischs,  michels  mer 
das  pluet  Christi ,  der  durch  den  heiligen  geist  sich  selb  geophert 
hat,  vngemailigt  got  hat  gerainigt  vnser  gewissen  von  den  taden  10 
werch  [45''J  en  ze  dienen  dem  lemtigen  got!  vnd  darum  ist  er  ein 
mitter  der  newen  e,  das  si  mit  dem  tade  ein  erlasung  der  übergeng, 
di  do  warn  vnder  dem  erern  geschseft ,  vnd  ein  gehaisse  enphahen, 
di  do  geladen  sind  dem  ewigen  erbtail  in  Christo  Jesu  vnserm  herren. 

1)  Evang.  6 ,  1  —  15.        2)  Brief  an  die  Hebräer  9,  11  — 15. 


26  STEJSKAL 

15  Das  ewaiigrelij  —  saiid  lohaimes'. 

lesus  sprach  zu  den  scharn  vud  zu  den  pischolfen:  „welher 
ewr  strafft  mich  von  der  sünden  ?  ob  ich  ew  di  warhait  sag ,  warum 
gehiubt  ir  mir  nicht?  der  von  got  ist,  der  hört  auch  gotes  wart; 
darum  beeret  ir  des  nicht,  wann   ir  seit  von   got  nicht."     di  luden 

20  antwurten  sprechuud:  „du  pist  recht  ein  Sama  [45'']  ritanus  vnd  pist 
behaft  mit  dem  tiefel."  in  antwurt  lesus:  „ich  han  nicht  den  tie- 
fel,  sunder  ich  er  meinen  vater  vnd  ir  habt  mich  geunert.  ich 
suech  nicht  mein  glori;  er  ist  ders  suecht  vnd  rieht,  werleich, 
werleich  sag  ich  ew,  wer  meine  wart  behallt,  der  siecht  ewichleich 

25  nicht  den  tad!"  do  sprachen  di  luden:  „nu  wisse  wir  wol,  das 
du  behaft  pist.  Abraham  ist  tad  vnd  weissagen,  vnd  sprichstu: 
wer  meine  wart  behalt,  der  gesiecht  ewichleich  nicht  den  tad!  oder 
pistu  merr  denn  vnser  vater  Abraham,  der  tad  ist?  vnd  weissagen 
sind  auch  tad.     wen  machs  [46*]  tu  aus  dir  selben?"    des  antwuert 

30  in  lesus:  ,,ob  ich  mich  selben  ere,  so  ist  mein  er  enwicht;  mein 
vater  ist  is,  der  mich  eret,  den  ir  do  sprecht,  er  ist  vnser  got. 
vnd  ir  bechent  sein  nicht;  ich  erchenn  in  awer  wol;  vnd  spreechich, 
das  ich  sein  nicht  erchant ,  so  wurd  ich  ein  lugner ,  als  ir.  ich  erchenn 
in  vnd  behalt   seine  wart.     Abraham ,   ewr  vater ,   vrewt  sich ,   das 

35  er  gessech  mein  tag;  den  sach  er  vnd  ward  gevrewt."  do  sprachen 
di  luden:  „du  hast  noch  nicht  funftzik  iar  vnd  hast  Abraham 
gesehen?"  lesus  sprach  awer  zu  in:  „werleich,  werleich  sag  ich 
ew ,  e  das  Abraham  waer  ^,  [46'']  do  pin  ich ! "  do  hueben  si  stain 
auf,  das  si  in  wuerften;  lesus  parg  sich  vnd  gie  aus  dem  tempel. 

XXVI. 
Di  letzeu  am  pluemastertag  zum  ampt  —  sand  Paul  3. 

Prüeder!  des  enphint  in  ew,  das  do  ist  in  Christo  lesu.  do 
er  in  der  gestalt  gotes  was,  nicht  in  raub  uerwant  er  sich  geleich 
wesen  got;  sunder  sich  selb  uerwandelt  er  di  gestalt  des  chnechtes 
5  an  sich  nemuud,  in  gleich  uüss  des  menschen  warden  vnd  mit  der 
handlung  funden  als  ein  mensch,  er  dienmuetigt  sich  selb  vnd 
ward  geharsam  vutz  inn  tad,  halt  in  den  tad  das  chrewtz.  darum 
hcech  [47*]  at  in  got  vnd  gab  im  einen  nam,  der  ist  über  all  nam, 
das  in  dem  nam  lesu  alls  chnie  gepogen  werde  der  himlischen 
10  vnd  der  ierdischen  vnd  der  helle  vnd  das  alle  zuuge  uergech,  wann 
der  herr  lesus  Christus  ist  der  glori  got  des  vater. 

Dem  ewangelij  gelelch  vindestu  ain  ersten  suntag  des  aduentes. 

1)  Evany.  8,  46  —  59.        2)  Hs.  w'.        3)  Brief  an  die  Philipper  2,  5^  11. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN 


27 


XXVII. 

DI  letzen  am  autlas  tag-  —  sand  Paul '. 

Piücder!  wenn  ir  zesamnie  choemt,  so  ist  yotzund  iiiclit  zeit 
das  herleich  abeiitmal  zu  essen,  ein  i gleicher  getar  wol  sein  abent- 
mal  essen;  awer  ainr  der  ist  hungerig,  und  der  ander  der  ist  truu- 
khen.  habt  ir  nicht  hewser  zu  essen  vnd  zu  trink  [47'']  en?  oder  5 
smaicht  ir  di  chirchon  gots  vnd  schendet  se,  di  ir  nicht  habeutV 
was  sag  ich  ew  ?  ich  lob  ewch  ?  an  dew  lob  ich  ew  nicht,  wand  ich 
han  genomeu  vom  herren,  das  ich  ew  gegeben  han.  wann  der  herre 
lesus  an  der  nacht,  vnd  er  uerraten  ward,  nam  er  das  prat  vnd 
prachs  vnd  sprach:  das  ist  mein  leichnam,  der  vor  ew  gegeben  10 
wiert;  das  tuet  in  meinr  gedajchtniisse !  alsam  den  chelch,  do  er 
geas ,  vnd  sprach :  der  ehelich  ist  ein  news  geschaäft  in  meini  pluet ; 
das  tuet ,  als  offt  ir  das  trinkt  in  meinr  gedsechtnüsse !  wann  [48"] 
als  dikh  ir  das  prat  esst  vnd  den  chelch  trinkt ,  den  tad  des  herren 
chundet  ir  vntz  das  er  cbümt.  zwar  welher  ist  das  prat  oder  trinkht  15 
den  ehelich  des  herren  vnwierdichleich ,  der  wiert  schuldig  des  leich- 
nam vnd  des  pluets  des  herreu.  bewahr  aber  sich  selb  der  mensch ; 
vnd  also  esse  des  prates  vnd  trinchk  des  chelchs.  wann  wer  isst 
oder  trinkt  vnwierdikleich,  das  gericht  isst  vnd  trinkt  er  im,  nicht 
richtund  den  leichnam  des  herren.  darum  vnder  ew  sind  chranker  20 
vnd  chlainmüetiger  vnd  slaffent  ier  vil.  vnd  ob  wir  vns  selb  rich- 
tseten,  zwar  wir  wurden  nicht  gericht.  [48**]  awer  wenn  wir  gericht 
werden,  von  dem  herren  werd  wir  gestrafft,  das  wir  icht  mit  dierr 
weit  uerdamt  werden. 

Das  ewang-elij  —  lohaiines^.  25 

Var  dem  heiligen  tag  der  astern  wesst  lesus  wol ,  das  chomen 
was  sein  zeit,  das  er  fiier  von  diser  weite  zu  dem  vater,  do  er  lieb 
het  di  seinn  di  in  der  weit  waren,  do  het  ers  lieb  vntz  ins  ende, 
vnd  do  si  geassen,  do  het  der  tiefel  gesant  in  ludam  Symonem 
Scariothium  hertz,  das  er  in  uerchauft;  vnd  wesst  wol,  das  is  im  30 
sein  vater  gab  alles  in  sein  heut  vnd  das  er  chom  von  im  vnd  get 
zu  got:  do  stuend  [49'']  er  auf  von  dem  tisch  vnd  legt  von  im  sein 
gewant  vnd  nam  ein  twehel  vnd  giierrt  sich  do  mit.  dar  nach  gas 
er  wasser  in  ein  pekhe  vnd  begunde  der  iunger  füesse  twahen  vnd 
trukhenu  mit  der  twehel,  mit  der  er  sich  geguerrt  het.  vnd  do  35 
er  chom  zu  Symon  Petro,  do  sprach  zu  im  Symon  Petrus:  „herr, 
du  twechst  mir  mein  fuesse  ? "  des  antwurt  im  lesus  vnd  sprach  zu 

1)  1.  Brief  an  die  Corinther  11,  20  —  32.        2)  Evcmg.  13,  1  —  15. 


28  STEJSKAL 

im:  „das  ich  do  tuen,  des  waistu  nicht  uu ;  awer  hernach  so  wur- 
destu  is  wissund."     do  sprach  awer  Petrus:  „du  twechst  mein  füess 

40  nimmer  ewichleich ! "  des  antwurt  im  lesus:  „vnd  ob  ich  dich  [49"] 
nicht  wasch,  so  hastu  nicht  tail  mit  mir,"  do  sprach  awer  zu  im 
Symon  Petrus:  „herr,  nicht  alain  di  fiiesse,  sunder  di  hent  vnd  das 
haubt."  do  sprach  zu  im  lesus :  „  der  gewaschen  ist,  der  endarf  nicht, 
wenn  das  man  im  di  fuesse  twach,   vnd  ist  denn  gar  rain.     vnd  ir 

45  seit  rain,  nicht  alle."  er  wesst  wol,  wer  der  was,  der  in  wolt  uer- 
raten.  darum  sprach  er:  „ir  seit  nicht  all  rain."  do  er  gewuesch  ir 
fuess  vnd  er  genam  sein  gewant  vnd  das  er  gesas,  do  sprach  er  zu 
in:  „wisst  ir,  was  ich  ew  getan  habe?  ir  haist  mich  maister  vnd 
herr  vnd  sprecht  dar  [50"]  an  wol;  wann  ich  pius.     ob  ich  maister 

50  vnd  herr  twach  ewr  fuesse,  alsam  sült  auch  ir  an  ein  ander  waschen 
di  fuess.  ich  han  ew  gegeben  ein  pilde;  als  ich  ev^^  getan  hab, 
also  tuet  auch  ir!" 

XXVIII. 
Di  letzen  am  aster  tag  —  Paul^. 
Prueder!    rainigt  das  alt  urhab,   das  ir  seit  ein  new  gespren- 
gung, als  ir  seit  derb;  zwar  vnser  asterlamp  Christus  ist  geophert. 
zwar  esse  wir  nicht  in  altem  urhab ,  noch  in  urhab  der  pashait  vnd 
5  der  schalchait,  sunder  in  den  derben  der  ainfaltichait  vnd  der  warhait. 

Das  ewangelij  —  Marcus  2. 

IVIaria  Magdalena  vnd  Maria  lacobi  vnd  Salo  [bO^]  mee  di 
chauften  weiroch,  vm  das  si  chömen  vnd  salbten  lesum.  vnd  vil 
vrue  eins  suntages  chomen   si  zu   dem   grab,    do  di  sunn  was  auf 

10  gegangen,  vnd  sprachen  zu  einander:  „wer  walget  vns  den  stain 
abe  dem  grab?"  vnd  sahen  wider  vnd  sahen  den  stain  ab  dem 
grabe  gewalcen;  er  was  gar  gras,  vnd  si  gingen  in  das  grab,  do 
sahen  si  einen  iüngiinch  sitzen  zu  der  rechten  hant  bedekt  mit  weis- 
sem   gewant    vnd  erchomen.     der    sprach  zu  in:    „furcht  ew  nicht, 

15  ir  suecht  lesum  von  Nazareth  den  gechrewtzteu ,  er  ist  erstanden; 
er  ist  hie  nicht,  secht  [bV]  di  stat,  do  si  in  hin  heten  gelegt,  get 
vnd  sagt  is  seinn  lungern  vnd  Petro ,  das  er  var  in  get  in  Galy- 
leam;  da  secht  ir  in,  als  er  ew  sagt." 

XXIX. 
Di  letzen  am  montag  an  zweit"  poten  puech''. 

In  den  tagen  Petrus  stuend  in  mitt  des  uolkhs  vnd  sprach: 
„man,  prueder!  ir  wisst,  das  das  wart  ist  warden  durch  allludeam; 

1)   1.  Brief  an  die  Corinther  5,  7  — 8.         2)  Evang.  16 ,  1  —  7.        3)  Ax)o- 
stelgesch.  10,  37  —  43. 


ALTDEUTSCHE  PERIKOPEN  29 

vncl  liebt  an  zu  Galylee  nach  der  taufte,  di  loliannes  gepredigt  hat; 
lesum  von  Nazareth  wie  in  got  gesalhet  hat  mit  dem  heiligen  geist  5 
vnd  mit  tugent;    der  durch  gangen   hat  woltueund  vnd   hailund  all 
gedrukten    von   dem   tiefel,   wann   got  was    mit  [51''|  im.     vnd  wir 
sein  oretzewff  aller,    di    er  getan  hat  in    dem   lante   der  luden  vnd 
lerusalem,  den  si  getoett  habent  hahund  an  das  holtz.    den  erchükt 
got   am   dritten   tag  vnd   gab  in  chund  werden,   nicht  allem  uolkh   10 
sunder  den  vargeardenten  zewgen  von  got,    vns,    di  geessen  haben 
vnd  getrunkhen    mit  im,   do  nach  vnd    er  erstuend  vom  tad.     vnd 
er  gepat  vns    predigen    dem    uolkh  betzewgen,    wand    er   iss,    der 
gesatzt  ist  von  got  richter  lemtiger  vud  tader.     dem  geben  all  pro- 
pheten  zewgnüss  antlas  der  sunten  enphahen  durch  seimi  namen,  di  15 
do  au  in  gelaubent." 

[52*]  Das  ewangelij  —  Lucam^ 

Zwen  iunger  lesu   gingen   in  ein   castell,    das  was  von  leru- 
salem in  der  ferr  als  sechtzig  gwanten ;  das  hies  Emaus.     vnd  red- 
ten mit  einander  von  allen  den,  di  do  warn  geschehen,  vnd  geschach  20 
also,   do  si  redten  vnd  vragten  vnder  in,   do  nahent  lesus  vnd  gie 
mit  in.     ir  äugen  warn  bedakht ,  das  si  sein  nicht  erchanten.     vnd 
er  sprach  zu  in:  „was  red  ist,  di  ir  sprecht  zu  einander  geund  vnd 
seit  traurig?"    vnd  ainr  derantwurt,  der  hies  Cleophas ,  vnd  sprach 
zu  im :    „  du  pist   ein  ainig  pillgreim   in  lerusalem  vnd    hast   nicht  25 
erchant  was  da  ist  gesche  [52'']  hen  in  den  tagen?"     do  sprach  er 
zu  in:    „welhew?"   des  antwurten  si:    „von  Jesu  Nazareno,   der  do 
was  ein  man  prophet  gewaltig  an  red  vud  an  werchen  vnd  an  war- 
ten var  got  vnd  var  alleu  lewten;  vnd  wie  in  di  pischolf  vnd  vnser 
fursten   uerrieten   in    di   uerdamnnsse  des  tades  vnd   chrewtzteu  in.  30 
wir    uersahen  vns,    des   er   solt   erloesen  Israel,     liber  das  alles  ist 
heut  der  dritt  tag,  das  is  geschach.     vnd  siimleich  weih  der  vnsern 
di  erschrekten  vns,    di  warn  var  Hechts  do  zu  dem  grab  vnd  do  si 
des  leichnam  nicht  funden ,    do  chomen  si  vnd  sprachen ,   si  bieten 
di  engel  gesehen ,  di  bieten  in  gesagt,  [53*]  das  er  lebte,    vud  gin-  35 
gen  sümleich  der  vnsern  hin  zu  dem  grab  vnd  funden  is  also,   als 
di  weih  heteu  gesagt,     sein   selbs   funden  si   nicht."     do  sprach  er 
zu  in:    „owe    tumb   vnd   trseges   hertzen   zu  gelauben   in  alle  dew, 
das  di  weissagen  haben  gesprochen!    is  muest  sein,   das  Christ  das 
lid  vnd  also  chomen  in  sein  glori."     vnd  hneb  an  von  JVToysen  vnd  40 
von  alleu  weissagen  vnd  bedewt  in  di  schrift  in  all  den ,  di  von  im 
waren,     vnd  nahenten  dem  castell,  do  si  do  gegen  gingen;  vnd  er 

1)  Evang.  24,  13—35. 


30  STEJSKAL 

erpat  sich  ferrer  zegen.  vnd  si  noetten  in  sprechund:  „beleih  pey 
vns,  wann  is  ist  abeut  vnd  ist  der  löS*"]  tag  genaiget."     vnd  er  gie 

45  hin  mit  in  vnd  geschach ,  do  mit  in  gesas ,  do  nam  er  das  prat  vnd 
segent  is  vnd  prachs  vnd  gab  is  in  vnd  ir  äugen  wurden  offen  vnd 
erchanten  in;  vnd  er  uerswaut  var  ir  äugen,  vnd  si  sprachen  zu 
einander:  „pran  vnser  hertz  nicht  in  vns  von  lesu,  do  er  mit  vns 
redt  an  dem  wege  vnd  vns   offent   di  schrift?"     vnd   stuenden  auf 

50  an  der  selben  weil  vnd  cherten  wider  gen  lerusalem  vnd  funden 
pei  einander  di  aindlef  iunger  vnd  di  mit  in  warn  vnd  sprahen,  das 
gut  w£er  ^  erstanden  werleich  vnd  erschain  Symoni.  vnd  [54*]  di 
sagten,  das  er  an  dem  weg  was  gegangen  vnd  wie  si  in  heten 
erchant  an  dem  pruch  des  prates. 

XXX. 

Di  letzen  am  eritag  an  der  zwelf  poten  puecli^. 

In  den  tagen  Paulus  stuend  auf  vnd  mit  der  liant  gepat  er 
ein  stille  vnd  sprach:  „man,  prüeder,  sün  des  geslaechts  Abrahe 
vnd  di  in  ew  fürchtent  got,  ew  ist  gesant  das  wart  des  hailes ! 
5  wann  di  do  wonten  ze  lerusalem  vnd  ir  fuersten  bechanteu  nicht 
Tesura  noch  di  stymme  der  propheten,  di  all  veirtag  gelesen  wer- 
dent ,  richtund  uolprachten  si.  vnd  chayn  sache  des  tades  funden 
si  an  ym,  si  paten  von  Pylato,  das  si  in  [54'' |  toettaeteu.  vnd  do 
sis  alle  uolprachten ,    di  von  im  geschriben  sind ,    si  namen  in   ab 

10  dem  holtz  vnd  legten  in  in  das  grab,  awer  got  chiikt  in  vom  tade; 
der  ist  gesehen  vil  tag  von  den,  di  auch  mit  ym  auf  warn  gegan- 
gen gen  lerusalem  von  Galyle,  di  vntz  nu  sein  zewg  sind  zum 
folkh.  vnd  wir  chüuden  ew  di  gehaiss,  di  zu  vnsern  vaetern  ge- 
schehen sind;   wann  di  hat  got  erfüllet  vnsern  chinden  erchüekund 

15  lesum  Christum  vnsern  herren. 

Das  ewangelij  —  sand  Lucam  ^ . 

lesus  stuend  enmitten  vnder  seinn  lungern  vnd  sprach  zu  in : 
„frid  sei  mit  ew;  ich  pins,  furcht  [55*]  ew  nicht!"  di  iunger  warn 
traurig  vnd  erschrakten  vnd  wonten,  si  bieten  einn  geist  gesehen. 
20  vnd  er  sprach  zu  in:  „warum  seit  ir  traurig  vnd  habt  soelch  gedanch? 
secht  mein  hent  vnd  mein  fiiess,  wann  icb  pin  is  selb;  secht  vnd 
greift!  wann  dew  geist  haben  weder  vleisch  noch  pain,  als  ir  mich 
secht  haben."  vnd  do  er  das  gesprach,  do  zaigt  er  in  hent  vnd 
füesse.     do   si   dennoch   nicht   gelaubten  vnd   sew  des  wunder  nam 

1)  Hs.  w^        2)  Apostelgeseh.  t3 ,  16.  26  —  33.        3)  Emng.24,  36—47. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  31 

var  vrewdeu,  do  sprach  er:  „habt  ir  hie  das  man  esse?"  do  prach-  25 
teil  si  im  eins  vischs  ain  tail  vnd  honigsaim  vnd  do  er  geas  var 
in,  do  nam  |55''l  er  das  ander  tail  vnd  gab  ins  vnd  sprach:  „das 
sint  di  wart,  di  ich  sprach  zu  ew,  do  ich  dennoch  pei  ew  was, 
wann  sein  was  duerft  zu  erfüllen  alles,  das  geschriben  was  an  der 
e  moysi  vnd  den  weissagen  vnd  psalm  von  mir."  do  offent  er  in  30 
den  sin  vnd  si  uernamen  di  schritt  vnd  sprach  zu  in:  „is  vs^as  also 
geschriben  vnd  muest  Christ  also  leiden  vnd  ersten  vom  tad  am 
dritten  tag  vnd  predigen  in  seim  nam  di  rew  vnd  den  antlas 
aller  diet. " 

XXXI. 

Di  letzen  am  ahten  tag-  nacli  asterii  —  loliannes'. 

Aller  liebsten!  alles,  das  geparn  ist  von  got,  über  wintt  di 
weit;  vnd  das  [56*]  ist  der  sig,  der  di  weit  überwintt,  vnser  glaub, 
wer  ist  awer  er,  der  di  weit  überwintt?  nuer  der  gelaubt,  wand 
lesus  ist  gotes  suu.  der  ist,  der  chomen  ist  durch  wasser  vnd  5 
pluet,  lesus  Christus,  nicht  in  wasser  alain  sunder  in  wasser  vnd 
in  pluet;  vnd  der  geist  ist  is,  der  betzewgt,  wann  Christus  ist  di 
warhait.  wann  drey  sind  ir,  di  zewgniiss  geben  auf  erde:  der 
geist,  das  wasser  vnd  das  pluet.  vnd  drey  sind  ir  dew  zewgnüss 
gebeut  im  himel:  der  vater,  das  wart  vnd  der  geist  vnd  di  drei  10 
sind  ains.  ob  wir  di  zeugnüss  des  menschen  nemen,  den  [56'']  zewg- 
nüss gotes  ist  grcesser;  wann  das  ist  di  zewgnüss  gotes,  di  grosser 
ist,  wann  er  getzeugt  hat  von  seym  sun.  wer  do  gelaubet  an  den 
gotes  sun,  der  hat  di  zewgnüsse  gotes  an  ym. 

Das  ewaiig:elij  —  sand  lohaunes^.  15 

Au  aym  suntag,  do  ist  spat  ward  vnd  di  tür  warn  uersperret, 
do  di  iunger  warn  gesammet  durch  der  luden  farcht,  do  chom  le- 
sus vnd  stuend  enmitten  vnd  sprach  zu  in:  „vrid  sei  mit  ewch!" 
vnd  do  er  das  gesprach ,  do  zaigt  er  in  hent  vnd  seytten.  do  wur- 
den di  iunger  vra,  do  si  den  herreu  sahen,  do  sprach  er  zu  in:  20 
„der  vrid  sey  [57*]  mit  ew!  als  mich  saut  mein  vater,  also  sent  ich 
ew."  do  er  das  gesprach,  do  plies  er  vnd  sprach  zu  in:  „uemt 
den  heiligen  geist!  wem  ir  uergebt  ir  sunt,  dem  werdent  si  uerge- 
ben  vnd  wem  irs  behabt,  dem  werdent  si  behabt."  Thomas  der 
genant  ist  Dydimus,  der  zweiten  ainr,  der  was  nicht  mit  in,  do  25 
lesus  chom.  do  sagten  im  di  andern  iunger:  „wir  sahen  den 
herren."     er  sprach  zu  in :  „  ich  sech  denn  di  hent  mit  den  loechern 

1)  1.  Brief  5,  4-10.        2)  Evmig.  20,  19—31. 


32  STEJSKAL 

der  negel  vnd  ich  leg  mein  vinger  an  der  nagel  stat  vnd  ich  leg 
mein  hant  in  sein   seitten ,    ich  gelaub  sein  nicht."     vnd  nach  acht 

30  tagen  warn  [57"]  awer  di  iunger  do  inn  vnd  Thomas  mit  in.  do 
chora  lesus  bei  uersparter  tür  vnd  stuend  vnder  iu  vnd  sprach : 
„der  vrid  sey  mit  ew!"  do  nach  sprach  er:  „Thoma,  la  her  dein 
vinger  vnd  siech  mein  hent  vnd  stas  dein  hant  in  mein  seitten  vnd 
wis  nicht  vngelaubig,   sunder  getraw!"     do  antwurt  Thomas   spre- 

35  chund:  „mein  herr  vnd  mein  got!"  do  sprach  zn  im  lesus: 
„Thoma,  wann  du  mich  gesehen  hast,  gelaubstu;  die  sind  salig-, 
die  nicht  habent  gesehen  vnd  is  doch  gelaubent."  lesus  begie  aucli 
andrer  zaihen  vil  zu  gesiebte  seinr  iunger,  di  nicht  geschriben  sein 
an  disem  puech ;    [58"]    dis   sind  awer   geschriben,    das   ir   gelaubt, 

40  das  lesus  ist  gotes  sun  vnd  das  si  gelaubund  das  leben  haben  in 
seim  namen. 

XXXII. 

Di  letzen  am  audern  suiitag'  —  sand  Peter  i. 

Aller  liebsten!  Christus  hat  gellten  vm  vns  vnd  hat  ew  las- 
sen das  pilde,  das  ir  nach  uolget  seinn  fuesparn;  der  di  sunt  nicht 
hat  getan  noch  trugenhait  funden  ist  iu  seim  munde;  vnd  so  er 
5  gescholten  ward,  er  sprach  nicht  wider  übel;  wann  er  led,  so  draot 
er  nicht,  awer  er  gab  sich  dem  richtunden  vnrechtleich ;  wann  er 
vnser  sunt  getragen  hat  in  seim  leichnam  auf  dem  holtz,  das  wir 
den  sünten  [ 58*^1  tad  der  gerechtichait  lebten,  des  pressten  wir  ge- 
hallt sein,  wann  ir  seit  genesen  sam  di  ierren  schaf  vnd  nu  seit 
10  ir  bechert  zu  dem  herttaer  vnd  pischolf  evverr  sei. 

Das  ewaiigelij  am  andern  sun  tag-  —  lohannes^, 

„Ich  pin  ein  guet  hertter,  der  geit  seinn  leib  vm  seinew  schaf. 
der  mietman,  der  nicht  hertter  ist  vnd  des  aygen  di  schaf  nicht 
sein,  so  er  siecht  den  wolf  choemen ,  so  la^t  er  di  schaf  vnd  fleucht; 

15  vnd  zukt  der  wolf  di  schaf  vnd  zestrewet  di  schaf.  der  mietman 
der  fleucht,  wann  er  ist  ein  mietman  vnd  gehorent  zu  im  nicht  di 
schaf.  ich  pin  ein  guet  hertter  vnd  erchenne  di  meinn  vnd  [59"] 
erchennent  mich  di  meinn ;  als  mich  mein  vater  erchennet,  also 
erchenn  ich  den  vater;    vnd  gib  meinen  leib  vm  meine  schaf     vnd 

20  han  auch  andrew  schaf,  di  nicht  sind  aus  disem  schaf  haus;  di  mues 
ich  her  fueren  vnd  horent  si  mein  stymme  vnd  wiert  ain  schaf  haus 
vnd  ayn  hertter." 

1)  1.  Brief  2,  21  —  25.        2)  Evang.  10,  11-16. 


AI,TDEDTSCHE    PERIKOPEN  33 

XXXIII. 
Di  letzen  am  dritten  '  suntag  —  sand  Feter  ^. 

Aller  liebsten!  ich  pitt  ew,  als  her  chömeu  vnd  pillgreiui,  ew 
iiiii  zehabeii  var   vleischleicheü   begiren,   di    do   ritternt  wider   devv 
sei;  ewerii  wandel  vnder  den  lewteu  gueten  habt,  das  an  dew,  das 
si  übel  von  ew  sprechent  als  von  den  übel  tiet  [öy""]  t«3rn,  aus  gue-  5 
ten  werchen   ew   merk  vnd  glorificieru  den  herren  an   dem  tag  der 
besuechung.     west  vndertau  aller  nienschleicher  creatnr   durch  got 
oder  dem  chüuig  als  vürgeunden  oder  dem  hertzogen,  als  di  von  im 
gesant  sind  zu  einer  räch  der  po3seu  vnd  eim  lob  der  gueten;  wann 
also  ist  der  will  gotes,    das  ir  wol  tueuud  gestummet  des  vnwitzi-  10 
gen  menschen   unerchantnüsse ;   als  di  vreyen   nicht   als  bedechung 
habund    der   poesen  vreyhait,    sunder   als   di  diener   gotes.     all  ert, 
pruederschaft  habt  lieb,  got  furchtt,  ert  den  chünig.   ir  diener!  seit 
vndertan  [G0*|   in    aller   faricht  den  herreu,    nicht  alain  den  gueten 
vnd  den  ma3ssigen,  sunder  auch  den  vngeardenten ;  wann  das  ist  di  15 
genade  in  Christo  lesu  vnserm  herren. 

Das  ewangelij  —  sand  Ioliannes\ 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern:  „is  ist  ein  wenich  zeit,  das 
ir  mich  nu  nicht  secht ;  vnd  ist  awer  ein  churtzew  zeit ,  das  ir  micli 
secht:  wann  ich  var  zu  meini  vater/'  do  sprachen  sein  iunger  zu  20 
einander:  „was  ist,  das  er  spricht:  is  ist  nicht  lanch,  das  ir  mich 
nicht  secht,  vnd  awer  churtz,  das  ir  mich  secht;  wann  ich  var  zu 
meinn  vater  ?  was  ist,  das  er  spricht  ein  wenich  ?  wir  enwissen ,  was 
er  [60'']  maint.''  do  wesst  Jesus  wol,  das  si  in  wolteu  vragen  vnd 
sprach  zu  in:  „ir  vragt  vnder  ew  von  dem,  das  ich  sprach:  is  ist  25 
nicht  lanch,  das  ir  mein  nicht  secht  vnd  aber  nicht  lanch,  das  ir 
mich  secht.  werleich,  werleich  sag  ich  ew,  das  ir  traurt  vnd  waint 
vnd  das  sich  di  weit  vrewet  vnd  ewr  trauren  wirt  gecheret  in  vrewd. 
so  das  weib  gepiert,  so  ist  si  traurig,  wann  ir  zeit  ist  chomen;  so 
si  aAver  das  chind  gepiert,  so  gedenchet  si  nicht  der  no3t  von  der  30 
vrewd  das  ein  mensch  ist  geparu  in  dise  weit,  vnd  ir  habt  nu 
vnfrewde,  ich  gesiech  ew  awer  vnd  vrewt  sich  denn  [6rj  ewr  hertze 
vnd  nimt  niemen  di  vrewde  von  ev^." 

XXXIV. 
Di  letzen  am  vierdeu*  suntag-  —  sand  lacob". 

Aller  liebsten !    alle  peste  gab  vnd  aller  uolchomniste  gab  ist 
chömund  von  oben  her  ab  vom  vater   des  Hechtes,    pei  dem  nicht 

1)  Hs.u].       2)  1.  Brief  2,  Jl  -19.        3)  Erany.  16,  IG  — 22.       4)  m.  iiij. 
5)  Katholischer  Brief  1,  17  —  21. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHELOLOGIE.    BD.  XII.  3 


34  STEJSKAL 

ist  uerwandlung  noch  der  stund  vinstermlsse.  willichleich  hat  er 
5  vns  geparn  mit  dem  wart  der  Avarhait,  das  wir  sein  ein  anfanch 
seinr  creatur.  ir  wisst,  mein  liebsten  prueder!  sunder  is  sol  seyn 
ein  igleich  mensch  snell  zu  hören  vnd  tra^g  zu  reden  vnd  auch 
trseg  zum  zarn.  wann  der  zarn  des  mannes  würcht  nicht  di  gerech- 
tichait  [61'']  gotes.  darum  werift  ab  allew  vurainchait  vnd  alle 
10  genueg  der  pashait;  in  senftmüetichait  enphacht  daz  ingeseet  wart, 
das  gehailn  mag. 

Das  ewaugelij  -    sand  loliauues '. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern:    „ich  gen  wider  zu  dem,    der 
mich  hat  gesant;    vnd  vragt  mich  ewr   chainr:    wo  wildu  hin?    nu 

15  hau  ich  ew  gesagt,  das  ewer  hertz  traurent.  werleich,  werleich 
sag  ich  ew:  is  ist  ew  guet,  das  ich  var;  ob  ich  nicht  hin  var,  so 
chumt  der  heilig  geist  nicht  zu  ew;  chüni  awer  ich  dar,  so  sent  ich 
ew  in.  so  der  denn  chümt,  so  strafft  er  die  weit  vm  di  sunde 
[62'j  vnd  vm  das  recht  vnd  vm  das  gerichte  :  vm  di  sünde,  das  si 

20  nicht  an  mich  gelaubent;  vm  das  recht,  das  ich  var  zu  meinem 
vater  vnd  mein  uu  nicht  secht;  vm  das  gericht,  wann  der  füersst 
dierr  weit  ist  gerichtet,  ich  han  ew  noch  vil  zesagen,  ir  mügt 
sein  awer  nu  nicht  getragen,  so  awer  chümt  der  geist  der  warhait, 
so  lernt  er  ew  alle  warhait.     er  redt  nicht  von  im  selben ,    sunder 

25  was  er  hört,  das  redet  er,  vnd  swas  chunftig  ist,  das  chündet  er 
ew.  er  eret  mich,  wann  er  nimt  von  dem  meinem  vnd  chundet  is 
ewch." 

XXXV. 

Dew  [62'*]  letzen  am  fünften  suntag  —  lacobus^. 

Aller  liebsten!  weset  wiircher  vnd  nicht  alain  horaer  betrie- 
gund  ew  selbe,  wann  wer  ein  hoerer  ist  des  wartes  vnd  nicht  ein 
würcher,  der  wirt  geleichent  eym  manne,  der  do  merkt  das  antlütz 
5  seinr  puerd  in  einem  spiegel;  er  merkt  sich  vnd  gie  vnd  zehant 
uergas  er,  wietan  er  was.  wer  awer  siecht  in  der  ee  der  uolcho- 
menn  vreyhait  vnd  beleibt  nicht  ein  horaer,  der  uergessen  ist  war- 
den,  sunder  ein  würcher  des  werchs,  der  wiert  saelig  an  seinem 
werch.  awer  wer  sich  warnet  geistleich  sein  vnd  zamet  nicht  sein 
10  [63*1  zunge,  der  geistleichait  ist  eytel.  ein  raine  geistleichait  vnd 
vngemailigtew  pei  got  dem  vater  ist  dew:  besuechen  die  waisen 
vnd  witibeu  in  irem  truebsal  vnd  vngemailigt  sich  behüetten  var 
dierr  weit. 

1)  Evang.  16,  5  —  14.        2)  Katholisclier  Brief  1,  22  —  27. 


ALTDEUTSCHR    PRRIKOPEN  35 

Das  ewiiiig-ellj  —  loliainies  >. 

lesus  sprach   zu    seinii  iungern:    „werleicli,    werleicli  ich  sag  15 
ew :  ob  ir  icht  pitt  den  vater  m  meiiu  namen,  das  geit  er  ew.  vntz 
her  habt  ir  nicht  gepeten  in  meini  namen.     pitt  vud  euphaclit,  das 
ewr  vrewd  werd  erfüllet,     das  hau  ich  mit  ew  geredt  in  gleiehnüs- 
sen;  nu  ist  di  zeit  chomen,  das  ich  mit  ew  nu  Jiiclit  rede  in  gleich- 
[63"!  missen ,  sunder  offenleich  chünd  icli  ew  von  meinem  vater.  des  20 
selben  tages  pitt  ir  in  in  meinem  namen  vnd  sag  ich  ew  nicht,  das 
ich  pitt  vür  ew  meinn  vater;  der  vater  hat  ew  lieb,  wenn  ir  mich 
lieb  habt  vnd  gelaubt,  das  ich  von  got  pin.   ich  fuer  von  dem  vater 
vnd  chom   in  dise  weit;    nu  lasse   ich  aber   di  weit  und  var  wider 
zu  meim  vater."     do  sprachen  zu  im  sein  iunger :  „  nu  redestu  offen-  25 
leich  vnd  sprichst  chain  gleichniisse.     nu  wisse  wir  is  wol,    das  du 
is  alles  waist  vud  ist   nicht  düerft,    das   dich   iement  vrag.     do  an 
gelaub  wir,  das  du  von  [64*J  got  chomen  pist." 

XXXVI. 
Di  letzen  am  moutag-  in  der  petwoclien  —  Iaeobns2. 

Aller  liebsten!  uergecht  an  einander  ewer  sünten  vnd  pitt  vnr 
einander,  das  ir  gehallt  Avert;  wann  vil  frumet  entzigs  gepet  des 
gerechten.  Helyas  was  ein  leidleich  mensch  vns  geleich  vnd  pat 
des  gepetes,  daz  is  icht  regna^t  auf  erde;  vnd  is  regent  nicht  drew  5 
iar  vnd  sechs  maneid ;  vnd  awer  pat  er  vnd  der  liimel  gab  den 
regen  vnd  di  erde  gab  ir  frucht.  awer  welher  vnder  ew  ierr  get 
von  der  warhait  vnd  das  in  iement  bechert,  der  sol  wissen,  wann 
wer  bechern  macht  den  sünter  [64'']  von  dem  ierrsal  seins  weges ,  er 
hallet  sein  sei  vom  tade  vnd  bedekt  di  menig  der  sünden.  10 

Das  ewaug-elij  —  sand  Liicas^. 
lesus  sprach   zu  seinn  iungern:    ,, welher  ewr  hat  einn  vrewnt 
vnd  chumt    zu   dem   vm   mitte   nacht  vnd  spricht   zu   im:    vrewnt, 
leich  mir  drew  prat,  wann  mein  vreunt  ist  müeder  chomen  zu  mir 
vnd  hau  nicht,  das  ich  vür  in  leg;  vnd  der  inderthalb  antwurt  im:  15 
müe  mich  nicht,  is  ist  mein  gadem  uersperret  vnd  sint  meine  chind 
pey  mir  in  dem  gadem ,  ich  mag  nicht  auf  gesten ,  das  ich  dir  gebe ; 
vnd    dar  über  stet   er   chlophen  vnd    ob    er  auf  [65"]  stet   vud   im 
darum  nicht  geit,    das  er  sein  vreunt  ist,    vnd  stet  doch    auf  vnd 
geit  im  durch  sein  vngestüemchait  vnd  geit  im  swie  vil  er  bedarf.  20 
ich  sag  ew:  pitt,  so  wirt  ew  gegeben;  suecht,  vnd  ir  vindt;  chlopht 
vnd  so   tuet  man  ew  auf.     swer  pitt,    der  nimt;   vnd  swer  suecht, 

1)  Evang.  IG,  23—30.     2)  Katholischer  Brief  5,  IG— 20.     3)  Evamj.  11,  5—13. 

3* 


36  STEJSKAL 

der  vint;  vnd  dem  chlophunden  wirt  auf  getan,  welher  ewr  pitt 
den  vater  des  prates  vnd  geit  im  einen  stain?  oder  des  vischs  vnd 
25  geit  er  im  viir  den  visch  ein  slangen?  oder  ob  er  pitt  des  ayes 
vnd  peutt  im  den  scorpeu?  ob  ir  poesen  chünt  di  gueten  geben 
ewern  chinden ,  michels  [66^]  mer  ewr  vater  von  himel  geit  den  gue- 
ten geist  den,  di  in  do  pittent!" 

XXXVII. 

Di  letzen  am  auffart  tag  an  der  zw  elf  poten  puech'. 

Di  erst  red  han  ich  getan  von  den ,  Theophile ,  do  lesus  gefie 
zetuen  vnd  lern,  vntz  an  den  tag,  do  er  gepat  den  zwelfpoten  durch 
den  heiligen  geist  di  er  erweit  het,  vnd  auf  genomen  ward;  den 
5  er  auch  erpat  sich  selb  lebund  nach  seim  leiden  in  vil  bewernüsse, 
viertzk  tag  erschain  er  in  vnd  redt  von  dem  reich  gotes.  vnd  do 
er  mit  in  geas ,  do  gepat  er  in ,  das  si  uicht  naher  cha3men  von 
lerusalem,  sunder  das  si  warttseten  der  [66*|  gehaisse  des  vater 
„di  ir  gehört  habt,"  sprach  er,  „ durch  meinen  muud.    wand  lohan- 

10  nes  hat  getaufet  in  dem  wasser,  awer  ir  wert  getauft  in  dem  hei- 
ligen geist  nicht  nach  vil  tagen."  vnd  di  zesamm  warn  chomen, 
do  vragten  in  vnd  sprachen:  „lierr,  geistu  in  der  zeit  wider  das 
reich  Israel  ? "  vnd  er  sprach  zu  in :  „  is  ist  nicht  ewr  chennen  di 
zeit  vnd  di  stunt,    di  der  vater  hat  gelegt  in  seinn  gewalt;   sunder 

15  ier  wert  nemen  di  tugent  des  heiligen  geists,  der  in  ew  chnmt  vnd 
wert  mir  zewg  daz  lerusalem  vnd  in  aller  ludea  vnd  Samaria  vnd 
vntz  an  das  [66'']  ende  der  erden."  vnd  do  er  das  gesprach  in  zu 
gesiebte ,  ward  er  auf  gehebt  vnd  das  gewolchen  enphie  in  var  iren 
äugen,     vnd   do   si    auf  sahen  gen  himel  in  gen,    nemt  war,    zuen 

20  man  stuenden  pei  in  in  weissem  gewaut  vnd  sprahen:  „ir  man  von 
Galylee,  wes  stet  ir  sehund  gen  himel?  der  lesus,  der  von  ew 
genomen  ist  inn  himel,  also  chümt  er,  sam  ir  in  habt  gesehen 
geunden  inn  himel." 

Das  ewangelij  —  lohaunes^. 

25  Di  aindlef  iunger  sassen  pey  einander  ze  lerusalem ,  do  erschain 

in  lesus  vnd  strafft  sew  vm  ir  vngelauben  vnd  vm  di  liertte  ires 
hertzen;  wann  di  |67''|  in  beten  sehen  ersten,  di  gelaubten  sein 
nicht,  vnd  sprach  zu  in:  „get  in  alle  weit  predigen  das  ewangelij 
aller  creatur!     der  gelaubt   vnd  getauftt  wirt,    der  wiert  behalten; 

30  der  nicht  gelaubt,    der  wirt  uerdamt.     disew   zaichen   uolgent   den, 

l)  Apostelgesch.  1,  1  —  11.        2)  Evang.  Marci  16,  14  —  20. 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEK  37 

die  do  gelanbent :  si  wei'ttent  di  tiefel  aus  in  ineim  namen ,  si  ledent 
mit  iieweii  zuiigeii,  si  hebeiit  di  slangen  auf  mit  der  haut  vnd  ob 
si  etwas  toedleichs  trinkent,  das  schadet  in  nicht,  auf  die  siechen 
legent  si  dew  hent  vnd  si  werdent  gesunt.''  vnd  vnser  herr  lesus 
do  nach  vnd  er  geredt  mit  in,  do  ward  er  geno  [ß7''l  man  inn  35 
himel  vnd  sitzt  zu  der  zeseui  gotes.  si  wurden  predigen  allenthal- 
ben mit  der  hilft"  vnsers  harren,  der  ir  red  bestictt  mit  zaicheu,  di 
do  nach  uolgteu. 

XXXVIII. 

Di  letzen  siiii  suiita!?  »ach  der  auffart        sand  Peter'. 

Aller  liebsten!  seit  witzig  vnd  wacht  an  den  gepeten.  awer 
var  allen  dingen  habt  in  ew  selb  entzigew  gemaiue  lieb,  wann  di 
lieb  bedekt  di  meuig  der  sunteu.  seit  wiertleich  an  einander  an 
murmeln,  ein  igleich  als  er  enphangen  hat  die  genade,  mit  ein  5 
ander  tailt  sei,  als  di  gueten  aus  gewahr  der  manichgestalteu  gena- 
den  gotes.  wer  redt  als  di  red  go  [68"]  tes;  welher  dient  als  aus 
der  tugent,  di  got  uerleicht,  das  in  allen  dingen  got  geert  werde 
durch  lesum  Christum  vnsern  lierren. 

Das  ewangelij  des  selben  tag  —  Johannes^.  10 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern:  ,,wenn  der  troestleich  geist 
chumt,  den  ich  ew  sende  vom  vater,  den  geist  der  warhait,  der  do 
chumt  von  dem  vater,  der  do  sagt  von  mir  urchünde.  vnd  ier  sagt^ 
urchunde  von  mir,  wann  ir  von  anigeng  seit  mit  mir  gebesen.  das 
han  ich  mit  ew  geredt,  das  ier  icht  wert  geergert.  si  sundernt  15 
ewch  von  der  menig;  nu  ist  awer  chomen  di  zeit,  swer  ew  toett, 
das  er  w*uet,  das  er  got  gedient  habe,  vnd  tuent  [68'' |  ew  das, 
wann  si  ercheuuen  weder  den  vater  noch  mich,  darum  han  ich  ew 
disew  wart  gesaget,  so  ewer  zeit  choem,  das  ir  gedencht,  was  ich 
ew  gesaget  habe." 

XXXIX. 
Di  letzen  am  pliingstabent  au  der  zwelf  poten  puech*. 

In  den  tagen  do  Apollo  was  Coriuthi  vnd  Paulus  übergangen 
het  di  obrem  tail  vnd  chom  Ephesum  vnd  vand  do  etleich  iuuger, 
zu  den  sprach  er:  „habt  ir  enphangen  den  heiligen  geist  gelaubund?" 
si  sprachen  zu  im:  ,,ob  der  heilig  geist  sey,  haben  wir  nie  gehört."  5 
vnd  er  sprach  in:  „wew  seit  ir  denn  getauift?"  si  spraheu:  „in 
lohannes  tauft'."    vnd  is  sprach  Pau  [69*]  lus:  „lohannes  hat  getauff't 

1)  1  Brief  4,7  —  11.      2)  Evang.  15,  26  —  16,  4.     3)  Hs.  sargt.       4)  Apo- 
stelgesch.  19,  1  —  8. 


38  STEJSKAL 

mit  der  tauflf  der  puesse  das  uolkh  vnd  sprach,  das  si  an  den 
gelaubten  der  chünftich  waer  S  das  ist  an  lesum."  do  si  das  gehar- 
10  ten ,  do  Avurden  si  getaufet  in  dem  namen  des  herreu  lesu.  vnd  do 
in  auf  gelegt  Paulus  dew  hent,  do  chom  der  heilig  geist  über  sew 
vnd  si  redten  mit  zungen  vnd  weissagten,  vnd  is  aller  mann  nahen 
zweit',  is  gie  Paulus  in  di  sammung,  mit  gediuge  redt  er  durch 
drew  maneid  vnd  chrieget  vnd  ret  von  dem  reich  gotes. 

15  Das  ewaugelij  —  lohannes^. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern:  „ob  ir  mich  lieb  habt,  so 
behaltt  mein  [69'']  gepot.  vnd  ich  pitt  den  vater  vnd  er  geit  ew 
einn  andern  troester,  das  er  mit  ew  beleihe  ewichleich ,  den  geist 
der  warhait,  den  di  weit  nicht  mag  enphahen;    wann  si  sein  nicht 

20  siecht  noch  enwais  sein  nicht,  ier  erchent  in,  wann  er  beleibt  mit 
ew  vnd  wiert  in  ew  wanund.  ich  lasse  ew  nicht  waisen,  ich  chum 
zu  ew.  noch  ein  lutzzel  vnd  siecht  mein  di  weit  nicht,  awer  ir 
secht  mich,  wann  ich  lebe  vnd  ir  lebet,  an  dem  tag  erchennet, 
das  ich   in    meiuem  vater  pin   vnd  ich  in  ew  vnd  ir  in  mir.     wer 

25  meinew  pot  hat  vnd  dew  behaltt,  der  ist  der  [70"]  mich  do  lieb 
hat.  der  mich  lieb  hat,  der  wiert  lieb  gehabt  von  meinem  vater 
vnd  ich  han  in  lieb  vnd  icb  offen  im  mich  selben. 

xxxx. 

Di  letzen  am  phingsttag  an  der  zwelf  poten  pueeh='. 

In  den  tagen  do  uolendet  wurden  di  phingstag,  do  warn  all 
iunger  pey  einander  an  der  selben  stat.  vnd  werbering  geschach 
von  himel  ein  don  als  des  zuechcemunden  gsehen  geists  vnd  erfüllet 
5  das  gantz  haus ,  da  do  waren  di  sitzunden.  vnd  erschinn  die  getau- 
ten zuug  als  das  fewr  vnd  sas  auf  ir  igieichen  vnd  si  sind  alle  erfüllt 
des  heiligen  geistes  vnd  gevingen  zereden ,  sam  der  heilige  [70''] 
geist  in  gab  geredig  zesein.  vnd  is  warn  ze  lerusalem  luden  geist- 
leich  man  aus  aller  gepuerd,  di  vnderm  himel  ist.    vnd  do  geschach 

10  die  stimme,  do  chomen  zu  einander  alle  menig  vnd  ward  des  mue- 
tes  geschendet;  wann  is  hart  ein  igleicher  in  seinr  zung  sew  reden, 
si  erschrakten  all  vnd  wunderten  sich  vnd  sprachen:  „nerat  war, 
sind  die  nicht  all  von  Galilee,  di  do  redent?  vnd  wie  hoert  vuser 
igleicher  vnser   zung,    in  der   wir   geparn   sein?     Parthi  vnd  Medi 

15  vnd  Elamiteu  vnd  di  do  wonent  ze  Mesopotami,  ze  ludea  vnd  Capa- 

1)  Hs.  y\'.        2)  Evamj.  14,  15  —  21.        3)  Apostelgesch.  2 ,  1  —  11, 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  39 

docia,  ze  Ponto  vnd  [71'j  Asia,  ze  Frigia  vnd  Pampliilia,  zu  Egypto 
vnd  die  tail  Lybie,  di  do  ist  pei  Cyrenen,  vnd  di  herchomen  Eoe- 
mer,  di  luden  vnd  di  Proseliteu,  di  Chrielien  vnd  Arabes;  wir 
haben  sew  gehört  reden  di  wunder  gotes!" 

Das  ewangelij  —  loliannes'.  20 

lesus  sprach  zu  seinn  iungern:  „wer  mich  lieb  hat,  der  behalltt 
mein  wart  vnd  in  hat  lieb  mein  vater;  vnd  chomen  zu  im  vnd 
haben  wonung  mit  im,  der  mich  nicht  lieb  hat,  der  behaltt  nicht 
mein  1er;  vnd  di  rede,  di  ir  uernomen  habt  von  mir,  di  ist  nicht 
mein,  suudfir  des,  der  mich  gesant  hat,  des  vater.  das  hau  ich  ewch  25 
ge  [71'']  sagt  pei  ew  wonund.  der  heilige  geist  der  troester,  den 
ew  der  vater  sent  in  meim  namen,  der  lernt  is  ew  alles  vnd  chün- 
det  ew  alles,  das  ich  ew  sag.  meinen  vrid  lass  ich  ewch,  meinn 
vrid  sent  ich  ew;  nicht  als  di  weit  vrid  geit,  ich  gib  ew.  ewer 
hertz  trauren  nicht,  noch  fftrchtenn.  nicht  habt  ir  uernomen,  das  30 
ich  ew  sagt:  ich  var  vnd  chura  zu  ew;  ob  ir  mich  lieb  habt,  so 
vrewt  ew,  werleich  var  ich  zu  dem  vater;  wann  der  uater  ist  merr 
wenn  ich.  vnd  han  is  ew  uu  gesagt,  e  is  geschech,  so  is  geschiecht, 
das  ir  gelaubt.  ich  red  nu  nicht  vil  mit  ew;  is  ist  choemen  [72*] 
der  füersst  diser  weit  vnd  hat  nicht  an  mir,  suuder  das  di  weit  35 
erchenn,  das  ich  minne  den  vater;  vnd  als  mir  der  vater  gepat, 
alsam  tuen  ich." 

XXXXI. 

Di  letzen  am  raontag  am  puech  der  zwelf  poteii^. 

Petrus  tet  auf  seinen  mund  vnd  sprach:  „man,  prüeder  vnd 
vseter !  vns  hat  gepoten  der  herr  predigen  dem  uolkh  vnd  zewgen, 
wan  er  iss ,  der  gesatzt  ist  von  got  richter  lemtiger  vnd  tader.  dem 
geben  all  propheten  zewgnüsse,  den  antlas  der  snnden  enphahen  5 
durch  seinn  namen  all,  di  an  in  gelaubent."  do  dennoch  Petrus 
redt  di  wart,  do  viel  der  heilig  geist  über  alle,  di  das  wart  [72**] 
harten,  vnd  is  erschrakhten  di  gelaubigen  aus  der  besneidung,  dew 
do  chomen  mitPetro,  wand  auch  in  die  gepuerd  di  genade  des  hei- 
ligen geists  ist  gegossen;  wand  si  harten  sew  redund  mit  zungen  10 
vnd  got  lobimd.  do  antwurt  Petrus:  ,,  secht  das  wasser,  wer  mags 
gewern ,  das  di  nicht  getauflft  werden ,  di  enphangen  haben  den  hei- 
ligen geist  als  auch  wir?"  vnd  er  hiess  getauft  Averden  in  dem 
nam  lesu  Christi. 

1)  Evang.  14,  23—31.  2)  Apostelgesch.  10,  34.  42  —  48. 


40  STEJSKAL 

15  Das  ewangelij  —  loliaimes^. 

lesus  sprach  zu  seinn  iungern;  „also  minnet  got  di  weit,  das 
er  gab  seinen  aingeparn  sun ,  das  alle  di  an  in  gelaubten  nicht 
uerdurben,  sunder  [73"]  das  si  haben  das  ewig  leben,  got  sant 
seinn  sun  nicht  in  di  weit,    das  er  rieht  über  di  weit,    sunder  das 

20  dew  weit  gehailiget  durch  in.  der  an  in  gelaubt,  den  urtailt  man 
nicht;  der  nicht  gelaubt,  der  ist  nu  geurtailet,  wann  er  nicht  gelaubt 
in  dem  namen  des  aingeparn  sun  gotes.  das  ist  das  gericht ,  wann 
das  liecht  chom  in  dise  weit  vnd  di  lewt  heten  lieber  di  vinster 
wenn  das  liecht;  irew  werch  warn  pces.     swer  übel  tuet,  der  hasst 

25  das  liecht  vnd  chümt  niht  zum  liecht,  das  man  nicht  straffe  sei- 
new  werch.  der  awer  tuet  di  warhait,  der  chümt  zum  liecht,  das 
seine  [73'']  werch  geoffent  werden,  wann  si  in  got  sind  getan." 

XXXXIL 
Di  letzen  am  eritag-  an  der  zwelf  poten  puecli^. 

In  den  tagen  do  di  zwelf  poten  harten,  di  do  warn  ze  Jeru- 
salem, das  Samaria  enphangen  heten  das  wart  gotes,  si  santen  zu 
in  Petrum  vnd  lohannem.  vnd  do  si  chomen,  do  patens  vür  sew, 
5  das  si  enphingen  den  heiligen  geist;  wann  nicht  dennoch  in  ir 
chainn  er  chomen  was,  sunder  alain  warn  si  getaufft  in  dem  namen 
des  herren  lesu.  do  legt  er  dew  hent  über  sew  vnd  si  enphingen 
den  heiligen  geist. 

Das  eAvangelij  —  sand  lohannem  3. 

10  lesus  sprach  zu  seinn  iungern:  „werleich,  werleich  ich  sag  ew, 

der  nicht  in  get  [74*]  durch  di  tüer  in  das  schaf  haus ,  sunder  der  als- 
wo  über  steigt,  der  ist  ein  deup  vnd  ein  Schacher,  der  awer  in 
get  in  das  schafhaus  durch  die  tüer,  der  ist  hertter  der  schaff,  dem 
tuet   der  tarwertel   auf  vnd  hoernt  di  schaf  sein  stymme  vnd  rüefft 

15  seinn  aigenn  schaffen  mit  namen  vnd  füert  sew  aus.  so  er  denn 
di  schaf  aus  gefüert,  so  get  er  var  in  vnd  wolgent  im  di  schaf  vnd 
erchennent  sein  stymme.  eim  vroemden  uolgent  si  nicht  vnd  vlie- 
hent  von  im,  wann  si  erchennent  nicht  sein  stymme."  das  pispel 
sagt  *  in  lesus ;  si  uerstuenden  awer  nicht ,  was  er  maint.     do  sprach 

20  [74^]  er  awer  zu  in:  „werleich,  werleich  ich  sag  ew,  ich  pins  di 
tüer  der  schaffe,  alle  di  chcement  an  mich,  das  sind  diep  vnd  rau- 
ber vnd  erchennent  nicht  di  schar,  ich  pin  di  tür.  swer  durch 
mich  in  get,    der  wiert  heilig   vnd  get   in  vnd  aus   vnd   viudet   di 

1)  Evang.  3,  16  — 21      2)  Äpostelgesch.  8,  14-17.       3)  Evang.  10,  1  —  10. 
4)  Hs.  sag. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  41 

waid.     der  deup  chumt  durcli  anders  nicht,    denn  das  er  stele  vnd 
slach  vnd   uerliese.     ich  chom ,    das   si  das   leben   haben   vnd  uol-  25 
chommleicher  haben." 

XXXXIII. 

Di  letzen  am  iichteii  tag-  des   pliiug'st  tage«  an  dem  puecli  der  taug-en 

lohannes  i. 

In  den  tagen   ich    sach  ein  ottue    tüer  im  himel;    vnd  di  erst 
stymm,    di  ich  hart  als  eins  schelle  harns,    das  mit  mir   redt  vnd 
sprach:    [75"!  chum  do  herauf  vnd  zaig,   was  geschehen  mues.     do  5 
nach  zehant  was  ich  ym  geist ;  vnd  nemt  war ,  ein  stuel  was  gesatzt 
in  dem  himel  vnd  auf  dem  stuel  ein  sitzunder.  vnd  der  do  sas,  der 
was  geleich   dem   angesicht   des  staines  yaspidis  vnd  sardinis;    vnd 
ein  regenpogen  was  in  dem  vmswaif  des  stuels.  geleich  dem  gesiebte 
des  stuels   warn  vier  vnd  zwaintzk  gestuel  vnd  auf  den  troenn  vier  10 
vnd  zwaintzk  elter  sitzund  vmgeben   mit  weissem  gewant   vnd  auf    . 
ir  haubten  guidein  chrou.     vnd  aus  dem  thron  gingen  plekkitz  vnd 
stymme  [75"]  vnd  donrr;  vnd  siben  prinnund  lampen  var  dem  thron, 
das  sind  di  siben  geist  gotes.     vnd  in  dem  angesichte  sam  das  gie- 
sein  mer  geleich  dem  christalle  vnd   in    mitte   des   stueles   vnd  im  15 
vmswaif  vier  tier  uole  äugen  hinten  vnd  uar.     vnd  das  erst  tier  was 
geleich  dem  leben ,  vnd  das  ander  tier  geleich  dem  chalb ,  vnd  das 
tritt  tier   het   ein  antliitz  als   eins  menschen,    vnd  das  vierde   tier 
geleich  eini  vliegunden  adelar.     vnd  der  vier  tier  heten  ir  igleichs 
sex  uetich  vnd  im  vmswaif  vnd  innen  sinds  vol  äugen  vnd  rue  hetens  20 
nicht  nacht  vnd  tag  Sprech  [76'']  und:  heilig,  heilig,  heilig  herr  got, 
allmsechtiger ,  der  do  was  vnd  der  ist  vnd  der  chunftig  ist.     vnd  do 
di  tier  gaben  glori  vnd   er   vnd  segen   dem   sitzunden    aufm  thron, 
dem  lebuuden   von  weit   ze  weit,    so    viellen    di   vier  vnd  zwaintzk 
eitern  vur  den  sitzunden  ym  thron  vnd  petten  an   den  lemtigen  in  25 
weit  weit.    amen. 

Das  ewaugelij  —  sand  Johannes  2. 

Is  was  ein  mensch,  der  hies  Nicodemus  vnd  was  fursste  der 
luden,  der  chom  des  nachtes  zu  lesu  vnd  sprach  zu  im :  „  maister, 
wir  wissen  wol,  das  du  von  got  chomen  pist;  is  moecht  di  zaihen  30 
niem  getuen,  di  du  tuest,  is  waer  [76''J  denn  got  mit  im.''  lesus 
antwurt  vnd  sprach  zu  im:  „werleich,  werleich  ich  sag  dir,  niemen, 
denn  der  anderstund  wirt  geparn,  mag  gesehen  das  gotes  reich." 
do  sprach  zu  im  Nichodemus:  „wie  mag  der  mensch  wider  geparn 

1)  Apocalyiise  4,  1  —  10.        2)  Evang.  3,  1  —  15. 


42  STEJSKAL 

35  werdea,  so  er  alt  ist?  oder  mag  er  awer  in  sein  mueter  chcemeu 
vud  anderstund  werden  geparn?"  des  autwurt  im  lesus:  „wer- 
leich  ich  sag  dir,  nuer  der  getaufft  wirt  aus  dem  wasser  vnd  dem 
geist,  das  niemen  mag  cliomen  in  das  gotes  reich,  das  von  dem 
vleisch  gepara  ist,    das  ist  auch  vleisch;    vnd  das  geparn  ist  vom 

40  geist,  das  ist  ain  geist.  lass  [77']  dich  nicht  wundern,  das  ich  dir 
gesagt  han,  das  ir  anderstund  muesst  geparn  werden,  swo  der  geist 
wil,  do  spricht  er  vnd  hörest  sein  stymme  vnd  waist  nicht  von 
wanne  oder  wo  hin  dew  var;  also  ist  alle  dem,  das  von  dem  geist 
geparn  ist."     des   antwurt  Nychodemus:    „wie  mag  das  werden?" 

45  des  antwurt  lesus  sprechund:  „du  pist  ein  maister  in  lerusalem 
vnd  waist  des  nicht?  werleich,  werleich  sag  ich  dir,  das  wir  wis- 
sen, das  rede  wir,  vnd  das  wir  sehen,  das  urchunde  wier;  vnd  ir 
enphacht  nicht  vnser  urchunde.  ob  ich  ew  di  ierdischen  dinch  han 
gesaget,    vnd  ir  des  nicht  gelau  [77'']  bet,    vnd   sagt  ich   ew   denn 

50  himlische,  wie  gelaubet  ir  mir  dew?  vnd  niement  chumt  hintz 
himel,  denn  der  von  himel  chomen  ist  her  nider,  des  menschen 
sun ,  der  ze  himel  ist.  vnd  als  Moyses  di  slangen  hoeht  in  der 
wüeste,  also  mues  gehoecht  vy^erden  des  menschen  sun,  das  alle  die, 
di  an  in  gelauben ,  nicht  ersterben ,  sunder  haben  das  ewig  leben." 

XXXXIV. 

Di  letzen  am  ersten  suutag-  —  sand  Johannes  i. 

Aller  liebsten!  got  ist  di  lieb,  in  dew  ist  erschinn  di  lieb 
gotes  in  vns,  wann  seinen  aingeparn  sun  hat  got  gesaut  in  di  weit, 
das  wir  leben  durch  in.  in  dew  ist  di  lieb:  nicht  als  wir  got  [78*] 
5  haben  lieb  gehabt,  sunder  wann  er  von  erst  vns  hat  lieb  gehabt 
vnd  hat  gesant  seinn  sun  ein  genjedigung  vm  vnser  sunt,  aller 
liebsten!  ob  also  vns  got  hat  lieb  gehabt,  vnd  wir  sollen  an  ein- 
ander lieb  hau.  got  hat  niement  ie  gesehen,  ob  wir  lieb  an  ein- 
ander haben,    so  beleibt  got  in  vns.     in  dew  uerste  wir,  wenn  wir 

10  in  im  beleiben,  vnd  er  in  vns,  wann  er  seius  geistes  vns  hat  gege- 
ben, vnd  wir  haben  is  gesehen  vnd  zewgen  is,  wann  der  uater 
hat  gesant  seinn  sun  den  hailant  der  weit,  welher  uergicht,  [78*"] 
wann  lesus  ist  gotes  sun,  got  beleibt  in  im  vud  er  in  got.  vnd 
wir  habens  erchant  vnd  gelauben  der  lieb,  di  got  hat  in  vns.     got 

15  ist  di  lieb  vnd  der  beleibt  iu  der  lieb,  in  got  beleibt  er  vnd  got 
in  im.  in  dew  ist  di  lieb  uolchomen  pei  vns ,  das  wir  gedingen 
haben   an  dem  tag   des  gerichts,    wann   als  er  ist,    also  sein  auch 

1)  1.  Brief  4,  8—21, 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN 


43 


wir  in  der  weit,  di  farcht  ist  nicht  in  der  lieb ,  suuder  di  uolcho- 
inen  lieb  sentt  aus  di  farcht;  wann  di  farcht  hat  pein.  wer  awer 
furcht,  der  ist  nicht  uolchomen  in  der  lieb,  darum  hab  wir  lieb,  20 
wann  oot  hat  vns  e  lieb  gehabt,  wer  do  spricht:  „ich  han  got  lieb" 
vnd  hasst  seinn  prneder ,  der  [79*]  ist  ein  lugner.  wann  wer  nicht 
lieb  hat  sein  prueder,  den  er  sieht,  got,  den  er  nicht  siecht,  wie 
mag  er  den  lieb  gehaben?  vnd  das  pot  haben  wier  von  got:  wer 
got  lieb  hat,  daz  auch  er  seinn  prueder  lieb  hat.  25 

Das  ewang-elij  —  Lucas". 

lesus  sprach  zu  seinn   iungern:    „is  was  ein  reicher   mensch, 
der  was  gechlaidet   mit   phelle  vnd  mit  wisse  vnd   sas  all  tag  mit 
wiertschaft.     vnd  was  ein  armer  petlser,  der  hies  Lazarus,  der  lag 
zu  seinr  tnr  uol  seres   vnd  begert  sich   ze   satten  von  den  prasem,  30 
di  do  viellen  von  des  reichen  tische;  vnd  di  gab  im  niement,  sun- 
der di   bunt   chomen  vnd    lekhten    seine  geswer.     is  geschach  also, 
[79"]  das  der  arm  starb  vnd  ward  getragen  von  den  engelen  in  Abra- 
hams schass.     do   starb   auch   der  reich  vnd  ward  begraben  in  der 
helle,     do  tet  er  auf  seinew  äugen,   do  er  was  in  den  weitzen,  do  35 
sach  er  Abrahamen  ferr  vnd  Lazarumm  in  seinr  schasse  vnd  ruefft 
sprechund:   „vater  Abraham,   erparm  dich  über  mich  vnd  la  Laza- 
rum,    das  er  stasse  den  aussristen   tail  seins  vingers  in  ein  wasser, 
das  er  chüel  mein  zunge,  Avann  ich  priun  in  disem  fewr."    do  sprach 
zu  im  Abraham :  „  sun ,  gedench ,  das  dus  guetes  hiett  in  deim  leben  40 
vnd  Lazarus  als  Übels;   nu  wiert   er  getrcesst,    awer  du   geweitzigt. 
vnd  von  den  allen,  so  ist  [80"]  zwischen  vns  vnd  ew  gefesstent  ein 
grassew  ferr,  das  di  von  vns  hin  zu  ew  nicht  chomen  mügen,  noch 
von  dann  her  wider.''     do   sprach   awer   der  reich:    „ich  pitt  dich 
vater,    das  du  in  sendest  in  meins  vater  haus;    ich  han  noch  fümf  45 
prueder,    das  er  den   sag,    das  si  icht  choemen  an  disew  stat  dierr 
weitz."     vnd   is   sprach   zu   im  Abraham:    „si    habent  Moysen  vnd 
ander  weissagen ;  di  hörn."     do  sprach  er  awer:  „swer  also  von  den 
taden   chümt  hin    zu   in,    so    enphahen    si   puess."     do   antwurt  im 
Abraham :  „  ob  si  Moysen  vnd  di  weissagen  nicht  horent ,  swer  denn  50 
also  von  den  taden  erstet,  dem  gelaubent  si." 

xxxxv. 

Di  letzen  ^  am  anderii  [80'']  sautag-  —  loliaiines  ^. 

Aller  liebsten !  ir  sult  ew  nicht  wundern ,  ob  ew  die  weit  has- 
set.    Avir  Avissen,    das  wir  gefuert   sein  vom  tad  zum  leben,    Avand 

1)  Hs.  loh'ues,    von  jüngerer    hand  durchgestrichen   tmd  am   rand  Lucas 
geschrieben.  —    Evang.16,  19  —  31.        2)  Hs.  letz.        3)  1.  Brief  3,  13  — IS. 


44  STEJSKAL 

wir  haben  lieb  di  pmeder.  der  nicht  lieb  hat,  der  beleibt  im  tad. 
5  ein  igleiher,  der  do  hasst  seiun  prueder,  der  ist  ein  mausleg  vnd 
ir  wisst,  das  ein  igleich  mansleg  nicht  hat  das  ewig  leben  in  im 
beleibund.  in  dew  erchenn  wir  di  lieb  gotes,  wann  er  vür  vus  hat 
gelegt  sein  sei  vnd  wir  süllen  di  sei  vur  di  prueder  legen,  wer  do 
biet  das  gelt  der  weit  vnd  siecht  seinn  prueder  die  nadtuerft  leiden 
10  vnd  besleüst  sein  gewaid  var  im,  wi  beleibt  di  [81"]  lieb  gotes  in 
im?  meine  chindel!  nicht  hab  wir  lieb  mit  dem  wart  vnd  mit  der 
zung,  sunder  mit  dem  werch  vnd  der  warhait. 

Das  ewang-elij  am  suntag  —  Lucam^ 

lesus  sagt  seinn  lungern:   „ein  mensch  macht  grassew  wiert- 

15  Schaft  vnd  lued  manig  vnd  saut  seinn  chnecht,  do  man  essen  solt, 
das  er  den  sagt  di  geladen  warn,  das  si  chssmen,  is  wser  ^  alles 
berait.  do  begunden  si  sich  all  entsagen,  der  erst  sprach  zu  im: 
„ich  hau  ein  darf  chaufft  vnd  mues  drat  hin  aus  gen  vnd  das  bese- 
hen; ich  pitt  dich,  das  du  mich  beredest."  der  ander  sprach:  „ich 

20  hau  fünf  loch  achsen  chauft  vnd  mues  gen  di  [81*']  uersuehen;  ich 
pitt  dich,  das  du  mich  entschuldigst."  der  dritt  sprach:  ,,ich  hau 
ein  weib  haim  gelaitt  vnd  darum  mag  ich  nicht  chcemeu."  vnd  do 
der  chnecht  wider  chom ,  do  sagt  er  das  seim  herren.  do  ward  der 
wiert  zarnig  vnd  gepat  seinn  chnechten:  „get  drat  an  di  Strasse  vnd 

25  an  di  gassen  vnd  fuert  her  in  di  armen  vnd  di  hufhaltzen,  di  plin- 
ten  vnd  di  chrumpen."  do  sprach  zu  im  der  chnecht:  „herr,  is  ist 
geschehen,  sani  du  geputt;  vnd  ist  noch  ain  stat."  do  sprach  der 
herr  zu  dem  chnecht:  „ge  aus  vmb  di  wege  vnd  vm  di  zewn  vnd 
ncett  sew   her  in    ze  gen,    das  mein   haus  [82"]  erfüllet  werd.     ich 

30  sag  ew ,  das  der  mann  chainr ,  di  do  geladen  sind ,  enpeisseu  moins 
essens  nicht." 

XXXXVI. 

Di  letzen 3  au  dem  dritten*  suntag*  —  sand  Peter '^. 

Aller  liebsten !  wert  gediemmuetigt  vnder  di  gewaltig  haut 
gotes,  das  er  ew  hoech  an  der  zeit  ewerr  haimsuechung.  allen 
ewern  vleis  werfft  an  in,  wann  iem  ist  sarg  vm  ew.  west  uiiecht 
5  vnd  wacht ;  wand  ewr  widerwech ,  der  teufel ,  als  ein  leb  winnunder 
get  er  um  vnd  suecht,  wen  er  vresse;  dem  widerstet  stark  au  dem 
gelauben  vnd  wisst,  das  selb  leiden  geschehen  ewerr  pruederschaft, 
di  in  der  weit  ist.  awer  got  aller  genadeu ,  der  vns  geladen  [82''] 
hat  in  sein  ewige  glori  in  lesu  Christo ,  wenich  gellten  er  uolpriugs 
10  staes  vnd  festens.     im  sei  glori  vnd  gewalt  in  weit  zewelt.   amen. 

1)  Evang.  14,  16—24.   2)  Hs.  w'.     3)  Hs.  letz.     4)ifs.  iij.    5)  1.  Brief  5,  6—11. 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN  45 

Das  ewangelij  am  dritten  ^  suutag  —  Lxicas  2. 
Is  nahenteu  di  otteu  süuter  vnd  di  sünter  zu  lesii,    das  si  in 
harten,    vnd  der  luden  pischolf  vnd  Schreiber  murmelten  sprechund: 
„  er  enphiecht  di  offen  sünter  vnd  isst  mit  in."    do  sagt  in  Jesus  ein 
gleiclinusse ;  .,\velher  ewr  liat  hundert  schaf  vnd  vleust  er  ains  von  15 
den ,  er  Iset  di  newn  vnd  newntzich  in  der  wüeste  vnd  get  dem  nach, 
das  do  uerlarn  ist.     vntz  ers  vindt,    so  nimt  ers  vrceleich  auf  sein 
acliseln  vnd  chümt  haim  vnd  ladet  seine  [83*]  vrewnt  vnd  sein  nach- 
paurn  vnd  spricht:    vrewt  ew  mit  mir,    wann    ich   han  mein  schaf 
fluiden,   das  uerlaren  was.     ich  sag   ew,    das  auch  also  ein  vrewde  20 
zehimel  wiert  von  ainem  sünter,  der  sich  Iset  rewen  sein  sünde,  mer 
denn  vm  newn  vnd  newntzichk  gerechter ,  di  nicht  puesse  bedürffen. 
oder  welch  weib  hat  zehen  dragma  vnd  uerleust  si  aine,  si  zünt  ir 
latern  vnd  chert  das  haus  vnd  suecht  vleissichleich ,  vntz  si  is  vin- 
det.     vnd  so  si  is  vindt,   so  ladet  si  ir  vrewnt  vnd  ir  nachpauriun  25 
vnd  spricht:  vreut  ew  mit  mir,  wann  ich  han  funden  mein  dragma, 
di  ich  uerlarn  [83'']  bet.     also  sag  ich  ew:    vrewd   wiert   von   gotes 
engein  von  ayni  sünter,  der  sich  bechert." 

XXXXVII. 

Di  letzen  am  vierden^  suntag:  —  sand  Paul*. 

Prüeder !  ich  wsen ,  das  nicht  gegenwürtigew  leiden  sein  dierr 
zeit  zu  der  chünftigen  glori,  di  in  vns  geoffent  wirt;  wann  di  wart- 
tung  der  creatur  dei-  offnung  der  gotes  chind  gepeitt.  der  eytel- 
chait  ist  di  creatur  vndertan,  an  willen,  sunder  durch  in,  der  sei  5 
vnder  gewarffen  hat  in  gedinge;  vnd  auch  die  creatur  zerlest  wiert 
von  dem  dienst  der  zerleidung  in  di  vreyhait  der  glori  gotes  chin- 
der.  wir  wissen,  das  alle  creatur  sewfft  vnd  gepiert  vntz  nu.  [84"] 
vnd  nicht  alain  di  sünter,  auch  wir  selb,  di  do  haben  di  anfeug  der 
wünschung  gotes  chinder  vnd  der  erlasung  vnseres  leicbnams  in  10 
Christo  lesu  vnserm  herren. 

Das  ewang^elij  an  dem  selben  suntag-  -  Lucas  ■•. 
lesus  sprach  zu  seinn  lungern:  „seit  parmhertzig  als  ewr  him- 
lischer  vater  parmhertzig  ist ;  urtailt  niement ,  das  ir  icht  uerurtailt 
wert;  uergebt,  das  auch  man  evv^  uergeb;  gebt,  das  ew  werd  gege-  15 
ben.  di  guet  mass  vnd  ein  geschütte  masse  vnd  uolle  mass  vnd 
über  trieffunde  di  wirt  gegeben  in  ewern  puesem;  mit  der  mass,  do 
mit  ir  messt,    do  wiert    ew  mit   gemessen."     er   sagt   in   auch  ein 

1)  Hs.  iij.  2)  Evang.  15,  1—10.  3)  Hs.  lU].  4)  Brief  an  die 

Römer  8,  18  —  23.        5)  Evang.  6,  36—42. 


46  STßJSKAL 

gieicli  [84'']  nüsse:  „wenn  ain  plinter  den  andern  plinteu  laittet,  so 
20  uallent  si  paid  in  di  grueb.  der  iunger  ist  nicht  über  den  maister ; 
is  ist  ein  igleicher  uolchomen ,  ob  er  ist  sani  sein  maister.  du  siechst 
di  agen  in  deins  prueder  äugen  vnd  merkst  nicht  den  tram  in 
deim  äugen,  wie  machtu  gesprechen  zu  deim  prueder:  prueder,  la 
das  ich  aus  werffe  di  agen  aus  deinem  äugen ,  vnd  siechst  nicht 
25  den  tram,  der  in  deim  äugen  ist?  gleichsner!  von  erst  wirf  den 
tram  aus  deim  äugen  vnd  denn  siech,  das  du  aus  nemst  di  agen 
aus  den  äugen  deines  prueder." 

XXXXVIII. 

Di  letzen  am  fünften  suntag-  —  sand  Peters. 

[85*]  Aller  liebsten!  seit  all  ainmüetig  in  dem  gepet,  mitlei- 
dig, liebhaber  der  pruederschaft ,  parmbertzig,  maissig,  dienmuetig; 
nicht  gebt  wider  pois  vm  guet,  noch  fluech  vm  fluech,  sunder  her 
5  wider  gesegent ,  wand  ir  in  dew  geladen  seit ,  das  ir  den  sogen  im 
erbtail  besitzt,  wann  wer  das  leben  wil  lieb  haben  vnd  guet  tag 
sehen,  der  straff  sein  zung  von  dem  übel  vnd  sein  lefss ,  das  si  icht 
trugenheit.  eher  ab  von  dem  übel  vnd  tue  guet,  suech  den  vrid  vnd 
ge  im  nach ;  wann  di  äugen  des  herren  liber  di  gerechten  vnd  seine 
10  arn  an  ir  gepet;  awer  der  anplik  des  herren  über  die,  di  übel 
tuent.  wer  [85'']  ist  er,  der  ew  schat,  ob  ir  guet  liebhaber  seit? 
ob  ir  icht  leit  vm  die  gerechtichait ,  so  seit  ir  salig.  ir  farcht 
furcht  nicht  vnd  wert  nicht  betruebt,  awer  den  herren  Christum 
heiligt  in  ewern  hertzen. 

15  Das  ewaug'elij  —  sand  Lucas^. 

Do  di  menig  drangen  zu  lesu,  das  si  harten  sein  wart,  do 
stuend  er  pei  dem  se  Genazareth  vnd  zwai  schef  stuendeu  pei  dem 
mer;  di  vischer  warn  dar  ab  gegangen  vnd  wueschen  ir  netz,  do 
gie  er   in   ein  schef,    das  Symonis   was ,    vnd  hies  ins    ein   wenich 

20  füeren  von  dem  gestat.  vnd  sas  vnd  leret  di  menig  ab  dem  scheffe. 
de  er  sich  des  gelaubt,  do  sprach  er  zu  Symoni:  [86*]  „fuer  is  au 
di  tieft'  vnd  werlft  ewre  netz  vnd  faclit."  do  autwurt  Symon  vnd 
sprach  zu  im:  „pieter,  wir  haben  alle  di  nacht  gearbait  vnd  vin- 
den  nicht;    von    deinem   wart   wierflfe   ich    mein  netze."     do  er  das 

25  getet,  do  vingen  si  ein  grasse  menig  der  visch,  das  ir  netz  erprast, 
vnd  winkhten  den  gesellen  in  dem  andern  schefte,  daz  si  chaemen 
vnd  in  hulffeu.     vnd  cliomen  vnd  fülten  pedew   schef,    das  si  sun- 

1)  1.  Brief  3,  S—W.        2)  Evcmg.  5,  1  —  11. 


ALTDEUTSCHK    PERIKOPEN  47 

chen.  do  das  Symou  Petrus  ersach,  do  viel  er  im  zetuossen  vnd 
sprach:  „herr,  ge  hiu  aus  von  mir,  wann  ich  pins  ein  sünter."  in 
het  di  farcht  vmgangen  vnd  all,  di  mit  im  do  warn,  do  [86''J  di  3U 
visch  wurden  gefangen ;  vnd  al  sam  geschach  lacobum  vnd  lohan- 
nem,  di  sün  Zebedei ,  di  gesellen  waren  Symunis.  do  S})racli  lesus 
zu  Symonem:  „furcht  dir  nicht;  hetlauch  wierstu  nahen  di  lewt." 
vnd  fürten  di  schef  zu  der  erden  vnd  Hessen  is  alls  vnd  uolgten  ym. 

IL. 
Di  letzen  >  am  sexteu  suiitag:  —  saiid  Paul  '^. 

Prueder!  welich  wir  getauft't  sein  in  Christo  lesu,  in  seim 
tad  sei  wir  getauft,  wann  wir  sein  mit  begraben  mit  im  durch  di 
tauft"  inn  tad;  recht  als  Christus  ist  erstanden  durch  di  glori  des 
uater,  alsam  ge  auch  wir  in  der  newung  des  [87*J  lebens.  wann  5 
ob  wir  gephlantzet  sein  in  der  gleichnüss  des  tades,  also  werd  auch 
wir  der  urstend.  vnd  wisst  das,  das  vnser  allter  mensch  auch 
gechrewtzt  ist,  das  zeprochen  werde  der  leichnam  der  sünteu,  das 
wir  vürbas  der  sunt  icht  dienn.  wann  welher  tad  ist,  der  ist 
gerechtigt  von  den  sünten.  vnd  ob  wir  tad  sein  mit  Christo,  auch  10 
gelaub  wir,  das  wir  leben  mit  Christo,  vnd  wisst,  das  Christus,  der 
erstanden  ist  von  dem  tad,  der  stirbt  nu  nicht;  der  tad  herscht  im 
vnrbas  nicht,  wan  das  er  tad  ist  den  sünten ,  das  ist  er  ains  tad ; 
awer  das  er  lebt,  das  lebt  er  got.  also  uerwajnt  auch  uns  tad  sein 
[87'']  den  sünten  vnd  got  leben  in  Christo  lesu  vnserm  herren.  15 

Das  ewaiigelij  —  saud  Matheum^. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern :  „werleich  sag  ich ,  nuer  is  sey 
denn  ewer  gerechtichait  grcesser  denn  der  schreiber  vnd  der  luden 
pischolf,  ir  choemt  nicht  in  das  reich  gotes.  habt  ir  uernoraen, 
das  den  alten  uerpoten  ist:  ir  toett  niement;  der  awer  toett,  der  20 
wiert  schuldig  des  gerichts?  ich  sag  awer  ewch:  swer  ertzürnt  seinn 
prueder,  der  wirt  des  gerichtes  schuldig;  sv^er  aber  spricht:  racha! 
zu  seim  prueder,  der  wirt  der  sammnng  schuldig,  awer  swer 
spricht:  tar!  der  wiert  schuldig  der  helle  fewer.  vnd  pringstu  dein 
gab  dem  allter  [88*]  vnd  gedenkst,  das  du  wider  deinen  prueder  25 
icht  habst  getan,  so  la  dein  gab  var  dem  allter  vnd  gincli  e  vnd 
uersüen  dich  mit  deinem  prueder  vnd  chüm  denn  vnd  pring  dein 
opher. 

1)  Hs.  letz.       2)  Brief  an  die  Bömer  6,  3  — 11.      3)  Evang.  5,  20—24. 


48  StEJSKAt, 


Di  letzen'  am  sibenteii  suntag  —  Paulus 2. 

Prueder!  menschleich  so  sprich  ich  durch  di  chrankhait  ewrs 
vleischs.  wann  als  ir  erpoten  habt  ewre  glid  zu  dienn  der  vnrain- 
chait  vnd  der  pashait  zu  der  vurechtichait,  alsara  erpiett  nu  ewere 
5  gelid  der  gerechtichait  in  di  heiligung.  wann  do  ir  wart  chnecht 
der  simten,  do  wart  ir  vrey  der  gerechtichait.  was  frucht  hett  ir 
do  an  dew,  des  ir  ew  nu  schämt?  der  endt  ist  der  tad.  awer  nu 
ir  [88**]  seit  gelcest  von  der  sunt  vnd  seit  warden  diener  gotes,  so 
habt  ir  ewr  frucht  vnd  di  heiligung  vnd  das  ent  das  ist  das  ewig 
10  leben,  wann  der  sünten  solt  ist  der  tad ;  awer  di  gnad  gotes  ist 
das  ewig  leben  in  Christo  lesu  vnserm  herren. 

Das  ewang-elij  —  sand  Matheum '-^. 

Do  ein  grassew  schar  was  mit  lesu  vnd  nicht  heten,  das  si 
sessen,    do  lued  er  zesamme   sein  iunger  vnd  sprach:    „ich  erparm 

15  mich  über  das  uolkh,  wann  si  duldent  mich  endritten  tag  vnd  haben 
nicht,  das  si  essen,  vnd  lasse  ich  sew  fasstund  haim,  so  erligent 
si  auf  dem  wege:  ir  sein  sumleich  ferr  her  chomen."  do  antwur- 
[89"]  ten  im  di  iunger:  „wer  moech  so  vil  prat  gewinnen  in  der 
wüesste ,  do  mit  er  di  all  gesatte  ?  "    vnd  er  fragt  sew :  „wie  manich 

20  prat  habt  ir?"  si  sprahen:  „sibenew."  vnd  er  gepat  der  menig 
zesizen  auf  di  erden  vnd  nam  di  siben  prat  vnd  gesegent  dew  vnd 
prachs  vnd  gabs  seinn  iungern,  das  sis  den  lewten  viir  trüegen; 
vnd  legtens  der  menig  vuer.  vnd  beten  ein  wenich  visch ,  di  gese- 
o-ent   er  auch   vnd  hiess  vür  sew  setzen  vnd  assen  all  vnd  wurden 

25  gesatt;  vnd  hueben  auf  das  do  über  ward  der  prasem  siben  choerb. 
di  do  assen ,  der  warn  vier  tausent  vnd  do  lie  er  sew. 

LI. 

Di  letzeu  am  aelitedeii  suutag  —  Paulus^. 

[89'']  Prueder!  wir  sein  schuldiger  nicht  demvleiscli,  das  wir 
nach  dem  vleisch  leben,  wann  ob  ir  nacli  dem  vleisch  lebt,  so 
sterbt  ir;  ob  ir  awer  mit  dem  geist  di  werch  des  leichnam  tojtt, 
5  so  lebt  ir.  welch  mit  dem  geist  gotes  gewarcht  werdent,  di  sind 
gotes  sün.  ir  habt  nicht  genomen  den  geist  des  diensts  awer  in 
di  farcht,  sunder  ir  habt  genomen  den  geist  der  erwünschung  der 
chind,  in  dem  wir  schreyen:  abba  [vater].     wand  er  der  geist  geit 

1)  Hs.  letz.        2)  Brief  an  die  Römer  6 ,  19  —  ^3.        3)  Evang.  Marci  8, 
1  —  9.        4)  Brief  an  die  Bömer  8,  12—17. 


AX,TDEUTSCHE   PKRI  KÜPEN  49 

zewgiiösse  vns(n-in  geist,  das  wir  sein  gotes  sün.     vnd  sei  wir  snii, 
so  sei  auch  erweu,  zwar  gotes  erweii  viul  mit  erweri  Cliristi.  10 

Das  ewangelij  am  ahteu  sun  [90"]  tag  —  Matheus^. 

Tesns  sprach  zu  seiim  iuugern:  „huett  ew  var  den  falschen 
jiropheteu,  di  zu  ew  choement  in  scheffein  gowant,  innen  sinds  zu- 
kund  wolff.  pey  irn  wercheu  erclient  sew.  man  list  nicht  vonn 
darn  di  weinper  vnd  ab  dem  liagen  di  veigen.  also  pringt  ein  guet  15 
paum  di  gueten  vrucht,  der  poes  pauni  di  poesen  vrucht.  der  guet 
panm  der  mag  nicht  pws  vrucht  pringeu ,  noch  der  poes  paum  guete. 
welch  paum  nicht  guet  vrucht  pringet,  den  siecht  mau  ab  vnd  legt 
in  an  das  fewr.  pei  ier  vrucht  erchent  ir  sew.  nicht  alle,  di  do 
sprechent:  lierr,  herr!  choement  in  das  reich  gotes;  sun  [90']  der  20 
di  tuent  meins  vater  willen,  der  ze  himel  ist,  der  chumt  iu  das 
reich  gotes." 

LH. 
Di  letzeu-  am  ueuiiteu  suutag-  —  Paulus''. 

Prueder!  nicht  sei  wir  gierig  des  pausen ,  als  di  begert  haben, 
wert  auch  nicht  aupitter  der  apgoetter  als  etleich  aus  in ,  als  geschri- 
ben  ist:  is  sas  das  uolkh  essen  vnd  trinken  vnd  stuenden  auf  zespi- 
len.  noch  vnchewsch  wir,  als  etleich  aus  in  gevnchewscht  haben,  5 
vnd  is  viellen  ains  tages  drew  vnd  zwaiutzk  tausent.  noch  uersuech 
wir  Christum,  als  ir  etleich  in  uersuechten  vnd  uerdurben  von  den 
nateru.  noch  murmelt,  als  ir  etleich  murmelten  vnd  uerdurben  von 
uertrei  [91"]  her.  awer  das  alls  geschach  in  in  einem  pilde;  vnd  is 
ist  geschriben  vus  zu  besti'affung  in  dew  di  ende  der  weit  chomen  10 
sind,  zwar  wer  sich  wsent  sten,  der  sech,  das  er  icht  ualle.  chain 
auweig  begreiff  ewch  nicht,  nuer  di  menschleich.  awer  got  ist 
getrew;  der  is  nicht  leyt,  das  ir  uersuecht  w^ert  liber  das  ir  mugt; 
sunder  er  macht  mit  der  auweig  ein  vursicht,  das  iers  geleiden 
mugt.  15 

Das  ewaiigelij  —  saud  Lucas*. 

lesus  sprach  zu  sein  lungern  ein  gleiclmusse :  „  es  was  ein  rei- 
cher mensch,  der  het  aynn  rnaja*;  vnd  ward  der  besagt  hiutz  in, 
das  er  uerwüesst  biet  sein  guet.  vnd  er  besant  in  vnd  sprach  zu 
iem:  [Bl**]  „was  ist  das  ich  bor  von  dir?  antwurt  mir  von  meiim  20 
guet,  wann  du  mäht  nicht  mer  mein  amtman  gesein."  do  sprach 
der  mair  wider  sich  selb :  ,,was  tuen  ich ,  wann  mein  herr  mir  nimt 

1)  Evang.  7,  15—21.     2)  Hs.  letz.     3)  1.  Brief  an  die  Corinther  10,  6^13. 
4)  Ecatu/.  16,  1—9. 

ZEITSCHß.    F.    DKÜTSCHE    PHILOLOGIE.     BD.  XII.  4 


50  STEJSKAL 

den  mairhof  ?  ich  mag  nicht  rewten ,  des  allmuesens  schäm  ich 
mich,     ich  wais  wol  was  ich  tuen,  wenn  ich  von  dem  ampt  chura, 

25  das  si  mich  enphahen  in  irew  hewser."  vnd  lued  igleiehen  gelter 
seins  herren  vnd  sprach  zu  dem  ersten:  „wie  vil  soltu  meim  herren?" 
er  sprach:  ,,hundert  mass  oels."  do  sprach  er  zu  im :  „nuschreib  drat 
funftzk."  do  sprach  er  zu  dem  andern:  „wie  vil  soltu?"  er  sprach: 
„hundert  mass  [92*]  waitz."  „nim  den  prief  vnd  schreib  achtzik,"  vnd 

30  lobt  der  herr  den  mair,  das  er  weisleich  biet  getan,  wann  die 
chind  dierr  weit  weiser  sind  in  ierr  gepuerd ,  wenn  di  sün  des  Hech- 
tes, vnd  ich  sag  ew :  „  macht  ew  vreunt  vom  gnet  der  pashait, 
wenn  ew  enpresst,  das  si  ew  enphahen  in  dew  ewigen  hewser." 

LIII. 

Di  letzen  am  zehenteu  suutag  —  sand  Paul  ^ 

Prueder!  ir  wisst,  do  ir  diet  wart,  das  ir  gingt  zu  den  stum- 
men appgcettern,  als  ir  gefuert  wurtt.  darum  tuen  ich  ew  chuut, 
das  niement,  der  do  in  gotes  geist  redt,  spriclit  den  pan  lesu;  vnd 
5  niement  mag  gesprechen:  der  herr  Jesus  nuer  [92'*]  im  heiligen 
geist.  tailung  sind  der  genaden ,  awer  der  selb  ist  der  geist.  is 
sein  auch  tailung  der  dienst  vnd  ist  doch  der  ain  herr.  vnd  tai- 
lung sind  auch  der  werch,  awer  der  selb  got  ist,  der  do  allew 
dinch  würcht  in  allen,     eim  igleiehen  wiert  gegeben  di  oft'uuug  des 

10  geists  zu  nutz,  ainem  wirt  geben  durch  den  geist  di  rede  der  weis- 
hait,  dem  andern  di  rede  der  chunst  nach  dem  selben  geist,  dem 
andern  der  glaub  in  dem  selben,  ainem  di  genad  des  gesunts  in 
aim  geist,  aim  di  Avurchuug  der  tugent,  aym  der  weissagtum,  aym 
di  erchennung  der  geist,   aym  di  mannichfaltichait  der  zung,   aym 

15  di  bedewttung  [93"]  der  rede,  awer  di  alle  würcht  der  ain  vnd  der 
selb  geist  vnd  tailt  igleichem  als  er  wil. 

Das  ewangelij  am  siiutag-  —  Lticas''. 

Do  lesus  nahent  zu  lerusalem  vnd  do  er  di  stat  sach,  do 
waint  er  vnd  sprach:  „hietestu  erchant  was  dir  zevrid  vnd  zu  gena- 

20  den  solt!  nu  sint  si  uerpargeu  var  deinn  äugen,  is  werdent  di  tag, 
das  dich  dein  veint  vmgebent  mit  eim  graben  vnd  besitzent  vnd 
besengstigent  dich  allenthalben  vnd  zestörent  dich  vnd  deine  chind, 
di  in  dir  sein,  vnd  lassent  in  dir  ayun  staiu  nicht  auf  dem  andern, 
darum  das   du  nicht  erchant  hast  di  zeit  deins  hailes."     vnd  gie  in 

25  den  [93'']  tempel  vnd  traib  dar  aus  di  uerchauflFer  vnd  chaufter  vnd 

1)  1.  Brief  an  die  Corinther  12,  2—11.        2)  Evang.  19,  41  —  47. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  51 

sprach:  „is  ist  geschribeii,  das  mein  liaiis  ist  ein  petbaus;  ir  habt 
is  awer  gemacht  zu  eiur  hoel  der  diep."  vnd  was  lerund  tsegleich 
in  dem  tempel. 

LIV. 

Di  letzen  am  aindlefteii  suntag*  —  Paulus'. 

Prueder!  ich  tuen  ew  chuut  das  ewangelij,  das  icli  ew  gepre- 
digt hau,  das  auch  ir  uamt  vnd  au  dem  ir  auch  stet,  durch  das 
auch  ir  gehailet  wert,  vm  welich  sach  ich  ews  gepredigt  hab,  ob 
ir  is  behaltt,  nur  ir  liabt  denn  eytel  geglaubt,  ich  gab  ew  von  5 
erst,  das  ich  auch  euphaugen  het:  das  Christus  tad  ist  vm  vnser 
[94*]  sunt  nach  der  schrift  vnd  das  er  begraben  ist  vnd  das  er 
erstueud  au  dem  dritten  tag  nach  der  schrift  vnd  das  er  erschain 
Cephe  vnd  do  uach  den  aindlefeu.  dar  nach  erschain  er  mer  denn 
funfhuudert  prüedern ,  der  noch  vil  sind ,  awer  etleich  sein  tad.  do  10 
nach  erschain  er  lacobum,  do  nach  allen  poteu,  awer  zum  aller 
iungsten  erschain  auch  er  mir  als  eim  wüerfling;  ich  pin  der  minst 
der  zwelf  poten  vnd  ich  pin  nicht  wierdig  genaut  sein  ein  zwelf 
pot,  wann  ich  hau  gesecht  di  chirchen  gotes,  aber  von  den  geua- 
den  gotes  pin  ich  das  ich  piu.  15 

Das  ewangelij  des  selben  suntags  [94'']  —  Liicas'^. 
lesus  sprach  zu  seinu  lungern  vnd  zu  sumleichen,  di  in  selb 
getrauten  als  di  grechten,  ditz  pispel:  „zwen  menschen  gingen  auf 
petteu  inn  tempel:  ain  phariseus  vnd  ein  offner  sünter.    der  phari- 
seus  stuend  vnd   pett    also    mit   im   selbe:    herr  got,    ich   sag   dir  20 
genade,    wann    ich  pin    nicht   als   ander   lewt,    rauber ,    vugerecht, 
huerer,   als    auch  der  publicanus.     ich  vasst  zwier   in  der  wocheu, 
ich    gib  meinu   zeheut  von  allen  dem ,   das  ich  han  besessen,     vnd 
der  publicanus  stuend  ferr  vnd  getarst  sein  äugen  nicht  auf  geheben 
hiutz  himel  vnd  der  slueg  in  sein  prust  vnd  sprach:  [95*]  herr  got,  25 
wis  gensedig  mir  sünter!  ich  sag  ew,  das  er  gie  in  sein  haus  gepes- 
sertter  von  im;  wann  alle  di  sich  hoehent  werdent  genidert  vnd  di 
dienmüetigen  werden  geh5cht.  ^ 

LV. 
Di  letzen  am  zwelften  suntag  —  Paulus*. 

Prüeder!    einn   soelchen  gedreng   hab  wir   durch  Christum  zu 
got;   nicht  daz  wir  geuueg  von  vus  selb  etwaz  gedenchen    von  got 

1)  1.  Brief  an  die  Corinther  15,  1  —  10.  2)  Evang.  18,  9-14.  3)  Bis 
hieher  schrieb  der  erste  Schreiber,  das  fernere  rührt  von  der  hand  des  zweiten 
Schreibers  her.        4)  2.  Brief  an  die  Corinther  3,  4  —  9. 

4* 


52  STfiJSKAL 

als  von  vns  selben,  sunder  vnser  genueg  ist  von  got,  der  vus  auch 
5  ffiegleich  diener  gemacht  hat  dem  newen  geschseft  vnd  nicht  nach 
der  Schrift  sunder  nach  dem  geist;  di  sclirift  toett,  aber  der  geist 
der  chükht.  vnd  ob  der  dienst  dez  tades  geformt  mit  puechstaben 
in  di  stain  vyaz  in  der  glori  also ,  daz  di  chiud  Israhel  nicht  mach- 
ten gesehen  daz  antlutze  Moysi  durch  di  glori  seins  antlütz,  daz 
10  gelsert  wirt,  wie  dann  nicht  mer  der  [Oö*"]  dienst  dez  geists  wiert 
in  glori?  vnd  ob  der  dienst  dez  geists  in  glori  ist,  michels  mer 
genüegt  der  dienst  der  gerechtichait  in  glori! 

Daz  ewaugelij  dez  selbeu  suutags--  Marcus  \ 

lesus  gie  von  Tyro  vnd  chom  durch  Sydouem  zu  dem  mer 
15  Galylee  in  dem  laut  Decapoleos.  vnd  prachten  iem  einn  tauben  vnd 
stummen  vnd  pateii  lesum,  daz  er  in  berüert.  vnd  er  graif  in  an 
vnd  füert  in  aus  der  meuig  vnd  graif  im  an  sein  aren  vnd  spürtzt 
aus  vnd  bestraich  sein  zuugen  vnd  sach  auf  hintz  himel  vnd  sewflft 
vnd  sprach  zu  im:  „eflfata,"  daz  spricht:  wierd  geoffent.  vnd  zehant 
20  wurden  auf  gepant  vnd  redt  recht  vnd  gepat  in ,  daz  sis  iemen  sag- 
ten, so  er  ins  ie  mer  uerpat,  so  sis  ie  mer  sagten;  vnd  wundert 
sew  sein  ie  mer  vnd  sprachen:  „alle  diuch  hat  er  wol  getan,  er  hat 
di  taren  gemacht  hoerund  vnd  di  stummen  redund." 

LVI. 

[96"]  Di  letzen  am  dreitcelieuteu  suiitagr  —  Paulus  ^. 

Prueder !  Abrahe  sind  gesprochen  gehaizz  vnd  seim  sam ;  er 
spricht  nicht:  „seim  samen,"  als  in  der  gemain  oder  menig,  sun- 
der als  in  aynem:  „vnd  deim  sam,"  der  do  ist  Christus,  awer  ich 
5  sprich:  daz  geschseft,  daz  besta-tt  ist  von  got,  daz  zespricht  nicht 
di  e,  die  nach  vier  hundert  vnd  dreizzik  iaren  gemacht  ist,  daz  si 
leer  daz  gelub;  wand  ob  der  erbtail  ist  von  der  e,  so  ist  er  zehant 
nicht  von  dem  gelüb ;  aber  Abrahe  gab  is  got  durch  di  gehaizze. 
waz  ist  di  e?   vm  di  ubergeung  ist  sy  gesatzt,   vntz  daz  chaem  der 

10  sam,  den  er  uerliaizzen  het;  geardent  mit  den  engein  in  di  haut 
dez  mitter;  awer  ain  mitter  ist  nicht,  awer  aiu  got  ist.  ist  di  e 
wider  di  gehaizz  gotes?  nicht,  ob  gegeben  wer  di  e,  di  do  macht 
lemtig  gemachen,  werleich  so  wer  von  der  e  di  gerechtichait;  aber 
di  Schrift  hat  alle  dinch  beslozzen  vuder  der  sunt,  daz  di  gehaizze 

15  aus  dem  [96*"]  gelauben  lesu  Christi  wurde  gegeben  den  gelau- 
bigen. 

1)  Evang.  7,  31  —  37.        2)  Brief  an  die  Gulater  3,  16—22. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN 


53 


Das  eivang:elij  am  suntag  —  Lucas ». 
lesus  sprach  zu  seiun  iiuigeni:    „di  äugen  sind  saelig,    di  do 
sehent,    daz   ir   secht!    ich  sag  ew ,    daz  vil  weissagen  vnd  chüuig 
wolten  sehen,    daz  ir  secht  vnd  sahen  sein  nicht;    vnd  hoeren,    daz  20 
ir  hoert    vnd    harten    sein   nicht."     vnd  stuend    auf  ein  weiser  man 
von  der  e  vnd  sprach  in  uersuechund :  „niaister,  waz  sol  ich  tuen, 
daz  ich  daz  ewig  lehen  hesitz?"  er  sprach  zu  im:  „waz  ist  geschri- 
ben  in  der  e?  wie  lisstu?"  der  antwurt  im  vnd  sprach:  „hab  lieb 
deinn  got  von  alle  deim  muet  vnd  von  alle   deim  hertzen    vnd  von  25 
aller  deiner  sei  vnd  von  alle  deinn  chreften  vnd  hab  lieb  deinn  näch- 
sten als  dich  selb."     do  sprach  er  zu  im:    „du    hast   recht  ertailt; 
daz  tue  vnd  du  lebst."     er  wolt  sich  selb  entschuldigen  vnd  sprach 
zu  lesu:  „wer  ist  mein  nächster?"     do  sach  lesus  auf  vnd  sprach: 
„ein  mensch   gie  ab  von  lerusalem  [97*]  hintz  Yericho  vnd  viel  in  30 
der  Schacher  haut  vnd  di  beraubten  in  vnd  sluegen  in,  daz  er  halb 
tad  waz  vnd  fuerten  in  hin.     do  fuer  ein  ewart  den  selben  weg  vnd 
do  er  in  sach ,  do  fuer  er  für.     alsam  tet  auch  ein  leuit ;  do  er  chom 
zu  der  stat  vnd  in  sach  ,  do  fuer  er  für.     ein  Samaritanus  fuer  auch 
den  weg  vnd  chom  zu  im ;  do  er  in  ersach ,  do  erparmt  er  sich  über  35 
in  vnd  nahent  zu  im  vnd  pant  im  sein  wunten  vnd  gas  dar  in  oel 
vnd  wein  vnd  setzt  in  auf  sein  viech  vnd  fuert  in    in  seinen  stadel 
vnd  beruecht  in.     dez  andern  tagßz  zach  er  aus  zwen  phening  vnd 
gab    sew   dem   stalmaister  vnd  sprach:   phlig  sein  wol  vnd  waz   du 
mit  im  vertzerest  daz  gilt  ich  dir,    so  ich  herwider  chüm.     welher  40 
der   dreyr  dunkhet  dich  dez  nächster  gewesen  sein ,    der  do  viel  in 
der  Schacher  haut?"     do  antwurt  er  im:    „der  di  parmung  an  im 
begie."  [97'']  do  sprach  zu  im  lesus:  „ge  vnd  tue  alsam." 

LVII. 

Di  letzen  am  viertzehenten  suntag  —  Paulus  2. 

Prueder !  nach  dem  geist  get ,  so  volpringt  ir  nicht  di  gier  dez 
fleisches.  wann  daz  vleisch  begert  wider  den  geist  vnd  der  geist 
wider  daz  vleisch ;  wann  die  sind  in  selb  an  einander  wider,  daz  ir 
nicht  tuet  waz  ir  weit,  ob  ir  gefuert  wert  von  dem  geist,  so  seit  5 
ir  nicht  vnder  der  e.  is  sind  di  werch  dez  vleischs  often,  daz  ist 
vnchewsch,  vnrainchait,  vnchewsch,  der  appgoetter  dienst ,  zawbrey, 
feintschaft,  chrieg,  neyd,  zarn,  streit,  misshelunge,  chetzrey,  vnard- 
nung,  hjezze,  mansleg,  trunckhenhait  vnd  frashait  vnd  der  geleich; 
daz  sag  ich  ew  var,  als  ich  ews  var  gesagt  hau,  wann  welch  soel-  10 

1)  Evang.  10,  23  —  37.        2)  Brief  an  die  Galater  5,  16  —  24. 


54  STEJSKAL 

chew  tuen,  di  begieiffent  nicht  daz  reich  gotez.  awer  di  frucht 
dez  geists  ist  dew  lieb,  vrewd,  vrid,  gedult,  lanchmuetichait,  giiet, 
senftmiietichait ,  zamhait,  der  glaub,  di  msessichait,  di  ent  [98°'] 
haltung,  di  chewsch;  wider  dew  ist  nicht  dew  e. 

15  Das  ewangelij  des  selben  siuintag-es  —  sand  Lucas  ^. 

Do  lesus  gie  hintz  lerusalem ,  do  gie  er  enmitten  durch  Sama- 
ria  vnd  Galyleam.  vnd  do  er  gie  gegen  eym  casstell,  do  chomen 
im  zehen  aussetzig  mau ;  di  stuenden  ferr  vnd  ruefften  sprechund  : 
„  lesu  gepieter ,  erparm  dich  über  vns ! "     do  er  sew  sach ,  do  sprach 

20  er :  „  get  vnd  zaigt  ewch  den  priestern."  vnd  do  si  gingen ,  do 
wurden  si  gerainigt.  vnd  ir  ainr  der  di  gerainigt  waren,  der  gie 
wider  mit  lauter  stymme  vnd  lobt  got  vnd  viel  vür  sein  fuezz  vnd 
sagt  im  genad;  vnd  der  waz  ein  Samaritanus.  lesus  antwurt  vnd 
sprach  zu  im:  „nu  sind  doch  zehen  gerainigt  vnd  wo  sein  di  newn? 

25  is  sind  niclit  chomen  ir  chainr  mer,  di  got  lob  sagen,  wenn  der  ain." 
vnd  lesus  gepat  im :  „  stand  auf,  ge  hin,  dein  gelaub  hat  dich  gesunt 
gemacht." 

LVIII. 

Di  letzen  am  fünf  [98'']  tzehenten  suntag  —  Paulus  2. 

Prueder!  ob  wir  dez  geists  leben,  so  ge  wir  auch  nach  dem 
geist.  nicht  werd  wir  der  eyteln  glori  begirig ,  daz  wir  an  einander 
raitzen  oder  aneinander  neyden.  prueder!  ob  bechummert  wirt  der 
5  mensch  in  chainr  lay  misstat,  ir  di  do  geistleich  sind  leret  di  sel- 
ben ym  geist  der  senftichait  vnd  merkh  dich  selb,  dast  icht  uer- 
suecht  werdest,  ainr  dez  andern  puerd  trag ,  also  uolpringt  ir  di  e 
Christi,  wann  wer  sich  uerwaent  etwaz  sein  vnd  ist  nichts,  er 
betrewgt  sich  selben,     ein  igleicher  beswser  sein  werch  vnd  also  hat 

10  er  glori  .an  im  vnd  nicht  an  eim  andern;  wand  ein  igleicher  wirt 
sein  selbs  puerd  tragund.  is  sol  der  gemainsamen  daz  wart  der  do 
gelernet  wirt  dem,  der  in  do  lernt,  in  allen  gueten.  nicht  seit 
ierr;  got  wiert  nicht  uerspott.  wann  waz  der  mensch  sset,  daz 
sneit  er  auch,     wann  wer  sset  im  fleisch,    der  sneit  auch  von  dem 

15  fleisch  [99*]  di  zerleidung;  wer  aber  sset  in  dem  geist,  der  sneit 
aus  dem  geist  daz  ewig  leben,  nicht  geprech  wir  guettueund ;  wann 
zu  seinr  zeit  sneid  wirs  vnd  geprechen  nicht,  darum  di  weil  wir 
zeit  haben,  so  würch  wir  daz  guet  zu  allen,  awer  aller  maisi  zu 
den  hausgenassen  dez  gelauben. 

1)  Evcmg.  17,  11—19.         2)  Brief  an  die  Galater  5,  25  —  6,  10. 


W  ALTDEUTSCHE    TERIKOPEN  55 

Daz  ewaugrelij  am  siiiitag:  —  sand  Malheus '.  20 

lesus  sprach  zu  seiiin  iimgeni :  „  is  enmag  iiieint  zwain  herren 
gedienn ;  er  diiltt  ainn  viul  sma'clit  den  andoiii.  ir  miigt  nicht  got 
gedieiin  vnd  dem  rciclitum.  darum  sag  icli  ew ,  daz  ir  icht  sarget 
ewerr  sei,  waz  ir  esst,  oder  ewerm  leih,  waz  ir  an  legt,  di  sei  ist 
groezzer  denn  daz  essen  vnd  der  leib  grarzzer  denn  daz  gewant.  25 
secht  di  uogel  in  den  liiffteu !  die  Si^nt  nocli  sneident  noch  saniment 
in  ir  sta3dcl  vnd  ewr  vater  zehimel  fiicret  sew.  ier  seit  tewerr  denn 
sew.  welher  ewr  mag  gedenchen ,  daz  er  setz  zu  seiner  gewa^chst 
ainr  hant  lauch?  [99''J  vnd  warum  sargt  ir  vm  daz  gewant?  schawet 
di  lyligen  auf  dem  akher.  wie  si  wachssen!  si  usent  noch  spinnent  30 
nicht;  ich  sag  ew,  daz  Salomon  in  aller  seiner  glori  nicht  waz  als 
aine  vnder  den  allen,  ob  aber  daz  chraut,  daz  heut  ist  vnd  mar- 
gen  wirt  uerpreuuet,  got  also  michels  paz  bechlaidet  er  ew,  ir 
chlains  gelauben!  ier  sfüt  nicht  sargen  vnd  sprechen:  waz  süllen 
wir  essen  oder  trinkhen  oder  waz  leg  wir  an?  vm  daz  alles  sargent  35 
di  haiden.  ewr  vater  wais  wol,  daz  ir  dez  alls  bediirfft.  suecht 
von  erst  daz  reich  gotez  vnd  sein  rechtichait,  so  werdent  ew  dise 
allew  gegeben." 

LIX. 
Di  letzen  am  sextzehenten  -  suutagr  —  sand  PauP. 
Prueder!  ich  pitt  ew,  daz  ir  nicht  geprecht  in  meim  truebsaln 
vm  ew ,    daz   ist   ewr  glori   durch   dez  dinges  geuade.     prauch   ich 
meine  chnie  zu  dem  vater  vnsers  herren  lesu  Christi,  von  dem  allew 
vaeterleichait  chumt,  wie  di  genant  ist  in  himel  vnd  auf  erden,  daz     5 
[100"]  er  vns  geh  nach  dem  reichtum  seinr  glori  di  tugent  chreftig 
sein  durch  sein  geist  vnd  geh  Christum  wonen  mit  dem  glauben  in 
dem  inueru  menschen  in  ewern  hertzen.     in  der  lieb  seit  gewurtzt 
vnd  gegruntfestent ,  daz  ir  mügt  begreiften  mit  allen  heiligen,   waz 
sei  die  prait,  di  leng,  di  hoech,  di  tieft";   daz  ir  vv^isst  di  vurgeund  10 
lieb  der  chuust  Christi;    daz  ir  erfüllet  wert  in  alle  uollhait  gotez. 
awer  im,  der  gewaltig  ist  zetuen  uberfluzzichleicher  denn  wir  pitten 
oder  uersten  nach  der  chraft,  di  in  vns  wurcht,  ym  sey  glori  in  der 
chirchen   vnd   in  Christo  lesu  in  allew  geslaecht  von  weit  ze  weit. 
amen.  15 

Das  ewang-elij  dez  selben  suntags  —  lohannes*. 

lesus  gie  in  di  stat  Naym  vnd  sein  iunger  gingen  mit  im  vnd 
ein  michlew  menig.     do   er  nahent  zu  dem  purgtar,   do  trueg  man 

1)  Evcmg.  6,  24 — 33.      2)  Hs.  xvj.        3)  Brief  an  dieEph€ser3,  13  —  21. 
4)  Evang.  Lucce  7,  11  —  16. 


56  STEJSKAL 

einn  taden  her  aus;  der  waz  ein  ainiger  sim  seiner  mueter  vnd  di 
20  waz  ein  witib;  vnd  gie  ein  grazzew  menig  mit  ir.  do  si  vnser 
herre  er  [100'']  sach ,  do  erparmt  er  sich  über  sey  vnd  sprach  zu 
ir:  „nicht  wayu."  vnd  gie  hin  zue  vnd  ruert  in^  di  in  truegen, 
di  stuendeu  stille,  vnd  er  sprach:  „iunglinch,  ich  gepeut  dir,  stand 
auf/'  vnd  sas  der  do  tad  waz  vnd  begunde  reden,  vnd  er  gab  in 
25  seinr  mueter  wider,  si  begunden  in  all  fürchten  vnd  lobten  got 
sprechund :  ein  weissag  ist  vnder  vns  auf  gestanden  vnd  schawet  ^ 
got  sein  volkh. 

LX. 
Di  letzen  am  sibentzehenten  suntag:  —  Paulus  s. 
Prueder!    ich  man  ew  ich  gefangner  ym  herren,    daz  ir  wir- 
dichleich  get  in  der  ladung-,  do  ir  inne  geladen  seit,  mit  aller  dien- 
müetichait  vnd  seuftmuetichait ;  mit  gedult  übertragt    an  einander; 
5  in  lieb   seit   fleizzig  zu  behalten   di   ainung  des  geists  in  dem  pant 
dez  vridez.     ain  leichnam  vnd  ain  geist ,  als  ir  geladen  seit  in  ainr 
hofFnung  ewr  ladung.     ain   herr  vnd   ain   glaub  vnd   ain  tauff,    ain 
got  aller  vater,  der  über  all  vnd  durich  [101*]  all  vnd  in  vns  allen, 
der  gesegent  ist  von  weit  ze  weit.   amen. 

10  Daz  ewangelij  —  sand  Lucas^. 

lesus  gie  eins  samtztages  in  eins  fürsten  haus  der  phariseo- 
rum  ezzen  daz  prat  vnd  si  behielten  in.  vnd  waz  do  ein  mensch  var 
im,  daz  het  di  wazzersucht.  vnd  lesus  sprach  zu  den  weisen  an 
der  ee  vnd  zu  iren  pischolfen:  ,,sol  man  am  samtztag  di  lewt  gesunt 

15  machen  ? "  si  swigen.  lesus  begraif  den  wazzer  süechtigen  vnd 
macht  in  gesunt  vnd  lies  in.  do  sprach  er  zu  in :  „welchs  oechssel 
oder  essell  uellet  in  den  prunne  vnd  zeuht  in  nicht  sotzehant  her 
wider  aus  dez  samtztages?"  vnd  si  machten  nicht  da  wider  gere- 
den.    er  sprach  auch  zu  den ,  di  geladen  warn ,  ein  gleichnüzze ,  wie 

20  si  den  obristen  sitz  erweiten :  „  so  du  geladen  werdest  zu  der  wiert- 
schaft,  so  sitz  nicht  an  di  obrist  stat,  daz  leicht  ein  tewrerr  dir 
icht  ^  sey  geladen  von  ym  vnd  daz  der  icht  choem,  der  dich  vnd  in 
[101"]  geladen  hat  vnd  Sprech  zu  dir:  gib  dem  di  stat,  vnd  du 
denn  mit  schäm  müezzt  haben  di   nidrest   stat.     wenn    du   werdest 

25  geladen,  so  ginch  vnd  sitz  an  di  nidrest  stat.  so  denn  chümt  der 
dich  geladen  hat  vnd  spricht  zu  dier :  vrewnt  ginch  her  auf  paz ,  so 
hast  du  sein  er  var  den,  di  do  sitzent.  wann  wer  sich  überhoecht, 
der  wiert  genidert;  vnd  wer  sich  nidert,  der  wirt  gehoecht." 

1)    Darüber  von  jüngerer  hand  di  par.  2)   Darüber  von  jüngerer  hand 

besuchet.     3)  Brief  an  die  Epheser  4,1-6.     ■!)  Evang.  14,  1  —  11.      5)  Hs.  ich. 


ALTDEUTSCHE   PERTKOPEN 


57 


LXI. 

Di  letzen  am  achtzelienteu  snutagr  —  saud  Paul '. 

Priieder!  ich  daiich  vuserm  gott  all  zeit  viii  ew  in  der  genade 
gotes ,  di  ew  geben  ist  in  Christo  lesu ;  wann  an  allen  dingen  seit 
ir  reich  wardeu  in  im,  in  allem  wart,  in  aller  chraft;  als  di  zewg- 
DÜsse  Christi  bestaett  ist  in  ew,  also  daz  ew  nichts  geprist  in  ohainn  5 
genaden  vnd  wartt  der  offuung  vnsers  herren  lesu  Christi ,  der  auch 
ew  bestffit  vutz  an  daz  ende  an  misstat  an  dem  tag  der  zuechunft 
vnsers  herren  lesu  Christi. 

Daz  ewangelij        sand  Matheus^. 

[102*]  Is  gingen  saducey  zu  lesu  vnd  vragten  in  einr  vrag  in   10 
veisuechund:  „maister,  welchs  ist  das  maist  pot  an  der  e?"    dem 
sprach  lesus  zue:  „hab  lieb  got  deinn  herren  von  alle  deim  rauet, 
von  alle    deim  hertzen  vnd  von  aller  deinr  sei;    daz  ist  daz  maist 
vnd    daz    erst   gepot.     daz   ander   ist  dem  geleich :    hab  lieb   deinn 
nächsten  als  dich  selbe,     an  den  zwain  gepoten  hangt  gar  di  e  vnd  15 
di  weissagen."     vnd    do    sich   gesamten  di  pharisey,    do  vragt  sew 
lesus  sprechund :  „waz  uerstet  ir  von  Christ  ?  wes  sun  ist  er  ?  "     si 
sprachen:    „Dauids."     er   antburt:    „in  wie  haizzt   in   dann  Dauid: 
herr  sitz  zu  meiner  zesem  haut,  vntz  ich  geleg  dein  veint  zu  deim 
fuezzschamel?  ob  in  Dauid  haizzt  herr,  w^ie  ist  er  denn  sein  sun?"  20 
vnd  mach  iem  uiement  geantwurten   ains  warts    vnd   getarsst  auch 
an  dem  tag  in  niement  nicht  getragen. 

LXII. 
Di  letzen  =5  am  newiitzehenten  suntag-  —  sand  Paul*. 

Prueder!  wert  uernewet  mit  dem  geist  ewers  gemüetes  vnd 
1102"]  legt  an  einn  newen  menschen,  der  nach  got  geschaffen  ist 
in  gerechtichait  vnd  in  heilichait  der  warhait.  darum  legt  ab  di 
lug  vnd  redt  di  warhait  ein  igleicher  mit  seim  nächsten;  wand  wir  5 
sein  gelid  an  einander,  zuernt  vnd  siint  nicht;  di  sunn  sol  nicht 
vnder  gen  über  ewern  zarn.  nicht  gebt  stat  dem  tiefel.  der  e  ge- 
stoleu  hat,  der  stel  nu  nicht;  aber  mer  sol  er  arbaitten  mit  seinn 
hauten  vnd  würchen  daz  guet  ist,  daz  er  hab  von  dew  er  gebe  dem 
nadturft  leidunden.  10 


1)  1.  Brief  an  die  Gorinther  1,  4  —  8.    2)  Evang.  22,  35  —  46.     3)  Hs.  letz. 
4)  Brief  an  die  Epheser  4,  23  —  28. 


58 


STEJSKAL 


Daz  ewangelij  —  saiid  JSIatheusK 

lesiis  gie  in  ein  sclief  vnd  fuer  über  vnd  chom  in  sein  stat. 
vnd  prachten  vur  in  einn  pettiiseu  ligund  an  aym  pett.  do  lesus 
sach  iren  gelauben ,    do  sprach  er  zu   dem  sieben :    „  chind ,    gelaub 

15  mir,  dir  werdent  dein  simt  Hergeben."  vnd  siimleicb  scbreiber 
sprachen  wider  sich  selben:  der  abitzt.  vnd  do  lesus  verstuend  ir 
gedaench,  do  sprach  er:  „warum  gedenkht  ir  libel?  welchz  [103"]  ist 
pezzer  ze  sprechen:  dir  werden  dein  sunt  uergeben  oder  stand  auf 
vnd  ginch?  daz  ir  awer  wizzt,  daz  dez  menschen  sun  hat  auf  erden 

20  den  gewalt  zu  lazzen  di  sunt,  sprach  er  zu  dem  pettrisen:  stand 
auf  vnd  ge  in  dein  haus."  vnd  er  stuend  auf  vnd  gie  in  sein  haus, 
do  daz  di  menig  sahen,  do  farchten  si  in  vnd  lobten  got,  der 
samtann  gewalt  geit  den  menschen. 

LXIII. 

Di  letzen  am  zwaintzkisteu  suiitag  —  Paulus  2. 

Prueder!  secht  wi  ir  sicher  get,  nicht  als  di  vnwitzigen,  sun- 
der als  di  weisen ;  loest  zeit ,  wann  di  tag  sind  pcez.  darum  wert 
nicht  vnwitzig,  sunder  verstet,  welchs  sey  der  will  gotes.  vnd 
5  nicht  wert  trunken  von  wein,  in  dem  di  vnchewsch  ist,  sunder 
wert  vol  dez  heiligen  geists.  vnd  redt  mit  ew  selb  in  psalm  vnd 
loben  vnd  geistleichen  ssengen  vnd  singt  vnd  psaliert  got  in  ewern 
hertzen  vnd  dankht  got  all  zeit  vm  all  in  dem  nam  vnserr  herren 
lesu  Christi  got  vnd  dem  vater  vnd  seit  [103'']  an  einander  in  der 

10  farcht  Christi. 

Daz  ewangelij  —  Matheus^. 

lesus  redt  mit  seinn  lungern  disew  gleichnuzze:  „daz  himel- 
reich  ist  geleich  einem  chünich,  der  ein  hachtzeit  macht  seim  sun. 
vnd  saut  sein  chuecht  zu  den,    di  geladen  warn    zu  der  hachtzeit; 

15  vnd  enwolten  nicht  chcBmen,  do  sant  er  awer  ander  chnecht  aus 
sprechund :  ,,sagt  den  di  geladen  sein,  ich  hab  mein  mal  gemacht; 
mein  stier  vnd  geflvigel  sind  getoett  vnd  ist  allss  berait;  choemt 
zu  der  wiertschaft."  si  versaumtens,  vnd  gie  ainr  in  sein  darf,  der 
ander  zu  seim  markht,    di  andern  vingen  sein  chnecht  vnd    toetten 

20  sew.  do  daz  der  chunich  uernam,  do  ward  er  zarnig  vnd  sant  aus 
di  ritterschaft  vnd  verlas  dew  mansleg  vnd  uerprant  ir  stat.  do 
gepat  er  seinn  chnechten  vnd  sprach:  „di  prautlaft  ist  berait  vnd  di 
do  warn  geladen,    di  warn   sein  nicht   wierdig;    get  zu  den  wegen 

1)  Evang.9,  1  —  8.  2)  Brief  an  die  Ephesero,  15  —  21.  3)  Evang. 

22,  1-^14. 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN  59 

vnd  swen  ir  vint,  den  Inert  lier  in."  di  chnecht  gingen  aus  vnd  sam- 
ten [104*]  alle  di  si  funden,  poe/  vnd  guet;  vnd  wurden  erfüllet  di  25 
gesidel.  do  gie  der  chunich  in,  daz  er  gesa-ch  di  sitzunden,  vnd 
sach  do  ainn  menschen ,  der  was  nicht  gechlaidet  mit  hachtzeitlei- 
chem  gewant.  vnd  er  sprach  zu  im:  ,,vrewnt,  wie  pistu  lier  in  chce- 
men  vnd  liast  nicht  hochtzeitleich  gewant."  vnd  er  erstumpt.  do 
sprach  der  chünig  zu  den  dienajrn:  „mit  gepunden  tuezzen  vnd  hen-  30 
ten  werfft  in  in  di  aussrest  vinster,  do  wirt  wainn  vnd  grisgramen 
der  zend.     vil  sind  geladen,  awer  wenich  sein  der  erweiten." 

LXIV. 

Di  letzen  am  ains  vud  zwaintzkisteii  suntag-  —  saiid  Paul'. 

Prneder!  wert  chreftigt  im  herren  vnd  in  dem  gewalt  seinr 
tugent.  legt  ew  an  di  waffen  gotez,  daz  ir  mügt  gesten  wider  di 
nachsetzung  dez  tiefeis ;  wann  is  ist  nicht  zeringen  wider  daz  vleisch 
vnd  daz  pluet,  sunder  wider  di  fürsten  vnd  di  geweitiger,  wider  di  5 
ardner  der  weit  vnd  dierr  vinster,  [104'']  wider  di  geistleichen  schalk- 
hait  in  den  himeln.  darum  nemt  di  waflfen  gotes,  daz  ir  mugt 
widersten  an  dem  poeseu  tag  vnd  in  allen  dingen  uolchomen  sten. 
stet  geguertt  an  ewern  leichnaraen  in  warhait,  angelegt  di  platten 
der  rechtichait  vnd  geschuecht  an  ewern  füezzen  in  di  beraittung  10 
dez  ewangelij  dez  vrydes ;  nemt  in  allen  den  schilt  dez  gelauben ,  in 
dem  ir  mügt  alle  fewreiue  geschoz  dez  schalkhsestigisten  erleschen; 
vnd  den  heim  dez  bailes  nemt  vnd  daz  swert  dez  geists,  daz  ist 
daz  gotswart. 

Daz  ewangelij  —  sand  lohatmes^.  15 

Is  was  ein  chünigel  ze  Capharnaum,  dez  sun  waz  siech,  do 
der  hart,  daz  lesus  chom  von  ludea  her  zu  Galylee,  do  gie  er  zu 
im  vnd  pat  in,  daz  er  dar  chaim  vnd  seinn  sun  gesunt  machte; 
wann  der  wolt  alebenst  sterben.  lesus  sprach  zu  iem;  ,,nuer  ir 
secht  denn  zaichen  vnd  wunder,  ir  gelaubt  anders  nicht."  dez  ant-  20 
wurt  im  [105"]  der  chunich:  „herr,  chüm  e  mein  sun  sterwe."  do 
sprach  lesus:  ,,gincb,  dein  sun  der  lebt."  er  gelaubts,  als  im  lesus 
gesagt  het,  vnd  gie  haim.  do  er  nahent,  da  leuffen  im  engegen  sein 
diener  vnd  sagten  im:  „dein  sun  ist  genesen."  er  vragt  sew:  ,,zu 
welher  zeit  hat  er  sich  gepezzert?"  si  antwurteu  im:  „gestern  au  25 
der  sibenten  weil,  do  lie  in  daz  vieber."  do  erchant  der  vater, 
daz  is  di  zeit  waz,  do  zu  im  lesus  sprach:  „dein  sun  ist  genesen." 
vud  gelaubt  er  vnd  all  sein  haus. 

1)  Brief  an  die  Epheser  6 ,  10  —  17.        2)  Evang.  4  ,  46  — 53. 


60 


LXV. 

Di  letzen  am  zwai  vnd  zwaintzkisten '  suntag  —  sand  Paul  2. 

Priieder!  wir  gedingen  im  herren  lesu,  der  in  ew  angefangen 
hat  daz  guet  werch,  das  er  is  volpring  vntz  an  den  tag  Christi 
lesu;  als  mir  daz  gerecht  ist  enphinden  vm  ewch  all  darum,  daz 
5  ich  ew  hau  in  dem  hertzen  vnd  in  meinn  panten  vnd  in  dem  scberm 
vnd  hestaettung  dez  ewangelij,  vnd  gesellen  meinr  frewden  wil  [105"] 
ich  ew  all  sein,  got  der  ist  mir  zewg,  wie  ich  ewr  beger  in  der 
innerchait  Christi  lesu.  vnd  dez  pitt  ich,  daz  ewr  lieb  mer  vnd 
mer  genueg  in  chunst  vnd  in  allem  sinne,  daz  ir  bewaert  di  pez- 
10  zern,  daz  ir  seit  slechtmüetig  vnd  an  laidigung  an  dem  tag  Christi 
vol  der  frucht  der  gerechtichait  durch  lesum  Christum  in  glori  vnd 
lob  gotez. 

Daz  ewangrelij  —  sand  Matheus^. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern  disew  gleichnüzz:  „daz  himel- 

15  reich  ist  geleich  eim  chünich ,  der  wolt  raittung  haben  mit  seinn 
chnechten.  do  er  begunde  raitten,  do  pracht  man  yra  a^ynn,  der 
solt  zehen  tausent  phunt.  do  er  nicht  het,  daz  er  uergult,  do  hiez 
in  sein  herre  uerchauften  vnd  sein  haussfrauu  vnd  sein  sün  vnd 
alles  daz  er  het  vnd  hies  in^  gesten.     do  viel   der  chnecht  viir  in 

20  vnd  pat  in  vnd  sprach :  „wis  mir  gensedig ,  ich  gilt  dir  is  alles."  der 
herr  erparmt  sich  über  den  chnecht  vnd  lie  in  vnd  uergab  im  auch 
daz  gelt,  vnd  do  er  heraus  [106"]  chom  von  dem  herren,  do  vand 
er  ainn  seinr  mitchnecht,  der  solt  im  hundert  phening.  den  vie  er 
vnd  drosselt  in  vnd  sprach :    „  gilt  daz    du   mir   solt."     er   viel  für 

25  in  vnd  pat  in  vnd  sprach :  „wis  mir  genaedig ,  ich  gilt  dir  is  alles." 
do  enwolt  er  sein  nicht  tuen  vnd  warf  in  in  den  charicher ,  vntz  er 
im  vergulte.  do  daz  di  andern  sahen ,  do  wurden  si  traurig  vnd 
gingen  zu  dem  herren  vnd  sagten  ims  allez,  wie  is  ergangen  wa^r.^ 
do  lued  in  der  herr  vnd  sprach:  „schalkhafter  chnecht,   ich  lie  dir 

30  allez  das  gelt,  daz  du  mir  soldest,  wann  du  mich  sein  psett.  warum 
erparmstu  dich  nicht  über  deinn  mitchnecht,  als  ich  mich  erparmt 
über  dich?"  vnd  sein  herr  ward  zarnig  vnd  gab  in  den  weitzigern, 
vntz  er  wider  gsebe  daz  gelt  alles,  alsam  tuet  auch  ewr  himlischer 
vater,   ob  ewer  igleicher  nicht  uergeit  seim   prueder  von  alle  seim 

35  hertzen." 

1)  Hs.  zweliften.         2)  Brief  an  die  Philixiper  1,6  — 11.         3)  Evang.  18, 
23  -  35.       4)  Hs.  ein.       5)  Hs.  w'. 


ALTDEUTSCHE    VERIKOPEN  61 

LXVI. 
Di  letzeu  am  drei  vnd  zwaintzkiMten '  suiitag-  —  Paulus'^. 

Prüeder!  mein  uaclifolger  seit  vud  behalt  sew  [106''J  di  nicht 
also  geilt,  als  ir  habt  vnser  pilde.  wann  ir  vilgent,  di  ich  evv  dikh 
gesagt  hau  vnd  nu  sag  ich  ews  wainuud,  di  feint  der  chrewtz  Chri- 
sti; der  ende  ist  di  verderbnüzze,  der  got  auch  der  pauch  ist;  der  5 
glori  ist  in  diser  schendung,  dew  ierdischew  uerstent.  awer  vnser 
wandel  ist  in  dem  hinieln,  von  dew  wartt  wir  auch  vnsers  hailants 
dez  herren  Jesu  Christi,  der  wider  pracht  hat  den  leichuam  vnserr 
dieniüetichait,  geleich  gestalt  dem  leichnam  seinr  chlarhait  nach 
dem  werch ,  do  er  in  auch  alle  dinch  mag  vndertau  gemachen  Jesus  10 
Christus  vnser  herre. 

Daz  ewaugelij  —  saud  MatheusK 

Der  luden  pischolf  gingen  zerat  mit  einander,  daz  si  lesum 
viengen  an  der  rede,  vnd  sauten  im  sein  iunger  mit  Herodez  poten 
sprechund:  „maister,  wir  wizzen  wol,  daz  du  warhaft  pist  vnd  15 
lerest  den  weg  gotes  in  der  warhait  vud  fürchtest  niement;  wann 
du  siechst  nicht  an  di  person  der  menschen.  [107*]  sag  vns,  waz 
dunkht  dich  recht:  sol  mau  zius  geben  dem  chaiser  oder  nicht?" 
do  lesus  erchant  ir  poez  gedanch ,  do  sprach  er :  „wez  uersuecht  ir 
mich,  gleichsner?  zaigt  mir  daz  pra^kh  dez  zins."  vnd  si  prachten  20 
im  einn  phening.  do  sprach  lesus  zu  in :  „wez  ist  daz  pild  vnd  di 
Überschrift?"  si  sprahen:  „dez  chaisers."  do  antwurt  er  in:  „gebt 
dem  chaiser,  daz  dez  chaisers  sei,  vud  got,  daz  gotes  sey," 

LXVII. 

Di  letzeu  am  vier  vnd  zwaiutzkisteii  suutag  —  sand  P'dulK 

Prüeder !  wir  hcern  nicht  zepitten  vnd  zefaderu  vm  ew ,  daz  ir 
erfüllet  wert  der  erchantnüzze  dez  willen  gots  in  aller  weishait  vnd 
geistleicher  verstentichait ;  daz  ir  wirdichleich  get  vnd  got  in  allen 
dingen  gefallt;  daz  ir  frucht  pringt  in  allen  gueten  werchen  vnd  5 
daz  ir  wachst  in  gcetleicher  chunst  vnd  in  allen  tugenten  bestsett 
wert  nach  der  chraft  seinr  chlarhait  in  aller  gedult  vud  lanchmüe- 
tichait  mit  frewden;  daz  ir  dankht  [107'']  got  dem  vater,  der  vns 
wirdig  hat  gemacht  au  dem  tail  dez  gelükhs  in  dem  Hecht  der  hei- 
ligen, der  vns  hat  geloest  von  dem  gewalt  der  vinster  vnd  hat  vns  lu 

1)  Hs.  xnj ,  vorn  ein  x  ausradiert.      2)  Brief  an  die  PhilipparS,  17 — 4,  3. 
3)  Evany.  22,  15  —  21.        4)  Brief  an  die  Colosserl,  9  — 14. 


62  steJskal 

gefuert  in   daz  reich  des  suns  seiner  lieb,   in  dem  wir  haben  erla- 
sung vnd  antlaz  der  sunten. 

Daz  ewang'elij  dez  selbeii  suntags  —  Matheus^. 

Do  lesus  redt  mit  der  menig ,  do  gie  ein  fürsst  vnd  pat  in  an 

15  sprechnnd:  „herr,  mein  tachter  ist  mi  tad;  chum  dar  vnd  leg  dein 

hant  auf  sey,   so  wirt  si  lemtig."     lesus  der  gie  nach  im  vnd  sein 

iunger.     vnd    ein   weih,    di  daz  pluet  gehabt   het  zwelf  iar,    di  gie 

hinderwertez  zu  im  vnd  berüert  den  säum  seins  gewantes  vnd  sprach 

wider  sich  selb:    ob   ich  nner   rfter   sein    gewant,    ich  wird  gesunt. 

20  do  chert  sich  lesus  vm  vnd  do  er  sey  ersach,   do  sprach  er  zu  ir: 

„tachter,  wis  gewis,  dein  gelaub  hat  dich  gesunt  gemacht." 

Das  sein  di  letzen  -  vnd  ewangelij  von  den  heiligen. 

LXVIII. 
Di  letzen  zu  der  liechtmezz  —  Malachie^'. 

[108"]  Dew  spricht  der  herre:  nim  war,  ich  sent  meiuu  engel 
vnd  er  beraitt  den  weg  var  meim  autlütz.  vnd  zehaut  chumt  zu 
seim  tempel  der  herscher  der  herr,  den  ir  suecht  vnd  der  engel 
5  dez  gesch^efts,  den  ir  weit,  vnd  er  ist  choemen,  spricht  der  herre 
dez  volkhs.  vnd  wer  mag  gedenchen  des  tages  seinr  zuechunft  vnd 
wer  stet  in  zesehen?  wann  er  ist  als  ein  zesamm  plasund  fewr  vnd 
als  ein  chraut  der  verbser  vnd  er  wiert  setzund  zesamm  plasund 
vnd  raiuigund  daz  silber,  vnd  chert  di  sim  Leui  vnd  seicht  &ew 
als  daz  gold  vnd  daz  silber;  vnd  si  werdent  ophern  dem  herren  in 
10  gerechtichait.  vnd  is  wiert  dem  herreu  gefallen  daz  opher  luda  vnd 
Jerusalem  als  di  tag  der  weit  vnd  als  di  ewigen  iar,  spricht  der 
allmsechtig  herre. 

Daz  ewang'elij  —  Lucas''. 

Do  erfült  wurden  di  tag  Marie,  daz  si  gerainigt  werden  sold 
15  nach  der  e  Moysi,  do  prach  [108"]  ten  si  in  ze  Jerusalem,  daz  si 
in  do  stalten  var  got,  als  do  geschribeu  ist  an  der  e:  wand  ein 
igleicher,  der  von  der  mueter  dez  ersten  sey  geparn,  sol  heilig 
gehaissen  von  got;  vnd  daz  auch  si  prsechten,  als  geschribeu  wasr^ 
an  der  e,  zwo  gurteltauben  oder  zway  hüendel  der  tauben,  ia 
20  waz  auch  ein  mensch  ze  Jerusalem  ,  der  hies  Symeon ,  vnd  der  waz 
gerecht  vnd  farcht  got  vnd  wartt  dez  trastes  Israel  vnd  waz  mit 
im  der  heilig  geist.  vnd  eiiphie  di  antwurt  vom  heiligen  geist,  daz 
er  nicht  sturb ,    er  ssech  e  Christ,     vnd   chom   in  dem  geist  in  den 

1)  Evany.  9,  18—26.       2)  Hs.  letz.       'S)  3,  1—4.      4)  Evang.  2,  22—32. 
5)  Hs.  w\ 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN  63 

tempel;  vnd  daz  si  do  in  fuerten  daz  chind  lesum  seine  frewnt,  daz 
si  vm  in  teten  nach  der  gewonhait  der  e,  do  nam  in  Symeon  au  25 
seinn  arm  vnd  lobt  got  vnd  sprach:  „  nu  la,  herr,  deinn  chnecht 
nacli  deinem  wart  in  vryd;  wann  mein  äugen  habeut  gesehen  dein 
hail ,  daz  du  gemacht  (109*|hast  zu  angesicht  aller  weit,  ein  offen 
Hecht  der  haiden  vnd  ein  glori  deins  volkhs  Israel." 

Lxrx. 

Di  letzen  /u  der  chiiuduug^        Ezechielis'. 

In  den  tagen  is  ist  geschehen  über  mich  di  haut  dez  herren 
vnd  laitt  mich  aus  in  gesiebten  in  dew  erd  Israel  vnd  lie  mich  auf 
einu  über  haben  perkh,  auf  dem  waz  sani  ein  paw  einr  stat,  di 
sich  gechert  biet  gegen  dem  asterlaut;  vnd  füert  mich  do  selb  hin  5 
iu  vnd  ich  chert  mich  zu  dem  tar,  daz  do  sach  gen  Orient,  vnd  is 
waz  beslozzen.  vnd  der  herr  sprach  zu  mir:  daz  tar  wiert  besloz- 
zen ;  is  wiert  nicht  auf  getau  vnd  chain  man  get  durch  is,  wann 
der  herr  got  Israel  ist  in  gegangen  durch  is;  vnd  wirt  beslozzen 
den  fürssten.  der  fürst  selb  sitzt  iu  im,  daz  er  esse  daz  prat  var  10 
dem  herreu;  durch  den  weg  dez  vartars  dez  tares  get  er  in  vnd 
durch  sein  weg  get  er  aus. 

Daz  ewaiigelij  zder  chüuduug  —  Lucam  ^. 

[109^]  Is  ist  gesaut  von  got  ein  eugel  Gabriel  in  di  stat  Galy- 
lee,  di  genant  ist  Nazareth ,  zu  einr  magt,  di  wer  gemahelt  eim  15 
manne,  dez  nam  waz  Yoseph  von  Dauids  haus;  vnd  di  magt  hiez 
Maria,  vnd  do  der  engel  waz  in  gegangen  zu  ir,  do  sprach  er: 
„gegrüezzt  seistu  volle  geuaden ,  der  herr  ist  mit  dir;  gesegent  pistu 
vnder  allen  weihen."  do  daz  di  magt  erhart,  do  ward  si  betruebt 
von  seinr  rede  vnd  gedacht ,  wietau  der  gruez  weer  ^  do  sprach  20 
der  eugel  zu  ir:  „fiircbt  dir  nicht,  Maria,  wann  du  hast  funden 
geuade  peym  herren.  nu  siech,  du  enphechst  vnd  gepierst  einn 
sun  vnd  du  haizzt  seinn  uam  lesu.  er  wirt  graz  vnd  wirt  genant 
dez  hoechsten  sun;  vnd  geit  dem  got  den  stuel  Dauids  seines  vater; 
vnd  reichseut  in  dem  haus  lacob  ewichleich  vnd  seins  reiches  wiert  25 
nicht  ende."  do  sprach  Maria  zu  dem  engel:  „wie  mag  daz  gesein, 
wann  ich  bechenn  chainn  man?"  do  antburt  der  engel  vnd  sprach: 
„  der  heilig  geist  chumt  iu  dich  vnd  dez  aller  hoechsten  tugent  wirt 
dich  vm  schatten;  vnd  daz  in  dir  geparn  wirt,  daz  wirt  genant 
lesus.     vnd  siech  Elysabeth  dein  muem ,  di  hat  enphangen  einn  suu  30 

1)  44,  1  —  3.         2)  Evang.  1,  16  —  38.        3)  Hs.  w*. 


64  STEJSKAL 

in  irem  alter  vnd  der  moneid  ist  der  sext  der ,  di  genaut  ist  vnper- 
haft;  wann  is  wirt  nicht  vnmngleich  pey  got  ein  igleich  wart." 

LXX. 

Di  letzeu  au  sand  Philipp  und  saud  lacobs  tag  au  der  weisbeit  puech  K 

Is  werdent  sten  di  gerechten  in  grazzer  staetichait  wider  die, 
di  sew  gesengstigt  habent  vnd  di  in  ab  geprochen  habeiit  ir  arbait. 
wenn  sy  is  sehent,  so  werdent  si  betruebt  mit  scliewtzleicher  farcht 
5  vnd  werdent  sich  wnudrund  der  snellchait  dez  vngedingten  hailes 
vnd  werdent  sprechund  [110'']  in  in  selb  rewig  vnd  chlagund  var 
angsten  des  geists:  daz  sind  die,  di  wier  etwenn  in  spot  haben  ge- 
habt vnd  in  gleichnnzz  dez  itwizz.  wir  vnsinnigen  achtseten  ir 
leben  toerhaft  vnd  ir  ende  an  ere.  nemt  war,  wie  si  sind  getzalt 
10  vnder  den  sünn  gotez  vnd  vnder  den  heiligen  ist  ir  tail! 

LXXI. 
Au  saud  loliauues  tag  zesuiubeuteu  di  letzen  —  Esayas'^. 

Dew  spricht  der  herre:  beert  ir  inssel  vnd  merkht  ir  ferrew 
nolkh!  der  herr  hat  mir  gerüefft  von  der  wamp,  von  dem  pauch 
meinr  mneter  vnd  han  gedacht  meins  namens,  vnd  hat  mich  gesatzt 
5  als  ein  scharffes  swert;  in  dem  schadt  seinr  hant  hat  er  mich  be- 
schirmet vnd  hat  mich  gesatzt  als  ein  erweit  geschos,  in  seim  cho- 
cher  hat  er  mich  nerpargen.  vnd  sprach  zn  mier:  mein  chnecbt 
pistu,  Israel;  wand  in  dir  wierd  ich  gewierdigt.  vnd  nu  spricht 
[111"]  der  herr,  dew  formnnd  mich  von  dem  panch  im  zu  eim  die- 
10  ner:  ich  han  dich  in  ein  liecht  der  diet,  daz  dn  seist  mein  hail 
vntz  an  daz  ende  der  erden,  di  chnnich  werdent  is  sehent  vnd  di 
fursten  werdent  auf  sten  vnd  werdent  an  petten  den  herren  deinn 
got  vnd  den  heiligen  Israel,  der  dich  erweit  hat. 

m 

Daz  ewangelij  dez  selbeu  tag-ez  —  sand  Lueam''. 

15  Do  di  zeit  Elisabet,  daz  si  gepern  sol,  de  waz  erfüllet  vnd  si 

gepar  einn  snn.  do  daz  ir  nachpaurn  vnd  ir  vrennt  ueruamen,  daz 
vnser  herr  sein  parmnng  biet  begangen,  dez  sagten  si  im  genade. 
vnd  am  achten  tag  do  chomen  si  zu  besneiden  daz  chind  vnd  hies- 
sen  in  nach  seim  vater  Zachariam.     vnd  sein  mueter  antwurt  spre- 

20  chund :  „vnr  uams  nicht,  er  sol  haizzen  lohaunes."  vnd  si  spra- 
chen zu  ir:  „nu  ist  niement  in  deim  gesiecht,  der  also  haizz." 
vnd  [111*"]  winkht  seim  vater,  wie  er  in  sold  nennen,  vnd  hiez  im 

1)  5,  1  —  5.        2)  49,  1—3.  5  —  1.        3)  Evang.  i,  57  — GS. 


AI.TDRL'TSCHK    PKKIKOPEN  65 

geben  einn  peinsel  viul  scliraib:  lohannes  ist  sein  naino.  vnd  wun- 
dert sew  dez  all.  sotzeliant  ward  auf  getan  sein  niund  vnd  sein 
zung  vnd  lobt  got.  daz  erayscliton  sein  nachpaiiien  vnd  erschullen  25 
alle  disew  Avart  in  der  iudischait  vnd  alle,  dew  daz  uernanien,  di 
betracbteii  in  ir  hertzen  spreclmnd:  „wen  wjent  ir,  daz  ditz  cbind 
werdV  werleicli  di  genade  dez  heiligen  geists  di  ist  mit  im."  vnd 
Zac.barias  sein  vater  ward  erfüllet  wit  dem  heiligen  geist  vnd  weis- 
sagt spreclinnd :  „gesegent  sey  got  Israel,  wand  er  bat  gebaim-  30 
suecht  vnd  bat  geniacbt  erledigung  seins  uolkhs." 

LXXII. 

Di  letzen  an  saud  Peters  tag  an  der  zwelf  poten  puech  *. 

In  den  tagen  is  sant  der  cbnnicb  Herodez  diener,  daz  er  puez- 
zjpt  etleicb  aus  der  cbircben.     vnd  er  tcett  lacobum ,  Johannes  prue- 
der,  mit  dem  svvert.     do  er  sach ,  daz  is  den  luden  gefiel,  do  [112*] 
legt  ir  zue  auch  Petrum  zefaheu.     is  warn  di  tag  derbes  prates.    do     5 
er  in  gehe,    do  sant  er  in   inn  charcher  vnd   gab  in  vierstuud  vier 
rittern  zehüeten ;   vnd    wolt  in    nach    astern  vür   fueren  dem  folkh. 
vnd  Petrus  ward  behalten  in  dem  charcher ;  vnd  gepet  geschach  an 
vnderlas  von   der  chircheu    zu    got  vm  in.     vnd  do  Herodes  in  nu 
gedacht  vür  zefüeren,  in  der  nacht  waz  Petrus  slaffund  vnder  zwain  10 
rittern  gefangner  mit  zwain  cheten  vnd  di  hüetter  var  der  tür  hüet- 
taten  dez  charcher.     vnd  nemt  war,    der    engel   des  herren  stueud 
im  pey  vnd  ein  Hecht  erschain   in  der  wonung  dez   charicher;   vnd 
slueg   di   seytten    Petri  vnd  wekht   in  sprechund :    stand  auf  snell ! 
vnd  is  viellen  di  cheten  von  seinen  heuten  vnd  is  sprach  der  engel   15 
zu:    „wird  gegiiertt  vnd    schüech    dich   mit    deinn  hosen."     vnd  er 
tets  also  vnd  er  sprach  zu  im:  „vm  gib  dich  mit  deim  [112'']  gewant 
vnd  volg  mir  nach."    er  gie  aus  vnd  volgt  im  nach  vnd  wezzt  nicht, 
wand  is  war  waz,  daz  do  geschach  durch  den  engel;  er  want  sich 
ein  gesiebte  sehen,     do  si  durch  gingen  di  erst  vnd  di  ander  huet,  20 
do  chomens  zu  dem  eysnein  tar,  daz  do  leit  zu  der  stat.     daz  ward 
in  auch  offen,  vnd  do  si  aus  geund  vürgingen  ain  gazzen,  zehant  do 
entwaich   der   engel    von   im.     vnd  Petrus   zu    im  selb  wider  chom, 
do  sprach  er:   „  nu  waiz    ich   werleich,   wann  der  herr   gesaut  hat 
seinn   engel  vnd    hat  mich  geloest  von    der  haut  Herodes    vnd   aus  25 
aller  warttung  des  iüdischen  volkhs." 

1)  Apostelgesch.  12 ,  1  —  11. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  O 


66  STEJSKAL 

Daz  ewaug^elij  au  saud  Peters  tag-  —  Matheus^. 

lesus  chom  in  daz  laut  Cesarie  Philippi  vnd  vragt  sein  iun- 
ger  sprechund :  „  wen  haizzen  di  lewt  dez  menschen  sun  ? "   si  ant- 

30  wurtten  im  vnd  sprachen:  „siimleich  lohannem  den  tauffer,  etleich 
Helyanij  di  andern  leremiam ,  oder  einn  weis  [113"]  sagen."  do 
sprach  er  zu  in:  „wen  haizzt  aber  ir  mich?"  do  antwurfc  im  8j- 
mon  Petrus :  „  du  pist  Christ ,  dez  lemtigen  gotez  sun.''  dem  ant- 
wurt  lesus  vnd  sprach  zu  im :  „  du  pist  salig  Symon  Bariona ;  waun 

35  is  dir  weder  fleisch  noch  pluet  geoffent  hat,  sunder  mein  vater,  der 

ze  himel  ist.     vnd  ich  sag  auch  dir,   daz    du    pist  Petrus   vnd    auf 

disen  stain  paw  ich  mein  christenhait  vnd   di  helle  parten  gesigent 

.  dir  nicht  an;    vnd  gib  dir  di  slüzzel  dez  himels;  vnd  swaz  du  pin- 

test  auf  der  erden,   daz  wiert  auch  gepunten  zehimel  vnd  swaz  du 

40  loesest  auf  erden,  daz  wirt  auch  gelcest  zehimel." 

LXXIII. 

An  saud  Pauls  tag-  di  letzeu  schreibt  saud  Paul"^. 

Prueder!  ich  mach  ew  chund  daz  ewangelij,  daz  geewangeli- 
siert  ist  von  mir,  wann  is  ist  nicht  nach  dem  menschen;  noch  ich 
hau  is  genomen  von  den  menschen  [113'']  noch  gelernt,  sunder  durch 
5  di  Öffnung  lesu  Christi,  ir  habt  uernomen  meinn  wandel  etwann 
in  der  iüdischait,  wie  ich  über  di  mazz  lechtat  di  chirchen  gotez 
vnd  erstrait  sey ;  vnd  lert  in  der  iüdischait  über  vil  meinr  genazzeu 
in  meim  geshecht  vnd  waz  genuegleicher  ein  nachuolger  meinr 
vaeterleichen  aufssetz.     awer  do    is   im  gefiel,    der  mich   geschaiden 

10  hat  aus  dem  pauch  meinr  mueter  vnd  mich  lued  durch  sein  genad, 
daz  er  ofnset  seinn  sun  in  mir,  daz  ich  den  prediga^t  in  den  dieteu, 
zehant  do  uolgat  ich  weder  dem  vleisch  noch  dem  pluet;  noch  ich 
chom  gen  lerusaleni  zu  meinn  vargea3renden  poten,  sundei^  ich 
gie  in  Arabiam  vnd   cham  awer  wider  in  Damasco.     do  nach  nach 

15  drein  iaren  cham  ich  gen  Jerusalem  Petrum  zesehen  vnd  belaib  pey 
im  fünftzelien  tag.  aber  chainn  andern  poten  sach  ich  nicht  nur 
lacobum,  dez  herren  prueder.  awer  waz  [114*]  ich  ew  schreib, 
nemt  war,  var  got  ich  lewg  nicht. 

Das  ewangelij  —  sancl  Matheus^. 

20  Symon  Petrus   sprach   zu  lesum:    „wir  haben  allew  alle  vns- 

rew  güeter  lassen  vnd  haben  dir  nach  gefolget;    waz  geist  du  vns 

1)  Evang.16,  13  —  19.       2)  Brief  an  die  Galater  1,  11—20.       3)  Evang. 
19,  27  —  29. 


ALTDEUTSCHli:    PERIKOPEN  67 

darum?"  Jesus  sprach  zu  iu:  „werleicli  ich  sagew,  daz  ir  mir  habt 
gelbiget,  au  dem  iuugisteu  tag,  so  dez  meuscheu  suu  sitzt  auf  dem 
stuel  seiur  mageuclirefte ,  so  sitzt  aucli  ir  auf  den  zwelif  stüelen 
urtailn  di  zweit"  gesla?cht  von  Israel,  vud  swer  la^t  haus  oder  vater  25 
oder  mueter  oder  weib  oder  chiud  oder  a'kher  dunli  meiuu  willeu, 
der  uymt  is  hundertfaltigs  wider  vud  besitzt  daz  ewig  leben." 

LXXIV. 
Di  letzen  au  saiul  Maria  Mag-daleu  tag-  an  der  weisluiit  imecli '. 

In  lueim  petlein  duich  di  nacht  lum  ich  gesuehet,  den  mein 
sei  lieb  hat;  ich  hau  in  gesuecht  vud  hau  sein  nicht  funden.  ich 
steu  auf  vud  vnigen  di  stat  suechund,  den  lieb  hat  mein  sei.  mich 
funden  [117'']  di  wachter,  di  der  stat  hüetten.  habt  ir  icht  geseheu,  5 
den  do  lieb  hat  meiu  sei?  vnd  is  geschach,  do  ich  sew  durch  gan- 
gen het,  do  fand  ich,  den  do  lieb  hat  mein  sei.  ich  hielt  in  vnd 
lazz  sein  nicht,  vntz  daz  ich  in  in  laitt  in  daz  haus  meiner  mueter 
vud  in  di  slaf  chamer  meiner  gepera^rinn. 

Das  eivcmgeUj  —  smid  Lucas '^.  JO 

Is  pat  lesum  ein  phariseus,    daz  er  mit  im  a?sse;    vnd  er  gie 
iu  sein  haus,     vnd  ein  weib,    di  waz  in  der  stat  ein  süuterinn,    als 
si  erhart,    daz    Jesus  gesazzen  waz   in  dem  haus   dez  pharysei,    do 
pracht  si  ein  edlew  salben  vnd  stuend  hinder  in  pei   seinu  füezzen 
vnd  begunde   twahen   sein   fuezz   mit  ireu  zsehern  vud  tn'ikent  sew  15 
mit  irm  har  vnd  salbet  sew  mit  der  salben,     do  daz  der  phariseus 
sach,    der  in  het  geladen,   do  sprach  er  wider  sich  selben:    ob  der 
wser^  ein  weissag,  so  wesst  er  wol,  wer  oder  wie  ditz  weib  w;er^, 
di  in  do  an  rüert,   daz  is  ein  süuterinn  [115"]  ist.     dez  antwurt  im 
lesus  vud  sprach :  „Synion,  ich  hau  dir  etwaz  zesagen."     do  sprach  20 
er:  „maister,  sag  dar,"    „zwen  gelter  warn  schuldig  eini  wuecher; 
ainr  solt  im  fümf hundert  phunt,    der  ander  fünftzkew.     do  si  nicht 
beten,    do  mit   si  im  vergulten,   do  uergab  ers  ir  ietwedrem.     wer 
het  in  lieber?"   do  antwurt  Symon  vnd  sprach :  „ich  w»n  der,  dem 
mer  uergeben  ist."     er  sprach:    „du  hast  recht  ertailt."    vnd  chert  25 
sich  zu  dem  weib  sprechuud  zuSymonem:  „siechstu  daz  weib?  ich 
gie  iu  dein  haus;   du  dwuegt  nicht  mein  fuezz,   aber  si  twueg  sew 
mit  irn  zaBhern  vud  trükhent   sew  mit  irem  har;    du  ga^bd  mir  nie 
daz  psetz,  awer  si  liez  nicht,  si  chusst  mein  fuezz;  mein  haubt  salp- 
testu  nicht  mit  oel,  di  salbet  awer  is  mit  edler  salben;  wann  si  hat  30 

1)  Hohelied  3,1  —  4.        2)  Evang.  7,  30—50.        3)  Hs.  w*. 

r,  * 


68  STEJSKAL 

vil  lieb  gehabt,  flaruni  sag  icli  dir,  ir  wirt  uergebeu  vil  siiiiden." 
do  sprachen  di  mitessiier  in  in  selben :  wer  ist  der  auch  sunt  uer- 
geit?  [115'']  do  sprach  er  zu  dem  weih:  „dein  gelaub  hat  dich  hail 
gemacht ;  ge  mit  vryd  ! " 

LXXV. 
Daz  CAvaug-elij  an  riiser  vraMii  tag:  zu  der  schiduug-  —  Lucam*. 

lesus  gie  in  ein  casstell  vnd  ein  weib  enphie  in  in  ir  haus ; 
di  hies  Martha,  di  het  ein  swester,  di  genant  waz  Maria,  di  saz 
auch  pey  dez  herren  füezzen  vnd  hart  sein  wart.  Martha  di  vlais 
5  sich  vm  den  eutzigen  dienst,  di  stuend  vnd  sprach:  „lierr,  du 
euruechst,  daz  mich  mein  swester  Iset  alain  dienn ;  gepeut  ir,  daz  si 
mir  helff."  dez  antwurt  ir  lesus  vnd  sprach:  „Martha,  Martha,  du 
sargest  vnd  betruebest  dich  von  manich  dinch.  ains  ist  doch  dürf- 
tig. Maria  hat  erweit  den  pesten  tail ,  daz  auch  ir  nicht  benomen 
10  wirt." 

LXXVI. 

Daz  ewangelij  an  saiid  Michels  tag-  —  saiid  Matlieus^. 

Dew  iunger  gingen  zu  lesum  vnd  sprachen:  „wer  ist  der 
merer  in  dem  himelreich?"  do  rief  lesus  einen  chind  zu  im  vnd 
stelt  is  enmitten  [116*]  vnder  sew  vnd  sprach:  „werleich  ich  sag  ew, 
5  ir  uerchert  ew  denn  vnd  wert  als  daz  chind,  ir  chojmt  nicht  in 
daz  reich  gotez.  wer  sich  dienmüetigt  als  das  chind,  der  ist  der 
merer  in  dem  himelreich,  vnd  wer  enphrecht  einn  samleichen  in 
meim  namen ,  der  enphrecht  mich,  wer  awer  ergert  aynn  der  weni- 
gen,    di  an  mich  gelaubent,    daz   ist   pilleich,    daz  man  dem  hach 

10  einn  mülstain  an  sainn  hals  vnd  sench  in  in  di  tieff  des  meres.  we 
der  weit  var  ergernüzz!  is  muez  sein,  daz  chcem  ergernuzz;  we 
awer  dem  menschen,  von  dem  ergrunde  chümt!  ob  awer  dein  haut 
oder  dein  fuez  dich  ergert,  sneid  in  ab  vnd  wierf  in  von  dir;  dir 
ist  pezzer  an  haut  oder  au  fuez  zechomen  in  daz   ewig  leben  denn 

15  mit  zwain  heuten  oder  mit  zwain  füezzen  chomen  in  daz  ewig  fewer. 
vnd  ob  dein  aug  dich  ergert,  stich  is  aus  vnd  wierf  is  von  dir; 
dir  ist  pezzer,  daz  du^  aug  habst  [116'']  choemuud  in  daz  reich  gotes 
denn  mit  zwain  äugen  in  daz  hellisch  fewer.  secht,  daz  ir  icht 
uersmsecht  ainn    dierr  wenigen;    ich  sag  ew,    daz    ir  engel  zehimel 

20  sehent  zu  aller  zeit  an  daz  antlütz  meins  vater,  der  zehimel  ist." 

1)  Evang.  10,  38  —  42.        2)  Ecang.  18,  1  —  10.         3)  1.  ein  aug. 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN  69 

LXXVII. 
Daz  ewaiigelij  au  aller  heiligen  abeiit  —  Lucas^. 

leöus  gie  ab  dem  perge  viid  stueiid  au  der  stat  des  ueldes  vnd 
sein  iunger  vnd  ein  micblew  meuig  der  lewt  von  aller  iudenscliaft, 
von  Teriisaleni  vnd  von  Maritiiuam  vnd  Tyro  vnd  Sydouem  ,  di  dar 
chomen  Avarn,  daz  si  in  harten  vnd  gehailet  wurden  von  im  irem  5 
Siechtum ;  vnd  di  gemüeten  von  dem  po3sen  geist,  dew  wurden  gele- 
digt.  vnd  alle  menig  begert  in  zerüereu ,  wand  genad  von  im  gie, 
daz  alle  di  gesunt  wurden,  die  in  beriierteu.  vnd  er  hueb  auf  sein 
äugen  hin  zu  seinn  lungern  vnd  sprach:  „ir  armen,  ir  seit  sa^lig, 
wann  daz  reich  gotes  daz  ist  ewr.  di  seligen,  di  nu  hungert,  di  10 
werdent  gesatt;  dew  sa^ligen,  di  nu  wainnt,  di  werdent  lachen.  [117"] 
ir  seit  s^elig,  wenn  ew  di  lewt  hazzent  vnd  scheltent  vnd  ew  besun- 
dern  vnd  eweru  nam  uerwerfifent  als  daz  übel  durch  dez  menschen 
suu  willen ;  ir  vrewt  ew  an  der  selben  weil ,  wann  ewr  lan  ist 
graz  zehimel." 

LXXVIII. 
Daz  ewaugelij  au  aller  lieilig-eu  tag-  —  3Iutheus'^. 

Do  lesus  sach  di  menig  choemen  zu  im,  do  gie  er  auf  den 
perkh  vnd  tet  auf  seinn  mund  vnd  lert  sew  vnd  sprach:  „sa?lich 
sind  di  dienmuetigen ,  wann  daz  reich  gotez  daz  ist  ir.  saelich  sind 
di  milten,  wann  si  besitzent  di  erde.  Scelich  sind  di  wainunden,  5 
wann  si  werdent  getroesst.  sgelich  sind,  di  do  hungert  vnd  tuersst 
nach  der  rechtichait,  di  werdent  gesatt,  sa^lig  sind  di  parmhertzi- 
gen,  wann  di  parmung  chumt  über  sew.  sselich  sind,  di  rains  hertzen 
sind ,  wann  si  sehent  got.  sseiich  sind  di  vrydsamen ,  wannd  si  wer- 
dent gotez  chind  genant,  di  sind  sa3lich,  di  ?ehtung  dultent  durch  10 
daz  [117*']  recht,  der  ist  daz  himelreich.  ir  seit  seelich,  so  si  ewr 
sechtent  vnd  ewr  fluechent  vnd  ew  übel  sprecheut  durch  mich,  so 
vrewt  ew ,  wand  ewr  lan  gras  ist  zehimel." 

LXXIX. 
An  sand  Laureuci  tag  daz  ewaug-elij  —  saud  lohanues^. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern:  „werleich,  wer  ich  sag  ew,  is 
ensterb  denn  daz  charn  des  sams,  daz  do  uellt  in  di  erden,  is 
beleibt  ayn;  stirbt  is  awer,  so  pringt  is  vil  vrucht.  wer  sein  sei 
lieb  hab,    der  hazze  sey  in  diser  weit;   vnd  der  sey  hie  hasst,    der     5 

1)  Evang.  6,  17  —  22.        2)  Evauy.  5,  1  —  12.        3)  Evang.  12,  24  —  26. 


70  STEJSKAL 

belialtt  sey  in  daz  ewig  leben,  swev  mir  dient,  der  nolget  mir; 
vnd  swo  ich  pin,  do  ist  auch  mein  diener.  swer  mir  dient,  der 
eret  meinn  vater,  der  datz  himel  ist." 

LXXX. 
An  Saud  Matlieus  tag  daz  ewaiigelij   —  Matlieus  \ 

Tesus  sach  einn  menschen  sitzen  an  dem  zol,  der  hies  Matheus, 
vnd  sprach  zu  im:  ,,volg  mir  nach."  vnd  er  stuend  auf  vnd  uolget 
im.  vnd  do  lesus  gesas  in  dem  haus,  do  chomen  manig  offen 
5  sünter  vnd  sazzen  zu  im  vnd  zu  scinn  iungern.  do  [118''']  daz  der 
luden  pischolf  sahen,  do  sprachen  si  zu  seinn  iungern:  „warum 
isst  vnd  trinkht  ewr  maister  mit  den  suntern?'"  daz  hart  lesus 
vnd  sprach:  „di  gesunten  bedürffen  nicht  artztes ,  sunder  di  siechen, 
get  vnd  vragt  waz  daz  ist:  ich  wil  parmung  vnd  nicht  opher.  ich 
10  pin  nicht  choemen  zehiden  di  rechten,  sunder  di  siinter." 

LXXXI. 
An  Saud  Andres  tag  daz  ewangelij    -  sand  lohanues^. 

Jesus  gie  pey  dem  mer  Galylee  vnd  sach  zwen  prüeder,  Symo- 
nem  der  genant  ist  Petrus  vnd  Andream  seinn  prueder,  werffen  di 
netzz  in  daz  mer ;  si  waren  vischer.  vnd  lesus  sprach  zu  in :  „  chojmt 
5  nach  mir,  ich  mach  ew  vischer  der  lewt."  sotzehant  liezzen  si 
dew  netz  vnd  neigten  im  nach,  vnd  gie  vürbaz  vnd  vand  zwen 
ander  prueder,  lacobum  Zebedey  sun  vnd  lohannem  sein  prueder 
mit  Zebedey  irem  vater  in  dem  scheffe  puezzund  ir  netz,  vnd  er 
rüefft  in ;  si  Hessen  netz  vnd  den  vater  vnd  gingen  nach  im. 

LXXXIL 
[118"]  Daz  ewangelij  von  der  cliirclnveich  —  Lucani-^. 

lesus  chom  in  ludeam  vnd  durch  gie  Yericho.  vnd  ein  man 
genant  Zacheus  ein  fürst  der  offen  sunter  vnd  V7az  reich,  vnd  der 
begert  zesehen  lesum,  wer  er  wser;  do  macht  er  nicht  von  der 
5  menig,  wann  er  des  leibes  chlain  waz.  vnd  lief  vür  vnd  staig  auf 
einen  paum ,  daz  er  in  gessech ,  wand  er  do  vur  solde  gen.  vnd  do 
er  chom  zu  der  stat ,  do  sach  lesus  auf  vnd  sprach  zu  im :  „  Zache, 
eyl  vnd  ginch  her  ab  drat,  wann  ich  muez  heut  sein  in  deim  haus." 
vnd  er  gie  eylund  her  nider  vnd  enphie  in  frceleich.     do  daz  di  leut 

1)  Evang.9,    9—13.  2)  Evatuf.  Mattheei  4,  18—22.  3)  Evang. 

19,  1-10. 


ALTDEUTSCHE   PKRIKOPEN  71 

sahen,  do  iiiüimelteu  si  spiecliimd,  daz  er  zu  eim  süiiter  wter^  gechert.  10 
do  stiiend  Zacheus  vnd  sprach  zu  lesum :  ,,  herr ,  mein  giiet  halbs 
gib  ich  den  armen  vnd  ob  ich  ienient  han  uervntrewt,  daz  gilt  ich 
viertaltichleich."  do  sprach  zu  im  Jesus:  „dem  haus  ist  heut  hail 
begegent,  do  von,  daz  du  pist  Abrahams  chind.  dez  [119''|  men- 
schen sun  ist  choemen  zu  suecheii  vnd  zu  behalten,  daz  do  ver-  15 
larn  waz." 

LXXXIII. 

Daz  ewaug-elij  von  iuuehfraweii  —  suud  fliatheum  ■^. 

lesus  sprach  zu  seinn  iungern  ditz  pispel:  „daz  himelreich  ist 
gleich  zehen  magten,  di  ir  lampen  uenient  vnd  gent  dem  preut- 
kan  vnd  der  jjratit  engegen.  der  warn  fünf  tunib  vnd  fünf  weise, 
di  fümf  tumb  di  namen  ir  lampen  mit  in.  di  weisen  namen  ire  5 
vas  vnd  daz  61  mit  den  lampen.  vnd  do  der  preutkan  entwacht, 
do  slieffen  si  all.  zder  mitter  nacht  chom  ein  ruef:  secht  der  preut- 
kan chumt,  get  im  engegen.  do  stuenden  di  magt  all  auf  vnd  zier- 
ten ir  lampen.  di  tumben  sprahen  zu  den  weisen:  ,,gebt  vns  ewers 
ffils,  wann  vuser  lampen  sind  erloschen."  dez  antwurten  di  weisen  10 
sprechund:  „daz  vns  vnd  ew  nicht  enprezzt,  get  zu  den  chauflewten 
vnd  chauft  is  ew.''  do  si  gingen  chauffen ,  do  chom  der  prewtkan; 
vnd  di  berait  warn,  di  gingen  mit  [119''1  im  in  zder  prautloft  vnd 
ward  di  tur  uersperrt.  zdem  lessten  chomen  auch  di  andern  magt 
vnd  sprachen:  „herr,  tue  vns  auf."  er  antwurt  sprechund :  ,,werleich  15 
sag  ich  ew,  ich  wais  ewr  nicht;  wacht  also,  wann  ir  enwizzt  nicht 
den  tag." 

LXXXIV. 
Awer  ahis  vou  den  iimchfraueu  —  Matheus^. 

lesus  sprach  zu  seinn  iungern:  „daz  himelreich  das  ist  geleich 
dem  uerpargen  schatzz  in  dem  akher;  welch  mensch  den  vindet,  der 
uerpirget  in  vnd  var  frewden  get  er  vnd  uerchauft  alles,  daz  er  hat, 
vnd  chauft  den  akher.  daz  himelreich  ist  geleich  eim  chaufmann,  5 
der  suecht  guetew  gymme ;  vnd  so  er  vindet  ein  edle  gymme ,  so 
get  er  vnd  uerchauft,  waz  er  hat,  vnd  chanfft  sey.  awer  ist  daz 
himelreich  geleich  eim  netz,  daz  gewarfteu  wirt  in  daz  mer,  daz  do 
vsecht  allerlay  visch;  vnd  so  is  wol  wiert,  so  ziehent  sis  aus  vnd 
sitzent  an  daz  gestat  vnd  lesent  di  gueten  visch  in  ir  vas,  di  poe-  10 
sen  werffent  si  aus.  also  wiert  [120*]  is  an  dem  ende  der  weit,  so 
gent  aus  di  engel  vnd  sundernt  di  pcesen  enmitten  aus  den  gueten 
vnd  sundernt  sew  in  daz  helle  fewr;  do  wirt  wainn  vnd  grysgramm 

1)  Hs.  w'.        2)  Evang.25,  1  —  13.        3)  Evang.  13 ,  44  —  52. 


72  STEJSKAL,    ALTDEUTSCHE    PEEIKOPEN 

der  zende.     habt  ir  daz  alles  uernomen?"    si  sprachen:  „ia,  herr." 
15  do   sprach  er   zu  in:    „darum   ein  igleicher  gelerter   schreibper   ist 
geleieh  dem  menschen,    der  ein   hauswiert  ist,    der   do   vur   pringt 
von  seinem  schätz  newe  vnd  altew." 

LXXXV. 

Daz  ewangelij  tou  eim  igleiclien  gotez  iung-er  —  lohanms^. 

lesus  sprach  zu  seinn  lungern :    „  daz  gepot  gib  ich  ew ,    daz 

ir  an  einander  lieb  habt,     ob   ew  di  weit  hazzet,    so  wizzt,   daz    si 

mich  e  gehazzt  hat.     ob  ir  von  der  weit  waert  gewesen ,  so  biet  di 

5  weit  lieb,  daz  ir  wser^;  auch  ir  seit  nicht  der  weit,  wann  ich  han 

ew  erweit  von   der  weit,     gedenkht   meinr  wart,   di  ich  ew  gesagt 

han :  der  chnecht  ist  nicht  merr  denn  der  herre.     ob  si  mein  geeecht 

habent,  so  sechtents  auch  ewr;  obs  meine  wart  behaltent,  [120*']  so 

behaltens  auch  di  ewern.     daz  tuent  si  ew  als  durch  meinn  willen; 

10  wann  si  erchanten  in  nicht,  der  mich  do  sant.     vnd  wser  ich  nicht 

choemen    vnd   biet  ins   nicht  gesagt,    so  hietens  nicht  di  sunt;    nu 

mugen  si  sich  nicht  entschuldigen  von  iren  sunten.     der  mich  hazzt, 

der  hazzt  ouch  meinn  vater.     ob  ich  di  werch  nicht  biet  begangen, 

di  niemt  ander   macht  getuen,    so  bieten  si    der  sünden  nicht;    nu 

15  habent  sis  gesehen  vnd  hazzent  mich  vnd  meinn  vater,  sunder  daz 

di  wart  erfüllet  werden,    di   an  ierr  e  geschriben  sind:    si  hazzent 

mich." 

Ein  seqencen  vom  heilig'en  g-eist. 

Chüm ,  heiliger  geist ,  geus  aus  di  himlischen  stral  deins  Hech- 
tes, chum  ein  vater  der  armen,  chüm  ein  gewer  der  gab,  chum  ein 
liecht  der  hertzen.  aller  pesster  troester,  ein  suezzer  gast  der  sei, 
5  ein  suezzes  taw  !  in  der  arbait  pistu  ein  rue ,  in  der  hitz  pistu  ein 
chüel,  in  dem  wainen  pistu  ein  vrewd.  o  aller  sseligistez  [121*] 
lieht,  nu  erfülle  di  inuerchait  der  deinen  gelaubigen  hertz;  wann 
an  dein  hilff  in  den  menschen  nichsnicht  ist  vnd  nichtez  sauber 
noch  rain  an  yn  ist.  wasch  daz  vnflstig  ist,  begews  daz  dürr  ist, 
10  mach  gesunt  daz  uerwunt  ist,  prauch  daz  ungeslacht  ist,  erhitz  daz 
do  ehalt  ist,  rieht  daz  uerierrt  ist;  gib  vns  der  tugent  Ion,  gib  vns 
ein  sffilige  hinfart,  gib  vns  di  ewig  vrewd.   amen. 

1)  Evang.15,  12.  18 —  25.        2)  Hs.  w'. 
ZNAIM,   FEBRUAR    1880.  KARL  STEJSKAL. 


73 


GAHMUEETS  WAPPEN. 

Haupt  bat  iu  seiner  Zeitschrift  f.  deutsch,  alterth.  11,  46  fgg.  bei 
gelegenbeit  des  nachweises,  dass  die  in  Wolframs  Parzival  490,  15 
und  498,  20  begegnenden  Ortsnamen  steirisclien  örtlichkeiten  entspre- 
chen, auch  die  Vermutung  ausgesproclien,  der  pantlier,  der  Parz.  101,  6 
als  Gahmurets  von  seinem  vater  ererbtes  wappen  angegeben  werde, 
möge  mit  dem  wappen  von  Steiermark,  einem  weissen  panther  in  grü- 
nem felde,  in  irgend  welchem  zusanimenliange  stehen,  hat  aber  zugleich 
vorsichtig  hinzugefügt,  dass  er  diese  beziehungen  zu  Steiermark  nicht 
zu  erklären  wisse;  denn  die  Ortsnamen  wie  das  wappen  seien  nicht 
etwa  wilkürlicher  zusatz  Wolframs,  sondern  müssen  bereits  dem  fran- 
zösischen gedichte  Guiots  angehört  haben. 

Nun  stamte  aber  Guiot,  nach  einer  noch  ungedruckten  Unter- 
suchung des  herrn  prof.  Zacher,  aus  einer  der  drei  nebeneinander  lie- 
genden grafschaften ,  Anjou,  Maine,  Touraine,  höchst  wahrscheinlich 
aus  Anjou  selbst,  und  hat  sein  gedieht  verfasst  für  seinen  damaligen 
landesherren ,  für  den  aus  dem  grafenhause  von  Anjou  entsprossenen 
könig  Heinrich  IL  Plantagenet  von  England  (1154 — 1189).  Und  fer- 
ner hat  Guiot,  ein  sehr  gelehrter,  viel  belesener  und  denkender  mann, 
den  vater  Parzivals,  Gahmuret,  sowie  seinen  bruder  Feirefiz  und  sei- 
nen söhn  Loherangrin  zu  der  altüberlieferten,  von  ihm  aber  höchst 
geschickt  neu  aufgestuzten  geschichte  mit  wol  bewuster  und  überlegter 
absieht  deshalb  hinzugefügt,  um  durch  die  genealogische  Verknüpfung 
mit  ihnen  das  fürsteuhaus  von  Anjou  zu  verherlichen;  und  diesem  zwecke 
gemäss  ist  auch  in  einer  für  seine  Zeitgenossen  eben  so  anziehenden 
als  wirksamen  weise  dasjenige  gestaltet,  was  er  von  ihnen  erzählt. 
Demnach  liegt  die  Vermutung  nahe,  dass  er  auch  durch  die  ausstat- 
tung  Gahmurets  mit  dem  augeblich  bereits  väterlich  ererbten  wappen 
des  panthers  eine  höfische  Schmeichelei  beabsichtigt  habe,  die  zwar 
unhistorisch  war,  weil  Anjou  die  französischen  lilien  im  wappen  führte,^ 
für  welche  er  aber  nichts  destoweniger  algemeines  Verständnis  und  bei- 
fällige aufnähme  erwarten  durfte.  Zur  begründung  dieser  Vermutung 
ist  erforderlich ,  dass  geschichtlich  nachgewiesen  werde ,  dass  der  pan- 
ther, mit  welchem  Guiot  den  Gahmuret  und  folglich  auch  dessen  söhn 
Parzival ,  den  hehren ,  iu  mystischer  Verklärung  gefeierten  urahn  des 
hauses   Anjou   ausgestattet   hatte,    wie   er   gegenwärtig    das    englische 

1)  Ob  vielleicht  das  haus  Gatinais,  welches  nach  dem  aussterben  des  alten 
grafengeschlechtes  (1060)  die  grafschaft  Anjou  erlaugte,  in  seinem  familienwappen 
den  panther  geführt  habe,  vermag  ich  freilich  nicht  zu  sagen. 


74  HOETZSCHANSKY 

Wappen  schmückt,  so  auch  schon  zu  Heinrichs  II  zeit  demselben 
angehört  habe.  Und  dieser  beweis  lässt  sich  mit  voller  Sicherheit 
erbringen. 

Sir  Burke,  grossbritannischer  king  of  arms  für  Ulster,  in  sei- 
nem „The  general  Armory  of  England,  Scottland,  Ireland  and  Wales. 
London  1878"  gibt  unter  der  Überschrift:  „The  Arms  of  the  different 
monarchs  since  the  conquest "  s.  6  folgende  nachrichten : 

„William  I  (the  conqueror)  Gules,  two  lious  passants  guar- 
dants  or.  Much  controversy  has  arisen  regarding  leopards  or  lions, 
but  the  latter  would  appear  the  more  correct. 

William  II  (Rufus)  the  same  arms. 

Henry  I  Arms  similar  to  those  of  his  predecessor. 

Henry  II  Gules  two  lions  passants  guardants  or,  previously 
to  the  kings  mariage  with  Eleanor,  when  he  adopted  a  third  lion 
for  Aquitaine.  On  the  Great  Seal  no  Arms  appear,  the  concave  side 
of  the  shieldiug  only  exhibited." 

Zu  Wilhelm  I  und  Heinrich  II  gibt  er  die  abbildung  des  Wap- 
pens. Auch  ohne  dieselbe  würde  man  aus  der  erklärung,  die  er  in 
der  vorrede  für  das  wort  guardant  gibt,  ersehen,  dass  lion  guar- 
dant  eben  nichts  anderes  ist,  als  was  die  heraldik  von  jeher  leopard 
oder  panther  genant  hat;  diese  erklärung  lautet:  „When  a  lion  or 
other  beast  of  prey  Stands  upright  with  only  one  ear  and  one  eye  seen, 
with  the  head  in  prolile,  he  is  termed  rampant,  when  Walking  for- 
ward,  with  one  eye  and  ear  seen,  passant.  If  in  any  of  these  posi- 
tions  the  animal  look  füll  face,  so  that  both  eyes  and  ears  may  be 
seen,  the  word  guardant  is  annexed  to  passaut,  rampant."  Die  abbil- 
dungen  bei  Burke  zeigen  in  beiden  fällen  die  thiere  als  passants, 
schreitend,  und  lassen  beide  äugen  und  obren  sehen,  entsprechen 
demnach  genau  den  an  das  heraldische  bild  des  leopard en  von  der 
heraldik  gestelten  anforderungen ,  wie  sie  dargelegt  werden  von  Ph.  J. 
Speuer,  historia  insignium  illustrium,  Frankfurt  1717,  pars  specialis, 
Seite  11:  „Differentia  leonura  et  leopardorum  in  re  heraldica  illa 
notata  quodhorum  ad  versa  pinguntur  ora  utroque  extante  oculo, 
illorum  non  nisi  unus  oculus  conspicitur;"  und  Berndt,  allgemeine 
Wappenwissenschaft.  Bonn  1849.  Theil  II  s.  192:  „Ein  thier  heisst 
schreitend,  passant,  wenn  es  ein  Vorderbein  aufhebt;  da  der  leo- 
pard fast  stets  schreitend,  den  köpf  nach  vorn  gewendet  dargestelt 
wird,  so  wird  das  bei  ihm  nicht  angesagt;  dagegen  der  löwe  in  sol- 
cher Stellung  gepardelt,  leoparde  genant  wird.  Von  der  Stellung,  in 
welcher  man  ein  thier  zum  streite  geschickt  nent,  ist  die  sehr  ver- 
schieden,  in  der  man  es  nent  kletternd,   rampant  usw.     üa  dies  die 


GAHMUBETS  WAPPEN  75 

gewöhnlichste  Stellung  des  löweu  ist,  wird  sie  bei  diesem  nicht  auge- 
sagt, dagegen  der  leopaid  in  dieser  Stellung  gelöwet,  lionne  genant 
wird,  wozu  noch  gebeert,  dass  er  den  köpf  nach  vorn  wendet,  so 
diiös  man  seine  beiden  äugen  siebt." 

üass  man  aber  in  England  zur  zeit  der  ersten  Plantagenets  auch 
sehr  wol  wüste,  dass  das  wappen  leoparden,  nicht  löwen  aufweise, 
bezeugt  Mathaeus  Paris,  wenn  er  bei  gelegenbeit  der  heirat  Kaiser 
Fridricbs  II  und  der  Schwester  Heinricbs  III  eines  kaiserlichen  gescheu- 
kes  von  drei  lebenden  leoparden  mit  folgenden  Avorten  erwähnt  (Histo- 
ria  maior  ed.  Wats.  Londini  1640  s.  416.):  „  Nuptiis  igitur  diebus  qua- 
tuor  continuis  magnitice  celebratis,  episcopus  Exouieusis  et  caeteri  qui 
cum  imperatrice  adveuerant,  ab  imperatore  licentia  impetrata  ad  An- 
gliam  cum  gaudio  suut  reversi.  Misit  ergo  Imperator  regi  Auglorum 
tres  leopardos  in  signum  regalis  clypei  in  quo  tres  leopardi 
figurautur  transeuntes,  cum  aliis  donariis  preciosis  quibus  regiones 
non  abuudant  occidentis." 

Aus  diesem  hier  nacligewieseneu  Sachverhalte  gewinnen  auch  die 
Schlusszeilen  in  Uhlands  ballade  „die  Jagd  von  Winchester  "  über  deren 
sinn  die  erklärer  nur  ungewisse  Vermutungen  aufgestelt  haben,  ibre 
ebens*!)  einfache  als  sichere  erklärung.  Uhland  hat  diese  ballade  gedich- 
tet im  november  1810,  während  er  in  Paris  dem  eifrigen  und  eindrin- 
genden Studium  altfranzösischer  epen  oblag.  Den  stoff  dazu  hat  er 
geschöpft  aus  Kobert  Waces  Komau  de  Eon,  hat  ihn  aber  nach  eige- 
nem freiem  dichterischem  ermessen  der  art  gekürzt  und  umgestaltet, 
dass  er  ihm  gerecht  Avurde  für  eine  dem  Charakter  des  Volksliedes  sich 
annähernde  ballade.  Wace  (dessen  betreffende  stelle  volständig  abgedruckt 
ist  in:  Paul  Eichholtz,  Quellenstudien  zu  Uhlands  Balladen.  Berlin 
1879,  s.  32  — 34)  erzählt:  König  Wilhelm  [II.  der  Kothe,  1087  —  1100] 
gieng  auf  die  birschjagd  in  dem  neuen  forste  von  Winchester,  und  ver- 
teilte dazu  pfeile  unter  die  jagdgenossen.  Im  walde  zerstreuten  sich 
die  Jäger  bald,  und  dem  ritter  Tirel  widerfuhr  das  misgeschick,  dass 
er  mit  dem  pfeile,  den  der  könig  ihm  gegeben  hatte,  einen  hirsch 
fehlte,  dagegen  den  könig  selbst  tötlich  traf.  Des  königs  bruder  Hein- 
rich [I.  Beauclerc  1100  —  1137]  hatte  noch  ausserhalb  des  waldes  zu- 
rückbleiben müssen,  um  die  gebrochene  sehne  seines  bogens  in  einem 
hofe  durch  eine  neue  ersetzen  zu  lassen;  und  während  dies  geschah 
hatte  eine  alte  frau  dem  ihn  begleitenden  knappen  geweissagt,  dass 
Heinrich  binnen  kurzem  könig  sein  werde.  Als  Heinrich  darauf  eben- 
fals  nach  dem  walde  kam,  eilten  ihm  die  jagdgenossen  entgegen  mit 
der  kimde  von  des  königs  tode.     König  Wilhelm   ward   in  Winchester 


76  HORTZSCHANSKY  ,    GAHMURETS    WAPPEN 

begraben ;   ritter  Tirel  aber  entwich  nach  Frankreich ,   wo  er   in  Chau- 
mont  noch  lange  lebte. 

Uhland  hat ,  um  die  poetische  wirkling  zu  verstärken  und  zu  ver- 
tiefen ,  und  um  die  ballade  dem  Charakter  des  Volksliedes  möglichst 
anzunähern ,  den  prosaischen  und  für  den  verlauf  der  handlung  gleich- 
giltigen  zug,  dass  dem  prinzen  Heinrich  die  bogensehne  gerissen  ist, 
ganz  getilgt ,  und  statt  dessen  die  echt  poetische  motivierung  erfunden, 
prinz  Heinrich  habe  mit  dem  vom  köuige  ihm  zugeteilten  pfeile  nicht 
gemeines  wild  der  niederen,  sondern  nur  königliches  der  hohen  jagd 
erlegen  wollen.  Deshalb  hat  er  den  lezten  drei  strophen  seiner  ballade 
ganz  abweichend  von  dem  berichte  seiner  quelle  folgende  fassung 
gegeben : 

Prinz  Heinrich  ritt  im  Wald  umher, 

Viel  Eeh'  und  Hasen  er  fand: 

„Wohl  traf  ich  gern  ein  edler  Wild 

Mit  dem  Pfeil  von  Königs  Hand." 

Da  reiten  schon  in  ernstem  Zug 
'  Die  hohen  Lords  heran; 

Sie  melden  ihm  des  Königs  Tod, 
Sie  tragen  die  Krön'  ihm  an. 

„Auf  dieser  trauervollen  Jagd 
Euch  reiche  Beute  ward : 
Ihr  habt  erjagt,  gewaltger  Herr, 
Den  edeln  Leopard." 

Den  lezten  beiden  Zeilen  gibt  Eichholtz  (s.  35)  die  deutung:  „Die 
vergleichung  Wilhelms  mit  einem  leoparden  erklärt  sich  wol  am  ein- 
fachsten aus  seinem  beinamen  „derEothe"  (li  Reis  Eos,  Wace  14490)." 
Eichtig  zwar  bemerkt  Heinrich  Düntzer  hiergegen  (Uhlands  bailaden 
und  romanzen.  Leipzig  1879  s.  191):  „Der  leopard  deutet  nicht,  wie 
Eichholtz  meinte,  auf  könig  Wilhelm,  sondern  auf  die  königswürde " ; 
er  verabsäumt  jedoch,  nachzuweisen,  dass  der  hauptfehler  in  Eich- 
holtzens  erklärung  ein  logischer  ist,  weil  ja  doch  nicht  prinz  Hein- 
rich, sondern  ritter  Tirel,  oder  wie  Uhland  ihn  nent  Titan,  den  könig 
getötet  hat.  Und  wenn  dann  Düntzer  weiter  als  eigene  erklärung  noch 
hinzufügt:  „dass  als  edelstes  tier  hier  nicht  der  löwe,  sondern  der  leo- 
pard ,  das  schönste  aller  raubtiere ,  genant  wird ,  hat  wol  besonders  der 
reim  veranlasst;  doch  ist  die  wähl  des  leoparden  als  eines  seltener 
genanten  tieres  auch  des  vollem  tones  wegen  sehr  glücklich";  so  ver- 
fehlt er  das  wirklich  richtige  doch  kaum  weniger  als  der  von  ihm 
getadelte  Eichholtz,   weil   aus   seiner  erklärung  ja  gar  nicht  abgenom- 


SRKHER  ,    I.AIRNBRICHTE    BET    WOLFRAM  77 

inon  wpvdpn  kann,  wio  so  (l(Min  loopard  oder  lüwe  sinl)il(l  der  königs- 
würde  sein  müssp. 

Vielmehr  will  Uliland  ganz  oinfaeb  im  stilo  dor  volksmässigen 
ballade,  in  schliclitoster  ausdrueksweise  und  mit  den  woni«^steii  wovten 
sagen :  prinz  Heinrich  hat  es  versclimäht  mit  dem  königlichen  pfeile 
niederes  wild  zu  schiessen,  hat  vielmehr  den  königlichen  pfeil  auch 
für  königliches  wild  der  hohen  jagd  aufgespart.  Ein  solches  hat  er 
/war  niclit  selbst  mit  diesem  pfeile  geschossen,  dennoch  aber  ist  es 
ilini  durch  fügung  des  Schicksals  zu  teil  geworden  als  Jagdbeute,  und 
zwar  grade  das  höchste  königliche  wild,  der  leopard,  das  Wappentier 
des  englischen  königswappens,  und  mit  diesem  natürlich  auch  die  königs- 
würde  selbst. 

Da  nun  des  leoparden  weder  gedacht  ist  in  der  erzähluug  bei 
Wace,  noch  bei  Ordericus  Vitalis,  noch  auch  bei  Matthaeus  Paris,  so 
muss  Uhland  selbst  diesen  zug  aus  eigener  erfindung  seiner  ballade 
eingefügt  haben;  es  muss  ihm  demnach  aus  Matthaeus  Paris  oder  aus 
irgend  einer  anderen  quelle  bekant  gewesen  sein ,  dass  bereits  damals 
der  leopard  das  Wappentier  des  englischen  königswappens  war. 

HALLE.  HORTZSCHANSKY. 


DIE   LAIENBEICHTE   BEI   WOLFRAM. 

Als  rutes  tver    (457,  3)    des  jungen  Parzival    forscht  Trevrizent, 
ivaz  (Parzival)  kumhers  unde  sünden  hat   (467,  21);    und  nachdem  er 
dies    erfahren   und  Parzival   zur   reue  und  busse   bewogen  hat,   löst  er 
ihn,  obwol  selbt  ein  laie  (462,  11)  von  seinen  sünden: 
501,  15  fg.:  Parzival  die  sivcere 

truoc  durch  süeziu  mcere, 

wand  in  der  tvirf  von  sünden  schief. 
und  502,  25  fg.:  .  .  gi^)  mir  din  sünde  her: 

vor  gote  ich  hin  din  wandeis  tver. 

und  leist  als  ich.  dir  hän  gesagt. 
Ebenso   beichtet  im  Willehalm  Vivianz    einem   laien,    nämlich    seinem 
oheim,  dem  markgrafeu  Willehalm  (65,  24  fg.  und  69,  11). 

Indem  wir  im  nachfolgenden  die  frage  erörtern ,  welche  bewant- 
nis  es  zur  zeit  Wolframs  mit  der  laienbeichte  hatte ,  richten  wir  unsere 
bemerkungen  gegen  San-Marte,  der  in  der  Germania  (YHI  s.  421  fg.) 
unter  der  Überschrift:  ,,Vergleichung  von  Wolframs  Parzival  mit  Albrechts 
Titurel  in  theologischer  beziehung "  auch  über  „  beichte  und  Sündenver- 
gebung" spricht,  wobei  ihm  mehrere  Unrichtigkeiten  unterfliessen. 


78  SEEBER 

San-Marte  scbreibt  an  der  citierten  stelle  (s.  441):  Petrus  Lom- 
bardus  „äussert  sieb:  vor  allem  müsse  man  gott  seine  Sünden  beken- 
nen und  dann  dem  priester,  wenn  gelegenbeit  dazu  da  sei,  aber  der 
priester  habe  uicbt  die  gewalt,  selbst  zu  lösen  und  zu  bin- 
den, sondern  zu  erklären,  dass  gewisse  menschen  gelöst  oder 
gebunden  seien." 

Dieses  citat  hat  San-Marte  nicht  mit  angäbe  der  stelle  gebracht, 
und  natürlich ;  denn  im  ganzen  Lombardus  findet  es  sich  nicht ,  son- 
dern sein  gegeuteil,  und  zwar  erklärt  der  Lombarde  (sent.  1.  IV  dist. 
17.  D)  zuerst:  „qnod  non  sufficit  soli  Deo  confiteri,  si  tempus  adsit, 
si  tamen  possit";  dann  bemerkt  er  (ibid.  dist.  17,  a.  3.  E)  wörtlich  fol- 
gendes: „Sane  hoc  potest  dici,  qnod  sacerdotis  exameu  requirendum 
est  studiose:  quia  sacerdotibns  concessit  Dens  potestatem  ligandi 
atque  solvendi.  Et  ideo,  quibus  ipsi  dimittunt,  et  Dens  dimit- 
tit."  cet. 

San-Marte  fährt  fort:  ,,Da  hiernach  (!)  die  teilnähme  des  prie- 
sters  nicht  notwendig  war,  so  nahm  man  keinen  anstand,  auch  laien 
zu  beichten.  Auf  diesem  dogmatischen  Standpunkt  steht  Wolfram,  den 
er  mit  Walther  von  der  Vogelweide  {?),  Freidank  (?)  und  Guiot  von 
Provius  (?)  teilt,  dass  die  eigentliche  vergel)ung  der  sündenschuld  nur 
allein  von  gott,  nicht  von  papst  oder  priester  ausgehen  könne,  wie 
er  dies  beim  zerbrechen  des  Schwertes  Parzivals  im  kämpfe 
mit  Feirefiz  ausdrücklich  ausspricht."  —  Wir  sind  nicht  in 
der  läge,  diesen  „ ausdiücklichen  ausspruch"  Wolframs  finden  zu  können. 
Die  angezogene  stelle  744,  14  fg.  würde  nur  beweisen,  dass  San-Marte 
sündenschuld  und  strafe  verwechsle. 

San-Marte  sagt  weiter:  „Thomas  von  Aquin  und  ferner  Duns 
Scotus  und  Bonaventura  .  .  .  verwarfen  die  laienbeichte  als  völ- 
lig unwirksam."  —  Ich  bin  in  der  läge,  wider  das  gegeuteil  zu 
beweisen  ,  natürlich  mit  Stellenangabe : 

Thomas  von  Aquin  lehrt  (Summa  theol.  supp.  9.  8.  a  2.  o): 
„in  necessitate  etiam  laicus  vicem  sacerdotis  supplet,  ut  ei  confessio 
fieri  possit."  und  (ibid.  ad  1) :  „  confessio  ex  defectu  sacerdotis  laico 
facta  sacramentale  est  quodammodo,  quamvis  non  sacramentum  per- 
fectum,  quia  deest  ei  id  quod  est  ex  parte  sacerdotis";  und  extra  casum 
necessitatis  talibus  datum  est,  peccatum  veniale  remitti,  sicut  per  tun- 
sionem  pectoris  et  aquam  benedictam. 

Petrus  Lombardus  lehrt  dasselbe  an  der  schon  citierten  stelle 
(sext.  1.  IV  dist.  17.  a  3.  E.). 

Ebenso  Bonaventura  (in  4.  dist.  17.  9.  3.  dub.  1.  in  a.  1.  9.   1.). 
„         Duns  Scotus  (in  4.  dist.  17.  a.  3.). 


LATENREICHTE    BEI    WOLFRAM  79 

Ebenso  Laufranc  (de  celebr.  corf.). 

Albertus  Magnus  (in   4.  dist.  17.  a.  58.). 
„        Alexander    Hallensis   (suuini.  )).  IV.  9.  19.   niembr.  1. 
a.  1.)  usw. 

Eine  menge  beispiele  von  solcben  laieubeicliten  bat  Martene  (de 
antiqu.  eccl.  ritib.  tom.  1.  1.  1.  c.  G.  a.  6)  zusammeugestelt.  Übrigeus 
baben  sich  im  vollce  manche  scherzhafte  anekdoten  über  dieselbe  erhal- 
ten: z.  b.  im  Pusterthale  in  Tyrol.  So  wenn  eine  bäuerin  in  eingebil- 
deter gefahr  ihrem  maune  gewisse  delikate  dinge  beichtet  („ich  habe 
den  Jörgl  nicht  ungern  gesehen!"),  worauf  dann  der  Zuspruch  des  ehe- 
inanns  lautet:  „Säss'  ich  jezt  nicht  an  gottes  statt  hier,  würd'  ich  dich 
liberschlagen !"  u.  ähnl. 

Fragen  wir  nun ,  was  nach  den  oben  angeführten  theologen ,  also 
nach  der  katholischen  tlieologie  des  mittelalters ,  von  der  laienbeichte 
galt,  so  können  wir  folgende  punkte  hervorheben: 

a)  Mehrere,  und  unter  diesen  Bonaventura  (sermo  8  in  dieb.  Rogai), 
behaupteten :  dass  in  casu  necessitatis  — ■  bei  abwesenheit  eines 
priesters,  aber  bei  gegenwart  eines  laieu ,  sogar  die  pf licht 
bestehe,  diesem  laien  zu  beichten; 

b)  diese  beichte  sei  jedoch  kein  Sakrament,  imd  der  laie  könne  nicht 
eigentlich  absolviren ; 

c)  vielmehr  erteile  in  diesem  falle  Christus,  der  unsichtbare  hohe- 
priester,  —  „si  tamen  dignus  venia  ex  sacerdotis  desiderio, 
qni  crimen  confitetur  socio"  (Petr.  Lomb.)  — ,  die  lossprechung; 

d)  jedoch  so,  dass  der  der  gefahr  entronnene  gehalten  ist,  diesel- 
ben Sünden  später  auch  noch  dem  priester  zu  beichten; 

e)  in  bezug  auf  lässliche  Sünden  wirke  die  laienbeichte,  wie  ein 
andres  sakramentale. 

Für  die  jeztzeit  behaupten  die  theologen,  dass  es  nun  nicht 
mehr  erlaubt  sei,  einem  laien  zu  beichten,  weil  eben  die  gründe  fort- 
gefallen, die  eine  laienbeichte  für  die  damalige  zeit  zulässig  erscheiuen 
Hessen,  (cfr.  Hurter,  Tlieol.  dogm.  comp.  t.  III.  s.  404.  Oeniponte  1878.) 

Wenden  wir  nun  diese  punkte  auf  die  stellen  im  Parzival  und 
Willehalm  an:  so  gibt  San-Marte,  was  den  leztern  betritt,  selbst  zu, 
dass  es  sich  hier  um  eine  notbeichte  handelte;  überdies  hatte  Vivianz, 
wie  der  dichter  betont  (Willeh.  67^  5)  nur  ganz  geringe  fehler  an  sich. 

Aber  wie  steht  es  mit  Parzival  und  Trevrizent? 

Heisst  es  hier  499,  20  nicht  ausdrücklich :  „du  freist  swuo  groze 
Sünde"?  Gewiss!  —  Wir  würden  freilich  glauben,"  dass  diese  zwei 
Sünden  (Ithers  uud  seiner  mutter  tod)  Parzival  persönlich  nicht  allzu- 
sehr zu   imputiren   wären   —  aus  vielen  gründen  — ;    aber  Trevrizent 


80  SEEBER,    LAIENBEICHTE    BEI    WOLFRAM 

nent  sie  einmal  „grosse  sünden"  iu  irgend  einem  sinn:  und  so  wollen 
wir  dabei  stehen  bleiben. 

In  diesem  falle  muss  (nach  der  Lehre  der  theologen)  ein  casus 
necessitatis  vorhanden  sein.     Ist  dem  so? 

Dieser  liegt  wirklich  vor.  Denn  nach  der  ganzen  Ökonomie  des 
gedieh tes  miiste  Parzival  von  Trevrizent  bekehrt  und  gereinigt 
scheiden:  Priester  war  keiner  da :  darum  beichtete  er  Trevrizent ,  dem 
einsiedler. 

Aber  erhält  er  nicht  von  diesem  eine  wirkliche  lossprechung? 
San-Marte  sieht  selbst  ein,  dass  von  einer  solchen  im  gedieht  nicht 
die  rede  sei. 

Was  bedeuten  dann  aber  die  verse: 

502,  25  fg.:  .  .  gij^  wir  dm  sünde  her, 

vor  gotß  ich  hin  dm  wandds  wer.  ? 

Wer  die  Unterredung  Trevrizents  mit  Parzival  verfolgt,  wird  erken- 
nen ,  dass  sich  alle  ermahnungen  des  einsiedlers  darum  drehen ,   Parzi- 
val zur  reue  und  zur  busse  (insofern  diese  genugtuung  ist)  zu  bewegen: 
499,  27:  nim  huoz  für  missewende. 

Parzival  tut  nun  wirklich  busse  (501,  15  fg.),  er  fastet  15  tage 
lang  bei  kräutern  und  wurzeln ;  und  da  es  nun  zum  scheiden  komt, 
spricht  Trevrizent  obige  worte  (502,  25  fg.). 

Erinnern  wir  uns,  dass  Trevrizent  für  seine  (458, 12)  und  des  Anfor- 
tas  (480,  10  fg.)  Sünden  busse  tut,  so  werden  wir  jene  verse  (502,  25) 
ganz  ähnlich  fassen,  und  somit  annehmen,  dass  Trevrizent  von  nun  an 
auch  für  die  Sünden  Parzivals  vor  gott  sein  wandeis  wer  durch  die 
busse  sein  wolle;  freilich  müsse  dieser  selbst  auch  noch  genugtuung 
leisten :  und  leist,  als  ich  dir  hän  gesagt. 

Daraus  ist  ersichtlich,  dass  Wolfram  auch  hierin  mehr,  als  ein 
oberflächlicher  blick  vermuten  dürfte,  auf  dem  Standpunkte  der  mittel- 
alterlichen theologie  steht,  und  dass  die  behanptungen  San- Martes,  mit 
denen  er  den  dichter  zum  „evangelischen  ritter"  schlagen  will,  zwar 
sehr  zuversichtlich,  und  ja  auch  begreiflich  sind,  aber  jedes  grundes 
entbehren.^ 

INNSBRUCK,  10.  MÄRZ  1880.  JOSEF  SEEBER. 

1)  So  schätzbar  diese  belehruiig  auch  ist,  lässt  sich  docli  beweisen,  dass 
der  gute  Wolfram  an  dem,  was  er  hier  gesagt  hat,  völlig  unschuldig  ist,  sondern 
dass  er  hier  wie  überall  nur  seinem  gewährsmanne  Guiot  getreulich  gefolgt  hat; 
und  andrerseits,  dass  der  sehr  gelehrte  und  in  theologicis  m-oI  bewanderte  Guiot 
nicht  nach  den  aufstellungen  späterer  scholastischer  dogmatiker  beurteilt  wer- 
den darf.  J-  Z. 


LÜBBEN,   FETISCH.   HULFT  8l 

F  E  T  I S  C  H. 

Nach  Weigaiiil  ist  dieses  wort  (aus  franz.  f^tich)  durch  die  17G0 
erschieuene  schrift  vuii  des  Brosses:  „du  culte  des  dieux  fetiches"  in 
Umlauf  gekommen. 

Das  wort  komt  indes  schon  1(503  in  der  schrift  von  Leviuus  Mul- 
sins (Sehiftiihrt  in  das  gokireiclie  königreich  Guineam.  Frkf.  a/M.  1603) 
vor,  wo  es  s.  23  heisst: 

Wann  die  kinder  ein  monat  oder  zwey  alt  werden ,  so  hencken 
sie  ihnen  ein  netz  vmb  den  leib,  welches  gemacht  ist,  wie  ein  kinds- 
hembdleiu ,  von  basten  oder  rinden  der  bäume;  dasselbe  netz  beheucken 
sie  allenthalben  mit  ihren  fetissos,  wie  mit  güldenen  crucifixlein  usw. 
Die  corallen  aber  oder  fetissos,  so  sie  dem  kindt  anhencken,  achten 
sie  sehr  köstlich  vnd  gut  seyn,  eins,  sagen  sie,  sey  gut  für  das  bre- 
chen, das  ander  für  das  fallen  usw.  Vnd  dergleichen  fetissos  haben 
sie  gar  viel,  deren  ein  jegliches  seinen  eygenen  nameu  vnd  besondere 
tugend  oder  krafft  hat. 

S.  31.  An  ihren  füssen  haben  sie  viel  Strohwische  von  röhren,  die 
sie  nennen  fetissos,  von  ihrer  abgötterey. 

S.  41.  (Ceremonien  beym  weintrinken.)  Im  ersten  zug  darff  er 
den  cabas  nicht  gar  ausstrincken ,  sondern  muss  noch  etwas  drin  lassen, 
das  schüttet  er  auss  auff  die  erden ,  vnd  saget :  iou ,  als  wollte  er  es 
ihrem  fetissos  zu  trincken  geben ,  vnd  so  sie  etwann  etliche  fetissos 
an  ihren  armen  oder  füssen  haben ,  dieselbigen  bespreutzen  sie  mit  dem 
ersten  trunck,  den  sie  tun  usw. 

S.  69:  Wann  sie  anfangen  zu  essen,  so  geben  sie  ihrem  fetisso, 
nemlich  den  strohwischlein,  so  sie  an  ihre  beyne  gebunden  haben,  den 
ersten  bissen  usw. 

S.  70:  er  (der  könig)  gehet  zu  einem  bäume,  den  er  für  seinen 
fetisso  hält  vnd  thut  daselbst  ein  opfter,  bringende  dem  fetisso  daselbst 
zu  essen  vnd  zu  trincken ,  darnach  schickt  er  den  fetissero ,  seinen  Zau- 
berer, hin  usw. 

[Das  wort  stamt  aus  dem  portugiesischen  feitiyäo ,  Zauberei ,  wel- 
ches sich  aus  lat.  factitius  ableitet.  J.  Z.] 


H  ü  L  F  T. 

In  einer  Urkunde  von  1104  juui  5,  ausgestelt  von  kaiser  Hein- 
rich IV  ZU  Mainz ,  betreffend  den  rheinzoll  zu  Koblenz  (Hans.  urk.  von 
Höhlbaum  I,  nr.  5),  heisst  es  unter  anderem:  .  .  de  regno  Baldewini 
venientes  debent  dare  pellem  arietis  ad  opertorium  sellae,  quod  theuto- 
nice  dicitur  hulft. 


ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII. 


82  LÜBBEN,    JUDENSPIESS.     LIESPPÜND 

[Goth.  hulistr,  /.dlv/^ipa ;  abd.  hulß,  hulf,  hülst  glossiert  durch 
supraseUa,  Jiulcia,  ulcia ,  hulcitum;  mhd.  hülst,  hulft,  hülle,  decke; 
im  NibeluDgeuliede  1640,  1  von  der  decke  des  Schildes,  den  die  mark- 
gräfin  dem  Hagen  schenkte : 

Ein  hulft  von  liehtem  pfelle       oh  siner  varwe  lac. 

Belege  für  das  vorkommen  des  Wortes  im  alt-  und  mittelbochd. 
sind  gesammelt  beiGraff  4,  880.    Müller  1,  680\    Lexer  1,  1382.    J.  Z.J 


JUDENSPIESS. 

M.  Heyne  sagt  unter  diesem  artikel  im  Deutschen  wörterbuche 
(4^,  2357),  dass  das  bild  „mit  dem  judenspiess  laufen,  d.h.  unerlaub- 
ten oder  unmilssigen  geldwucher  treiben"  niemals  von  eigentlichen 
Juden  gebraucht  werde ,  sondern  nur  von  Christen  mit  jüdisch  -  wuche- 
rischer gesinnung.  Mit  dem  ausdruck  judenspiess  wird  indes,  wenig- 
stens in  späterer  zeit,  algemein  der  geldwucher  bezeichnet,  besonders 
wie  er  von  den  Juden  selbst  betrieben  wird.  Es  gibt  ein  büchlein, 
das  den  titel  führt:  Der  verdammliche  Judenspiess ,  Oder  Kechtniässiges 
und  Historisches  Bedenken  von  der  Juden  verdammlichen  Geldwucher 
usw.  durch  Christlieb  Wucherfeind,  1688,  240  s.  8.  In  diesem  heisst 
es  unter  anderen ,  vorr.  s.  XI :  Weil  der  meiste  haufife  (der  Juden)  mit 
der  Christen  schweiss  und  blut  sich  bereichert  .  .  so  ist  es  zu  diesen 
zelten  wol  nötig,  dass  man  das  verdammliche  Judenspiess  aus  dem 
gründe  an  das  tages  Hecht  bringe.  (Bemerkenswert  ist  an  dieser  stelle, 
dass  das  wort  nach  niederdeutscher  weise  als  neutrum  gebraucht  wird.)  ■ 
S.  113:  Dieser  Ursachen  halber  sind  die  Juden  aucli  am  allermeisten 
bey  den  Christen  verhasset,  weil  sie  mit  ihrem  verdammlichen  Juden- 
spiess den  Christen  gleichsam  das  mark  aus  den  knochen  brechen. 
S.  115:  sehr  viele  gottlose  Christen,  welche  mit  dem  verbottenen  Juden- 
spiess lauffen. 

Woher  die  redensart  eigentlich  stamt,    lässt  sich  leider  aus  dem 
buche  nicht  entnehmen. 


LIESPFUND. 

Darüber  sagt  Weigand  1,  951:  „ein  gewicht  von  14 — 16  pfund, 
Kichtiger  lispfund.  1721  lisspfund.  Aus  niederl.  (im  käsehandel)  das 
lijspond ,  dän.  und  schwedisch  (mit  i  =  i)  lispund,  dessen  Its  dunke- 
les  Ursprungs  ist." 

Es  wäre  zu  wünschen,  dass  jedes  wort  so  klares  Ursprunges  wäre 
wie  dieses.  Z*s  ist  nichts  anderes  als  eine  contraction  von  lives  (oder 
auch  livcsch,  wie  rigcs  und  rigesch) ,  liefländisch.  In  hansischen,  lief- 
ländischen  und  anderen  Urkunden,  besonders  ostseeischen,  geschieht 
dieser  gewichtsart  häufig  erwähnung ,  lat.  talentum  livonicum ,  und  wird 
nicht  bloss  heim  käsehandel ,  sondern  auch  beim  handel  mit  anderen 
waaren  gebraucht,  die  in  grösseren  quantitäten  verkauft  werden.  Es 
ist  ein  gutes  niederdeutsches  wort,  und  die  Schreibung  lispfund,  wenn  i 
kurz  sein  soll ,  ist  nicht  der  Schreibung  liespfund  vorzuziehen ,  sondern 
umgekehrt. 

OLDENBURG,  A.    LÜBBEN. 


83 


LITTERATTTR. 

1)  Die  prosa  isclic  Edda  hu  auszu<;-e  nebst  Vö  1  su  uga- saga  uud  Nor- 
nagests- tliiitt  r.  Mit  aus  führ  liclic  ni  glossar  herausgegeben  von 
Ernst  Wilkeii.  Thcil  I:  Text.  Paderborn,  Schöningh,  1877.  8.  CVIII  und 
264  SS.  M.  G.  —  A.  u.  d.  T.:  Eibliothek  der  ältesten  deut.selieu  lit- 
t  e  r  a  t  n  r  -  d  0  n  k  m  ä  1  e  r.     XI.  band. 

2)  Untersuchungen  zur  Snorra  Edda.  Als  Einleitung  „zur  prosai- 
schen Edda  im  auszuge"  von  Ernst  Wilkeii.  Paderborn,  Schöningli,  1878. 
8.     296  s.     M.  6. 

Später,  als  es  mein  wnnseh  und  meine  absieht  war,  gelange  ich  zu  einer 
bespreclumg  von  Wilkens  an  der  spitze  dieses  aufsatzes  verzeichneten  büchern.  Die 
Verzögerung  findet  ihren  grund  uud  hoffentlich  auch  ihre  entschuldigung  in  der 
durch  eine  ausgedehnte  neue  tätigkeit  gebotenen  beschränkung.  Ich  hebe  dies  her- 
vor, weil  mir  im  algemeinen  die  kritische  besprechung  eines  Werkes  zu  lange  nach 
seinem  erscheinen  nicht  wünschenswert  vorkomt.  Sie  verfehlt  dadurch  teilweise 
wenigstens  ihren  zweck.  Wenn  ich  trotzdem  in  dem  vorliegenden  falle  deiu  eben 
ausgesprochenen  satze  zuwiderhandle,  so  veranlasst  mich  dazu  ein  zwiefacher  grund, 
ein  sachlicher  und  ein  persönlicher.  Einmal  ist  der  gegenständ ,  mit  dem  sich  Wil- 
kens bücher  beschäftigen,  von  so  hervorragender  bedcutnng,  dass  eine  eingehende 
Prüfung  und  beleuchtung  der  vielen  in  ihnen  enthaltenen  neuen  ansichten  zur  gebie- 
terischen ptiicht  wird.  Man  darf  erwarten ,  dass  die  ausgäbe  wenigstens ,  zu  der 
als  wilkommene  ergänzung  ein  ausführliches  glossar  in  aussieht  steht,  vielfach  von 
anfängern  wird  benuzt  werden,  und  es  ist  nur  natürlich,  dass  unter  diesen  manche 
die  behauptungen  der  einleitung  auf  treu  und  glauben  hinnehmen  werden.  Nach 
meiner  innigen  Überzeugung  aber  und  gewis  auch  nach  der  -der  grossen  mehrzalil 
der  fachgenossen  ist  gerade  diese  einleitung  so  durchaus  und  in  allen  wesentlichen 
punkten  verfehlt,  dass  es  gilt,  der  Verwirrung,  Avelche  durch  sie  gestiftet  werden 
k(3nte,  vorzubeugen,  oder,  wofern  dies  bereits  zu  spät  sein  solte,  durch  energischen 
einspruch  zu  ihrer  beseitigung  beizutragen.  Bis  jezt  hat  nur  Edzardi  (Germ.  24, 
352  fgg. :  vgl.  auch  Litt.  Centralbl.  1878,  sp.  1448  fgg.)  damit  ernst  gemacht.  Denn 
eine  selbstanzeige  (vgl.  Gott,  gelehrt,  anzz.  1878,  8.  86  fgg. ,  1217  fgg.)  ist  natür- 
lich nicht  die  geeignete  gelegeuheit  für  eine  vorurteilsfreie  kritik ,  die  auch  nach 
den  ausführungen  Edzardi s  noch  keineswegs  überflüssig  scheint.  Dies  der  sachliche 
grund.  Der  persönliche  wird  für  jeden  leser  der  einleitung  zur  ausgäbe  kaum 
einer  erörterung  bedürfen.  Der  grössere  teil  dieser  einleitung,  der  sich  mit  der 
V(jlsuuga  saga  beschäftigt  (s.  VI  —  LXXXV) ,  gestaltet  sich  zu  einer  polemik  gegen 
meine  Beitr.  III ,  199  fgg.  veröffentlichten  Untersuchungen  über  diese  saga.  Ich 
glaube  nun  allerdings  keineswegs,  dass  alle  einzelheiten  der  genanten  abhandlung 
aufrecht  zu  erhalten  sind,  vielmehr  hat  mich  fortgesezte  beschäftigung  mit  den 
einschlägigen  fragen  in  manchem  punkte  zu  einer  von  der  früheren  abweichenden 
ansieht  geführt.  Um  gleich  hier  eines  zu  erwähnen,  so  ist  das  Verhältnis  der  VqIs. 
saga  zur  pidreks  saga,  wie  ich  schon  anderwärts  augedeutet  habe  (Jenaer  Litztg. 
1878,  s.  540  anm.),  falsch  von  mir  beurteilt  worden;  ich  stimme  in  dieser  hinsieht 
jezt  den  einweuduugen  Storms  Nye  Studier  over  Thidreks  saga  s,  17  fgg.  und  Edzar- 
dis  Germ.  23,  75  anm.  bei.  Wol  aber  muss  ich  auch  jezt  noch  die  hauptresultate 
meiner  Untersuchung  für  richtig  halten  und  glaube  ich  namentlich  erwiesen  zu 
haben,    was  zu  erweisen   mein    erster  zweck   war,    dass  gerade   die  samlung  nor- 

6* 


84  SYMONS  , 

rteiier  heldenlieder  aus  dem  Völsungensagenkreise  mit  eingestreuter  prosa,  die 
eineu  teil  der  sogenanten  Siemnndar-Edda  bildet,  von  dem  Verfasser  der  Vol- 
sunga  saga  als  quelle  benuzt  worden  ist.  Wilken  freilich  ist  anderer  ansieht  und 
richtet  gegen  diesen  teil  meiner  Untersuchungen  in  erster  linie  seine  kritischen 
pfeile.  Obgleich  ich  nun  des  glaubcns  bin ,  dass  Wilkens  neue  theorie ,  der  zu  liebe 
er  die  von  mir  vertretene  verwirft,  auf  geringen  beifall  der  fachgenossen  wird  rech- 
nen dürfen,  halte  ich  es  doch  für  angezeigt,  in  kürze  die  gründe  darzulegen,  die 
mich  bestimmen,  an  meiner  ansieht  festzuhalten  und  die  seinige  zu  verwerfen, 
zugleich  aber  auch  die  punkte  nicht  zu  verschweigen,  in  denen  ich  selber  zu  ande- 
rer Überzeugung  gelangt  bin.  Bedauern  muss  ich,  dass  Wilkens  kritik  zuweilen 
eiuen  gereizten  und  schulmeisternden  ton  anschlägt,  zu  dem  ich  meines  wissens 
keine  veranlassung  gegeben  habe. 

Von  den  beiden  büchern  Wilkens  bildet  das  an  zweiter  stelle  aufgeführte  die 
ergänzung  des  ersten.  Dieses  bietet  die  für  den  deutschen  leser  wichtigsten  teile 
der  Snorra  Edda:  Gylfaginning,  Bragartedur  und  die  mythologischen  und  sagen- 
geschichtlichen teile  der  Skäldskaparmäl ,  sowie  V^lsunga  saga  und  Nornagests  pättr. 
Die  einleitung  handelt  nach  einigen  orientierenden  werten  über  die  hss.  und  aus- 
gaben der  SE  ausführlich  über  die  Vols.  s.  und  den  Np:  den  schluss  derselben 
bildet  ein  ,, Literarhistorischer  überblick"  (s.  CHI  —  CVIII).  Die  einleitung  zur  SE 
liegt  in  selbständiger  fassung  in  den  ,, Untersuchungen"  vor.  Diese  Untersuchun- 
gen beschäftigen  sich  allerdings  nicht  blos  mit  den  in  die  ausgäbe  aufgenommenen 
teilen  der  SE ,  sondern  mit  dem  ganzen  werke,  holen  überhaujjt  sehr  Aveit  aus  und 
ziehen  teils  in  weit  abschweifenden  excursen ,  teils  in  sehr  gehäuften  und  gedehn- 
ten anmerkuugen,  eine  menge  von  fragen  in  die  erörterung  hinein,  die  nur  in 
sehr  entfernter  Verbindung  mit  dem  gegenstände  stehen.  Dadurch  wird  das  buch 
sehr  formlos,  die  benutzung  ausserordentlich  erschwert  —  glücklicherweise  hilft  in 
dieser  hinsieht  das  sorgfältig  gearbeitete  register  (s.  290  fgg.)  etwas  —  und  die 
lectüre  wenig  angenehm.  Zu  lezterem  umstände  trägt  der  stil  des  Verfassers  das 
seinige  bei:  er  lässt  an  klarheit  und  einfachheit  recht  viel  zu  wünschen  übrig,  die 
sätze  schwellen  öfter  zu  wahren  rattenkönigen  an,  welche  sich  dann  wol  in  ihren 
eigenen  schwänzen  verwickeln.  So  finden  wir  I,  s.  XXVI,  z.  20  —  XXVII,  z.  3  eine 
reihe  von  Vordersätzen ,  zu  denen  der  nachsatz  in  der  feder  geblieben  ist. 

Ich  betrachte  zunächst  Vols.  s.  und  Norn.  ]>.  Eine  neue  handliche  ausgäbe 
beider  sagas  war  sehr  erwünscht,  da  Bugges  Norröne  skrifter  af  saguhistorisk  ind- 
hold  leider  schwer  zu  beschaffen  sind,  der  text  in  Fas.  I  aber  nicht  mehr  genügt. 
Da  erklärende  anmerkungen ,  deren  namentlich  die  keineswegs  leichte  Vgls.  saga 
wol  bedarf,  nach  dem  plane  der  saralung  ausgeschlossen  waren,  konte  es  sich  nur 
um  einen  guten  text  mit  den  nötigen  Varianten  handeln.  Es  empfahl  sich  deswegen 
ein  einfacher  abdruck  des  Buggeschen  textes.  Für  die  Vs.  hat  der  herausgeber 
sich  denn  auch  damit  begnügt.  Sein  text  dieser  saga  weicht  von  dem  Bugges  fast 
nur  ab  in  einigen  kleinigkeiten  der  Orthographie  und  längebezeichnung,  denen  ich 
meist  beistimme;  auch  Bugges  conjecturen,  die  dieser  unter  dem  texte,  in  den 
anmm.  hinter  dem  texte,  sowie  auf  dem  Umschlag  in  den  ,,tillaig  og  rettelser"  gege- 
ben hat,  haben  in  den  häutigsten  fällen  aufnähme  gefunden.  Die  Varianten  bieten 
die  lesart  des  Codex,  wo  im  text  von  dieser  abgewichen  ist,  etwaige  nicht  auf- 
genommene, aber  beachtenswerte  conjecturen  Björners,  Rafns  und  Bugges,  endlich 
vereinzelt  lesarten  der  papierhss. ,  denen  man  ja ,  wie  Wilken  s.  VIII  fg.  ganz  rich- 
tig ausführt,  den  wert  plausibler  conjecturen  nicht  in  allen  fällen  bestreiten  kann. 
Ich  knüpfe  hieran  zunächst  einige  bemerkungen  zu  Wilkens  text  der  Vs.,  wobei  ich 


ÜBKE  PROS.  EDDA  ED.  WILKEN  85 

mir  gleichzeitig  zur  bequcmlichkeit  des  bemitzers ,  die  s.  263  fg.  nicht  erwähnten 
druckt'ehler  (aber  nur,  soweit  sie  den  tcxt  der  saga  berühren)  zu  bessern  gestatte. 
150,  1  shofint)!]  1.  sköfiinii.  5  leitinnni]  1.  leitinui.  32  frccndam]  1.  fnen- 
diim.  152,  15  bariiMokk]  Wilken  hat  diese  lesart  im  texte  beibehalten,  die  nach 
Bugges  erläuterung  in  den  AnruEerkniuger  auch  keiner  änderung  bedarf.  In  der 
einleitung  aber  (s.  XI ,  anm.  9)  wird  versucht ,  aus  dem  hötstokk  der  Vols.  rim.  142 
ein  blöfstükk  zu  gewinnen.  Diese  conjectur  ist  verwerflich.  Denn  abgesehen  davon, 
dass  Wilken  hier  und  öfter  den  riniur  eine  bedeutung  beilegt,  die  ilinen  nicht 
zukömt,  wäre  ein  ,,oijferbaum"  *  hier  wirkungslos.  Der  barnsfokkr  dagegen,  der 
befruchtende  bäum  als  symbol  der  fortpHanzung  des  heldengeschlechts ,  steht  im 
schönsten  Zusammenhang  mit  der  ganzen  sage.  Vgl.  ausser  Bugges  anin.  zu  unse- 
rer stelle  auch  MüllenhofP  Zs.  für  deutsch,  alt.  23,  119.  —  In  c.  111  sind  153,  2  —  5 
falsch  geordnet,  wie  Bugge  erkante.  Man  lese:  sä  maär  var  berfoMr  ok  hufäi 
kn'jtt  Unhröknm  at  beini  ok  hqtt  sidan  ä  hqfäi,  hann  var  harr"  ritjqk  ok  cUilüjr 
ok  einüi/nn;  sä  maär  hafäi  sverd  i  hetidi,  ok  gengr  at  barnstokkinnin ;  kamt  bregctr 
sveräimt  usw.  —  153,  32  hätte  das  von  Bugge  vorgeschlagene  fjeri  statt  gerir  in 
den  text  gesezt  werden  sollen.  —  154,  18  nä  heür  Vqlsungr  kunungr  ferdinni  ok 
koma  ä  nefndum  degi]  die  conjectur  ok  vill  koma  ist  unnötig :  solche  ungenauig- 
keiten  der  construction  kennen  alle  älteren  sprachen.  —  159,  18  ist  Bugges  hüb- 
sche besserung  ofrlidi  für  das  überlieferte  öfridi  meiner  ansieht  nach  trotz  der 
bemerkungeu  Wilkens  s.  X  fg.  unbedingt  aufzunehmen.  Sigmund  und  Sintjötli 
trennen  sich  von  einander  unter  der  Verabredung,  dass  jeder  von  ihnen  es  mit 
sieben  oder  weniger  leuten  aufnehmen  solle,  ohne  den  andern  zu  hülfe  zu  rufen; 
sobald  er  aber  auf  mehr  als  sieben  leute  auf  einmal  stosse ,  solle  er  rufen  [en  sä 
läti  x'dfsrqdd,  er  fyrir  ofrlidi  tjrdi).  ofrlid  bedeutet  hier  also  eine  Übermacht  in 
relativem  sinne,  eine  zahl  von  mehr  als  sieben  feinden.  Sigmund  trifft  sehr  bald 
leute  und  ruft  den  söhn,  der  sie  alle  tötet.  Wie  viele  leute  Sigmund  trifft,  müs- 
sen wir  erraten ,  da  das  Zahlzeichen  in  der  Hs.  verwisclit  ist.  Bugge  meint  acht, 
und  dies  wäre  ja  der  Verabredung  gemäss.  Mit  recht  macht  aber  Wilken  auf  den 
späteren  vorwarf  Sinfjötlis  aufmerksam  (160,  1),  dem  zufolge  Sigmund  gegen  die 
Verabredung  nur  auf  sieben  leute  gestossen  sei  und  doch  um  hülfe  gerufen  habe. 
Müllenhoff  Zs.  für  deutsch,  alt.  23,  131  glaubt  sogar,  es  seien  noch  weniger  als 
sieben  gewesen.  Gewiss  ist,  dass  es  Sigmund  nur  auf  eine  Versuchung  Sinfjötlis 
ankomt,  und  dadurch  erledigt  sich  der  einwand  Wilkens  gegen  Bugges  conjectur, 
der  es  befremdend  findet ,  dass  Sigmund  dem  Sinfjötli  zumuten  solte ,  es  allein  mit 
sieben  aufzunehmen,  während  er  selbst  in  einem  solchen  falle  schon  hülfe  verlange. 
—  163,  16  riduvi]  1.  ridu.  —  164,  1  fegrum]  1.  fqgrum.  —  164,  14  wird  Gnipa- 
lundi  mit  kurzer  erster  silbe  herzustellen  sein.  Nach  den  von  Sievers  für  den  kvi- 
duhättr  gefundenen  gesetzen  muss  jedesfalls  Helg.  Hund.  I,  31^.  85 ^  41*'.  51®  Hild. 
so  gelesen  werden  (vgl.  Beitr.  6,  314).  —  164,  25  fgg.  ist  natürlich  statt  des  feh- 
lerhaften Granmarr  der  Hs. ,  das  Wilken  beibehält,  überall  Gadmundr  zu  lesen, 
wie  die  quelle  des  capitels,  das  erste  lied  von  Helgi  dem  Hundingstöter,  bietet.  — 
167,  26  fgg.  kann  [EijUmi]  pgkkiz  sjä,   at  peir  [Sigmimidr  ok  Lgugci]   mnnio  eigi 

1)  Überdies  ist  wol  blöttrc  belegt,  auch  dies  nur  ein  einziges  mal  (Vigf.  71*), 
hlötatokkr  aber  gar  nicht. 

2)  So  (grauhaarig)  und  nicht  hdr  (hoeh) ,  wie  Fas. ,  Bugge  und  Wilken  haben, 
lese  ich  wegen  des  folgenden  elUligr.  Ebenso  möchte  ich,  unserer  stelle  entsprechend, 
in  cap.  42  (2)0,  13  W.)  nicht  mit  Bugge  hdr,  sondern  hdrr  ergänzen. 


hafa  eitt  erendi]  In  der  anm.  wird  vermutet  munu  eiga  eitt  erendi.  Durch  diese 
äiiderung  würde  aber  der  sinn  zerstört.  Es  soll  nicht  heissen :  „König  Eylimi 
glaubte  einzusehen,  dass  sie  beide  dasselbe  im  sinne  hätten."  Das  weiss  er  ja 
längst.  Vielmehr  heisst  es  ironisch:  ,,E.  glaubte  einzusehen,  dass  Sigmund  und 
Lyngvi  nicht  beide  den  von  ihnen  verfolgten  zweck  erreichen  könten,  m.  a.  w.  dass 
sie  nicht  beide  zugleich  die  Hjördis  würden  heiraten  können."  erendi  ist  hier  nicht 
die  „botschaft,"  sondern  „der  zweck  der  botschaft,"  wie  in  der  eddischen  formal 
hafa  erindi  sein  erfidi  prymskv.  9.  10,  vgl.  Helg.  Higrv.  5,  und  dem  prosaischen 
ausdruck  fara  eyrendlaust  ,,to  go  in  vain"  (Vigfüsson  136*).  —  168,  7  keim] 
1.  heim.  —  Ob  169,  13—15  mit  recht  eine  Ijoflahättr-halbstrophe  hergestelt  ist, 
ist  doch  sehr  die  frage.  Das  ganze  gespräch  zwischen  Hjönlis  und  dem  sterben- 
den Sigmund  ist  unverkenbar  die  paraphrase  eines  liedes  (Beitr.  III,  299  f.  Müllen- 
hoff  a.  a.  0.  137) ,  aber  dass  der  sagaschreiber  aus  einer  und  derselben  rede  Sig- 
munds die  eine  halbstrophe  wörtlich  citiert,  die  andere  aber  in  prosa  umschrieben 
haben  soll,  ist  wenig  glaublich.  —  171,  27  f.  muss  für  das  erste  varäveittu  not- 
wendig der  Gonj.  vardveitti  gelesen  werden.  —  171,33  hcstaveinyi]  \.  hestasveinn. — 
172,  22  f  Beginn  »varar:  sä  heitir  Fäfnir,  er  her  liggr  skamt  heäan  ä  hrott ,  pat 
heitir  GnitaJieiär]  Bugge  fragt:  ,,er  her  rigtigt?"  Eher  glaube  ich,  dass  pat 
unrichtig  und  in  par  er  zu  bessern  ist.  — ■  175,  9  ok  ek  mega  vinna']  1.  mega  med 
V.  —  176,  10  astscBlli]  1.  ästscelli.  —  177,  3  röärtC]  1.  roärii.  —  179,  10  sitt]  1.  sit.  — 
27  af  hverju  undri  ertu  alinn]  1.  ertu  pä  alinn,  vgl.  aber  auch  Fäfu.  3=.  —  182,  7 
und  183,  18  sind  mit  Bugge  nach  E  zu  bessern:  zu  ersterer  stelle  hat  W.  in  den 
anmm.  darauf  hingewiesen,  zu  lezterer  nicht.  Dort  hat  der  codex  der  Vs.  at  par 
svaf  madr  ok  lä  med  qllum  herväpvium ,  während  R  richtiger  bietet  la  maär  ok 
svaf.  —  191,  4  färr]  1.  fär.  —  31  mansins']  1.  mannsins.  —  Auf  s.  194  sind  die 
zahlen,  die  nach  den  anmm.  verweisen,  in  Verwirrung  geraten.  Zu  z.  30  velmentr 
5)  füge  in  der  anm.  hinzu  5)  vel  mentr  B.  —  197,  9  ok  hafdi  ofr  fjär]  W.  ver- 
mutet of.  Vgl.  aber  Vigfüsson  464",  wo  unsere  stelle  übersehen  ist.  —  In  den 
beiden  Strophen  199,  1  fgg.  sind  folgende  änderungen  metrischer  art  erforderlich: 
2  streich  en;  4  himni]  1.  himin,  verschleift  auf  der  Senkung ;  12.  14  fyrir]  1.  fyr 
(vgl.  Sievers,  Beitr.  5,  479  fgg.  6,  317  fg.).  —  In  der  202,  4  fgg.  angeführten 
Strophe  wird  in  der  ersten  zeile  Sigurdr  im  Zusammenhang  des  liedes  nicht  gestan- 
den haben;  in  der  zweiten  ist  wol  en  zu  tilgen.  —  205,  21  Brynkildr  svarar: 
eigi  sä  ek  svä  Gunnar,  at  minn  hugr  hlceja  vid  hänum  usw.]  Bugges  änderung  se 
statt  sä  ist  notwendig,  nicht  blos,  wie  Wilken  meint,  wegen  des  folgenden  conj. 
praes. ,  sondern  mehr  noch  des  sinnes  wegen,  wie  er  aus  Sig.  sk.  10  erhellt,  se  ist 
futurum.  —  205,  24  sem  äst  se]  1.  sem  hans  äst  se.  —  In  der  strophe  auf  s.  206, 
die  übrigens  den  regeln  genügt,  nmss  in  z.  5  für  svä  at  die  ältere  form  svät  ein- 
gesezt  werden.  Vgl.  Beitr.  5,  477  fgg.  6,  317.  —  210,  27  fgg.  hätte  Bugges  inter- 
punction  beibehalten  werden  sollen.  Auf  derselben  seite  ist  in  anm.  5  statt  ridi  B 
zu  lesen  ridir  B.  —  212,  23  set]  1.  sat.  —  213,  15  skjqldu]  1.  skjqldu  —  214,  1 
vildii]  1.  vildu.  —  Schwierig  ist  die  stelle  214,  4  fg.  sä  drykkr  var  blandinn  med 
jardar  magni  ok  stc  ok  dreyra  sönar.  Der  Codex  liest  dreyra  sonar  hennar.  Die 
stelle  umschreibt  Gudr.  II,  22^  —  «  (=  Hyndl.  38),  und  Bugge  erklärte  den  text  der 
saga  als  misverständnis  von  dem  ok  sönar  (sonö  R)  dreyra  der  vorläge.  Dieser 
auffassung  hat  sich  Wilken ,  wie  auch  ich  (Beitr.  3,  239) ,  angeschlossen.  Der  ver- 
langte sinn  scheint  jeden  zweifei  darüber  auszuschliesson.  Nun  hat  jedoch  neuer- 
dings Sievers  Beitr.  6 ,  315  darauf  hingewiesen ,  dass  an  beiden  stellen  der  lieder- 
samlung  der  vcrs  ein  verschlcifbares  wort  verlangt^  und  meint  deswegen,  dass  die 


ÜBER    PHOS.    EDDA    ED.    WILKEN  87 

angäbe  der  Vs.  ,,  keineswegs ,  wie  man  gewöhnlich  anninit,  zu  verwerfen  ist."  Mei- 
ner ansieht  nach  darf  uns  die  metrische  Schwierigkeit  in  den  beiden  stellen  der 
liedersaniluug  nicht  dazu  verführen,  die  lesart  der  A^s.  zu  adoptieren,  die  unsinn 
ist  und  bleibt.  Eher  wäre  Gudr.  II,  22 s  und  Hyndl.  38*  ok  zu  tilgen,  oder  man 
muss  annehmen ,  dass  die  otlcnbar  alte  forme!  den  anforderungcn  der  jüngeren 
motrik  erfolgreichen  widerstand  geboten  hat.  Allerdings  soll  nicht  geleugnet  wer- 
den, dass  auch  sönnrclreyra  nur  dann  befriedigen  köntc,  wenn  man  es  erklären 
dürfte  als  ,,sonnenstrom "  (vgl.  Grundtvig,  Edda^  214*').  denn  die  gewöhnliche 
erklärung  „sanguis  piacularis"  (Egilsson  lex.  poet.  762"),  „blood  of  atonement" 
(Vigfüsson  dict.  580")  kann  in  der  Verbindung  mit  erde  und  meer  nicht  richtig 
sein.*  Änderungen  in  sunnu,  solar  usw.  liegen  sehr  nahe,  sind  aber  überaus 
bedenklich.  Der  text  der  Edda  kann  richtig  sein,  darf  jedesfalls  nicht  vorschnell 
verurteilt  werden.  —  217,  25  meämi]  1.  meäan  und  28  hröäur]  1.  broäur.  —  219,  24 
Sncevttr]  1.  Sncevarr.  —  221,  31  henta]  1.  liaräa.  —  222,  anm.  9  elnnC]  1.  emiQ.  — 
225,  3  svärar']  1.  svarar.  —  225,  11  min  vili]  1.  ininn  vili  und  stelle  in  den  anmer- 
kungen  anm.  12  und  13  um.  —  227,  7  u.  ö.  wird  Hamdir  geschrieben.  Weshalb 
die  Orthographie  des  namens  mit  ä  verlassen  ist,  die  durch  die  etymologie  gefor- 
dert wird  (vgl.  auch  Bugge  in  dieser  Zs.  7,  394.  99),  ist  nicht  gesagt.  Wünschens- 
wert wäre  es  auch  gewesen,  überall  Bandver  zu  schreiben  als  namen  von  jQrmun- 
reks  unglücklichem  söhne.  Der  Cod.  der  Vs.  hat  die  folgenden  formen:  nom. 
RanducR  (W.  227,  10),  Randverr  (227,  19),  gen.  Bandvers  (227,  28),  acc.  Bundve 
(228,  7).  R  bietet  Bandver,  acc.  Bandve  (Bugge  311,  12.  15).  Von  den  perga- 
menthss.  der  SE  gibt  1  eß  (SE  AM  II,  575)  zweimal  den  nom.  Bandver,  sowie  je 
einmal  den  acc.  und  dat.  Bandve;  r  scheint  einmal  den  nom.  Bandverr  und  ein- 
mal Bandver,  den  acc.  Bandve  zu  haben,  doch  ist  absolutes  zutrauen  zu  den  bis- 
herigen ausgaben  der  SE  nicht  möglich.  Im  grossen  und  ganzen  empfiehlt  die 
Überlieferung  jedesfalls  die  Schreibung  Bandver:  keinesfalls  aber  dürfen,  wie  es 
bei  Wilken  der  fall  ist,  ein  nom.  Bandverr  und  ein  acc.  Bandve  gleichmässig  in 
einen  normalisierten  text  eingang  finden.  — 

Einige  stärkere  abweichungen  von  Bugges  text  hat  Wilken  sich  in  den  citier- 
ten  eddischen  stropheu  gestattet,  namentlich  der  Sigrdrifumäl.  Ich  übergehe  sie 
hier ,  da  sie  der  saga  nicht  eigentümlich  sind.  Sigrdr.  19 '  heilum]  1.  heülum.  — 
Von  den  nur  in  der  saga  überlieferten  Strophen  ist  bereits  die  rede  gewesen. 

Auch  für  den  Nornagestsliättr  wäre  ein  einfacher  abdruck  von  Bugges  text 
sehr  empfehlenswert  gewesen.  Bugge  hat  seiner  ausgäbe  den  Cod.  AM  62  (S)  zu 
gründe  gelegt ,  dessen  texte  er  mit  recht  den  Vorzug  einräumt  vor  dem  der  Flatey- 
jarbök  (P)."^  Ich  wüste  nicht,  dass  die  ansieht  von  Bugge  Widerspruch  erfahren 
hätte,  obgleich  sie  mehr  behauptet  als  bewiesen  ist  (s.  Norr.  Fornkv.  XLI).  Die 
Sache  liegt  aber  in  der  tat  so  einfach,  dass  Bugge  mit  recht  einen  beweis  für 
überflüssig  halten  konte.  Wilken  ist  jedoch  anderer  ansieht.  Er  gesteht  zu,  dass 
S  und  F  auf  „dieselbe  vorläge  zurückweisen,"  und  dass  S  „gewöhnlich  im  rechte 
zu  sein  scheint."  (s.  LXXXVI),  Der  einzig  mögliche  methodische  schluss ,  solte 
man  meinen,    wäre  demnach,    dass  S  der  gemeinsamen  vorläge  näher   steht  als  F 

1)  Dasselbe  bedenken  habe  ich  auch  gegen  die  deutung  von  Edzardi  Germ.  23, 
339 ,  der  an  Sdn,  eins  der  gefässe  des  dichtermethes  denkt. 

2)  A,  die  der  ausgäbe  des  pättr  in  den  Fas.  I,  313  fgg.  zu  gründe  liegende  hs., 
ist  abschrift  Ton  F :  ihre  lesarten  haben  also  höchstens  den  wert  von  conjecturen 
(Wilken  LXXXV). 


und  deragemäss  einer  ausgäbe  zu  gründe  gelegt  werden  mu.ss.  Nicht  so  Wilken. 
Er  hat  es  trotzdem  vorgezogen,  ,,in  F  (A  u.  w.)  die  altberechtigte  vulgata  der 
Überlieferung  anzuerkeanen,  S  dagegen  nur  in  einzelnen,  wenn  auch  nicht  ganz 
seltenen  fällen  zur  correctur  heranzuziehen."  (S.  LXXXVIII).  Hören  wir  seine 
gründe.  Es  sind  ihrer  zwei.  Der  erste  stüzt  sich  auf  die  Überlieferung  der  lieder- 
citate,  die  ja  gewiss  die  sicherste  grundlage  für  eine  handschriftenuntersuchung 
bilden.  In  ihnen  stimt  in  einer  anzahl  von  fällen  S  zu  E,  während  F  abweicht. 
Jeder  wird  zunächst  diesen  umstand  zu  gunsten  von  S  in  die  wagschale  fallen  las- 
sen :  Wilken  aber  sieht  hierin  keine  bewahrung  des  ursprünglichen ,  sondern  ,,  ein 
nachträgliches  ausgleichungsverfahren,"  da  die  abweichungen  des  Np  sich  durch  den 
einfluss  mündlicher  tradition  erklären.  Ich  halte  es  für  angezeigt,  die  ganze  frage 
über  die  Überlieferung  der  liederstrophen  in  Np  etwas  genauer  ins  äuge  zu  fassen. 
Bekantlich  citiert  der  Verfasser  ausschliesslich  strophen  der  Eeginsmal  (str.  13  —  26 
Hild.)  und  die  ganze  Helreid  Brynhildar  mit  ausnähme  der  halbstrophe  6. 

In  einer  sehr  grossen  anzahl  von  fällen  weicht  der  gemeinsame  text  in  SF 
von  dem  des  Eegius  ab.  Während  Bugge  fast  überall  den  lezteren  für  den  echte- 
ren und  ursprünglicheren  hält  (Norr.  Fornkv.  XLIII) ,  kann  Wilken  s.  LXXXIX  fg. 
sich  dieser  auffassung  nur  hinsichtlich  der  Eegm.  anschliessen ,  glaubt  aber,  dass 
in  Helr.  Brynh.  der  text  von  Np  in  mehreren  fällen  den  vorzug  verdiene.  Es  tra- 
gen indes  die  abweichungen  in  Eegm.  und  Helr.  durchaus  den  gleichen  Charakter: 
der  text  des  Np  ist  durchweg  planer,  verständlicher,  einfacher,  weniger  gekünstelt, 
er  vermeidet  die  kenningar,  ebnet  die  skaldische  auseinanderreissung  der  werte. 
Aber  ist  er  darum  auch  älter?  Bugge  hat  mit  recht  darauf  hingewiesen,  dass  der 
Verfasser  der  saga  seine  Überlieferung  der  eddischen  strophen  teilweise  wenigstens 
aus  der  volkstradition  geschöpft  hat,  und  Wilken  teilt  diesen  Standpunkt.'  Der 
text  des  Nfi  repräsentiert  für  uns  also,  wenigstens  teilweise,  die  gestalt,  die  die 
lieder  im  munde  des  volks  angenommen  hatten.  Gerade  wer,  wie  Wilken  es,  frei- 
lich in  übertriebener  weise,  tut  (vgl.  Gott.  gel.  anz.  Mai  1877,  st.  21.  Untersuchun- 
gen cap.  VII),  eine  feste  grenze  zwischen  eddischer  und  skaldischer  dichtung  leug- 
net, wird  es  begreiflich  finden,  dass  der  volksmund  sich  bestrebte,  das  skaldische 
und  ihm  unverständliche  aus  den  sog.  Eddaliedern  nach  kräften  zu  entfernen.  Oder 
wird  es  jemand  bezweifeln  wollen,  dass  auf  Island  der  skaldenkunst  ebensogut  eine 
volkstümliche  poesie  zur   seite  ging,    wie   der  mhd.  höfischen  lyrik   eine  volkslyrik 

1)  Allerdings  hat  der  Verfasser  des  NJ)  auch  unsere  liedersanilimg  in  schriftlicher 
aufzeichnung  benuzt,  oder  doch  wenigstens  den  teil  derselben,  der  als  Siguröar  saga 
(vgl.  NJ)  Bugge  65 ,  5)  wol  früher  selbständig  bestand.  Auf  diesen  von  Wilken  gänz- 
lich verkanten  umstand  komme  ich  weiter  unten  zu  sprechen.  Einzelne  fehler  in  der 
Überlieferung  der  liedercitate  beruhen  denn  auch  auf  lese  -  oder  Schreibfehlern.  Ausser 
dem  von  Bugge  ausgeführten  hafri  {Jiäfar  E)  unnar  Regm.  16  ^  ist  namentlich  bewei- 
send Helr.  Br.  8^  «'  GodpjoSn  R,  das  die  vorläge  von  SF  verlas  zu  d  goß  pordu.  So 
hat  S,  während  F  ganz  wilkürlich  yygjar  brdSttr  hergestelt  hat.  Wüken  scheint  aber 
wirklich  die  lesart  von  F  für  richtig  zu  halten,  die  von  S  dagegen  „für  eine  verfehlte 
anlehnung  an  R."  (s.  LXXXVII).  Weswegen  hat  dann  der  Schreiber  von  S  nicht  gleich 
die  richtige  lesart  von  R  aufgenommen.*  und  was  berechtigt  uns  anzunehmen,  Hjälm- 
gunnar  sei  der  brudcr  einer  riesln  gewesen?  —  Als  überlieferungsfehler  betrachte  ich 
auch  Regm.  20  ^  af  hrotta  mcida  hrapi  SF]  at  hrottameibi  hrafns  R;  Regm.  25  ^  kennaz 
SF]  kmnna'R;  25^  af  minneF  ,  af  minnum  S]  atmorniR;  Helr.  12 ^  hvarki  S  ,  Auor/ci  F] 
hvdrtki  R;  12»  enn  at  SF]  okkart  R.     Vielleicht  auch   Helr.  1«.  5=^. 


ÜBER  PROS.  EDDA  ED.  WILKEN  89 

oder  der  lueistersingerei  das  Volkslied?     Wie   die    einfachere    kuiist  des    volks   die 

gekünstelte  skaldendichtung  nicht  ohne  glüek  zu  ebnen   gesucht  hat,  werden  einige 
beispicie  veranschaulichen : 


R 

SF 

1.  14  •'•  « 

'  prymr  um  qll  Iqnd 

frcegr  um  Iqnd  qll 

erlqg  -  simu 

af  (med  F)  loß  i 

iinu 

16  5.  C 

'  seglvigg  eru 

eru  segl  ydr 

sveita  stokkin 

sjövi  stokkin 

16' 

vägmarar 

väpnaäir 

17  -^ 

ä  satream 

ä  sjä  komnir 

25* 

ösyiit 

övist 

2   5  fgg. 

pil  he  fr,  vär  gulls! 
ef  [pik]  vita  lystir 

pii  liefr  vqrgum 

mild  af  liq}idum 

meini  blandat 

manns  blöd  pvegit 

(mqrgnm  til  matar 

F) 

Helr. 


manns  hlöd  gefvt. 
Helr.  str.  6  ist  in  ihrem  ersten  teile  ganz  geändert:  in  dieser  volksmässigen  Umge- 
staltung darf  man  aber  keineswegs  mit  Wilken  s.  LXXXIX  anra.  10  das  echte 
suchen.  Ebenso  verhält  es  sich  mit  andern  stellen ,  in  denen  Wilken  das  ursprüng- 
lichere auf  Seiten  des  Np  sieht.  Str.  1  ^  hat  allerdings  Hildebrand  värra  ranna  SF 
{vers  annarrar  R)  aufgenommen ,  aber  gewis  mit  unrecht.  Der  Vorwurf,  dass  Bryn- 
hild  noch  auf  dem  weg  zur  Hei  dem  gatten  einer  andern  nachläuft,  darf  nicht 
fehlen.  Wäre  die  lesart  von  SF  die  alte,  so  würde  2,  1  fgg.  sie  nur  müssig  wider- 
holen. —  2^  halte  ich  das  vd  alundi  (oder  vä  ä  landi?)  in  N{)  für  einen  über- 
lieferungsfehler. R  hat  af  Vallandi,  allerdings  eine  ,,crux  interpretum ,"  die  man 
aber,  kritischer  als  Np,  nicht  einer  wilkürliclien  besserung  oder  einem  blossen 
Schreibfehler  zu  liebe  aufgeben  solte.  Vgl.  übrigens  MüllenhofF  Zs.  für  deutsch, 
alt.  23 ,  166.  —  Und  ebenso  erledigen  sich  die  übrigen  einwände  Wilkens  s.  XC 
aus  der  angegebnen  betrachtungsweise.  * 

Durchweg  weichen  SP  gemeinsam  von  R  ab.  In  einigen  fällen  stimmen  SR 
gegen  F:  im  ganzen  27 mal,  13 mal  in  Regm.  und  14 mal  in  Helr.  Es  verlohnt 
sich  der  mühe,  diese  fälle  genauer  zu  betrachten.  Wo  der  fehler  in  F  auf  der 
band  liegt,  erspare  ich  mir  jede  weitere  bemerkung. '^ 

Regm.  132  konr  Sigmimdar  SR]  sonr  F.  Str.  14 ^  haben  SRP  Yngoa  konr. 
Gewiss  ist  dieses  poetische  wort,  das  bald  veraltete  (vgl.  Vigfüsson  dict.  350^), 
auch  hier  das  ursprüngliche. 

13  ö  en  madr  gamall  SR]  en  ek  madr  gamall  F.  ek  zerstört  den  vers  und 
ist  mehr  denn  überflüssig. 

13  '•  •*  (ok)  er  vier  fangs  vän  at  frekiim  ülfi  SR]  af  fr.  ü.  F. 

15^  en  hefiid  fqäur  SR]  hefna  F.     Der  vers  verlangt  ein  einsilbiges  wort. 

1)  Die  bemerkungen  Edzardis  Germ.  23,  413  fgg.  zu  Helr.  Brynh.  habe  ich  hier, 
wo  es  sich  nur  um  die  Überlieferung  des  NJ)  handelt,  unberücksichtigt  gelassen.  Mit 
der  erklärung  von  nf  T'allandi  s.  417   kann  ich  mich  nicht  befreunden. 

2)  Sievers  gesetze  für  den  kviöuhättr,  die  er  in  seinen  „Beiträgen  zur  Skal- 
denmetrik" (Beitr.  5,  449  fgg.  6,  265  fgg.)  entwickelt  hat,  haben  sich  mir  hei  sorg- 
fältiger nachprüfuug  für  die  jüngeren  lieder  der  Edda  in  allem  wesentlichen  als  unbe- 
streitbar ergeben.  Ich  glaube  deswegen  das  recht  zu  haben,  sie  als  kritisches  hilfs- 
mittel zu  benutzen.  Auch  führe  ich  überall  stillschweigend  die  metrisch  erforderlichen 
kürzeren  formen  ein. 


90  SYMONS 

.16*  liaf  SR]  liafi  F,  unmöglich. 

18^  Unikar  hetu  mik  SR  und  Cod.  der  VqIs.  s.]  hetö  (i.  e.  hetum)  mik  F. 
Das  ursprüngliche  war  hetumk. 

21^^  täi  SR]  ä  rä  i  F. 

23  3  skinundi  SR]  sitjandi  F. 

23  ö  er  SR]  sem  F,  die  jüngere  ausdrucksweise. 

25^  /war  at  aptni  {apni  R)  /cewr  SR]  hoat  er  a.  k.  F. 

26'^  bitrum  hjqrvi  SR]  breidum  hjqrvi  F,  was  Wilken  aufnimt.  Gewis  sind 
beide  epitheta  möglich ,  aber  ebenso  gewiss  ist  das  erstere  origineller  und  deswegen 
ursprünglicher.  Auch  mhd.  heisst  der  kämpf,  der  streich,  das  schwert  bitter  (Lexer 
1 ,  287) ;  so  braucht  das  wort  auch  die  ältere  epische  spräche  der  germanischen 
Völker:  Beow.  2704  fg.  u.  ö.     Für  das  an.  vgl.  noch  Egilsson  lex.  poet.  55^ 

26  ß  säs  fold  rydi  SR]  ridur  F. 

Helr.  Brynh.  2^  ef  [pik]  vita  hjstir  SR]  ef  Jnn  vitja  F.  Vgl.  5*.  7  6.  Die 
lesart  von  F  erklärt  sich  durch  Verwirrung  mit  1 ''.  2^. 

3'-  ^  hvars  menn  edli  okkart  kimna  R,  pars  edli  menn  okkat  kunnu  S] 
peims  edli  mitt  um  kunna  F.  Von  allem  andern  abgesehen  wird  durch  die  lesart 
von  F  die  lezte  zeile  um  eine  silbe  zu  kurz. 

4^  pii  hefr  Gjtika  SR]  Gjüka  fehlt  F. 

1  ^  ef  [pik]  vita  lystir  SR]  ef  pess  vita  lystir  F.  pik  ist  freilich  ebenso 
wenig  ursprünglich  yvie  pess,  aber  dennoch  relativ  das  echtere.  Vgl.  5*  (auch  in  F), 
2«.  Helg.  Hu.  II,  8*.  413.     Atlm.  57  i  und  Sievers  Beitr.  6,  332. 

8 '  vard  SR]  var  F,  falsch. 

10  ■'•  ^  panns  mer  fcerdi  gull  |  paz  und  Fäfni  lä  SR]  panns  foerdi  vier  |  Fäf- 
nis  dynu  F.  Wilken  s.  LXXXVII  hält  die  lesart  von  F  für  ursprünglich,  und  gewiss 
könte  man  hier  noch  am  ehesten  geneigt  sein,  ihm  beizustimmen.  Dennoch  wird 
man  diesen  fall  nur  im  Zusammenhang  mit  den  übrigen  textabweichungen  beurtei- 
len müssen.  Übrigens  lag  die  kenning  Fäfnis  dyna  ==  gxül  nahe  genug:  vgl.  Egils- 
son IM**.  1 

12  5  knätti  SR]  mätti  F. 

13  3-  *  at  ek  Sigurdi  \  sveefak  ä  armi  SR]  at  ek  Signrdi  \  svcefa  ä  armi  F. 
Das  ursprüngliche  ist:  at  Sigurdi  \  svcefak  ä  armi. 

13^-  *^  hat  F  drei  geringfügige  abweichungen  von  SR,  die  sämtlich  Verschlech- 
terungen sind. 

14  2  alls  til  lengi  SR]  aus  of  lengi  F. 

14  3-  •*  konur  ok  karlar  \  kvikvir  {kvikir  um  SF)  fcedask  SR.  Hier  liest  F 
fordask ,  das  den  gegensatz  der  beiden  halbstrophen  zerstört.  Vgl.  Edzardi  Germ. 
23,  416,  der  die  nicht  leichte  strophe  zuerst  richtig  gedeutet  hat. 

An  einer  stelle  Regm.  20*  bietet  F  die  von  den  neueren  herausgebern  auf- 
genommene form  dyggva  {dyggja  SR).  Die  abweichung  ist  blos  orthographisch: 
überdies  sind  beide  formen  richtig  und  aus  *clyggvja  entstanden  (Bugge  Norr. 
Fornkv.  217). 

Nur  an  einer  einzigen  stelle  —  wenn  mau,  wie  billig,  von  der  blos  ortho- 
graphischen abweichung  Regm.  26  «  hugirm  S  {hugin  FR)  absieht  —  stimmen  FR 
zusammen  gegen  S :  Regm.  17  ^  brqndum  FR  =  hqmrum  S. 

1)  Das  ursprüngliche  dürfte  sein: 

panns  fcerSumk  gull 
paz  tmd  FäJ'iii  lä. 


ÜBER    PHOS.    EDDA   ED.    WILKEN  91 

Endlich  gibt  es  einige  fülle,  in  welchen  alle  drei  hss.  auseinandergehen.  In 
diesen  hat  überall  S  das  relativ  ursprünglichere.     Folgende  sind  die  wichtigsten : 

Holr.  23  hvarfüst  R]  ^  hvarßynt  S,  hverfliint  P.  Bugge  hat  in  seinen  teit 
von  Np  die  lesart  von  F  aufgenommen.  Allerdings  scheint  nur  hverflyndr  belegt 
(Cl-Vigf.  300"),  aber  gegen  die  hildnwg  hvarflyndr  ist  nichts  einzuwenden.  Gewiss 
steht  S  auch  hier  der  gemeinsamen  vorläge  näher  als  F. 

2''  Die  halbstrophe  ist,  wie  bereits  oben  bemerkt  wurde,  in  NJ)  nach  münd- 
licher tradition  ganz  geändert.  In  F  ist  die  entstellung  jedoch  weiter  gegangen; 
die  lesart  von  z.  7  nu^ryum  til  matar  F  {ineini  hlandat  S ,  viild  af  hqndtim  R)  ist 
schon  metrisch  verwerflich ,    da  die  zweite  und  dritte  silbe  nicht  verschleifbar  sind. 

3''  hvars  inemt  edli  R]  pars  eäli  menn  S,  peims  edli  mitt.  Die  foitschrei- 
tende  Verschlechterung  ist  nicht  zu  verkennen. 

8^  Odu  {wpo)  R]  auda  S,  audur  F.  Wilken  hat  die  form  von  F  in  den 
text  aufgenommen,  die  gar  keine  gewähr  hat.  R  bietet  Sgrdr.  B.  229,  8  hwpo, 
der  codex  der  VqIs.  s.  cap.  20  (B.  125,  17)  fehlerhaft  Agnarr  eda  Audabrödir.  An 
lezterer  stelle  nimt  Wilken  (184,  1)  gleichfalls  die  genitivforin  Audar  auf. - 

10  "*  pai'  had  [liami]  einn  pegii  R.  S  stelt  um  peyn  einn,  woraus  F  peg 
(=  pegar)  einn  gemacht  hat,  das  metrisch  anstössig  und  dem  sinne  nach  kaum 
möglich  ist. 

14**  S0klcst(uj ,  gygjarkyn  R]  nü  rqg  gygr  S,  rm  gygr  F.  Die  lesart  von  F 
mag  immerhin  dem  liede  einen  ,, einfachen  und  gefälligen"  abschluss  geben  (Wil- 
ken s.  XC):  dennoch  ist  sie  unmöglich,  denn  nach  zahlreichen  analogien  (vgl.  Sie- 
vers beitr.  6,  327)  ist  das  in  .s0/i;/i;s^;*  steckende J>it  zu  streichen,  und  dadurch  würde 
der  vers  dreisilbig. 

Unsere  Untersuchung  der  Überlieferung  der  eddischen  atrophen  in  Nf  hat 
somit  den  unbedingten  Vorzug  von  S  ergeben.^ 

Der  zweite  grund,  der  Wilken  dazu  bewogen  hat,  seiner  ausgäbe  F  zu  gründe 
zu  legen ,  entspringt  glcichfals  einer  irrigen  auffassung.  S  soll  in  cap.  1  ziemlich 
stark  gekürzt  haben.  Allein  viel  glaublicher  ist,  dass  F  erweitert  hat.  Die  Fla- 
teyjarbök  erweitert  überhaupt  mit  verliebe:  so  in  der  Hallfredarsaga  (vgl.  Forn- 
sögur  edd.  Vigfüsson  und  Möbius  X)  und  sonst.  Dass  sie  es  auch  im  vorliegenden 
falle  tat,  lässt  sich  leicht  nachweisen.  Während  nach  S  der  noch  ungetaufte  Nor- 
nengast  sich  ohne  wissen  des  erzchristlichen  königs  einschleicht,  und  dieser  erst 
durch  die  nächtliche  erscheinung  des  elben  veranlasst  wird ,  sich  am  folgenden 
morgen  nach  dem  namen,  der  herkunft  und  dem  glauben  des  fremden  zu  erkun- 
digen, zerlegt  F  diesen  sehr  naturgemässen  Vorgang  in  drei  teile:  ankunft  des  Nor- 
nengastes   am  späten   abend   und  vorläufige   freundliche    aufnähme   von   selten  des 

1)  Mir  ist  nicht  recht  deutlich,  warum  alle  herausgeber  der  Edda  hvarfüst 
schreiben:  offenbar  ist  doch  hvarf-fust  das  richtige.  In  NJ)  ist  daraus  hvarf-lynt 
geworden,  wie  Regm.  21^  aus  hroörfusa  E,  hroörfulla  SF., 

2)  Über  8^  «'  GoÖpjoöu  E]  d  gob  porSii  S,  gygjar  brobur  F  vgl.  oben  s.  88  anm. 
Diese  stelle  ist  namentlich  beweisend. 

3)  Bekantlich  ist  Hyndluljöö  ausschliesslich  in  F  überliefert.  Nur  str.  33  findet 
sich  auch  angeführt  in  SE  I,  44  in  UWr.  Diese  eine  strophe  genügt,  um  auch  für 
dieses  lied  die  Vermutung  zu  rechtfertigen,  dass  der  text  von  F  stellenweise  willkürlich 
geändert  ist.  33  ^  bietet  F  skilberen'Sr,  SE  seibberendr  {cn  sci'bb  W,  in  TJ  fehlen  z.  5.  6): 
leztere  lesart  ist  natürlich  richtig. 


92  SYMONS 

königs,  erscheinung  des  geistes  in  der  Dacht,  und  infolge  dessen  weitere  erkun- 
digimgen  des  königs  am  nächsten  morgen  nach  der  herkunft  und  confession  des 
gastes.  Der  nachtgeist  spielt  hier  dieselbe  rolle ,  die  sonst  in  isl.  erzählungen 
dem  ti'aume  zuerteilt  wird :  er  weist  auf  eine  drohende  gefahr ,  überhaupt  ein  kom- 
mendes ereignis  hin.  Weit  kunstvoller  und  Aveit  mehr  im  geiste  des  altertums  ist 
es,  wenn  die  künde  vom  bevorstehenden  unheil  ohne  Vorbereitung  an  den  schläfer 
herantritt.  Wilken  bemerkt,  dass  der  leser  sich  ,,in  der  erzählung  des  nachtelben," 
wie  S  sie  bietet,  ,,wol  nicht  gleich  zurechtfinden  wird."  Möglich,  aber  eben  des- 
wegen hat  der  redactor  von  P  diesem  Übelstande  abzuhelfen  gesucht.  Für  eine 
kürzung  wäre  kein  triftiges  motiv  denkbar.  Überdies  spricht  auch  ein  äusserlicher 
grund  für  erweiterung  in  F.  Der  nachtelbe  tritt  vor  jedes  bett  und  ,,at  lyktum 
kom  hann  til  scengr  eins  manns,  er  par  Id  ütarlifja"  {olc  um  siäir  kern,)'  hunn  at 
einum  manni,  er  Id  ütarliga  S).  Diese  darstellung  ist  sehr  verständlich,  sobald 
von  dem  neuen  ankömling  noch  nicht  die  rede  gewesen  ist,  wie  in  S,  aber  schwer- 
lich, wenn  dieser  mit  grossem  wortreichtum  bereits  eingeführt  ist,  wie  in 
F.  *  —  Im  übrigen  sind  die  abweichungen  beider  handschriften  zwar  ziemlich 
bedeutend,  ebne  jedoch  den  kern  der  sache  wesentlich  zu  berühren.  Im  grossen 
und  ganzen  ist  F  wortreicher,  zeigt  ein  gewisses  streben  nach  oft  überflüssiger 
deutlichkeit ,  ändert  vielfach  die  Wortstellung,  bevorzugt  das  plusqpf.  vor  dem  imp, 
von  S  und  die  indirecte  rede  statt  des  lebendigeren  dialogs.  Dass  der  text  von  S 
durchweg  der  bessere  ist ,  rauss  Wilken  selber  anerkennen ,  sodass  ich  mich  des 
beweises  dafür  überhoben  rechnen  darf.  Schliesslich,  was  für  Wilkens  Standpunkt 
freilich  ohne  bedeutuug  ist,  für  mich  aber  von  um  so  grösserer,  auch  die  prosa 
von  R  erscheint  au  einzelnen  stellen  in  S  treuer  widergegeben  als  in  F.  Dies 
mögen  wenige  beispiele  erhärten:  Bugge  55,  8  en.  Hiqrdis  giptiz  pd  Alfi  K]  pegar 
Alfi  S,  Hdlfi  F;  55,  19  frä  forellri  sinu  ES]  frd  forelldrum  sinum  F;  57,  9  ok 
tök  i  sunclr  lagäinn  sem  vatnit  RS]  sem  vatnit  fehlt  F;  6d,  1  ok  svd  segir  i  Gii- 
ärünarkviäu  inni  foriiu  R]  en  i  Gudrünarraäu  segir  svd  S,  en  igäurnar  sqgäu 
svd  F  (natürlich  ein  lesefehler).  - 

Im  vorstehenden  hoffe  ich  den  beweis  hinlänglich  erbracht  zu  haben ,  dass 
einer  ausgäbe  des  Nornagestspättr  unbedingt  S  zu  gründe  gelegt  werden  muss. 
Wilkens  ausgäbe  muss  ich  aus  diesem  gründe  für  verfehlt  halten:  ein  einfacher 
abdruck  von  Bugges  text  hätte  weitaus  den  Vorzug  verdient.  Tadeln  muss  ich  auch, 
dass  Wilken  nicht  überall  zu  den  liedercitaten  die  lesart  von  R  vollständig  anführt, 
sondern  sich  oft  mit  einem  ,, anders  L.  E.,"  ,,die  abweichungen  der  L.  E.  vgl. 'bei 
Hild."  oder  auch  ganz  ohne  andeutung  begnügt. 

Ich  wende  mich  jezt  zu  der  einleitung,  soweit  sie  VqIs.  s.  und  Norn.  p. 
betrift.  Dass  ich  diese  im  ganzen  wie  in  den  meisten  einzelheiten  für  mislungen 
halten  muss,  habe  ich  bereits  angedeutet  und  werde  im  folgenden  die  gründe  die- 
ses Urteils  darlegen. 

Ij  Wie  ich  iiauhträglicli  sehe,  hat  auf  diesen  Widerspruch  schon  Edzardi  Germ. 
24,  354  aufmerksam  gemacht. 

2)  Regm.  18*  lesen  alle  vier  codd.  (li  S  V  und  der  codex  der  VqIs.  s.)  hafSi. 
Alle  ausgaben,  mit  ausnähme  von  Hiklebrauds,  ändern  Itaföak.  Ist  diese  änderung  rich- 
tig, so  wäre  dadurch  die  im  Iczten  gründe  gemeinsame  vorläge  für  alle  vier  stränge  der 
Überlieferung  nachgewiesen.  Ich  glaube  aber,  dass  die  handschriftliche  lesart  mit  Hil- 
debrand behalten  werden  muss,   wie  andernorts  gezeigt  werden  soll. 


ÜBER  fROS.  EDDA  ED.  WILKEN  93 

Der  keriiimnkt  von  Wilkens  einleitung  ist  natürlich  das  Verhältnis  der  an. 
quellen  für  die  Völsungeiisage  unter  einiinder.  Ausser  Vs.  und  Nji  kounnen  also 
in  betracht  in  erster  linie  die  Eddalieder,  die  prosa  der  saniluug  und  der  kurze 
auszug  in  SE  1 ,  352  fgg. ,  in  zweiter  linie  auch  die  pidrekssaga,  namentlich  in  den 
mit  Vs.  übereinstimmenden  stücken.  Die  Eddalieder  scheidet  Wilken  genau  von 
der  prosa  der  samlung.  Au  und  für  sich  ist  dies  richtig  und  notwendig.  Ebenso 
notwendig  ist  aber  eine  kritische  sonderung  der  Eddaprosa,  die,  wie  sich  bei  einer 
unter.suchung  herausstellen  wird,  sehr  verschiedenen  wert  besizt:  bald  sind  es 
Zusätze  oder  deutungcn  des  samlers,  bald  auseinandergefallene  halbvorgcssene  stro- 
pheu  ,  und  jene  Zusätze  sind  bald  das  werk  des  samlers,  bald  von  ihm  anderswoher 
entlehnt. '  Übrigens  wird  ein  grosser  teil  der  j)rosa  der  samlung  vom  Verfasser 
dt-r  Sigurdarsaga ,  Avorüber  unten  mehr,  herrühren,  aber  natürlich  erhebt  sich  für 
ihn  alsbald  dieselbe  frage,  wie  für  den  samler  der  sogenanten  Eddalieder. 

Die  Untersuchungen  über  das  gegenseitige  Verhältnis  der  genanten  quellen 
hat  Wilken  am  Schlüsse  der  einleitung  (s  CHI  fgg.)  zusammengefasst.  Seine  resul- 
tate  sind  etwa  die  folgenden:  An  der  .schwelle  der  norrtenen  litterarischen  entwick- 
lung  der  Völsungensage  steht  eine  rein  prosaische  Sigurdarsaga,  deren  (zunächst 
allerdings  nur  in  mündlicher  Überlieferung  nachweisbare)  existeuz  vom  anfang  des 
]  1.  Jahrhunderts  an  gesichert  erscheint.  Auf  ihr  beruhen  ,,als  m»dir  oder  minder 
freie  Variationen "  die  Eddalieder.  Diese  prosaische  ursaga  ist  uns  nicht  in  zusam- 
menhängender aufzeichnung  ei-halten,  doch  liegt  sie  den  übereinstimmenden  par- 
tien  der  jüngeren  prosaquellen  zu  gründe,  der  Vs  ,  der  Skäldskpm. ,  des  N{),  der 
Eddaprosa,  ja  teilweise  sogar  der  ps. ;  am  treuesten  soll  die  skizze  der  Skäldskpm. 
diese  urform  der  saga  bewahrt  haben.  Volständig  aber  besitzen  wir  die  Sigurdar- 
saga in  einer  jüngeren  recension,  und  dies  ist  eben  die  Volsuugasaga,  die  ihrer- 
seits wider  die  Eddalieder  benuzt  hat,  allerdings  nicht  nach  unserer  sandung,  son- 
dern nach  mündlicher  tradition  (s.  LXX  fgg.).  Zwischen  den  verschiedenen  quellen 
walten  aber  noch  folgende  Verhältnisse.  Die  Gylfaginuing ,  die  Wilken  in  ihrer 
ursprünglichen  gestalt  ins  12.  Jahrhundert  sezt  (Unterss.  s.  1G2  fgg.),  hat  in  ihrem 
prolog  eine  recension  der  Vs.  benuzt,  sodass  deren  älteste  litterarische  fixierung 
damals  bereits  geschehen  sein  muste.  Im  anfange  des  13.  Jahrhunderts  erfolgte 
dann  eine  ,,  ziemlich  durchgTeifende  Umgestaltung"  der  Vs. ,  inj  ganzen  der  uns 
erhaltenen  recension  entsprechend  (s.  CVl).  Diese  wird  Snorri,  wenn  er  der  Ver- 
fasser der  Skälda  war,  für  seinen  sagenauszug  benuzt  haben. '^  Dagegen  verrät 
weder  er  noch  der  Verfasser  von  Np  irgend  eine  keutnis  der  ps.  So  komt  Wilken 
dazu,  Np  mit  R.  Keyser  um  oder  bald  nach  1250  auzusetzen,  die  samlung  der 
Eddalieder  aber  noch  etwas  weiter  in  die  zweite  hälfte  des  13.  Jahrhunderts  hinab- 
zurücken ,    da  diese   in  Gudr.  III    uud   der    einleitung   zu  Gudr.  II  eiufluss  der  ps. 

1)  Eine  solche  Untersuchung,  wie  Edzardi  sie  wünscht  (Germ.  23,  103  aum.  2), 
habe  ich  widerholt  angestelt,  gestehe  aber,  dass  die  ergebuisse  mir  zu  unsiclier  waren, 
um  sie  drucken  zu  lassen.  Indes  denke  ich  bald  eine  solche  Untersuchung  in  anderem 
zusammenhange  vorlegen  zu  können. 

2)  Merkwürdigerweise  soll  aber  auch  die  Vs.  „spurweise"  die  Skdlda  benuzt 
haben  (s.  XXVIIl  fg.  CVI  anm.  5).  Und,  während  hier  Snorri  eine  recension  der  Vs. 
benuzt  haben  soll,  die  der  erhaltenen  oflenbar  so  ähnlieh  gesehen  haben  muss,  wie  der 
eine  tropfen  wassers  dem  andern,  wird  s.  XXIX  mit  gröster  bestimtheit  behauptet,  dass 
nur  eine  altere  recension  der  Vs. ,  nicht  unsere,  in  der  Sk.  verwaut  sein  kann.  Eine 
solche  consequenz   verstehe  ich  nicht. 


94  SYMONS 

zeigen  soll.  Demnacli  müssen  die  Übereinstimmungen  zwischen  der  prosa  des  sam- 
lers  und  Nf>,  soweit  sie  nicht  auf  gemeinsamer  benutzung  jener  alten  Sigurdarsaga 
beruhen ,  so  erklärt  werden ,  dass  der  samler  NJj  kante.  Dagegen  hat  Np  noch 
keine  spur  einer  liedersamlung.  Zu  dieser  wurde  erst  geschritten .  als  die  ,,  pro- 
saische wie  poetische  Produktion  auf  grundlage  der  alten  Sig.  saga  dem  erlöschen 
bereits  sehr  nahe  war"  (s.  CVII).  So  korat  bei  Wilken  die  liedersamlung  am 
Schlüsse  der  ganzen  Überlieferung  zu  stehen,  wie  die  mündlit-he  Sigurdarsaga  an 
ihrem  anfang.  Das  Verhältnis  der  eddischen  Völsungenlioder  zur  Sigurdarsaga  soll 
ein  analogou  finden  in  der  von  Storra  vertretenen  Stellung  der  Kampeviser  zur 
pidrekssaga ,  während  das  Verhältnis  des  Nornagestspättr  zur  V^lsungasaga  sich 
widerspiegeln  soll  in  dem  der  Blömstrvallasaga  zur  pidrekssaga  (s.  CVIII). 

Dass  diese  resultate  fast  in  allen  punkton  von  den  bisherigen  annahmen 
abweichen ,  leuchtet  ohne  weiteres  ein.  Sie  stellen  das  bisher  von  allen  forschern 
festgehaltene  Verhältnis  der  prosaquellen  zu  den  Eddaliedern  geradezu  auf  den  köpf. 
Wie  im  einzelnen  auch  die  ansichten  auseinandergiengeu,  folgendes,  darf  man  wo  1 
sagen,  galt  als  unbestrittener  aiisgangspunkt  für  alle  Untersuchungen: 

1.  Die  Verfasser  von  Vs.  und  NJ)  benuzten  für  ihre  erzählangen  entweder 
dieselbe  samlung  von  alten  heldenliedern  mit  eingestreuten  prosastücken,  die  uns 
in  R  vorliegt,  oder  doch  eine  derselben  sehr  nahe  verwante.  Die  liedersamlung 
ist  also  älter  als  beide  erzählungen. 

2.  Die  Eddalieder,  zum  teil  vielfach  umgearbeitet,  wurzeln  in  mündlicher 
tradition ,  sind  aber  keine  poetischen  Variationen  einer  prosaischen  erzählung. 

Andere  punkte  waren  allerdings  controvers:  so  der  umfang  der  benutzung 
der  liedersamlung  in  der  Vs.  uud  Np. ,  das  Verhältnis  der  liedersamlung  zur  SE, 
der  Vs.  zur  ps.  ,  wol  auch  des  Np  zur  Vs.  Wilken  hat  die  festen  grundlagen  der 
bisherigen  forsehnng  ohne  genügende,  hie  und  da  ohne  alle  motivierung  zu  zer- 
stören gesucht.  Eine  neue  basis  gewint  er  erst  durch  eine  menge  von  unüberlegten 
einfallen,  Widersprüchen  und  falschen  praemissen:  er  hat  seinen  oberbau  aufgeführt, 
bevor  er  eine  neue  und  bessere  grundlage  gelegt  hatte.  Da  ist  es  nicht  Avunder- 
bar,  dass  das  ganze  künstliche  gebäude  von  funkelnagelneuen  Vermutungen  in  der 
luft  schwebt,  und  dass  eine  ernste  betrachtung  des  tatsächlichen  es  zusanmienstür- 
zen  macht. 

Zunächst  das  Verhältnis  der  Vs.  zu  den  Eddaliedern  und  zur  liedersamlung; 
natürlich  ist  beides  nicht  identisch.  Dass  die  mehrzahl  der  heldenlieder  der  Edda 
in  der  Vs.  benuzt  ist,  unterliegt  keincnr  zweifei  und  wird  selbstverständlich  auch 
von  Wilken  nicht  bestritten  (s.  XXIII).  Dem  sagaschreiber  standen  ferner  die  frü- 
her in  R  befindlichen,  jezt  durch  die  lückc  verlorenen  lieder  zu  geböte.  Diese  bil- 
den die  grundlage  für  cap.  23  —  29  der  saga,  wie  Beitr.  III,  253  fgg.  nachgewiesen 
ist.  Ich  muss  hier  auf  die  besprechung  von  eiuzelheiten  verzichten,  halte  es  auch 
für  weniger  erheblich,  ob  der  sagaschreiber  ausser  den  algemein  anerkanten  noch 
andere  in  unserer  samlung  enthaltene  lieder  gekant  hat,  wie  ich  Beitr.  III,  217  fgg. 
es  für  Helg.  Hund.  II,  Gudr.  I,  Helr.  Brynh. ,  Oddr.  zu  zeigen  versucht  habe. 
Dazu  vgl.  Wilken  s.  XXIV.  Wenn  in  der  tat  die  Vs.  unsere  samlung  nachweislich 
benuzt  hat,  was  ich  sogleich  eingehender  begründen  werde,  komt  auf  den  umfang 
der  benutzung  weniger  an.  Wenn  ferner  die  tatsache  feststeht  und  nicht  geleug- 
net wird ,  auch  von  Wilken  nicht ,  dass  die  saga  die  einst  in  R  enthalteneu  lieder 
noch  gekant  und  ihrer  darstellung  iu  c.  23  —  29  zu  gründe  gelegt  hat,  wird  es 
weniger  von  gewicht  sein,  genau  zu  bestimmen,  den  Verlust  wie  vieler  lieder  wir 
zu  beklagen  haben.     Ich  habe   freilich  gemeint,    aus   der  prosawidergabe  der  saga 


ÜBER    PROS.    EDDA    ED.    WTtLKEN  95 

noch  fünf  bis  sechs  toils  ältere  teils  jiiiif^-ere  lieder  erkennen  zu  können,  die  Sigurds 
Iiesuch  hei  Heimir  und  verlobun«-  mit  Bryuhild,  Gudruns  träume  und  deren  deu- 
tung  durch  Brynhild,  Sigurds  ankunft  an  Gjukis  hof  und  Vermählung  mit  Gudrun, 
Sigurds  ritt  durch  die  waberlohe,  den  zank  der  königinnen  und  lirynliilds  harui 
besangen.  Allein  ich  habe  dies  resultat  meiner  Untersuchung  keineswegs  als  sicher 
und  unbestreitbar  hingestelt.  Es  ist  überaus  leicht,  wie  es  Wilken  s.  XLII  fgg.  tut, 
das  resultat  als  ganzes  nicht  anzugreifen,  aber  es  in  der  weise  zu  modificieren, 
dass  statt  jener  fünf  bis  sechs  lieder  nur  vier  „deutlich  genug  angezeigt"  sein 
sollen,  ,,um  sie  als  wahrscheinlich  gelten  zu  lassen."  Allein  man  soke  dies  nur 
mit  sehr  bestirnten  gründen  tun.     Diese  führt  Wilken  nicht  au. 

Im  anschluss  an  S.  Bugge  Norr.  Fornkv.  XXXIX  habe  ich  gegen  W.  Grimm, 
!'.  E.  Müller,  E.  Keyser  u.  a.  auch  cap.  23  und  24  ,  die  Sigurds  aufenthalt  bei  Heimir 
und  Verlobung  mit  Brynhild  erzählen  ,  als  para]ihrase  eines  liedes  zu  erweisen  gesucht. 
Die  gründe  für  diese  annähme  sind  einmal  der  umstand,  dass  auch  ({ripisspä  ein 
früher  in  unserer  samlung  unmittelbar  auf  die  Sigrdrifumal  folgendes  lied  gekant 
haben  muss,  das  Sigurds  besuch  bei  Heimir  besang,  und  zweitens  die  unter  dem 
prosagewande  noch  hervorschauende  poetische  quelle.  Lezterer  grund  hat  mich 
auch  bestirnt,  für  den  grösseren  teil  von  c.  25  (B.  139,  11  fgg.)  ein  lied  als  vor- 
läge zu  vermuten.  Den  ersteren  fertigt  Wilken  mit  der  bemerkung  ab,  dass  er 
für  seine  auffassung  nicht  ins  gewicht  fält  (s.  XLH  anm.  100) ,  den  zweiten  mit 
der  sehr  ähnlichen,  dass  er  darauf  nicht  viel  gewicht  legen  kann  (s.  XLVI).  Auf 
die  gründe,  die  Wilken  seinerseits  gegen  mich  anführt,  wird  er  wol  kaum  selber 
., gewicht  legen"  wollen.  Die  vermeintlichen  anklänge  an  eddischen  ausdruck, 
meint  Wilken,  kehrten  auch  in  andern  liedern  wider.  Natürlich;  wäre  dies  nicht 
der  fall,  so  hätten  sie  sich  schwerlich  als  eddisch  nachweisen  lassen.  Was  in 
cap.  24  (B.  137,  3  fgg.)  von  den  habichten  und  dem  pferde  Grani  erzählt  wird,  dass 
sie  mismutig  das  haupt  hangen  lassen ,  wird  allerdings  bei  weitem  passender  in 
Gudr.  II,  5  allein  von  Sigurds  ross  berichtet,  das  ohne  die  gewohnte  bürde  heim- 
kehrt. Der  schluss  Wilkens  jedoch ,  dass  dieser  zug  vom  sagaschreiber  an  unge- 
schicktem orte  vorweggenommen  sein  soll,  ist  um  so  weniger  berechtigt,  als  dieser 
ihn  sich,  wie  ja  Wilken  selbst  anführt,  in  der  paraphrase  des  zweiten  Gudrunlie- 
des (B.  162,  23)  nicht  hat  entgehen  lassen.  Dass  aber  der  dichter  eines  jüngeren 
liedes ,  und  offenbar  hat  das  für  c.  23  fg.  vorauszusetzende  lied  zu  den  allerjüng- 
sten  gehört,  aus  einem  älteren  entlehnte,  ist  in  der  Überlieferung  der  Eddalieder 
gewiss  nichts  unerhörtes.  Das  ganze  erste  Gudrunlied  ist  gewissermassen  ein  pla- 
giat.  1  Ganz  ebenso  ist  es  zu  beurteilen,  wenn  in  c.  24  (B.  13G,  17)  von  Brynhild 
erzählt  wird,  was  Gudr.  II,  14  fg.  gleichfals  passender  von  Gudrun  aussagt,  dass 
sie  die  taten  des  Sigurd  in  Stickereien  darstelt.  Auch  diesen  zug  bringt  die  saga 
an  geeigneter  stelle  (cap.  32;  B.  163,  6  fgg.).  Berichtet  sie  hier  das  gleiche  von 
Brynhild,  so  folgt  sie  einem  jüngeren  liede,  das  die  walkyrie  ähnlich  vermensch- 
licht hat  wie  Oddr.  16.  Durch  diese  einfache,  naturgemässe  annähme  wird  die  aus- 
führung  Wilkens  s.  XLIII  fg.  gegenstandslos. 2     Was  sodann  cap.  25  betrift,  so  hält 

1)  Vgl.  Jessen,  Eddaliednr  s.  52  fg.  Edzardi  Germ.  23,  182  fgg.,  aber  auch 
Beitr.  III,   261  fg. 

2)  Wilken  vermutet  dort,  dass  die  gesfalt  der  Brynhild  von  jeher  in  der  sage 
nicht  ganz  fest  aufgefasst  worden  sei :  sie  sei  zwar  als  die  veranlassung  des  ganzen 
Zwistes  angesehen,  aber  einerseits  erst  durch  Steigerung  zur  walkyrie  entwickelt,  ande- 
rerseits „durch  annäherung  an  das  weibliche  ideal  (Gudrun)  gemildert,  schliesslich  auch 


96  sYmons 

Wilken  s.  XIjII  zwar  ein  älteres  lied  von  Gudruns  träumen  für  wahrscheinlich ,  ist 
aber  s.  XLV  „weit  entfernt,  hier  die  einfache  auflösung  eines  Edda-liedes  zu 
ei-blicken."  Was  nun  des  Verfassers  wirkliche  ansieht  ist,  lässt  sich  natürlich 
schwer  erkennen.  Der  träum,  den  Gudrun  der  Bryuhild  mitteilt,  deutet  unverken- 
bar  auf  Sigurds  ermordung  auf  der  jagd,  wie  die  nordische  sage  sie  sonst  nicht 
kent.  Wilken  hält  diese  darstelluug  für  die  ursprüngliche  (vgl.  auch  s.  LVII  fgg.). 
Gerade  von  diesem  Standpunkte  aus  ist  gar  kein  grund ,  an  einer  liedesvorlage  zu 
zweifeln.  Dass  von  dieser  ältesten  fassung  eines  der  merkwürdigsten  ereignisse  der 
sage  kein  einziges  lied  eine  spur  bewahrt,  denn  die  deutung  von  Brot  5  s.  LVII  fgg. 
ist  sehr  gezwungen,  prosaische  volksüberlieferuug  sie  aber  rein  gehütet  haben  soll, 
ist  kaum  denkbar.  Freilich  kann  ich  mich  nun  auch  in  der  auffassung  der  ver- 
schiedeneu Überlieferungen  von  Sigurds  ermordung  Wilken  nicht  anschliessen.  Indem 
ich  die  ganze  frage  einer  späteren  besprechung  vorbehalte,  kann  ich  hier  nur 
andeuteud  bemerken,  dass  ich  nach  wie  vor  (Beitr.  III,  284)  und  in  Übereinstim- 
mung mit  Rassmann  I,  207  und  Edzardi  Germ.  23,  335  die  ermordung  im  bette 
für  das  ältere  halten  muss.  Die  älteren  lioder  kennen  ausschliesslich  diese  darstel- 
lung ,  ebenso  die  SE :  die  ermordung  im  freien  kennen  nur  das  lange  Sigurdslied 
und  Gudr.  II.  Eine  Vermischung  der  älteren  und  jüngeren  darstellung  kent  die 
ps.  cap.  348.  Auch  ist  das  zeugnis  des  prosastückes  frä  dauda  Sigurdar  (Hild.  214), 
wie  unverständig  seine  fassung  auch  ist,  doch  nicht  gering  zu  achten.  Wilkens 
Vermutung,  dass  „die  ermordung  im  walde  in  einer  pause  der  jagd,  während 
Sigurd  im  halbschlafe  ausruhte,"  wie  Hans  Sachs  sie  merkwürdigerweise  darstelt 
(HS 2  314  fg.),  das  ursprünglichste  sei,  ist  allerdings  beachtenswert  und  anspre- 
chend. Es  trat  dann  eine  Spaltung  ein,  indem  man  in  der  dichterischen  gestal- 
tnng  bald  auf  den  schlaf,  bald  auf  die  jagd  den  poetischen  nachdruck  legte.  Aber 
die  frage,  welche  von  diesen  beiden  auffassuugen  im  norden  die  ursprünglichere 
ist,  wird  dadurch  nicht  entschieden.  Dass  es  die  der  ermordung  im  bette  ist, 
dafür  spricht  die  Übereinstimmung  aller  älteren  quellen. >  Die  lieder  aber,  die  die 
ermordung  im  freien  kennen ,  zeigen  zum  teil  auch  sonst  erneuten  einfluss  der 
deutschen  sage;  das  lied  von  Gudruns  träumen,  dem  der  sagaschreiber  in  cap.  25 
folgt,  zeigt  diesen  auch  im  zweiten  zu  Nib.  13  fgg.  so  merkwürdig  stimmenden 
träume.     Weshalb   man  diese  spätere   einwirkung  der  deutscheu  sage   auf  die  nor- 

(als  ufben  Gudrun  entbehrlich)  ganz  aufgegeben ,"  wie  im  Volksbuch  vom  gehörnten 
Sigfrid.  Mit  grösserem  rechte  behaupte  ich  das  gegeuteil.  Wenn  irgend  eine  gestalt 
in  der  ältesten  fassung  der  sage,  so  tritt  gewiss  Brynhild  in  ganz  festen,  markigen 
umrissen  vor  uns  auf.  Sie  ist  eine  im  edelsten  sinne  tragische  figur,  ganz  so,  wie  in 
der  älteren  Völsungensage  Signy.  Um  jedoch  ihre  ursprügliche  auffassung  in  der  sage 
richtig  zu  würdigen,  niuss  man  sie  sorgfältig  von  ihrer  doppelgängerin  Sigrdrifa  son- 
dern, der,  wie  wol  demnächst  einmal  gezeigt  werden  Avird,  von  der  alten  sage  eine 
ganz  bestimte  rolle  zugedacht  war.  Eine  ursprüngliche  Identität  von  Brynhild  -  Sigr- 
drifa kann  ich  nur  insoweit  vertreten,  als  leztere  eine  Spaltung  ersterer  ist.  Dass  in 
der  deutschen  sageugestalt  Brynhild  verblasst  und  endlich  vergessen  ist ,  ist  eine  so 
natürliche  folge  der  veränderten  Ökonomie  der  sage,  dass  dieser  umstand  für  die  recon- 
struierung  der  ursprünglichen  sagenauffussuiig  gänzlich  ohne  bcdeutung  ist. 

1)  Die  lezten  worte  des  sterbenden  Sigurd  in  cap.  30  der  VqIs.  s.  (B.  158,  17  fgg.) 
setzen  eine  ermordung  auf  der  jagd  voraus,  wie  richtig  von  Wilken  bemerkt  ist  (s.  XLV 
anm.  lOG).  allein  diese  Worte  sind,  wie  ich  jezt  ebenfals  annehme,  der  piörekssaga 
entnommen. 


ÜKER  PROS.  EDDA  ED.  WILKEN  97 

rcene  lieldendichtiing ,  die  auch  W.  Grimm  glaublich  fand  HS  ^  4  fgg. ,  neuerdings 
so  entschieden  in  abrede  gcstelt  hat  (vgl.  R.  von  Muth,  Einl.  in  das  Nib.  s.  51), 
begreife  ich  niclit.  Sie  ist  an  sich  natürlich  und  wäre  vorauszusetzen,  auch  wenn 
nicht  lieder  wie  Atlm.,  Atlkv. ,  Gudr.  III,  wol  auch  Gudr.  II  sie  ausdrücklich  bestä- 
tigten. Man  könte  sich  sogar  zu  der  frage  gereizt  fühlen,  ob  diesen  liedern  nicht 
teilweise  geradezu  ud.  quellen  vorgelegen  haben.  ^ 

Nachdem  Wilken  die  benutzung  der  Eddalieder  in  unserer  saga  ihrem  umfange 
nach  besprochen  hat ,  behandelt  er  auf  s.  LXX  fgg.  die  frage  nach  der  art  und 
weise  der  benutzung.  Er  beantwortet  die  frage,  ob  der  sagaschreiber  schriftliche 
liedervurlagen  gehabt  hat,  und  zwar  in  wesentlich  negativem  sinne.  Allein  auch 
hier  tritt  jenes  schein  öfter  berührte  unsichere  schwanken  hervor.  ,,Ohne  daher  die 
lienutzung  schriftlicher  aufzcichnungen  ganz  zu  bestreiten,"  heisst  es  s.  LXX  fg., 
,, scheint  doch  das  gegenteil  bez.  der  meisten  lieder  für  wahrscheinlicher."  (sie!) 
Wilken  bemerkt  ganz  richtig,  dass  die  ganze  frage  für  denjenigen,  der  eine  kent- 
uis  der  ganzen  samlung  als  selbstverständlich  ansieht,  nicht  existiert.  Für  selbst- 
verständlich halte  ich  eine  solche  kentnis  nun  allerdings  nicht ;  wol  aber  glaube  ich 
nachgewiesen  zu  haben,  einmal,  dass  die  saga  die  meisten  lieder,  noch  vorhandene 
wie  durch  die  lücke  verlorene,  ferner  die  meisten  prosastücke  unserer  samlung 
gekant  hat,  und  zweitens  dass  sie  kein  lied  gekant  haben  kann,  das  nicht  in  E 
steht  oder  einst  gestanden  haben  wird,  und  zwar  dass  sie  die  benuzten  lieder  und 
prosastücke  in  derselben  reihenfolge  gekant  hat:  ich  glaube  es  dadurch  in  hohem 
grade  wahrscheinlich  gemacht  zu  haben,  dass  die  samlung,  die  dem  sagaschreiber 
vorlag,  keine  andere  gewesen  ist  als  unsere  sogenante  Saemundar-Edda.^  Allein, 
selbst  wenn  dieser  nachweis  nicht  gelungen  wäre,  ,,dass  die  saga  eine  samlung 
benuzt  hat ,  in  der  manche  der  gedichte  und  erzählungen  über  die  Völsunge  und 
die  mit  ihnen  verknüpften  heldengeschlechter,  die  sich  in  R  finden  oder  früher  fan- 
den, in  einer  form  aufgezeichnet  waren,  die  auf  dieselbe  schriftliche  quelle  wie  R 
hinweist"  (Bugge  NF  s.  XLI) ,  dies  galt  bisher  für  eine  nicht  bestrittene  tatsache. 
Wilken  glaubt  nun  allerdings  im  vorhergehenden  abschnitte  seiner  einleitung  nach- 
gewiesen zu  haben ,  dass  die  Vs.  die  prosa  der  samlung  nicht  benuzt  hat.  Zunächst 
wird  es  demnach  nötig  sein,  zu  zeigen,  dass  dieser  nachweis  verfehlt  ist.  ^  Leider 
liat  W.  den  punkt  nicht  im  zusammenhange  untersucht  und  durch  die  hiueinziehuug 
der  SE  die  Übersicht  erschwert.  Ich  entziehe  mich  aus  diesem  gründe  der  Ord- 
nung des  buches  und  glaube  mich  überhaupt  gerade  hier  kurz  fassen  zu  können, 
da  die  Sachlage   sehr  klar  ist,    und  ich  zum  teil   einfach   auf  die  früheren   unter- 

1)  Ohne  hier  auf  diese  frage  näher  einzugehen,  die  ich  für  die  von  mir  vorbe- 
reitete ausgäbe  der  Edda  verspare,  verweise  ich  vorläufig  auf  EdzarJi  Germ.  23,  86. — 
Wenn  auch  Bugge  in  dieser  Zs.  7,  389  die  ermordung  SigurJs  im  bette  „die  gewiss 
spätere  sagenform"  nent,  wird  er  gewiss  dafür  seine  guten  gründe  gehabt  haben:  er 
führt  sie  aber  nicht  an. 

2)  Nicht  aber  die  erhaltene  hs.  E. 

3)  W.  billigt  s.  XXXIII  fg.  meine  Vermutung,  dass  der  Hundingssohn  Hjorvarör, 
den  Sigurd  e.  17  tötet,  aus  der  prosa  von  Helg.  Hund.  II  vor  str.  13  (Hild.  165,  13  fg.) 
gewonnen  ist,  oder,  richtiger  ausgedrückt,  dass  die  verschiedenen  Überlieferungen  der 
namen  der  Hundingssöhne  in  H.H.  I,  14  und  der  prosa  von  H.  H.  II  vom  saga- 
schreiber verschmolzen  sind.  (Beitr.  111,  218).  Wie  mir  scheint,  begeht  Wilken  damit 
eine  fatale  inconsequenz,  denn  er  räumt  dadurch  kentnis  der  Eddaprosa  ein,  die  er 
sonst  so  lebhaft  bestreitet. 

ZEITSCUR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.     BD.    XII.  • 


98  SYMONS 

suchungen  von  Bugge  N.  F.  s.  XXXIV  —  XLI  und  von  mir  Beitr.  III,  s.  215 — 253 
zu  verweisen  brauche.  Dass  beide  relationen ,  die  der  Vs.  und  der  Eddaprosa,  nicht 
unabhängig  von  einander  entstanden  sein  können,  d.h.  also  nicht  aus  gemeinsamer 
quelle  geschöpft  haben,  bedarf  kaum  noch  einer  abermaligen  begründuug.  Die 
saga  hat  die  in  der  samlung  erhaltenen  lieder  von  den  Völsungen  und  Niflungen 
in  derselben  reihenfolge^  gekant,  sie  hat  alle  irgendwie  benutzbaren  benuzt,  sie 
hat  ferner  kein  einziges  verwant ,  das  nicht  in  R  steht  oder  früher  gestanden  hat  -. 
da  ist  es  doch  gewiss  die  nächstliegende  annähme ,  dass  die  vielen  wörtliclien 
Übereinstimmungen  mit  der  prosa  der  samlung  ebenfals  auf  benutzung  der  prosa 
in  der  saga  beruhen.  Inwieweit  diese  Übereinstimmung  schlagend  ist,  kann  jeder 
mit  hilfe  der  Beitr.  III,  220  fgg.  gegebenen  tabelle  leicht  prüfen.  Es  lassen  sich 
aber  auch  ganz  bestirnte  gründe  dafür  vorbringen ,  dass  die  Vs.  aus  der  prosa  der 
samlung  geschöpft  hat.  Die  am  besten  beweisende  stelle  ist  die  erzählung  von  der 
Vorgeschichte  des  hortes  cap.  14  (B.  112,  11 — 114,  21),  welche  in  der  samlung 
der  einleitenden  prosa  zu  Reginsmäl  usw.  (Hild.  186,  1  — 189,  5)  entspricht.  Der 
samler  (oder  der  Verfasser  der  Sigurdarsaga)  hat  hier  in  gröster  kürze  und  ziemlich 
unbeholfen  die  hauptzüge  zusammengefasst :  Regln  erzählt  dem  Sigurd,  wie  die  äsen 
den  Otr  töten,  Hreldmar  sohnesbusse  verlangt,  und  nun  Loki,  zum  zwecke  ihrer 
beschaflfung  ausgesant,  den  zwerg  Andvari  in  hechtgestalt  fängt.  Str.  1.  2  bringen 
das  gespräch  zwischen  Andvari  und  Loki ;  str.  3.  4  sind  fälschlich  in  das  lied  hinein- 
geraten, vielleicht  aus  demselben  liede,  das  ursprünglich  auch  die  strophen  Päfn. 
12 — 15  enthielt.  Ob  sie  dem  sagaschreiber  .schon  in  ihrem  jetzigen  zusammen- 
hange vorlagen  ,  ist  unsicher:  jedesfals  hat  er  sie  nicht  benuzt.  Wol  aber  das  vor- 
hergehende. Auch  in  der  saga  erzählt  Regln  dem  Sigurd:  der  sagaschreiber  ver- 
gisst  es  aber  zuweilen  und  ruft  sich  dann  gewissermassen  durch  ein  segir  Reginn 
(B.  113,  1.  114,  20)  selber  zur  Ordnung.  Er  hat  von  Hreidmar  und  dessen  söhnen 
schon  im  vorhergehenden  capitel  gesprochen;  dennoch  lässt  er  Regln  seine  erzäh- 
lung noch  einmal  beginnen  mit  einer  darlegung  seiner  familien Verhältnisse.  Regln 
erzählt  von  Otr,  wie  er  den  tag  über  in  ottergestalt  im  wasser  lebt,  fische  fängt 
und  spät  am  abend  dem  vater  heimbringt.  Dann  auch  von  Pafnir.  Damit  ist  die 
exposition  gegeben.  Nun  geht  Regln  zur  erzählung  von  den  ereignissen  über,  die 
die  einleitende  prosa  zu  den  Reginsmäl  berichtet,  und  richtet  sich  jezt  genau  nach 
seiner  vorläge.  Dabei  werden  ausdrücke  widerholt,  die  schon  vorweggenommen 
waren; "2  diese  widerholung  erkläi't  sich  ausschliesslich  aus  der  benutzung  der  genan- 
ten quelle,  deren  unvolkommene  darstellung  gemildert  und  durcli  erAveiterung  ver- 
ständlich   gemacht  werden   muste.     Auch    die  art  und   weise ,    wie  113 ,  10  fg.  von 

1)  Wilken  meint  s.  LH,  der  verfas.ser  der  Vs.  habe  sich  die  ihm  bekanten  lie- 
der in  ,,  einer  ähnlichen  quasi  -  chronologischen  folge"  als  quellenmaterial  vorgelegt, 
wie  wir  sie  in  der  samlung  geordnet  finden.     Erklären  lässt  sich  ja  schliesslich  alles. 

2)  Vgl.  B.  113,  4  fgg.  mit  112,  17  fg.;  B.  113,  7  fg.  mit  112,  20  fg.  Vgl. 
auch  Beitr.  III,  226  fg.,  zum  teil  gegen  Bugge  NF.  s.  XXXVII.  —  Gruudtvig  (Edda'^ 
227")  hat  sehr  richtig  bemerkt,  dass  die  prosa  des  sanilers  den  Audvarafors  viel  zu 
früh  nent :  nicht  Otr  lebt  in  ihm ,  sondern  der  zwerg ,  und  die  worte  /  ßeirn  forsi  .... 
mntar  gehören  erst  nach  z.  17  Audvarafors.  Es  liegt  hier  aber  keine  textverdcrbnis  vor, 
sondern  ein  irtum  des  samlers.  Der  Verfasser  der  Vs.  begeht  im  anschluss  an  seine 
quelle  ganz  denselben  fehler.  Dagegen  ist  die  darstellung  der  SE  I,  352  richtig  und 
verständig.  Das  Verhältnis  der  quellen  würde  schon  durch  diese  eine  stelle  deut- 
lich sein. 


ÜBER  PROS.  EDDA  ED.  WILKEN 


99 


Hrcidmar  gesprochen  wird,  als  wäre  nicht  der  söhn,  sondern  eine  ganz  unbeteiligte 
person  der  redende,  findet  ihre  erklärung  in  der  unbeholfenen  darstellung  der  ein- 
loitenden  prosa  zu  Roginsmäl  z.  13  fg.  Ich  stelle  die  beiden  erzählungeu  einander 
gegenüber,  weil  nur  so  das  gegenseitige  Verhältnis  ganz  klar  worden  kann,  und 
zeichne  das  übereinstimmende  durcli  cursiven  druck  aus. 


VqIs.  s.  c.  14.  (B.  112,  11  fgg.  W.  173. 
4  fgg.) 

])at  er  up])haf  sggu  pessar,  at  Hreid- 
marr  hct  fadir  minn,  mikill  ok  audigr: 
son  haus  het  Fafnir,  en  annarr  het  Otr, 
ok  var  ok  lünn  [iridi,  ok  var  ek  niinstr 
fyrir  mer  um  atgervi  ok  yfirh'it;  kunna 
ek  af  järni  gera  ok  af  sill'ri  ok  gulli, 
ok  (af)  hverjum  lilut  gorda  ok  nokkvat 
n3'tt.  Otr  brödir  minn  hafdi  adra  idn 
ok  nattüru;  bann  var  veidimadr  mikill 
ok  umfranim  adra  menn  ok  var  i  otrs 
liki  um  daga  ok  var  jafnan  i  anni  ok 
bar  upp  fiska  med  munni  ser;  veidifgng- 
in  foerdi  hann  fedr  sinum ,  ok  var  honnm 
pat  mikill  st)'rkr;  mJQk  hefir  hann  otrs 
liki  ä  ser,  kom  sid  heim  oik  dt  hluncl- 
ancli  ok  einn  saman,  pvlat  hann  mätti 
eigi  sjä,  at  pyrri.  Fafnir  var  miklu 
mostr  ok  grimmastr  ok  vildi  sitt  eitt 
kalla  lata  allt  pat  er  var.  Einn  dvergr 
het  Anävari  —  segir  Beginn  — ;  hann 
rar  jafnan  i  forsinum,  er  Anävurafors 
heitir,  i  geddu  liki  ok  feklc  ser  par  vuä- 
ar,  ßviat  ßar  var  fjqldi  fiska  i  ßeim 
forsi.  Otr  broäir  minn  för  jafnan  i 
penna  fors  ok  bar  upp  fiska  i  munni 
sör  ok  lagdi  einn  senn  ä  land.  Octinn, 
Loki,  Hamir  foru  leiäar  sinnar  ok  kömu 
til  Andvarafors.  Otr  hafdi  ßä  tekit 
einn  lax  ok  dt  hhindandi  at  drbakk- 
anum.  Loki  tök  einn  steinn  ok  laust 
otrinn  til  hana.  Aesir  pottust  mjqk 
hepnir  af  veidi  sinni  ok  flögio  hdg  af 
otrinum. 

pat  kveld  kömu  peir  til  Hreidmars 
ok  sijndu  homim  veidina ;  pä  tüku  ver  pd 
hqndum  ok  Iqgdum  d  pd  gjald  ok  fjqr- 
lausn,  at  peir  fyldi  helginn  af  gulli  ok 
hyldi  hann  ütan  med  randu  gtilli.  pd 
sendu  peir  Loka  at  afla  gtdlsins;  hann 
kom  til  Rdnar  ok  fekk  net  hcnnar,  för 
pä   til   Andvarafors   oh  kastaäi   netinu 


Einl.  prosa  zu  Reginsmäl  (Hild.  s.  186). 
[Sigurdr  gekk  til  stöds  Hjalpreks  ok 
kaus  ser  af  best  einn,  er  Grani  var  kal- 
ladr  sidan.  Vgl.  Vols.  s.  cap.  XIII. 
(B.  111,  1  fgg.).  pä  var  kominn  Beginn 
til  Hjalpreks,  sonr  Hreidmars,  hann  var 
hverjum  manni  hagari  ok  dvergr  of  voxt. 
Hann  var  vitr,  grimmr  ok  fjolkunnigr. 
R.eginn  veitti  Sigurdi  fostr  ok  kenslu  ok 
elskadi  hann  mJQk:  hann  sagdi  Sigurdi 
frä  forellri  sinu  ok  peira  atburdum ,  at 
(vgl.  Vols.  s.  c.  XHI.  B.  110.  23  fgg.)]. 


Odinn  ok  Hccnir  ok  Loki  hqfdti  komit 
til  Andvarafors ;  i  peim  forsi  var  fjqldi 
fiska.  Einn  dvergr  het  Andvari,  hann 
var  Iqngum  i  forsinum  i  geddu  liki  ok 
fekk  ser  par  matar.  Otr  het  brödir 
värr,  kvaä  Beginn,  er  opt  för  i  for- 
sinn  i  otrs  liki; 

hann  hafdi  tekit 
einn  lax  ok  sat  u  drhakkanum  ok  dt 
blundandi.  Loki  laust  hann  med  steini 
til  bann;  pöttusk  Aesir  mjqk  hepnir  ve- 
rit  hafa  ok  fiögn  belg  af  otrinum. 

pat  sama  kveld  söttii  peir  gisting  til 
Hreidmars  ok  syndu  veidi  sina;  pd 
töku  ver  pd  hqtidum  ok  Iqgäum  peim 
fjqrlansn,  at  fylla  otrbelginn  med  gulli 
ok  hylja  ütan  ok  med  ruudii  gulli.  pä 
sendu  peir  Loka  at  afla  gidlsins;  hann 
kom  til  Bänar  ok  fekk  net  hcnnar  ok 
för  pd  til  Andvarafors  ok  kastadi  netinu 
7* 


100 


fijrir  yedduna,  en  hon  hljop  i  tietit;  pä 
mailti  Loki: 

hvat  er  put  fiskn 
usw. 

Ich  muss  die  vergleichuiig  noch  etwas 
weiter  fortsetzen.  Nach  citieruug  von 
str.  1.  2  heisst  es  B.  114,  4fgg. : 

Loki  ser  gull  pat  er  Andvari  ütti;  en 
er  hann  hafcti  framm  reitt  iiidlit,  pä 
liafäi  hann  [eptir]  einn  hrhu/ ,  ok  tök 
Loki  hann  af  honuni.  L>vcrgriiin  gekk 
i  steininn  ok  meelti 


fyr  gedduna ,   en   hön  hljop  i  nctit;  ßü 
mcelti  Loki: 

hvat  er  pat  fiska 
usw. 


prosa  vor  Eeginsm.  str.  5  (Hild.  187) : 
Loki  sä  aUt  gull  pat  er  Andvari  ätii ; 
en  er  hann  hafdi  fraiureitt  gullit,  pä 
hafäi  hann  eptir  einn  hring ,  ok  tök 
Loki  pann  af  hänum.  Drergrinn  gekk 
inn  i  steininn  ok  mcelti 
In  E  spricht  der  zwerg  eine  sehr  dunkle  strophe  (Regui.  5)  von  zwei  brü- 
dern,  denen  „das  gold,  welches  Gustr  bcsass"  zum  tode,  und  acht  edelingen, 
denen  es  zum  zanke  gereichen  werde.  Die  strophe  gehört  jedesfals  nicht  hierher, 
oder  sie  ist  eine  ganz  junge  Interpolation:  sie  ist  im  kviduhättr,  drei  zeilen  (1.  3. 
4.),  und,  wenn  man  nicht  Vs.  7  fear  liest,  sogar  vier  sind  metrisch  dreisilbig, ^  der 
inhalt  ist  kaum  verständlich,  wenn  man  nicht  mit  Grundtvig  (Edda'^  227*^)  in  ätta 
z.  6  eine  tiefgehende  Verderbnis  annehmen  will.  Doch  wird  die  strophe  in  ihrem 
jetzigen  Zusammenhang  dem  sagaschreiber  bereits  vorgelegen  haben.  Bei  ihm  sagt 
der  zwerg  (B.  114,  6  fgg.)  ut  hverjnm  skijldi  at  hana  veräa ,  er  pann  gullhring 
cetti  ok  svä  alt  giillit.  Sieht  dies  nicht  ganz  aus  wie  eine  summarische  widergabe 
eben  jener  str.  5,  die  der  sagaschreiber  gewiss  so  wenig  verstand  wie  wir,  deren 
hauptgedanken  er  aber  nicht  entbehren  konte?  Wilken  bestreitet  s.  XXVIl  anm.  52, 
vgl.  s.  XXX,  die  von  mir  Beitr.  III,  227  beiläufig  geäusserte  Vermutung,  dass  der 
Verfasser  der  Vs.  mit  den  worten  er  pann  gullhring  cetti  ok  svä  alt  gnllit  absicht- 
lich die  Zweideutigkeit  von  Eegm.  5,  1  pat  skal  gull  habe  beseitigen  wollen.  Er 
fühlte,  dass  der  fluch  sich  ursprünglich  an  den  ring  knüpfte  (die  Wünschelrute  von 
Nib.  1064.  HS 2  393),  und  das  gidl  des  liedes  erlaubte  ihm,  an  beides,  den  hört 
und  den  ring,  zu  denken.  Die  wichtige  eigenschaft  des  rings,  das  gold  zu  ver- 
mehren, die  SEI,  354  noch  so  gut  kent,^  hat  die  unklare  prosa  des  samlers 
vergessen ,  und  die  nachlässigkeit  seiner  quelle  hat  der  sagaschreiber  nur  notdürf- 
tig gebessert.  Die  nun  folgende  erzählung  von  der  erstattung  der  sohnesbusse 
stimt  in  beiden  cpiellen  wider  nahezu  wörtlich  überein :  in  einzelnen  ausdrücken  hat 
R  das  ältere. 


VqIs.  s.  (ß.  114,  8  fgg.): 
Aesirnir  reiddu  Hreictmari  feit  ok 
trääu  upp  otrhelginn  ok  settu  ä  fcetr; 
pä,  skyldu  Aesiriiir  hlaäa  tipp  hjä  gul- 
lina  ok  hylja  ütan;  en  er  pat  var  gert, 
J)ä  gekk  Hreidmarr  framm  ok  sä  eiti 
granahär  ok  bad  hylja.  pä  drö  Oäinn 
hringinn  af  ser  Andvuranaut  ok  huldi 
härit.     pä  kvad  Loki 

Guirs  Jjer  nü  reitt  (Eegm.  G) 


Prosa  vor  Eegm.  6  (Hild.  188): 
Aesir  reiddu  Hreiämari  feit,  ok  trädu 
upp  otrhelginn  ok  reistu  ä  ftetr;  pä 
skyldu  Aesirnir  hlada  upp  gullinu  ok 
hylja;  en  er  pat  var  gert,  gekk  Hreid- 
marr fravi  ok  sä.  eitt  granahär  ok  bad 
hylja.  pä  drö  Odinn  fram  hringinn 
Andvaranaut  ok  huldi  härit. 

GulFs  per  nü   [reitt]  (kvaS  Loki) 
usw. 


usw. 

1)  In  z.  4   niüste  bana  versclileift  werden. 

2)  Eben  deswegen  sind  die  werte  der  SE   in  Loküs   fluoli  at  ml  haitgr  ok  pat  gull 
skyldi  vcrda  pess  bani  er  dtti  bei    der  besseren   kentnis  Snorris   (oder   seines  Vorgängers) 


ÜBER    PROS.    EliDA    ED.    WILKEN  101 

Die  samlung  sczt.  da.s  g^esiiriich  zwisclRii  Loki  und  Hreuliiuirr  in  den  stro- 
l)lion  8.  9  fort,  berichtet  dann  iu  einem  prosastücke  die  vergebliche  bitte  von  Faf- 
nir  und  Ifegin  um  bruderbusse  und  die  crmordung  Hreidmars,  bringt  in  zwei  wei- 
teren Strophen  das  dringend  verdächtige  gespräch  des  sterbenden  Hreidmarr  mit 
den  töclitcrn  (vgl.  Bugge  s.  413)  und  fährt  fort  (prosa  vor  12):  ])ä  dö  Hreidmarr, 
en  Fdf'nir  tök  fjidlit  (dlt.  pä  beiddisk  Beginn  at  liaf'a  fqdurnrf  sinn,  en  Fäfnir 
galt  pnr  nci  vid.  pä  leitadi  Beginn  räda  ind  LyngJieidi  sijstiir  sina ,  hvernig  hann 
sJqihli  heimta  fodnrarf  sinn.  Die  Schwester  gibt  in  str.  12  einen  rat,  der  keinen 
weitern  erfolg  hat,  und  der  samler  schliesst:  pessa  hluti  sagäi  Beginn  Sigurdi.  — 
Man  sieht,  der  samler  liat  ganz  vergessen,  dass  Regln  der  redende  ist:  erst  ganz 
am  Schlüsse  hat  er  es  bemerkt  und  doshalb  die  lezten  Avorte  hinzugefügt.  Der 
sagaschreiber  hat  statt  dessen  allein  (B.  114,  20  fg.):  siäan  drap  Fäfnir  fqdiir 
sinn  ■ —  segir  Beginn  —  olc  myrdi  hann,  olc  nääa  ek  engii  nf  fenii.  Dies  ist  gewiss 
sehr  summarisch,  aber  doch  genügend,  um  die  samlung  als  quelle  zu  erweisen. 
Die  saga  hat  sich  einen  augenblick  durch  die  dritte  person  ,  in  die  der  samler  ver- 
fallen war,  irreführen  lassen,  und  schreibt:  siäan  drap  Fäfnir  fqäur  sinn,  merkt 
aber  dann  ihre  inconseqnenz,  ruft  sicJi  durch  ein  segir  Beginn  zur  Ordnung  und 
fährt  fort  ok  nääa  ek  ongu  af  fenu.^  Was  den  sagaschreiber  zur  kürzung  bewogen 
hat,  ist  schwer  zu  sagen.  Dass  aber  seine  darstellung  gekürzt  ist,  gibt  auch  Wil- 
ken  s.  XXVII  zu.  Jedesfals  hatte  er  nicht  die  verptlichtuug,  alles  was  er  in  seiner 
quelle  vorfand,  auch  zu  verarbeiten,  und,  wenn  er  auch  nicht  sehr  kritisch  war, 
so  mag  ihm  doch  das  auftreten  der  beiden  töchter,  die  Grundtvig  vergeblich  zu 
verteidigen  bemüht  ist,  ebenso  widersinnig  vorgekommen  sein,  wie  ich  wenigstens 
gestehen  muss,  dass  es  mir  vorkömt.  Dass  auch  SE  jene  töchter  nicht  kent,  ist 
bezeichnend:  die  frage,  ob  Vs.  den  älteren  teil  der  erzählung  der  SE  gekant  hat, 
wird  noch  zu  berühren  sein. 

Ich  habe  an  einem  längeren  stücke  den  nachweis  zu  führen  gesucht ,  dass 
die  Vs.  die  Eddaprosa  als  quelle  benuzt  hat,  und  glaube,  mich  mit  diesem  begnügen 
zu  dürfen.  Will  man  ein  weiteres  deutliches  beispiel ,  so  vergleiche  man  die  prosa 
zwischen  Fäfn.  und  Sigrdrifm.  mit  der  darstellung  der  saga  cap.  19  u.  20  (B.  124, 
12 —  125,  6).  Hat  der  sagaschreiber  nun  die  lieder  und  prosastücke,  welche  unsere 
samlung  enthält,  gekant,  sie  benuzt,  soweit  sie  benutzbar  waren,  hat  er  ferner 
keine  lieder  benuzt,  die  unsere  samlung  nicht  enthält  oder  früher  enthielt,  ist  endlich 
die  reihenfolge  der  benutzung  die  gleiche  (Beitr.  III,  220  fgg  ),  so  ist  es  doch  wol 
mehr  als  walirsoheinlich ,  dass  er  eben  unsere  samlung  benuzt  hat.  Damit  ist  nun 
freilich  der  einfluss  der  lebendigen  Volksüberlieferung  nicht  ausgeschlossen ,  und, 
was  diesen  punkt  betrift,  muss  ich  jezt  allerdings  gestehen,  dass  ich  in  meiner 
fi'üheren  Untersuchung  manches  dem  sagaschreiber  als  wilkürliche  erweiterung  und 
erfindung  aufgebürdet  habe,  was  ich  jezt  nicht  mehr  als  uusagenmässig  betrachte.^ 

durchaus  nicht   auf  gleiche  iiiiie    zu    stelhn   mit  dca  ähnlich   lautenden    des  sagaschrei- 
bers,  wie  es  Wilken  tut  s.  XXX. 

1)  Ich  war  auf  diese  ja  sehr  naheliegende  bemerkuufj  unabhängig  von  Edzardi 
Germ.  24,   357  fg.   gekommen,  freue  mich  aber  der  Übereinstimmung. 

2)  G.  Storm  Nye  Studier  s.  18  (Aarb.  f.  nord.  oldk.  1877,  s.  ."514)  erhebt  die.sen 
Vorwurf  mit  recht  gegen  mich.  Ich  muss  es  mir  versagen,  im  rahmen  dieser  anzeige 
näher  auf  diesen  punkt  einzugehen,  werde  dies  aber  in  eiuem  eigenen  aufsatze  tun. 
Hier  aber  muss  mir  die  bemerkung  wenigstens  vom  herzen,  dass  der  teil  meiner  Unter- 
suchungen,   der    sich    mit    dm    ersten    zwölf  capiteln    der    saga    beschäftigt    (Beitr.  III, 


102  SYMONS 

Weitere  schriftliche  quellen  als  unsere  saiuluug,  die  pictrekssaga  und  vielleicht  der 
ursprüngliche  teil  der  erzählung  der  SE  lassen  sich  aber  nicht  nachweisen,  und  es 
nötigt  uns  auch  nichts  zu  dieser  annähme. 

Mit  dem  nachweise,  dass  dem  sagaschreiber  die  Eddaprosa  vorlag,  steht  und 
fält  natürlich  Wilkens  behauptung,  dass  er  die  Eddalieder  nicht  oder  doch  nicht 
vorzugsweise  in  schriftlicher  aufzeichnung  beuuzt  hat.  Was  jener  weiter  zur  stütze 
seiner  ansieht  vorbringt,  ist  nicht  gerade  von  bedeutung.  Der  Wechsel  von  para- 
phrase  und  citat^  ist  nicht  im  mindesten  auffallend,  die  stellenweise  citierten  Stro- 
phen (es  sind,  abgesehen  von  Sigrdr.  5 — 13.  15  —  21  in  cap.  20,  nur  11  ganze  und 
3  halbstrophen)  erklären  sich  zur  genüge  aus  den  lausavisur  des  isl.  sagastils.  Sie 
dienen  meistens  lediglich  zur  ausschmückung,  hie  und  da  auch  als  belege  {svä  er 
kredit  144,  29;  svä  sem  JcvecUt  er  148,  27;  svä  segir  i  Siguräarlcviäti  154,  14; 
sem  skäldit  kvad  156,  18;  sem  kvedit  er  164,  4.  186,  18;  sem  her  segir  164,  15). 
Überdies  wird  ja  häufig  die  strophe  erst  in  prosa  umschrieben  und  dann  citiert 
(so  bei  Bugge  nr.  22.  23  vgl.  144,  24  fgg.  24  vgl.  148,  25  fgg.  26  vgl.  156,  17  fg. 
28  vgl.  164,  13  fgg.).  In  der  Gylfaginning  ist  es  nicht  anders:  allerdings  wird 
hier  dem  Verfasser  der  älteren  redaction  noch  keine  sckriftliche  quelle  vorgelegen 
haben,  sondern  erst  dem  bearbeiter  von  rW  (vgl.  jezt  E.  Mogk  Beitr.  6,  517.  520 
u.  ö.).  --  Wilken  führt  eine  anzalil  fälle  an  (s.  LXX  anm.  164),  in  denen  die  feh- 
ler oder  abweichungen  der  saga  von  den  Eddaliedern  sich  am  einfachsten  durch 
benutzung  aus  dem  gedächtnis  erklären  sollen.  Sehen  wir  etwas  genauer  zu.  In 
der  paraphrase  des  ersten  liedes  von  Helgi  dem  Hundingstöter  cap.  9  finden  sich 
eine  reihe  von  abweichungen.  Das  fortwährende  Gramnarr  für  Gudmundr  (102,  21. 
103 ,  5.  12.  17.  22)  erklärt  sich  doch  am  einfachsten  aus  der  falschen  ergänzung 
eines  G.  der  vorläge.  Die  irrigen  lokalangabeu  ör  Nnrvasundum  101,  22  {i  Orva- 
sund  H.  H.  I,  25''),  ä  Lägatiesi  J03,  4  {ä  nesi  Sägu  40,  2),  viä  ey  pä  er  Sok 
lieitir  103 ,  24  und  'par  sem  heitir  fyrir  Grindum  103 ,  23    (i  Sogn  51  =*,  t  grindum 

51^)  lassen  sich  auf  beide  weisen  erklären,  aber  105,  7  «  prasnesi  (psnesi  Cd.) 
für  das  richtigere  d  pörsnesi  H.  H.  I,  41»  deutet  wider  auf  eine  falsche  auflösung 
einer  abkürzung  der  vorläge.  Die  von  mir  Beitr.  III,  238  fg.  angeführten  abwei- 
chungen in  der  widergabe  von  Gudr.  II  sind  teilweise  wol  absichtlich  (so  d  Fjöni. 
163,  10;  Valdamarr  163,  23  usw.),  teilweise  deutliche  textverlesungen,  wie  z.  b. 
sönar  dreyra  Gudr.  11,  22"  als  sonar  dreyra  verstanden  wurde  (vgl.  oben  s.  86  fg). 
Was  ferner  die  widergabe  von  Gudr.  hv.  16  — 18  in  cap.  41  (B.  185,  9  fgg.)  an 
geht,  so  hat  der  sagaschreiber  hier  ohne  zweifei  einen  nicht  ganz  gelungenen  ver- 
such gemacht ,  die  albernheit  des  liedes  zu  tilgen.  Deshalb  nent  er  erst  den  tod 
des  Sigurd  inn  mesti  liarmr  185,  11,  dann  den  der  Svanhild  särast  minna  liarma 
16,  fügt  aber  hinzu  eptir  Sigurd.  Er  sah  die  Unmöglichkeit  der  vier  absoluten 
Superlative  ein,  milderte  sie,  aber  die  treue  gegen  seine  quelle  verbot  eine  durch- 
greifende besserung.  Dass  übrigens  gerade  dieses  lied  ihm  schriftlich  vorgelegen 
hat,  bewiese  schon  der  offenbare  lesefehler  sonr  185,  21  statt  snqr  Gudr.  hv.  19 »^ 
(vgl.  auch  185,  4  fg.  und  Bugges  anm.  s.  199).  Damit  ist  die  reihe  der  wahrschein- 
lichen  lesefehler  nicht  erschöpft:    ich    verweise    auf  Bugges   anm.   zu  173,  4    und 

287  fgg.),  vieles  enthält,  wa.s  ich  heute  nicht  mehr  für  richtig  halte.     Die  bemerkuiigen 
Wilkens  über   diesen    teil    der  saga  s.  XV  —  XXII    sind    allerdings    recht  dürftig.     Ein- 
gehend und  geistvoll,  wenn  auch  wenig  rücksichtsvoll  gegen  andere  arbeiten,  hat  neuer- 
dings MüllenhofF  ihn  behandelt  Zs.  für  deutsch,  alt.  23,  113  fgg. 
1)  Sieh  Wilken  s.  LXX.  LXXXIII.  XCV  fgg. 


ÜBER  PROS.  EDDA  ED.  WILKEN  103 

Beitr.  III ,  242.  245.  251  fg.  —  Ich  muss  auch  ganz  entschieden  die  behauptung 
Wilkens  bestreiten,  dass  es  die  nächstliegende  annähme  sei,  eine  meniorialbenntzung 
vorauszusetzen.  ,,Dass  es  die  grenzen  der  niöglichkoit  überstiegen  habe,  zehn  lie- 
der"  —  es  sind  nach  massigster  berechnung,  die  verlorenen  natürlich  eingerech- 
net, fünfzehn  —  „von  dem  umfange  der  eddischen  im  ganzen  und  grossen  annä- 
hernd getreu  dem  gedächtnisse  eingeprägt  zu  haben,  wird  wol  niemand  behaupten 
können"  (s.  LXXII).  Die  möglichkcit  wird  kein  verständiger  in  abrede  stellen, 
aber  die  walirscheinlichkeit  allerdings.  Man  versuche  nur  einmal  ein  FJddalied  aus- 
wendig zu  lernen,  und  man  wird  an  sieh  selber  die  beobachtung  machen,  wie 
schwer  es  ist.  Man  wird  nicht  einwenden  wollen ,  dass  wir  keine  Isländer '  sind, 
wie  der  sagaschreiber.  Wir  sind  auch  keine  Griechen  oder  Eömer,  und  doch,  wie 
leicht  haften  Homer  und  Horaz  im  gedächtnis.  Der  wenig  fest  gefügte  und  daher 
dem  gedächtnis  keinen  anhält  bietende  Zusammenhang,  vor  allem  aber  der  mangel 
jedes  musikalischen  elements  in  den  Eddaliedern  sind  wol  die  gründe  dieser  tat- 
sache.  Unsere  saga  wäre  'ohne  benutzung  schriftlicher  quellen  geradezu  undenk- 
bar. Man  nehme  beispielsweise  die  cap.  33  —  38,  die  auf  einer  verquickung  der 
beiden  Atlilieder  beruhen:  eine  solche  contaminierende  arbeitsweise  blos  nach  dem 
gedächtnis  kann  nicht  im  ernste  behauptet  werden.  Oder  man  beachte  wie  in 
cap.  31  zuerst  (159,  16  — 160,  4)  Brot  15  — 19  paraphrasiert  wird,  dann  (160,  5  — 
162,  2)  Sig.  III,  34  —  71,  wobei  der  sagaschreiber  die  durch  159,  16-160,  4 
unterbrochene  widergabe  dieses  liedes  fortsezt  (caj).  30.  vgl.  Beitr.  III,  234  fgg.): 
auch  diese  art  des  arbeitens  ist  nur  zu  erklären  unter  der  Voraussetzung  einer 
geschriebenen  vorläge.  Von  welcher  seite  wir  demnach  an  die  Vs.  hinantreten ,  als 
sicheres  resultat  stelt  sich  heraus  die  ausarbeitnng  der  saga  nach  vorzugsweise 
schriftlichen  quellen  von  wesentlich  derselben  art  wie  die  uns  erhaltenen  Vülsun- 
genlieder  und  dazu  gehörigen  prosastücke.  Und  überaus  grosse  Wahrscheinlichkeit 
hat  der  schluss ,  dass  diese  samlung,  die  dem  sagaschreiber  vorgelegen  hat,  keine 
andere  war  als  die  uns  erhaltene. 

Über  das  Verhältnis  der  saga  zur  SE  kann  ich  kurz  sein.  Beitr.  III,  210  fg. 
habe  ich  anzudeuten  gesucht,  dass  in  der  gedrängten  skizze  der  Völsungensage  in 
der  Snorra  Edda  (ed.  AM  I,  352  —  370)  zwei  teile  wol  zu  unterscheiden  sind:  erstens 
der  in  Ux^  überlieferte  erste  teil  (cap.  39.  40*),  zweitens  die  folgende  erzählung, 
die  sich  blos  in  x  findet  (cap.  40''  —  42).  Jener,  welcher  sich  bis  zum  tode  Hreid- 
mars  erstreckt,  ist  frei  und  unabhängig;  dieser  hat  die  prosa  der  liedersamlung 
und  wol  auch  Vs.  benuzt.  Da  nun  dem  zwecke  der  Skalda  nach,  die  die  kenningar 
für  gold  erläutern  Avill,  nicht  die  gesamte  sage  von  den  Völsungen  und  Niflungen, 

1)  Gegen  Beitr.  III,  5il4  und  Wilken  s.  LXXIII  glaube  ich  jezt,  dass  die  saga 
auf  Island  geschrieben  ist,  nicht  in  Norwegen.  Vgl.  G.  Storni,  Aarb.  1877,  s.  314  und 
anm.  1. 

2)  Mit  X  bezeichne  ich  der  kürze  halber  die  durch  rW  repräsentierte  hanilschrif- 
tengruppe ,  mit  U  nicht  blos  den  allerdings  kürzenden  Upsalaer  codex ,  sondern  den 
noch  nicht  überarbeiteten  text ,  wie  wir  ihn  für  die  Skälda  ebenso  voraussetzen  müssen, 
wie  er  für  die  Gylfaginning  von  Mülleuhoff  Zs.  filr  deutsch,  alt.  16,  148  fgg.  behaup- 
tet und  jezt  in  der  sorgfältigen  Untersuchung  von  E.  Mogk  Beitr.  6,  477  fgg.  meiner 
ansieht  nach  nachgewiesen  worden  ist.  —  Auf  die  kritik  der  SE  komme  ich  im  zwei- 
ten teil  dieser  besprechung  zurück.  —  Der  hier  in  betraclit  kommende  abschnitt  findet 
sich  nicht  in  W,  auch  nicht  der  erste  in  U  enthaltene  teil. 


104  SYMONS 

sondern  nur  die  sage  vom  horte  im  plane  des  Verfassers  liegen  konte/  glaubte  ich 
blos  in  der  erzählung,  soweit  U  sie  bietet  (ich  bezeichne  sie  mit  I),  das  ursprüng- 
liche, in  dem  weiteren  nur  in  x  befindlichen  abschnitte  (II)  dagegen  eine  Interpo- 
lation des  Überarbeiters  zu  erkennen.  Ich  halte  auch  jezt  noch  diese  ansieht  für 
wolbegründet,  obgleich  Wilken  sie  s.  XV  und  Unters,  s.  141  fgg.  zurückweist.  Es 
hat  sich  Wilken  hier  durch  die  allerdings  herkömliche  Unterschätzung  der  redac- 
tion  U  beeinflussen  lassen.  Indem  ich  die  handschriftenfrage  weiter  unten  bespre- 
chen werde,  soll  hier  nur  die  berechtigung  und  nötigung  nachgewiesen  werden, 
II  für  eine  jüngere,  unter  einfluss  der  samlung  und  vielleicht  der  Vs.  stehende 
Interpolation  zu  erklären.  Der  teil  I  (cap.  39  und  40'')  ist  eine  selbständige  erzäh- 
lung von  der  otterbusse,  bei  weitem  die  beste,  die  wir  besitzen.  Sie  hat  noch 
zwei  wichtige  züge,  die  in  der  jüngeren  prosaquelle  verwischt  oder  ganz  verloren 
sind:  die  trennung  des  wassers,  in  dem  sich  Otr  aufhält,  vom  Andvarafors  und  die 
Wünschelkraft  des  rings.  Für  den  ersten  absatz  von  cap.  40  in  x  (SEI,  356 ''~i^) 
bietet  U  nur  das  folgende:  nü  tok  Hreiämarr  gullit  at  sonargiqldum ,  en  Fäfnir 
oh  Begimn  beiddusk  af  nqkkurs  i  hröärgiqld.  peir  dräpu  fqdur  sinn.  Fäfnir 
lagdisk  d  feit  ok  vard  at  ormi,  en  Reginn  für  ä  brott  (SE  II,  360).  Ohne  läug- 
nen  zu  wollen,  dass  die  uns  erhaltene  hs.  hier  gekürzt  hat, 2  glaube  ich  doch, 
dass  im  wesentlichen  auch  die  ursprüngliche  redaction  der  Skälda  nicht  viel  aus- 
führlicher war,  und  dass  der  erste  absatz  von  cap.  40  in  x  überarbeitet  ist.  Der 
anfang  der  Überarbeitung  ist  noch  deutlich  genug  erkenbar  durch  die  frage  hvat  er 
fleira  at  segja  frä  gullinu?  356^  Hreiämarr  im,ni  peim  enskis  pennings  af  gullinu 
scheint  der  älteren  stelle  354 '  Luki  kvaä  kann  eigi  skyldu  liafa  einn  penning  eptir 
nachgebildet.  Ursprünglich  scheint  auch  der  zug,  dass  Fäfnir  und  Eegin  beide 
den  vater  töten  {peir  dräpti  fqdur  sinn  U  =  pat  vard  üräd  peira  hrcedra ,  at  peir 
dräpu  fqdur  sinn  til  gullsins  x).  Wenn  es  dann  aber  nachher  in  x  heisst  (356*"): 
Fäfnir  svarar  svd,  at  litil  vän  var,  at  kann  mundi  midla  gullit  vid  brödur  sinn, 
er  kann  drap  fqdur  sinn  til  gullsins,  wonach  also  Fäfnir  allein  den  vatermord 
begangen  hat,  so  ist  dieser  Widerspruch,  wie  Edzardi  Germ.  24,  360  bereits  tref- 
fend bemerkt  hat ,  daraus  zu  erklären ,  dass  der  Überarbeiter  hier  bereits  die  Edda- 
prosa benuzt  hat,  die  natürlich  den  mord  auf  Fäfnir  allein  schieben  muste,  da 
Regln  der  erzähler  ist.  Bemerkenswert  ist  noch ,  dass  in  U  Odin  den  fluch  spricht, 
in  X  wie  in  der  Eddaprosa  und  Vs.  Loki.  Die  strophe  Eegm.  6  deutet  den  Sprecher 
nicht  an,  denn  das  q.  l.  in  K  ist  keinesfals  ursprünglich.  Odin  gibt  den  ring, 
bedeckt  das  barthaar:  solte  nicht  auch  ihm  ursprünglich  der  fluch  zukommen?  Die 
erzählung  von  der  otterbusse  in  SE  war  gewiss  die  nächste  quelle  des  sam- 
lers:  hierin  stimme  ich  Wilken  s.  XXIX  fg.  bei.  Nach  dem  vorher  erörterten  war 
sie  also  jedesfals  mittelbar  die  quelle  der  Vs.;  es  wäre  indes  möglich,  dass  die  Vs. 
für  ihr  cap.  14  auch  direkt  aus  der  SE  geschöpft  hat.  Einzelne  Übereinstimmun- 
gen des  textes^  sind  für  diese   annähme  weniger  von  bedeutung  als  die  bemerkung 

1)  Die  kenning  otrgJQld  (nauögJQld  Asanna,  rögniälmr)  soll  erklärt  werden,  wei- 
ter nichts.     Vgl.  SE  1,  356.     II,  360. 

2)  Beachtenswert  ist  aber ,  dass  U  in  cap.  39  hie  und  da  ausführlicher  ist  als 
x:  ok  haföi  kann  ßegar  bana  SE  II,  359^  (auch  H) ;  kann  var  svd  margkunnigr  at  Kann 
var  stundwm  ßskr  i  vatni  359-3  =  hann  var  ßskr  i  vatni  x;  at  hann  skal  til  ganga 
ok  sjd  360"  =  at  hann  skal  sjd  x  An  andern  stellen  hat  aber  U  allerdings  auch 
gekürzt. 

3)  Wie  z.  b.  Vs.  114,  6  fgg.  at  hverjum  skyldi  at  bana  verÖa,  er  ßann  gullhring 
fctti  ok  svd  alt  gullit  vgl.  mit  SE  I,   3f)4,   9  fg.  at  sd  baugr  skyldi  vera  hvcrjuin  hqfudsbani 


ÜBER  PROP.  EDDA  ED.  WILKEN  105 

der  Vs.  114,  26  fg.  [liillit  er  sidan  Icallat  otrsfjjqld,  olc  her  äccmi  af  teMn.  Bugge 
liält  sie  für  einen  jüngeren  znsatz,  sie  kann  aber  auch  vom  sagasclireiber  herrüh- 
ren im  anschluss  au  SE  I,  356 1.     IT,  360".     So  auch  Wilken  s.  XXX  anm.  61. 

Ganz  anders  steht  es  mit  II.  Dieser  teil,  der  in  U  fehlt,  hat  zunächst  niclit 
blos  die  Eddalieder ,  sondern  die  samlung  entschieden'  benuzt.  Für  die  lassung  von 
cap.  40"  in  x  ist  dies  bereits  gezeigt.  Die  erzählung  von  der  tötung  F;ifnirs  gibt 
sich  deutlich  kund  als  ein  auszug  der  einleitenden  prosa  zu  Fäfnir.  Ich  setze  die 
stelle  her. 

Einl.  zu  F:ii"n.  (Hild.  s.  193):  SE  I,  358. 

Sifiurär  ok  Reginn  förn  upp  ä  Gnita-  Eptir  pat  förii  peir  Sicjurär  olc  Beg- 

heiäi  ok  hittu  [)ar  slöd  Fäfnis,  fa  er  inn  ä  Gnitalieiäi;  pd  gröf  Sigardr  grqf 
bann  skreid  til  outns.  par  goräi  Sig-  ä  veg  Fäfnis  ok  settisk  par  i.  Fm  er 
tirdr  grqf  inikla  ä  veginum  ok  gckk  Fäfnir  skreid  til  vatns ,  ok  kann  kom 
Sigurdr  par  i.  En  er  Fäfnir  skreid  yfir  grqfna,  pä  lagdi  Sigurdr  sverdinu 
af  guUiuu,  blos  bann  citri,  ok  braut  i  gqgnum  liann,  [ok  var  pat  bans  bani.J 
pat  fyr  ofan  b^fud  SigurSi.  En  er  Fäf- 
nir skreid  yfr  grqfna ,  pa  lagdi  Sigurdr 
hami  med  scerdi  til  hjarta. 

Der  Überarbeiter  der  Skälda  hat  deutlich  die  beiden  mit  en  er  Fäfnir  skreM 
beginnenden  sätze  z.  6.  9  zu  einem  zusammengezogen  *  und  hat  überdies  aus  dem 
pä  er  hann  skreid  til  vatns  z.  3  das  til  vatns  entlehnt.  Es  wird  dies  beispiel 
genügen.  Bugge  N.  F.  s.  XXX  findet  es  mit  recht  auffallend ,  dass  die  erwachende 
walkyre  sich  SEI,  360  Hilde  nent,  nicht,  wie  in  R,  Sigrdrifa.  Die  identificierung 
von  Brynhild  und  Sigrdrifa  ist  möglicherweise  im  anschluss  an  die  "Vs.  vorgenom- 
men. Wenn  es  aber  in  der  SE  heisst :  pä  vaknadi  hon  ok  nefndisk  Hildr  (vgl. 
Helr.  Brynh.63);  hon  er  kqllud  Brynhildr  ok  var  valkyrja ,  so  sehe  ich  hierin 
eine  bisher  nicht  beachtete,  aber  wahrscheinliche  bestätigung  von  Svend  Grundt- 
vigs  geistvoller  Vermutung,  dass  Helr.  Brynh.  7^10  fälschlich  aus  Sgrdr.  in  dies 
lied  hineingeraten  seien  (Edda'-'  230'';  Bugge  N.  F.  s.  416). '^  Nur  füge  ich  hinzu, 
dass  auch  str.  6  in  volständigerer  und  besserer  gestalt  einmal  zu  Sgrdr.  gehört  hat; 
so  wird  der  Überarbeiter  von  x  das  lied  in  der  von  ihm  benuzten  recension  der 
samlung  gekaut  und  daher  den  namen  Hildr  in  seinem  auszug  hinzugefügt  haben. 
Dadurch  gewänne  auch  die  identificierung  von  Brynhild  und  Sigrdrifa  in  Vs.  und 
SE  einen  anhält.  Die  Vermehrung  von  Gjukis  familie  durch  eine  sonst  unbekante 
tochter  Gudny  SE  I,  360  vermag  ich  allerdings  aus  der  benutzung  der  samlung 
nicht  zu  erklären.  Dass  eins  der  verlorenen  lieder  den  namen  bot,  ist  unwahr- 
scheinlich, da  weder  Vs.  noch  Gripisspä  ihn  kennen.  Ist  sie  eine  Variante  der 
Gulh-Qud  Gudr.  I,  12  fgg.?  vgl.  HS'^  359.  Für  die  erzählung  von  Gudruns  Selbst- 
mordversuch, den  Schicksalen  der  Svanhild  und  der  söhne  Jonakrs  (SE  I,  366  fgg.) 
ist  ausser  den  liedern ,  die  diesen  teil  der  sage  behandeln,  die  prosa- einleitung  zu 
Gudr.  hvQt   benuzt,    wie   ich  gegen   die   von  Bugge  N.  F.  s  XXXI  ausgesprochene 

er  dtti  (==  at  sä  baugr  skyldl  veröa  at  bana  hverjum  er  cetti  U).    Die  version  der  Vs.  solieint 
eine  Verschmelzung  des  satzes  dtr  SE  mit  Regm.  5  zu  bezwecken  (s.  oben  s.  100). 

1)  Durch  abirren,  also  unabsichtlich,  meint  Edzardi  Germ.  24,  358  anm.  1.  Sehr 
richtig  bemerkt  dieser  an  derselben  stelle,  dass  auch  das  aufwachsen  Sigurds  an  Hjalp- 
reks  hof  in  SE  auf  benutzung  der  Eddaprosa  deutet,  da  dieses  nur  einen  sinn  habe 
im  Zusammenhang  mit  der  vaterrache ,  von  der  SE  nichts  erwähnt. 

2)  Wilken  s.  LXXXIX  anm,  10  leugnet  sie. 


106  STMONS 

ansieht  annehmen  rauss.  Aber  schon  die  besondere  ausführlichkeit  beweist ,  dass 
hier  dem  Überarbeiter  noch  andere  quellen  vorlagen;  der  lezte  kämpf  der  brüder 
mit  den  mannen  jQrmuureks  ist  nach  der  Eagnarsdräpa  behandelt  (vgl.  auch  Bugge 
in  dieser  ztschr.  7,  384). 

Weniger  zuversichtlich  als  benutzung  der  samlung  behaupte  ich  für  den  teil  II 
der  SE  auch  kentnis  der  Vs.  Diese  habe  ich  Beitr.  III,  211  zu  erweisen  gesucht 
durch  vergleichung  der  erzählung  von  Gunnars  ende  in  beiden  quellen  (SE  1 ,  364, 
wozu  ich  aber  die  noch  genauer  stimmende  fassung  von  le./J  SEII,  574  hätte 
halten  sollen, ^  und  Vs  cap.  37,  B.  178,  5  fgg.)  Indes  Hesse  sich  die  darstellung  der 
SE  zur  not  auch  ausschliesslich  aus  benutzung  von  Atlm.  63  erklären,  wenngleich 
wesentliche  züge  sich  auch  in  Akv.  32.  Oddr.  29.  Drap  Nifl.  (Hild.  239,  15  fg.) 
finden.  Aus  diesen  vier  berichten  hat  die  Vs.  ihre  erzählung  zusamraengesezt.  ^ 
Wahrscheinlich ,  aber  nicht  unbedingt  nötig  ist  es ,  dass  SE  wider  aus  ihr  geschöpft 
hat.  —  Auf  einzelne  Übereinstimmungen  in  kleinigkeiten,  wo  SE  näher  zu  Vs. 
steht,  als  zu  R  möchte  ich  weniger  gewicht  legen.  Auch  will  ich  über  den  teil 
der  erzählung  der  SE,  der  mit  der  grossen  lücke  in  R  zusammentritt,  hinweg- 
gehen ,  da  ich  den  sorgfältigen  und  erschöpfenden  Zusammenstellungen  von  Edzardi 
Germ.  24,  359  nichts  hinzuzufügen  hätte.  Da  R  hier  nicht  zu  vergleichen  ist,  las- 
sen sich  die  dort  angeführten  Übereinstimmungen  von  Vs.  und  SE  (sowie  Grip.  und 
Sig.  III,  1  —  4)  zunächst  nur  auf  gemeinsame  benutzung  des  verlorenen  teils  der 
samlung  zurückführen. 

Dagegen  —  auch  darauf  hat  bereits  Edzardi  hingewiesen  —  scheint  SE  I,  366 
die  erzählung  der  Vs.  von  Atlis  tod,  die  aus  einer  Vermischung  von  Akv.  und  Atlm. 
entstanden  ist,  gekant  zu  haben.  Wie  in  der  Vs.,  lässt  auch  der  Überarbeiter  den 
Atli  töten  von  Gudrun  und  dem  söhn  Högnis  nach  Atlm. ,  dann  aber  die  halle  ver- 
brennen ,  nach  Akv.  Die  Versöhnung  und  bestattung  hat  er  aber  verständiger  weise 
fortgelassen.  Beweisend  ist  auch  dies  zusammentrelFen  nicht.  Auch  die  identifi- 
cierung  von  Brynhild  und  Sigrdrifa  kann  ganz  wol ,  wie  im  Np ,  ein  selbständiger  griff 
des  bearbeiters  sein,  obgleich  man  natürlich  auch  hier  geneigt  ist,  an  den  Vorgang 
der  Vs.  zu  denken  (vgl.  Beitr.  III,  255  —  62).  Dagegen  ist  von  grosser  bedeutung 
die  eiufülirung  der  Äslaug  (SE  I,  370  eptir  Sigurd  svein  lifdi  döttir  er  Aslaiig  het, 
er  fcedd  rar  cd  Ileimii^  i  Hlymdqlum ,  ok  eru  padan  eettir  komnar  störar).  Wie 
schon  Beitr.  III,  211  behauptet  worden  ist,  deutet  diese  stelle  unverkenbar  auf 
kentnis  der  Vs.  in  Verbindung  mit  der  Ragnarssaga  in  der  form ,  wie  unser  codex 
sie  bietet.  Wilken  scheint  dies  s.  XV  zu  bestreiten:  ich  sage  ,, scheint,"  denn  der 
satz,  in  dem  er  sich  über  unsere  frage  auslässt,  ist  wider  so  gewunden  und  unklar, 
dass  ich  ihn  nicht  ganz  verstehe.  Unters.  142  findet  Wilken  die  nachträgliche 
erwähnung  der  Aslaug  in  r  zwar  unpassend,  meint  aber,  dass  diese  unzuträglich- 
keit verschwinde  durch  die  vergleichung  von  le/^,  wo  es  schon  am  Schlüsse  von 
c.  41  heisst:    ej)tir  Sigurd  svein  lifdi  eptir  döttir  er  Aslaug  het;   hon  var  uppfcedd 

1)  Vgl.  namentlich  das  in  r  fehlende  en  svä  lek  kann  hqrpuna  in  l&ß  mit 
Vs.  178,  11. 

2)  Vgl.  Beitr.  III,  244.  Auf  die  nicht  sachlichen  einwendungen  Wilkens  s.  LXV  fg. 
gegen  die  dort  gegebene  darstellung  einzugehen,  sehe  ich  mich  nicht  veranlasst.  Das- 
selbe unsichere  schwanken  zwischen  allerhand  möglichkeiten  ohne  irgend  einen  leiten- 
den gedanken,  das  Wilkens  eiuleituug  allerwärts  kenzeichnet,  vertritt  auch  hier  die 
stelle  einer  geordneten  Widerlegung.  Ein  gereizter  und  herrischer  ton  kann  diesem 
mangel  natürlich  nicht  abhelfen. 


ÜBER  PROS.  EDDA  KD.  WILKEN  107 

at  Heimis  i  Hlymdqliim  oli  erii  pacfan  Jwnmar  attir  slörar  (SE  II,  573).  Ich 
bestreite  nicht,  dass  leß  der  gemeinsamen  vorläge  näher  steht  als  r  (Edzardi  Germ. 
21,  446.  Wilken ,  Unters,  s.  48  fgg.) ,  auch  hier  das  richtige  haben  mag,  obgleich 
die  unmittelbar  folgende  erwähnung  der  Vqlsnnga  drekJca  in  1  eß  nicht  weniger 
unpassend  eingefügt  ist  als  an  der  späteren  stelle  in  r,  und  jene  Hs.  die  unzu- 
träglichkoit  verschlimmert  hat  durch  weglassung  der  halbstro])he  Bragis.  Auf  die 
Stellung  des  satzes  komt  es  aber  überhaupt  weniger  an.  Im  ersten  teil  meiner 
Unterss.  über  die  Vs.  habe  ich  nachzuweisen  gesucht  (Beitr.  III,  200 — 15),  dass 
Vs.  und  Ragnarss.  ein  ursprüngliches  ganze  bilden ,  und  dass  die  anknüpfung  von 
Eagnars  geschlecht  vermittelst  der  Aslaug  an  die  Völsunge  eine  erfindung  des  Ver- 
fassers dieser  Y^lsunga-Ragnarssaga  ist.  ,,In  der  künstlichen  hofgenealogie,  die 
den  nachkommen  des  Harald  härfagri  ihre  nicht  übergrosse  legitimität  versüssen 
solte,  bildet  diese  erdichtung  gowissermassen  die  zweite  stufe."  (a.  a.  o.  s.  213). 
Die  Zusammengehörigkeit  der  Vs.-Ragn.  s. ,  die  auch  Storni,  Ragnar  Lodbrok  s.  109 
und  Edzardi  Germ.  24,  356*  behaupten,  hat  Wilken  s.  XII  fgg.  besprochen.  Er 
hält  eine  sonderexistenz  der  Vs.  s.  ohne  Ragn.  s.  für  wahrscheinlich,  da  auf  eine 
solche  als  Sigurdarsaga  angespielt  werde  im  Nj)  c.  5  ex.  (B.  65 ,  5)  und  wol  auch 
im  Hättatal  c.  111  (SE  I,  646).  Während  die  erwähnung  der  Sigurdars.  an  lezterer 
stelle  zu  nichts  verwendbar  ist,"^  wird  für  erstere  noch  gezeigt  werden,  dass  nicht 
Vs.  gemeint  ist,  sondern  der  ursprünglich  selbständige  teil  der  liedersamlung,  der 
die  Schicksale  Sigurds  erzählt.  Dass  aber  die  litterarische  fiction  der  Aslaug  als 
tochter  des  Sigurd  und  der  Brynhild  von  unserem  sagaschreiber  herrührt ,  ist  Aveder 
von  Wilken^  noch  meines  wissens  bisher  von  sonst  jemand  geleugnet.''  Ich  sehe 
in  der  Aslaugsage  eine  alte  (auch  in  Deutschland  bekante?  vgl.  Grimms  KHM 
no.  94  und  Ili,  170  fgg.)  in  Norwegen  localisierte  sage,  die  der  sagaschreiber  für 
seinen  genealogischen  zweck  mit  Sigurd  in  Verbindung  gebracht  hat.  Den  näch- 
sten anlass  dazu  bot  ihm  die  ältere  Aslaug,  die  gattin  Ragnars,  und  die  Verbrei- 
tung des  namens  Sigurd  in  der  norwegischen  königsfamilie.  So  lauge  diese  ansieht 
nicht  entkräftet  ist  —  und  es  kann  nicht  in  meiner  absieht  liegen ,  die  gründe, 
die  mich  zu  ihr  geführt  haben,  hier  zu  widerholen  —  wird  es  wol  die  nächstliegende 
annähme  bleiben  ,  dass  der  Überarbeiter  der  Skälda  seine  kentnis  von  Aslaug  und 
ihren  nachkommen  {ok  eru  paäan  cettir  komnar  störar)  der  VQlsunga-Ragnarssaga 
verdankt.  Und  damit  zusammengehalten  gewinnen  auch  die  ferneren  oben  bespro- 
cheneu Übereinstimmungen  zwischen  Vs.  und  Skälda  cap.  40''  —  42,  obgleich  au  sich 
nicht  gerade  schlagend,  eine  erhöhte  bedeutung  und  machen  es  wahrscheinlich, 
dass  der  Überarbeiter  der  SE  ausser  der  liedersamlung  für  seine  darstellung  der 
Völsungensage  auch  die  Vs.  benuzt  hat. 

S.  LXXVII— LXXX  handelt  Wilken  über  das  Verhältnis  der  Vs.  zur  pidreks- 
saga.  Ich  habe  bereits  bemerkt  (oben  s.  83  fg.),  dass  ich  meine  beurteilung  dieses 
Verhältnisses  Beitr.  III,  263  fgg.  als  unrichtig  erkant  habe  und  zurücknehme,  und 
dass  ich  jezt  mit  Storm  Nye  Studier  s.  18  fg.  (Aarb.  1877,  s.  314  fg.)  und  Edzardi 
Germ.  23,  75  anm.    die   schon   früher  von  Bugge  ausgesprochene  ansieht   vertrete, 

1)  Lezterer  führt  eine  anzahl  von  berührungen  in  stil  und  Sprachgebrauch  zwi- 
schen beiden  sagas  an,  auf  die  ich   verweise. 

2)  Ebensowenig  die  stelle  Fms.  V,  210.     Vgl.  noch  Wilken  s.  LXXXl  fg. 

3)  Vgl.  Unters,  s.  142  anm.  11. 

4)  Ich  darf  mich  der  hofnung  hingeben,  dass  auch  Gustav  Storm  diese  ansieht 
jezt  teilt  (entgegen  der  Eagnar  Lodbrok  s.  100  ausgesprochenen). 


1 08  SYMONS 

wonach  die  beiden  sagas  gemeinsamen  stücke  ursprünglich  der  ps.  angehören  und 
aus  dieser  in  Vs.  entlehnt  sind.  Wilken  trent  cap.  22  (=  ps.  c.  185)  in  seiner 
beurteil iing  von  den  anderen  gemeinsamen  stellen.  Jenes  betrachtet  er  mit  P.  E. 
Müller  SB  II,  66  als  eine  jüngere  Interpolation ,  während  er  diese  für  unwilkürliche 
Übereinstimmungen  zu  halten  scheint,  die  in  der  Vs.  nach  „nordischer  volksorinne- 
rung"  kürzer,  in  der  ps.  nach  ,, deutschen  gewährsmännern  weitläuftiger  und 
genauer"  widergegeben  sind.  Im  grossen  und  ganzen  erscheint  ihm  aber  die  Vs. 
als  die  ältere  saga.  und  Wilken  sucht  durch  eine  sehr  gezwungene  deutung  der 
Worte  en  sumt  med  hveäslcap  die  bekanten  angaben  des  prologs  zur  ps.  auf  unsere 
Vs.  zu  beziehen.  Es  liegt  wol  auf  der  band,  dass  die  übereinstimmenden  partien 
in  Vs.  und  ps.  gleich  zu  beurteilen  sind.  Gehört  c.  22  der  Vs.  ursprünglich  der 
ps.  an,  was  ich  nicht  mehr  bezweifle,  so  müssen  wir  für  die  anderen  stellen 
(B.  158,  17  fgg.  162,  11  fgg.  169,  9  fgg-)  dasselbe  annehmen.  Da  aber  diese 
stellen  niclit  aus  dem  Zusammenhang  entfernt  wei  den  können ,  wii-d  auch  c.  22 
nicht  von  einem  interpolator,  sondern  vom  sagaschreiber  eingefügt  sein.  Mit  ande- 
ren werten ,  wir  müssen  an  dem  von  Bugge  N.  F.  s.  XXXV  über  das  Verhältnis 
beider  sagas  bemerkten  festhalten.  —  Wie  bereits  oben  s.  93  gezeigt  wurde,  sind 
überhaupt  Wilkens  ansichten  über  die  ps.  sehr  eigentümlich.  Sie  soll  in  der  lie- 
dersamlung  benuzt  sein  (vgl.  auch  Gott.  gel.  anzz.  1878,  s.  86),  ja  sogar  in  einem 
der  lieder  selber,  Gudrünarkvida  III.'  Dabei  wird  die  möglichkeit,  die  notwen- 
digkeit  darf  man  wol  sagen,  einer  jüngeren  eiuwanderung  deutscher  sage  in  den 
norden  ganz  übersehen,  wie  sie  nicht  nur  Gudr.  UI,  sondern  namentlich  auch  die 
Atlilieder  voraussetzen  (oben  s.  96  fg.). 

Kürzer  als  die  über  die  Vs.  ist  Wilkens  Untersuchung  über  den  Np  (s.  LXXXV 
-  CHI).  Leider  kann  ich  mich  mit  ihren  resultaten  ebensowenig  einverstanden 
erklären  wie  mit  den  soeben  besprochenen  über  die  Vs.  Dieselbe  falsche  grund- 
anschauung  beherscht  auch  diese  Untersuchung.  Während  ich  über  die  benutzung  der 
Eddalieder  in  Nf)  mich  bereits  oben  ausgesprochen  habe  (s.  88  fgg.),  soll  hier  das 
Verhältnis  zur  samlung  und  zur  Vs.,  die  Wilken  in  §§  15—17  bespricht,  noch  kurz 
ins  äuge  gefasst  werden.  Wilken  behauptet  auch  hier,  dass  nicht,  wie  bisher  wol 
jeder  annahm,  Np  die  samlung,  sondern  umgekehrt  die  samlung  den  Np  benuzt 
hat  (vgl.  s.  CVII) ,  insofern  nämlich  die  Übereinstimmungen  in  beiden  quellen  nicht 
aus  gemeinsamer  benutzung  der  vermuteten  Sigurdarsaga  zu  erklären  sind  (vgl. 
s.  CIV).  Ferner  soll  aber  der  Np  die  uns  erhaltene  redactiou  der  Vs.  (wahrschein- 
lich schon  verbunden  mit  der  Kagn.  s.)  gekant  haben ,  auf  welche  der  Verfasser 
c.  5  ex.  hinweise  mit  den  worten  sein  segir  i  sqyu  Siguräar  (B.  65,  5).  Erwägt 
man  nun ,  dass  nach  Wilkens  ansieht  die  Vs.  nur  eine  jüngere  recension  der  alten 
Sigurdarsaga  ist,    so  hätte  der  Verfasser  des  Np    die   ältere  und  jüngere  recension 

1)  Ich  will  dabei  ganz  übersehen,  dass  s.  CVII  in  niclit  sehr  methodischer  weise 
lieder  und  samlung  der  lieder  zusammengeworfen  werden.  Gewiss  ist  Guör.  III  der 
jüngsten  lieder  eines  (vgl.  Jessen,  Eddalieder  s.  59,  Edzardi  Germ.  23,  340  fg.  Anders, 
aber  gewiss  unrichtig,  MüUenhotf  Zs.  für  deutsch,  alt.  10,  172  fg.  und  Martin  DHB  II, 
xiv),  aber  es  wird  keinem  menschen  einfallen,  es  bis  in  die  zweite  hälfte  des  13.  jhs. 
hinabzurücken.  Schon  die  nameusform  pjoörekr  (vgl.  E.  Koch,  die  Nibelungensage ^ 
s.  51  l'g.  Edzardi  Germ.  23,  86)  und  ebenso  die  form  Rerkja,  den  piörekr  und  Erka 
der  ps.  gegenüber,  würden  es  verbieten,  an  einen  einfluss  der  piörekssaga  zu  denken. 
Üb  Konrad  Maurer  in  dieser  Zs.  2,  444  die  Guör.  III  mit  recht  ins  11.  jh.  sezt,  wage 
ich  noch  nicht  zu  entscheiden. 


ÜBER  PROS.  EDDA  ED.  WILKEN  109 

derselben  saga  iiebeneiiuuiJer  benuzt.  Allerdinj^s  wird  es  nirgendwo  reibt  klar, 
ob  Wilken  sich  diese  allen  Schwierigkeiten  abhelfende  Sigurctarsaga  als  nur  in 
niündlicbor  Überlieferung  lebend  ^  oder  in  schriftlicher  aufzeichnung  neben  der  Vs. 
bestehend  vorstelt.  Ferner:  nach  Wilkens  darstellung  hat  die  samlung  neben  der 
Vs.  den  Njj  benuzt  (s.  CVIl.  anm.  10),  andererseits  aber  soll  N[)  die  Vs.  benuzt 
haben  (s.  XIV.  XCVIII) ,  und  alle  drei  quellen  haben  wider  gemeinsam  die  alte 
Sigurdarsaga  benuzt  (s.  VIY).  Das  wäre  ja  an  und  für  sich  alles  möglich:  welche 
unnatürlichen  coniplicationeu  werden  aber  hier  dem  leser  zugemutet! 

Dass  zunächst  die  alte  ansieht,  dass  die  samlung  dem  N[)  vorgelegen  hat, 
die  einzig  richtige  und  mögliche  ist,  wird  nach  dem  für  das  ähnliche  Verhältnis 
zwischen  samlung  und  Vs.  bemerkten  kaum  noch  einer  umständlichen  erörterung 
bedürfen.  Auch  hier  wäre  schon  die  erzähliing  Gcsts  von  Eegin  und  Sigurd  bewei- 
send. Diese,  die  hier  dem  Nornengast  in  den  mund  gelegt  wird,  ist  natürlich 
demgemäss  eingerichtet,  und  übergeht  den  bex-icht  von  der  otterbussc  begreiflicher- 
weise gänzlich.  Ich  will  den  inhalt  von  cap.  3  —  5  und  8 ,  denn  nur  diese  vier 
kommen  in  betracht,  in  gedrängter  kürze  auf  die  Übereinstimmungen  mit  der  sam- 
lung hin  prüfen.  Der  anfang  von  c.  III  (B.  55,  1  15)  entspricht  im  algemeinen 
der  prosa  frä  dauda  Sinfiqtla  nach  einer  algemein  gehaltenen,  durch  die  einklei- 
dung  bedingten  einleitung.  Dass  der  Verfasser  dies  prosastück  ganz  gekaut  hat, 
und  nicht  blos  den  getreu  nachgeschriebenen  schluss,  wird  wahrscheinlich  durch 
55,  10—12,  die  E  175,  1  fgg.  (Hild.)  entsprechen.  Daran  schliesst  sich  unmittel- 
bar (55,  15 — 56,  1)  eine  im  ganzen  getreue  widergabe  der  verwendbaren  werte 
aus  der  prosaischen  einleitung  zu  Eegm.  (Hild.  186,  2  —  6).  Dort  heisst  es  dann 
hann  [Reginn]  sagäi  Sigurdi,  frä  ....  ßeim  atbiiräum,  at  Oäinn  olc  Hcenir  usw., 
und  es  folgt  die  erzählung  von  der  otterbusse.  Diese  zu  berichten  lag  nicht  im 
plane  desNp,  der  also  lakonisch  schliesst  ok  svä  atbnräiom  undarligum.  56,  1 — 4 
sind  auf  Gest  bezüglicher  zusatz.  Cap.  IV  gibt  in  den  ersten  Zeilen  (B.  56,  5  fg.) 
R  189,  1  fgg.  (prosa  vor  Eegm.  13)  wider,  citiert  Eegm.  13.  14  und  erzählt  57,  5—12 
das  schmieden  des  schwerts,  fast  wörtlich  nach  der  prosa  vor  str.  15,'^  die  citiert 
wird.  Die  Vorbereitungen  zur  vaterrache  werden  57,  21  —  59,  12  weit  ausführlicher 
berichtet  als  in  der  samlung.  Doch  sind  vielleicht  einzelne  früJiere  andeutungen 
verwertet  (frä  daud.  Sinf.  Helg.  Hund.  I,  14  und  II  prosa  vor  13).  Über  die  namen 
der  von  Sigurd  erschlagenen  Huudingssöhne  in  N{i  vgl.  Wilken  XC  fg.  anm.''  .\i\ 
benutzung  anderer  quellen  als  der  samlung  ist  nicht  zu  denken:  die  erfindung  des 
Nf>  ist  sehr  übel.  Eegm.  16-25  werden  citiert;  die  dazwischeustchende  prosa 
60,  19  61,  4  ist  etwas  wortreicher  als  die  der  samlung  zwischen  str.  18  und  19. 
Die  Schlachtbeschreibung  63,  7  65,  1  (dazwischen  Eegm.  26)  ist  recht  ausführ- 
lich, aber  nach  den  andeutungen  von  E  192,  1  —  5  frei  und  keineswegs  geschickt 
ausgeführt.  Mit  der  darstellung  der  Vs.  cap.  17  zeigt  sie  gar  keine  Übereinstim- 
mung: weshalb  N|),  hätte  er  die  Vs.  gekaut,  es  vermieden  haben  solte,  ,,die  schon 
etwas  stereotyp    gehaltene   Schilderung  der  Vs.  noch   einmal  zu  copieren"    (Wilken 

1)  Überhaupt  lässt  sich  von  einer  mündlichen  saga  nicht  reden:  das  eigentüm- 
liche der  saga,  im  gegen.satz  zur   sage  (sQgn)   ist  ja  gerade  die  schriftliche  aufzeichnung. 

2)  Der  satz  über  den  üegishelm  ist  allerdings  nicht  verwertet  (Hild.  190,  4  fgg.). 
Wilken  s.  XCII,  anm.  18. 

3)  Die  ganze  Verbindung  Sigurds  mit  den  Hundingssöhnen  scheint  mir  eine  jün- 
gere verAvirrung  unter  einfluss  der  Helgisage,  wie  ich  Beitr.  IV',  188  fg.  zu  zeigen  ver- 
sucht habe.     Vgl.  auch  MüUenhotf,  Zs.  für  deutsch,   alt.  23,   138  fg. 


110  STMONS 

XCIII)  ist  niclit  abzusehen.  Dann  wird  05.  1 — 5  in  aller  Iciirze  hingewiesen  auf 
die  tötung  des  drachen  und  des  zwergs ,  die  erwerhung  des  hortes  und  den  bosucli 
bei  Brynliild ,  die  also  auch  hier  mit  Sigrdrifa  zusammengeworfen  wird.  Für 
die  weitere  sage  verweist  der  Verfasser  auf  die  darstellung  der  gleich  näher 
zu  erörternden  Siguräarsaga.  —  Cap.  VI  und  VII  behandeln  abenteuer ,  die 
hier  nicht  zu  untersuchen  sind.i  —  In  cap.  VIII  wird  dann  Sigurds  tod  erzählt: 
die  Version  der  tütung  im  bette  gilt  für  die  algeraeiu  angenommene,  auf  die 
abweichenden  relationen  wird  68,  19-69,  4  hingewiesen  in  nahezu  wörtlicher 
anlehnung  an  die  prosa  frä  dauda  Sigurdar  nach  Brot  af  Sig.  Für  die  wei- 
tere darstellung  des  todes  der  Bryuhild  sind  sicher  benuzt  die  prosaische  uach- 
schrift  zu  Gudr.  I  (69,  5  —  7)  und  die  pros.  einleitung  zu  Helr.  Brj^nh.  68,  8 — 10.  16). 
Die  erzählung  des  Nj)  ist  aber  ausführlicher  (69,  15  —  70,  8),  vgl.  Wilken  XCIV. 
Nun  folgt  die  Helreid  ganz  (70,  9  —  74,  21),  worauf  nach  einer  abschliessenden 
bemerkung  Olafs  der  Verfasser  in  cap.  VIII,  B.  75,  1  zur  erzählung  von  der  beab- 
sichtigten Romfahrt  der  Eagnarssöhne  übergeht.  —  Sieher  hat  der  sagaschreiber 
demnach  folgende  stücke  der  samlung  gekant:  die  prosa  frä  dauda  Sinfjötla  (den 
schluss  von  Hild.  176,  24  an),  die  einleitende  prosa  zu  Regm.  und  die  prosaischen 
stücke  vor  str.  13,  str.  15,  str.  16,  str.  19  und  str.  26  dieses  gedichts,  sowie  Regm. 
selbst  von  str.  13  an  in  derselben  Ordnung  wie  R;  ferner  die  prosaische  uachschrift 
zu  Brot  (Hild.  214,  6  fgg.) ,  die  prosaische  nachschrift  zu  Gudr.  I  (Hild.  220,  6  fgg.), 
die  prosaische  einleitung  zu  Helr.  Brynh.  (Hild.  236,  1  fgg.)  und  dieses  gedieht 
ganz.  Dass  er  auch  den  aufang  des  Sinfjotlalok  gekant  hat,  ist  mir  wahrschein- 
lich (vgl.  NJ)55,  10  fgg.  =  R  175,  1  fg.,  und  58,  4  —  6),  aber  nicht  gewiss.  Er 
kennt  die  Helgisage  (55,  11.  58,  8 —  13):  ob  aber  die  erhaltenen  Helgilieder,  ist 
wider  ungewiss.  Er  ist  ferner  wol  unterrichtet  über  den  teil  der  sage,  der  zwi- 
schen Sigurds  vaterrache  und  seiner  ermordung  mitten  inne  liegt.  Er  erwähnt  die 
tötung  Fafnirs  und  Regins,  die  erwerhung  des  hortes,  die  erweckung  der  Sigrdrifa - 
Brynliild  auf  Hindarfjall ,  die  Vermählung  mit  Gudrun  (65,  1  —  7),  lehnt  aber  die 
erzählung  dieser  begebenheiten  ab ,  offenbar  weil  Nornagest  an  ihnen  sich  nicht 
wol  beteiligt  haben  konte,  und  verweist  für  ihre  darstellung  auf  die  sagn  Sujnräar. 
Was  meint  der  sagaschreiber  nun  mit  jener  Sigurdarsaga?  Diese  frage  ist 
zunächst  zu  beantworten.  Bugge  hatte  in  den  anmerkungen  zu  Nf)  die  Volsunga- 
saga  darunter  verstanden,  wenn  auch  nicht  gerade  in  der  erhaltenen  redaction: 
dagegen  bezieht  er  sie  N.  F.  s.  XLIII  auf  die  samlung,  welche  wir  Ssemundar- 
Edda  zu  nennen  pflegen.  ^  Wilken  s.  XCVIII  (vgl.  s.  XIV)  hält  an  Bugges  erster 
deutung  fest  (s.  auch  P.  E.  Müller  SB  2.  113,  der  sich  jedoch  viel  weniger  bestirnt 
über  eine  benutzung  der  Vs.  auslässt ,  als  Wilken  behauptet) :  er  erweitert  sie 
sogar,  indem  er  auch  nicht  einmal  an  eine  andere  recension  der  Vs.  als  die  uns 
erhaltene  glaubt  denken  zu  müssen,  also  auch  bereits  verbunden  mit  der  Ragnars- 
saga.  Neuerdings  hat  auch  Müllenhoff  Zs.  f.  deutsch,  alt.  23,  113  sich  in  dersel- 
ben weise  ausgesjirochen :  seiner  ansieht  nach  gibt  N{)  nur  eine  nachlese  zur  Vs. 
Müllenhoff  stelt  diese  auffassung  als  selbstverständlich  hin :  mir  aber  scheint  sie 
nichts  weniger    als  selbstverständlich,    nicht  einmal  wahrscheinlich   oder  auch  nur 

1)  Für  Sigurds  kämpf  gegen  die  Gandall'ssöhne  verweise  ich  auf  Beitr.  HI,  276 
anm.  1   und  die  dort  augtführte  ILtteriitur.     Vgl.  auch  Wilken  XCIII. 

2)  Bugges  Worte  lauten:  ,,IIervcd  har  han  rimelig  en  nedskreven  frenistilling  af 
Sigurds  liv  for  öie;  man  da  der  ellers  intet  spor  er  til ,  at  hau  har  kjendt  Volsunga- 
saga,  synes  det  rimeligere ,  at  herved  mene.s  de  meddelelser  i  banden  og  ubunden  form 
om  Sigurd,  som  indeholdes  i  den  samliug ,  vi  kalde  Süeniundar-Edda." 


ÜBER  PROS.  EDDA  ED.  WII.KEN  111 

naheliegend  zu  sein.  Per  sagascliveüjev  hat  für  die  teile  der  sage,  von  denen  er 
uns  berichtet,  unleugbar  die  Vs  nicht  benuzt,  sondern  die  Eddaprosa.  Schon 
dadurch  wird  es  glaublich,  dass  er  auf  deren  weitere  darstellung  mit  der  Sigurflar- 
saga  verweist.  Wilken  meint  freilich  s.  XIV,  anm.  15,  dass  die  eddischen  lieder 
mit  verbindender  pros;i  nicht  als  eiue  saga  Sigiirdar  gelten  können.  So  gefasst, 
allerdings  kaum.  Viel  weniger  aber  kann  es  die  Volsungasaga,  wie  sie  uns  vor- 
liegt, die  von  43  capiteln  nur  cap.  13  —  30  (resp.  31),  also  nicht  einmal  die  hälfte, 
dem  öigurd  widmet.  Wilken  muss  denn  auch  annehmen ,  dass  unsere  Volsunga- 
saga in  älterer  gestalt,  ausser  dass  sie  nicht  mit  der  Ragnarssaga  verbunden  war, 
auch  ohne  die  acht  ersten  capitel  existiert  hat;'  in  der  jüngeren  redaction,  die 
dem  Nf»  vorgelegen  haben  soll ,  soll  dann  die  saga  neben  dem  neuen  auch  noch 
den  alten  namen  Sigurdarsaga  weitergeführt  haben.  Man  müste  aber  viel  weiter 
gehen  und  auch  annehmen,  dass  diese  ältere  saga  auch  ohne  cap.  9.  10  und  nament- 
lich ohne  die  ganze  schlusspartie  c.  32  —  43  existiert  hätte.  Nur  auf  eine  solche 
würde  der  narae  Sigurdarsaga  anwendbar  ge-wesen  sein,  nicht  aber  auf  unsere  Vs., 
auch  nicht  in  der  von  Wilken  vermuteten  älteren  gestalt. 

Um  die  berufung  des  NJ)  auf  eine  Sigurdarsaga  zu  erklären,  muss  ich  mich 
einer  ansieht  Edzardis  anschliessen,  die  dieser  bereits  widerliolt  und,  wie  mir 
scheint,  mit  gutem  gründe  geäussert  hat  (Germ.  23,  18G  ig.  24,  350.  3(!2  fg.). 
Edzardi  glaubt,  dass  die  Sigurdslieder  in  R  einen  abschnitt  für  sich  bilden,  der 
Hild.  176,  24  anhebt  und  ursprünglich  bis  zur  prosa  von  Helr.  Brynh.  reichte. 
Eine  fortsetzung  dieses  abschnitts  bildet  die  weitere  prosa  bis  vor  Gudr.  III.  Die- 
ser abschnitt,  die  Sigurdarsaga,  bestand  wahrscheinlich  schon  vor  unserer  samlung 
und  ward  dieser  als  ganzes  eingefügt,  jedoch  so,  dass  der  Vorrat  an  liedstrophen 
vom  samler  beträchtlich  erweitert  worden  ist.  Aber  es  können  bereits  vor  der  ein- 
fügung  in  die  samlung  die  Strophen  die  prosa  weit  überwogen  haben,  wie  die 
Hälfssaga  und  Hervararsaga  zeigen.  Andererseits  macht  es  Edzardi  glaublich,  dass 
der  Verfasser  der  Sigurd.  s.  mit  den  Worten  svä  sein  secfir  i  Sigurdarkvidu  inni 
sTcqmmw  (Hild.  220,  9  fg.)  ursprünglich  nur  auf  Sig.  sk.  42  fgg.  hingewiesen  und 
nur  diese  citiert  haben  wird.  Erst  der  samler  ergänzte  den  anfang  des  liedes,  wie 
ähnlich  die  SE  ursprünglich  nur  den  anfang  des  Grottasöngr,  die  Hkr.  nur  den 
anfang  der  Häkonarmäl  hat  eitleren  wollen  (vgl.  Möbius  Edda  s.  IX) ,  die  dann  ein 
späterer  abschreiber  vervolständigt  hat.  Diese  ansieht  Edzardis  ist  allerdings  vor- 
läufig nur  eine  hypothese,  aber  eine  wolbegründete  und  ansprechende  hypothese. 
Ein  diplomatisch  getreuer  abdruck  des  betreffenden  abschnitts  von  R,  dem  wir  wol 
bald  entgegensehen  dürfen,  wird  notwendig  sein,  bevor  in  dieser  frage  das  lezte 
wort  gesprochen  Averden   kann.''^     Unleugbar  aber   gewint  Edzardis  Vermutung  eine 

1)  Über  die  ursprüngliche  Verbindung  von  Vs.  und  Rs.  vgl.  oben  s.  107.  Über 
die  von  mir  bestrittene,  von  Wilken  im  anschhiss  an  Möbius  wider  vermutete  ältere 
vecension ,  die  den  rimur  vorgelegen  haben  soll,  habe  ich  dem  Eeitr.  IIl,  202  fgg. 
bemerkten  nichts  hinzuzufügen,  da  Wilken  keine  wesentlich  neuen  gründe  vorbringt. 

2)  Doch  beachte  man  vorläufig  folgendes.  Die  prosa  in  R  Hild.  176,  24  — 
236,  9  bietet  eine  zusammenhängende,  fortschreitende  erzählung ,  von  Signrtls  geburt 
bis  Brynhilds  tod.  Dass  der  samler,  namentlich  in  der  prosa  der  Regm.,  interpoliert 
hat,  ist  glaublich.  Die  einleitende  prosa  zu  Fdfn.  ist  in  R  ebensowenig  von  der  schluss- 
prosa  der  Regm.  getrent,  wie  Sgrdr.  und  Fäfn.  Während  Sgrdr.  überhaupt  keine  Über- 
schrift hat,  hat  R  einen  titel  fra  daupa  f  unmittelbar  vor  VMn.  str.  1.  Ebenso  folgt 
die  prosa  zu  Guör.  I    ohne    trennungszeiehen    auf  die    schlussprosa  von   Drot,    und  erst 


112  SYMONS,    ÜBER   PROS.    EDDA    ED.    WILKEN 

kräftige  stütze  und  zugleich  eine  erliöhte  bedeutuiig  durch  das  citat  des  N[».  Die 
sicher  benuzten  stücke  der  samlung  gehören  alle  zu  jenem  wahrscheinlich  früher 
für  sich  bestehenden  teile,  der  die  Sigurdssage  behandelt.  Ebenso  diejenigen  par- 
tien ,  deren  erzählung  der  Verfasser  mit  einem  hinweis  auf  die  Sigurdarsaga  über- 
geht. So  werden  wir  zunächst  mit  Bugge  die  citierte  saga  Sigurdar  auf  den  teil 
der  samlung ,  der  Sigurds  Schicksale  in  gebundener  und  ungebundener  form  erzählt, 
beziehen  müssen,  den  namen  aber  dadurch  erklären,  dass  dieser  teil  ursprünglich 
als  Sigurdarsaga  für  sich  bestand.  In  der  Hs.  der  samlung,  die  der  Verfasser 
bennzte,  war  vielleicht  dieser  abschnitt  noch  als  besonderer  teil  gekenzeichnet  durch 
den  namen  Sigurdarsaga.  Denn ,  dass  er  diese  noch  in  ihrer  selbständigen  gestalt 
benuzt  hat,  ist  unwahrscheinlich:  einmal  scheint  doch  auch  der  anfang  des  Sinf- 
j(jtlalok  ihm  bekant  gewesen  zu  sein ,  und  ferner  wird  die  Sigurdarsaga  kaum  alle 
Strophen  der  Eegm.  13  fgg.  bereits  in  der  reiheufolge  des  samlers  enthalten  haben. 

Ob  der  Verfasser  nun  auch  die  Vs.  gekant  hat ,  ist  ziemlich  gleichgültig ,  da 
sie  keinesfals  von  ihm  benuzt  ist.  Dass  Nf)  c.  4  (B.  58,  19),  wie  die  prosa  frä  daud. 
Sinf.,  SE  I,  26:  522,  Frakkland  als  Sigmunds  reich  nent,  die  Vs.  dagegen  liüna- 
Itmcl  (vgl.  Beitr.  III,  292  fg.  und  vor  allem  jezt  Müllenholf  a.  a.  o.  23,  165  fg.) 
spricht  nicht  gerade  dagegen,  und  das  gleiche  wäre  über  die  von  P.  E.  Müller, 
Wilken  und  Edzardi  angeführten  differenzen  zu  sagen.  Dass  Np  wie  Vs.  Sigrdrifa  - 
Brj'nhild  zusammenwirft,  spricht  nicht  dafür :  deren  identität  war  wol  die  algemeine 
jüngere  auffassung.  Ebensowenig  kann  die  erzählung  in  cap.  8  eine  kentnis  der 
Eagnarssaga  beweisen  oder  nur  glaublich  machen:  die  dort  erzählte  unterbrochene 
Eomfahrt  der  Lodbroksöhne  stinit  im  grossen  und  ganzen  den  tatsacheu  nach 
überein  mit  Eagnarss.  cap.  13  (Fas.  I,  276  fg.),  die  form  aber  ist  durchaus 
abweichend. 

Auf  die  eiukleidung  des  Np  (Wilken  s.  XCIX  — CHI)  will  ich  hier  nicht  ein- 
gehen. 

Im  vorstehenden  hoffe  ich  angedeutet  zu  haben ,  wie  im  gegensatz  zu  Wil- 
kens  Umsturztheorien  das  gegenseitige  Verhältnis  der  Eddalieder,  der  samlung,  der 
Skälda  I  und  II,  der  Vs. ,  des  Np  und  der  ps.  zu  beurteilen  ist.  Jene  von  Wil- 
ken als  Urquelle  für  die  ganze  uorrcene  Überlieferung  der  Volsungensage  vermutete 
Sigurdarsaga  ist  uns  dabei  unter  den  bänden  in  nichts  zerflossen.  Zwar  eine  Sigur- 
darsaga nehme  auch  ich  an,  aber  eine  wirkliche  saga  von  Sigurd,  die,  ursprünglich 
für  sich  bestehend,  als  besonderer  abschnitt  in  unsere  samlung  übergegangen  ist. 
Im  übrigen  galt  es  in  den  meisten  fällen ,  wolbegründete  ältere  ansichten  zu  stützen 
und  gegen  vorschnelle  Verwerfung  zu  sichern,  sowie  andererseits  früher  geäusserte 
ansichten,  von  deren  Unrichtigkeit  ich  mich  überzeugt  habe,  zu  verbessern  und 
richtigere  an  ihre  stelle  zu  setzen. 

Es  wird  jezt  kaum  noch  der  ausdrücklichen  bemerkung  bedürfen,  dass  ich 
auch  Wilkens  auffassung  der  Eddalieder  als  ,,mehr  oder  minder  freie  Variationen 
einer  prosaischen  Sigurdarsaga"  (s.  CHI.  vgl.  Unters,  s.  274  fgg.)  entschieden  ver- 
werfe. Die  bcsprechung  von  Wilkens  Untersuchungen  zur  Snorra  Edda  wird  mir 
gelegenheit  bieten,  auch  dieser  frage  näher  zu  treten.  Da  ich  aber  auch  über  die- 
ses buch  Wilkens  manches  zu  sagen  habe  und  doch  die  vielleicht  schon  zu  ausführ- 
lich geratene   recension  nicht  noch  mehr  anschwellen  möchte,    breche  ich  zunächst 

vor  Guör.  1 ,  1  hat  E,  guSrunar  qvipa.  Am  Schlüsse  dieses  licdes  heisst  es  svd  sein  segir 
i  SiyurdarkviÖu  inni  skqmmu,  und  danu  folgt  in  R  die  Überschrift  qviSa  SigurÖar.  — 
Ltider  ist  gerade   liier  die  liicke  in   R  ausserordentlich  störend. 


SEILER,  ÜBER   SCHERER,    DEUTSCHE  LITT. -GESCH.  113 

hier  ab.  Aus  demselben  gründe  nniss  ich  es  mir  auch  versagen,  auf  einzelhei- 
ten  in  den  Vorbemerkungen  oinzugelien ,  wozu  sich  fast  auf  jeder  seite  veranlas- 
sung böte. 

Lieb  wäre  es  mir,  wenn  ich  den  lierausgeber,  dessen  fleiss  und  mühe  ich 
alle  anerkennung  zolle,  von  der  Unrichtigkeit  seiner  neuen  ansichten  über  die  VqI- 
sungasaga  und  den  Nornagestspättr  überzeugt  hätte.  Eine  eingehende  besprechung 
eines  werkes,  auf  welches  viel  arbeit  verwant  worden  ist,  mit  dem  geständnis 
schliessen  zu  müssen,  dass  es  die  forschung  nicht  gefördert,  sondern  auf  abwege 
gebraclit  hat,  ist  unerquicklich.  Ich  freue  mich  deswegen,  schon  hier  die  Unter- 
suchungen nutzbringender  und  begründeter  finden  zu  können ,  wenn  freilich  auch 
in  diesem  buche  vieles  zu  entschiedenem  Widerspruche  herausfordert.  Über  sie 
gedenke  ich,  in  einem  zweiten  artikel  in  dieser  Zeitschrift  mich  auszusprechen. 

GRONINGEN,    IM   NOVEMBER    1879.  B.    SYMONS. 


Geschichte  der  deutschen  literatur  von  d r.  Willielm  Scherer ,  profes- 
sor  der  deutschen  literaturgeschichte  an  der  Universität  Berlin. 
Er.stes  heft.  Berlin,  Weidmann.  1880.  —  Berechnet  auf  ca.  40  bogen,  in  etwa 
8  lieferungen  ä  1  mark. 

Wider  eine  neue  litteratiirgeschichte ,  als  hätteu  wir  deren  noch  nicht  genug 
und  übergenug!  —  Das  ist  wol  der  erste  gedanke,  der  jeden  bei  lesung  des  obigen 
titeis  befält.  Und  nur  alzu  berechtigt  ist  dieser  gedanke.  Vergleichen  wir  das 
kürzlich  erschienene  erste  heft  des  ,,  Jahresberichtes  über  die  erscheinungen  auf  dem 
gebiete  der  germanischen  philologie,  herausgegeben  von  der  geselschaft  für  deut- 
sche Philologie  in  Berlin"  1879,  so  finden  wir  unter  der  Überschrift  „literatur- 
geschichte" als  im  vergangenen  jähre  teils  ganz  neu,  teils  in  neuer  aufläge  her- 
ausgekommen verzeichnet  nicht  weniger  als  13  volständige  litteraturgeschichten, 
darunter  eine  englische  und  eine  italiäuische  und  zwei  sogar  mit  Illustrationen, 
und  11  abrisse,  grundrisse,  umrisse,  einführungen ,  überblicke,  leitfäden  u.  dgl. 
Wahrlich,  wenn  irgendwo,  so  scheint  hier  ein  ohe,  jam  satis  est!  am  platze. 

Allein  ein  grosser  teil  dieser  Schriften  ist  nur  compilation  aus  den  grösseren 
grundlegenden  werken.  Gervinus,  Koberstein,  Kurz  werden  in  immer  neuer  gestalt 
immer  wider  aufgetischt;  daher  komt  es  denn,  dass  sich  durch  alle  solche  bücher 
gewisse  Unrichtigkeiten  und  fehler  wie  eine  ewige  krankheit  fortschleppen  (vgl.  den 
Jahresbericht  unter  nr.  IIG).  Ferner  haben  diejenigen  unter  den  Verfassern  solcher 
bücher,  welche  wirkliche  eigene  studien  gemacht  haben,  diese  doch  fast  regelmäs- 
sig auf  eine  der  beiden  grossen  hälften  unserer  litteraturgeschichte  beschränkt, 
entweder  auf  das  mittelalter  oder  auf  die  neuzeit,  gewöhnlich  auch  da  nur  auf  klei- 
nere Unterabschnitte.  In  den  teilen,  wo  sie  nicht  zu  hause  sind,  entbehren  ihre 
bücher  dann  der  Selbständigkeit  und  bewegen  sich  in  den  alten  ausgefahrenen 
gleisen. 

In  der  neuen  litteraturgeschichte,  deren  erstes  heft  uns  vorliegt,  sind  diese 
beiden  letalen  mängel  von  vornherein  ausgeschlossen.  Scherer  vereinigt  die  popu- 
läre ader  des  ästhetisierenden  litteraturfreundes  und  -forschers  mit  der  gründlichen 
sachkentnis  und  der  strengen  methode  des  germanistischen  fachmanues  Lachraann- 
scher  schule.  Während  er  als  solcher  im  engeren  kreise  der  ,,  deutschen'-  philo- 
logen  hochgeschäzt  dasteht,  ist  er  auch  einem  grösseren  publikura  bekant  durch 
seine   aufsätze   in  der  tages  -  und  monatlitteratur.     Dass  er  somit  überall  aus  den 

ZEITSCHR.   F.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.  XII.  8 


114  SEILER 

primären  quellen  direct  schöpft  und  sich  nicht  etwa  mit  secundären  abgeleiteten 
begnügt,  ist  selbstverständlich.  Ferner  ist  er,  während  er  wol  von  hause  aus  und 
in  den  meisten  seiner  schritten  die  altdeutsche  litteratur  und  spräche  zum  gegen- 
stände seiner  forschung  gemacht  hat ,  doch  auch  in  der  neuern  seit  der  reformation 
nicht  blos  wo!  bewandert,  sondern  auch  selbständig  forschend,  wie  unter  andern 
seine  zerstreuten  aufsätzo  zur  Goethelitteratur  und  sein  buch  über  die  anfange  des 
prosaromans  in  Deutschland  (QF.  XXI)  erweisen.  Auf  eine  in  allen  teilen  selb- 
ständige, auf  der  höhe  der  heutigen  Wissenschaft  stehende,  duvchuus  eigenartige 
darstellung,  auf  etwas  wirklich  neues  darf  man  also  von  vornherein  rechnen,  wenn 
man  das  buch  zur  band  nimt. 

Es  repräsentiert  aber  aucli  in  einer  andern  beziehung  einen  weiteren  schritt 
auf  einer  noch  nicht  alzulange  betretenen  segensreichen  bahn.  —  Das  buch  ist 
keine  gelehrte  litteraturgeschichte ,  wie  die  Wackernagelsche  oder  Kobersteinsche. 
Eine  „ankündigung"  auf  dem  hinteren  umschlage  bezeichnet  ,, künstlerisch  freie 
anordnung"  und  „ beschränkung  auf  das  wesentliche"  als  die  grundsäulen  seiner 
darstellung.  Dem  entspricht  die  elegante  äussere  ausstattung,  die  deutschen  let- 
tern,  und  vor  allem  die  volständige  abwesenheit  jeglicher  gelehrter  zutat;  es 
schreitet  nicht  einher  in  der  schweren  hoplitenrüstung  texterstickender  anmerkun- 
gen;  nicht  einen  einzigen  litterarischen  hinweis,  nicht  einmal  eine  zahl  (ausser 
einigen  geschichtlichen  daten)  findet  man  in  dem  ganzen  hefte;  das  heisst,  das 
buch  wendet  sich  nicht  an  gelehrte,  nur  an  gebildete,  es  ist  populär.  Die  Popu- 
larisierung der  Wissenschaft  —  ein  zug,  der  wesentlich  zur  Signatur  unserer  zeit 
gehört  —  ist  von  vielen  Seiten  beklagt  worden  und  hat  allerdings  weniger  für  das 
Volk  als  für  die  Wissenschaft  und  ihre  jünger  eine  rückschlagende,  wol  auch  gefähr- 
dende Wirkung  —  von  dem  populären  schreiben  ist  nur  ein  schritt  zum  populären, 
d.  h.  oberflächlichen  denken  — ;  die  grossen  begründer  der  germanischen  philologie 
enthielten  sich  ihrer  völlig.  „Lachmanns  schritten  tragen  grossenteils  einen  Cha- 
rakter, den  man  wol  am  richtigsten  einen  esoterischen  nennen  kann.  Selbst 
wer  schon  recht  leidliche  vorkentnisse  zu  ihrem  Studium  mitbringt,  wird  ohne  die 
beihülfe  mündlicher  Unterweisung  nur  durch  angestrengte  und  beharrliche  arbeit  zu 
ihrem  vollen  Verständnisse  gelangen."  (Zacher  in  den  neuen  Jahrbüchern  für  phil. 
und  paed.  78,  s.  171.)  ,, Lachmann  liebt  es,  von  seinen  entdeckungen  oft  nur  die 
segelspitze  zu  zeigen ,  und  zumal ,  wer  am  ufer  steht ,  muss  genau  acht  geben  und 
scharf  sehen."  (Wilhelm  Grimm ,  Gott.  gel.  anz.  1827,  stück  204.)  Auch  die  unmit- 
telbaren schüler  Lachmanns  hatten  mehr  oder  weniger  diese  art,  und  die  deutsche 
Philologie  bekam  durch  diese  völlige  Ignorierung  des  publicums  etwas  disciplinier- 
tes  und  straffes ,  was  wesentlich  mit  zu  ihrer  raschen  und  grossartigen  entwicklung 
beitrug.  Andrerseits  hatte  aber  diese  esoterische  haltung  der  schule  die  natürliche 
folge,  dass  sowol  die  resultate  als  auch  die  methode  der  forschung  auf  verhältnis- 
mässig kleine  kreise  beschränkt  blieben.  Da  begann  die  einwirkung  auf  ein  grösse- 
res publicum  von  andrer  seite ,  von  mäunern ,  welche  mit  anerkennenswertem  eifer 
aber  mit  weniger  ausgebildeter  technik  und  infolgedessen  grösserer  zugänglichkeit 
für  äusseren  schein  und  spielende  hypothesen  zu  werke  gingen  und  die  resultate 
ihrer  bemühungen  in  popularisierenden  handausgaben  mit  erklärenden  anmerkun- 
gen  elementarer  art  dem  publicum  handlich  und  fasslich  zu  machen  suchten.  Da 
ihnen  bei  diesem  streben  die  von  Franz  Pfeiifer  begründete  Germania,  welche  durch 
recensionen  und  eine  jährliche  bibliographie  die  menge  derer  anzog,  welche  sich 
nur  oberflächlich  mit  den  jeweiligen  neuen  resultaten  der  Wissenschaft  bekant 
machen  wollen,    hilfreiche  band  leistete,    so  kam    es  bald    dahin,    dass   die  Lach- 


ÜBER    SCHKRER,    DEUTSCHE    LITT. -GESCH.  115 

maniisclie  schule  in  den  äugen  des  publicums  an  ansehu  mehr  und  mehr  eiubüsste, 
dass  ihre  Vertreter  als  Sonderlinge  zu  erscheinen  anfiengen,  die  in  einseitiger  Ver- 
bissenheit auf  die  worte  des  meisters  schwören ,  dass  insonderheit  in  der  Nibelun- 
genfrage —  wenn  man  eine  frage,  die  im  wesentlichen  gelöst  ist,  noch  als  solche 
bezeichnen  darf  —  Lachmanns  wolbegründete  resultate  als  beseitigt  ausgegeben 
und  ungesehen  wurden  und  eitles  phantasiespiel  sich  an  ihre  stelle  zu  setzen  drohte. 
Das  organ  der  Lachmannschen  schule,  Haupts  Zeitschrift  für  deutsches  altertum, 
beschränkte  sich  auf  fachwissenschaftliche  aufsätze  und  Untersuchungen  allerdings 
wertvollster  art,  entbehrte  aber  der  kritik  und  besprechuiig  neu  erscheinender 
bücher,  das  heisst:  es  arbeitete  nur  mit  dem  pflüge,  nicht  mit  dem  Schwerte,  ver- 
mochte also  die  gegner  nicht  abzuwehren.  In  folge  dieser  Sachlage  sah  sich  denn 
auch  die  Lachmannsche  schule  veranlasst,  ihre  aristokratische  Zurückhaltung  auf- 
zugeben und  eine  mehr  exoterische  Wirksamkeit  zu  beginnen.  Zunächst  begründete 
J.  Zacher  „die  germanistische  handbibliothek "  und  die  ,, Zeitschrift  für  deutsche 
Philologie,"  beide  an  die  weiteren  kreise  insonderheit  der  deutschen  lehrerschaft 
sicli  wendend,  womit  die  alleinherschaft  der  Germania  und  der  „Classiker  des 
deutschen  mittelalters  "  gebrochen  war.  Dasselbe  ziel,  heranziehung  der  gebildeten 
kreise  an  die  interessen  und  arbeiten  der  germanistischen  Wissenschaft,  hat  nun 
auch  W.  Scherer  schon  seit  einer  reihe  von  jähren  in  vortragen  und  in  artikeln, 
welche  besonders  in  den  preussischen  Jahrbüchern  erschienen ,  verfolgt.  Seine 
„deutsche  litteraturgeschichte "  tut  auf  dieser  bahn  einen  gewaltigen  schritt  vor- 
wärts. Wir  können  dies  nur  wilkommen  heissen;  denn  so  schädlich  bei  dem  auf- 
bau  unserer  Wissenschaft  das  streben  nach  gemeinfasslichkeit,  das  appellieren  an  die 
teilnähme  des  publikuras  gewesen  wäre,  weil  dadurch  die  erste  und  notwendigste 
aufgäbe,  die  möglichst  sichere,  schnelle  und  gründliche  erforschung  der  tatsachen, 
nur  hätte  verdunkelt  werden  können  ,  so  notwendig  erscheint  dieses  streben  jezt, 
wo  eine  recht  statliche  fülle  festbegründeter  resultate  gewonnen,  wo  —  um  mich 
bildlich  auszudrücken  —  der  hört  aus  dem  berge  getragen  ist.  Jezt  gilt  es  auch, 
diesen  bort  in  klingende  gangbare  münze  auszuprägen.  „Aus  dem  schuft  der  Jahr- 
hunderte in  den  staub  der  bibliotheken ,  das  ist  ein  schritt  aus  einer  Vergessenheit 
in  die  andre.  Dem  ziele  führt  er  nicht  merklich  näher.  Dieses  ziel  ist  das  herz 
der  nation.''     (Simrock.) 

Das  Scherersche  buch  ist  recht  dazu  angetan,  die  bezeichnete  aufgäbe  zu 
fördern ;  es  wird  sich  weite  kreise  erobern  und  insonderheit  eine  empfindliche  lücke 
unserer  schulbibliotheken  ausfüllen  —  denn  welche  litteraturgeschichte  solte  man 
eigentlich  bisher  dem  belehrung  und  anregung  suchenden  primaner  in  die  band 
geben?  — ;  es  wird  auch  in  den  familienbibliotheken  dem  daselbst  annoch  her- 
schenden  Vilmar  bedenkliche  concurrenz  machen;  denn  es  ist  eine  interessante 
lectüre.  Koberstein  begint:  „Die  litteratur  der  Deutschen  überhaupt  umfasst  die 
gesamtheit  usw.,"  Vilmar:  „Die  geschichte  der  deutschen  litteratur,  welche  auf 
diesen  blättern  dargestelt  werden  soll  usw.,"  Scherer:  „Um  die  zeit,  in  welcher 
Alexander  der  grosse  Indien  für  die  griechische  Wissenschaft  aufschloss,  segelte  ein 
griechischer  gelehrter,  Pytheas  von  Marseille,  aus  seiner  Vaterstadt  usw."  Wel- 
cher von  den  drei  anfangen  ladet  nun  am  meisten  zum  weiterlesen  ein  ?  Und  ex 
ungue  leonem!  derselbe  frische  hauch  durchzieht  das  ganze  heft.  So  lässt  sich 
Scherer  z.  b.  auch  nicht  den  vielgelesenen  ronian  ,,Eckehard"  von  Scheffel  ent- 
gehu;  und  welchen  leser  möchte  es  wol  nicht  interessieren,  zu  vernehmen,  dass 
der  Waltharius  nicht  —  wie  Scheffel  dichtet  —  in  der  romantischen  einsamkeit  des 
hohen  Säntis    unter  lawinengedonner   und   bärengebrumm   entstanden  ist,    sondern 

8* 


116  SEILER 

ganz    nüchtern    und  prosaisch  auf  der   Schulbank   als   ein   vom   lehrer   corrigiertes 
exercitium? 

Die  fünf  vorliegenden  bogen  des  ersten  heftes  enthalten  drei  capitel  volstän- 
dig,  von  dem  vierten  den  anfang.  Capitel  I  ,,Die  alten  Germanen"  erzählt  zunächst 
kurz  von  Pytheas ,  Caesars ,  Tacitus  forschungen ,  berichtet  dann  von  dem  arischen 
urvolke  ,  dem  stände  seiner  cultur,  seiner  „Weltanschauung."  Denn  —  das  sei  hier 
gleich  bemerkt  —  Scherer  beschränkt  sich  nicht  auf  eine  blosse  geschichte  der 
litteratur,  er  will  ein  bild  der  gesamten  geistigen  entwickelung  der  uation  geben. 
Hier  zeigt  sich  widerum  seine  art  der  psychologischen  betrachtung,  sei  es  nun 
eines  einzelnen  menschen,  oder  einer  zeit,  oder  eines  ganzen  volkes,  wie  ich  sie 
in  dieser  ztschr.  VIII,  356  fg.  charakterisiert  habe.  Es  folgt  ein  kurzer  abschnitt 
über  die  germanische  religion,  dann  die  rcste  der  ält(?sten  dichtung :  chor  -  und 
hymnenpoesie ,  rätsei,  Sprüche.  Das  II.  capitel:  ,,  Goten  und  Franken"  schildert 
die  zeit  des  germanischen  heldengesanges.  Der  Verfasser  nimt  nämlich  abweichend 
von  der  algemein  üblichen  einteilung  unserer  litteraturgeschichte  drei  blüteperio- 
den  deutscher  poesie  an ,  die  erste  ist  die  periode  des  altgermanischen  heldengesan- 
ges, der  von  den  Goten  begonnen,  von  den  merovingischen  Franken  zur  höchsten 
entwicklung  geführt  wurde.  Allerdings  ist  aus  dieser  periode  nur  ein  einziges 
bruchstück  eines  einzigen  liedes  (des  Hildebrandsliedes)  erhalten ,  ,,  aber  —  sagt 
Scherer  —  verlorene  gedichte  sind  ebenso  wichtig  wie  erhaltene,  wenn  man  ihre 
existenz  beweisen  und  ihre  nachwirkungeu  feststeilen  kann,"  eine  anschauung,  über 
die  sich  streiten  lässt;  indess  komt  auf  die  bezeichnung  „blüteperiode"  an  sich 
wenig  genug  an.  Die  hauptsache  ist ,  dass  Scherer  nachdrücklich  darauf  hinweist, 
wie  das  sogenante  volksepos  des  12.  und  13.  Jahrhunderts  (Nibelungen,  Kudrün, 
Hug-  und  Wolfdietrich  usw.)  dem  gehalte  nach  aus  jenen  epischen  liedern ,  die 
um  600  gesungen  wurden ,  hervorgegangen  ist.  In  demselben  capitel  wird  noch 
Ulfilas  behandelt  und  die  geistigen  zustände  im  Merowiugerreiche  charakterisiert.  — 
Capitel  III  „  das  erneute  kaisertum "  enthält  Karl  den  grossen  und  seine  zeit, 
Heliand  und  Otfrid ,  dann  einen  abschnitt  über  ,,  die  mittelalterliche  renaissance" 
sowol  unter  Karl  als  unter  denOttonen,  welcher  die  versuche  die  alte  Eömerherr- 
lichkeit  wider  herzustellen  auf  politischem ,  künstlerischem  und  litterarischem  gebiete 
durchgeht  und  dabei  insonderheit  die  bestrebungen  der  Set.  Galler  und  die  werke 
der  Eosvitha  würdigt ;  den  beschluss  des  capitels  macht  die  spielmannspoesie  der 
damaligen  zeit  mit  einer  hübschen  Charakteristik  dieses  ganzen  genres ,  zu  welcher 
auch  diejenigen  züge  und  anekdoten  aus  den  historikern  herangezogen  werden, 
welche  aller  Wahrscheinlichkeit  nach  den  spielleuten  ihren  Ursprung  verdanken.  — 
Capitel  IV  ,,das  rittertum  und  die  kirche"  skizziert  das  wesen  des  sich  entwickeln- 
den rittertumes  und  führt  es  auf  die  eigenart  der  romanisch- germanischen  Nor- 
mannen zurück,  bespricht  alsdann  die  lateinische  litteratur  des  11.  und  12.  Jahr- 
hunderts und  geht  auf  ,,frau  weit"  über;  hier  bricht  das  heft  ab;  im  folgenden 
wird  dann  wahrscheinlich  der  parallelismus  zwischen  weltfreudiger  und  weltfeind- 
licher richtung  weitergeführt  und  gezeigt  werden,  wie  beide  miteinander  ringen 
und  sich  gegenseitig  ergänzen. 

Aus  dieser  kurzen  Inhaltsangabe  ersieht  man  die  volle  Selbständigkeit  und 
eigenart  des  Verfassers.  Er  weicht  durchaus  von  den  gangbaren  littcraturgeschich- 
ten  ab  in  zweierlei  beziehung:  erstens  in  dem  was  er  verschweigt,  zweitens  in  dem 
was  er  mit  besonderer  ausführlichkeit  behandelt.  —  In  der  ,,ankündigung"  spricht 
er  seinen  grundsatz  aus ,  „  das  mass  der  darstellung  nach  dem  werte  der  gegen- 
stände" einrichten  und  nicht  möglichst  viele  schriftstellernamen  häufen    zu  wollen; 


ÜBER    SCHERER,    DEUTSCHE    LITT. -GESCH.  117 

dem  entsprechend  fehlt  eine  menge  dessen,  was  man  sonst  zu  finden  gewohnt  ist. 
So  haben  wir  mit  genugtuung  bemerkt,  dass  das  seit  J.  Grimm  in  den  litteratur- 
geschichten  spuliende,  anscheinend  nicht  zu  bannende  ]ihantom  einer  urgermanischen 
„tiersage,"  welche  der  götter-  und  heldensagc  parallel  laufen  soll,  hier  endgiltig 
ignoriert  ist.  Ferner  verschont  der  Verfasser  mit  recht  das  publicum  mit  dem 
ganzen  schwall  der  geistlichen  litteratur  des  XI.  und  XII.  Jahrhunderts;  von  den 
stücken  D.  XXX  —  XLVI  ist  nicht  eines  erwähnt,  auch  nicht  Ezzos  gesang  von  den 
wundern  Christi,  der  es  noch  am  meisten  verdient  hätte  und  den  der  Verfasser 
selbst  verhältnismässig  sehr  hoch  schäzt  (Geschichte  der  deutschen  dichtung  im 
elften  und  zwölften  Jahrhundert  QF.  XII,  s.  29  fg.);  auch  genesis,  exodus  usw.  feh- 
len! Auch  abgesehen  von  der  rücksicht  auf  das  interesse  des  publicums  gebot  die 
Ökonomie  des  buches  dem  Verfasser,  solchen  schweren  ballast  über  bord  zu  werfen; 
wer  auf  640  seiten  eine  deutsche  litteraturgeschichte  geben  will,  und  dabei  mehr 
in  die  tiefe  als  in  die  breite  strebt,  darf  sich  damit  nicht  befassen. 

Statt  dessen   findet   man  nun   vieles   ausführlicher  besprochen,    was   in   den 
gangbaren  litteraturgeschichten ,    selbst  Wackernagel  und   Koberstein  nicht   ausge- 
nommen ,    sehr  zu  derer  schaden  kaum  mit  flüchtigen  erwähnungen  abgefunden  ist. 
Im  ersten  capitel  treten  uns  in  dieser  hinsieht  die  friesischen    rechtsbücher 
und  die  prachtvollen  hochpoetischen  stellen  aus  denselben  entgegen,    die  sicherlich 
kein  empfängliches  gemüt  unentzündet  lassen.     Besonders  aber  wendet  der  Verfas- 
ser   sein    augeumerk    auf   die    lateinische    litteratur,    welche    bisher   sehr    zu 
unrecht   das   Stiefkind  der  litterarhistoriker  gespielt  hat.     Erwähnt   doch   Wacker- 
nagel die  Eosvitha  von  Gandersheim  nur  in  einer  anmerkung  (2.  aufl.  s.  95,  19), 
wo  er  sagt,    .sie  sei  ,,mehr  nur  eine  notiz  als  eine  tatsache  "    selbst  für  die  latei- 
nische schauspieldichtung.     Freilich  hat  sie  auf  die  litteratur  weiter  keinen  grossen 
einfluss  ausgeübt,    aber  sie  ist  eine  höchst  charakteristische  erscheinung,    ein  wah- 
res zeichen  ihrer  zeit  und  kann  daher,    wenn   man   das  geistige   leben  des  X.  und 
XI.  Jahrhunderts  schildern  will,    nicht  umgangen  werden.     Das  will   aber  Scherer; 
so  findet  denn   auch  die  Gandersheimer  nonue,    ,,der   erste   dramatiker   der  nach- 
römischen weit,"    die  ihr   gebührende  Würdigung.  —     Ebenso  das  weitaus  interes- 
santeste litteraturproduct  des  XI.  Jahrhunderts,    der  Ruodlieb,    der  übrigens  — 
wie  ich  zu   beweisen  hoffe  —  nicht  von   Froumund   ist,    welchen  namen  Sche- 
rer mit  recht  gar  nicht  genant  hat.     Bei  Wackernagel   und  Koberstein  findet   er 
sich  als   ,,  bruchstück "   sehr   kurz   abgetan.     Scherer   hat   erkant,    was  der  ,, kost- 
bare torso"  (Voigt)  wert  ist  und  betrachtet  ihn  deshalb  eingehend,  rühmt  die  künst- 
lerische composition ,  die  realistische  darstellung ,  die  fülle  von  lebensbildern ,  welche 
das  gedieht  vor  dem  leser  ausbreitet ,  zugleich  die  grössere  milde  und  einen  gewis- 
sen sitlich -humanen  zug  in  dem  gedichte.     Zwei  bemerkungen  seien  mir  bei  die- 
ser gclegenheit  gestattet.     Erstens   ist  mir  der    von  Grimm    (Lateinische  gedichte 
des  X.  und  XI.  Jahrhunderts  s.  220)  für  möglich  gehaltene ,  von  Scherer  weiter  ent- 
wickelte Zusammenhang   zwischen   dem  beiden   des  lateinischen  gedichts    einerseits 
und  dem   im  Eckenliedo  erwähnten   könig  Euotliep,    den  Scherer  gradezu    für  aus 
dem  lateinischen  gedichte    durch  spielleute    dahin  übertragen  ansieht,    mindestens 
sehr  zweifelhaft.     Wenn  zweitens  Scherer   den  begriff  des  ,, stolzen"  auftretens  im 
Euodlieb   aus   dem   öfter  vorkommenden    stultus  ableitet  —   wie  es  den  anschein 
hat,  weil  er  stolz  durch  anführungsstriche  als  citat  bezeichnet  —  so  ist  zu  entgeg- 
nen, dass  stultus  an  den  betreffenden  stellen  des  Ruodlieb  IV,  121,  123.     V,  50 
nur  töricht,   übermütig,   nicht   statlich  bedeutet.  —     Drittens  endlich  finden 
meines  wisseus  in  dieser  litteraturgeschichte  zuerst  die  lateinisch  singenden  vagie- 


118  SEILER 

renden  cleriker  diejenige  berücksichtigung ,  welche  ihnen  znkomt,  weil  nicht 
nur  ihre  lyrik  an  gewandheit  nnd  Schönheit  des  ausdrucks  die  minuigliche,  ritter- 
liche erreicht,  an  kraft  der  diction,  Wahrheit  und  natürlichkeit  der  empfindung  sie 
weit  überragt,  sondern  auch  ihre  epik  und  dramatik  aller  achtung  wert  ist  (vgl. 
s.  76  fgg.). 

Überhaupt  bespricht  Scherer  das,  was  wirklich  wichtig  ist,  genau  und  geht 
auch  auf  einzelnes  ein  und  überall  ist  ihm  die  Charakteristik,  die  psychologische 
motivierung  hauptsache;  so  behandelt  er  das  Hildebrandslied,  den  Verfasser  des 
Heliand,  dessen  rühm  er  auf  das  richtige  mass  hefabsezt,  indem  er  bemerkt,  dass 
die  anwendung  dessen,  was  uns  am  Heliand  entzückt,  des  altepischen  costüms,  nicht 
das  verdienst  des  dichters  ist,  ferner  Otfrid,  Eabanus  Maurus ,  endlich  Bonifacius, 
dessen  Charakterisierung  als  eines  mannes  von  beschränktem  geist  und  geringer  bil- 
dung,  als  eines  zuchtmeisters  im  namen  päpstlicher  Orthodoxie  wir  allen  denjenigen 
empfehlen,  die  diesen  Zerstörer  der  deutschen  kirchenfreiheit  in  den  himmel  erhe- 
ben, oder  gar  als  den  beglücker  Deutschlands  einem  Arminius  an  die  Seite  stellen, 
wie  dies  herr  Joseph  Venn  tut  in  seinen  ,,250  dispositiouen  zu  deutschen  auf- 
sätzen,"  einem  buche,  das  nur  seiner  grossen  Oberflächlichkeit  und  eselsbrücken- 
haftigkeit  seine  weite  Verbreitung,  besonders  unter  der  Schuljugend,  verdankt.  — 
Die  politischen  bestrebungen  Karls  und  der  Ottonen  werden  mit  den  litterarischen 
aus  einer  gemeinsamen  wurzel  abgeleitet :  Sehnsucht  nach  der  grosse  und  Schön- 
heit der  antiken  weit.  Auch  die  Volksseele  und  ihre  äusserungen  werden  in  die- 
ser weise  aufgefasst.  Wie  fein  ist  die  bemerkung  s.  12,  dass  das  germanische 
accentgesetz ,  wonach  einzig  und  allein  die  Stammsilbe  betont  wird  —  ein  gesetz, 
welches  die  forraelemente  des  wortes  der  sicheren  Zerstörung  preisgegeben  hat  und 
damit  verhängnisvoll  für  den  leib  der  spräche  geworden  ist  -  zusammenhängt  mit 
,,  einem  frühzeitigen  dränge  germanischer  art,"  das  charakteristische  mehr  als  das 
schöne ,  den  gehalt  mehr  als  die  form  zu  schätzen ;  denn  die  cousonanten  seien  das 
knochengerüste  der  spräche ;  die  vokale  geben  blute  und  färbe ,  für  diese  sei  der 
altgermanische  sinn  nicht  offen. 

Davon  ist  nun  freilich  das,  was  der  Verfasser  auf  s.  40  über  die  spräche 
Otfrids  sagt,  das  grade  gegenteil.  Hier  heisst  es:  ,,die  spräche  war  sehr  vokal- 
reich und  melodisch,  an  Weichheit  und  sanftem  klänge  dem  italienischen  vergleich- 
bar," dann  folgen  die  ausdrücke  ,, schwelgen  in  vokalen,"  ,,freude  an  der  färbe" 
(man  vergleiche  den  eben  citierten  ausspruch  von  s.  12.  13:  ,,für  blute  und  färbe 
ist  der  altgermanische  sinn  nicht  offen"),  ,, unbedingtes  streben  nach  wollaut." 
Der  Widerspruch  liegt  auf  der  band.  Der  altgermanische  sinn  müste  sich  demnach 
bei  Otfrid  und  seinen  Zeitgenossen  in  sein  grades  gegenteil  verwandelt  haben, 
was  schwer  glaublich.  Wir  lassen  die  erste  bemerkung  gern  gelten;  die  zweite 
halten  wir  für  zu  subjectiv  gefärbt;  nicht  freude  an  der  färbe,  nicht  streben  nach 
wollaut  war  es,  welches  die  klangreiche  spräche  Otfrids  schuf;  der  blosse  blasse 
Zufall  oder  vielmehr  die  notwendigkeit  der  sprachentwickelung  brachte  sie  zu  wege. 
Die  vokale  waren  eben  noch  volltönend,  weil  das  accentgesetz  seine  zerstörende 
einwirkung  auf  die  flexionssilben  erst  begonnen  hatte,  und  dass  die  otfridischen 
assimilationen  wie  ivolkono  für  ivolkano  eine  Steigerung  des  wolklangos  bewirkt 
hätten,  möchte  schwerlich  zu  behaupten  sein.  Noch  weniger  kann  ich  es  verste- 
hen, wenn  Scherer  gar  aus  diesem  angenommenen  streben  nach  vokalischem  wol- 
laut die  gesamte  consonantischc  lautverschiebung  zu  erklären  vermeint. 
Man  habe  —  das  ist  seine  argumentation  —  so  sehr  auf  die  vokale  und  ihren  melo- 
dischen vollklang  geachtet ,    dass  man   darüber  die  cousonanten  vergessen  und  ver- 


ÜBER    SCHEREB,    DEUTSCHE    LITT. -GESCH.  119 

nachlässigt  habe;  die  lautverschiebung  sei  eine  ,,aufiösung"  des  consonautismus. 
Ich  muss  gestehen,  dass  mir  diese  coinhination  von  allen,  welche  ich  in  dem  hefte 
augetroffen  habe,  am  wenigsten  zugesagt  hat.  Man  braucht  nur  einige  wenige 
Sätze  niederdeutsch  neben  eine  probe  hochdeutschen ,  am  besten  alemannischen 
dialectes  zu  halten ;  da  wird  einem  jeden  sofort  ins  ohr  fallen ,  wie  der  nieder- 
deutsche consonantismus  weit  weicher  ist,  als  der  hochdeutsche  mit  dem  Über- 
gewicht seiner  tenues  und  Spiranten;  ,,dat  water"  klingt  doch  weicher  als  das 
scharf  zischende  „da:;  wa??er"  und  nun  erst  die  rauhen  alemannischen  ch!  Und 
in  Aleraannien  hatte  doch,  wie  Scherer  selbst  s.  39  unten  angibt,  die  lautverschie- 
bung  ihren  Ursprung,  hier  bildete  sie  sich  am  reinsten  durch;  in  ihrer  dortigen 
gestalt  ist  sie  also  zu  erklären.  Es  ist  nicht  denkbar,  dass  eine  solche  algemeine 
Verschärfung  und  fortschiebung  des  consonantismus  aus  blosser  Vernachlässigung 
hervorgegangen  sei;  eher  wäre  zu  glauben,  dass  physische  gründe,  die  gebirgsluft, 
das  klima  den  keim  zu  dieser  Umwandlung  gelegt  haben ,  oder  dass  das  unruhigere 
streben  und  drängen  der  hochdeutschen  stamme  gegenüber  der  grösseren  ruhe  und 
Stabilität  der  sächsischen  und  überhaupt  niederdeutschen  bevölkerung  auch  auf  die 
spräche  in  dieser  weise  rückgewirkt  habe.     Doch  das  sind  hypothesen! 

Ich  bediente  mich  eben  des  ausdrucks:  subjectiv.  Ich  muss  ihn  hier  veralge- 
meinernd  widerholen:  Scherer  ist  überhaupt  ein  durchaus  subjectiv  er  schrift- 
steiler; das  gilt  sowol  vom  Inhalte  als  von  der  form.  Die  tatsachen,  welche  er 
anführt,  sind  alle  objectiv  richtig  und  überall  den  neusten  forschungen  gemäss; 
die  kleine  ungenauigkeit  s.  41:  ,,zu  Strassburg  am  14.  februar  842  legten  Karl  der 
Kahle  und  sein  beer  einen  eid  in  französischer  spräche  ab,  Ludwig  der  Deutsche 
und  die  seinigen  in  deutscher  spräche"  ist  kaum  des  rügens  wert:  nur  die  beere 
legten  quique  propria  lingua  den  eid  ab,  die  führer  schwuren  jeder  in  der 
spräche  des  andern  heeres ,  LodJmtvieus  romana ,  Karolus  vero  teuclisca  lingua ; 
aber  die  art  wie  er  die  tatsachen  gruppiert,  combiniert  und  motiviert,  ist  sub- 
jectiv; die  person  des  Schriftstellers  mit  ihren  ideen  tritt  hier  überall  hervor. 
Ich  meine  so.  Eine  gemäldegallerie  kann  auf  zwiefache  weise  der  betrachtung  des 
publicums  geboten  werden.  Entweder ,  die  geniälde  werden  nach  einem  bestimten 
prinzipe  aufgehängt  —  etwa  nach  der  Chronologie,  oder  nach  malern  und  maler- 
schulen, oder  nach  den  gegenständen  der  darstellung  — ,  dies  wird  dem  beschauer 
mitgeteilt  und  nun  wird  er  hineingelassen  und  ohne  weitere  führung  seinem  eige- 
nen urteile  und  geschmacke  anheimgegeben.  Oder,  ein  kundiger  führer  wird  dem 
eintretenden  mitgegeben  und  dieser  zeigt  ihm  nun  die  hervoi'ragenden  bilder,  weist 
ihn  auf  ihre  technik,  ihre  Schönheiten,  ihre  mängel  hin,  zieht  ihn  von  einem  zum 
andern ,  führt  ihn  oft  plötzlich  quer  durch  die  ganze  gallerie  an  die  entgegengesezte 
wand,  um  auf  gewisse  ähnlichkeiten ,  die  sich  in  einer  ganz  andern  cpoche  bei 
einer  ganz  andern  schule  finden,  aufmerksam  zu  macheu,  kurzum  er  leitet  die 
betrachtung  des  beschauers  und  bestimt  sein  urteil  durch  fortwährende  conversation. 
Alle  vergleiche  hinken,  aber  in  etwas  wird  dieser  Scherers  art  verdeutlichen. 

Gewisse  richtungen  dieser  subjectiven,  combinierenden  und  comparativen 
betrachtungsweise ,  welche  schon  aus  den  früheren  schritten  des  Verfassers  bekant 
waren,  treten  uns  in  dieser  widerum  entgegen.  —  So  besonders  die  hochschätzung 
des  fraueneinflusses  auf  die  gesittung  und  damit  auf  die  litteratur.  Diese  ist  an 
sich  ja  auch  volkommen  berechtigt  und  der  weibliche  einfluss  auf  die  mittelalter- 
liche litteratur  ist  bisher  entschieden  zu  wenig  gewürdigt  worden ,  weil  man  eines 
solchen  von  der  altclassischen  litteratur  her,  an  welcher  die  litteraturgeschichte 
gross  gezogen  ist,   ungewohnt  war.     Mehr  in  das  gebiet  des  subjectivisnms  gehört 


120  SEILER 

es,  wenn  der  Verfasser  bestirnte  männische  und  frauenhafte  epochen  uuter- 
sclieidet,  welche  in  der  geschichte  unserer  litteratur  alternirend  auf  einander  fol- 
gen sollen,  ein  gedanke,  den  er  hier  nur  auf  s.  11  andeutet  und  bei  besprechung 
des  Euodlieb  wider  aufnimt,  den  er  aber  finiher  einmal  (QP.  XII,  1  fgg.)  eingehend 
ausgeführt  hat.  Ganz  subjectiv  aber  und  wol  auch  nicht  grade  wahrscheinlich  ist 
es,  wenn  er  diesen  Wechsel  selbst  auf  die  urgraue  vorzeit  des  germanischen  Volkes 
überträgt,  auf  die  zeit,  in  welcher  die  germanischen  eigennamen  entstanden.  Die 
beiden  gruppen  der  frauennamen  nämlich,  diejenige,  welche  das  „liebliche  und 
anmutige,  das  woltätige  und  erfreuende  zu  bezeichnen  sucht"  und  diejenige,  welche 
,,die  frau  des  kampfes  froh,  waffen  führend,  fackelschwingend,  zum  siege  stür- 
mend" zeigt,  sollen  zwei  verschiedene  frauenideale  anzeigen,  welche  ,, nicht  wol 
in  derselben  zeit  und  auf  demselben  boden  gewachsen  sein"  können,  und  zwar  soll 
die  erste  gruppe  auf  eine  uralte  epoche  von  ,, reiner  Weiblichkeit"  schliessen  las- 
sen (s.  22).  Demnach  wären  also  die  kriegerischen  frauennamen  zu  einer  ganz 
andern  zeit  entstanden  als  die  sanften ,  milden.  Indess  sind  doch  in  der  natur  der 
frau  beide  selten  unauflöslich  miteinander  vereinigt;  sie  ist  auch  heutzutage  noch 
sowol  freodovebbe  als  Brünhilt,  wenn  auch  in  civilisierten  formen;  die  natur  des 
menschen  ändert  sich  nicht;  es  wird  in  der  vorzeit  ebenso  gewesen  sein;  warum 
sollen  nicht  beide  selten  nebeneinander  in  den  nameu  ausgeprägt  worden  sein? 

Dieselbe  uralte  Wandlung  sittlicher  ansichten  sucht  Scherer  aus  dem  mythus 
zu  erweisen.  1)  Arische  Sonnengott  =  männer-,  2)  ,, liebe  sonne"  =  frauen-, 
3)  Sindguud-Brünhild  =  männerepoche.  Denn  Sindgund  —  meint  Scherer  — 
ist  die  sonne  selbst.  Schwerlich!  Denn  dann  wäre  auch  Frija  mit  Volla,  der 
schmuckmagd,  identisch  und  wir  hätten,  dächt  ich,  der  mythologischen  identifica- 
tionen  seit  Müller  -  Muth  genug.  Eher  scheint  Sindgund  das  die  sonne  begleitende 
Wandelgestirn,  den  morgen-  und  abendstern,  zu  bezeichnen. 

Auch  die  übrigen  mythologischen  hypothesen,  namentlich  die  hypothese  von 
Wodan  s.  8 ,  der  ursprünglich  ein  rheinfränkischer  gott  und  symbol  der  höheren 
cultur,  welche  die  rheinischen  stamme  von  den  keltischen  nachbarn  empfingen, 
von  dort  aus  ganz  Germanien  im  sturmessiegeszuge  sich  unterworfen  und  damit 
sich  selbst  immer  mehr  vergeistigt  habe,  sind  hypothetisch  im  Superlativ.  Über- 
haupt lässt  sich  über  deutsche  mythologie  grade  jezt,  wo  ihre  grundlagen  durch 
die  neusten  norwegischen  forschungen  bedenklich  erschüttert  worden  sind,  schlecht 
reden;  ist  die  ganze  götterdämmerung  und  die  darauf  folgende  erneuerung  wirk- 
lich altheimisch  und  altheidnisch?  ist  Baldrs  tod  nicht  eine  nachbildung  von 
Christi  tod? 

Mit  dem  Wechsel  der  frauen-  und  männerepochen  hängt  die  neigung  Sche- 
rers, verschiedene  oft  sehr  entlegene  culturepochen  zu  einander  in  beziehung  und 
parallele  zu  setzen ,  zusammen  ,  auch  etwas ,  was  er  bereits  früher  vielfach  durch- 
geführt hatte.  Er  denkt  —  wie  er  selbst  QP.  XII,  9  gesteht  —  sehr  gross  von 
der  wissenschaftlichen  bedeutung  der  analogie.  Diessmal  sind  es  die  jähre  600 
1200  1800,  welche  er  s.  19  in  parallele  sezt  und  dem  entsprechend  das  10.  und 
16.  Jahrhundert  als  Jahrhunderte  des  tiefsten  Verfalls  der  dichterischen  bildung. 
Den  gang  der  deutschen  litteraturgeschichte  bringt  Scherer  somit  auf  folgendes 
,, merkwürdig  einfaches  Schema:  drei  grosse  wellen,  berg  und  tal  in  regelmässiger 
abfolge." 

Dieselbe  neigung  zu  vergleichenden  parallelen  zeigt  sich  auch  im  kleinen. 
So  z.  b.  sind  die  sätze  am  Schlüsse  des  dritten  capitels,  welche  das  10.  und  11.  Jahr- 
hundert parallclisieren ,    oder  der  satz:    ,,wie  Shakespeare  novcUen,    so    bearbeitet 


ÜBER    SCHERER,    DEUTSCHE    LITT.  -  GESCH.  121 

Rosvitha  legenden"  für  die  Scherersclie  art  zu  denken  und  zu  schreiben  bezeich- 
nend. Ja,  diese  neigung  führt  ihn  dazu,  dass  er  öfters —  ein  zweiter  Momrasen  — 
die  allermodernsten  begriffe  auf  das  mittehilter  überträgt.  So  charaliterisiert  er 
die  stücke  der  Rosvitha  folgeudermassen :  Gallicanus  ist  eine  historische  tragö- 
die,  Dulcitius  streift  an  die  posse ,  Abraham  scheint  das  bürgerliche  rührstück 
vorzubereiten,  Callimachus  gibt  ein  beispiel  einer  liebestragödie  mit  den  sonder- 
barsten anklängen  an  Shakesjieares  Romeo  und  Julia.  Die  fahrenden  spielleute 
sind  ihm  ,,  die  waudernden  Journalisten"  des  mittelalters ,  ihre  tätigkeit  gleicht  — 
einem  illustrierten  witzblatte,  indem  ihre  eigene  person  die  Illustration  zu  dem 
texte  liefert.  Das  Ludwigslied  ist  ein  —  „  leitartikel ,  ein  wolgefüUtes  weih- 
rauchsfass." 

Wir  sind  hiermit  an  die  stelle  gekommen,  wo  sich  Inhalt  und  form  berüh- 
ren; auch  das,  was  man  den  stil  zu  nennen  pflegt,  ist  von  der  subjectivität  des 
autors  durchtränkt.  Das  zeigt  sich  schon  in  dem  verhältnismässig  sehr  häufigen 
gebrauch  des  personalpronomeus  der  ersten  person ,  ferner  in  wendungeu ,  welche 
bestirnt  sind,  das  kategorische  zum  hypothetischen  herab zustinnnen  wie:  ,,über  die 
richtigkeit  des  einen  oder  andern  zuges  kann  gestritten  werden"  (9)  —  ,,das  ist 
freilich  nur  ein  versuch  zu  deuten"  (11)  —  ,,wie  ich  glaube"  (25)  —  ,,wir  glauben 
zu  erkennen  "  (28)  —  ,,wenn  ich  einer  Vermutung  ausdruck  geben  darf"  (38)  und 
ähnlichen.  Sodann  hat  die  ganze  satzbildung  und  ausdrucksweise  etwas  eigentüm- 
lich stimulirendes.  Rednerische  figuren,  namentlich  anaphora  und  antithese,  tra- 
gen dazu  bei,  aber  dennoch  ist  die  diction  im  algemeinen  frei  von  dem  eigent- 
licben  pathos  des  redners;  poetische  vergleiche  wie  der  prachtvolle  s.  23  der  Ger- 
manen vor  der  völkerAvanderung  mit  einer  brausenden  see  und  auf  erweckung  der 
begeisterung  berechnete  toaste ,  wie  etwa  der  schlusspassus  des  ersten  capitels  sind 
selten;  lange  schwungvolle  perioden  liegen  auch  nicht  in  Scherers  art.  Vielmehr 
sind  die  sätze  durchgängig  kurz  und  lose  aneinandergereiht ,  die  Übergänge  stets 
geschickt,  die  gedanken  oft  wie  spielend  aneinandergereiht.  So  gleicht  der  stil  — 
und  damit  glaube  ich  sein  wesen  am  besten  bezeichnen  zu  können  —  demjenigen 
tone,  welcher  in  geistvoller  conversation  üblich  ist;  wer  den  reiz  einer  solchen 
zu  würdigen  weiss,  der  wird  es  verstehen,  wie  gern  man  den  Schererschen  aus- 
führungcn  folgt,  grade  weil  sie  sich  nicht  in  docirendem  tone  aufdrängen. 

Zum  schluss  noch  eine  äusscrlichkeit.  Der  göttliche  dulder  hat  doch  wahr- 
lich zu  lande  und  wasser  genug  auszustehen  gehabt,  so  dass  man  ihn  nach  einigen 
Jahrtausenden  wenigstens  verschonen  dürfte.  Nun  muss  er  es  sich  aber  dennoch 
selbst  in  diesem  buche  noch  gefallen  lassen,  in  jener  schauderhaften  entstelluug 
seines  tref liehen  namens ,  welche  weder  griechisch  noch  lateinisch  ist,  auf  s.  28  (auf 
s.  76  können  wir  sie  als  Schreibung  des  archipoeta  eher  passieren  lassen)  citiert 
zu  werden.  Hier  hoffen  wir,  dass  bei  einer  zweiten  aufläge,  welche  ohne  zweifei 
über  kurz  oder  lang  nötig  wird ,  —  um  parlamentarisch  zu  reden  —  wandel 
geschafft  werde. 

Fassen  wir  unser  urteil  zusammen.  Das  buch  entspricht  in  der  tat  einem 
vorhandenen  bedürfnis.  Denn  es  ist  erstens  von  einem  gründlichen  und  selbstän- 
digen kenner  der  sache  und  zweitens  in  anziehender  und  anregender  weise  geschrie- 
ben —  zwei  Vorzüge,  die  sich  nicht  grade  häufig  zu  vereinigen  pflegen.  Wenn 
dem  leser  auch  einige  unerwiesene  und  unerweisbare  combinationen  vorgetragen 
werden,  so  ist  das  kein  unglück;  denn  wesentlich  falsch  wird  dadurch  das  bild, 
welches  er  von  den  geschilderten  zuständen  bekomt ,  nicht;  sie  erscheinen  ihm  doch 
so,    wie   sie    nach  dem  neusten   stände   der   forschung  gewesen  sein  müssen.     Wir 


122  GEBING 

glauben  somit  dem  buche  eine  ziemlich  weite  Verbreitung  und  erfolgreiche  concur- 
renz  prognostizieren  zu  können  und  wünschen  dieselbe  im  Interesse  unserer  deut- 
schen nation ;  denn  das  endziel  des  Verfassers  ist,  „die  Überzeugung  zu  wecken, 
dass  das  heil  der  deutschen  cultur  nur  dort  zu  finden  ist,  wo  es  unsere  grossen 
classiker  zu  finden  glaubten." 

TBARBACH    A.    T>.    MOSEL,    APRIL    1880.  F.    SEILER. 


Beöwulf.     Mit  ausführlichem  glossar  herausgegeben  von  Moritz  Heyne. 

Vierte  aufläge.     Paderborn  1879.     VUI,287ss.     8.     (A.  u.  d.  t.:    Bibliothek 
der  ältesten  deutschen  litteraturdenkmäler.     III.  band.)     5  m. 

Es  unterliegt  keinem  zweifei ,  dass  von  allen  bisher  erschienenen  Beowulf- 
ausgaben  die  von  Heyne  die  beste  und  brauchbarste  ist,  und  somit  wird  es  gewiss 
von  allen  selten  freudig  begrüsst  worden  sein,  dass  er  sich  trotz  mannigfacher 
bedenken  dazu  entschlossen  hat,  eine  neue  aufläge  zu  veranstalten.  Diese  muss 
unbedingt  als  eine  wesentlich  verbesserte  bezeichnet  werden,  wenn  auch  eine  kleine 
zahl  von  fehlem  und  unvolkoramenheiten  sich  nachweisen  lassen ,  die  bei  grösserer 
Sorgfalt  hätten  vermieden  werden  können.  Sie  fanden  sich  ungesucht,  als  ich  im 
verflossenen  Winterhalbjahr  in  meiner  societät  die  ersten  zwölf  abschnitte  des  gedich- 
tes  interpretierte ,  und  sollen  hier  mitgeteilt  Averden ,  nicht  aus  lust  am  tadeln, 
sondern  um  den  verdienten  herausgeber  darauf  aufmerksam  zu  machen,  wo  etwa 
bei  der  fünften  aufläge  noch  die  bessernde  band  anzulegen  wäre. 

Wenn  ich  zunächst  daran  gehe,  anzugeben,  wodurch  sich  die  vierte  ausgäbe 
von  den  früheren  unterscheidet,  so  will  ich  den  umstand,  dass  im  texte  das  zei- 
chen V  durch  ZV  ersezt  ist ,  nicht  besonders  hervorheben :  es  ist  das  eine  äusserlich- 
keit,  der  ich  wenig  bedeutung  beilege.  Von  weit  grösserer  Wichtigkeit  ist  es,  dass 
die  neueren  Beowulfforschungen  in  ausgiebiger  weise  verwertet  worden  sind.  So 
ist  z.  b.  überall  auf  die  neue  collation  der  liandschrift  durcli  Kölbing  rücksicht 
genommen ,  die  freilich  für  die  berichtigung  des  textes  ziemlich  ergebnislos  gewe- 
sen ist.  Sodann  haben  die  in  verschiedenen  Zeitschriften  veröffentlichten  textkriti- 
schen aufsätze  verdiente  berücksichtigung  gefunden;  und  zwar  sind  es  namentlich 
die  glänzenden  emendationen  von  Sophus  Bugge,  die  in  der  tidskrift  for  philo- 
logi  og  pasdagogik  (VIII,  40-72.  287—305)  und  in  dieser  ztscbr.  (IV,  192  —  224) 
publiciert  wui-den,  welche  auf  die  textgestaltung  den  wesentlichsten  einfluss  aus- 
geübt haben.  Während  Heyne  noch  in  der  dritten  aufläge  die  vorschlage  von 
Bugge  meist  vornehm  ignorierte,  ist  er  ihnen  in  der  vierten  fast  immer  gefolgt: 
so  schreibt  er  jezt  mit  Bugge  v.  19  eafera  statt  eaferan  und  schliesst  v.  18 '^  in 
klammern  ein,  während  er  in  der  dritten  aufläge  noch  gegen  Grundtvig  und  Grein 
polemisiert,  die  dasselbe  vorgeschlagen  hatten;  v.  84,  wo  Bugges  Scharfblick  zuerst 
das  richtige  erkante,  ist  Heyne  ebcnfals  dem  genialen  Norweger  gefolgt;  v.  369 
fasst  er  jezt  mit  Bugge  ge-ähtlmi,^  als  gen.  sg.  eines  sw.  m.  oder  f.  in  der  bedeu- 
tung „hochschätzung";  v.  770  steht  jezt  nach  Bugges  Vorschlag  ealii-scerwen 
(nom.  sg.  eines  st.  f.);  vgl.  ferner  v.  835  —  36,  wo  die  interpunction  nach  Bugge 
geändert  ist;  v.  977,  wo  jezt  mit  Bugge  ni/d-gripe  gelesen  wird;  v.  1366,  avo  nach 
Bugges  Vorgang  das  handschriftlich  nicht  überlieferte  man  wider  gestrichen  ist; 
v.  2447,    wo  Heyne  sich  ebenfals  durch  Bugges  ausführungen  bestimmen  Hess,    die 

1)  Über  die  quantität  der  Wurzelsilbe  s.  u. 


ÜBER   BEOWULF    ED.    HEYNE  123 

lesart  des  codex  {lorece)  widerherzustcUen ;  v.  3105  {neän  mit  Bugge  statt  ne  on) 
usw.  —  Auch  iu  der  ansetzung  der  Wortbedeutungen  im  glossar  ist  Heyne  mehr- 
fach Bugge  gefolgt,  was  in  der  ausgäbe  vielleicht  ausdrücklich  hätte  erwähnt  wer- 
den können:  so  wird  (cfen-grom  jezt  mit  recht  als  „nachtfeind"  erklärt  (früher 
cefen-gröm,  custos  vespertinus) ;  o'r-gdd  als  „von  lange  her  gut"  (früher  „gut  an 
ehren");  dced-hata  als  „der  durch  seine  taten  verfolgende"  (früher  d(vd-hdta, 
tatengebieter);  ealand  wird  nicht  mehr  durch  „insel"  übersczt,  sondern  durch 
„wasserreiches  land";  statt  ealet  „weilen  auf  dem  wasser"  finden  wir  jezt  eolet 
„meer";  feorhlagu  gibt  Heyne  jezt  durch  „das  vom  Schicksal  bestirnte  leben" 
(früher  „niederlage  des  lebens,  tod");  helrüna  durch  „zauberer"  (früher  „vertrau- 
ter ratgeber  der  höUe");  0)i-h6hsnian  durch  „hemmen"  (früher  ,.  vertreiben ") 
u.  a.  ra. 

Ich  hätte  nun  freilich  gewünscht,  dass  Heyne  noch  öfter  den  neueren  for- 
schem gefolgt  wäre.  So  halte  ich  v.  31  Eiegers  änderung  des  handschriftlich 
überlieferten  leöf  in  Uf  (iu  dieser  ztschr.  III,  881)  für  unumgänglich  notwendig; 
aus  dem  verbum  weöld  ein  subst.  geiveald  zu  ergänzen,  wie  Heyne  vorschlägt,  ist 
denn  doch  eine  etwas  starke  Zumutung.  Dass  die  „dichterischen  und  seltneren  aus- 
drücke für  fürst  ohne  eine  nähere  bestimmuug  (durch  adjectiv,  possessiv  oder  gene- 
tiv)  im  ags.  kaum  vorkommen,"  wie  Heyne  behauptet,  ist  unrichtig:  vgl.  z.  b. 
Andr.  1662  ßät  iväs  ßam  loeorode  iveor  tö  geßoligenne,  pät  hie  se  leödfruma 
leng  ne  tvolde  ivihte  gewunian;  Elene  191  ät ßam  se  leödfruma  fuhvihte  onfeng ; 
Metra  I,  2ß  ßeäJi  iväs  magorinca  möd  mid  Crecum,  gif  hi  leödfruman  Icestan 
dorsten;  Beöw.  2131  ßät  iväs  Hrödgäre  hreöiva  tornost  ßära  ße  leödfruman  lange 
hegeäte  usw.  —  Dass  isig  (v.  33)  noch  immer  durch  ,,erzgläuzend"  erklärt  wird, 
lässt  sich  in  keiner  weise  rechtfertigen :  das  erz  heisst  ags.  är,  eer  und  das  davon 
abgleitete  adjectiv  ceren ;  dass  gotischem  ai  jemals  im  ags.  i  entspräche,  ist  mei- 
nes Wissens  bisher  nicht  nachgewiesen,  und  wie  wolte  man  die  erhaltung  des 
ursprünglichen  s  in  isig  (got.  *aizeigs)  erklären?  Leo  selbst  hat  später  nicht  mehr 
an  seine  von  Heyne  adoptierte  deutung  geglaubt:  im  ags.  glossar  s.  260  ist  isig 
mit  recht  zu  is  gestelt.  —  seomian  (v.  161)  übersezt  Heyne  durch  ,,  in  fesseln 
legen,  fangen";  diese  bedeutung  findet  jedoch  durch  keine  parallelstelle  eine  stütze 
(auch  nicht  durch  Exod.  209,  wo  Leo,  ags.  glossar  138,  das  verbum  fälschlich  in 
demselben  sinne  fasst);  es  ist  vielmehr  mit  Grein  seomian  auch  hier  in  seiner 
gewöhnlichen  bedeutung  „weilen,  harren"  zu  nehmen.  Dann  muss  man  natürlich 
nach  geogoäe  stark  interpungieren  und  nach  syrede  nur  ein  komma  setzen ;  die 
Übersetzung  Greins :  „er  lag  unheilbrütend"  ist  dem  sinne  nach  durchaus  richtig. — 
V.  303  —  305  sind  von  Bugge  (in  dieser  ztschr.  IV,  195  fg.)  im  wesentlichen  richtig 
erklärt  und  Heyne  hätte  an  dem  ,,ferkel,"  welches  bereits  Grundtvig  beanstandete, 
nicht  festhalten  sollen,  hleorberan  liess  Bugge  unberührt,  weil  er  das  wort  nicht 
sicher  zu  deuten  wüste.  Heynes  Übersetzung  „wangenträger"  ist  nicht  zu  brauchen, 
es  wäre  das  eine  wunderliche  bezeichnung  für  den  ,,teil  des  helmes,  der  die  wange 
schüzt";  auch  solte  es  schwer  fallen,  ein  analogen  zu  finden.  Das  richtige  lässt 
sich,  wie  ich  meine,  durch  eine  einfache  änderung  herstellen:  man  lese  hleör-ber- 
gan  —  es  ist  oifenbar  derselbe  teil  des  helmes  gemeint,  der  Exod.  175  cinberg 
genant  wird.  Die  namen  der  schutzwatten  sind  häufig  mit  dem  werte  beorh,  beorge 
gebildet,  vgl.  heulsbeorh,  liealsbeorge  (mhd. /tttZsöerc,  halsberge),  Haupts  ztschr.  IX, 
423.521;  breöstbeorliLeo,  ags.  glossar  232;  bänbeorh  ehda;  heafodbeorh  Beövf.  1031. 
e  für  eo  findet  sich  auch  sonst  im  Beöwulf:  Heregär  467,  etonisc  2617,  ferh  2707, 
gehäo  3096 ,  medu  2634  u.  ö. ,  metod  (nur  1078  meotod) ,  iverod  652  u.  ö.  —  V.  414 


124  GERING 

schreibt  Heyne  hädor,  das  eiu  st.  in.  sein  und  „lieiterkeit"  bedeuten  soll.  Dies 
wort  ist  aber  meines  wissens  sonst  nirgends  belegt;  es  gibt  auch  keinen  guten 
sinn:  wer  wird  denn  sagen,  dass  sich  die  abendliche  sonne  hinter  der  heiterkeit 
des  himniels  verbirgt?  Greins  Schreibung  haäor  (für  heaäor)  scheint  mir  daher 
durchaus  den  vorzug  zu  verdienen.  —  Die  Heynische  deutung  der  verse  445  —  451 
halte  ich  für  unrichtig;  ich  bekenne  mich  vielmehr  zu  der  auffassung  von  Eieger 
(in  dieser  ztschr.  III,  386).  V.  445 — 46  nä  pii  minne  ßearft  hafalan  hydan  sagt 
offenbar  dasselbe  aus  wie  v.  450  —  51  nö  pa  ymb  mines  ne  ßearft  lices  feorme  leng 
surgian;  beide  stellen  deuten  auf  die  piiicht  Hrudgärs,  den  gefallenen  zu  bestat- 
ten. —  Dass  was  (v.  643)  prädicatsverbum  zu  drei  Sätzen  sein  soll,  scheint  mir 
Grundtvig  mit  recht  beanstandet  zu  haben.  Der  gedanke,  in  ßeöd  ein  verbura  zu 
suchen,  war  glücklich,  aber /eöf,  was  Grundtvig  vorschlug ,  ist  eine  unform;  daher 
möchte  iah.  ßeät  schreiben  und  das  komma  nach  sfclum  tilgen;  ,, fröhlich  erscholl 
des  heldenvolkes  lärm."  —  Auch  v.  707  hat  Grundtvig  wol  das  richtige  getroffen, 
indem  er  hiene  als  ein  wort  fasste  und  dahinter  ne  ergänzte;  da  nämlich  im  vor- 
hergehenden und  im  nachfolgenden  von  Beöwulf  die  rede  ist,  scheint  es  am  natür- 
lichsten ,  auch  den  Zwischensatz  auf  ihn  zu  beziehen.  —  heardran  hole  (v.  720) 
ist,  wie  das  nachfolgende  healßegnas  beweist,  unzweifelhaft  acc.  pl. ,  wie  auch 
Grein  annimt,  und  es  ist  mir  durchaus  unerfindlich,  warum  Heyne  es  als  acc.  sg. 
ansezt. 

Ich  erlaube  mir,  bei  dieser  gelegenhelt  auf  zwei  weitere  stellen  aufmerksam 
zu  machen,  die,  wie  ich  glaube,  von  Heyne  falsch  erklärt  sind.  Secg  und  lagu- 
cräftig  man  (v.  208/9)  auf  einen  lotsen  zu  beziehen,  geht  nicht  an,  da  die  tätig- 
keit  des  lotsen  doch  nicht  eher  beginnen  konte  als  das  schiff  bestiegen  ist,  und 
dies  geschieht  erst  v.  211.  Vielmehr  ist  Beowulf  gemeint:  der  hold  führte  sie,  der 
seekundige  mann,  zu  den  landesgrenzen ,  d;  h.  zum  ufer  des  meeres,  wo  das  schiif 
bereit  lag.  Noch  besser  ist  es  vielleicht,  mit  Gi'undtvig  die  werte  secg  loisade, 
lagacräftig  man  in  klammern  zu  schliesseu  und  landgemyrcu  von  söhte  abhängig 
zu  denken.  —  sigon  ätsomne  (v.  307)  übersezt  Heyne:  „sie  giengen  zusammen  tal- 
wärts." Vom  strande  des  meeres  steigt  man  aber  aufwärts  (noch  kurz  vorher 
sind  steile  ufer  erwähnt,  beorgas  steäpe ,  v.  222):  die  Übersetzung  beruht  auf  der 
falschen  annähme ,  dass  sigan  nur  die  Bewegung  von  oben  nach  unten  bezeichnen 
könne,  was  ein  blick  in  Greins  Sprachschatz  richtig  stellen  konte.  Auch  mhd. 
sigen  bedeutet  häufig  nur  „sich  vorwärts  bewegen,''  ebenso  altn.  siga:  beide  wer- 
den oft  von  dem  vorrücken  geschlossener  truppenabteilungen  gebraucht. 

Die  „metrischen  bemerkungen"  hat  Heyne  in  der  neuen  ausgäbe  fortgelassen, 
jedoch,  wie  er  in  der  vorrede  ausdrücklich  hervorhebt,  „nicht,  weil  er  ihre  rich- 
tigkeit  bezweifelt."  Er  hält  also  an  der  vierhebungstheorie  fest  und  man  darf  bil- 
liger weise  darauf  gcspant  sein ,  wie  er  dieselbe  in  der  angekündigten  monographie 
verteidigen  wird.  Seine  abneigung  gegen  die  neue  ketzerische  lehre  ist  denn  auch 
wol  der  grund  gewesen,  dass  er  die  änderungen,  welche  Bugge  und  ßieger  aus 
metrischen  gründen  vornahmen,  fast  sämtlich  nicht  acceptiert  hat.*  So  hat  er  sich 
nicht  davon  überzeugen  lassen,  dass  zwei  gleiche  reimstäbe  in  der  zweiten  halb- 
zeile  unzulässig  sind:  er  schreibt  also  v.  395  nach  wie  vor  güä - geataivum ,  wo 
doch  Riegers  änderung  in  güd - getaiviim  (in  dieser  ztschr.  III ,  386)  den  fehler  in 
der  einfachsten  weise  beseitigt;    v.  1152  behält  er  hroden  bei,    das  Bugge   (tidskr. 

1)  Soviel  ich  sehe,  sind  nur  v.  1542  und  2095  nach  dem  vorschlage  von  Rieger 
(in  dieser  ztschr.  VII,  31)  geändert. 


DBER    BEOWüLF   ed.    HEYNE  125 

YIII,  64.  295)  mit  recht  in  roden  gebessert  hatte;  ebenso  v.  2917  (jehnfegdou,  wo 
Grein  (in  der  bibl.)  und  Bugge  (tidskr.  VIII,  64)  genmjdon  vorschlugen;  v.  574 
stveoräe ,  wo  Rieger  (in  dieser  ztschr.  VII,  9)  das  synonym  mece  einsetzen  wolte. 
Vgl.  ferner  v.  2616,  wo  nach  den  von  Rieger  gefundenen  gesctzen  hyrnan  hrmyäe 
zu  schreiben  war  (ztschr.  VII,  21);  v.  759  wo  (löda  durch  ein  mit  m  anlautendes 
adjectiv  (mödeija)  ersezt  werden  muste  (ztschr.  VIT,  24);  v.  1538.  wo  Rieger  (a.  a.  o.) 
gewiss  richtig  statt  eaxle  feaxe  conjiciert;  v.  1175,  wo  nach  Rieger  (a.  a.  o.  s.  29) 
die  ergänzuug  friäu  nach  den  metrischen  gesetzen  unzulässig  ist.  usw.  —  Gegen 
die  neugefundenen  regeln  der  Verstellung  ist  ebenfals  mehrfach  gesündigt:  vgl. 
947.  1396.  1480.  2158.  2482.  2862.  2870  (Rieger  a.  a.  o.  s.  34  fg.). 

Ein  Verzeichnis  der  wahrgenommenen  druckfeliler  und  sonstigen  kleinen 
versehen  möge  den  schluss  bilden.  Unter  den  ersteren  befinden  sich  mehrere  die 
schon  die  dritte  aufläge  entstelten:  v.  27  steht  in  beiden  ausgaben  tväre  statt 
wccre,  V.  723  hine  statt  hire ,  v.  726  flor  statt  flör,  v.  791  pikje  statt  däge ,  s.  134'', 
z.  10  v.  u.  nora.  statt  nom.  acc. ,  s.  143''  z.  2  v.  u.  onfundc  statt  onfunde  hüan, 
s.  256 ''  fehlt  bei  symhel,  synil  auch  in  der  neuen  ausgäbe  die  angäbe  des  genus; 
s.  265*  z.  13  V.  0.  steht  instr.  statt  praet.,  s.  27ü''  z.  17.  v.  o.  acc.  statt  nom.  acc. 
Von  neu  hinzugekommenen  druckfehlern  habe  ich  die  folgenden  bemerkt:  v.  429 
steht  iviyendra  statt  wtgendra,  s.  84,  z.  11  v.  o.  ist  vor  folcstede  zu  ergänzen  76; 
s.  86,  z.  23  V.  u.  steht  est  statt  es;  s.  87,  z.  2  v.  o.  imbred  statt  timhred ;  s.  87, 
z.  18  V.  u.  419  statt  420;  s.  88,  z,  3  v.  u.  ine  statt  ine;  s.  144^  z.  2  v.  o.  hnan 
statt  hüan;  s.  186'',  z.  22  v.  n.  ylayyivus  statt  glagyvuR.  Nicht  unter  die  kategorie 
der  druckfehler  gehört  es,  wenn  s.  v.  ehtan  noch  auf  ge-(shtla  vorwiesen  wird, 
obwol  dieses  wort  nicht  mehr,  wie  in  der  dritten  aufläge,  dui'ch  ,, Verfolger,"  son- 
dern durch  ,, lobende  besprechung,  hochschätzung"  übersezt  wird.  Statt  gefehtla 
ist  übrigens  geähtla  zu  schreiben  und  ebenso  statt  gecrhtan  geähtan  (das  richtige 
hat  bereits  Bugge  in  dieser  ztschr.  IV,  219,  während  Leo  im  glossar  s.  222  die  bei- 
den Wortsippen ,  die  sich  durch  die  Quantität  des  wurzelvocals  unterscheiden ,  mit 
unrecht  zusammenwirft).  —  scop  ist  in  der  neuen  ausgäbe  richtig  mit  kurzem 
vocal  angesezt,  dagegen  falsch  breme:  dass  die  Wurzelsilbe  lang  ist,  beweist  das 
denominativ  hrhnan,  welches  im  anderen  falle  bremian  oder  hremman  lauten  müste. 
Bugge  schreibt  richtig  brei7ie  (tidskr.  VIII,  41),  ebenso  Leo,  ags.  glossar  s.  367; 
die  von  lezterem  aufgestelte  etymologie  ist  freilich  niclit  zu  brauchen.  —  Den  auf- 
satz  von  Sievers  über  die  altags.  declination  (Paul -Braune  I,  486  —  504)  hat  Heyne 
nicht  berücksichtigt;  sonst  hätte  er  wol  im  glossar  nicht  präg,  sondern  ßräg 
geschrieben,  auch  nicht  trod,  ßrijä,  sondern  irodii,  pryäu.  —  lierian  setzen  Sweet 
und  Zupitza  richtig  mit  kurzem  e  an.  Grein  und  Heyne  falsch  mit  langem;  das 
wort  ist  identisch  mit  got.  hazjan  —  wäre  der  wurzelvocal  lang,  so  müste  der  inf. 
heran  lauten.  —  ealdorcearu  ist  in  der  dritten  und  vierten  ausgäbe  als  sw.  fem. 
aufgeführt,  während  doch  cearu  selbst  richtig  als  st.  fem.  bezeichnet  wird;  reced 
wird  im  ags.  als  masc.  und  neutr.  gebraucht,  Heyne  sezt  es  nur  als  neutr.  an, 
obwol  V.  412  der  attributive  Superlativ  selesta  die  masculinische  Verwendung  bezeugt ; 
dasselbe  schwanken  herscht  bei  dem  werte  segn ,  welches  bei  Heyne  nur  als  st.  neutr. 
figuriert,  während  v.  47  der  acc.  gyldenne  es  als  masc.  kenzeichnet.  —  wuldor  ist 
unrichtig  als  st.  masc.  angesezt,  bei  Grein  und  Zupitza  richtig  als  neutrum. 

HALLE,   APRIL    1880.  HUGO    GERING. 


126  KINZEL 

Die  Wolfram-Literatur  seit  Lachiiiann  mit  kritischen  Anmerkungen. 

Eine    Einfülirung    in   das   studium  Wolframs   von  Dr.  Cr.  Boetticher. 

Berlin,  Weber.   1880.     VI  und  62  s.     8. 

Fast  gleichzeitig  sind  zwei  kleine  Schriften  erschienen ,  welche  eine  Übersicht 
über  die  litteratur  unserer  beiden  grösten  mittelalterlichen  dichter,  Walthers  und 
Wolframs,  gewähren.  Schon  an  sich  ist  dies  ein  dankenswertes  unternehmen,  für 
denjenigen,  welcher  auf  dem  felde  des  mittelhochdeutschen  zu  arbeiten  anfängt 
und  bemüht  ist  sich  über  die  bisherigen  leistungen  zu  orientieren,  aber  auch  für 
den  selbständigen  forsclier,  welcher  sich  oft  schnell  in  den  zahlreichen  Schriften 
zurechtfinden  möchte ,  um  den  überblick  über  die  gefundenen  resultate  nicht  zu 
verlieren.  Dass  dazu  blosse  büchertitel  nicht  genügen  können,  liegt  auf  der  hand: 
sie  zusammenzuschreiben  wäre  bei  uusern  bibliographischen  hilfsmitteln  keine 
Schwierigkeit.  Man  erwartet  vielmehr  nicht  nur  eine  systematische  Ordnung ,  son- 
dern auch  eine  klare  objective  darstellung  dessen,  was  die  erwähnte  schritt  für  die 
erforschung  geleistet  hat,  welche  Stellung  sie  zu  den  hauptfragen  einnimt  und  wie- 
weit sie  einen  fortschritt  für  die  erkentnis  bezeichnet.  Erst  hiernach  mag  der  Ver- 
fasser den  massstab  seiner  kritik  anlegen  und  seine  abweichende  ansieht  sachlich 
darlegen;  keineswegs  aber  ist  es  erträglich,  wenn  sich  derselbe  wie  Willibald  Leo 
in  seinem  schriftchen  über  Walther  ^  gemüssigt  sieht,  meist  ohne  auf  den  inhalt 
einzugehen,  in  abgeschmackter  weise  oft  mit  hochtrabenden,  nichtssagenden  phra- 
sen  sein  urteil  über  jede  schrift,  ja  sogar  über  die  Verfasser  abzugeben. 

Im  gegensatze  dazu  steht  in  jeder  weise  die  saubere  arbeit  Boettichers,  welche 
den  ausgesprochenen  anforderungen  entspricht.  Er  hat  den  lobenswerten  ausweg 
aus  den  Schwierigkeiten,  objectivität  und  kritik  zu  vereinigen,  darin  gefunden, 
dass  er  seine  eigenen  ansichten  in  oft  recht  umfangreichen  anmerkungen  darlegt. 
Dadurch  wird  uns  die  Übersicht  bedeutend  erleichtert  und  auch  denen  der  genuss 
nicht  getrübt,  welche  dem  Verfasser  nicht  zustimmen.  Andrerseits  aber  erhebt  sich 
die  arbeit  durch  die  meist  wolgelungenen  anmerkungen  über  das  niveau  einer  bloss 
orientierenden  einführung  in  das  studium  Wolframs  zu  einer  durchaus  selbständigen 
wissenschaftlichen  leistung.  Alles  zeigt,  dass  der  Verfasser  sich  mit  liebe  und 
urteil  in  den  stoff  vertieft  hat  und  die  massvolle  kritik,  welche  er  überall  übt, 
zeugt  von  guter  sachkentnis.  Eine  besondere  aufmerksamkeit  widmet  er  der  aesthe- 
tischen  betrachtungsweise  des  dichters,  wie  er  ja  auch  schon  früher  darin  gearbei- 
tet hat  (vgl.  Germ.  21,  257  —  331).  Seine  Übersicht  über  das  auf  diesem  gebiete 
bisher  geleistete  ist  nicht  nur  klar  und  anschaulich,  sondern  sie  eröffnet  auch 
lichter  auf  neue  gesichtspunkte  und  legt  die  stellen  bloss,  welche  noch  weiterer 
aufklärung  bedürfen.  Es  steht  zu  erwarten,  dass  der  Verfasser,  wie  er  auch  andeu- 
tet, weitere  Studien  diesen  fragen  zuwenden  wii'd. 

Die  anläge  der  arbeit  ist  folgende.  Der  erste  teil  behandelt  die  grundlegen- 
den forschungen  Lachmanns  und  Haupts  in  bezug  auf  text ,  Interpretation ,  Chrono- 
logie und  quellenfrage,  der  zweite  s.  6  —  GO  nach  denselben  vier  gesichtspunkten 
die  späteren  arbeiten.  Die  kritik  richtet  sich  hier  besonders  gegen  die  ausgäbe 
von  Bartsch,  welche,  obwol  in  zweiter  aufläge  erschienen,  bisher  unseres  wissens 
nie  einen  recenscnten  gefunden,  aber  in  lezter  zeit  manchen  angriff  erfahren  hat. 
Boetticher  verhält  sich  ablehnend  gegen  die  metrik  und  Orthographie  derselben, 
verwirft    mit   beachtenswerthen    gründen    die    echtheit   der   beiden   neu    entdeckten 

1)  Die  gesamte  Literatur  Walthers  von  der  Vogelweide.  Eine  kritisch  -  verglei- 
chende Studie  zur  Geschichte  der  Walther  -  Forschung.      Wien   1880.     X  und  99   s. 


ÜBER    BOETTICHER,    WOLFRAM  -  LITT.  127 

Titurelbnichstücke  (s.  9)  und  gibt  s.  15  fg.  eine  blüteniese  aus  den  erklärnngen  des 
herausgebers,  die  hoffentlich  dazu  dienen  wird,  anfänger  des  Studiums  vor  der 
ausgäbe  zu  warnen.  Die  frage  nach  der  abfassungszeit  der  Titurellioder  hält  der 
Verfasser  nach  Herforths  Untersuchung  in  soweit  für  gelöst,  als  der  Titurcl  sicher 
nicht  vor  dem  Parzival  entstanden  sein  kann.  Mehr,  glaul)t  er  mit  dem  referen- 
ten ,  sei  auch  durch  die  Parcival -Studien  von  Domanig  nicht  bewiesen. 

Tu  der  klaren  darlegung  des  Standes  der  quellenfrage  dagegen  wird  den 
Untersuchungen  von  Bartsch  grosse  anerkennung  gezollt.  Verfasser  konit  freilich 
zu  dem  schluss,  ,.dass  an  greifbaren  resultaten  nicht  viel  mehr  gewonnen  ist,  als 
das  was  Lachmann  aufgestelt  hat,  nur  dass  die  frage  von  mehreren  selten  her  mit 
hilfsmitteln,  die  Lachmann  noch  nicht  hatte,  einer  gründlichen  erörterung  unter- 
worfen ist.  Von  Bartsch  ist  Lachmanns  ansieht  mit  einigen  erheblichen  Stützpunk- 
ten versehen  worden,  von  Birch- Hirschfeld  ist  ein  schwerer  einwand  dagegen 
gemacht  worden ,  der  aber  nicht  so  schwer  wiegt ,  als  die  neuen  Schwierigkeiten, 
die  er  im  gefolge  hat."  Auch  hier  wird  gezeigt,  worauf  die  weiteren  forschungen 
ihr  augenraerk  zu  richten  haben. 

Dass  das  büchlein  auch  manche  unvolkommenheit  hat,  wollen  wir  nicht  zu 
erwähnen  vergessen.  Die  bibliographischen  angaben  sind  nicht  überall  gleich  aus- 
führlich ,  die  correctur  nicht  ohne  tadel.  Bei  registrierung  der  handschiiftenfrag- 
mente  hätten  überall  fundort  und  die  algemeiuen  kenzeichen  der  handschriften 
angegeben  werden  können,  um  bei  neuen  entdeckungen  den  vergleich  zu  erleich- 
tern. Es  wäre  zu  empfehlen  gewesen,  bei  der  besprechung  des  Lachmannschen 
textes  einige  werte  über  sein  verfahren  in  den  anmerkungen  zu  sagen.  Dem  anfän- 
ger besonders  macht  die  ausserordentlich  knappe  behandlung,  die  nicht  bloss  durch 
des  herausgebers  art,  sondern  auch  durch  den  umfang  des  Werkes  geboten  war, 
und  das  Verständnis  der  zeichen  Schwierigkeit. 

S.  9  hat  sich  ein  fehler  eingeschlichen.  Neben  plan  msc.  komt  auch  diu 
plane  im  Parc.  vor,  wie  59,  25  diu  plane  :  nach  tväne  und  117,  10  die  plane  : 
soltäne  zeigt. 

Die  beschränkung  der  darlegung  auf  die  forschungen  seit  Lachmann  hat  au 
sich  berechtigte  gründe,  abgesehen  davon,  dass  die  schritt  aus  einem  vortrage 
erwachsen  ist.  Vielleicht  aber  empfiehlt  es  sich  doch  für  eine  neue  aufläge,  welche 
dem  praktischen  handbuche  nicht  fehlen  wird,  ein  capitel  voraus  zu  schicken,  wel- 
ches uns  über  die  Schicksale  unseres  dichters  vor  Lachmann  orientiert.  Hier  wer- 
werden  dann  auch  einige  kleinere  schritten  wie  das  Reimregister  von  Schulz  u.  a. 
nachzutragen  sein ,  welche  dem  verf.  nicht  zugänglich  waren  oder  von  ihm  über- 
sehen worden  sind. 

BERLIN,    FEBR.     1880.  KARL    KINZEL. 


Seb.    Zehetmayr,    an  alogisch  -  vergleichendes    Wörterbuch    über    das 
Gesammtgebiet  der  indogermanischen  Sprachen.    Auf  Grund  stren- 
ger   Etymologie,    mit    besonderer    Berücksichtigung    des    Latei- 
nischen,  Griechischen,    Deutscheu,    Slavischen  und  Sanskrit.     In 
Commission  bei  F.  A.  Brockhaus,  Leipzig.  1879.    VIII,  536,  XLL   Lex. -8.  M.  12. 
Der  Verfasser  gibt  das  zu  behandelnde  material  im  anschluss   an  den  alpha- 
betisch geordneten  sprachstoff  des  Lateinischen.     Dabei  nimt  er  vor  allem  rücksicht 
auf  die  analogie,   unter  der  er  freilich  gar  mancherlei  versteht.     Wenn  z.  b.  ein 
wort  den  gleichen  lautwandel  zeigt  wie   ein   anderes ,    so  steht  es   in   analogie  zu 
demselben;  vgl.  s.  v.  a:  ,,meco  aus  ecneco  nach  analogie  von  lümen  aus  lucmen." 


128  BEHAGHEL  ,  ÜBER  ZEHETMAYR,  VEBGL.  WÖRTERB. 

Suffixe  stehen  in  aualogie  zu  einander:  s.  v.  ahs:  ,,in  cliesem  -s  stecht  möglicher 
weise  ein  analogen  des  genitivsuffixes  -as ,  gr.  o?."  Drittens  zeigt  sich  analogie 
in  der  bedeutungsentwickelung.  Das  ist  das  moment.  auf  welches  Zehet- 
mayr  den  meisten  nachdruck  legt,  darin  besteht  das  neue,  darin  liegt  der  wert 
seines  buches:  in  sj'stematischer  weise  bietet  Zehetmayr  bei  den  einzelnen  ablei- 
tungen  belege  analoger  bedeutungsentwickelung  aus  derselben  si^rache  oder  aus 
andern  indogermanischen  sprachen,  die  mit  grossem  fleiss  zusammengetragen  sind. 
Also  z.  b. :  unter  accipüer  zu  caplo  wird  Jiahuh  zu  haben  angeführt ,  mit  plangere 
trauern  das  gr.  xönTta&cn  und  germ.  hrimvan  [=  xqoiko  (?)] ,  mit  saecahmi  got. 
manaseds  verglichen. 

Nur  von  einer  ai't  der  analogie  spricht  Zehetmayr  nicht,  nämlich  von  der. 
die  man  heute  gewöhnlich  im  äuge  hat,  wenn  man  das  wort  gebraucht,  von  der 
formenübertragung,  der  einwirkung  eines  wortes  auf  das  andere.  Und  doch,  kaum  ist 
es  glaublich,  beruft  er  sich  am  beginn  seiner  einleitung  auf  ein  wort  von  Curtius: 
,,die  macht  der  analogie  in  der  spräche  an  deutlich  erkenbaren  fällen  nachzuweisen 
ist  eine  wichtige  aufgäbe  der  forschung."  Stud.  6,  262.  Der  schon  hierin  sich 
bekundende  mangel  an  klarheit  des  denkens  wird  auch  sonst  sehr  fühlbar;  gar  oft 
bedarf  es  tiefen  Studiums,  um  der  eigentlichen  meinung  des  Verfassers  auf  die  spur 
zu  kommen.     Wenn  die  mühe  nur  wenigstens  immer  belohnt  würde! 

Das  ist  leider  nicht  der  fall.  Der  Verfasser  besizt  nicht  im  entferntesten  die 
keutnis  des  historischen  sprachgutes  und  der  lautgesctze,  die  notwendig  wären, 
damit  er  wirklich  ,,auf  grund  strenger  etymologie ,''  wie  es  in  der  Überschrift  heisst, 
seine  erklärungen  und  bedeutungsentwickelungen  aufbauen  köute.  Nieraals  ist  man 
sicher,  ob  ein  von  ihm  angeführtes  wort  belegt,  oder  nur  erschlossen  ist,  noch  viel 
weniger,  ob  es  in  der  gestalt  vorkomt,  wie  Zehetmayr  es  verzeichnet.  Höchst 
ergötzlich  ist  es,  die  Fickschen  themen  hier  als  gotische  oder  althochdeutsche  Wör- 
ter auftreten  zu  sehen;  bisweilen  stehen  wir  vor  dem  baren  unsinn.  Für  diese  sätze 
einige  beispiele  aus  dem  Germanischen:  verrucJit  soll  zu  i'rerriechen  gehören.  S.  v. 
accipüer:  got.  ulita  statt  hiulits.  S.  v.  acerhus:  „herb,  von  ahd.  haru,  got.  hai- 
rus  d.  i.  acies,  hären  acuere." !  8.  v.  actus:  ,,der  trieb,  zug,  vom  feldbau  gesagt, 
wenn  der  landmann  nach  10  fuss  wider  mit  der  äyMira  antrieb.  Analog:  got.  tig- 
jus  =  ahd.  -Z7ifj ,  -zig.  Da  die  Goten  normalfurchen  von  nur  60  fuss  hatten,  so 
hört  -tigjus  (=  züge,  zu  tiuhan  agere)  mit  70  auf."  S.  v.  candidus:  got.  airlcna: 
nur  tmairhns  belegt.  S.  v.  capülus  steht  das  got.  wort  einmal  als  skuffs,  einmal 
als  skufta.  S.  v,  capto:  gagrefti  statt  gagrefts.  S.  v.  capsa  erscheint  got.  fodr 
die  scheide  als  fodr  die  einfassung  des  kleides  (,,von  fatan  =  fassen,  capere ,  praet. 
fuot").  S.  V.  cardo:  ahd.  hrutan  statt  ags.  S.  v.  casa:  zu  chez  aus  casa  analog 
,,bei,  in  casa,  eig.  im  bau,  in  bur."  S.  v.  genius:  gußs  statt  guß.  S.  v.  cun- 
nus:  ,,mhd.  brüne  cunnus  (altn.  hrynja  zerschneiden);  daher  Briinhilde."  Sub  v. 
deus:  ,,Wuotan  für  Wuotant  i.  e.  penetrans."  S.  v.  descisco:  altn.  skiarr  fugax 
,,der  sich  gleich  schert."  S.  v.  furfur:  ,,ahd.  zemisa  die  zemsen ,  die  klcie  zu 
ja[.it7v." 

Summa:  nur  derjenige,  der  im  stände  ist  und  lust  hat,  jede,  auch  die 
kleinste  angäbe  genau  nachzuprüfen,  nur  der  kann  Zehetmayrs  buch  überhaupt 
gebrauchen. 

HEIDELBERG  ,    29.  JULI    1879.  OTTO   BEHAGHEL. 


HaUe,  Bucb<lrupkerei  des  W.iisenhauses. 


HALBERSTÄDTER  BRUCHSTÜCKE. 


AUS    EINER   PREDIGTSAMLUNG. 

Acht  pergamentblätter,  duodez,  13"  lioch,  10 V2"  breit,  25  —  30 
nicht  linierte  Zeilen  auf  der  seite  enthaltend;  schrift  des  14. —  15.  Jahr- 
hunderts. Die  lesharkeit  hat  auf  hl.  l''  2"  3"  4^  5*^  6''  7''  einiger- 
massen  dadurch  gelitten,  dass  die  blätter  als  buchdeckel  aufgeklebt 
waren.  Bl.  8  enthält  ein  gereimtes  gebet  au  Maria.  Die  rückseite 
von  bl.  8  ist  kaum  zu  entziffern.  Auf  allen  übrigen  seiten  ist  es  mit 
einiger  mühe  gelungen ,  bis  auf  einige  zweifelhaft  gebliebene  stellen, 
alles  zu  lesen. 

[1.     Von  den  fünf  pfunclen.] 

[Ev.  Matthaei  25,  14  —  30.1] 

* 
[Bl.  1"]  ubersen,  von  der  wile  daz  wir  geboren  worden,  biz  daz 
ein  bra  an  de  anderen  cumeth,  went  an  unserm  toth,  als  wenich  so 
er  des  cleinsten  hares  vorgezen  wil,  we  wiz  ^  verloren  han.^  darumbe, 
ir  herschapht  allen  samt,  durch  den  almechtigen  got  leget  uwer  zit 
nutzechlichen  an.  wir  eomen  alle  nuwelichen  her,  unde  müzeu  alle 
schir  von  hinnen.  —    zo  dem  ander*  male  suleu  wir  wider  reiten  von 

1)  Diese  predigt  erweist  sich  als  eine  sehr  gekürzte  und  frei  behandelte 
widergabe  von  bruder  Bertholds  predigt  von  den  fünf  pfänden  in :  Berthold  von 
Regensburg.  Vollständige  ausgäbe  seiner  predigten  usw.  von  Franz  Pfeiffer.  Bd.  1. 
Wien  1862.  no.  II.  s.  11 — 28.  —  Für  die  bequenilichkeit  des  gebrauches  erschien 
es  zweckmässig ,  hier  in  den  anmerkungen ,  neben  den  angaben  und  bemerkungen, 
die  sich  auf  fehlerhafte,  nachlässige  oder  zweifelhafte  Schreibungen  im  texte  der 
bruchstücke  beziehen,  auch  die  hauptsächlich.=;ten  entsprechenden  stellen  aus  dem 
texte  der  Pfeiff'erschen  ausgäbe  beizufügen.  J.  Z. 

2)  We  wiz]  1.  wie  wirz. 

3)  Und  ir  sult  daz  dritte  pfunt  lesen  an  dem  dritten  gelide.  Daz  ist  diu 
zit ,  die  iu  got  ze  lebene  hat  geben ,  der  wil  got  niht  enbern :  er  wil  wizzen ,  wie 
wir  sie  vertriben,  alse  wenic  got  des  niht  enbern  will,  wa  daz  minneste  hfir  si, 
daz  er  dir  verlihen  hat,  wie  du  es  äne  worden  bist.     Berth.  s.  19. 

4)  Daz  ander,  da  von  du  gote  solt  widerreiten  sine  zit,  daz  ist,  daz  du  die 
in  gotes  lobe  vertriben  Solt,  mit  gebete,  mit  kirchgange,  usw.     Berth.  s.  21. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHTLOLOOIE.      BD.    XII,  9 


130  G.    SCHMIDT 

unser  zit.  daz  ist  daz  wir  alle  unser  zit  stete  an  gotte  bliven 
sulen ,  unde  nimber  von  gotte  gescheiden  wollen ,  durch  einer  slachte 
gut,  noch  durch  vrunde,  noch  durch  vorchten,  noch  durch  nicht  uph 
al  der  werlde ,  wan  daz  we  stetin  willen  haben  bi  gotte  zu  blivende. 

daz  verde  phunt,^  daz  uns  unser  herre  bevolen  hat  durch  zwei 
dinch,  unde  müzen  ouch  zwivalt  widerreithen  von  dem  selben  phunde, 
daz  ist  erdische  guth.  davon  sult  ir  zu  dem  irsten  widerreiten, 
daz  ir  kint  unde  husvrowen  unde  iuwer  gesinde  unde  iuch  selber  davon 
besorgen  sulet  an  spise  unde  an  gewande  de  not  dürft,  unde  solt 
des  anderen  ein  teil  durch  got  geben, ^  unde  nicht  durch  ere, 
noch  durch  rom,  noch  durch  guften ,  noch  durch  loblacheit,  weder 
gumpelvolke  noch  spamanne  •'  noch  niman  wan  durch  got.  so  sol  wir 
anderstunt  wider  reiten  von  unsem  gute,  swaz  iu  über  wirt  ober 
iuwer  not  [l**]  durfth,  daz  sult  ir  lien  durch  got  armen  luten*  uf 
gut  phant.  daz  ist  iu  an  sunde ,  daz  ir  uph  guth  phant  ^  lieth ,  wan 
ez  ist  nu  so  vil  trogene  in  dem  lande,  daz  man  es  nimber  zo  sicher 
machen  mach,  davon  ist  daz  an  sunde,  daz  ir  gutez  phant  nemet,** 
unde  sult  aber  nichtes  nicht  darumbe  nemen,  wider  vor  noch  nach, 
weder  penninghe  noch  cleynode,  noch  diz  noch  genz,  noch  deine  noch 
groz,  wanne  gottes  Ion.  nu  sech,  ich  were  rechte  ein  tore,  ob  ich 
gottes  hulde  wol  erwerben  mochte  an  aller  slachte  kumber  unde  an 
arbeith  unde  aller  slachte  schaden:  also  mogeth  ir  gotes  hulde  irwer- 
ben  an  aller  slachte  ungemach,  nicht  wen  daz  ir  lieth  durch  got  nnde 

1)  Daz  vier  de  pfunt  daz  iu  der  almehtige  got  enpfollieu  hat  unde  niht 
enbern  wil,  ez  müeze  im  daz  selbe  pfunt  ein  ieglich  mensche  widerreiten  zwivalt, 
das  ir  ouch  merken  sult  an  dem  vierden  glide,  daz  ist  din  guot,  din  irdenisch 
guot,  daz  dir  got  enpfolhen  hat.  Daz  hat  dir  got  durch  zwei  dinc  enpfolhen. 
Als  er  dir  disiu  fünf  pfunt  alle  hat  enpfolhen,  iegelichez  umbe  zwei  dinc,  also  hat 
er  dir  ouch  din  irdenisch  guot  enpfolhen  umbe  zwei  dinc.  Daz  eine:  daz  du  es 
niozen  solt  zuo  din  er  nutdurft,  swar  du  sin  ze  rehter  not  bedarft  unde  din 
husfrouwe  undo  din  kint  und  ander  din  gesinde.     Bertli.  s.  24. 

2)  Dannoch  sult  ir  ez  ze  dem  andern  male  widerreiten:  daz  ist,  daz  irz 
in  gotes  lobe  niezen  sult.     Berth.  s.  25. 

3)  spamanne]  1.  spilmanne.  —  Gist  aber  du  ez  den  lotern  unde  den  gum- 
pelliuten  durch  lop  oder  durch  ruom,  dar  umbe  muostü  gote  autwürten.  Berth. 
s.  25.  —  Vgl.  W.  Wackernagel,  gesch.  d.  deutsch,  litt.  2.  ausg.  §43.  anm.  22. 
s.  131  fg. 

4)  Ir  sult  ouch  armen  liuten  lihen,  daz  sit  ir  gote  von  iuwerm  guote 
schuldic,  wan  da  von  werdet  ir  niemer  desto  ormer.     Berth.  s.  26. 

5)  Hs.r  pant. 

6)  Ir  müget  aber  gar  wol  guotiu  pfant  nemen,  wan  ez  ist  aber  armuot 
leider  oft  untugenthaft,  unde  da  von  erloubet  iu  got  wol  daz  ir  guotiu  pfant 
dar  umbe  nemet.    Berth.  s.  27. 


HALBERSTÄDTER    BRÜCKST.       I.    PREDIGTEN  131 

daz  ir  nimber  desto  avmer  werdet,  waii  daz  mau  liet,  donie  ist  rechte 
als  der  sunnen  seliine.  swe  vil  uns  de  suuue  ires  lichtes  litli,  so  hat 
se  siu  nicht  deste  miuuer,^  wan  se  niunnet  ez  io  des  nachtes  wider  zu 
ir.  unde  schiuet  aber  des  anderen  tages  als  vil  als  davor,  unde 
darumbe  daz  uus  de  sunne  ir  leclit  lieth  bi  dem  tage ,  so  wil  se  unser 
herre  schöner  macheut  an  deui  iuugesten  tage ,  dan  se  itzunt  si ,  unde 
wil  den  manen  ganz  maclieii,  darumbe  daz  her^  uus  siu  leclit  lihet 
itwonue  bi  der  nacht  ein  weuich  also  wil  iuch  der  almechiege  got 
gar  schone  mach  |2'']  en,  de  also  widerreiten,  daz  se  durch  got  lient 
uude  gebeut,  phi  rouber,  waz  sieth  (?)^  ir  disseu  armen  gottes  kinden 
vor  miueu  ougen  uude  ir  gewalt  ser  *  unrechte  voit!  girer,  we  rei- 
testu  wider  au  den  jungesten  tage!  unde  ir  vrowen,  de  dar  gewaudes 
über  einander  legeut,  daz  iz  irfuleth,  daz  rechte  de  strige  •''  nider  bre- 
steu  mochte,  so  mantel  so  mantel,  so  rucklin  unde  ruckliu,  so  badlie- 
lachent  uude  badlielachen ,  so  vorspan  uude  verspan ,  des  ist  also  vil, 
daz  etliche  über  einander  legeut:  uude  ist  manich  armer  mensclie,  der 
rechte  irvresen  mochte  dabi.  b  rüder  Bartolt,  da  wolle  wirz  durch 
(uuser  seien)  willen  gebeue  so  wir  an  unsem  dodhe  legeut/'  so  endowe'^ 
wer  vor  unsen  wirten  anders  nicht  '^  delen.  so  wan  unser  gewaut  vil  ^ 
wüuderlicheu  valde,^"  gib  iz  umbe  pheniughe ,  wan  daz  ir  zo  rechter 
not  bedhurfeth,  so  gebet  daz  andere  hin.  unde  helphet  einen  ittes- 
weune  sex  pheuninge  also  wol  de  eme  . .  .  liech  ist,  der  im  se  umbesus 
gebe,  darumbe,  ir  herschapht  allen  samt,  durch  den  almechtogeu  got 
gelebeth^^  also  umbe  gottis  hulde  unde  daz  (iz  aue?)  schadlien  si. 

daz  phumte   phunt,    da  wir   eme  von  wederreiten  solen    v(ude 

)  an  dem  jungesten  tage ,  daz  ist  von  ( )  dinston ,  davon 

moze  wir  euch  (zwivalt)  widerreiten. ^^  —  zo  dem  ersten  (saltu)  dineu 

1)  Wan  alse  diu  sinino  aller  der  werlte  ir  schin  lihot,  des  hat  sie  deste 
miliner  niht.    Berth.  s.  26. 

'2)  Hs.:  liir.  Die  angäbe,  dass  gott  am  jüngsten  tage  den  niond  ganz  i^glanzV) 
machen  werde,  fehlt  im  Pfeifferschen  texte,  ebenso  wie  das  folgende,  was  hiernach 
bezüglich  auf  das  vierte  ])funt  gesagt  wird. 

3)  sietliir]  etwa  :  scathir  d.  i.  schadet  ir?        4)  gewalt  ser]  1.  gewaltesere. 

5)  de  strige]  der  schräge?         6)  Hs. :  lelegent.         7)  eiidowe]  1.  endorre. 

8)  Hs. :  nicht  anders  nicht.         9)  Hs. :  wil.        10)  Unverständlich. 

11)  gelebeth  unsicher  zu  lesen. 

12)  Daz  fünfte  pfimt  daz  ist:  daz  du  dinen  nfehsten  m  innen  solt  alse 
dich  selben.  Daz  pfunt  muost  dfi  ouch  zwivalt  widerreiten,  wan  du  solt  dinen 
nffihsten  zwivalteclichcn  miuuen.  Einhalp  solt  du  in  minnen  in  got,  anderhalp 
soltü  in  minnen  durch  got.  —  Des  ersten  soltü  dinen  ehenkristen  min- 
nen in  got.  Daz  ist  also  gesproclien.  daz  du  kein  dine  tuon  solt  durch  dekei- 
nen  dinen  vriuiit    daz   wider    got   ist,    weder   roup   noch  braut,    weder  manslaht 


132  G.    SCHMIDT 

ebencristeii  diireh  got  lep  haben,  daz  dir  leith  si,  [2'']  swaz 
ime  werre.^  iinde  ob  her  baz  mach  danne  dhu,  des  saltu  in  nicht 
niden.  ab  her  dir  icht  leydes  hat  getan,  du  salt  doch  in  durch  got 
rechte  leph  han  unde  durch  recht  wedher  niden  noch  haz  tragen,  ist 
ieman  hir,  der  vientschapht  habe  unde  sinen  ebencristen  haz  unde  nid 
trage ,  der  sal  daz  hüte  gotte  geben  den  worten ,  daz  ime  der  almech- 
tege  got  alle  sine  sunde  vorgebe.''^  wan  her  muz  von  dem  phumthen 
])hunde  also  wol  widerreiten  als  von  dem  ersten,  als  von  dem  anderen 
unde  von  dem  dritten,  also  wol  muze  wir  von  dem  vierden  unde  von 
dem  phuniten  widerreiten. ^  darumbe,  ir  herschapht  alle n samt ,  durch 
den  almechtegen  got  habet  iuwen  ebencristen  leph  durch  got,  ob  her 
ez  umbe  dich  vordhenet.  hat  her  dinen  vater  irslagen  oder  dhineu 
bruder  oder  bi  dhiner  swester  gelegen  oder  dhine  niphtelen  geoneret 
ofte  dine  husvrowen ,  oder  swaz  her  de  zo  leidhe  getan  habe ,  daz  saltu 
im  allez  durch  got  vorgeben,  —  zo  dem  anderen  male  so  solt  ir* 
iuweren  ebencristen  leph  haben  in  got.  nu  seth ,  daz  ist,  also  de 
dhin  ebe(n)cristen  nicht "  tuth ,  deme  saltu  weder  haz  noch  nidh  tragen 

durch  got  unde  dheme,   der  dhe  leith  hath  getan  unde  der  ( ) 

hat  getan ,   daz  dhu  in    in   got   leph  habest   ( )  in  iraber  so  leph 

gehabest,  daz  du  im  ( )  durch  sinen  willen  tost,  ez  si  kint  oder 

(vater,  swest)er  oder  nephe  oder  bruder  noch  chein  (mensche?)  sol 
der  imber  so  leph  wer  [3*]  den,  daz  du  totliche  sunde  tost  durch  in. 
wan  daz  ist  allez  unrecht  lebe."  swer  durch  sinen  vrunt  totliche  sunde 
toth  als  ludas,  der  wart  girich  durch  siner  kinde  willen,  da  huthe 
recht  al  de  werlt  vor.  laz  iu  neman  so  leph  sin,  als  ludas,  daz  ir 
unrechtiz  gut  gewinnet  durch  husvrowen  oder  durch  kint  oder  durch 
iuch  selben ,  noch  meineth  sweren ,  noch  neman  slan ,  durch  cheinen 
iuweren  vrunt ,  noch  cheiner  slachte  totliche  sunde  sult  ir  durch  niman 
tun.  daz  ist  in  got.  ir  sult  ouch  iiimandes  viant  sin,  der  iu  leit  hat 
getan,     daz  ist  durch  got. 

noch  wunden,  noch  nilites  niht  in  aller  der  werlt.  Bertb.  s.  27.  —  Die  beiden 
teile,  minnen  in  got  und  durch  got,  sind  im  texte  dieses  bruchstückes,  gegen- 
über dem  Pfoiiferschen  texte,  unigestelt. 

1)  Ze  dem  andern  male  soltu  dinen  ebenkristen  minnen  durch  got.  Daz 
ist,  daz  dfi  im  gunnen  solt  daz  du  dir  ganst  eren  unde  guotes  unde  himelriches, 
und  im  ergunnest  daz  du  dir  selben  ganst.     Bcrth.  s.  27. 

2)  Und  ist  ez  halt,  daz  er  dir  gröz  herzeleit  getan  hat,  dannoch  soltü 
in  minnen,  alles  durch  got,  daz  du  im  durch  got  allez  daz  vergebest,  daz  er  dir 
ie  ze  leide  hat  getan  an  libe  oder  an  guote  oder  an  dinen  Munden  oder  an  dinen 
eren  oder  an  dekeinen  dingen,  daz  solt  dfi  im  vergeben,  den  worten,  daz  dir 
gut  alle  dine  sünde  vergebe.     Berth.  s.  27  fg. 

3)  Hs.:  widerreitten.  4)  ir  fehlt  in  der  hs.  5)  nicht]  1.  iht. 
6)  lebe]  1.  leben. 


IIALBERSTÄÜTKR    BRUCHST.       1.    I'RKDIÜTEN 


133 


also  lernet  vviderreiteii  unde  setli  alle  tage  an  lieiide  uiule  an 
voze/  we  ir  de  phnm  phuut  vviderreiten  soletli.  viide  dliat  liatli  iu 
got  an  iuvver  heiide  unde  iuwer  voze  gescreben.^  darunibe  .sult  ir  ler- 
nen unde  lesen  alle  tage  an  den  gelidhen,  daz  ir  gotte  sculdliich  sit 
wider  zo  reiteiie^  phuni  phunt.  unde  swer  de  also  wider  reitctli,  als 
ich  iu  vor  han  geleget,  den  gesach  got,  daz  her  ie  geboren  wart.^ 
wan  der  stet  (vrolic)hen  au  der  reitunge.  unde  swer  euch  also  nicht 
widerreiteu  wil,  der  sal  hende  nocli  voze  nimber  me  angesen.  phi 
girer,  we  reitestu  wider  an  dem  jungesteu  tage,  dir  gebristet  an  der 
reitunge,^  du  woldest  dhenne  ...  den  rade  wider  geben  oder  imber 
mit  den  tuvelen^  brinnen.  ir  herschapht  (allensamt?),  ab  ir  also 
widerreiten  wollet  oder  nicht,  daz  stet  an  iuwer  vrier  willecheit,  [3''] 
de  nemant  mach  bedwingeu.  unde  swar  ir  iuch  her  gesunieth  haben, 
daz  ir  also  iuch  nicht  geubet  haben,  zo  dem  ersten  an  unseni  libe 
unde  an  unsem  a mm  echte  unde  an  unsem  gute  unde  an  unsem 
ebencristen,'  so  gewinet  wäre  ruwe  unde  chometh  zo  lütterer  bichte 
unde  untfath  buze  nach  gottes  gnaden  unde  nach  iuweren  staden,  unde 
nemet  iuch  an  hinnen  vortli  Avent  au  iuwen  tot,  daz  ir  vil  wol  kun- 
ueth  widerreiten,  daz  ir  wol  gewuunen^  habent  an  iuweren  phum 
phunden.  wan  so  spricheth  unser  herre:  nu  habe  danch,  getruwer 
knecht,^  du  bist  truwe  gewesen  ober  ein  weinich  gutes  uph  erthriche, 
nu  wil  ich  dich  setzen  ober  alle  min  gut.  nu  wis  vro,  getruwer 
knecht,'^  giuch  in  de  vroude  dines  herreu.  so  kumth  her  iu  de 
vroude,  de  ewich  ist,  da  allensamt  ein  vroude  ist,  als  da  ein  eugeP^ 
flugeth  in  den  lüften ,  unde  under  ime  uude  neben  im  unde  vor  im 
unde  hinder  im  lupht,  unde  ist  al  umbe  nicht  wan  lupht.  nu  seth 
rechte,     also   steth   iz  in  den  ewigen  vroudeu,   da    ist  allensamt  ^^   ein 

1)  hende  —  voze]  1.  henden  —  vozeii. 

2)  Da  vou  hat  der  almehtige  got  diu  selben  fünf  pfunt  geschriben  an 
unseriu  lider.  An  die  hende  fünf  vinger,  an  die  füeze  fünf  zehen  .  ..  Als 
wir  unser  hende  ansehen  so  suln  wir  gedenken,  wie  wir  disiu  fünf  phunt 
wider  gereiten,  daz  unser  herre  spreche:  ,,nü  wis  fru,  getriuwer  kneht,  ganc  in 
die  freude  dines  herren."  —  Unde  disiu  fünf  pfunt  niüezen  Avir  zwivalt  widerrei- 
ten, ieglich  pfunt  zwivalt.  Der  stücke  sint  zeheniu,  diu  wir  dem  almehtigen  gote 
niüezen  widerreiteu.     Berth.  s.  12. 

3)  Hs. :  reittene.        4)  Den  hat  gott  vom  tage  seiner  geburt  ab  gesegnet. 
5)  Hs.:  reittunge.         6)  Hs. :  tivelen. 

7)  In  dieser  recapitulation  der  fünf  pfunde  (d.  i.  eigene  person,  amt,  ver- 
mögen, zeit,  nächster)  ist  das  vierte  pfund,  die  zeit,  ausgelassen.  Am  Schlüsse 
des  Pfeifferschen  textes  von  Bertholds  predigt  werden  (s.  28)  alle  fünf  pfunde  rich- 
tig widerholt. 

8)  Hs. :  gewnnen.       iJ)  Hs. :  knech.      10)  Hs. :  knech.      11)  Hs.:  eugel  engel. 
12)  Hs.;  alensamt. 


134  G.    SCHMIDT 

vroiide.  swa  man  sieht ,  da  ist  vroude.  swa  man  ist  in  hemelriche, 
da  seth  mau  anders  nicht  wau  vroude,  unde  allez  unde  allez  vroude 
ganzlichen,  daz  uns  das  allen  dar  wider  vare,  des  vorli  uns  vater 
unde  sun  unde  der  heylige  geyst.     amen. 

[3.    Drei  Ijcdiiiguiigeii  der  Seligkeit.] 

Dhe  behalten  soleu  werden,  de  bekennet  nie  bi  dreu  dhingen. 
swer  der  einiz  an  im  hat,  daz  [4*]  ist  ein  zeichen,  daz  her  ^  behalten 
sal  werdhen.  daz  irste  ist,  daz  du  gotte  gerne  dhenest  unde  dir 
got  nicht  vortreget.  nemant  kumeth  in  daz  himelriche  wan  der, 
gegen  dem  got  sinen  besmen  chert.  daz  andere  ist,  ob  du  so  gut 
bist,  daz  dir  alzehant  gruwet  ab  den  sunden.  daz  dritte  ist,  ob 
du  also  gut  bist  unde  daz  herze  hast,  daz  du  alle  luthe  leph  hast, 
übel  unde  guth,  dhe  der  gut  unde  übel  tun,  de  guten  minnen  durch 
got ,  de  obeleu ,  daz  se  gottes  geschephete  sint. 

[3.    Die  vier  Taseii  der  liimmelfürsteii.] 

[lol).  3,  19.]    Parvus  et  magnus  ibi  sunt,  et  servus  über  a  doiiiino  suo. 

Der  wissage  sprichet :  Owe ,  daz  ich  da  nicht  bin ,  da  dhe  grozen 
unde  de  deinen  ^  sint ,  da  der  knecht  vri  ist  von  sinem  herreu !  Also 
claget  der  wissage  viH  bitterlichen,  alle  hochzith  de  nemen  ab,  aber 
aller  heyligen  hochzit  nimmet  zo  von  jar  zo  jare  biz  an  den  juugesten 
tach.  daz  himelriche  ist  gelich  der  archen  in  der  alten  e.  de  was 
nidhen  with  unde  oben  enghe.  als  ist  iz  in  dem  himelriche.  je  hoher 
hinuph ,  je  minner  heiigen ,  je  mer  vroude.  je  baz  heuab ,  je  mer  hey- 
ligen unde  minner  vroude.  also  ist  iz  in  disser  werlt,  so  is*  hoher 
lute,  so  ir  ie  minner  ist.  der  vrien  ist  minner  den  der  dheuestmau. 
so  ist  der  graven  minner  den  der  vrien.  so  ist  der  vorsten  ^  minner 
den  der  graven.  so  ist  den  einer  obir  se  alle,  daz  ist  der  keyser 
unde  der  ist  bezechenit  bi  unsem  herren.  rechte  also  gewaldichlichen, 
als  ein  keyser  unde  ein  koninch  ist,  zo  gebetene  eineme  sime  graven, 
swaz  her  wil,  also  gewaldichlichen  beten  de  hohen  vorsten,  de  hey- 
ligen, den  nidheren,  swaz  se  wollent,  wan  se  rechte  vorsten  ober  se. 
unde  ist  allen  gar  wol,  unde  al  werlich  vroude,  de  alle  koninge  unde 
alle  keysere  unde  alle  menschen  ie  gewin  [4''|  nen  bi  einander,  daz 
were  nicht  als  ein  phunt '*  weder  de  vroude,  de  ein  geistlich  mensche 
hat  in  disser  werlde ,  der  rechten  geystlichen  trost  hat.  unde  wer  dhan 
al  vroude  unde  aller  geystlicher  trost,  den  alle  guthe  luthe  unde  hey- 

1)  Hs.:  hir.         2)  Hs. :  imde  deinen.         o)  Hs. :  wil.         4)  is]  ieV 
5)  Hs. :  vorsten,  ohne  den  artikel  der.         6)  pliuntj  wint? 


HALBERSTÄDTER    BRÜCKST.       I.    PREDIGTEN  135 

ligen  iü  dirrc  werkle  ^  ie  gewinnen  '■^  bi  einander ,  daz  were  nicht  als 
ein  troft'e  weder  de  minnesten  liimillischen  vroude,  de  de  niderste  sele 
hat ,  dhu  iü  dhem  himilriche  ist.  daz  ist  aber  allez  ein  nicht  weder 
dhe  vroude ,  dhe  dhe  hohen  heiligen  haben,  wen  dlie  sint  rechte  vor- 
steu  ober  dhe  anderen,  unde  darunibe  hat  un.se  herre  geistlicher  lute 
gedhacht,  daz  se  vorsten  wordheii  in  dem  himilriche,  Avan  des  povel- 
volkes  wirt  vil,  der  vorsten  cleyne. 

we  mach  man  ein  mensclien  erkennen,  der  ein  vorste  wolde 
werdhen  in  dem  hemele?  gar  wol  bi  vier  dhingeu.  unser  herre 
liatte  eiuerlegc  volch  in  der  alten  e ,  de  hezen  vorsten  mit  got.  den 
hette  her  geboten,  swa  se  reten  oder  voren,  daz  se  betten  viere 
vasen,^  daz  waren  hemel  vasen,  bi  den  sint  bezeichent  vierlege  dhinch, 
dabi  man  sal  bekennen,  de  vorsten  wollen  werden  mit  gote.  —  daz 
erste  ist,  daz  se  sieh  nicht  alleine  hüten  vor  tothlichen  sunden.  se 
hüten '^  sich  alt^  vor  tagelichen  sunden.  des  tut  daz  povelvolch 
nicht,  daz  huteth  sich  nicht  wan  vor  den  tothlichen  sunden ,  der  tage- 
lichen achte  ^  se  nicht,  vierlege  schaden  tun  dhe  tageliches '^  sunde. 
daz  eine  ist,  daz  gotte  des  menschen  gute  werch  nicht  so  wol  geval- 
len  als  sus.  der  andere  schade  ist,  daz  her  nicht  mach  also  balde 
komen  zu  dem  himele ,  zo  ghelicher  '^  wis  sam  der  einen  sandegen 
wech^  get;  irret  iz  en  nicht  gar,  [5*]  so  sumeth  ez  in  doch  vil.  der 
dritte  schade  ist,  daz  de  sele  hinab  in  das  vegefur  moz,  unde  vor- 
dhenet  doch  nimber  nieheinen  Ion  da,  unde  wirt  nimber  deste  baz  unt- 
fangen  indem  hemele,  so  se  hundert  jar  gebrinnet,  der  vi  er  de  schade 
ist,  so  man  der  tegeliches  ^"^  sunde  zo  vil  tut,  so  vorhenget  got  deste 
ir  ^'  ober  den  menschen,  daz  her  in  tothsunde  vellet.  swe  doch  de 
tageliches^^  sunde  nimber  mögen  werden  zo  tothsunden,  so  zient  se 
doch  zo  totlichen;  zo  gelicher  wis,  de  wile  daz  daz  wazer  geith  unden 

1)  werlde  fehlt  in  der  hs.         2)  gewinnen]  1.  gewunuen. 

3)  Numeri  15,  38:  Loquere  filiis  Israel,  et  dioes  ad  eos,  ut  faciant  sibi  fim- 
biüas  per  angulos  palliorum ,  ponentes  in  eis  vittas  h3'acinthinas.  Deuteron.  22  ,  12 : 
Funiculos  in  fimbriis  facies  per  quatuor  angulos  pallii  tui,  quo  operieris.  Zacha- 
rias  8,7:  Haec  dicit  dominus  exercituum:  Ecce  ego  salvabo  populum  mouni  in  terra 
orientis  et  de  terra  occasus  solis.  8.  Et  adducani  cos ,  et  habitabunt  in  medio 
Jerusalem,  et  erunt  mihi  in  populum,  et  ego  ero  eis  in  deum  in  veritate  et  in 
justitia.  23.  Haec  dicit  dominus  exercituum:  in  diebus  illis,  in  quibus  ajjprehen- 
dent  docem  homines  ex  omnibus  Unguis  gentium ,  et  apprehendent  fimbriam  viri 
Juda^i,  dicentes:  ibimus  vobiscum;  audivimus  enim,  quoniam  deus  vobiscum  est. 

4)  Hs.:  hutten.  5)  alt]  1.  also.  6)  achte]  1.  achten. 

7)  tageliches]  1.  tegelichen.  8)  Hs. :  ehelicher.  9)  Hs.:  vech. 

lOj  tegeliches]  1.  tegelichen.  11)  ir]  1.  er. 

12)  tageliches]  1.  tegelichen. 


136  G.    SCHMIDT 

in  daz  scliipli  zo  den  deinen  lochelin,^  so  ertrinken  doch  de  lute  nicht, 
ist  aber  daz  man  daz  nicht  uzschupphet,  so  werden  de  uudeu  oben 
hin  slahent.  —  der  ander  himelvase  ist,  bi  dem  man  dhe  vorsten 
erkennet  mit  got,  daz  ist  daz  se  nicht  alleine  an  guten  werken  sich  ^ 
ubent,  se  ubent  sich  euch  an  tugenden:  des  tun  dhisse  nicht, 
disse  ubent  sich  uicbt  wau  an  ouzeren  guten  werken,  se  wachent,  se 
vastent  uude  sogetane  dhinch,  aber  minne  unde  geduldicheit  unde 
demuticheit  dhes  achten  se  nicht,  unde  ist  doch  gescriben,  daz  der 
rechte  unde  der  gewisse  Ion,  der  in  himele  gegeben  wirt,  der  heyzt 
der  tugent  Ion.  unde  des  ist  ein  tröffe  bezere  den  disses  ein  vodher. 
wan  swaz  lones  gegebent^  wirth  umbe  uzer  arbeit,  daz  heiz  ^  wane 
ein  zogabe.  Paulus  sprichet:  „ich  han  mer  gearbeithet  dau  se  alle."  ^ 
nach  der  redhe  so  het  he*^  me  lones  den  so  alle,  nein,  he  hat  me 
zogabe.  hat  aber  ein  ander  me  tugent,  der  hat  euch  des  rechten  lones 
mer.  —  der  dritte  himelvase  den  de  himelvorsten  habent  mit  gotte, 
daz  ist,  ab  man  in  ein  amecht  beveleth,  des  plegent  se  gar  wol 
unde  ir  [5 "]  gebent  sich  im  daz  '^  nimber  alse  gar ,  si  haben  gelich 
heimlich  mit  gotte.  dhes  tun  dhisse  nicht,  entweder  se  vorsument 
daz  ammecht  oder  se  irgebent  sich  im  so  gar ,  daz  se  unses  heren  gar 
vorgezent  unde  danne  so  ist  der  tuvel  gevroweth.  inimici  (?)  nostri 
sicut  aranea^  etc.  der  tuvel  tuth  sam  de  spinne,  de  leget  ir 
arbeith  vil  daran,  daz  se  gewerke  ein  webe,  dar  se  de  vlegen  inne 
vahe.  unde  so  se  se  denne  gevech  (?) ,  so  izzet  se  weder  ^  hoy vet 
noch  voze  noch  nicht  dhes  an  ir ,  nicht  wan  ein  wenic  (?)  hat  se  under 
dem  herzen ,  das  suget  se  ir  uz ,  so  ist  se  tot.  also  tot  der  tuvel.  alle 
de  stricke,   de  her  uns  imber   gelegen  mach,    daz  ist  newan  darumbe, 

daz  her  uns  dhen von  dem  herzen  neme ,   daz   ist   du  andhacht, 

dhu  minne  unde  dhu  lebe,  dhe  we  zu  gotte  haben  sulen.  so  dhunket 
in  wi  her  wol  geseghich  ^°  habe  an  uns  unde  lezeth  uns  dhenne  wol 
uzer  arbeit  tun,  des  achteth  her  nicht,  unde  (?)  swen  wir  iz  dhurch 
unses  herren  lebe  nicht  ton,  unde  swaz  wir  dhenne  anders  ton,  daz 
ist  krauch.  —  de  vi  er  dhe  himelvase,  dhen  dhe  vorsten  mit  gotte 
habent,  daz  ist  daz  se  gar  demutich  sint  unde  gar  viP^  geleten 
unde  ir  zit  vlizechlichen  hüten,  unde  so  in  got  ie  mer  gnaden  tot, 
so  se  ie  mer  dhemuteger  sint.     unde   also   irwindet    se  nicht,    biz  daz 

1)  Hs. :  lochchelin.         2)  sicli  fehlt  in  der  hs.         3)  gegebent]  1.  gegeben. 
4)  heiz]  1.  heizt.         5)  Plus  ego  in  laboribus  pliirimis.     2.  Cor.  11,  23. 
6)  he  fehlt  in  der  hs.  7)  daz]  doch?         8)  Hs.  arrannea. 

9)  Hs. :  gevech  izzet  weder]  1.  gevehet,  se  izzet  weder. 
10)  geseghich]  1.    gcseghith.  11)  Hs. :  wil  geleten]  willecliche? 


HALBERSTÄDTER    BRl'CHST.       1.    PßEDlGTEN  137 

se  dhenne  geweilt^  dheii  gruul  dlu^-  demuticliheith.  duz  ist,  daz  se 
sich  aller  mensclicn  l);\z  ^  babeiit.  wau  unser  lierro  der  sprach:  als 
dhu  zo  dher  \virtscha|)lit  geladheii  wirdliest,  so  sezze  dicli  an  dhc  jun- 
gesteii  stat.''  lior  sprach  nicht:  sizze '•  bi  dem  jungosten.  licr  sprach: 
[6"]  sizzc  zo  dlunn  allerjimgesten.  sauctus  l^''ran(ciscus)  der  bette  sicli 
an  der  jungesten  stat,''  do  lier  siner  brnder  einem  irzeigeth  wart,  we 
hoch  her  in  dem  bimelriche  were.  dho  hortli  her  eine  stimme  spre- 
chen:'^  dhu  stat,  dhu  ere,  dhe  ist  dhes  dbemutigen  Franciscus.  nnde 
dhu  stat  unde  dhe  ere  dhe  was  so  hoch,  daz  her  iz  ni  menseben  torste 
sagen,  darnach  fragete  der  bruder  sanctum  Franciscum  wan  vor  ' 
her  sich  bette,  dho  antworte  her  ime:  vor  den  allerbosesten  men- 
schen, der  in  alder  werlt  ist.  do  sprach  her:  Francisco,**  daz  ist  unge- 
louphlich:  dhu  weist  wol,  daz  maniger  grozer  suuder  ist  den  dhu. 
dbo  antwortbe  her  im:  ich  weiz  wol,  bette  got  den  selben  sundereu 
also  groze  guadhe  gegeben  als  mir,  se  weren  viP  turer  dhen  ich. 
davon  waz^°  iz  nicht  ein  schimpbt,  daz  her  alle  creature  swester  hez 
unde  bruder.     wenne  her  ne  bette  sich  nicht  bolier  dhenne  ir  einiz. 

[4:.    Kleine  vor  gote  und  vollekomen.  ^  ^] 

[Luc.  7,  27.  28.  Hic  est,  de  quo  scriptum  est:  P]cce  mitto  ange- 
lum  raeum  ante  faciem  tuam,  qui  praeparabit  viam  tuam  ante  te. 
Dico  enim  vobis :  major  inter  natos  mulierum  propheta  Joanne  Baptista 
nemo  est;  qui  autem  minor  est  in  regno  dei  major  est  illo.  Vgl. 
Mal.  3,  1.     Matth.  11,  lo.     Marc.  1,  2.J 

Ecce  mitto  angelum  meum  etc.  Ez  sint  drierlege  geyst- 
liche  lutbe,  dhe  sint  cleyiie  vor  gotte.  —  de  ersten  sint,  de 
sich  wan  hutent  vor  tot  blichen  sundeu.  dhe  gereut  nicht  hoch 
werdben  in  dem  bimelriche.  sen  wollent  dher  se(len)  nicht  grozen 
scbadhen  ton  mith  dhen  sunden  unde  dem  libe  nicht  grozen  arbeyth, 
unde  tun  rechte  sam  ein  wirth,  dher  sich  uidber  legeth  in  dem  huse 
unde  gertb  nicht,  daz  der  koningh  werde  unde  darnach  zert  her  euch. 
swer  mer  \6^\  (der)  selben  einer  ^^  hober  brengetli  eines  vingeres  lanch, 
(db)en  bau  ich  vor  einen  guten  predeger.  —  dhe  andere  daz  sint, 
dhe  guten  willen  haut,  se  sint  aber  also  creftich  unde  also  mech- 
tich  nicht,    daz   se  dhe  wercb  volbringen  mögen,     von  den  spricht  der 

1)  gewent]  1.  gewinnent.  2)  baz]  1.  nider  baz. 

3)  sed  cum  vocatus  fueris,  vade,  recumbe  in  novissimo  loco.     Luc.  14,  10. 

4)  Hs.:  size.  5)  stat]  1.  stat  gesät.  6)  Hs.:  sprechhen. 

7)  wan  wor]  war  vor?     8)  Hs.:  Francisse,     i))  Hs. :  wil.     10)  Hs.:  dawan  wast. 

11)  Diese  predigt  scheint  für  ein  nonnenkloster  bestirnt  gewesen  zu  sein. 

12)  einer]  1.  einen. 


138  G.    SCHMIDT 

wissage:  „dhe  kiul  dbe  gereut,  daz  se  geboren  werdhen,  aber  de  vrowe 
hat  der  crefte  nicht ,  daz  se  iz  hervore  brenge."  ^  se  sint  als  dhe  her- 
best  boume,^  dhe  dha  plüjent  unde  dhoch  nicht  wochers  brengen.  se 
gedenken  in  dhanke  ^  also :  we  lange  wiltu  ein  lacherinne  sin  unde  ein 
clapherinne?  nim  dhich  an,  daz  du  gerne  bedhest  unde  gotte  gerne 
hemelich  sist  unde  dhine  dagezit  andhachtichlichen  sprechest,  also  ghe- 
denkent  se  ofthe,  daz  se  sich  wollen  bezzeren  unde  schudenz^  ot  uph 
von  tage  zo  tage,  in  dem  sumer  sint  dhe  nachte  zo  curz ,  in  dem 
wintere  zo  ^  langh.  nu'^  sich,  waz  dhich  allermeist  irret,  daz  ist  daz 
du  dir  nicht  ein  zil  vorsezzest.  daz  beste  zil ,  daz  imber  werdhen  mach, 
daz  ist  gottes  zil.  daz  ist  hint  das  dhin,  daz  ist  morgen  |daz  ist] 
aber  so  gut  nicht.  —  dhe  dritthen,  dhe  onch  deine  vor  gotte  sint, 
daz  sint  dhe  gute  werch  volbriugent:  se  tun  se  aber  wan  durch 
wppiger '^  als  dhe  megister  schapht.  heiz  dher  selben  einer  ^  spr(echen, 
ich  ne)  mach  sin  nicht  geton,  so  (sprich)eth  dhe  megesterschapht :  iz 
kometh  nimant  rechter  darzo  danne  du.  so  mach  hez  wol  getun.  o  we 
du  qirrender  wagen,  nu  [7*1  hat  man  dhich  gesalbet  mit  stinkendem 
unslethe.  uu  machtu  iz  wol  getun.  dhe  also  sint,  de  bliven  euch 
deine  vor  gotte.  —  dhe  geistliche,  de  da  ouch  vor  gotte  sint,^  de  dhe 
dru  dhinch  behalten,  dhe  machent  den  menschen  vollenkomen  hi 
an  dem  lebene  unde  dhort  an  dheme  lone.  daz  irste  ist,  daz  he  vor- 
smache  gar  dhe  werlt,  daz  her  haze,  dhaz  got  hazet,  daz  gelust- 
liche.  ez  mach  dher  mensche  ein  deine  dhinch  so  leph  haben,  daz  iz 
eme  groze  ere  beniniet ' "  in  dheme  himelrike.  also  geschach  einem 
ensedhele.  deme  wart  irzeigeth,  daz  sanctus  Gregorius  in  deme  hemel- 
riche  also  hoch  wäre  als  her.  do  in  dhes  dho  wunderthe,^^  daz  her 
in  so  grozen  eren  unde  in  so  grozem  richtum  im  gelich  solde  werdhen, 
do  wart  ime  geantworteth ,  im  were  mit  siner  kazzen  bas,  den  im  mit 
allen  sinen  eren.  nu  sech,  waz  der  arme  mit  siner  vorvlucheten  kaz- 
zen vorlos!  ^2  —  daz  andere,  daz  den  menschen  vollenkomen  macht, 
daz  ist  gedult,  swen  got  ober  dhich  vorhengeth  sichtum  unde  trup- 
nisse.  du  salt  ouch  geduldich  sin  gegen  deme  uvele,'^  swere^^  her 
doch  bekoret   dhich,    unde  af  her  dich  siech, ^^   als  her  tete  sanctum 

1)  4  Reg.  19,  'S:    Haec  dielt  Ezechias:    Dies   tribulationis   et  increpationis  et 
blasphemiae  dies  iste;  veiierunt  ölii  usyue  ad  partum,  et  vires  non  habet  parturiens. 

2)  Hs.:  boyuine.  3)  dhauke]  dankes?  4j  scliudeuz]  sclmbeiitz? 
5)  zo  fehlt  in  der  hs.           6)  Hs.:  uw.           7)  wppiger]  1.  üppig  ere. 

8)  einer]  1.  einen.         9)  ouch  vor  gotte  sintj  1.  hoch  vor  gote  sint,  daz  sint. 
10)  Hs. :  beninimet.  11)  Hs.:  wndorthe. 

12)  Die  legende  von  dem  cinsidel  und  der  katzen  ist  ausführlich  erzählt  im 
Alten  Passional,  hsg.  von  Köpke  (Quedlinburg  und  Leipzig  1852)  s.  204  fgg. 

13)  Hs.:  duvele.         14)  swere]  1.  swenno.  15)  slcchj  1.  siecht. 


HALBEKSTÄDTER   BEUCHST.       1.    I'REDIGTEN  139 

Franciscum  iinde  saucte  Martine ,  demu  lic  ^  einen  riph  abbrach,  du 
Salt  geduldich  gegen  dim  naesten  sin,  swen  her  dir  ninitli ,  daz  du 
hast,  swen  her  dir  dinen  leimten-  swechet.  iierre,  mich  liat  min 
swestei-  ubele  geliandeleth  einen  tach,  daz  han  ich  duldiclilichen  irle- 
dhen.  nu  l7''|  sprichet  unser  herre:  ich  wii  dich  ein  jar  des  vegevures 
abnemen.  se  hat  mich  zwene  tage  ubele  gehandelet,  nu  wil  ich  dir 
zwei  jar  des  vegetures  abnemen.  du  macht  also  duldich  sin,  daz  du 
nimber  in  nichein  vegefur  kummest.  —  daz  dritte  ist,  daz  den  men- 
schen vollenkomen  macliet,  daz  ist  de  minue,  wan  se  nach  dher  ober- 
sten minne  geseghen  ^  (?)  ist.  wiltu  nu  ein  recht  minnerinne  werdhen 
unde  wilt  got  mit  ganzen  truwen  minnen,  so  tri  diner  minne  als  man 
dem  wazzere  tut,  so  man  iz  teph  wil  machen  unde  hoch:  so  vorrumet 
man  im  also  de  wege,  da  iz  hin  mach  gevlezen.  also  tu  ouch  diner 
minne.  so  se  wolle  dha  zo  den  ougen  uz  schone  menschen  seu,  vor- 
lege ir  den  wech.  unde  so  se  wolle  zo  den  oren  uz  von  uppecheit 
hören,  so  vorrin  ir  den  wech.  unde  so  se  wolle  zo  dem  munde  uz 
uppechlichen  kosen,  vorrin  ir  den  wech.  laz  du  de  minne  ninder  nei- 
gen^ uph  irdesche  dinch,  so  wirt  se  sich  über  sich  zu  gotte  richtende 
unde  wirt  ein  geist  mit  gotte.  unde  swa  dher  menschen  einer  ist,  der 
habet  ein  ganzez  laut  uph  mit  sime  gebeten  unde  dher  selben  einer 
dher  ist  gotte  leber  den  pfumhundert  ander,  dhe  doch  gotte  alle 
let  sint. 

5.     eebet. ' 
[8"]  Maria  moter  ghegrotzist  sistu. 

der  werlde  hopene  bist  du. 

du  bist  milde  unde  sagtes  modes. 

ghenade  vol  ^  unde  alles  gudes. 

ghegrozet  "^  sist  du  moter  Cristes. 

van  mannes  liulfe  du  nicht  ene  westest. 

du  Würdest  moter  maghet  reyue. 

dhe  werdichheyt  hast  du  alleyne. 

dhe  wart  datz  span  van  w[u]nderen  wis. 

boven  allen  vrowen  hastu  dhes  pris. 

du  bist  dher  engele  eyn  bederinne. 

dher  sundher  ghar  eyn  trosterinne. 

trestennich  *  bin  vorladhen. 

1)  he  fehlt  in  der  iis.  2)  leimten  =  liumiint,  ruf. 

3)  geseghen]  geueghen '?  4)  Hs.  naigen. 

5)  Die  verse    sind    in  der    hs.    nicht  abgesezt,    aber   jedesmal    durch    einen 
punkt  am  versende  keutlich  gemacht.  6)  Hs. :  wol.  7)  Hs. :  ghegrotzes. 

8)  trestennich]  1.  tröste  mich  ich. 


140 


G.    SCHMIDT 


mid  simdhen  dhes  siu  ^  ich  genadhen. 
ich  bidde  dhich  innichlicheu  sere. 
ghif  dem  viende  nicht  dhin  ere. 
god  Dam  tho  eyuer  moter  dhi. 
dat  we  van  eme  wordheu  vri. 
Word  ich  danne  sin  gimipilspil. 
so  crege  he  diner  ereu  vil. 
untsculdeghe  mich  bi  dhime  kinde. 
uf  dhas  ich  ghenaden  vinde. 
siuen  torn  ich  sere  und  ^  vorgte. 
sine  grimichgheyt  ich  sere  besuchte.^ 
want  ich  have  ghesundeghit  ein  '^  al  eyne 
dhes  guthen  ghethan  so  rechte  cleyne. 
wes  me  nich  [8 '']  •'' 

II. 
KÄTECHISMUSSTÜCKE   UND    SEGEN. 

Katechismnsstücke.  ^ 

Diese  katechismusstücke  stehen  in  der  hs.  nr.  125,  welche  latei- 
nische gegen  ende  des  14.  Jahrhunderts  geschriebene  predigten  de  tem- 
pore enthält,  und  zwar  auf  der  rückseite  des  ersten  blattes  der  pre- 
digten. 

iiij  rufend  sunde  : ' 

mort  ader  vorgysunge  des  blutes  —  dy  slimme  sunde  weder  die 
nature  —  irwurge  ader  dersteckuuge  der  kindyr  —  vorgehalden  Ion 
mit  gewalt  adir  mit  unwyllin. 

Ij  sin]  d.  i.  sinne.  2)  und  ist  zu  streichen.  3)  besuchte]  besorge? 

4)  ein  ist  zu  streichen.  5)  Die  rückseite  des  6.  blattes  ist  unleserlich. 

6)  Diese  katechismusstücke  bilden  noch  gegenwärtig  bestandteile  des  officiel- 
len  katholischen  katechisnius.  Zur  vergleichung  füge  ich  in  den  anmerkungen  die- 
jenige fassung  hinzu,  nach  welcher  sie  jezt  in  den  katholischen  deutschen  schulen 
gelehrt  werden,  aus  ,,  Katholischer  Katechismus  mit  einem  Abrisse  der  Religions- 
geschichte für  die  Volksschulen  von  J.  Deharbe,  S.  J.  No.  2.  Mit  Approbation 
aller  Hochwürdigsten  HH.  Erzbischöfe  und  Bischüfe  d.  Königreiches  Bayern.  Regens- 
burg, Pustet.  1862.     Braunsberg,  bei  J.  R.  Huge."  J.  Z. 

7)  Vgl.  die  VI.  predigt  bnioder  Bertholds  in  Pfeitfers  ausgäbe,  s.  79  —  93. 
,,Von  ruofendcn  Sünden."  —  Welches  sind  die  himmelschreienden  Sünden?  -  Fol- 
gende vier:  1)  der  vorsätzliche  totschlag,  2)  die  sodomitischo  sünde,  3)  die  Unter- 
drückung der  armen ,  wittwen  und  walsen ,  4)  die  vorenthaltung  oder  entziehung 
des  tag-  oder  arbeitslohnes.     Deharbe  s.  106. 


f 

IIAI.BERSTÄDTER    BRUCHST.       II.    KATF.CHISM.  141 

V  synne: 
seh(u)  —  lioern  —  riehen  —  smpeken  —  viilen.* 

vj  werg  der  l)aruiliorzike(i)t:  ^ 

die    iiackttMi    cleiden   —    die   linngiro-en   spyseii   —    die   durstigen 

trenken   —   die   vremden  herbergen    —   die  kranken  besuchen    —    die 

toden  begraben. 

vj  geistliche   werg:-^ 

straffen  umme  untad  —  vorgeben  unrecht  leyt  —  leren  die 
tummen  trösten  den  betriibeten  —  rat  geben  den  unwyßeu  —  meth^deu 
haben  mit  den  geleidigeten. 

vj  sundeu   in    den   h(e)iligen   geist:* 
vorzwytilunge  ader  vorzaguuge    —    vorlaßen  uf  gotes  barmherzi- 
ke(i)t  —  auefechtunge  der  irkanten  warheit  —    nyt  ane  sache  —  vor- 
stogheit  des  herzen  —  unwille  zu  lassen  die  sunde. 

vij   totliche    sunde:  ^ 
hochfart  ~  gierheit  —  unküscheit  —  zorn    -  nyt  —  vreßikeyt  — 
tragheyt  zu  gotes  dinste. 

vij  hilekeit :  ^ 
ehe  —  pristerschaft  —  taute    —   firmunge  —   gotes  lichnam  — 
olunge  —  bichte. 

1)  vulen]  hs.:  grifen  viilen.  Der  schreibet  hat  zwei  synonjnne  ausdrücke 
gebraucht,  über  welche  zu  vergleichen  J.  Grimm  in  Haupts  ztschr.  f.  d.  a.  (1848)  6,  7. 

2)  Welches  sind  die  leihlichen  werke  der  barmherzigkeit?  —  Die  leiblichen 
werke  der  barmherzigkeit  sind  folgende  sieben:  1)  die  hungrigen  speisen,  2)  die 
durstigen  tränken ,  3)  die  nackten  kleiden ,  4)  die  fremden  beherbergen ,  5)  die 
gefangenen  erlösen ,  5)  die  kranken  besuchen ,  7)  die  toten  begraben.    Deharbe  s.  79. 

3)  Welches  sind  die  geistlichen  werke  der  barmherzigkeit?  —  Die  geist- 
lichen   werke   der  barmherzigkeit  sind    diese   sieben:    1)  die  sünder    zurechtweisen, 

2)  die  unwissenden  lehren,  3)  den  zweifelnden  recht  raten,  4)  die  betrübten  trösten, 
5)  das  mirecht  geduldig  leiden,  6)  denen,  die  uns  beleidigen,  gern  verzeihen,  7)  für 
die  lebendigen  und  die  toten  gott  bitten.     Deharbe  s.  79. 

4)  Welches  sind  die  sechs  sünden  wider  den  heiligen  geist?  —  1)  vermes- 
sentlich  auf  gottes   barmherzigkeit  sündigen,    2)  an  der  gnade  gottes   verzweifeln, 

3)  der  erkanten  christlichen  Wahrheit  widerstreben  ,  4)  seinen  nächsten  um  der  gött- 
lichen gnade  willen  beneiden,  5)  gegen  heilsame  ermahnungen  ein  verstocktes  herz 
haben,  6)  in  der  unbussfertigkeit  vorsätzlich  verharren.     Deharbe  s.  105. 

ö)  Welches  sind  die  sieben  hauptsünden?  —  1)  hoffart ,  2)  geiz,  3)  unkeusch- 
heit,  4)  neid ,  5)  unmässigkeit  im  essen  und  trinken ,  6)  zorn,  7)  trägheit.  Deharbe 
s.  104. 

6)  Wie  viele  Sakramente  hat  Christus  eingesezt?  —  Diese  sieben:  1)  die 
taufe,  2)  die  firmung,  3)  das  heiligste  Sakrament  des  altars  ,  4)  die  busse,  5)  die 
lezte  Ölung,  6)  die  prie.sterweihe ,  7)  die  ehe.     Dehai'be  s.  IIG. 


142  G.    SCHMIDT 

vij   gaben   des  hyligen  gej^stes:^ 

wysheyt  —  vorniiiift  —  rat  —  sterke  —  kunst  —  gutekeyt  — 
vorclite. 

vij    togunt:^ 

geloybe  -  ~  lioffftiiunge  —  lybe  —  gerechtikeyt  —  vovsichtikeyt  — 
meßykeit         beizmutekeit. 

viij   selikeyt:^ 

gutekeyt  —  gerechtikeyt  —  vrede  —  armnt  —  gedolt  —  barm- 
herzikeyt  —  reynikeyt  des  herzen  —  weynen. 

ix  vremde   sunde:' 

heyßen  übel  tun  —  rat  geben  zu  bosheyt  —  gehorchunge  ader 
gestatunge  der  sunden  —  loben  ader  sterken  uf  bosheyt  —  husen  wis- 
sentlichen ubelteter  —  koufen  geroubet  ader  ge:stolen  gut  —  nicht 
strafen  ader  sturen  sunde ,  den  is  gebui't  —  nicht  hindern  ader  wedern 
sunde,  wo  man  mochte,  sundern  sunde  daz  man  de  heelt  und  vorlien- 
get  —  nicht  rügen  daste  rugebar  ist. 

1)  Welches  sind  insbesondere  die  gaben  des  heil,  geistes?  —  Diese  sieben: 
die  gäbe  1)  der  Weisheit,  2)  des  Verstandes,  3)  des  ratos ,  4)  der  stärke,  5)  der 
Wissenschaft,  6)  der  frönimigkeit ,  7)  der  furcht  gottes.     Deharbe  s.  64. 

2)  Wie  vielerlei  christliche  tagenden  gibt  es?  —  Zweierlei:  die  göttlichen 
und  die  sittlichen  tagenden.  —  Welches  sind  die  göttlichen  tugenden  ?  —  Die  gött- 
lichen tilgenden  sind:  glaube,  hoffnung  und  liebe.  —  Welches  sind  unter  den  sitt- 
lichen tugenden  die  vier  gruud  -  oder  haupttngenden ,  welche  die  übrigen  in  sich 
schliessen?  —  1)  klngheit,  2)  gerechtigkeit ,  3)  mässigkeit,  4)  starkniut.  Deharbe 
s.  107. 

3)  Wie  lauten  die  acht  Seligkeiten? 

1)  ,,  Selig  sind  die  armen  im  geiste :  denn  ihrer  ist  das  himmelreich. 

2)  Selig  sind  die  sanftmütigen;  denn  sie  werden  das  erdreich  besitzen. 

3)  Selig  sind  die  trauernden ;  denn  sie  werden  getrilstet  werden. 

4)  Selig  sind,  die  hunger  und  durst  haben  nach  der  gerechtigkeit;  denn  sie  wer- 
den gesättiget  werden. 

5)  Selig  sind  die  barmherzigen;  denn  sie  werden  baruüierzigkcit  erlangen. 
G)  Selig  sind,  die  ein  reines  herz  haben;  denn  sie  werden  gott  anschauen. 

7)  Selig  sind  die  friedfertigen;  denn  sie  werden  kinder  gottes  genant  werden. 

8)  Selig  sind,   die  Verfolgung  leiden  um  der  gerechtigkeit  willen:    denn  ihrer  ist 
das  himmelreich.''     Deharbe  s.  109  fg. 

4)  Welches  sind  die  fremden  Sünden?  —  Folgende  neun:  1)  zur  sünde  raten; 
2)  andere  sündigen  heissen:  3)  in  anderer  sünde  einwilligen;  4)  andere  zur  sünde 
reizen;  5)  ihre  sünde  loben:  G)  zur  sünde  stillschweigen;  7)  die  sünde  nicht  stra- 
fen ;  8)  zur  Sünde  helfen ;  9)  anderer  sünde  verteidigen.     Deharbe  s.  106. 


HALBEßSTADTER    BRÜCKST.       II.    KATECIUSM.  143 

X  gebot: ^ 
gloyben  den  cyiuMi  got,  den  gloyben  bewyssen  mit  den  werken  — 
nicht   swern   eyde    /u   unrechte   nocli   ture   swern  —  vieru  den  snntag 
und    ander   heylige   tage   —    ern    vater   und    muter   am  leben  und  am 
tode  —  nymande  toten  lyplicb  ader   geystlichen  niclit  stelen   noch 

rayben    —  nicht   brechen    die  e    —   nicht   unrecht   gezugnis   füren   — 
nicht  begeru  eyns  andern  wyb  ader  mau  —  nicht  begern  fremder  guter. 

Segen. 

In  der  beschreibung  der  handschriften  no.  1  — 100  der  gymnasial- 
bibliothek  zu  Halberstadt  von  director  dr.  G.  Schmidt  (Oster  -  programm 
1878.  4*^)  ist  auf  s.  16.  17  auch  der  Inhalt  der  hs.  no.  22,  einer  papier- 
handschrift  des  14.  Jahrhunderts  in  folio ,  welche  collegienhefte  von 
Montpellier  und  coUectaneen  eines  mediciners  enthält,  im  einzelneu 
verzeichnet.  Eingelegt  ist  in  diese  haudschrift  ein  computus,  5  bl. 
perg.  4"  aus  dem  14.  jahrh.,  und  eine  schrift  de  chiromantia,  Chi.  4*^ 
aus  dem  15.  jahrh.  Auf  der  lezten  seite  dieses  schriftchens  steht  von 
eiuer  ganz  ungeübten  band  des  15.  Jahrhunderts  der  hier  folgende  segen. 

West  willekome,   liber  suutages   here,^  ich    sende   dich  us^  czu 

1)  Wie  heissen  diese  zehn  geböte? 

1)  Du  sollst  an  Einen  gott  glauben. 

2)  Du  sollst  den  namen  gottes  nicht  eitel  nennen. 

3)  Du  sollst  den  sabbath  (tag  des  herrn)  heiligen. 

4)  Du  sollst  vater  und  muttor  ehren. 

5)  Du  sollst  nicht  töten. 

6)  Du  sollst  nicht  unkeuscliheit  treiben. 

7)  Du  sollst  nicht  stehlen. 

8)  Du  sollst  nicht  falsches  zeugniss  geben. 

9)  Du  sollst  niclit  begehren  deines  nächsten  hausfraii. 

10)  Du  sollst  nicht  begehren  deines  nächsten  gut.     Deharbe  s.  80.  81. 

2)  Gemeint  ist  wohl:  Wis  willekomen ,  lieber  suntac  here!  —  Aus  einer 
S.  Blasischen  hs.  zu  Karlsruhe,  welche  ein  arzneibuch  des  Wundarztes  Caspar  Vischer 
zu  Kränkingen  bei  Bonndorf  vom  jaiire  1617  enthält,  teilt  Mone  in  seinem  Anzei- 
ger für  künde  der  deutschen  vorzeit,  Karlsruhe  1837.  G,  459  einen  segen  mit  „den 
kindern  für  den  Ettikhen,"  d.  i.  gegen  schwindsucht,  oder  abzehrung,  oder  hektik 
der  kinder  (vgl.  Schmeller,  bair.  wb.-  1,  174),  welcher  lautet: 

Grüess  dich  gott  du  heilliger  sontag, 

ich  sich  dich  dort  her  komen  reiten, 

jetzunder  stand  ich  da  mit  meinem  kindt, 

und  thuo  dich  bitten, 

du  wollest  ihm  uemen  sein  gaist  (?) 

und  wollest  ihm  wider  geben  bluott  und  flaisch. 
Über  persouification  des  sontages,   und  des  tages  überhaupt  vgl.  J.  Grimm,    niyth. 
4.  ausg.  bes.  von  H.  E.  Meyer.     Berl.  1876.    2,  615.    3,  216;    über    die  christliche 


144  G.    SCHMIDT 

eym^  boden  czu  dem  aldermechte(cli)sten  gode,  das  er^  mich  behude  unde 
bewarde,  das  mich  neyu  hünt  bite  mide  das  mich  iieyn  wolf^  eyurite* 
unde  das  mich  neyn  w[o]rm  eynstichedt  vude  das  mich  neyn  wappen 
scahde,  das-''  hy  ^  gesmedet  wart  sin  der  cyt,  das  der  heiige'  krist 
geboren^  wart,  unde  das  mich  neyn  herren  torn  ho  bergen '^  (!)  unde 
das  mich  neyn  zoberin  ^"  gescade.  in  dem  namen  des  vaders/^  des 
sones/^  des  heiigen  *^  gest.  amen. 

III. 

GEVATTEE   TOD.  i* 

Hugo  von  Trimberg-,  der  Renner.    Bsunberg^  1S33.   v.  23666— 23795. »^ 

Ad  scr.  lat.  rec.  II  2''  109,  papier,  klein  quart,  geschrieben  um 
1520  —  .30  von  der  band   des  domherren  dr.  Udalrich  Kirsberger  (vgl. 

bedeutung  des  sontages  vgl.  Müllenlioff  u.  Scherer,  Denkmäler  deutscher  poesie  und 
l)rosa  aus  dem  VIII.  —  XII.  jahrh.  2.  a.  Berl.  1873.  Anmerkungen  zu  nr.  XXXI. 
s.  372  fg.  Über  die  bedeutung  des  snntages  in  der  volksiiberlicferung  und  dem 
aberglauben  vgl.  Ad.  Wuttke ,  der  deutsche  Volksaberglaube  der  gegenwart.  2.  bearb. 
Berlin  1869.     §  66  s.  56  fg. 

3)  Hs.:  hus.        1)  Hs.:  eyn.        2)  er]  fehlt  in  der  hs.         3)  Hs.:  wolft. 

4)  Geraeint   ist  wol  enrize,  zerfleische.     Vgl.  Passional  cd.  Köpke   (Quedlbg. 

Lpz.  1852)  163,  28  fgg. 

da  solden  in  vil  schiere 

sine  wilden  tiere 

von  allen  kreften  bizen 

und  nach  ir  willen  rizen. 

5)  das]  hs. :  unde  das.  6)  hy]  1.  ie.  7)  lielige]  hs.:  helic. 

8)  geboren]  hs. :  geborgen. 

9)  hecse  torre  zoberen?  Für  die  constrnction  von  zoubern  mit  dem  acc. 
der  person,  in  der  bedeutung  „bezaubern,"  vgl.  Hugo  von  Trimberg,  Renner  (Bam- 
berg. 1833)  V.  16722  fgg. 

So  kumt  aber  einer  und  siht  hinein, 
der  suchet  ein  zauberbrieflein, 
mit  dem  er  frauwen  zaubern  wil, 
die  mere  in  zaubern,  denne  ze  vil, 
wenne  er  ir  tore  ist  und  ir  gief 
ane  zauberwurtz  und  ane  brief. 

10)  Hs. :  scoberin.       11)  Hs.:  waderst.       12)  Hs. :  sonsen.       13)  Hs.:  helic. 
14)   Über   die    auffassung   des   todes    als   eines  gevatters  hat   im  algemeinen 

gehandelt  J.  Grimm  in  seiner  Deutschen  mythologie,  4.  ausg.,  besorgt,  von  H.  E.  Meyer. 
Berlin  1876.  78.  2,  711  fg.  und  3,  256.  —  Es  war  diese  Vorstellung  in  Deutsch- 
land namentlich  in  zwei  märchenhaften  fassungen  verbreitet.  Nach  der  reicheren 
und  phantasievolleren  begabt  der  tod  seinen  pathen.  Er  macht  ihn  zu  einem  arzte, 
bezeichnet  ihm  ein  heilkraut,  und  verspriclit  ihm,  bei  jedem  kranken  ihm  derart 
zu  erscheinen ,  dass  er  zu  den  füssen  des  kranken  stehend  dessen  mögliche  genesung, 


HALBERSTÄDTER  BRUCHST.   IIT.  GEVATTER  TOD  145 

G.  Schmidt,  Die  liandschriften  der  gymnasialbibliotliek ,  im  Halberstäd- 
ter osteri)rogramme,  1S78.  s.  1).  Im  hier  folgenden  abdrucke  ist  die 
Orthographie  etwas  vereinfacht. 

[bl.  l]   Wy    der   tot   eynem    armen    manne   seyn    kint    hübe    aus 

der   taufe. 

Nu  boret  ein  gleichnus  furwar. 

ein  frauwe  eines  nacbtes  eyn  kint  gebar, 

das  wart  getauft,    mi  bet  der  man 

eynen  gast  behalden,  den  ryeft  er  an, 
5  das  er  des  kindes  tote  wurde 

und  liulfe  ome  von  der  sorgen  bürde. 

das  tet  der  gast,     do  das  geschach, 

der  wyrt  zu  seynem  gefattern  sprach : 

„Gefatter,  saget  myr,  wer  seyt  ir, 
10  „das  ich  euch  alle  zeit  vor  myr 

,,bas  dan  ander  leut  erkenne, 

„wan  ich  euch  vor  myr  höre  nenne." 

er  sprach:    „gefatter,  ich  bin  der  tot- 

„der  manche  angst  und  noet 
15  „in  der  werlde  hat  gemachet 

,,und  noch  mauge  tag  und  nacht." 

ilagegen  zu  liäupten  desselben  stehend  die  unm()glichkeit  einer  solchen  ihm  anzei- 
gen werde.  In  folge  dessen  wird  der  pathe  ein  vielbcgehrter  und  reicher  arzt,  der 
aher  schliesslich  einmal  dem  gevatter  tode  mit  erfolg  entgegenhandelt,  indem  er 
die  läge  des  kranken  königs  im  bette  umkehrt,  jedoch  bei  einem  zweiten  eben- 
solchen versuche  mit  des  königs  tochter  selber  sein  leben  einbüsst.  Über  diese  fas- 
suug.  die  in  nr.  44  der  Kinder-  und  Hausmärchen  der  brüder  Grimm  die  volste 
und  schönste  aushilduug  und  abrunduug  erhalten  hat,  und  über  ihr  anderweites 
vorkommen  vgl.  die  Anmerkungen  zu  den  Kinder-  und  Hausmärchen.  3.  aufl.  Gut- 
tingen  1856  3,  69  —  71.  —  Nach  der  anderen,  dürftigeren  und  minder  phautasie- 
voll  gestalteten  fassung  verspricht  der  tod  dem  vater  des  täufiings,  dass  er  ihm 
zuvor  anmeldende  boten  senden  wolle,  ehe  er  selbst  komme  ihn  abzuholen.  Die 
hier  im  Renner  vorliegende  erzählung  scheint  das  älteste  bis  jezt  bekante  vorkom- 
men dieser  gestaltung  zu  sein.  Eine  andere ,  dem  Regenboge  zugeschriebene  behaud- 
lung  derselben  findet  sich  in  der  Colniarer  liederhandschrift  bl.  293''  (vgl.  Meister- 
lieder der  Kolmarer  handschrift  herausg.  von  K.  Bartsch.  Stuttg.  1862  s.  32),  und 
ist  aus  derselben  widerholt  gedruckt  worden,  zulezt  in:  Minnesinger,  von  P.  H. 
v.  d.  Hagen.  Lpz.  1838.  3,  345.  Über  anderweites  vorkommen  dieser  gestaltung 
ist  auskunft  gegeben  in  den  Anmerkungen  zu  den  Kinder-  und  Hausmärchen  der 
brüder  Grimm,  unter  nr.  177  ,,die  boten  des  todes"  3,  249.  J.  Z. 

15)  Die  erheblicheren  abweichuugen  des  Bamberger  druckes  (B.)  liabe  ich  in 
den  anmerkungen  hinzugefügt.  J.  Z. 

1.  B:  niht  für  war  3.  B:  ir  man  9.  B:  wer  ist  seit  It).  B:  euch 

fürbaz  alle  zeit         13.  B:  binz         16.  B:  un  noch  machet 

ZEITSCHB.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.    ED.  XII.  10 


146  G.    SCHMIDT 

„Eya,"  er  sprach,  „liebe  gevatter  meyn, 
[bl.  1"]  „  so  sullet  ir  myr  gnedich  syn 

„und  last  mich  lange  auf  erden  leben." 
20  „des  wyl  ich  euch  meyne  truwe  geben," 

sprach  er,  here  liber  gefatter  mein, 

„das  ich  euch  mannich  botelein 

„  vor  wolle  senden ,  er  dan  ich  kome, 

„dovon  syt  erber  und  auch  frume." 
25  Mit  der  rede  er  hin  dannen  fuer. 

der  man  lebete  sint  bis  mannig  jar 

in  dem  lande  wart  abgesnitten: 

da  wart  er  sich  nach  seynen  sitten. 

da  kam  der  tot  und  stunt  für  im 
30  und  sprach :  „  Gefatter ,  ich  bin 

„her  komen,  das  ir  mit  myr  fart." 

er  sprach:  „Wee,  wie  habet  ir  euch  bewart 

„und  ewr  truwe,  de  ir  teten  myr!" 

er  sprach:  „Gevatter,  wysset  ir, 
35  „  das  eynes  euch  in  die  syten  stach, 

„da  ir  sprächet:  we  myr,  ach, 

„we  myr,  was  soll  das  sein! 
[bl.  2  *]  „  sehet ,  das  was  mein  botelein. 

„da  euch  die  oren  begunden  zu  dyeßen 
40  „und  die  äugen  überfließen 

„und  gegen  der  sunnen  tunkel  sein, 

„da  sante  ich  euch  zwey  botelein. 

„da  euch  die  zene  teten  we 

„und  euch  der  huste  mer  zwung  dan  e 
45  „unde  swinde  mote  euch  wonte  bey, 

„  da  saute  ich  euch  boten  drey. 

„  da  euch  die  bene  wurden  swellen 

„und  sich  runfen  wart  das  feile, 

„und   do  euch  die  stymme  heißer  wart, 

17.  B:  er  sprach  fehlt,     lieber  21.  erl  fehlt  hs.  B:  vil  lieb  gevater 

22.  B:  ich  vil  manic  23.  B:  ev  vor  wil  senden  24.  B:  seit  frölich  vil  25.  B:  er 
von  im  für  26.  B :  lebt  seit  biz  manic  flur  29.  B :  da  fehlt.  30.  B :  gevater 
Vfol  dan  ich  bin  32.  B:  er  sprach  fehlt.  ir  den  bevfart  33.  B:  eur  gelubde 
daz  ir  tatet  mir  35.  B :  do  ein  sevche  evch  36.  B :  vil  do  ir  sp  cht  auwe  mir 
ach  37.  B :  we  mir  we  waz  sol  ditz  sein  39.  B :  do  ev  zu  fehlt.  40.  B : 
äugen  begonden  fliezzen  45.  B:  vnd  swinde  gemvte  46.  B:  do  47.  B:  do 
ev  die  bein  niht  waren  snel  48.  B:  vn  do  sich  rimpfent  wart  daz  vel  49.  B: 
die  stimme  evch      hs. ;  war 


HALBERSTÄDTEß  BBOCHST.   III.  GEVATTEK  TOD  147 

50  „  fla  euch  grawende  wart  dor  bart, 

„  da  sante  ich  euch  vier  botelein. 

„gefatter,  ich  hau  die  treuwe  nie}!! 

„gar  wol  au  euch  behaldeu. 

„bist  got  der  sele  fürbaß  waldeu 
55  „uud  scheydet  euch  von  dyssem  leybe: 

„ir  moget  leuger  hy  nicht  bleybeu." 

also  starb  der  gute  man. 

[bl.  2"]  wer  dysses  beyspyl  gemerken  kau, 

der  besser  sich  und  se  sich  für, 
60  er  danne  der  tot  kome  zu  der  tür. 

der  sytenstich  manet  uns  alle, 

das  wyr  lassen  von  dem  schalle, 

den  wyr  haben  in  der  jugent, 

und  uns  lassen  an  sanfte  tugent. 
65  und  tuet  die  äugen  fließen, 

das  wyr  von  herzengrunt  sollen  gießen 

lehere  umme  unser  missetat, 

das  der  sele  werde  gut  rat. 

das  oren  klingen  bringt  uns  her 
70  schalmeyer  swegler  und  busaumer, 

die  des  todes  kraft  auch  künden 

uns  allen  die  auf  erden  sunden. 

auch  mag  das  klingen  vor  den  oren 

kummen  vor  das  herhören, 
75  mit  dem  die  sele  erwecket  werden: 

der  leip  nun  faul  ist  in  der  erden. 

davon  hat  sanctus  Hieronimus 

an  eyner  stad  geschribeu  alsus: 

„Ich  esse,  ich  trinke,  ich  sitze,  ich  ste, 
[bl.  3*]  80  ich  slafe ,  ich  wache ,  ich  reyt ,  ich  ge, 

so  dunket  mich  alles  die  stymme 

50.  B:  vn  do  ev       hs.:  de  bart  53.  B:  vil  wol  54.  B:    fürbaß  fehlt. 

56.    B:    ich   enlazze   evch    langer    niht  hie    bleibe  58.    B:    Swer  ditz    bispel 

59.  hs. :  foer        63.  h.  denne       B:  beten         64.  B:  rihten  an  senfte        65.  B:  vns 
raant  daz  äuge  vberfliezzen  66.  B:  von  hertze  grvnde  giezzen  67.  B:  zeher 

umb  68.  B:  gut  fehlt.  69.  B:  oren  diezzen  70.  B:  schalmeier     svmerer 

swegler  71.  B:   todes  kvnft  73.    B:   auch  machet  daz  diezze  von  de  oren 

74.  B:   vns  kündet  vor  daz  schelle  hörn  75.  B:   die   toten    erwecket   werden 

76.   B:  leibet  nu  faulet  78.  hs.:  also  79.  B:  ich  ezze  trinke  sizze  ich  ste 

80.  B:  reite  od'  ge         81.  B:  allez  daz  die  stimme. 

10* 


148  G.    SCHMIDT 

durch  meyne  oren  schalle  myt  grymme: 

stet  auf,  ir  toten  suUet  geben 

dem  richter  antwort  umb  eiir  leben." 
85  Nach  den  oren  manen  uns  die  zene 

uns  allen,  das  wyr  uns  entwenen 

der  koste,  die  unmessig  ist, 

der  wyr  gewonet  haben  lange  frist. 

der  huste  manet  uns,  das  wyr  beichten 
90  und  unser  sele  von  sunden  leichten, 

das  sie  der  ewygen  pyne  entrinne, 

er  denne  das  uns  der  atem  zAirynne. 

die  sweren  pein  heyßen  uns  gedenken, 

das  wyr  gegen  die  erden  sinken, 
95  von  der  wyr  alle  komen  sein 

und  müssen  alle  komen  darein. 

uns  manen  die  runzelen  und  graue  bar, 

wie  wyr  vorzeret  haben  unse  jar. 

welch  bäum  wyl  dorren,  der  hebet  an 
100  in  dem  gypfel  und  darnach  san 

beginnet  sich  runften  die  rinden, 
[bl.  S**]  und  darnach  schir  beginnet  er  swinden 

an  kreften,  an  fruchten,  von  tag  zu  tag. 

des  selben  mögen  wyr  von  uns  wol  sagen. 
105  nach  langem  leben  alle  werlt  strebet : 

hette  Adam  bisher  gelebet, 

das  were  gegen  die  ewigkeit 

nicht  eines  zwerchen  halmes  breyt. 

wan  ich  nicht  mer  geleben  mag, 
110  so  gebe  ich  gerne  umme  eynen  tag 

die  werlt  alle  und  were  sie  meyn. 

got  here,  laß  dyr  geclaget  sein, 

das  ich  der  tage  so  manchen  han 

vorloren,  das  ich  noch  nicht  enkan 

83.  ir  toten]  B :  tote  ir  84.  B :  vmb  ditz  leben  85.  B :  mant  auch  die 
zen  86.  B:  vns  alle  daz  wir  suln  entwen  90.  B:  vn  die  sele  91.  lis.:  ent- 
rinen  92.  B:  e  dafi  des  atems  vns  zeriune  93.  B:  die  trege  bein  hs.:  geden- 
ken ein  94.  B:  daz  wir  vns  gen  d'  erden  senken  95.  B:  wir  bekomen  sin 
96.  B:  vn  mvzzen  ab'  widor  drin  100.  B:  wipfel  101.  B:  beginnet  rimpfen 
sich  bs.:  beginen  .  .  de  102.  B:  vn  gar  schier  103.  B:  daz  selbe  mvge  wir 
vö  vns  clage  104.  B:  vn  auch  aller  d'  werlde  sagen  105.  B:  nach  lank  leibe 
alle  die  w'lde  strebt  106.  B:  vn  liet  adam  107.  B:  gen  d'  109.  hs.:  wan 
ick     B:  swen  ich  nimmer      111.  B:  und  fehlt.      114.  B:  verlorn  vn  daz  ich  niht  kan 


HALBEBSTÄDTEK   BEUCHST.      IV.   MEDICINISCHES  149 

115  in  meyner  alten  zeit  mein  leben 

nach  deynem  wyllen  gerichten  eben. 

das  machet  böse  gewonheit 

und  mein  laßheit.    wer  myr  das  leit, 

so  hulfestu  myr,  das  weyß  ich  wol, 
120  davon  ich  billiche  peyne  dol. 

wurde  ich  also  gesunden, 

here,  durch  deyne  heylige  wunden, 
[bl.  4*]  die  du  durch  uns  hast  erlitten, 

beschyrme  uns  vor  der  helle  toten. 
125  auwe  der  herten  rechnunge, 

die  leyder  der  alte  und  der  junge 

haben  muß,  er  danne  myt  leyde 

die  sele  sich  danne  von  dem  leybe  scheyde, 

bey  dem  ich  bleybe  kurze  frist 
130  gegen  dem,  das  immer  und  ewig  ist. 

116.  B:  rihten  120.  ß:  billicli  pein  121.  B:  wirde  ich  alsus  fanden 

123.  B:  hast  durch  uns  124.  B:  den  helle  smiden  126.  B:  die  beide  d'  alte 
un  auch  d'  iunge  128.  B:  danne  fehlt.  129.  B:  bei  dem  sie  beliben  ist  kvrtze 
frist        130.  B:  gen  den  daz  immer  ewic  ist. 

IV. 

MEDICINISCHES. 


Aus  der  papierhandschrift  nr.  125,  welche  von  einer  band  des 
14.  Jahrhunderts  lateinische  predigten  de  tempore  enthält,  deren  regi- 
ster  auf  der  rückseite  des  ersten  blattes  begint.  Auf  die  Vorderseite 
dieses  ersten  blattes  hat  darnach  eine  band  des  15.  Jahrhunderts  die 
hier  folgenden  medicinischen  aufzeichnungeu  geschrieben. 

Welcher  frauwen  dy  zizen^  sweren,  dy  sal  nemen  hasensmalz 
und  smeren  dy  darmete. 

item:  weddir  dy  hareworme,  nym  gerstinstrow ,  berne  daz  zu 
asche ,  vege  daz  darmete. 

item  aliud:  nym  bomole  und  alt  smer  glich  vele,  und  smelze 
daz  zusamene,  und  wringe  daz  durch  eyn  tuch,  und  menge  daz  mit 
geschoßen  ^  spansgrun ,  und  salve  daz  darmete. 

item  aliud:  jung  ellern  lof  saltu  brechin,  und  bernde  daz  zu 
pulvere,    und   tu   daz   yn   dy    wunde   des  tages   twige   und  wasche   dy 

1)  hs.:  tyzten  2)  gestozen? 


150  G.   SCHMIDT 

wunde  [mit]  eykeue  law,    und  droge  daz  mit  eyme  tuche,    und  strich 
daz  puWer  daryn. 

item:  hat  sich  eyn  mensche  vorbrant,  so  zuch  den  brant  also 
uß :  lege  uf  den  brant  eyn  row  eyges  doder. 

item  aliud:  nym  eyne  mus,  und  zug  or  daz  vel  abe,  und  lege 
das  daruf. 

II. 

Aus  der  papierhandschrift  des  14.  Jahrhunderts  nr.  22,  deren  iuhalt 
ausführlich  angegeben  ist  im  osterprogramme  des  königl.  domgymna- 
siums  zu  Halberstadt.  1878.  s.  16  fg.  Sie  enthält  collegienhefte  von 
Montpellier  und  aufzeichnungen  eines  mediciuers. 

Contra  caliginem  oculorum:  nym  scheleworz,  crut  unde  wur- 
zeln, unde  venkel,  unde  stoz  daz  met  wyne,  unde  met  honyge ,  unde 
du  dazu  wißin  phefiFer,  de  cleyne  gestozen  sy,  unde  wring  daz  dorch 
eynen  tuch,  unde  salbe  de  ougen  uzwendich  mete:  daz  heilet  sere. 

ad  idem:  nym  salz,  wyn,  unde  wiz  eynis  eyges,  gliche  vil, 
daz  rip  med  eynauder,  unde  laz  daz  steyn  ix  tage,  unde  tu  ez  danne 
in  de  ougen.     expertum  est. 

ad  clarificandum  oculos:  nym  rutenworzeln ,  fenikel,  pipe- 
nelle,  rufen,  schelle  würz,  suet  daz  in  wyuezige,  daz  daz  derte  teil 
vorseden,^  unde  behalt  daz  reyne.  disse  salbe  ist  gut  vor  alle  obil 
der  ougen. 

nym  disses  crutes  like  vele:  venkel,  eppe,  rufen,  ysern,^  beto- 
uien,  odirmonien,^  benedicten,  gamandren,  papellen,  ertbern  crut, 
salbeien ,  disse  stoz  alle  zusamene ,  unde  tu  darzu  vj  pheflfercorner  unde 
iij  leftel  honinges  unde  eynes  kyndes  harn,  dit  tu  yn  eyn  vaz  uude  tu 
ez  in  dy  ougen.  wanne  disse  salbe  trüge  wart ,  so  fuchte  sie  met  kyn- 
des harn. 

III. 

Vier  pergamentbläfter  aus  dem  14.  Jahrhunderte ,  duodez ,  13  cen- 
timeter  hoch,  11  centimeter  breit,  mit  gezogenen  linien,  23  zeilen 
auf  der  seite;  abgelöst  von  einem  einbände,  hie  und  da  etwas  beschä- 
digt. Unleserlich  gewordenes  ist  hier  im  abdrucke  durch  punkte 
bezeichnet;  ergänzungen  sind  in  eckige  klammern  eingeschlossen. 

1)  1.  daz  —  vorsede,  oder  laz  —  vorseden. 

2)  D.  i.  iserne,  ahd.  isarna,  eisenkraut,  verbena;  vgl.  Graff  1,  491;  Müller- 
Zarnckc  1,  757'' ;  Lcxer  1,  1459;  Jos.  Haupt,  üb.  d.  mitteld.  arzneibuch  des  mei- 
sters  Bartholornaeus.     Wien.  1872.  s.  22.  s,  75  fgg. 

3)  d.  i.  odermenig,  agrimonia. 


HALBERSTÄDTER   BBÜCHST.      IV.    MEDICINISCHES  151 

*  * 

* 

[bl.  1']    uüde   ein    wenic   peffers,    uiide    [menge]    daz  zusaraene,    unde 

ezze   daz   nuhteren ,    unde    drinke    man   ezze.     swie   man   ber- 

dram  ^  nutze ,  drocken  oder  mit  anderme  ezzeue ,  so  ist  iz  alliz  gut. 
daz  nutzent  beide  siechen  unde  gesunden. 

deme  die  äugen  driefen,  der  neme  salbeieu,  unde  halb  also 
vil  rüden,  unde  zwirnet  also  vil  kervelen  alse  der  salbeieu  ist,  unde 
stoz  daz  zusamene  in  eime  morsere,  daz  is  saf^  gebe,  unde  so  er  sla- 
fen  got,  so  netze  daz  crut  in  eines  eyes  clare,  unde  belege  domide  dine 
Stirnen  unde  dine  wangelin.     daz  ist  gut. 

dem  der  härm  so  calt  ist,  daz  er  deu  härm  nit  wole  mag 
behalden ,  der  siede  selbe  ein  ^  wazzer  unde  drinke  daz  dicke  also  warm, 
daz  ist  gut. 

der  swarz  oder  crumpvar'^  äugen  habe,  dunt  sie  deme  we 
oder  begiunent  sie  ime  dunkelen,  so  neme  er  rutensaf,  unde  zwiernent 
also  vil  luters  honigseimes,  unde  mische  darzu  ein  wenic  luters  waz- 
zers  unde  gudes  wines .  unde  lege  darin  ein  winzege  brosemen ,  unde 
binde  die  zu  nacht  uf  sine  äugen,  so  er  slafen  get. 

der  iht^  rowes  habe  gezzen,  daz  eme  zuhaut  [bl.  1"]  we  du, 
der  neme  rüden  und  zwernent  also  vil  salbien ,  und  ezze  das  mit  salze. 

deme  in  der  leberen  oder  in  der  hingen  we  ist,  der  neme 
laticien,^  unde  ziemins  mer,'  unde  ysopen  nie  danne  der  zweier  si, 
unde  fenechels  me  danne  der  drier  si,  unde  du  darzu  gnuc  honeges, 
daz  iz  nit  bitter  ensi,  unde  siede  daz  vil  sere  in  eime  nuweu  duche- 
lin,  unde  begrabe  daz  duppen^  mit  dem  crude  under  der  erden,  ob  iz 
in  dem  winter  ist,  nun  naht  unde  nun  dage,  in  dem  somere  fünf  dage 
unde  fünf  naht  ,^  unde  sihe  iz  danne  durch  ein  duch.  ist  aber  eme  sere 
we,  30  drinke  ers  nun  dage  vil  frühe,  unde  si  enpizzeu  ein  Avenic  dovor, 
unde  nach  des,  so  er  slafen  get.  ist  eme  meslichen  we,  so  drinke  her 
iz  dri  dage. 

beginnet  der  mensche  in  der  leberen  fon  unfraudeu  sieben,  der 
siede  junge  huure  mit  ysopen  unde  ezze  daz. 

1)  d.  i.  bertrain,  anthemis  pyrethrum;  vgl.  Eegel,  das  mittelniederd.  Gothaer 
arzneibuch  (Progr.  d.  gymn.  Ernestin.  zu  Gotha)  1872.  s.  10:  stoet  bertram  vnde 
peper  to  samende  je  welkes  eyn  queutin,  in  wein  gekocht,  gegen  das  kalte  fieber. 

2)  hs. :  saht  3)  1.  siede  salbeie  in  wazzer ;  vgl.  Matth.  Siluaticus ,  pan- 
dectae  medicinae.  Lugd.  1534.  fol.  Tö*"  (nach  Serapion):  „decoctio  foliorum  et 
ramorum  ipsius  et  quando  bibitur  provocat  urinam." 

4)  brünvar?  5)  hs.:  it  6)  latichen,  lattich,  lactuca? 

7)  zinemins,  zimmins,  cinamoiui,  mehr  zimmet  als  lattich? 

8)  mnd.  dat  duppe,  mhd.  der  und  daz  tupfen,  topf.  Lübben  1,  600;  Lexer 
2,  1578.  9)  hs. :  nath 


152  G.    SCHMIDT 

der  grawe  aiigeii  hat,  beginnent  sie  sieclien  ader  duukelen, 
der  iieme  fenicliel  oder  siüeii  samen,  unde  stoze  daz,  unde  neme  daz 
saf,  unde  des  daiiwes,  den  man  uffe  den  reliten  grase  ^  [bl.  2*]  findet, 
unde  mache  domide ,  unde  mit  simelmele ,  kuchelin ,  uude  binde  iz 
über  sine  äugen  mit  eime  duche ,  so  er  slafen  get. 

ob  dem  manne  ein  geswolst  beginnet  sich  heben,  die  eme  we 
dut,  der  neme  fenichil,  unde  dri  stunt  also  vile  fenum  grecie,  unde 
ein  wenic  rinderen  buderen,  unde  stoze  daz  zusamene,  unde  lege  iz 
darüber,     daz  hilfet. 

der  gerne  dr unken  wirdet,  der  ezze  fenichilsamen.    daz  hilfet. 

ob  die  schaf  beginnent^  sieben,  so  neme  man  fenchil,  unde 
ein  wenic  minre  dilles,  unde  lege  daz  in  ein  wazzer,  daz  is  darnach 
smacke,  unde  gib  is  den  schafen  zu  drinkene. 

deme  in  dem  herzen  oder  in  dem  milze  oder  in  der  siten 
we  si,  der  neme  petersilien,  unde  side  den  mit  wine  unde  mit  eim 
wenig  ezzeges ,  unde  du  gnuc  honeges  darzu ,  unde  sihe  daz  durch  ein 
duch,  unde  drinc  daz  dicke. 

deme  der  klobelauch  we  du  gezzen,  der  ezze  zu  haut  peter- 
silien,    daz  hilfet. 

deme  der  stein  we  dut,  der  neme  petersilien  unde  daz  dritteil 
steinbrechen ,  unde  side  daz  mit  wi  [bl.  2*"]  ne ,  unde  sihe  daz  durch 
ein  duch,  unde  drinc  is  in  eime  sweizbade,  unde  siede  daz  selbe  krut 
mit  wazzere,  unde  lösche  die  steine  domide. 

der  in  dem  libe  von  stosene  oder  fon  fallene  wirdet  zu- 
brechen, der  stoze  kervelen,  unde  drinke  daz  saf  mit  wine,  unde 
du  daz  dicke. 

der  den  deinen  rüden  hat,  der  neme  kervelen,  unde  dristunt 
also  vile  humele,^  unde  funfstunt  also  vil  alandes,  alse  der  kervelen 
ist,  unde  siede  daz  mit  wazzere,  unde  winde  is  sere  durch  ein  duch. 
du  daz  crut  abe,  unde  daz  wazzer  in  eine  pannen,  unde  noch  smalzes 
me,  also  nuwe,  als  man  uz  eime  swine  niemet,  unde  laze  daz  zusa- 
mene ober  dem  fnre,  unde  gieze  is  in  ein  schone  becken,  unde  laz  is 
dri  dage  sten ,  unde  sundere  danne  daz  smalz  von  deme  wazzere ,  unde 
du  is  in  die  pannen,  unde  darzu  ein  wenic  wirauches  unde  swevels, 
unde  dribe  daz  zusamene,  bis  iz  dicke  wirdet  ein  salben,     so  du  iz  in 

1)  rietgrase  V  2)  lis. :  beginnet 

3)  hopfenV  nüat.  humlo,  humulo,  humulus.  —  Wenn  Hoflmann  von  Eallcrs- 
leben  in  seinen  Sumerlaten  (Wien.  1834)  9 '',  58  aus  der  Wiener  pergamenthand- 
schrift  des  12.  jahrh.  von  Heinrici  Summarinm ,  nr.  2400,  die  glossierung  darbie- 
tet: „humula,  alant,''  so  ist  humula  nur  ein  lese-  oder  Schreibfehler,  entstanden 
aus  hinnula,  einer  incorrectcn  Schreibung  für  inula. 


HALBERSTÄDTER   BBUCHST.       IV.    MEDICINISCHES  153 

eiu  biischeii,  uude  luz  is  uim  diige  steu,  uude  salbe  sich  domide  dri 
tage,  unde  bade  danne  an  dem  fierden  dage.  ist  ieme  danne  noch 
nit  baz ,  so  du  er  dristunt  also :  so  hilfet  es  dich  ane  zwivel. 

deme  die  druse  blaseut'  an  [bl.  3"]  ^  dem  halse,  der  uerae 
liebestuckel  uude  ein  [wejuic  me  gunderreben,  uude  siede  daz  mit 
\v[iue] ,  uude  lege  iz  also  warm  umme  siuen  ha[ls,  daz]  die  äderen 
erwarmen,     daz  hilfet. 

deme  der  fig  wirret,  der  stoze  romesch[e  ...Jzen,  unde  winde 
daz  saf  durch  ein  du[chelin],  unde  drinke  daz  morgens  unde  nahtes 
[ ]  mit  eim  wenig  wines.     daz  hilfet. 

deme  die  luse  sere  wirrent,  der  ueme  ^  sisemare,*  uude  [smeljze 
daz  mit  smere,  unde  salbe  sich  domide  under  siuen  ossen^  uude  umme 
sinen  hals,  so  sterbe[nt  die]  luse. 

der  den  friesenden  weweu  hat  an  dem  dritten  dage,  de  neme 
sisemar,  [unde]  der  minren  shurflachen  ^  gliche  vil,  unde  drist[unt] 
also  vil  merretiches,  unde  siede  daz  mit  win[e,  uude]  winde  is  durch 
ein  duch  unde  neme  dan  ne[gejlin  unde  iugeber,  geliche  lil,  unde  also 
vil  galg[a]nes,  also  der  zweier  ist,  uude  pulvere  daz  zusa[me]ne,  unde 
mache  domide  unde  mit  wiue,  daz  [mit]  den  cruteren  ist  gesehen,  so 
ist  iz  ein  luter  d[ranc],  unde  drinc  daz,  so  in  der  wewe  aneget,  unde 
n[un]  dage  darnach. 

deme  die  äugen  duukelen,  der  neme  hanengallen,  unde  zwier- 
nent  a[lso  [bl  3"]  vil]  poleieu  saifes ,  unde  ein  weneg  luters  wi[nes], 
unde  mache  daruz  ein  aucluppe,^  unde  du  [is]  in  kupper  vas,  unde 
striche  daz  umme  die  [aug]en ,  so  daz  is  nit  file  in  die  äugen  ge ,  unde 
[du  d]az  zwölf  nahte, ^  so  er  slafen  get. 

1)  bläseut,  inflantur.  Vgl.:  Die  da  genasen,  die  wären  zubiäsen,  zudrimgen 
und  zuswalt.     Herbort  17120  fgg. 

2)  Die  beiden  lezten  blätter  sind  am  raude  etwas  beschnitten. 

3)  der  neme  fehlt  in  der  hs. 

4)  Gemeint  ist  wol  sisymbrium.  Vgl.:  sisimbria,  sisemera  aus  einem  Admon- 
ter  vocabularius  des  11.  jh.  in  Haupts  ztschr.  3,  379**  und:  sisimbrium,  sisimra 
aus  der  Darmstädter  pergamentliandschrift  nr.  6  von  Heinrici  Summarium  in  Pfeif- 
fers Germania  9,  23.     bech. 

5)  D.  i.  mhd.  uohse ,  swf. ,  achselhöle. 

6)  ,,schorfladeke,  schorfladicke ,  rumex  acutus,  spitzige  grindwurz,  schorflat- 
tich. "  Regel,  das  mnd.  Gothaer  arzeneibuch  und  seine  pfianzennamen  (Progr.). 
Gotha  1873.  2,  17. 

7)  augluppi,  coUyrium.     Graft'  2,  77.     bech. 

8)  hs. :  nathe 


154: 


G.    SCHMIDT 


[D]er  den  naseboz^  bat,  imde  ouch  davone  liii[stet],  der  neme 
reiiievaaen,^  uude  mache  [damide  kjuchelin,  oder  sufen,  oder  siede  is 
[mit]  fleisclie,  uude  ezze  iz  also. 

der  von  dem  steine  nit  wole  mag  harnen,  der  stoze  reinevanen, 
imde  drinke  daz  mit  wine.     daz  hilfet. 

der  sweren  of  dem  hau  bete  hat  uude  nit  grint  ist,  der  neme 
raden,  unde  stoze  den  mit  [gejbrantem  specke,  unde  salbe  daz  haubet 
do[mi]de. 

do  der  fliegen  fil  ist,  so  pulver  man  den  raden  unde  du  daz  in 
honeg,  unde  striche  [dajz  an  die  wende,  so  sterbent  die  fliegen,  die 
des  ezzent. 

der  daz  biver  sere  hat,  der  neme  enziane  gepulvert,  unde  drinke 
daz  in  [wijne  nuhteren  unde  nahtes. 

der  vergift  hat  gezzen  oder  gedrunken ,  [bl.  4"^]  der  siede  rin- 
gelin ^  in  wazzere,  unde  drinke  [danne]  daz  wazzer  uz,  unde  lege  danne 
daz  crut  a[lso]  warm  uff'e  sinen  magen ,  unde  werme  vil  g[uden]  win, 
unde  lege  des  selben  crudes  darin,  unde  [drinjke  daz  wermelehte,  so 
beginet  er  spien  oder  [ ]. 

dem  daz  haubet  fleckehte  ist,  der  neme  [ ]  bi  der  swar- 

ten,  unde  stoze  daz  mit  rin[gelin]  crute,  unde  salbe  daz  haubet  dicke 
domi[de]. 

so  die  rindere  oder  die  schafe  iht  gezz[en  hanj,  daz  sie  gehe- 
lingen  swellen,  so  man[ge  riujgelin  mit  ein  wenig  wazzers,  unde  gebe 
[ine]  daz  zu  drinkene.     daz  hilfet. 

dem  daz  fr  eisliche  erhebet,  der  ezze  a[ccleia].^     daz  hilfet. 

der  daz  biever  hat,  der  stoze  accleia,  unde  [winjde  daz  saf 
durch  ein  duch,  unde  du  vil  [gu]den  win  darzu,  unde  drinke  dicke, 
daz  hi[lfet]. 

1)  blitz,  putz,  rotz  in  der  nase.     Grimm,  deutscli.  wörterb.  2,  589. 

2)  ahd.  reinefano,  Graif  3,  521.  ralid.  reinvane.  Lexer  2,  393.  tanacetum 
vulgare.  Es  scheint  aber  doch  wol  gemeint  zu  sein  weisser  reinfarrn ,  acbillea 
ptarmica,  ptarmica  vulgaris  Nemnich,  polyglottenlexicon  der  naturgeschichte  1,  38, 
s.  V.  Acbillea  ptarmica, 

3)  ,,cicorea  haizet  etswä  sunnenwerbel  und  etswä  ringelkraut  und  haizt  ouch 
ze  latein  solsequium  oder  sponsa  solis  ....  wer  daz  zerstcezt  und  ez  izzet,  dem  ist 
ez  guot  für  die  vergift  und  wider  der  vergiftigen  tier  piz  und  allermaist  so  man 
ez  auf  die  wunden  legt"  Konrad  von  Megenberg,  buch  der  natur,  herausg.  von 
Fz.  Pfeiffer.     Stuttg.  1861.  s.  394. 

4)  ,,Wedder  dat  vallende  ouel:  nym  vnde  stot  cariandes  säet,  aquileyen  .... 
wringk  dat  saep  vth  vnde  gif  cm  dat  drinkeu,  wen  he  ghevallen  ys."  Regel, 
Gothaer  arzneibuch  1,  7. 


HALBERSTÄDTER    BRUCHST.       IV.    MEDIClNISCIIliS  155 

der  die  bösen  druse  hat,  e  sie  brechen,  [der]  pulvere  nebeta,^ 
unde  ezze    daz  pulver  [dicjke  ufi'e  brode,   so  swindet  sie.     obe  sie  aber 

[brecjhen,    so    neme  ^   man    neberen^^  biedere,    unde   lege  sie  [ J 

grüne  darüber  dicke. 

der  gerne  gosunt  wil  wcseu,  der  neme  [.  .  .  .  [bl.  4'']  .  .  .  .]  rz, 
unde  pulver  die  mit  der  wurzcleu  unde  [mit]  den  biederen,  unde  du 
halb  also  vil  darzü  [gejmalnes  bertrames ,  unde  halb  also  vil  ge[su]ver- 
tes  zimines,  als  des  bertrames  ist,  unde  [mis]che  daz  zusamene,  unde 
ezze  daz  zusame[ne]  alle  dage  uffe  brode,  oder  drinke  is  in  [wajrmem 
wine.  daz  beheltet  ime  sine  sunt[hei]t.  ist  er  aber  sich,  er  genieset, 
daz  pulver  [sal]  man  in  eime  nuwen  cruseline  under  der  [erdejn  begra- 
ben, so  beheltet  is  sine  kraft. 

deme  daz  herze  we  dut,  der  neme  storkesnabel,  so  er  allez  ane 
unfro  ist,  unde  ein  we[ni]g  minre  poleies,  unde  rüden  ein  weneg 
[min]re  dan  des  poleies  si ,  unde  pulvere  daz  [zujsamene ,  unde  ezze  daz 
pulver  dicke  offe  [brojde,  daz  sterket  unde  frawet  ime  sin  herze. 

der  ungefrauwet  gemude  hat  unde  ime  ^  muwelich  unde  unsanfte 
nahtes  bi  ime ,  so  [er]  slefet. 

den  wiben,  den  ir  sache  in  unrehten  •'*  ziden  zu  fil  wirret, 
die  legen  bathenien  [in  de]n  win,  daz  er  darnacii  smacke,  unde  driu- 
[ken]  den  dicke. 


AUS   EINEM   ALPHABETISCH    GEOKDNETEN   KEÄUTEEBUCHE. 

[MACER   FLORIDUS.] 

Vier  blätter  pergameut  in  quart  aus  dem  14.  Jahrhunderte,  20  cen- 
timeter  hoch,  15  centimeter  breit,  liniert,  zweispaltig,  32  —  34  zeilen 
auf  der  seite.  Die  initialen  zum  rubricieren  sind  teilweise  weggelas- 
sen. Einzelnes  ist  durch  flecken  und  rasur  unleserlich  geworden.  Zwi- 
schen dem  ersten  und  zweiten  ,  und  widerum  zwischen  dem  dritten  und 
vierten  blatte  fehlt  je  ein  blatt.  Das  erste  blatt  begint  mit  Aristo- 
lochia,  holwort.     An  dem  rande  rechts  und  links  standen  uotizeu,  bald 

1)  wizmiiiza,  sigimiuza,  nepota.  Graff  3,  819.  minze ,  sigeiiiiuze,  stein- 
minze,  nepeta.  Müller -Zanicko  2,  186''.  —  Gemeint  ist  wol  nepeta  cataria,  die 
nepte,  katzeunepte,  katzeiiraiuze.  Nenmich ,  polygl.-lex.  der  naturgesch.  3,  713. 
s.  V.  Nepeta  cataria. 

2)  neme  fehlt  in  der  hs.  3)  nebeteu? 

4)  ime  ist  von  anderer  l)and  nachgetragen.  Es  soltc  wol  lauten  . . .  unde 
frawet  ime  sin  herze,  der  uugefrawet  gemude  hat  unde  muwelich  unde  unsanfte 
nahtes  slefet.  5)  hs. :  unrethen 


156  G.    SCHMIDT 

lateinisch ,  bald  deutsch ,  als  angabeu  des  Inhaltes ;  sie  sind  auf  dem 
äusseren  rande  von  bl.  1.  2.  4  ganz  oder  teilweise  durch  beschneiden 
weggefallen.  ^ 

[bl.  1*  vj.   Aristolochia,  holwurz] 

daz  kalde.  si  ist  och  gut  ....  tericis  mit  wazzere  genutzet,  waz  pul- 
veres  iz  sie ,  daz  han  ich  uch  e  gesagt.  ^  di  holwort  mit  honige  getem- 
peret reyneget  die  w[u]uden  unde  vulet  ^  sie.  zu  den  zwen  tu  swarze- 
len  ^  worzelen  saf,  damite  bestric  daz  zauenvleisch  /  daz  vortribet  alle 
vulheyt.  daz  selbe  genutzet  vortribet  die  suchte  unde  ist  och  gut  vor 
allirhande  suche,  die  heyzet  spasmus.  daz  selbe  genutzet  stillet  poda- 
gram  an  den  vuzen  unde  ist  ^  och  gut  vor  daz  val.  daz  selbe  genutzet 
vortribet  swaz  ^  dem '  buche  werren   ist   unde   hilfet  och  den  vorgich- 

[vj.]    Macer.  nr.  41.  s.  85.     Aristolochia.  v.  1395— 1436. 
nach  Choulant:    Aristolochia  longa,    rotunda   et  clematitis;    Hohl- 

wurz,  Osterluzei. 
(Vgl.  Mattli.  Silvaticus,  Pandectae  medicinae.     Lugd.  1534.  c.  7.  fol.  3*). 


Asthmaticis  prodest  et  frigora  sumpta  repellit; 

Pleureticos  curat  mixto  si  sumitur  amne. 

Quodlibet  infixum  superaddita  trita  repellit, 
1410  Vulnera  cum  mellis  purgatque  repletque  liquore; 

Quod  si  praedictis  irim  coniungis  et  inde 

Ungas  gingivas,  dentes  putredine  purgat. 

Splenis  duriciam  solvit  laterisque  dolorem, 

Si  mixta  potatur  aqua;  febresque  malignas 
1415  Hoc  potata  modo  fertur  compescerc  mire. 

Sic  etiam  spasmis  super  omnia  subvenit  hausta 

Et  sedat  diram  sie  saepius  hausta  podagram, 

Et  morbum  curare  solet  sie  sumpta  caducum. 

Et  ventris  nimium  sie  mitigat  illa  dolorem, 
1420  Et  sie  fit  sumpta  levior  paralyticus  illa. 

Daemonium  fumus  depellere  dicitur  ejus, 

Infantes  fumo  tradunt  hoc  exhilarari.^ 

1)  Diese  bruclistiicke  eines  deutschen  kräuterbiiclies  ergaben  sich  mir  als 
reste  einer  Übersetzung  des  Macer  Floridus.  Als  solche  schienen  sie  mir  wol  zu 
verdienen,  dass  ich  ihnen  einige  begleitstücke,  und  zwar  den  lateinischen  text, 
anmerkungen ,  und  eine  besondere  abhandlung,  hinzufügte,  welche  dazu  dienen 
könten,  auf  die  bedeutsainkeit  des  werkes  aufmerksam  zu  machen,  und  der  ki'iti- 
schen  beurteilung ,  so  wie  dem  genauen  und  sicheren  Verständnisse  der  hier  vor- 
liegenden deutschen  textüberlieferung  einen  verlässigen  anhält  darzubieten.    J.  Z. 


HAÜ-BERSTÄDTER   BRICHST.       V.    MACER  157 

tige[n]  ledeii.  der  roucli  von  der  holwort  vortribet  den  alf  oder  unglie- 
huren.  de  bemigen  *^  kiudere  mite  gerouchet,  iz  gebet  in  gut  gemute. 
si  hilfet  ocli  fistulam ,  daz  mau  die  worzelen  wol  reinge  unde  daz  hol 
des  sweren  mite  viiUe.  holwort  genutzet  vortribet  den  dorst.^  diz 
ist  alliz  von  der  senewolleu  holwort  gesproken ,  die  lange  tut  alle  daz 
die  senevvolle  tut,  ab  mau  der  nich[t]  hat:  man  mu/,  ir  aber  anderhalp 
teil  also  vil  haben  also  der  seuewolle.  die  lange  holwort  hilfet  sere 
de  matrieem ,  ab  sie  [l''|  vorstopet  sie  mit  veister  vucliticheit,  ab  man 

sie  sudet  unde  mit  ir  brodeni  das  wip  underrouchet oeh  ab  sie 

de  holwort   gesoten waut   se    subrit  se  sere.     holwort  gestozen 

mit  bitelkalke"'  unde  in  eyn  tich  geworfen  tötet  di  vische.  dorch  daz 
heyzet  man  sie  der  herden  ^^  vorgift. 

Fistula  curatur  huins  radicibus  herbae, 
Si  bene  purgatis  eins  loca  concava  farcis; 

1425  Singultus  sumpta  sedari  dicitur  illa. 

Omnia  longa  potest  quae  dixi  posse  rotundam, 
Longa  tarnen  vires  habet  illa  debiliores, 
Unde  quidem  si  defuerit  qnandoque  rotunda 
Par  poudus  longae  ponatur  dimidiumque. 

1430  Fomento  longae  prodest  deeoctio  mire 
Matricum  morbis  humores  extenuando 
Pingues,  et  purgat  eadem  si  sumitur  illas, 
[Plinius  haue  formare  mares  cum  carue  bovina 
Appositam  vulvae  postquam  conceperit  inquit.] 

1435  Trita  necat  pisces,  admixta  calce,  rotunda, 
Haue  ideo  quidam  terrae  dixere  venenum.^ 

[vj.j     Anmerkg.  z.  deutsch,  text.     1)  hs. :  gesacli  oder  gesath  2)  I.  vuUet 

3)  hs. ;  verschrieben,  statt  swertelen;  denn  gemeint  ist  Iris  illyrica  (florentina),  veil- 
chenwurzel.  4)  hs. :  zannenvleichs  5)  hs. :  ist  fehlt.  6)  hs. :  zwaz  7)  hs. : 
den  8)    „Der  rouch  uon  der  holvvurtz  vertribit  den  alp  oder  ungehuren";    aus 

einer  auch  den  Macer  enthaltenden  pergamenthandsclirift  des  14.  jahrh.  in  der 
Ehedigerschen  bibliothek  zu  Breslau  (XXXII.  germ.  lib.  IX)  mitgeteilt  von  H.  Hoif- 
mann  im  glossare  zu  seinen  Fundgruben  für  gesch.  deutscher  spräche  u.  lit.  (Bres- 
lau 1830)  1,  358  ^  —  bemigen,  particip  von  bemigen,  bepissen  (Schiller  -  Lübben, 
mnd.  -wörterb.  1 ,  229) ,  scheint  hier  doch  kaum  passlich.  Vielleicht  mag  es  nur 
Schreibfehler  sein ,  statt  benn igen,  so  dass  der  sinn  wäi'e :  die  vom  alpe  besessenen 
oder  beängstigten  und  deshalb  unruhigen  und  ungebärdigen  kiuder  werden  durch 
beräucherung  mit  holwurz  ruhigen  und  fröhlichen  sinnes.  Bennig  in  dieser  bedeu- 
tung  fehlt  in  den  Wörterbüchern  von  Müller -Zarncke,  Lexer  und  Grimm;  aber 
Frisch  in  seinem  Teutsch-Iatein.  wörterb.  (Berlin  1741.)  1,  58 "^  sagt:  „bannig  hat 
Matthesius  in  Sarejita,  im  composito.  Teuftel  -  bannig ,  das  ist  besessen,  rasend, 
unsinnig,  obsessus  quasi  et  daemone  actus  furens.  —    Es  ist  kein  volk  hartbeniger 


158  G.    SCHMIDT 

dem  evangelio  zu  widerstreben ,  als  wie  die  Juden.  Leo  Jud.  vers.  paraphr.  Erasm. 
Rot.  Epistolae  ad  Titum.  —  hartbenilveit ,  id.  Epist.  ad  Thessal."  —  ,, Bannig, 
unbändig.  Gel'!  sagt  die  mutter  zum  kinde,  ietz  hast  e  mal  d  ruet  koscht,  was 
bist  so  beni."  Schmeller,  baier.  wörterb.  ed.  Frommann  1,  243.  —  „Bennig,  adj. 
unbändig.     Melchior  Liebig  1588: 

Sind  prechtig,  stolz,  eigensinnig, 

Vnd  schir  gleich  wie  Teuifel  hennig." 
H.  Hoffmaun ,    in  Frommanns:    die    deutschen  mundarten    (Nürnberg  1857)   4.  164. 
9)  ?  singultus.     Vgl.  Macer  v.  1425.  10)  betekalk,    betelkalk,   m.  ungelöschter 

kalk.  —  ,,holword  myd  betelkalke  ghestot  in  eynen  dyck  geworpen,  so  steruen  de 
vysche.  also  sacht  Macer."  Eyn  schone  Arstedyge  boeck  van  allerleye  ghebreck 
vnnde  kranckheyden  der  mynschen.  Herbarius.  a.  1483.  fol.  43''.  Schiller  -  Lübben 
mnd.  wörterb.  1,  297".  11)  1.  erden, 

[vj.]  Anmerkg.  z.  lat.  text.  1)  Fugatque  demonia  et  hilariorem  facit  infan- 
tem  suifumigata.  Matth.  Silv.  c.  7  und  buchstäblich  ebenso  im  Ortus  sanitatis  s.  1. 
1517.  De  herbis  cap.  xl.  fol.  ciij"*.  2)  V.  1433.  34  sind  in  der  deutschen  Über- 

setzung ausgelassen;  absichtlich,  wie  die  auslassung  ähnlicher  stellen  in  anderen 
abschnitten  schliessen  lässt.  —  ,,In  summa  tarnen  gloria  est;  si  modo  a  conceptu 
admota  volvis  in  carne  bubula  maris  figurat,  ut  traditur.  Piscatores  Campaniae 
radicem  eam  quae  rotunda  est  venenum  terrae  vocant  coramque  nobis  contusam 
raixta  calce  in  mare  sparsere;  advolant  pisces  cupidate  mira  statimque  exanimati 
fluitant.     Plin.  HN.  25,  8,  54. 

[vij.J  Altea  heyzet  ybische  oder  wilde  pippele.^  der  ybische 
blüme  gestozen  mit  wine  unde  iif  de  w[u]ndeE  geleit  zübrochen  imme 
libe ,  daz  subrit  sie ,  unde  subrit  utwendige  ^  wunden,  die  worzele 
gesoten  unde  mit  altem  smere  gestozen  bricliet  unde  vertribet  aller- 
hande  geswere.  zu  alle  dissen  ding  ist  daz  wazzere  gut,  da  die  ybische 
inne  gesoten  ist.  daz  selbe  vortribet  die  drose,  die  scrofule  heyzen. 
daz  wazzer  mit  wine  gemeuget  stillet  die  rure.  daz  selbe  tribet  uz  die 
anderen  geburt  genutzet,  daz  louf  ist  gut  genutzet  den,  die  da  blot 
raschen.^  iz  vortribet  also  genutzet  manigerhande  suche,  die  in  der 
blasen   werende  ist,    unde   vortribet   den   stein,     der    same    mit   wine 

[vij.]     Macer  nr.  9  s.  43.  Althaea.  v.  366  —  394. 
Nach  Choulant:   Althea  officinalis;    Eibisch. 

(Vgl.  Matth.  Silvaticus  c.  34.  fol.  14*  s.  v.  altea). 
Alteam  malvae  speciem  uullus  negat  esse, 
Alteamque  vocant  illam,  quod  crescat  in  altum. 
Hanc  ipsam  dicunt  Eviscum,  quod  quasi  visco 
lUius  radix  contrita  madere  videtur, 
370  Agrestisque  solet  a  multis  malva  vocari. 
In  mulsa  coctus  flos  eius  vulnera  purgat, 
Vel  si  cum  viuo  trituni  florem  superaddas, 
Spargere  sie  scrophas,  anumque  juvare  dolentem 
Dicitur,  hocque  modo  conquassatis  medicatur. 


HÄLBERSTADTER  BRÜCKST.   V.  MACER  159 

gestozen  iinde  mit  boumolei  getemperet,  di  salbe  vortribet  allerbande 
missestende  vlecken  uuder  den  oiigen.  der  ybesclie  wor/ele  gesoten  unde 

genutzet  ^    mit   bonige    unde    als   eyu   plaster   nf  reife    wunden 

[1*^]  geleit  vulet^  sie,  also  selbes"  zutribet  se  herte  svul;  di  bletere 
gesoten  unde  gestozen  mit  olei  sint  gut  zu  allerbande  bizze,  in  eyner 
plaster  daruf  geleit :  daz  selbe  iz  gut  zu  dem  ^  brande. 

375  Elixata  prius  radix  adipique  terendo 

Addita  porcino  terebintbinaeque  tumores 

Matricis  curat,  reliquosque  juvare  dolores 

Dicitur  illius;  nervös  sie  ipsa  relaxat, 

Rumpit  vel  spargit  sie  apostemata  dura. 
380  Omnes  has  causas  elixatura  iuvabit, 

Si  loca  morborum  foveantur  saepe  tepenti. 

A  dysentericis  radicum  coctio  sumpta 

Cum  vino  fluxum  stringens  compescit  eorum. 

Et  pellit  tardas  haec  coctio  sumpta  secundas, 
385  Et  prodest  baemoptoicis ,  lapidesque  repellit, 

Vesicaeque  solet  variis  succurrere  causis. 

Acri  cum  vino  contritum  semen  olivo 

Jungito ,  deformes  maculas  boc  unguine  pelles. 

Cum  pusca  potata  potest  obstare  venenis, 
390  Elixata  prius  cum  melleque  trita  replebit 

Vulnera  quae  cava  sunt,  si  sit  supperaddita  saepe; 

Sic  quoque  duricias  mollit  lenitque  rigores; 

Decoctis  oleo  foliis  factum  cataplasma 

Quosvis  pestiferos  morsus  combustaque  curat. 

[vij.]  1)  1.  papele  2)  hs.  utwengide  3)  „wirok  ghestot  vnd  mit  wine 
getempereret  eder  mit  etike  gedrunken  helpet  deme  de  blot  risschet,  dat  is 
dede  blot  spyet."  Wolf.  Mscr.  23,  3  f.  79^  Schiller  -  Lübben ,  mnd.  wb.  3,  488. 
(bech).  4)  hs.  genutzen  5)  1.  vullet  6)  also  selbes  d.  i.  gleicher  weise. 

Vgl.  unter  viiij  atriplex  „also  selbes  is  he  gut."  7)  hs.  den 

[viij.]  Acydula,  surampfe,  die  ist  trocken  unde  kalt  in  dem 
drite[n]  grade,     surampfe   gezzen  vortribet   den  unlust.^     bei   vortribet 

[viij.]    Macer  nr.  18  s.  57.     Acidula.  v.  711  — 747. 
Nacb  Cboulant:  Sempervivum  und  Sedum;  Hauslaub,  Hauslauch. 
(Vgl.  Matth.  Silvaticus,  c.  365.  fol.  106'';  ,,Humad  arabice,  grece  oxilopatium ,  latine 

vero  acetosa.") 
Dicimus  Acidulam,  quam  Graecus  dicit  Aizon;  ^ 
Sic  dici  credunt,  sapor  illi  quod  sit  aceti. 


160  G.    SCHMIDT 

gestozen  daz  lieylige  vur,  ob  mau  iz  daruf  leit.  iz  vortribet  ocli  das 
vlechtende  ser  daruf  ^  geleit ,  uude  lieylet  och  daz  gebraute,  der  saf 
mit  olei  getemperet  uude  auz  houbet  gestricheu ,  daz  lauge  qualeu  bat, 
iz  vortribet^  die  sucbe  vil  schire.  mit  wiue  getrunkeu  virtribet  aller- 
haude  rure  uude  scbe[de]licbeu  ^  gezzeu.  daz  selbe  hilfet  die  wip,  ab 
ir  suche  zu  lange  wert,  also  genutzet  vortribet  he  de  senewolde  spulle- 
worme  uude  ist  och  gut  wider  de  vorgift.  der  saf  au  de  ougeu  gestri- 
cheu irluchtet  die  ougeu.  mau  sait,  swer  in  bi  sich  trage,  den  steche 
der  taraut  nicht,     der  saf  iu  de  oren  getan  vortribet  den  orswer.    hus- 

Crescit  arenosis  in  pratis  et  secus  aranes,^ 

Haue  avide  quidam  comedunt  in  tempore  veris 
715  Expertumque  ferunt,  sibi  quod  fastidia  tollat. 

Virtus  est  illi  siccaus  et  frigida  valde, 

Tertius  a  medicis  datus  est  gradus  huic  iu  utroque. 

Hac  fugit  apposita  sacer  ignis  et  herpeta  raordax, 

Et  tumor  ex  oculis  tritae  cataplasmate  cedit. 
720  Ulcera ,  quae  serpunt,  cohibet  combustaque  curat, 

Et  multum  calidae  dicunt  prodesse  podagrae, 

Si  fuerit  foliis  illius  operta  virentis 

Aut  cataplasmetur  niixta  coutrita  poleuta. 

Eius  cum  roseo  succus  permixtus  olivo 
725  Dicitur  autiquo  capitis  prodesse  dolori, 

Qui  dolor  et  lingua  dicitur  ceplialalgia^  graeca. 

Omne  genus  fluxus  ventris  restringere  mire 

Cum  vino  potata  solet  vel  mausa  frequenter; 

Hocque  modo  nimium  manantia  meustrua  sistit, 
730  Vel  si  matrici  tritam  viridem  superaddas; 

Sic  quoque  lumbricos  pellit  potata  rotundos, 

Taliter  et  cuuctis  prodest  potata  veueuis. 

Exhilarat  visus  succus  illius  iuunctus; 

Cum  vino  variis  obstat  potata  veueuis. 
735  Affirmaut  istam  qui  secum  gesserit  herbam 

Quod  uon  appetat  hunc  letali  scorpius  ictu. 

Auribus  expressus  si  succus  fuuditur  eius 

Adiuvat  auditum  mire  pellitque  dolorem. 

Altera  vero  minor  species  est  istius  herbae, 
740  Quam  Sempervivam  dicuut,  quoniam  viret  omui 

Tempore,  Barba  Jovis  vulgari  more  vocatur; 

Esse  refert  simileui  praedictae  Pliuius  istam,  ^ 

Nee  minus  haue  cuuctis  praedictis  posse  juvare; 


HALBERSTÄDTER  HRUCHST.   V.  MACER  161 

loch  hat  alle  die  kraft,-''   die  der  siiramphe  hat,    niide  iz  7,11  allen  des- 
sen dingen  gut,  als  der  suramplie  ist. 

[Mane  solent  adeo  palpebrae  glutine  quodam 
745  Plegmatis  astringi,  valeaut  ut  vix  aperiri, 
Has  mire  succus  herbae  deglutiuat  huius, 
lUo  si  tactae  fueriut  digitove  perunctae.] 

[viij.J  1)  hs.  svullust  2)  hs.  clarub  3)  hs.  vortrif  4)  1.  stetelichen 
5)  I1S.  karst 

jviij.]  1)  Die  handscbriften  bieten  mauiiigfach  abweichende  formen:  aizoon, 
aiozon ,  ayzon,  ai^on,  aizoum,  noxon,  ozion  usw.  Ans  dem  griechiselien  namen 
dftuour  geht  hervor  dass  Sempervivnm  gemeint  ist.  Die  nicht  genau  angcgel)ene 
Unterscheidung  bezieht  sich  auf  Sempervivum  tectorum  (Sedum  majus,  Dachwurzel, 
Haushaixb,  Barba  Jovis,  franz.  joubarbe,  Donnerbart)  und  Sedum  acre  (Sedum  oder 
Sempervivum  minus,  kleine  Hauswurz,  Mauerpfeifer).  Diese  auffassung  wird  bestä- 
tigt durch  Jac.  Theod.  Tabernamiontanus ,  Kreuterbuch ,  hsg.  durch  Gasp.  Bauhinus. 
Frankf.  Ißl3.  fol.2,  542  fgg.  —  Acidula,  Accidula,  Acedula  wird  sonst  gewühn- 
licli  glossiert  durch  ampfer,  sürami)fer.  So  hat  es  auch  hier  der  deutsche  Über- 
setzer aufgefasst,  und  so  scheint  es  auch  schon  Macer  selbst  gemeint  zu  haben. 
Beide  scheinen  Sempervivum  und  Rumex  vermengt,  oder  doch  unter  eine  gattung 
vereinigt  zu  haben.  Leonh.  Fuchs  sagt  in  seinem  New  Kreüterbiich.  Basel  1543. 
cap.  175:  ,,  Mengelwürtz  würdt  von  den  Griechen  Lapathon,  zu  Latein  Rumex.  in 
den  Apotecken  Lapatium  genent.  —  Der  Mengelwürtz  seind  fürnemlich  vier 
geschlecht.  Das  erst  geschlecht  hat  vil  namen ,  dann  es  würt  Grindtwurtz,  Zitterß- 
würtz,  Streiffwürtz ,  wilder  Ampffer,  vnnd  in  sonderhoj't  Mengelwürtz  von  vnsern 
Teütschen  geheyssen.  Die  Griechen  nennen  es  Oxylapathon,  die  Lateinischen  Rumi- 
cem  acutam ,  die  Apotecker  Lapatium  acutum.  Das  ander  geschlecht  ist  die  zam 
Mengelwürtz,  das  willen  die  Barfüsser  Münch  Rhabarbarü  deuten,  das  es  doch  in 
keinem  weg  ist,  darumb  habends  wir  Münch  Rhabarbarum  genennt,  sol  aber  Rumex 
hortensis,  das  ist,  zam  Mengelwürtz,  wie  angezeigt,  geheyssen  werden.  Galenus 
nent  es  Hippolapathum  vmb  seiner  grosse  willen.-  Das  dritt  geschlecht  würt  allent- 
halben Guter  Heinrich  genent.  Das  vierdt  Saurampffer  geheyssen ,  würdt  bei  den 
Griechen  vnd  Lateinischen  Oxalis,  in  den  Apotecken  Acetosa  genent."  —  Ganz 
davon  getrent.  schon  im  cap.  10,  hat  Fuchs  die  Haußwurtz,  gr.  Aizoum,  lat.  Sedum 
und  Sempervivum,  behandelt.  2)  Die  verse  713.   719.   721—23.   726.   730.  734. 

741 — 42.  744  —  47  sind  unübersezt  geblieben.     Die  lezten  vier  verse  fehlen  auch  in 
alten  und  guten  handscbriften,    mögen  also   wol  späterer   zusatz  sein.  3)  xtqa- 

ktdytu  4)  Gemeint  soll  wol  sein  Plin.  HN.  25,  13,  102,  obschon  dort  nicht  all 

das  steht  was  hier  gesagt  wird. 

[viiij.]  Atriplex  heyzet  melde  uude  ist  kalt  an  dem  ersten 
grade,    vuchte    an   dem   anderen,     melde   gezzen  weket  [1'^]  den  buch, 

[viiij.]    Macer  nr.  28.  s.  67.  Atriplex.  v.  947  —  956. 

Nach  Choulant:  Atriplex,  Melde. 

(Vgl.  Silvaticus  c.  44.  fol.  16''  s.  v.  Andrafasis  [d.  i.  (h'd\H<<f<{(iig.  i'<('^Q('c(f>t<'^vg,  argä- 

(fcc^ig,  {(TQ(x(fa^vs]  latine  atriplex.) 

Infrigidare  gradu  primo,  humectare  secundo 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  1  1 


162  G.    SCHMIDT 

gesoten  oder  ro  gestozen  iinde  iif  den  bösen  nagel  geleit  bringet  in 
abe.  also  selbes  iz  he  gut  vor  daz  heylige  vur.  melde  gestozen  mit 
lütterem  ^  salze  ^  unde  mit  honige  uude  mit  ezzige  vortribet  die  hitze 
podagram,  die  suche  an  den  vuzen,  ob  man  als  eyu  plaster  daruf  leit. 
der  same  mit  wine  dicke  genutzet  ist  gut  den  da  kichen.^ 

Atriplicem  dicunt.     Eius  mollit  cibus  alvum, 

Duricias  solvit  varias  clavisque  medetur, 
950  Emplastrum  crudae  vel  coctae  si  superaddas; 

Hocque  superpositum  scabros  cito  detrahit  ungues. 

Ignibus  et  sacris  dicunt  sie  posse  mederi. 

Atriplicem  tritam  cum  nitro,  melle  et  aceto, 

Dicunt  appositam  calidam  sedare  podagram. 
955  Ictericum  dicit  Galienus  tollere  morbum 

Illius  semen  cum  vino  saepius  haustum. 

[viiij.l     1)  hs.  luttereu  2)   lütersalz  ist  alte  beuennung  des   Salpeters, 

nitrum.  Belege  aus  alt-  uud  mittelhochdeutschen  glossen  geben  GrafF  6,  219. 
Müller -Zarncke,  mhd.  wb.  2,  2,  4o.     Lexer  1,  1997.  3)  kichenj  kichen,  schwer 

atmen,  wird  von  schwindsüchtigen  und  asthmatischen  zuständen  gebraucht.  Belege 
geben  Müller -Zarncke,  mhd.  wb.  1,  804^  Lexer  1,  1567.  Grimra,  wb.  5,  434.  — 
Aus  dem  Garde  der  suntheit  f.  101.  (Lübeck  1520)  führt  Lübben  im  mnd.  wörterb. 
2,  460''  an:  adderwort  ghepulvert  vnde  gethen  mit  eyeren  ys  guet  asmaticis, 
dat  ys  den  kychenden.  Und  aus  dem  arzneibuche  der  Breslauer  ßhedigerschen 
hs.  bringt  Hoifmann ,  im  glossar  zu  Fundgruben  1 ,  378 ''  bei :  daz  asthma  daz  ist 
di  chiche.  —  Wenn  nun  Lübben  a.  a.  o.  aus  einer  Wolfenbütler  hs.  (60.  s.  96.) 
die  angäbe  entnimt:  Dat  melden  säet  myt  wyne  dicke  gemenghet  ys  guet  den  de 
dar  kychen ,  so  scheint  der  Wolfenbütler  schreiber  aus  einem  deutschen  Macer 
geschöpft,  der  deutsche  bearbeiter  des  Macer  aber  ictericum  mit  asthmaticum  oder 
(h)ecticum  verwechselt  zu  haben.  Für  die  richtigkeit  von  ictericum,  was  hier  im 
lateinischen  texte  steht,  verweist  Choulant  auf  Galen,  de  simplic.  tomperam.  et 
facult.  1.6.  c.  73  ed.  Kühn,  tom.  11.  p.  843.  Auch  Bock,  Kreüter-Büch,  Strass- 
burg  1556.  bl.  272*"  bietet  hier:  „Muten  samen  zerstossen,  vnd  mit  honig  wasser 
gedruncken ,  zertheilt  vn  vertreiben  die  galsucht."  Desgleichen  Tabernaemontanus 
(ed.  Bauhinus.  Fkf.  1613)  2,  142.  ,,Galenus  gibt  den  Samen  ein  wieder  die  Gelbe- 
sucht." Den  gleichen  Übersetzungsfehler  hat  der  deutsche  bearbeiter  in  cap.  14 
batonica,  gemacht,  wo  er  v.  479  ictericos  curat  übersezt  hat  durcli:  ,,hilfet  den  die 
da  kichen,''  und  nochmals  in  cap.  21.  camomilla,  wo  er  ,,ictericis"  in  v.  572  des 
lateinischen  textes  verdeutscht  hat  durch  ,,swer  kichet." 

[x.]    Aue  tum,  tille,    der  ist  heyz  unde  trocken  in  dem  anderen 
grade,     tille  gesoten  unde  getrunken  gibet  den  wiben  milch,     daz  selbe 

[x.]     Macer  nr.  10.  s.  44.    Anethum.   v.  395  — 428. 

Nach  Choulant:  Anethum  graveolens,  Dill. 

(Vgl.  Silvat   c.  638.  fol.  164  *'  s.  v.  Uebet  arabice  ,  latino  vero  anetum). 

395  A  medicis  calidum  siccumque  refertur  Anethum, 


HALBERSTÄDTER  BRÜCKST.   V.  MACER  163 

vortribet  des  magen  ungemaoh.  swer  vil  vorletzet,*  de  neme  eyii 
teil  wazzeres  gesoteii  mit  tille  unde  trinke  daz  dicke,  iz  vorgeit.  daz 
selbe  getrunken  liilfet  die  mit  arbeyde  pisset,  tille  gestozen  unde  mit 
warmem  wazzere  gesoten  unde  getrunken  liilfet  wider  des  buches  unge- 
macli  unde  ist  gut  dem .  de  dar  nicht  wol  dowet.  swem  der  buch 
drintet^  von  suche,  der  pulvere  den  same[u]  unde  trinke  iz  mit 
warmem  wazzere.  iz  hilfet  in.  tille  stetiliche  genutzet  krenket  daz 
gesiebte,  die  worzele  zo  aschen  gebraut  ist  bezzere  dau  von  dem 
krude.     wen 


Et  dicuut,  quod  sit  gradus  huic  in  utroque  secundus. 

Lac  dat  abundauter  eius  decoctio  sumpta 

Nutrici ,  stomachique  solet  depellere  morbos, 

Tres  cyathos  eius  tepide  si  sumpserit  aeger; 
400  Indicio  ructus  est  qui  demonsfcrat  apertum 

Os  stomachi  ventumque  per  hoc  exisse  nocivum, 

Atque  gravis  tali  sedatur  nausea  potu. 

Provocat  urinas,  obstantia  quaeque  repellens, 

Matricemque  iuvat,  bene  si  foveatur  eadem. 
405  Cum  tepida  tritum  patiens  si  potet  Anethum. 

Intestinorum   curat  ventrisque  dolorem, 

Hoc  etiam  potu  digestio  tarda  iuvatur, 

Unde  minor  fieri  vis  egestiva  videtur. 

Assidue  bibitum  visum  nocet,  et  genitale 
410  Claudit  iter,  siccaus  humorem  semiuis  intus, 

Uvaque  si  nimio  turgens  humore  gravetur,' 

Suspeudit  pulvis  combusti  seminis  eius, 

Appositus  digitis,  aut  intus  clystere  fusus. 

Acrior  esse  ciuis  radicum  dicitur  eius, 
415  Rodit  cresceutes  ciuis  hie  in  vulnere  carnes, 

Ulcera  quae  serpunt,  et  sordida  vulnera  curat 


[x.]  1)  Vorlezet]  Eine  raudbemerkung  '".er  liandsclirift  erklärt  riclitig:  ad 
vomitnm.  Der  deutsche  boarbeiter  hat  die  gravis  nausea  in  v.  402  des  lateinischen 
textes  richtig  widergegeben  durch:  swer  vil  vorlezet,  wie  er  auch  in  cap.  14.  beto- 
nica  das  in  v.  470  des  lateinischen  textes  vorgefundene  voniitus  richtig  durch  vor- 
lazunge  übersezt  hat.  Diese  bedeutung  von  verlazen  und  verlazunge,  erbrechen, 
nciguug  zum  erbrechen,  aufstossen,  fehlt  in  den  mittelhochdeutschen  Wörterbüchern 
von  Müller -Zarncke  und  Lexer.  —  Konrad  von  Megenberg  im  Buch  der  natur 
(ed.  Pfeiffer.  Stuttg.  1861)  brauclit  für  dasselbe  s.  381  einen  anderen  gleielil>edea- 
tenden  ausdruck,  wenn  er  sagt:  Anetum  ist  guot  wider  daz  wüllen.  2)  drinden, 

11* 


164  G.   SCHMIDT 

schwellen,  anschwellen,  wird  von  Müller  -  Zarncke  und  Lexer  belegt.  —  Aus  einem 
lat.  -  niederd.  wörterbuche  in  einer  Berner  pergamenthdschr.  des  13.  jh.  (nr.  641) 
bietet  Graff  (Diutisca,  Stuttg.  1827.  2,  231"):  tumere,  swellen  vel  drenten ;  tunii- 
dus,  drentende.  Und  grade  auch  auf  dill  bezüglich  verzeichnet  Lübben  (mnd.  wör- 
terb.  1,  576'')  aus  einem  niederdeutschen  Herbarius  von  1483.  fol.  25  die  angäbe: 
„Werne  syn  bück  swyllet  edder  drinthet,  de  drinke  dylsad  ghepuluert  myd  warmen 
watere." 

[x.]  1)  So  gibt  Choulant  den  vers  nach  den  ältesten  und  besten  handschrif- 
ten,  zugleich  verweisend  auf  Plin.  H.  N.  20,  18,  74.  „  Cinis  ejus  uvam  in  faucibus 
levat;  oculos  et  geuituram  hebetat."  V.  413  ist  freilich  unklar  ausgedrückt;  es  soll 
damit  doch  wol  gemeint  sein :  die  asche  des  dülsamens  werde  mit  dem  finger  an 
das  geschwollene  Zäpfchen  gestrichen,  oder  mit  einer  spritze  eingesprizt.  Die  stelle 
scheint  bald  veranlassung  zu  misverständnissen  und  änderungen  gegeben  zu  haben. 
Statt  uvam  bieten  2  hss.  schon  des  13.  jh.  vulvam ,  und  die  von  Choulant  benuzten 
alten  drucke  s.  1.  et  a.  bieten:  Si  nimio  (nimis)  venter  turgens  humore  gravetur. 
Auch  der  deutsche  Übersetzer  scheint  diese  lesart  vorgefunden  zu  haben ,  wenn  er 
schreibt:  wem  der  buch  drindet  von  suche,  der  pulvere  den  same  usw. 

[xiv.    Betonica,    batonia] 

[bl.  2*]  batonia  eyn  gewichte  unde  wazzeres  dritte  half  teil  also  vil 
imde  daz  zusamene  getemperet  unde  warme  geiiutzet  vortribet  allir- 
haude  ungemach  des  buches.  batonie  mit  honige  genutzet  vortribet  den 
husten  unde  wechet  den  buch,  eyn  gewichte  wegebreiten  unde  zwi 
teil  batonien  gestozen  mit  warmem  wazzere  hilfet  vor  den  telichen 
riten/  ob  man  iz  warm  nutzet,  e  dan  den  menschen  der  rite  anege. 
batonia  unde  warm  wazzer  zusamene  ^  gestozen  geliche  vil  unde  ste- 
liche  ^   getrunken   hilfet   den  wazzersuchtigen.     die   worzele  gepulveret 

[xiv.]   Macer  nr.  11.  s.  46.  Betonica.  v.  429  —  491. 

Nach  Choulant:   Betonica  officinalis,  Betonie. 
(Vgl.  Silvat.  c.  83.  fol.  30"=  Bastare  arabice,  latine  betonica). 


460  Uncia  cum  cyathis  calidae  potata  duobus 

Dicitur  immodicum  ventris  sedare  dolorem. 

Haec  tussim  cum  melle  fugat,  ventrem  quoque  mollit. 

Unaquaque  die  febre  si  vexabitur  aeger 

üncia  iungatur  plantaginis  una  duabus 
465  Betonicae,  sie  cum  tepida  contrita  bibantur, 

Antea  quam  febris  praenuncia  frigora  fiant. 

Uncia  Betonicae  calidae  cyatho  resoluta 

Prodest  hydropicis,  si  sit  potata  frequenter. 

Radicum  pulvis  cum  mulsa  tritus  et  haustus 
470  Humores  (velut  elloborum)  vomitu  cito  purgat; 

Bis  binas  dragmas  praecepit  Plinius  harum 


HAXBEBSTABTER  BRÜCKST.   V.  MACER 


165 


Uüde  mit  miilsa  getriben*  machet  eym  semptte  voiiazuiige ,  di  den 
sicheu  menschen  ebene  subrit.  die  bletere  gepulveret  uude  getrunken 
mit  mulsa  helfen  den  gebrochenen  nidene,  daz  sin  die,  den  daz 
geweyde  in  daz  gemachte  gat.  daz  selbe  iz  gut  vor  daz  vallende 
genutzet,  daz  pulver  mit  wine  genutzet  ist  gut  vor  de  vorgift.  noch 
bezzer  ist  der  same.  batonia  mit  heyzem  ^  wine  genutzet  hilfet  den 
die  da  kichen.*^  ba  [bl.  2'']  tonia  pulver  eyn  bonen  gewichte  mit  honige 
gezzen  des  abendes  nach  ezzege  ^  hilfet  den  magen  unde  dowet  die 
spise.  swer  eynen  rink  von  batonia  machet  umme  nateren  oder  slan- 
gen ,  se  irbize  sicli  selbe  under  eynander ,  e  si  ober  den  rinch  gen. 
Mamonarius  eyn  meister  ^  si  zu  allen  arzedien  tun ,  want  si  kumit  dem 
magen  eben.  Plinius  spriket,  swer  sie  bi  em  habe,  deme  ne  muge 
kein  zobernisse  geschaden.  her  sait  mer,  swer  bleyche  varwen  habe, 
trinke  her  sie  dicke  mit  wine,  sie  vorgeit  unde  gewinnet  guten  varwe. 

Kadicum  dare  cum  passo  mulsove  bibendas,  ^ 

Praecipue  phlegma  vomitu  purgabitur  isto. 

Cum  mulsa  bibitus  prodest  pulvis  foliorum 
475  Kuptis   atque  steras  potus  levat  iste  cadentes.^ 

Cum  vino  sumptis  obstat  potata  venenis, 

Praecipue  semen,  quod  si  desit  datur  herba. 

Uncia  Betonicae  cum  vino  sumpta  tepenti 

Ictericos  curat;  cum  mulsa  menstrua  solvit; 
480  Pondere  vero  fabae  pulvis  cum  melle  voratus 

Post  coenam  stomachum  iuvat,  ut  bene  digerat  escam. 

Si  de  Betonica  viridi  sit  facta  Corona 

Circa  serpentes ,  ut  Plinius  asserit  auctor, 

Audebuut  nunquam  positam  transire  coronam, 
485  Sed  morsu  proprio  pereunt  et  verbere  caudae.^ 

Omnibus  antidotis  Menemachus  *  eam  sociari 

Praecipit,  ut  stomacho  magis  herbis  omnibus  aptam. 

Plinius  hanc,  inquit,  qui  secum  gesserit  herbam, 

A  nullo  poterit  nocuo  medicamine  laedi,^ 
490  Et  dicunt ,  quod  ea  cum  vino  saepius  hausta 

Plumbeus  abscedat  color  et  melior  revocetur. 

[xiv.]     1)    1.  tegelichen  d.  i.   das   tägliche   fieber.  2)   hs.  zuzamene 

3)  1.  stetiliche  4)  triben,  zetriben  ist  ein  mediciiiisclier  terminus  technicus  für 

reiben,  verreiben,  vgl.  Bech  zu  Hartmanns  büchl.  1,  1314.  Diut.  2,  271.  Jung. 
Tit.  ed.  Hahn  1653 ,  2.  5)  hs.  heyzen  6)  ictericos  curat,  vgl.  oben  anm.  3.  zu 
viij  atriplex.  7)  1.  ezzene  8)  fehlt  heyzet 

[xiv.]     1)  „Facilis  praestat   vomitiones   radix   Vettonicae    hellebori    modo  iy 
drachmis  in   passo   aut  mulso."    Plin.  HN.  26,  7,  25.  2)  „Stera  i.  q.   uterus 


166  G.    SCHMIDT 

apud  niedicos  medii  aevi,  vox  iareQa  mutilata,"  Choulant  zu  Macer  v.  13.  vgl. 
Silvat.  fül.  30'':  aus  ,,Dia."  d.  i.  Dioscorides,  ,,folia  eius  dantur  ad  conquassationes, 
et  de  alto  cadentibus  inedentiu-,  et  offocationcs  stericas  soluunt."  —  Der  Über- 
setzer hat  ruptus ,  nach  einer  damals  üblichen  ausdrucksweise ,  gefasst  als  ==  her- 
niosus.  Das  wort  stera  hat  er  unbeachtet  gelassen  und  übergangen;  vielleicht  mag 
CS  ihm  unverständlich  gewesen  sein.  In  folge  dessen  hat  er,  wie  es  scheint,  caden- 
tes  aufgefasst  als  =  morbo  caduco  laborantes.  Übrigens  emjj fehlen  auch  die  kräu- 
terbücher  des  16.  jh.  die  betonica  als  ein  wirksames  mittel  gegen  epilepsie,  und 
im  Ortus  sanitatis  (s.  1.  1517)  heisst  es  in  cap.  64  unter  Betonica:  „Epylenticis 
cum  aqua  bibita  maximum  presidiuin    est."  3)    ,,Morsibus  imponitur  Vettonica 

praecipue ,  cui  vis  tauta  perhibetur,  ut  iuclusae  circulo  eius  serpentes  ipsae  sese 
iuterimant   tlagellando."     Pliu.  HN.  25,  8,  55.  4)   Der   hier  und  v.  1166   vor- 

kommende name  erscheint  in  den  handschriften  und  ausgaben  mannigfach  entstelt. 
Menemacus,  Menemathus,  Meneachus,  Meneniacus,  Meniacus,  Moniacus,  Medea- 
cus.  —  Häser,  gesch.  d.  medicin  3.  a.  Jena  1875.  1,  273  nent  diesen  Menemachus, 
dessen  Schriften  verloren  sind,  unter  den  griechischen  methodikeru  nach  Thessalus. 
5)  ,,Tantumque  gloriae  habet,  ut  domus  in  qua  sit,  tuta  existimetur  a  piaculis  Omni- 
bus."   Plin.  HN.  25,  8,  46. 

[xv.]  [BJuglosa  heyzet  ossenziinge.  die  ^  iz  gut  genutzet  den 
lungen  sieben,  der  saf  mit  warmem  wazzere  geuutzet  vortribet  stia- 
sini,  daz  ist  die  svul  an  den  dien.^  die  wisen  sagen,  swer  den  Avin 
trinke,  da  daz  inne  gewecbet  si,  iz  gebe  eine  gut  gebucnisse.  swer 
daz  ^  crut  uimet  unde  sudet  iz  mit  wazere  unde  besprenget  damite  in 
der  wls  wutbscacht,''  iz  machet  die  geste  alle  vro. 

[xv.]     Macer  nr.  34.  s.  74.    Buglossa.  v.  1127  —1138. 
Nach  Choulant:  Anchusa  italica,  Ochsenzunge. 

(Vgl.  Silvat.  c.  506.  fol.  125"  s.  v.  Lingua  bovis  vel  buglossa). 

1127  Lingua  bovis  graeco  sermoue  Buglossa  vocatur. 


1132  Humores  nocuos  pulmonis  detrahit  hausta. 

Mixtus  aquae  tepidae  si  succus  sumitur  eius 

Uli ,  qui  patitur  sciasim ,  mire  medicatur. 
1135  Vim  memorem  cerebri  dicunt  servare  periti 

Vinum  potatum,  quo  sit  macerata  Buglossa. 

Laetos  convivas  decoctio  dicitur  eius 

Reddere,  si  fuerit  inter  convivia  sparsa. 

[xv.J     1)  hs.  die  die  2)    „Sciasis   {ia/jüg) ,   lendensucht;    die  geswulst 

am  diche  vel  an  dem  dein;  seuche  an  dem  dihen  vel  din."  Diefenb.  gloss.  lat. 
germ.  518''  vgl.  unten  in  ur.  xx  (centauria)  und  nr.  xxxij.  (caratum).  B)  hs.  dat 

4)  „ossentunge,  f.  buglossa  .  .  .  We  den  dranck  drincket,  dar  ossentunge  ynne 
leghen  hefft,  de  wert  vrolickos  modes.  Dar  warschopp  ys,  dar  strauwe  dat  sulue 
krut  vnder  de  voyte  edder  sut  dat  sulue  krud  in  watere,  dar  sprenge  mede  in 
der  war  seh  op,  dat  macket  dar  de  lüde  vrolick."  Eyn  schone  Arstedygeboeck 
usw.  f.  61.     Schiller  -  Lübben  mnd.  wb.  3,  244\ 


HALBERSTÄDTER  BRUCHST.   V.  MACER  167 

xvj.  Beta^  heyzet  beizgresse.  die  gesotcii  uiide  mit  seile  ^ 
gezzeri  iz  gut  den  die  milze  we  tut.  mit  ahme  gestozeu  vortribet  si 
daz  Jieylige  vür  unde  heylet  daz  brande,  beta  ro  gestozen  ist  eyii  war 
helfe  den  |2''|  sigenden  sweren  ^  an  dem  houbeto,  ob  man  sie  damite 
dicke  bestriket.  daz  selbe  hilfet  daz  scorveclite  houvet  baz  denne  wob.^ 
daz  wazzer,  da  beta  ist  inne  gesoten,  vortribet  de  scivern-^  an  dem 
houbete  damite  getwan.*^ 

Fehlt  bei  Macer,  findet  sich  aber  in  den  Paiidectae  medicinae  des 
Matth.  Silvaticus  cap.  98.  fol.  35"''  „Beta  vel  bleta  latine,  graece  stel- 
len (1.  rerrAo)')"  ....  „Dia.  (d.  i.  Dioscorides)  c.  de  beta:  lecore  labo- 
rantibus  et  spleneticis  cum  sinapi  utilissime  esui  datur.  ignes  sacros 
et  que  adusta  sunt  cum  albumine  ^  illiuita  restriugit.  ulccribus  in 
capite  manantibus  facit;  item  allopitiis^  cruda  trita  optime  illinitur. 
aqua  in  qua  est  cocta  furfures  capitis  eliminat."  etc. 

[xvj-j  1)  Beta  oder  blitus  haizt  piezen  kraut  oder  mangolt.  Konrad  v.  Megcn- 
berg,  buch  der  natur,  ed.  Pfeiffer.  Stuttg.  1861.  s.  387.  —  Gemeint  ist  Beta  vul- 
garis, Mangold.  2)  1.  senfe.  3)  d.  i.  fliesseuden,  nässenden  geschwiiren. 
4)  1.  wol            5)  schivern  ^  schuppen.  6)  =  getwagen,  gewaschen. 

[xvj.]  albumeu  oder  alunion  hat  im  mittellatein  ganz  gewönlich  die  bedcu- 
tung:  eiweiss.  Der  bearbeiter  des  deutschen  Macer  scheint  in  seinem  lateinischen 
Dioscoridestexte  alumen  gefunden  zu  haben ,  und  hat  dies  als  alaun  verstanden  und 
übersezt.  2)   allopitia,  allopitium  =  defluvium  capillorum,  akiojif/.ta.     Bei  Pli- 

nius  widerholt  pluralisch  gebraucht  alopeciae:  HN.  12,  22,  43;   23,  6,  54;   24,  19, 
108;   25,  2,  6;  29,  6,  34. 

[xvij.|  [Cjycuta  heyzet  woterscherling  ^  unde  ist^  von  kalder 
nature  unde  ist  also  engeslich  genutzet  also  vorgift.  man  machet  och 
darabe  vorgift.  unde  weme  mite  vorgebin  wirth ,  der  weirt  vleckeht,^ 
daz  sint  sine  zeichen,     swer  in  genutzet,    der  werme  starken  win  unde 

[xvij.]     Macer  nr.  65.  s.  112.  Cicuta.  v.  2029  —  2055. 

Nach  Choulant:  Conium  maculatum,  Schierling. 

(Vgl.  Silvat.  c.  657.  fol.  158 '^  s.  v.  succarum  arabice ,   graece  conisa  vel  tenela  vel 

conium  (i.  e.  xiörtior) ,  latine  vero  cicuta). 

Frigida  letiferae  vis  est  natura  Cicutae, 
2030  Unde  necat  gelidi  potantes  more  veneni. 

Qui  perit  hac  herba,  cutis  eins  fit  maculosa, 
Unde  genus  mortis  valet  haec  per  signa  probari. 


2037  Hac  sumpta  si  quis  morti  sit  proximus  herba 
Forte  merum  tepidum  bibat  evadetque  periclum. 


168  G.    SCHMIDT 

trinke  den:  lege  her  amme  tote,  her  genese,  swe  her  ein  vorgift  si 
gezzen ,  her  ist  ^  doch  zu  nianige[n]  dingen  gut.  swar  die  ougen  irhitzet 
sin ,  stoz  des  woterscherlinges  bletere  unde  lege  sie  uf  den  dunnig :  •'' 
iz  hilfet.  oder  nini  den  saf  unde  bestrich  de  ougen  damide.  man  vor- 
tribet  och  also  daz  heylige  vür.  swelchem  wibe  die  milch  werret, 
de  stampe  si  unde  lege  si  uf  die  zitzen  mit  dem  *^  saffe ,  si  werden 
nicht  grozer,  iz  vortribet  raenslichen  lust,  swer  sie  mit  dem  saffe 
umme  die  burst  bestriket.  wider  de  podagram  an  den  vozen  so  nim 
cycutam  unde  smer  unde  selberscum  unde  lege  [2  ^]  daz  als  eyn  plaster 
ufm  voz ,  iz  hilfet.  cycuta  gestozen  ist  vor  allerhande  unrechte  heytze 
gut,  ob  man  si  daruf  leget  odir  bindet. 

Sed  quamvis  potu  solet  haec  assumpta  nocere, 
2040  Magnifice  tanien  appositu  solet  illa  iuvare. 

Aestivas  mire  iuvat  epiphoras  oculorum, 

Si  frons  contritis  foliis  sit  operta  virentis, 

Vel  si  sint  eius  circumlita  lumina  succo. 

Hac  quoque  pellentur  sacer  ignis  et  herpeta  cura. 
2045  Tradit  Anaxilaus,^  si  succo  saepius  eius 

Virgo  linat  mammas,  sibi  cum  turgescere  primum 

Incipient,  modicas  semper  stantesque  mauere. 

Lac  contrita  virens  mammis  superaddita  siccat. 

Exstinguit  vener em ,  iiuxum  quoque  seminis  omnem 
2050  Si  pecten  ^  trita  cataplasmes  saepius  illa. 

Argenti  spumae  commiscens  hanc  adipique 

Apponas  calidae  cataplasma  salubre  podagrae. 

Et  per  se  tali  multum  prodesse  probavi, 

Singula  cur  memorem,  nocuum  quemcunque  calorem 
2055  Apposita  trita  poteris  curare  cicuta. 

[xvij.]     1)  hs.  weischerling  2)  ist  fehlt.  3)  hs.  vleckeit  4)  ist 

feil  lt.  5)  Schläfe,   gekürzt  aus  tiinewenge.     Vgl.  Lexer  2,  1569.     Diefenb. 

584".  —  Aus  einem  ms.  des  15.  jh.  notierte  ich  mir:  las  im  (dem  pferde)  zweii 
ädern,  an  itlicliem  dunynge  eine.     bech.  6)  hs.  den. 

[xvij.J  1)  Die  hss.  geben  den  uanien  meist  sehr  verderbt:  Anislaus,  Anisi- 
lagus, Anisilas,  Anasifilas,  Anafilus,  Anasilas,  Anasillas.  Macer  hat  aus  Plinius 
HN.  25,  13,  95  geschöpft,  und  demgeraäss  haben  auch  die  herausgeber  die  rich- 
tige namensform  hergestelt:  ,,Anaxilaus  auctor  est  mammas  a  virgiuitate  inlitas 
semper  staturas;  quod  certum  est,  lac  puerperarum  mammis  inposita  exstinguit 
veneremquo  testibus  circa  pubertatem  inlita."  2)  pecten  i.  e.  regio  pubis,   in 

Übereinstimmung  mit  der  eben  angeführten  stelle  des  Plinius.  Statt  dessen  bieten 
die  ausgaben  des  Atrociauus  (1527)  und  des  Pictorius  (1559)  poctus,  und  dieselbe 
falsche  lesart  scheint  auch  der  deutsche  bearbeiter  schon  vorgefunden  zu  haben. 


HALBERSTÄUTEE    BRÜCIIST.       V.    MACEK  169 

[xviij.]  [C]eriofilum  lieyzet  kcrbcle  unde  ist  trockener  imde  bey- 
zer  nature.  kerbelc  mit  boiiige  gestozeii  unde  uf  den  canenim  gele[i]t 
hilfet.  Cancer  ist  eyu  böse  geswere  unde  bat  vil  lokere  unde  sigen 
steliclicn.*  kerbelo  mit  wine  getrunken  bilfet  der  wetunden  siten.  mit 
olei  gcsoten  unde  angestriken  vortribet  daz  kalde.  kerbelc  stozen  mit 
starkem  ezzige  unde  getrunken  vortribet  de  spulworme.  mit  wine 
genutzet  vürdirt  die  wip  an  ir  sucbe.  kerbele  mit  ungenutten  ^  wachse 
unde  mit  aldem  sniere  gestozeu  vortribet  de  bösen  sweren  bi  den  oren. 
daz  selbe  vortribet  allirliande  suche  des  buches,  swer  si  izzet  in  star- 
kem ^  ezzige ,  si  vortribet  daz  spien  unde  vortribet  och  de  rure  also 
genutzet,  kerbele  gestozen  unde  uf  den  buch  geleit  hilfet  den  de  mit 
not  pisset,  went  si  rumet  im  den  vorstopfeten  wech. 

[xviij.]     Macer  nr.  27.  s.  66.  Cerefolium.  v.  928  —  946. 

Nach  Choulant:  Sc  and  ix  cerefolium,  Kerbel. 

Est  Cerefolio  vis  acris  et  ignea  valde. 

Appositum  cancris  tritum  cum  melle  medetur. 
930  Cum  vino  bibitum  lateris  sedare  dolorem 

Saepe  solet,  tritam  si  nectis  desuper  herbam. 

Cum  mulsa  bibitum  pituitae  noxia  solvit, 

Ex  oleo  coctum  frigus  depellit  inunctum, 

Si  tritum  mixto  violento  solvis  aceto 
935  Lumbricos  tali  potu  tineasque  repellis. 

Cum  vino  ciet  urinas  et  menstrua  purgat. 

Virgiue  cum  cera  vetus  huic  axungia  mixta 

Nou  modo  parotidas  verum  quoscunque  tumores 

Curat  vel  reprimit,  si  saepius  hoc  superaddas. 
940  Intinctum  valido  si  mauducetur  aceto 

Saepe  solet  vomitum  veutremque  teuere  solutum ; 

Si  trito  tegitur  pecten  succusque  bibatur 

ürinae  clausos  reserat  quoscunque  meatus; 

Illius  elixatura  vertigo  fugatur, 
945  Si  Caput  hac  tepida  patientis  saepe  lavetur 

Herbaque  temporibus  et  fronti  cocta  ligetur. 
[xviij.]     1)  wol:  siget  stetilichen ,   nässt  beständig.  2)   mhd.  uugenoetet, 

ungenot;     Diefenb.    gloss.   lat. -germ.  113'':    cera    non    liquefacta    ungenodiget    vel 
ungenuettet  was.     bech.  3)  hs.  starken 

[xix.]    [C]oriander  ist  kalt  unde  eyu  teil  trockener  nature.   dorch 

[xix.]    Macer  nr.  29.  s.  68.     Coriandrum.  v.  957  —  987. 
Nach  Choulant:  Coriandrum  sativum,  Koriander. 
(Vgl.  Silvat.  c.  250.  fol.  66*^  s.  v.  Daybora  arabiee  .  .  .  lat.  vcro  coriandrum). 
Frigida  vis  herbae  Coriandri  dicitur  esse, 


170  G.    SCHMIDT 

daz  sait  Galienus,  daz  iiicheiu  ^  crut,  mit  wiiie  gestozeu,  unde  getrim- 
keii  baz  vortribet  di  spulworme,  oder  [bl.  3*]  die  in  nutze  mit  ezzige. 
der  koriander  mit  getrockenen  ^  wiubern  uude  mit  honige  gestozen  vor- 
tribet swaz  zutrunden^  ist  unde  nemeliche  an  dem  gemechte,  ab  daz* 
zutrunden  ist.  korianders  same  mit  wazzere  dicke  getrunken  vortribet 
de  rure.  von  korianders  same  silberscum  blywiz  ezzech  rosenolei,  di 
vunf  zusameue  ^  getan ,  da  mache  von  eyue  salbe ,  damite  vortribet 
man  daz  heilige  vür  unde  allirhaude  svul,  de  sich  von  hitzen  irhebet. 
dunket  aber  sogetane  temperunge  dich  zu  swar,  koriander  same  mit 
ezzige  getemperet  hilfet.  och  ist  gut  eyn  brosme  brodes  gewichet  in 
korianders  saflfe,  daz  vortribet  böse  hitze,  swar  iz  ufgeleit  wirt.  der 
saft  mit  mele  von  bone[n]  zusamen  ^  getemperet  vortribet  die  swartzen 
bletere,  wirt  iz  daruf  geleit.  iz  ist  och  gut  uf  de  druse  geleit,  de  da 
scrofelen  ^  heyzen ,  want  iz  se  swendet.  iz  sagen  och  sumeliche  mei- 
stere, swer  die  terciane  habe,  izzet  her  dru  korianders  samen  kornere, 
e  iz  ene  anegeit,  iz  hilfet.  iz  hilfet  och  vor  de  [bl.  3**]  selbe  suche,  swer 
den   koriander   leset   des   morge[n]s,    e   die  sunne   ufgeit,    unde  leg  ez 

Austeraeque  simul  quiddam  virtutis  habere 
Hanc  Galienus  ait,  per  quam  depellere  ventre 

960  Lumbricos  tineasque  solet,  si  trita  bibatur 
Cum  vino  vel  si  mixto  sumatur  aceto. 
üva  cum  passa  Coriandrum  melque  iugatum 
Sedabunt  varios  superaddita  trita  tumores, 
Praecipue  festes  tumidos  iuvat  hoc  medicameu. 

965  Illius  semen  veutrem  stipare  solutum 

Fertur,  aquae  iunctum  fuerit  si  saepius  haustum. 
Argenti  spumam  cerussae  contere  mixtam 
His  tritis  succum  Coviandri  iunge  et  acetum, 
Quattuor  his  roseum  miscendo  iugabis  olivum, 

970  Ista  tereudo  simul  pretiosum  conficis  unguen. 
Quo  sacros  ignes  pellas  calidosque  tumores; 
Si  tibi  difficilis  confectio  tanta  videtur, 
Succus  cum  solo  prodest  commixtus  aceto; 
Aut  si  frumenti  panis  mundissima  mica 

975  lungitur  huic  succo,  sedat  quemcunque  calorem. 
Huic  succo  si  iuncta  fabae  sit  sola  fariua 
Et  superaddatur,  scrophis  medicabitur  illis 
Et  cedet  fervens  emplastro  pustula  tali. 
A  multis  scriptum  legitur:  febris  ante  tremorem 

980  Si  tria  grana  voret  Coriandri  seminis  aeger. 


IIALBRRST.VDTER    BRüCHST.       V.    MACER  171 

linder  des  sechcii  houbet,  als  iz  eue  auegan  wcl.  Xeiiocrates  ^  eyn 
meister  der  sait:  swo  inaniiicli  korianders  sameukorn  ein  wip  ezze,  also 
mau[n]ich  ^  voimide  sie  ir  suche,  koriaiider  steteliche  gezzen  brenget 
den  tot  oder  groze  suche. 

Evadet  febrem  ciii  dat  lux  tertia  nomen; 
Praestat  idem  lectuni  Coiiandruni  niaiie  piiusquam 
Sol  surgat  cervicali  si  subditur  aegi'i. 
Xenocrates  ^  scripsit  totidem  cessaie  diebus 
985  Menstrua  quot  uiulier  Coriandri  grana  vorabit. 
Assiduum  quidam  condemnant  illius  usum, 
Nempe  putaiit  mortem  quemvisve  parare  dolorem. 

[xix.J     1)  hs.  iiirheim  2)  h.s.  getrockener  3)  -=  zutninnen,  geschwol- 

leu.  Müller- Zar ncke,  lulid.  wb.  1,  393".  s.v.  zedrinden.  Diefenb.  gloss.  lat.  germ. 
601  ^  s.  V.  tumidus.  4)  hs.  ab  sie  daz  5)  bs.:  zuzamene         6)  bs.  zuzamen 

7)  hs.  scurselen  8)  hs.  Xenonates  ji)  fehlt  tage. 

[xix.]  1)  Die  erwähiiung  dos  Xenocrates  scheint  Macer  aus  der  damals  gang- 
baren lateinischen  Dioskoridesübcrsetzuug  entnommen  zu  haben.  Auch  bei  Silvati- 
cus  heisst  es  am  ende  des  mit  .,üia"  (d.  i.  Dioseorides)  bezeichneten  abschuittes: 
,,Mirum  est  ij^uod  Xenocrates  tradit,  si  unum  semiuis  granum  feniina  biberit,  uno 
die  ei  menstrua  contineri,  si  duo,  et  totidem  iam  diebus,  quot  grana  sumpserit."  — 
Über  Xenocrates  von  Aphrodisias ,  den  Verfasser  eines  pharmacologischen  Werkes, 
um  50  —  70  u    C  s.  Häser,  gesch.  d.  medicin.    3.  a.    Jena  1875.  1,  300, 

[xx.]  [C]entauria  beyzet  zauterne,^  ist  trokener  uature,  darum 
heylet  sie  wol  vrische  w[u]nde.  ceutauria  gesoten  unde  binden  mit 
eyme  kleistire  ingetriben  vortribet  stiasim,  die  suche  an  den  dien  als 
eyn  s[vjul,-  daz  selbe  hilfet  den  wetimden  seuadereu,  ob  si  damite 
bebet  werden,  der  centaurien^  saft  genutzet  brenget  den  vrowen  ir 
suche,     daz   selbe   genutzet   bringet    daz  tode   kint  uz  dem  übe.'*     daz 

[xx.]    Macer  nr.  53.  s.  99.     Centaurea  v.  1709  —  1727. 
Nach  Choulaut:  Erythraea  centaurium,   Tausendguldenkraut. 
(Vgl.  Silvat.  c.  150.  fol.  52''  s.  v.  Centaurea). 
Sunt  Centaureae  species  maiorque  minorque, 
1710  üt  suprascriptis  dixi  de  pluribus  herbis; 

Sed  quia  perpaucis  species  est  cognita  maior, 
Hanc  praetermittens  vires  narrabo  minoris, 
Quam  notam  cunctis  credo  vulgaribus  ipsis. 
Desiccativae  virtutis  dicitur  esse, 
1715  Non  modicum  piagas  congiutinat  inde  recentes, 
Inque  cicatricem  veteres  supperaddita  ducit. 
Uli,  qui  sciasim  patitur,  decoctio  mire 


172  G.    SCHMIDT 


selbe  crut  geuutzet  mit  wiiie  tribet  durcli  den  menschen  in  eyner  mre, 
swaz  her  vorgift  genutzet  hat.  centauria  mit  honige  getempeiet  vor- 
tribet  den  scemen.  der  centauream  saft  sal  man  in  dem  herbeste 
gewinnen  unde  trocken  an  der  sunnen,  der  ist  gut  zu  allen  dessen 
dingen,  als  ir  habet  hirvor  ^  voruomen.  [bl.  3"] 


Prodest,  illius  si  sit  subiecta  per  anum; 
Sanguine  detracto  sedat  mox  illa  dolorem, 

1720  Fomento  nervis  eadem  medicabitur  aegris. 
Illius  succus  deducit  menstrua  sumptus, 
Pellit  abortivum;  medicamina  cuncta  maligna 
Cum  vino  sumptum  dicunt  purgare  per  alvum. 
Melle  sibi  iuncto  caligine  lumina  purgat. 

1725  Illius  exprimitur  autumni  tempore  succus, 
Quem  desiccatum  ferventi  sole  repouunt 
Ad  rerum  curam,  quas  diximus  ante,  salubrem. 

[xx.]  1)  santorij ,  santorie  ist  die  uiederländische  benennung  des  tausend- 
guldenkrautes ;  engl,  the  lesscr  centorij.  Nemnich,  polygl.  lex.  d.  nat.  gesch.  s.  v. 
Gentiana  ceutauriiiui.  2)  hs.  plaster  ful.  —    ,,Sciasis,  seuclie  an  dem  dihen  vel 

din;    ez  ist  an  dem  ding    (1.  dien)   also  ein  geswulst."     (Aus   einer  Frankf.  hs.  des 
14.  jh.)     Diefenb.  gloss.  lat.  -  germ.  518 ''.  3)  hs.  scentaurien  4)  hs.  Üben 

5)  hs.  irvor 

[xxj.]  [C]amonilla,  wizseblumen  ist  eyu  wolrechende  crut  unde 
ist  drierhande:  ir  izlich  irkenuet  man  bi  der  blümen.  in  allen  ist  die 
blume  mittene  goltvar  unde  ummesatzet  mit  bleteren  maniger  var,  die 
eine  mit  witzeu ,  die  ander  '  mit  swarzen ,  die  dritte  pfellervar :  unde 
sint  alle  heiz  unde  trocken  in  dem  ^  ersten  grade,  swellich  iz  si ,  dicke 
getrunken  mit  wine  hilfet  dem,  der  mit  arbei(t)  harnet,  unde  vortribet 

[xxj.]     Macer  nr.  14.  s.  51.    Chamomilla.   v.  549  —  591. 

Nach  Choulant:  Matricaria  chamomilla,  Chamillen. 

(Vgl.  Silvat.  c.  87.  fol.  32  ^  s.  v.  Bebonig  .  .  .   lat.  camomilla). 

Anthemim  magnis  commendat  laudibus  auctor 
550  Asclepius,*  quam  Chamaemelum  nos  vel  Chamomillam 
Dicimus;  haec  multum  redolens  est  et  brevis  herba, 
Herbae  tam  similis ,  quam  iusto  nomine  vulgus 
Dicit  Amariscam,'^  qiiod  foeteat  et  sit  amara, 
Ut  collata  sibi  vix  discernatur  odore. 
555  Auetores  dicunt  species  tres  illius  esse, 
Quas  solo  florum  distingui  posse  colore 


HALBERSTÄDTER  BRÜCKST.   V.  MACER  173 

den  stein  in  der  blasen,  de  wizseblome  gesoten  mit  wazzere  vurdirt 
de  wip  au  ir  suche,  ab  sie  zu  lange  sumen  unde  ab  man  si  mit  dem 
braden  underroucliet  unde  den  buch  mite  bebet  oder  ob  sie  sie  dicke  ^ 
trinke  mit  wine,  daz  selbe  stillet  des  buches  curren.^  daz  selbe  hilfet 
getrunken  den  zusw[o]llen  mageu.  camomilla  gestozen  mit  honige  oder 
alleyne  unde  under  de  engen  gestrichen  ist  gut  der  scelenden  ^  hut. 
camonilla  gesoten  ist  gut  genutzet,  swer  kichet.  se  hilf(t)  sere  dicke 
genutzet  der  sieben.*^  swelch  wip  mit  eyme  toden  kinde  arbeydet,  die 
trinke  se  mit  wine  unde  wirt  ledich.  swer  daz  kalde  hat,  der  side 
wizse  mit  olei  unde  als  in  wil  daz  anegan,  man  bestrike  in  damite, 
daz  kalde  vorgeyt  und  ettesswelie  der  suche  [bl.  3"^]  gar.  die  selbe  salwe 
hilfet  sweme  undir  den  rippen  we  tut.  swem  de  natere  gestichet,  der 
neme  dru  pennig  wichte  der  pellelvarn  wizseblomen  unde  nutze  se 
mit  wine ,  iz  vorgeyt.  swer  hat  egiloppas  '  —  egilope  ist  eyn  suche, 
in  des  ougen  winkel  wesset  eyn  vleisch,   daz  tränet  — ,   der  kowe  sie 

Tradunt:  est  cunctis  medius  flos  aureus  illis, 

Sed  variis  foliis  flos  circumcingitur  ille, 

Albi  vel  nigri  sunt  purpureive  coloris. 
560  Dicitur  Anthemis  proprio ,  cuius  foliorura 

Purpureus  color  est,  maiorque  et  fortior  haecest; 

At  Leucanthemum  foliis  deprehenditur  albis, 

Melinis  Chrysanthemum;  vis  omnibus  illis 

Sicca  calensque  gradu  primo  conceditur  esse. 
565  Provocat  urinam  cum  vino  quaelibet  hausta, 

Vesicae  frangit  lapides  et  meustrua  purgat, 

Si  foveatur  aqua  matrix  qua  cocta  sit  herba. 

Aut  si  cum  vino  potetnr  saepius  illa; 

Tormina  sie  sedat,  stomachique  inflatio  potu 
570  Pelletur  tali.     Squamas  de  vultibus  anfert, 

Si  tritam  apponas  solam  mellive  iugatam. 

Ictericis  prodest  eins  decoctio  sumpta 

Et  mire  prodest  iecoris  potata  querelis, 

Pellere  cum  vino  potata  refertur  abortum. 
575  Hac  oleo  cocto  foveas  si  febricitantem 

Frigus  depelles,  febrem  quoque  saepe  fugabis; 

ünguine  purgantur  hypochondria  turgida  tali. 

Pestiferos  morsus  serpentum  pondere  dragmae 

Cum  vino  prohibet  Anthemis  sumpta  nocere. 


584  Aegilopas  curat,  si  quis  commasticet  illam 


174  G.    SCHMIDT 


unde  lege  sie  iif  die  ougen ,   iz  vorgeit.     daz  selbe  subrit   die  eitberen 
sweren  und  beylet  sie. 

585  Et  sie  appoiiat;  sie  iilcera  sordida  purgat. 


[xxj.]     1)  hs.  anden  2)  bs.  den  3)  hs.  dricke  4)  d.  i.  knurren 

5)  =   sich  abschälend.  6)  fehlt  leberen?  7)  =  aegilopa,  die  tränenfistel. 

[xxj.]  1)  Anthemis  magnis  laudibus  celebratur  ab  Asclepiade  . .  .  genera  eius 
tria  flore  tantum  distant,  palmum  non  excedentia,  parvis  floribus  rutae,  candidis, 
aut  malin is  (var.  melinis),  aut  pnrpureis.  Plin.  HN.  22,  21,  26.  —  Auch 
anderwärts  findet  sich  durchweg  die  Unterscheidung  derselben  drei  färben  der  rand- 
blümchen:  weiss,  gelb,  roth.  So  bei  Silvaticus  fol.  82'',  nach  ,,Dia"  (d.  i.  Dio- 
scorides):  ...  „  huius  herbe  tria  sunt  genera  habentia  in  flore  distantiam  ....  supe- 
rius  capitellum  rubicundum,  cum  quadam  rotunditate,  habens  de  intus  aureum 
florem,  qui  exterius  foliorum  obiectione  tegitur  alborum  ,  aut  mellini,  aut  pur- 
purei  coloris,"  und  nach  „Aui."  (d.  i.  Avicenna):  „...  camomilla.  ex  ea  alia  est, 
cuius  flos  est  citrinus,  et  alia  est,  cuius  flos  est  purpureus,  et  alia  est  alba, 
cuius  est  albus,  et  hec  est  nota."  Ebenso  bei  Megenberg,  Buch  der  natur,  ed. 
Pfeiffer  s.  388:  ,,  Camomilla  haizt  gamillen,  und  daz  kraut  ist  dreierlai.  daz  ain 
hat  weiz  pluomen,  daz  ander  gel,  daz  dritt  purpcrvar."  —  Auch  . Macer  selbst 
sagt  mit  ganz  derselben  Unterscheidung  v.  560  fgg. :  die  Antlicmis  mit  purpurfar- 
benen randblümchen  sei  die  eigentliche  Anthemis ,  die  mit  weissen  heisse  Leucan- 
themum ,  und  die  ndt  quitteugelben  (melinis,  mellinis)  heisse  Chrysanthemum. 
Um  so  auffälliger  ist,  dass  er  in  dem  unmittelbar  vorhergehenden  verse  weisse, 
schwarze  und  purpurfarbige  randblümchen  unterscheidet.  Nigri  scheinen  alle 
handschriften  und  alten  ausgaben  zu  bieten:  nach  der  angäbe  von  Choulant  in  sei- 
nem Apparatus  criticus  wäre  es  erst  in  den  Basler  ausgaben  von  Pictorius  (1559. 
1581)  in  lutei  verbessert.  Auch  der  deutsche  Übersetzer  muss  in  seiner  lateinischen 
vorläge  das  widersinnige  nigri  vorgefunden  haben.  Vielleicht  mag  dieses  wunder- 
liche nigri  entstanden  sein  aus  irriger  auffassung  der  angäbe  von  Plinius  (a.  a.  o.): 
,,nonnulli  nielanthion  vocant."  (var.:  melanthemon ;  gr.  tuskävDfjuov,  bei  Diosc. 
3,  154).  2)  ,.Amarica  s.  Amarista  herba  est  Anthemis  Cotula"    (stinkende  Ka- 

mille, Hundskamille).     Choulant. 

[xxij.]  [CJolubrina  heyzet  uaterwort  uude  daz  von  reclite.  wen 
swer  de  worzelen  stozet  unde  sieb  damite  bestriebet,  se  vortribet  aller- 
bande  natere  vorgift.     Swer  sie  bi  eme  treget,    der  ist  sieber  vor  der 

[xxij.]    Macer  nr.  54.  s.  99.    Colubrina.  v.  1728  — 1765. 

Nacb  Cboulant:  Arum,  Natterwurz.^ 

(Vgl.  Silvat.  c.  637.  fol.  154°  s.  v.  öerpentaria,    vel  viperina,    vel  colum  dracmiis 

latine  ,  luf .  .  .  arabice  ,  grece  dragontiura). 

Herba,  Dragouteam  Graecorum  quam  vocat  usus, 
Haec  eadem  vulgi  liugua  Colubrina  vocatur, 
1730  Quod  colubro  similis  maculoso  cortice  surgit, 
Ex  quibus  antiquis  expertum  credimus  esse, 


HALBERSTÄDTER    BRUCIIST.      V.    MACER  175 

nateren.  colubviiia  mit  wiiie  £fenulzet  vortribot  swaz  die  natere  gest- 
ehet, der  samtMi  satt'  mit  olei  getemperet  uiule  in  daz  ore  gegozen 
vortribet  die  serdo.'  in  dem  selben  saffe  w[u|llen  genutzet  ^  iinde  in 
de  nase  gestozen  ist  gut  vor  eyne  suche,  di  heyzet  polipns ,  daz  ist 
das  stinkende  vleisch,^  daz  in  der  nasen  wesset.  daz  selbe  ist  gut 
vor  den  cancrum.  Cancer  ist  eyn  swere,  da  vil  löchere  inget  unde 
siget  unde  heylet  ungerue.  der  worzelen  saft  an  di  ougen  gestrichen 
vortribet  den  scimen  unde  manicher  bände  suche ,  die  den  *  ougen  wer- 
ren.  noch  heyzer  ist  iz  mit  honige  getemperet,  unde  och  ist  die  wor- 
zele  gut  gegezzen  zu  den  ougen.  dritzich  samencorn  genutzet  mit  pusca 
vortribet  allirhande  schimen  unde  machet  die  ougen  dar.  pusca  iz 
zwei^ 


Quod  queat  a  simili  colubrina  venena  fugare. 
Quisquis  se  trita  radice  perunxerit  eius, 
Tutus  ab  incursu  serpentum  dicitur  esse; 

1735  Morsibus  illarnm  cum  vino  sumpta  medetur. 
Si  iungas  oleum  cum  succo  seminis  eius 
Auribus  infundeus  poteris  sedare  dolorem; 
Hoc  succo  lanam  madidam  si  uaribus  addas, 
Compesces  morbum ,  qui  polypus  est  vocitatus ; 

1740  Sic  etiam  cancris  magnum  solet  esse  iuvamen. 
Succo  radicis  eius  caligo  fugatur 
Et  varii  morbi,  quos  lumina  perpetiuntur, 
Ex  ipso  puro  si  sint  lita  melleve  mixto; 
Et  prodest  oculis  radix  si  manditur  assa; 

1745  Cum  pusca  granis  ter  denis  seminis  haustis 
Lumina  munda  ferunt  pulsa  caligine  reddi. 


[xxij.]  1)  serde  =  schmerz.  2)  1.  genetzet  3)  lis.  vleischs  4)  hs.  dan 
5)  „puscha,  daz  ist  czway  tail  wasser  vnd  ein  teil  wein."  Diefenb.  gloss.  lat. - 
germ.  474*  aus  einem  Münchener  zu  anfange  des  15.  jahrh.  geschriebenen  Voca- 
bularius  rerum. 

[xxij.]  1)  Was  hier  von  den  Wirkungen  der  Colubrina  ausgesagt  wird,  berich- 
tet Silvaticus  unter  beziehung  auf  Dioscorides  von  seiner  Serpentaria,  und  Taber- 
njBmontanus  (Kreuterbuch ,  herausg,  von  Bauhinus.  Fkf.  1613)  2,  443  fgg.  von  sei- 
nem „Dracontium,  Drachenwurtz."  Beide  unterscheiden,  jener  seine  Serpentaria, 
dieser  sein  Dracontium,  von  Arum ,  welches  leztere  jener  in  cap.  1.  fol.  1*  s.  v. 
Aaron  (vel  Serpentaria  minor,  aliter  Pes  vituli),  dieser  2,  444  fgg.  unter  Arum, 
Aren  besonders  abhandelt.  —  Jene  colubrina  (serpentaria,  dracontium)  mag  wol 
unserem  Arum  dracunculus,  das  Aaron  oder  Arum  des  Silvaticus  und  Tabcrntemon- 
tauus  dagegen  unserem  Arum  maculatum  entsprechen. 


176  G.    SCHMIDT 

[xxvij.  zedoar,  beyzet  zitwar]  ^ 

[bl.  4*]  den  sterbit  die  spulwonne.    gezzen  vortribet  ber  den  knobelokes 
rüch  uz  dem  munde. 


[xxvij.]     Macer  nr.  71.  s.  117.     Zedoar.  v.  2131  —  2140. 

Nach  Cboulant:  Curcnma  Zedoaria,  Zitwer. 

(Vgl.  Silvat.  c.  711.  fol.  168 '^  s.  v.  Zedoaria). 

Lurabricos  ventris  depellere  dicitur  haustum; 
Allia  quem  faciunt  foetorem  pellit  ab  ore 
2140  Et  nimium  bibiti  vini  depellit  odorem. 

[xxvij.]  1)  Hier  fehlt  ein  blatt  mit  dem  schliiss  von  xxij  (colnbrina).  xxiij. 
xxiv.  XXV.  xxvj  und  dem  grössten  teil  von  xxvij. 

[xxviij.]  [Cjynama  beyzet  cynamin,  de  ist  drier  bände,  der 
cleineste  ist  de[r]  beste  unde  baz  zengret  ^  unde  bizent  au  de  zungen. 
der  sterket  den  magen  unde  trockent  sine  böse  vucbticheit  unde  maket 
in  wol  dowen  geuntzet  unde  heylet  die  leberen.  genutzet  subrit  be  de 
wip  au  ir  suche  unde  vortribet  den  vuchten  husten  unde  och  der  sun- 
den.2  einer  hande  wazzersucht,  heyzet  timpaua,  die  vortribet  her  unde 
trockent.  cynama  geuutzet  unde  lendeusichen.^  iz  vortribet  och  vor- 
giftige bizze,  daruf  geleit  oder  genutzet,  unde  trockent  die  vuchten 
humores.     gestozen  mit  starkem  wine  unde  under  die  ougen  gestrichen 

[xxviij.]     Macer  ur.  73.  s.  118.   Cinnama.  v.  2147  —  2164. 
Nach  Choulaut:  Laurus  cinnamomum,  Zimmt. 

(Vgl.  Silvat.  c.  202.  fol.  66*  s.  v.  Darsen  arabice,  grece  et  latine  Cinomomum). 

Cinnama  tres  species  dicuutur  habere,  sed  harum 
Est  pretiosa  magis,  quae  plus  subtilis  habetur 
Et  quae  phis  mordet  mixta  dulcedine  linguam. 

2150  Humores  stomachi  siccat,  corroborat  ipsum, 
Et  facit  acceptas  ut  digerat  ocius  escas. 
Sumptum  curat  hepar  lotiumque  et  menstrua  purgat, 
Humida  tussis  eo  sedabitur  atque  catarrhus. 
Hydropisis  speciem,  cui  praebent  tympana  nomen, 

2155  Sumptum  non  modicuni  reprimit  renumque  dolorem; 
Reptilium  morsus  curat;  si  iungitur  illis, 
Quae  curant  oculos  humores  siccat  aquosos. 
Si  bene  contritum  forti  miscetur  aceto 
Liberat  apposituni  tetra  lentigine  vultum, 

2160  Sicque  iuvat  morbum  qui  ducit  ab  impete  nomen. 


HALBRRSTÄDTER  BRÜCKST.   V.  MACER  177 

vortribet  her  daz  gesehiverte/  die  grozer  cinama  die  stillen  daz  emor- 
riadas ,  ob  man  sie  stozet  unde  mit  warmem  wazzere  nüchteren  trin- 
ket,    zu  dem  tränke  sulon  dru  phennig  gewiclite  sin  unde  nicht  nie. 


Grossa  magis  species  fluxus  haemorrhoidarum 
Stringit,  aqua  gelida  bene  si  contrita  bibatur, 
Tempore  quo  nondum  patiens  ieiunia  solvit. 
De  specie  geminas  haec  quaerit  potio  dragmas. 

[xxviij.]  1)  1.  zengvent  d.  i.  scharf  riechend  und  schmeckend.  Vgl.  Müller- 
Zarncke  mhd.  wb.  3,  849.  Schnicllcr  hair.  wb.  ed.  Frommann  2,  1135.  2)  1.  den 
snuder.  —  Cinamomum  . .  .  tussim  sedat,  catarrü  miligat.  Matth.  Silvat.  pandeet. 
med.  Lugd.  1534.  f.  6G ''.  —  Kanneel  benimpt  catarrum ,  dat  is  den  snoven.  Herbar. 
v.J.  1483.  Schiller -Lübben  mnd.  wb.  4,  281".  3)  1.  die  vortribet  unde  trockent 
cynama  genutzet  unde  lendcnsuche.  —  hydropicis  medetur,  nefreticis  utiliter  datnr. 
Silvat.  fol.  66^.  4)   Aus  dem  lateinischen  texte  geht  hervor,    dass  geschiverte 

Übersetzung  von  lentigo  sein  soll  und  mithin  die  bedeutung  „Sommersprossen" 
haben  muss.  Doch  vermag  ich  das  wort  anderweit  nicht  nachzuweisen.  Auch  Sil- 
vaticus  sagt  am  entsprechenden  orte  (66'^'),  auf  Dioscorides  sieh  berufend:  „cum 
melle  tritum  maculas  vel  lentigines  de  facie  purgat "  und ,  aus  gleicher  oder  ver- 
wanter  quelle  schöpfend,  lehrt  Tabernajmontanus  (ed.  Bauliinus.  Fcf.  1G13)  2,  658*: 
,,Zimmet  mit  essig  temperiert  und  angestrichen  säubert  die  haut,  vertreibet  die 
flechten  und  zittermäler:  mit  honig  angestrichen  vertreibt  die  masen  des  antlitz."  — 
In  einem  späteren  abschnitte  (xxxiij.  Eruca,  witsempf)  übersezt  der  deutsche  bear- 
beiter  des  Macer  lentigo  durcli  rise. 


[xxix.]  [C]ostum  iz  zwierhande,  eyn  ist  iz  ^  swere  unde  rot  unde 
sere  bitter  unde  heytzet  indicum,  daz  ander  lichte  unde  nicht  bitter, 
daz  ist  ambicum.-  daz  erste  iz  ^  bezzer,  daz  subrit  die  pissen  [bl.  4''] 
unde  swaz  si  erret.     sie  hilfet  den  "^  milzen,   der  leberen,    der"'  niereu 


[xxix.]     Macer  nr.  74.  s.  118.  Costus.  v.  2165  —  2181. 

Nach  Choulant:    Costus   arabicus,    Kosten  würz. 

(Vgl.  Silvat.  c.  362.  fol.  105"^  s.  v.  Costa,  Costus). 

2165  Costi  sunt  geminae  species:  gravis  mia  rubensque 
Est  et  amara  uimis,  haec  iudica  dicitur  esse; 
Altera  vero  levis,  nee  amara,  colore  subalba, 
Hanc  Arabes  mittunt;  prior  utilior  medicinae. 
Urinas  purgant  et  eis  obstantia  pelluut, 

2170  Spien  curant  et  hepar,  laterisque  fugare  dolorem 
Dicunt,  cum  vino  tepido  si  sumpserit  aeger. 

ZEITRCHR.    F.    DKÜTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.  XII.  12 


178  G.    SCHMIDT 

mit  warmem  wine  genutzet,  sie  subrit  die  wip  an  ir  suche,  ab  sie 
sich  mite  underrouchen.  daz  selbe  genutzet  vortribet  die  spulworme. 
costum  mit  olei  gesoten  vortribet  dem  rithescin  ^  daz  kalde ,  ab  her  sich 
mite  bestrichet,  e  en  daz  kalde  auegan.'^  costum  gepulveret  unde  uf 
die  w[u]nden  gestrowet  heylet  sie. 


Meustrua  purgabunt,  si  se  subfumiget  illis 
Pemiua,  sie  etiam  vulvae  sedare  dolorem 
Dicunt,  aut  ex  bis  sibi  si  pessaria  subdat. 

2175  Lumbricos  pellunt,  purgant  lentigine  vultum, 
Si  tritis  cum  melle  linas,  veueremque  movere 
Dicuutur,  si  sint  cum  mulsa  sumpta  tepenti. 
Ex  oleo  Costum  ([uo  coxeris  illine  quemvis 
Ante  febris  typum,  reddes  a  frigore  tutum; 

2180  Subvenit  hoc  sciasi  membrisque  tumentibus  unguen, 
Antiquum  vulnus  cito  curat  pulvis  eorum. 

[xxix.]  1)  1.  ist  zwierhande ,  einiz  ist  2)  1.  arabicum  3)  1.  ist  4)  1.  der 
5)  1.  den        6)  d.  i.  febricitanti        7)1.  anegat 

[xxx.]  [C]ucumer  ist  cuntir,  iz  ist  kalder  nature  unde  loset 
den  buch,  durch  daz  ist  he  dem  magen  gesunt.  die  bletere  mit  wine 
gestozen  heylet  daz  der  hunt  gebizet.  der  same  mit  surem  wine 
genutzet  hilfet  der*  blasen  unde  die  unsempfte  harren.^  der  same  mith 
wibes  milch  vumfzen  p[f]ennig  gewichte  genutzet  hilfet  sere  w^ider 
die  rure. 


Fehlt  im  lateinischen  texte  des  Macer.  —  Ähnliches  und  im 
wesentlichen  übereinstimmendes  findet  sich  im  „  Liber  Serapionis  Aggre- 
gatus  in  medicinis  simplicibus"  (Ausg.  o.  0.  1525)  cap.  243  „Öe  melone, 
cncumere,  citrullo,"  fol.  157°  aus  „Dia."  d.  i.  Dioscorides:  „Cucumer 
domesticus  mollit  ventrem,  et  est  bonus  ventri  et  stomacho,  et  infri- 
gidat  sine  nocumento,  et  confert  vesice,  et  reviviscere  facit  sincopi- 
zantes  (ohnmächtige)  quando  odorant  eum ,  et  provocat  urinam  fortiter, 
et  quando  bibitur  cum  lacte  et  rob  *  confert  ulceribus  vesice ,  quando 
autem  fit  emplastrum  cum  foliis  eius  et  vino  curant  morsum  canis,  et 
quando  fit  emplastrum  cum  melle  curat  syre."  ^  —  Demnach  scheint 
der  deutsche  bearbeiter  dieses  stück  aus  einem  lateinischen  Dioscorides 
geschöpft  zu  haben,  und  unter  Cucumer  domesticus  ist  unsere  gurke, 
cucumis  sativus  zu  verstehen,  die  bereits  in  Karls  des  Grossen  Capitu- 


IIALBERST.'\DTER    BRÜCKST.       V.    MACER  179 

lare  de  villis  im  vorzeichnis  derjenigen  g-ewilohse  anfgefülirt  wird, 
welche  in  den  gärten  der  kaisorliclien  domänen  angebaut  werden  sol- 
len. Vgl.  E.  Mej-er,  Gesell,  d.  Botanik  3,  404.  —  Übereinstimmende 
angaben  über  die  beilanwendmig  bietet  Leonh.  Fuchs  in  seinem  „New 
Kreüterbüch."  Basel  1543.  cap.  267  von  den  Cucumern  oder  „Gur- 
chen,"  „von  ettlichen  Anguria  genant."  —  Für  die  im  texte  liinzu- 
gefügte  deutsche  benennung  „cuntir"  habe  ich  nirgend  einen  anhält 
finden  können. 

[xxx.J     1)  hs.:  dir         2)  ==  harnen 

[xxx.J  1)  „Rob.  i.  succus  usque  ad  spissitudinem  decoctus  vel  tertiam  par- 
tem."    Synonyma  Serapionis  (s.  1.  1525)  fol.  lOG".  2)  syre  ist  aöoiy^,  hohles 

ge.schwiir,  fistel. 

[xxxj.]  [CJerviboletum  hcyzet  der  hirtzesswam.^  swo  die 
spinne  gestichet  unde  iz  da  geswillet,  hertzesswam  gekowen  unde 
damite  bestrichen  iz  vorgeit.  daz  selbe  hilfet  uf  izleich  geswel  geleit, 
daz  sich  von  vorgift  irhebet.^  swelch  wip  arbeit  mit  der  gehurt,  die 
neme  des  hirtswammes  als  eyn  erwiz  unde  kowet  uude  ezzet  halp  unde 
mit  dem  halben  teil  umbestriche  ^  sie  den  nabele ,  sie  gewinnet  daz 
kint  san  unde  an  arbeit,  man  sal  och  daz  wizzen,  daz  sie  daz  wider* 
scal  ezzen  noch  den  nabel  bestrichen  wen  zu  der  rechten  zith  der 
gehurt:  andirs  [bl.  4'']  iz  schadet,  swer  in  nochtereu  izzet,  iz  hilfet  wider 
die  trunkenheyt.  swo  die  äderen  ^  gesvullen  sint  von  der  lazzeue ,  hir- 
swam  gezzen  unde  gekouwen ,  mite  bistrichen  vortribet  den  svul.  daz 
selbe  gekouwet  unde  geleit  uf  daz  gesvullen  fleisch ,  iz  hilfet.  swer 
da  vlit,  izzet  her  daz  crut,  her  wirt  risch.  '^ 

[xxxj.]     1)    Fehlt    im    lateinischen    texte    des    Macer.  2)    hs. :    hirhebet 

3)  hs. :  umbostrichen  4)  1.  weder  5)  hs.  arderen  6)  richs 

[xxxij.]  [Cjaratum  heyzet  stopf  den  buch^  unde  ist  och 
unde[r]  allen  ernten  gut  der  mit  arbeyde  pisset,  ob  her  in  nutzet,     her 


[xxxij.]    Macer  nr.  44.  s.  89.  Enula.  v.  1489—1502. 
Nach  Choulant:  Inula  Helenium,  Alant. 

(Vgl.  Silvat.  c.  239.  fol.  76''  s.  v.  Ellenium  grece  ....    latine  vero  Enula  campana). 

Enula,  quam  Graecus  Elnam  vocat  Eleniumque, 
1490  Dicitur  a  medicis,  est  forma  cognita  cunctis. 
Humida  vis  eius  et  fervida  dicitur  esse, 

12* 


180  G.   SCHMIDT 

ist  och  gut  den  wiben ,  die  tode  kint  tragen ,  ab  sie  in  nutzet,  die 
worzele  gestozen  unde[i-]  die  deich  ^  geleit  oder  gebunden  vortribet  stia- 
sim  ,^  daz  ist  eyn  svul  ame  die.  die  bletere  gesoten  mit  wiue  unde 
heyz  die  lenden  mite  beleit  hilfen  den  lendensichen.  die  worzele  gedur- 
ret  unde  gepulveret  unde  mit  honige  gemenget  unde  gezzen  vortribet 
den  husten,  daz  selbe  hilfet  emopteicis/  die  da  blut  reschen.  bute 
saf  ^  mit  alandes  saffe  getrunken  hilfet  den ,  die  da  gebrochen  sin  unde 
daz  gemechte  uzgeit.  alant  gesoten  mit  botteren  unde  mit  olei  hilfet 
die  matricem,  daz  ist  die  stat,  da  die  wip  inne  kint  tragen,  ab  man 
iz  in  darin  brenget  warm,  iz  hilfet  och  den  man ,  ab  her  gesvullen  ist 
an  siner  hemeliheyt,^  ab  her  sich  mite  bestrichet. 

Humor  habere  gradum  primum,  fervorque  secundum 

Dicitur.     Illius  decoctio  menstrua  pnrgat 

Si  bibitur ,  movet  urinam  ,  depellit  abortum ; 
1495  Dicitur  haec  eadem  stipatum  solvere  ventrem. 

Radix  trita  fugat  sciasim  superaddita  coxae. 

Ex  eins  foliis  cum  vini  nectare  coctis 

Mire  nefreticis  renes  involvere  prodest. 

p]ius  radicum  pulvis  cum  melle  voratus 
1500  Tussim  compescit,  haemoptoicisque  ^  medetur. 

Cum  succo  rutae  succus  si  sumitur  eins, 

Affirmant  ruptis  quod  prosit  potio  talis. 
*Cum  butiro  modicoque  oleo  decocta  tumorem  ^ 
*Matricis  subiecta  tepens  fugat  illa  colique, 
*Et  cunctis  intus  morbis  sie  subdita  prodest, 
*Hac  etiam  testes  poteris  curare  tumentes, 
*Cum  foliis  lauri  beue  tritam  si  superaddas. 

[xxxij.]  1)  hs.  stopf  den  stopf.  —  Die  hier  gebrauchten  beiiennuiigen, 
die  lateinische  wie  die  deutsche,  weiss  ich  beide  anderwärts  nicht  nachzuweisen. 
2)  1.  diech  3)  1.  sciasim  4)  d.  i.  (dixonrv'ixolg,  den  blutspeieuden.  5)  1.  ruten 
saf        6)  ==  schäm 

[xxxij. I  1)  V.  150Ü  bietet  (Jhoulant  in  seiner  ausgäbe  orthopnoicisque ;  (ö^.9d- 
nvoin  ist  eine  engbrüstigkcit,  bei  der  man  nur  grade  stehend  oder  sitzend  athmen 
kann),  verzeichnet  aber  aus  zwei  Wolfenbütler  papierhandscliriften  des  15.  und 
16.  jh.  und  aus  Eanzows  au.sgabe  die  lesart  emoptoicisque,  haemoptoicisque,  welche 
dem  Verfasser  dieser  deutschen  Übersetzung  vorgelegen  haben  muss.  2)  Die  lez- 
ten  fünf,  hier  mit  Sternchen  bezeichneten  hexameter  hat  Choulant  in  den  text  sei- 
ner ausgäbe  nicht  mit  aufgenommen.  In  den  anmerkungen  führt  er  sie  auf  als 
enthalten  in  einer  pergamenthandsrlirift  des  14.  jh.  der  Leipziger  Universitätsbiblio- 
thek (Bibl.  Paulin  ms.  n.  1219). 


HALBEBSTÄDTER  BRÜCKST.   V.  MACER  181 

[xxxiij.]  [Ejruca,  witsempf,  iz  lieyz  iu  dem  iUKU'reii  grade, 
vuchte  in  dem  ersten,  cruca  gezzen  in  der  spise  dowet  [bl.  4"'j  avoI  uude 
hilfet  gezzen  den,  die  mit  arbeyde  pisset,  genutzet  vortribet  ber  den 
liusten.  mit  bonige  gestozeu  vortribet  ber  de  vlecken  von  der  but 
undo  de  riseue,^  ob  mau  sie  mite  bestriebet,  der  same  gestozeu  uude 
mit  wiue  genutzet  ist  weder  der  uadereu  stich  gut  oder  swaz  tbire 
vorgift  treit.  der  sameu  mit  ochsen  galleu  gestozeu  vortribet  die  swar- 
zen  vlecken,  da  man  sie  austriebet,  zu  swelkem  ezzeu  mau  daz  crut 
oder  den  samen  tut,  daz  gibet  guten  smakeu.  diz  crut  ist  gut  in 
latche  gezzeu. 

[xxxiij.]     Macer  nr.  31.  s.  70.  Eruca  v.  1016  —  1036. 

Nach  Choulant:  Brassica  eruca,  Weisser  Senf. 

(Vgl.  Silvat.  cap.  372.  fol.  109''  s.  v.  lergit  arabice,  grece  euzonium  {tvC(o/j,ov), 

lat.  eruca). 

Erucam  calidam  dicunt  mediocriter  esse, 
Siccam  uon  adeo.     Cibus  eins  digerit  escas 
Et  valet  urinas  haec  mansa  vel  hausta  movere. 
Manditur  utiliter  pueris ,  tussimque  repellit, 

1020  Emundare  cutem  maculis  cum  melle  iugatam 
Traduut  et  muudos  lentigine  r edder e  vultus. 
Elixata  prius  radix  valideque  subacta 
Ossibus  et  fractis  superaddita  detrahit  illa. 
Cum  vino  tritum  si  semen  sumitur  eins, 

1025  Quosvis  pestiferos  ictus  curare  refertur. 

Haec  uigras  maculas  purgat  cum  feile  bovino 
Illita.     Mira  loquar,  cum  vino  largius  haustam 
Indurare  ferunt  baue  contra  verbera  sensum. 
Si  condituris  coquus  baue  admisceat  herbaui 

1030  Aut  semen,  gratum  dicunt  praestare  saporem, 
Euzomonque  soleut  bac  causa  dicere  Graeci 
Erucam,  succus  quod  gustu  sit  bouus  eins. 
Non  modice  mausam  venerem  stimulare  vel  haustam 
Coufirmant  pariter  medici  pluresque  poetae. 

1035  Est  cum  lactucis  haec  herba  comesta  salubris, 

Namque  calor  dat  temperiem  cum  frigore  mixtus. 

[xxiij.]  1)  Die  vergleichuug  mit  dem  lateiiiischeu  texte  lehrt,  dass  risene 
zur  Übersetzung  von  lentigo  dient,  mithin  die  bedeutung  ,, Sommersprossen"  haben 
muss.  Demnach  entspricht  es  dem  althochd.  rosmun,  welches  Graft"  2,  548  mit  der 
bedeutung  lentigo  aus  dem  Summarium  Heinrici  belegt.  Schmeller  (bair.  wörterb. 
ed.  Frommann)  2 ,  151   führt  iu    gleicher  bedeutung   auf  mhd.   und  bair. :   rosem, 


182  G.    SCHMIDT,   HALBERSTÄDTEE   BEUCHST.      V.   MACEE 

rosra,  mit  den  nebenformeu :  resciii,  ryseni,  roßmeu,  roßmuck,  riesel,  rüseleu.  Und 
Diefenbach,  Glossarium  latino-germanicum  (Fcf.  1857)  8.324"  s.  v.  lentigo  fügt 
noch  hinzu  die  formen:  rosmyu ,  ryßeln,  ryselu,  rosine,  rusel. 

[xxxiv.j  [E]lleborum  beizet  wizworz/  die  ist  zwier  liaude, 
die  eyne  wiz  uude  subirth  den  inenscbeu  ufwart,  die  andere  swarz  unde 
subrit  den  menschen  nidenvirt.  sie  sint  beyde  heyz  unde  trocken,  die 
witze  ist  sterker  den  die  swarze,  dur  daz  sage  ich  ir  kraft  alrest. 
swen  man  de  wizze  wortz  brenget  an  de  hemelichen  stat,  so  vortribet 
sie  daz  tode  kint.  elborum  gepulveret  unde  in  de  nasen  getan  machet 
daz  man  niset.  daz  nisen  vortribet  die  houbitsveren.  elborum  gepul- 
veret unde  mit  gruzzen^  gemenget  sterbit  die  muse  unde  daz  mit 
milch  gemenget  sterbit  die  vlegen.^  mit  elleb[o]ro  machet  eine  sube- 
runge,  ob  ene  die  vorlazunge  vortribet 


[xxxiv.]     Macer  nr.  56.  s.  101.  EUeborus  albus,  v.  1774  —  1832. 
Nach  Choulant:  Veratrum  album,  Weisse  Nieswurz. 
(Vgl.  Silvat.  c.  238.  fol.  75  ^  s.  v.  Elloborus). 
Elleborum  geminas  species  testantur  habere, 

1775  Album,  quod  sursum  purgat,  nigrumque  deorsum; 
Vim  siccam  calidamque  tenent  et  tertius  illis 
Est  in  utroque  gradus;  nigro  violeutius  album 
Dicitur,  unde  prius  dicam  de  viribus  eins. 
Suppositum  quocunque  modo  depellit  abortum, 

178U  Naribus  attractus  sternutanlenta  movebit 
lUius  pulvis  capitis  pellentia  morbos. 
Miscetur  confecturis ,  quae  lumina  purgant 
Et  multum  prodesse  ferunt  vitiis  oculorum. 
Pultibus  admixtus  mures  pulvis  necat  eius, 

1785  Et  cum  lacte  datus  est  muscis  perniciosus. 
Dicunt  per  vomitum  varios  educere  sumptum 
Humores,  veteresque  ferunt  sie  pellere  morbos. 


[xxxiv.]  1)  1.  nieswurz  2)  =  mhd.  grütze  3)  Wenn  man  die  fliegen  ver- 
treiben will,  soll  man  niesswurtz  in  milch  sieden  und  ihnen  fürstellen,  so  viel 
dann  darvon  essen,  die  müssen  sterben;  desgleichen  mit  meel  vermischt,  und  den 
mausen  dargestellet,  müssen  sie  auch  sterben.  Taberna^montanus  Kräuterbuch. 
Fcf.  1613.   2,  419  ^ 


J,    ZACHER,    ZU   DEN   lULMERSTÄDTER   PREDIGTEN  183 

ZU   DEN   HALBEKSTÄDTEK   PKEDIGTBKUCHSTÜCKEN. 

Die  oben  s.  129  fgg.  mitgeteilten  Halbevstädtei'  prcdigtbruchstücke 
waren  kaum  gedruckt,  als  mir  der  neue  von  professor  Strobl  in  Czer- 
nowitz  herausgegebene  zweite  band  von  Bruder  Bertholds  Predig- 
ten (Wien,  Braumüller,  1880)  zugieng.  Zweckmässig  erschien  es  des- 
halb, hier  sogleich  anzuschliesseu,  was  sich  mir  aus  diesem  bände  für 
die  Halberstädter  texte  alsbald  ergab. 

Die  predigt  ur.  39  dieses  zweiten  bandes  (s.  24  —  32)  hat  der 
herausgeber  aus  5  handschriften  geschöpft  und  überschrieben  „wie  man 
wider  reiten  sol."  Vergleicht  man  sie  mit  der  predigt  nr.  2  des  ersten 
bandes  (s.  11—28),  welche  nur  in  der  einen  Heidelberger  handschrift 
nr.  24  erhalten,  und  von  dem  herausgeber,  Fz.  Pfeiffer,  überschrieben 
worden  ist  „von  den  fünf  pfunden,"  so  stelt  sich  das  überraschende 
ergebnis  heraus:  beide  predigten  haben  denselben  text  Matth.25,  14  —  30, 
und  beide  verwerten  ihn  ganz  in  derselben  weise,  sofern  die  5  pfunde^ 
welche  der  getreue  knecht  auf  10  vermehrt  hatte  und  dafür  von  seinem 
harren  belohnt  worden  war,  gedeutet  werden  auf  5  dinge,  die  gott 
jedem  menschen  anvertraut  und  anbefohlen  hat,  nämlich  auf  eigene 
person,  amt  (beruf),  vermögen,  zeit,  Verhältnis  zum  nächsten,  und  von 
denen  jeder  erwachsene  mensch,  um  zur  ewigen  Seligkeit  zu  gelangen, 
doppelte  rechenschaft  geben  muss.  Auch  sind  beide  predigten  vor  laien 
gehalten,  und  beide  an  demselben  tage,  am  gedächtnistage  des  heiligen 
Alexius,  und  in  beiden  sagt  der  prediger,  gott  habe  uns  zwei  grosse 
bücher  gegeben,  das  alte  und  das  neue  testament,  den  laien  aber, 
welche  die  bibel  nicht  lesen  können,  gleichfals  zwei  grosse  bücher, 
himmel  und  erde ,  demgemäss  er  gestern  von  dem  himmel  geredet  habe 
und  heute  von  der  erde  handeln  wolle;  ein  jeder  möge  nun  durch  sei- 
nen eigenen  leib,  durch  die  eigenen  je  fünf  finger,  fünf  zehen  usw. 
sich  beständig  an  die  fünf  pfunde  und  die  damit  verknüpften  pflichten 
mahnen  lassen.  Weiter  stimmen  dann  auch  in  der  ausführung  des 
einzelnen  beide  predigten  vielfach  überein,  nicht  nur  in  den  gedanken, 
sondern  auch  in  werten  und  Wendungen;  doch  zeigen  sie  hierin  auch 
mancherlei  abweichungen  von  bald  geringerer ,  bald  erheblicherer  bedeu- 
tung  und  ausdehnung,  derart,  dass  die  zweite  predigt  des  ersten  ban- 
des 18  druckseiten  befasst,  mithin  grade  doppelt  so  lang  ist  als  die 
nur  9  Seiten  füllende  39.  des  zweiten  bandes. 

Aus  diesen  Wahrnehmungen  ergibt  sich  die  Schlussfolgerung,  dass 
uns  in  den  beiden  predigten  nr.  2  und  nr.  39  nach  aller  Wahrschein- 
lichkeit nur  zwei  verschiedene  aufzeichnungen  einer  und  derselben  pre- 


184  J     ZACHEK 

digt  vorliegen,  wie  sie  eben  von  zwei  verschiedenen  zuhörern  aus  der 
eriunerung  niedergeschrieben  worden  waren.  ^ 

Oben  hatte  ich  das  Halberstädter  erste  briichtück  neben  die 
zweite  predigt  des  ersten  baudes  gehalten;  nun  aber  stelt  es  sich 
heraus,  dass  es  nicht  zu  jener  längeren  aufzeichnung  gehört,  sondern 
fast  wörtlich  übereinstimt  mit  der  in  der  39.  predigt  des  zweiten 
bandes  vorliegenden  kürzereu  gestalt,  und  zwar  am  nächsten  mit  dem 
Wortlaute  der  Donaueschinger  handschrift  ur.  292  (D),  w^elche  nach 
Strobls  angäbe  (s,  XII)  für  ein  Franziskanerkloster  bestimt  gewesen  ist. 

Die  erste  zeile  des  ersten  Halberstädter  bruchstückes  entspricht 
der  zeile  29,  18  der  Stroblschen  ausgäbe,  so  dass  mithin  vor  dem 
beginne  des  Halberstädter  bruchstückes  5  druckseiten  dieser  predigt 
verloren  sind. 

Ich  lasse  jezt  einfach  diejenigen  stellen  des  Stroblschen  textes 
folgen,  in  welchen  der  Halberstädter  text  (H)  durch  den  Stroblschen  (S) 
berichtigt,  aufgeklärt,  oder  auch  irgendwelchem  bedenken  gegenüber 
bestätigt  wird. 

H.  130,  12  =:  S.  29,  37.  weder  giimpelvolke  noch  spilmannen 

1)  Strobl  sucht  (2,  563.  568  fg.)  darzutun,  dass  die  39.  predigt  im  jähre  1261 
am  17.  juli,  dem  gedächtnistage  des  heiligen  Alexius,  gehalten  worden  sei.  Für 
die  in  ihr  erwähnte  predigt  vom  vergangenen  tage,  welche  vom  himmel  gehandelt 
habe,  könten  unter  den  gedruckten  predigten  dieser  beiden  bände  zunächst  zwei  in 
betracht  kommen,  die  eine  von  den  sieben  planeten,  die  andere  von  den  sieben 
Sternen  des  wagens,  oder  des  grossen  baren.  Die  erste  von  diesen  beiden,  die- 
jenige von  den  sieben  planeten,  ist  widerum  in  doppelter  aufzeichnung  vorhanden, 
in  einer  ausführlicheren  17  druckseiten  befassenden  als  nr.  4  des  ersten  bandes 
(s.  48  —  64),  und  in  einer  kürzeren,  nur  4V2  selten  füllenden  als  nr.  61  des  zwei- 
ten bandes  (s.  233  —  237).  Die  ausführlichere  aufzeichnung  lässt  (s.  58)  den  pre- 
diger  sagen:  Wan  der  sitzet  maniger  vor  minen  ougen,  der  iezuo  hundert  pfunt- 
solte  hän  von  sinen  arbeiten ,  der  hat  so  vil  niht ,  daz  er  sich  des  frostes  müge 
ernern.  Und  ist  maniger  da  her  geloufen  in  disem  kalten  rifen  barfuoz  in  vil 
dünner  waete.  Nach  dieser  äusserung  könte  die  predigt  von  den  sieben  planeten, 
bei  welcher  dürftig  bekleidete  zuhörer  vom  reife  bedrängt  froren,  nicht  am  16.  juli, 
in  der  zeit  der  Sommerhitze,  gehalten  worden  sein.  —  Die  andere  dieser  beiden 
predigten,  no.  11  des  ersten  bandes  (s.  157  — 169),  ist  nur  erhalten  in  der  Hei- 
delberger handschrift  nr.  24,  und  dort  überschrieben  ,,Von  dem  wagen.  Justum 
deduxit  dominus."  Unter  diesem  texte  mag  wol  geraeint  sein  Sapientiae  10,  10: 
,,Haec  (sapientia)  profugum  irae  fratris  justum  deduxit  per  vias  rectas,  et  ostendit 
illi  regnura  dei."  etc.  In  dieser  predigt  heisst  es  (s.  164):  ,,Unde  wser  ez  daz  ein 
dinc  mügelich  wsere,  daz  unser  frouwe,  min  frouwe  sante  Maria  gotes  muoter,  daz 
diu  iezuo  da  üf  der  schoenen  wisen  wsere  und  alle  die  heiligen  und  alle  die  engele 
die  ie  wurden,  ob  daz  mügelich  waere  daz  sie  da  die  witen  haeten"  usw.  Darnach 
scheint  diese  predigt  zu  sommerlicher  zeit  gehalten  worden  zu  sein ,  auf  oder  neben 
einer  schönen  wiese,  und  mithin  könte  sie  möglicherweise  diejenige  sein,  welche 
der  predigt  von  den  fünf  pfunden  am  16.  juli  vorangegangen  ist. 


zu    DEN    IIALBERSTADTER    PBEDIGTEN  185 

H.  131,  7  =  S.  30,  18.  und  wil  den  iiiauen  ganz  machen 

H.  131,  10  =  S.  30,  22.  Pfi  roiiber,  waz  lihoi  ir  disen  (armen  D) 
gotes  kinderu ,  diu  hie  sitzend  vor  minen  ougcn !  (diu  —  ougen  fehlt  D). 

H.  131,  13  =  30,  25.  und  daz  reht  diu  stauge  nider  bresten 
möhte. 

H.  131,  18  :==  S.  30,  31.  „So  geturreu  wir  vor  unseru  wirten  uiht 
anders  geben  wan  unser  gewant."  Vil  wunderlichen  balde  hin  (hin 
fehlt  D),  gebeut  cz  uml)0  pfenuinc;  wan  des  ir  ze  rehter  not  bedürfet, 
so  gebent  daz  ander  hin  umbe  pfenninc,  und  lihent  armen  liuten  durch 
got  (so  gebeut  —  durch  got  fehlt  D).  Ja  helfent  einen  etew^enne  sehs 
pfeuninc  also  wol,  der  sie  im  lihet,  als  der  sie  im  umbe  sust  gsahe. 

H.  131,  24  =  S.  30,  38.  werbent  also  umbe  gotes  hulde 

H.  131,  25  =  S.  31,  1.  Daz  fünfte  pfunt,  da  wir  gote  von  wider 
reiten  müezeu  an  dem  jungesten  tage,  daz  ist  von  unserm  eben- 
kristen. 

H.  132,  16  =  S.  31,  21.  Nu  seht,  daz  ist  also:  diu  ebenkristen 
der  dir  niht  entuot,  dem  soltü  weder  nit  noch  haz  tragen  durch  got, 
und  dem  der  dir  leit  hat  getan ,  daz  du  den  in  got  liep  habest ,  also 
daz  du  in  niemer  also  liep  habest  daz  du  iemer  me  toetliche  sünde 
tuest  durch  sinen  willen. 

H.  132,  23  =  S.  31,  29.  wan  daz  ist  (allez  D)  unrehtiu  liebe. 

H.  133,  1  =  S.  31,  38.  und  seht  alle  tage  an  hende  und  an  füeze 

H.  133,  10  ^  S.  32,  y.  du  enwoltest  danne  gelten  und  wider 
geben. 

H.  133,  14  =  S.  32,  14.  zem  ersten  male  an  iuwerm  libe  und 
an  iuwerm  amte  und  au  iuwerem  guote  und  an  iuwer  zit  (und  a.  i.  zit 
fehlt  D)  und  an  iuwerem  ebenkristen 

H.  133,  24  ^=  S.  32,  25.  als  da  ein  vogel  (ein  engel  D)  fliuget 
in  den  lüften 

Das  dritte  Halberstädter  stück,  die  predigt  von  den  vier  vasen 
der  himelvürsten  (oben  S.  134  fgg.)  findet  sich  gleichlals  in  dem  Strobl- 
schen  bände,  jedoch  nicht  unter  den  predigten  Bertholds,  sondern  als 
nr.  II  des  anhanges  C  (s.  692  —  694).  Die  beiden  stücke  dieses  anhan- 
ges  hat  Strobl  (nach  seiner  augabe  auf  s.  XIV)  aus  der  Müncheuer 
handschrift  cod.  Emm.  ur.  5  (E)  entnommen ,  welche  auch  die  sechs 
predigten  nr.  66  —  71  dieses  bandes  enthält,  die  Strobl  als  klosterpre- 
digten bezeichnet  uud  au  den  schluss  der  Bertholdschen  predigten 
gestelt  hat. 

Die  vergleichung  beider  texte  zeigt,  dass  der  Halberstädter  text 
zwar  im  algemeinen  älter    und  correcter   ist  als   der  Münchener,    dass 


186  J.    ZACHEK 

aber  andrerseits  seine  verderbten,  zweifelhaften  oder  bedenklichen  stel- 
len doch  auch  widerum  durch  den  Münchener  heilung  oder  aufklärung 
erhalten.  Ich  lasse  deshalb  die  erheblicheren  derartigen  stellen  nach 
dem  Wortlaute  des  Münchener  textes,  wie  er  bei  Strobl  gedruckt  ist 
(S),  hier  folgen. 

H.  134,  23  =  S.  692,  28.  so  ie  hoher  lute 

H.  130,  30  =  S.  692,  34.  wan  si  sint  reht  fursten  über  si,  unde 
ist  in  doch  allen  gar  wol.  Unde  war  elliu  werltlichiu  froude,  die  alle 
chunige  unde  alle  cheiser  unde  alle  menschen  ie  gewunnen,  bei  einan- 
der, daz  war  niht  als  ein  punht  wider  die  freude,  die  ein  geistleich 
mensch  hat  in  dirre  werlt,  der  rehteu  geistlichen  trost  hat. 

H.  135,  3  =  S.  693,  5.  Unde  die  freude  alle,  die  alle  gut  lut 
unde  die  nider  engel  habent,  daz  ist  als  ein  tropfe  wider  die  freude, 
die  die  hohsten  hiligen  habent 

H.  135,  9  =  S.  693,  11.  Unser  herre  het  vierlay  volch  in  der 
alten  e. 

H,  135,  15  =  S.  693,  16.  se  hutent  sich  halt  vor  tseglichen 
Sunden. 

H.  135,  25  =  S.  693,  25.    dester  e 

H.  136,  2  =  S.  693,  30.  so  werdent  die  ünden  oben  hin  in 
slahen. 

H.  136,  17  =  S.  693,  43.  unde  ergebent  sich  im  doch  niht  gar. 
Sie  habent  etlich  heimlich  mit  got. 

H.  136,  20  =  S.  693,  46.  Anni  nostri  etc.  (Demnach  scheint 
gemeint  zu  sein  Ps.  89,  9.  Quoniam  omnes  dies  nostri  defecerunt,  et 
in  ira  tua  defecinms,  anni  nostri  sie  ut  aranea  meditabuntur.) 

H.  136,  23  =  S.  694,  1.  So  sis  daune  gevahet,  so  izzet  si  weder 
houpt,  noch  fuoz,  noch  niht,  des  an  dir  (1.  ir)  ist,  niwan  ein  feizt  hat 
si  under  herzen,  daz  souget  si  ir  uz  so  ist  si  tot.  Also  tuot  der  tie- 
vel.  Alle  die  striche,  die  er  vns  gelegen  mach,  daz  ist  niwan  darumb, 
daz  er  uns  dri  fron  veizt  von  dem  hertzen  nem. 

H.  136,  29  ;=  S.  694,  7.  wi  er  wol  uns  hab  angesiget  unde  lat 
uns  denne  wol  uzzer  arbeit  tuen,  des  aht  er  niht  vil,  swenne  wir  ez 
von  gantzer  minue  niht  tuon.  Wan  swaz  wir  denne  anders  tuon  daz 
ist  chranch. 

H.  136,  33  =  S.  694,   10.    unde  gar  vil  gebetent 

H.  136,  34  =  S.  694,  11.    gnaden  git 

H.  137,  1  =  S.  694,  12.    untz  si  gevahent  den  grünt 

H.  137,  2  ^=  S.  694,  13.  daz  si  sich  aller  menschen  böst  habent, 
wan  got  sprach 

H.  137,  3  =  S.  694,  14.    so  sitz 


zu   DEN   HALBKRSTÄDTER   PREDIGTEN  187 

H.  137,  6  :=:  S.  694,  17.  der  liet  sich  an  der  iimgesten  stat.  Do 
ez  sineiu  briuler  einem 

H.  137,  9  :=  S.  G94,  19.    daz  ich  ez  nie  meusclien 

H.  137,  10  ^=  S.  694,  20.  Dar  nach  traget  er  in  sant  Francis- 
sen ,  für  wen  er  sich  het. 

H.  137,  15  =  S.  694,  24.    genad  getan 

Dem  vierten  Halberstädter  stücke  (oben  s.  137)  endlich  ent- 
spricht die  GS.  Bertlioldische  predigt  (s.  265  fg.),  oder  die  dritte 
derjenigen  sechs  predigten,  welche  Strobl  als  Idosterpredigten  bezeich- 
net und  an  das  ende  der  samlung  gestelt  hat.  Aus  dem  Inhalte  dieser 
predigten  und  aus  einzelnen  in  ibnen  vorkommenden  äusserungen 
schliesst  Strobl  (s.  XIII) ,  dass  sie  in  der  klosterkirche  eines  frauenklo- 
sters  der  Franziskaner  gehalten  worden  seien.  Die  dritte  predigt  hat 
Strobl  entnommen  aus  einer  Wiener  handschrift  nr.  2829  (W.) ,  und 
aus  zwei  Münchener  handschriften,  aus  Cod.  Emm.  m.  5  (E)  und  aus 
Cgm.  210  (e). 

Ich  lasse  widerum  diejenigen  stellen  des  Stroblschen  textes  fol- 
gen, welche  für  den  Halberstädter  (der  am  nächsten  zu  E  stimt)  eine 
bedeutsamkeit  haben. 

H.  137,  28  =  S.  265,  3.    grozer  arbeit 

H.  137,  29  =  S.  265,  4.    der  sich  nider  \xt  in  sinem  hüse 

H.  137,  30  =  S.  265,  5.  daz  er  künic  werde,  und  dar  nach  so 
zert  er  ouch. 

H.  137,  31  =  S.  265,  6.    der  selben  einen 

H.  137,  33  =  S.  265,  8.  er  ist  aber  als  kreftic  noch  nicht,  noch 
als  menlich,  daz  si  diu  werc  volbringen  mügent.  Von  den  so  sprichet 
der  wissage 

H.  138,  2  =  S.  265,  11.    daz  si  si 

H.  128,  4  =  S.  265,  13.  Si  gedenkent  in  dicke,  wie  lange  wilt 
du  ein  leckerinne  sin,  nim  dich  an  (ein  lacherinne  sein  und  ein  chla- 
ferinne  E). 

H.  138,  7  ^=  S.  265,  16.  gedenkent  si  in  ofte  —  und  schiebent  ez 
doch  üf 

H.  138,  11  =  S.  265,  21.  daz  ist  hiute,  diu  zil  daz  ist  morgen, 
daz  ist  aber  so  guot  niht. 

H.  138,  14  ^=  S.  265,  22.  daz  sint  die,  die  diu  guoten  werc 
volbringent,  si  tuont  si  aber  niur  durch  üppige  ere.  Als  diu  meister- 
schaft  hinz  derselben  einem  spreche  „tuo  daz"  „ich  mac  iuz  niht  (sin 
niht  E)   getuon,"    „nü  sich,    nü  kumt  nieman   rehter  dar  zuo,   danuQ 


188  J.    ZACHER,    ZU   DEN   HALBERSTÄDTER   PREDIGTEN 

du"  (so  spricht  div  maisterschaft  ez  chuint  uieman  als  recht  darzuo 
danne  tu.  E). 

H.  138,  19  =  S.  266,  2.  Die  geistlicheu  liute,  die  da  hoch  vor 
gote  sint,  daz  sint  die,  die  diu  dri  dinc  behaltent 

H.  138,  21  ::=  S.  266,  5.    daz  der  mensche  versmaehe 

H.  138,  22  =  S.  266,  5.  daz  er  läze  daz  guotelach,  daz  geluste- 
lach.  (daz  er  hazze  daz  got  hazze  daz  glustlichen  (glustleich  sei  W) 
EW). 

H.  138,  29  =  S.  266,  13.    M  seht 

H.  138,  31  =  S.  266,  15.  du  solt  gedultic  sin  gen  gote,  swenne 
er  über  dich  verhenget  siechtuomes  betrüebesal  (du  solt  —  gote  fehlt; 
swenne  got  üb.  d,  v.  sichtum  unde  trubsal.  E). 

H.  138,  32  =  S.  266,  17.    swenne  er  dich  bekort 

H.  139,  5  =  S.  266,  22.    ich  wil  dir  ein  jär 

H.  139,  8  =  S.  266,  26.    Daz  dritte  (ist  fehlt). 

H.  139,  9  =  S.  266,  27.  Din  sele  muoz  immer  etewaz  minnen 
(din  —  minnen  fehlt  E),  wan  si  nach  der  oberisten  minne  geschaf- 
fen ist. 

H.  139,  12  =  S.  266,  31.  so  verziunet  (verrunt  E)  man  alle 
die  wege 

S.  139,  17  =  S.  266,  35.  La3st  du  dine  minne  sich  niendernt 
neigen  üf  irdischiu  dinc 

S.  139,  19  =  S.  266,  37.    einer  also  ist  (also  fehlt  Ee) 

S.  139,  21  =  S.  266,  39.  die  got  liep  habent.  (die  doch  got  alle 
liep  sint.  E). 

Aus  dieser  jezt  erst  möglich  gewordenen  vergleichung  der  Hal- 
berstädter bruchstücke  mit  dem  zweiten  bände  von  Bertholds  predig- 
ten ergibt  sich  die  folgerung,  dass  jene  bruchstücke  aus  einem  hand- 
schriftenbande  stammen  mögen,  der  wahrscheinlich  für  ein  norddeut- 
sches Franziskaner  frauenkloster  geschrieben  worden  war,  und  eine 
samlung  von  predigten  Bruder  Bertholds  enthielt  in  der  kürzeren 
fassung,  wie  alle  handschriften  ausser  der  Heidelberger  nr.  24  sie  dar- 
zubieten scheinen.  Und  ferner  hat  sich  dadurch  auch  herausgestelt, 
dass  der  text  der  Halberstädter  bruchstücke ,  wenngleich  mit  zahlreichen 
und  zum  teil  auch  üblen  Schreibfehlern  behaftet,  dennoch  im  gan- 
zen wertvoll  ist  und  der  ursprünglichen  aufzeicbnung  noch  ziemlich 
nahe  steht. 

HALLE,  JUNI  1880.  J.  ZACHER. 


189 

MACER  FLOEIDUS 
UND  DTE  ENTSTEHUNG  DER  DEUTSCHEN  BOTANIK. 

Maeer  Floridiis  ist  die  je/,i  übliche  beneimiing  eiiios  2269  reim- 
lose hexameter  befassenden  lateinischen  werkes,  welches  in  77  kapiteln 
die  heilkräftc  von  ebenso  vielen  pflanzen  behandelt.  Nach  seinem  ersten 
verse  zn  schliessen ,  welcher  lantet 

Herbarum  quasdam  dicturus  carmine  vires 
scheint  des  werkes  eigentlicher  und  ursprünglicher  titel  gelautet  zu 
haben:  De  viribus  herbarum,  oder  auch,  nach  einer  damals  üblichen 
ausdrucksweise .  De  uaturis  herbai'um.  Wo  und  wann  der  nebentitel 
Macer  Floridus  zuerst  vorkomme,  ob  er  schon  vom  Verfasser  selbst 
ausgegangen,  oder  aber  von  einem  anderen  hinzugefügt  sei,  ist  nicht 
festgestelt.  Ernst  Meyer  vermutet, ^  er  solle  „etwa  so  viel  bedeuten 
wie  Aemilius  Macer  redivivus,  ein  neuer,  neu  aufblühender  Macer," 
also  gleichsam  eine  nachahmung  oder  ergänzung  der  medicinischen 
gedichte  des  im  jähre  15  v.  C.  verstorbenen  Aemilius  Macer,  eines 
freundes  von  Tibull,  Virgil  und  Ovid.^  Nach  den  bis  jezt  vorliegen- 
den unvolkommenen  und  ungenauen  angaben  zu  urteilen  scheint  die 
bezeichnung  Macer  am  frühesten,  schon  um  den  beginn  des  12.  Jahr- 
hunderts, aufzutauchen,  und  meistens  allein  vorzukommen,  und  die 
benennung  Floridus  scheint  erst  etwas  später,  und  almählich  immer 
häufiger  daneben  zu  treten.  Da  nun  die  bezeichnung  Floridus  im 
12.  Jahrhunderte  als  büchertitel  begegnet  für  eine  excerptensamlung, 
mithin  ungefähr  in  der  bedeutung  blumengarten  oder  blumeniese,  =^ 
dürfte  wol  auch  eine  andere  deutuug  der  beiden  benennungen  zulässig 
erscheinen.  Unter  der  bezeichnung  Macer  könte  gemeint  sein,  dass 
das  gedieht  seinem  inhalte  und  zwecke  nach  sich  den  medicinischen 
gedichten  des  Augusteischen  Aemilius  Macer  anreihe  oder  vergleiche, 
und  durch  die  benennung  Floridus  könte  angedeutet  sein,   dass  es  sei- 

1)  Geschichte  der  Botanik.     Königsberg  1856.  3,  429. 

2)  Von  seinen  hexametrischen  lehrgedichten  nach  Nikander,  Ornithogonia, 
Theriaca,  und  wahrscheinlich  auch  einem  botanischen,  de  herbis,  sind  zwar  nur 
ver.streute  kleine  bruchstücke  erhalten,  aber  des  dichters  namen  und  den  gegen- 
ständ seiner  gedichte  konte  man  im  mittelalter  wol  kennen  aus  der  angäbe  bei 
Ovid,  Trist.  4,  10,  43: 

Saepe  suas  volucres  legit  mihi  grandior  aevo 
Quaeque  necet  serpen.s,  quae  luvet  herba,  Macer. 
Vgl.  Teutfel ,  gesch.  d.  röm.  lit.  3.  a.    Lpzg.  1875.  §  223.  s.  454  fg. 

3)  Ein  bekantes  älteres  beispiel  ähnlichen  titeis  sind  die  Florida  Apuleji ,  eine 
excerptensamlung  aus  den  Schriften  oder  vortragen  des  Apulejus  Madaurensis.  Vgl. 
Teuffei,  gesch.  d.  röm.  lit.  3a.  §367,  2  s.  857. 


190  J.    ZACHER 

nem  Charakter  nach  eine  samlung  oder  ein  auszug  des  besten  ans  den 
vorzüglichsten  und  angesehensten  werken  der  berühmtesten  meister  der 
arzneimittellehre  sei.  Und  es  ist  ja  in  der  tat  auch  ein  blosses  Sam- 
melwerk, geschöpft  zumeist  aus  Schriften,  die  damals  höchste  und 
algemeinste  geltuug  genossen,  aus  lateinischen  bearbeitungeu  des  Dios- 
korides ,  Galen ,  Oribasius ,  aus  Plinius  und  aus  einigen  anderen  gewährs- 
männern  von  damals  unbestrittener  glaubwürdigkeit. 

Wann,  wo  und  von  wem  dieser  Macer  Floridus  verfasst  worden 
ist,  hat  sich  noch  nicht  mit  voller  gewisheit  ermitteln  und  feststellen 
lassen.  Es  wird  darin  genant  der  im  jähre  849  gestorbene  Walafrid 
Strabus,  das  buch  selbst  aber  wird  mit  dem  verfassernamen  Macer 
erwähnt  von  dem  im  jähre  1112  gestorbenen  Sigebertus  Gemblacensis 
in  seinem  büchlein  von  den  kirchlichen  Schriftstellern.^  Zwischen  diese 
beiden  endpuukte  muss  mithin  seine  abfassung  fallen.  Der  Verfasser 
prunkt  mit  anführung  von  gewährsmännern ;  er  nent  als  solche  über 
zwanzig  griechische  und  lateinische  Schriftsteller,  aber  keinen  arabi- 
schen, auch  nicht  Constautinus  Africanus,  und  keinen  Salernitaner. 
Auf  diese  und  andere  merkmale  gestüzt  hat  E.  Meyer  ^  vermutet ,  dass 
das  werk  von  einem  laien  in  Unteritalien  gegen  ende  des  9.  Jahrhun- 
derts ,  kurz  vor  den  anfangen  der  Salernitanischen  schule  verfasst  wor- 
den sei.  Valentin  Rose  dagegen^  sezt  seine  entstehung  ins  11.  Jahr- 
hundert, und  lässt  als  seinen  Verfasser  einen  Odo  Magdunensis  (von 
Meun-sur- Loire)  gelten,  einen  französischen  laien,*  der  in  einigen 
alten  handschriften  als  solcher  genant  werde.  Nach  dem  eindrucke, 
den  das  gedieht  selbst  auf  ihn  gemacht  hat,  wäre  er  sogar  geneigt, 
es  lieber  mit  de  Renzi  ^  erst  ins  12.  Jahrhundert  zu  setzen.  Häser  ^ 
stimt  der  ausführung  Roses  bei,  und  sezt  die  abfassung  in  den  anfang 
des  12.  Jahrhunderts. 

Der  Macer  Floridus  hat  alsbald  sehr  grossen  und  bis  über  das 
mittelalter  hinaus  andauernden  beifall  und  weite  Verbreitung  gefunden. 

1)  De  scriptoribus  ecclesiasticis  c.  13:  „Macer  scripsit  metrico  stilo  librum 
de  viribus  herbarum."     Nach  E.  Meyer,  gescb.  d.  botan.  3,  432. 

2)  Gesch.  d.  botan.  3 ,  431, 

3)  Im  Hermes,  herausg.  von  E.  Hübner.    Berlin  1874.  8,  63. 

4)  Ein  laie  braucht  es  freilich  nicht  gewesen  zu  sein ;  denn  der  von  Meyer 
angegebene  grand  für  den  italienischen  laien  fält  für  den  Franzosen  weg,  und  der 
Lapidarius  des  Marbod  (ein  gedieht  verwantcn  Charakters,  über  die  heilkräfte  der 
edelsteine)  ist  so  wenig  geistlich,  dass  die  Benedictiuer  sich  veranlasst  gesehen 
haben  in  der  Histoire  litterairo  de  la  France  den  geistlichen  herren  wegen  abfas- 
sung eines  so  ungeistlichen  gedichtes  zu  entschuldigen. 

5)  Collectio  Salernitana.     Napoli  1852.    1,  213. 

6)  Lehrbuch  der  geschichte  der  medicin,     3.  bearb.     Jena  1875.    1,  638. 


MACER    UND    DIE    DEUTSCHE    BOTANIK  191 

Über  hundert  seiner  hoxameter  sind  bereits  aufgenommen  worden  in 
das  berühmte  und  alverbreitete  Kegimen  sanitatis  Salernitanum ,  wel- 
ches zu  anfange  des  12.  Jahrhunderts  entstanden  zu  sein  scheint,  und 
noch  Theophrastus  Paracelsus  (f  1541)  hat  einen  commeiitar  zu  seinen 
ersten  37  capiteln  verfasst. ^  Handschriften  des  lateinischen  Werkes 
sind  vom  12.  Jahrhunderte  ab  zahlreich  vorhanden;  gedruckt  ward  es 
zuerst  zu  Neapel  1477,  und  seitdem  ward  es  noch  über  zwanzigmal 
herausgegeben,  zulezt  und  am  besten  durch  Ludw.  Choulant,^  mit  rei- 
chem kritischem  apparate  und  wertvollen  beigaben. 

Eine  dänische  bearbeitung  verfasste  der  im  jähre  1244  verstor- 
bene canonicus  des  stiftes  Koeskilde,  Henrik  Harpestreng.^ 

Auch  ins  deutsche  ist  Macer  bereits  im  13.  Jahrhundert  übersezt 
worden,  und  darnach,  wie  es  scheint,  nochmals  im  14.  Jahrhunderte. 
Auf  diese  deutschen  bearbeitungen  und  ihren  wert  nachdrücklich  und 
kundig  aufmerksam  gemacht  zu  haben  ist  das  verdienst  von  Josef 
Haupt.  ^  Zunächst  auf  Wiener  handschriften  gestüzt  unterscheidet 
Haupt  zwei  textgestaltuugen ,  beide  in  mitteldeutscher  spräche,  die  er 
für  zwei  verschiedene  Übersetzungen  hält,  die  eine  aus  dem  dreizehn- 
ten, die  andere  aus  dem  vierzehnten  Jahrhunderte.  Verbunden  mit 
einer  aufzählung  und  besprechung  der  Wiener  handschriften  teilt  er 
auch  kurze  proben  aus  beiden  gestaltungen  mit  zur  veranschaulichung 
und  vergleichuug. 

Weil  der  deutsche  Macer  noch  ungedruckt  und  noch  so  gar  wenig 
bekant  und  beachtet  ist,  wird  es  nicht  überflüssig  sein,  im  anschlusse 
an  Haupts  abhandlung  die  handschriften  aufzuzählen ,  so  weit  ich  bis 
jezt  von  ihnen  kentnis  erlangt  habe. 

1)  Wien.  Nr.  2524.  Octav.  Pergament.  13.  jahrh.  Enthält 
bl.  SB"" — 41''  die  ältere  gestalt.  Voran  geht  eine  vorrede,  deren  anfang 
lautet:  „Tucipit  liber  de  naturis  herbarum.  —  Swer  der  wrce  nätüre 
unde  ir  craft  irkenne  wil  Der  muz  wizen  waz  die  arcetbuch  sprechen 
von  uirhande  nätüren.  Di  erste  ist  warm  Di  andere  kalt  Di  dirte 
fücht   Di  virde  trocken.     Di    arcetbuch   segen   uns   von   uir  greten  der 

1)  Paracelsus,  Bücher  und  Schriften,  herausg.  von  J.  Huser.  Basel  1589  fgg. 
4«.  1,  1070  —  88.     Vgl.  Macer  ed.  Choiilant  s.  4.     Häser  1,  639. 

2)  Macer  Floridus  de  viribus  herbarum  .  .  recens.  Lud.  Choulant.    Lips.  1832. 

3)  Henrik  Harijestrengs  danske  Laegebog  fra  det  trettende  Aarhundrede,  udg. 
ef  Christ.  Molbech.  Kiobh.  1826.  8«,  in  220  exemplaren  gedruckt.  —  Vgl.  Chou- 
lant, histor.  litterar.  Jahrbuch  f.  d.  deutsche  raedicin.  2.  jahrg.  1839.  s.  125  fgg. — 
Me)'er,  gesch.  d.  bot.  3,  537  fgg. 

4)  Über  das  mitteldeutsche  arzneibuch  des  meisters  Bartholomaeus.  Wien 
1872.  (Aus:  Sitzungsber.  d.  phil.  hist.  cl.  der  kais.  akad.  d.  wiss.  1872.  bd.  71. 
s.  451  -  566.) 


192  J.   ZACHER 

nätüre.  Der  erste  grät  der  ist  so  man  sprichet  warm  Der  andere  wer- 
mer  Der  dirte  aller  wermest.  Der  virde  grät  ist  so  mau  sprichet  wer- 
Dier  den  aller  wermest.  usw.  ~  Von  einer  entsprechendeu  vorrede  des 
lateiuischen  texles  findet  sich  in  Choulauts  ausgäbe  keine  spur.  Sie 
scheint  demnach  von  dem  deutschen  bearbeiter  hinzugefügt  zu  sein,  als 
vorausgesante  erkläruug  der  bei  den  einzelnen  pflanzen  stets  widerkeh- 
renden derartigen  angaben.  • —  Dahinter  folgt  dann  der  eigenthche 
text,  anhebend  mit  1.  von  dem  biboze  (artemisia),  aber  schou  abl)re- 
chend  mit  20.  von  der  salbeien  (salvia). 

2)  Wien.  Nr.  5305.  Papier.  XV.  jahrh.  Enthält  bl.  317"— 334* 
den  volständigeu  text  der  älteren  gestalt,  wovon  jedoch  das  erste  blatt 
verloren  ist,  welches  die  vorrede  und  den  anfang  von  biboz  enthielt, 
und  dann  noch  ein  l)latt  zwischen  326  und  327.^  Die  zahl  der  kräu- 
ter  beträgt  90,  und  schliesst  mit  90  cerui  boletus  hirz  swam. 

3)  Rom.  Vaticana.  Nr.  4847.  Quart.  Papier.  15.  jahrh.,  beschrie- 
ben im  Anzeiger  für  Kunde  der  deutschen  Vorzeit.  Neue  folge.  2.  jahrg. 
1854.  Juli.  nr.  7.  sp.  184  — 186,  aber  hier  nicht  als  Macer  erkaut, 
und  auch  nicht  von  Haupt  genant.  Diese  handschrift  ist  uuverkenbar 
ein  gegenstück  zu  der  Wiener  nr.  5305.  Sie  enthält  (bl.  244'),  mit 
unerheblichen,  meist  erweiternden  abweichungeu ,  dieselbe  vorrede  wie 
die  Wiener  handschr.  uo.  2524:  „Wer  der  wurtz  nature  vn  ir  kraft 
erkennen  wil  der  muz  wizzen  dz  die  artz  pücher  sprecheut  von  vier 
haut  natur  die  erst  ist  warm  die  ander  kalt,  usw.,"  begint  dann  mit: 
„1.  Arthimesia  haizt  biboz"  und  schliesst  (bl.  225 '')  mit:  „90.  Cerui- 
boletus  hirzsv^amm."  Die  vorede ,  der  anfang  des  ersten ,  und  das 
lezte  kapitel  sind  im  „Anzeiger"  (a.  a.  o.)  abgediiickt. 

4)  Wien.  Nr.  2977.  Papier.  XIV.  jahrh.  Enthält  bl.  147*^  —  171'^ 
die  ältere  textgestalt,  aber  unvolständig  und  in  gestörter  Ordnung,  nur 
die  vorrede  und  32  pflanzen. 

5)  Wien.  Nr.  14545.  Papier.  XV.  jähr.  Enthält  bl.  13"  — 20^ 
nur  einen  auszug  aus  der  älteren  textgestalt,  in  derselben  kapitelfolge 
wie  nr.  2  (=  Wien.  5305). 

6)  Wien.  Nr.  2962.  Papier;  wahrscheinlich  XV.  jahrh.  Enthält, 
nach   Haupts  angäbe  (s.  86)    auf  bl.  60''- 85"',    „die   zweite   deutsche 

1)  In  dieser  handschrift  finden  sich,  nach  Haupts  angäbe  (s.  47)  folgende 
beachtenswerte  eiuzeiehimngen.  Auf  bl.  317,  von  einer  band  des  15.  jahrh.:  ,, Macer 
de  virtutibus  herbarura  theutonice  .  .  .  erifordie  a  Nycolao  venditore  libroruni  circa 
gradus  beato  niarie  virginis  1460."  und  :  ,,In  hac  eciam  liberaria  parua  contiuetur 
et  habetur  eciam  Macer  metricc  Raymundus  uietrice  et  alia  in  vno  paruo  volumine 
et  pergaraenio."  und  bl.  381 :  ,,  Iste  über  pcrtinet  Gerhardo  In  Curia  de  Elderka  Reni 
coloniefi.  dyocesis  et  dominii  quem  Emit  Erffordie  Anno  1479." 


MACER    UND    DIE    DEUTSCHE    BOTANIK  193 

bearbeitiing ,"  aber  unvolständig,  in  gestörter  Ordnung  untermengt  mit 
anderen  lateinischen  stücken ,  und  nachlässig  geschrieben ,  beschränkt 
auf  37  pfianzen, 

7)  München.  Cgm.  376.  4«.  XV.  jahrh.  bl.  114  —  170:  „Macer 
de  viribus  herbarum,  deutsch." 

8)  München.  Cgm.  133.  4».  XV.  jh.  bl.  1  —  102:  „Macerde 
viribus  herbarum,  deutsch." 

9)  München.  Cgm.  722.  4».  XV.  jh.  bl.  79  —  131 :  „Macerde 
viribus  herbarum ,  deutsch."  ^ 

10)  Frankfurt  am  Main.  „Macer  de  herbis,  germanice.  12". 
...  in  plagula  279  legitur:  anno  1394  die  12.  mensis  Nouembris." 
Erwähnt,  ohne  angäbe  des  aufbewahrungsortes  und  der  Signatur,  und 
ohne  genauere  beschreibung,  von  L.  Diefenbach  in  seinem  Glossarium 
latino-germanicum.  Francof.  a.  M.  1857.  s.  XIII.  unter  nr.  4.  —  Der 
auf  s.  115''  daraus  entnommene  pflanzenname  „ Ceruiboletus ,  hyrsis- 
swam"  stimt  zu  nr.  31  unserer  bruchstücke  =  nr.  90  sowol  der  Wiener 
haiidschr.  nr.  5305  wie  auch  der  Vaticanischen.  Darnach  lässt  sich  ver- 
muten ,  dass  diese  Frankfurter  handschrift  die  ältere  textgestalt  enthält. 

11)  Breslau.  Eliedigersche  Bibliothek  (jezt  mit  der  Stadtbibliothek 
vereinigt)  „XXXII.  germ.  lib.  IX."  ^  Pergament.  XIV.  jahrh.,  152  zwei- 
spaltig geschriebene  bl.  in  folio.  —  Auf  diese  sehr  reichhaltige  und 
wichtige  handschrift  hat  zuerst  Hoffmann  von  Fallersleben  aufmerksam 
gemacht  in  seinen  Fundgruben  für  geschichte  deutscher  spräche  und 
litteratur.  Breslau  1830.  1,  317  —  327,  ihren  Inhalt  ganz  kurz  ange- 
geben und  einige  proben  daraus  mitgeteilt  Dann  hat  Jos.  Haupt  in 
seiner  vorerwähnten  abhandlung  ihren  hauptsächlichsten  und  wichtig- 
sten Inhalt  kundiger  und  genauer  bestimt  und  seine  bedeutung  klarer 
dargetan.  —  Sie  enthält  bl.  1 — 93  nach  Haupt:  „ein  grosses  metho- 
disches werk"  (in  deutscher  spräche),  „welches  in  seinen  vier  büchern 
den  kreis  der  medicinischen  Wissenschaften ,  wie  er  im  mittelalter 
umschrieben  war,  volständig  erschöpft."  Dies  methodische  werk  war 
zusammengestelt    „nicht    nur    aus    den    griecliischen    und    lateinischen 

1)  Die  angaben  über  7  —  9  sind  entnommen  aus  dem  cataloge  ,,Die  deut- 
schen Handschriften  der  K.  Hof-  und  Staatsbild.  zu  München  nach  J.  A.  Schniel- 
lers  kurzem  Verzeichnis.     München  1866. 

2)  Diese  von  Hoffmann  nicht  angegebene  Signatur  entnehme  ich  aus:  Heu- 
schel,  Synopsis  chronologica  scriptorum  medii  aevi  medicorum  ac  ph^ysicorum  quae 
codicibus  bibliothecarum  Vratislavieusium  continentur.  Vratisl.  1847.  A".  (Jubel- 
programm für  Remer.)  s.  ll''.  —  Fruchtlos  ha1)e  ich  mich  bemüht  einen  anderen 
catalog  Henschels  zu  erlangen :  Catalogus  codicuni  medii  aevi  medicorum  ac  physi- 
corum  qui  manuscripti  in  bibliothecis  Vratislaviensibus  asservantur.  Particula  I. 
Vratislaviae  1847.  ap.  Ed.  Trewendt,  in  commissi» . 

ZKITSCHR.    F.    DEUTSCHF.    PHILOLOGIE.      I!D.    XII.  13 


194  J.  ZACHER 

autoren  des  altertums,  sondern  auch,  und  zwar  überwiegend,  aus  den 
arabischen  Schriftstellern ,  wie  Averroes ,  Mesue  u.  dgl. ,  neben  denen 
dann  vorzüglich  Platearius  und  Nicolaus  Praepositus  die  hauptquellen 
sind.  Aus  dem  lezteren  ist  besonders  das  vierte  buch  genommen."  ^  — 
Weiter  folgt  bl.  93  — 114,  wie  es  scheint,  ein  methodischer  auszug 
aus  der  Practica  des  Bartholomaeus.^  —  Dass  der  folgende  abschnitt, 
bl.  122"  — 146''  „heilkräfte  verschiedener  kräuter"  mit  „Aemilius 
Macer  übereinstimme"  hatte  schon  Hoflfmann  bemerkt,  ohne  jedoch 
näher  darauf  einzugehen.  Es  ist  eine  Übersetzung  des  Macer  Flo- 
ridus,  und  eine  sehr  charakteristische  stelle  daraus,  welche  Hoflfmann 
aufgenommen  hat  in  das  dem  ersten  bände  der  Fundgruben  angehängte 
glossar,  s.  358  s.  v.  alp:  „der  rouch  von  der  holwurtz  vertribit  den 
alp  oder  ungehüren."  stimt  genau  zu  der  entsprechenden  stelle  in 
cap.  VI.  (Aristolochia)  der  hier  gedruckten  bruchstücke.  —  Endlich 
folgen  in  dieser  Rhedigerscheu  handschrift  von  bl.  146  — 152  noch 
einige  auf  apothekerwesen  und  verschiedene  heilmittel  bezügliche 
abschnitte. 

Zu  diesen  11  handschriften  würde  eine  durchstöberung  von  cata- 
logen  und  bibliotheken  wol  noch  einen  reichlichen  Zuwachs  ergeben, 
zumal  wenn  auch  auf  solche  geachtet  würde,  in  denen  das  werk  ohne 
titel  oder  verfassernamen  erscheint,  und  deshalb  leicht  übersehen  wer- 
den kann.    Aber   schon  aus   den   wenigen   und   spärlichen  nachrichten, 

1)  Auch  die  übrigen  ihm  bekant  gewordenen  handschriften  dieses  noch  uuge- 
druckten  werkes  hat  J.  Haupt  aufgeführt  und  eingehender  besprochen.  Die  wich- 
tigsten darunter  sind  eine  Wiener  (ur.  13647.  Perg.  XV.  jh.),  und  eine  des  Chor- 
herren -  stiftes  zu  Kloster -Neuburg  (Pgm.  XII.  jh.  137  bll.).  Von  dieser  lezteren 
hatte  Diemer  abschrift  genommen,  und  diese  abschrift  ist  als  ,,Diemers  arz- 
neibuch"  im  mhd.  wörterbuche  von  Müller  und  Zarncke  (2,  1,  III)  und  im  mhd. 
handwörterbuche  von  Lexer  (1,  XV)  unter  den  benuzten  quellen  aufgeführt. 

2)  Bartholomaeus  gehört  zu  den  „bemerkenswertesten  Salernitanern  der 
zweiten  hälfte  des  11.  Jahrhunderts."  Sein  hauptwerk  ist  betitelt:  Introductiones  et 
experimenta  in  practicam  Hippocratis,  Galieni,  Constantini,  graecorum  medicorum, 
und  ist  als  „Bartholomaei  Salernitani  Practica"  nach  einer  handschrift  der  Marcus- 
bibliothek in  Venedig  gedruckt  in  de  Eenzis  Collectio  Salernitana  4,  321  —  408. 
Diese  Practica  ward  schon  im  13.  jahrh.  in  das  Hochdeutsche,  Niederdeutsche  und 
Dänische  übertragen.  Häser  kent  bereits  elf  hochdeutsche  handschriften.  Gewöhn- 
lich aber  bildet  für  die  mittelalterlichen  deutschen  arzneibücher  die  Practica  des 
Bartholomaeus  ,,nur  den  grundstock,  neben  welchem  noch  andere  quellen  benuzt 
sind."  —  Häser,  gesch.  der  med.  1,  663  fgg.  Jos.  Haupt,  über  das  mitteldeutsche 
arzneibuch  des  meisters  Bartholomaeus.  Wien  1872,  worin  s.  69  fgg.  16  handschriften 
und  bruchstücke  aufgezählt  werden,  und  ferner  erwiesen  wird,  wie  wenig  die  aus- 
gäbe von  Pz.  Pfeiffer  genügen  kann,  welche  den  titel  führt:  Zwei  deutsche  arznei- 
bücher aus  dem  12.  und  13.  jahrlmndert.  Wien  1863  (=  Sitzungsberichte  usw. 
bd.  42.). 


MACER   UND   DIE  DEUTSCHE    BOTANIK  195 

welche  über  die  11  hier  aufgezählten  handschriften  vorlagen,  hat  sich 
mit  hoher  Wahrscheinlichkeit  der  scliluss  gewinnen  lassen,  dass  die 
hier  abgedruckten  bruchstücke  zur  ältesten  deutschen  Übersetzung 
des  Macer  gehören.^  —  In  der  reihenfolge  der  capitel  zeigen,  nach 
Choulants  angäbe ,  schon  die  lateinischen  handschriften  mancherlei  Ver- 
schiedenheiten; die  deutschen  scheinen  hierin  noch  stärker  untereinan- 
der abzuweichen.  In  unseren  bruchstüchen  ist  die  capitelfolge  in  eine 
ungefähre  alphabetische  Ordnung  umgesezt. 

Mac  er  Floridus  ist  nicht  eine  in  der  litteratur  vereinzelt  und 
vereinsamt  dastehende  erscheinung,  sondern  andere  werke  verwanten 
Charakters  und  Zweckes  sind  ihm  vorausgegangen  und  nachgefolgt. 
Deshalb  scheint  es  zweckdienlich,  wenigstens  auf  einige  der  wichtig- 
sten und  wirksamsten  unter  diesen  einen  raschen  blick  zu  werfen. 

Unter  den  dem  Macer  vorangegangenen  sind  zwei  werke  von 
unbekanten  Verfassern  hervorzuheben,  deren  eines  unter  dem  nameu 
des  Plinius,  das  andere  unter  dem  des  Apulejus  umlief. 

Das  ältere  dieser  beiden  werke,    welches  jezt   als  Ps  endo -Pli- 
nius,   oder  Medicina  Plinii,    oder  Breviarium  Plinii   bezeichnet 
wird ,   ist  wahrscheinlich  in   der   ersten  hälfte  des  vierten  Jahrhunderts 
entstanden,  und  ist  im  wesentlichen  ein  auf  die  heilwirkuugeu  von  arz- 
neipfianzen  sich  beschränkender  auszug   aus   der  Historia  Naturalis  des 
Plinius   mit   wenigen   anderswoher   entnommeneu  Zusätzen ,    verfasst  zu 
dem  in  der  vorrede  ausgesprochenen  zwecke,   reisenden  als  band-  und 
hilfsbuch  zu  dienen ,  um  diese  von  teuren  unbekanten  ärzten  unabhängig 
zu  macheu.     Deshalb  sind    alle   ausländischen,    entlegenen   und  teuren 
arzneistoffe  weggelassen  und   auch   die  frauen-  und  kinderkrankheiten 
übergangen.     Geordnet  ist  das  material  nach  den  krankheiten ,  und  zwar 
so ,  dass  das  erste  und  zweite  buch  die  mittel  gegen  die  krankheiten  der 
einzelnen  glieder,  vom  köpfe  herab  bis  zu  den  füssen  enthält,  das  dritte 
darauf  die  mittel  gegen  solche  krankheiten ,  die  nicht  auf  einzelne  glie- 
der beschränkt  sind,  als  wunden,  fieber,  hautkrankheiten,  Vergiftungen 
usw.     In  den  folgenden  Jahrhunderten  ,   besonders  im  seclisten  und  sie- 
benten, ist  dieses  werk  durch  starke  Umarbeitungen  sehr  verändert  und 
erweitert,   und  auch  noch  durch  hiuzufügung  eines  vierten  und  fünften 
buches  vermehrt  worden.     Gedruckt   sind   bis  jezt   nur   solche    spätere 
Umarbeitungen,    in    denen    der    Verfasser   Plinius  junior,    Plinius 
Secundus,   oder  Plinius  Valerianus  genant  wird.     Den  wirklichen 
richtigen  Sachverhalt  hat  Val.  Rose   aufgedeckt   und  nachgewiesen  in 

1)   Dieser  scliluss   folgt  aus  dem  unter  ur.  2.   3.   10.  11    über  hirzswani  und 
alp  =  ungehiure  angemerkten. 

13* 


196  J.    ZACHEB 

seiner  abliandluug  „Über  die  Medicina  Plinii,"    imd  an  deren  Schlüsse 
auch  eine  kritische  ausgäbe  in  aussieht  gestelt.^ 

Das  andere  werk,  früher  unter  dem  verfassernamen  A  pul  ejus 
Barbarus  oder  Apulejus  Platonicus  gehend,  jezt  gewöhnlich 
Pseudo-Apulejus  genant,  ist  wahrscheinlich  im  fünften  Jahrhunderte 
entstanden.  In  nachahmung  der  vorrede  des  Breviarium  Plinii  sagt 
der  unbekante  Verfasser,  dass  er  ZAim  frommen  seiner  mitbürger,  um 
sie  von  habsüchtigen  und  unwissenden  ärzten  unabhängig  zu  machen, 
ein  kurzes  handbuch  der  geeignetsten  arzneimittel ,  enthaltend  „herba- 
rum  vires  et  curationes  corporis,"  zu  liefern  beabsichtigt  habe.  Dies 
werk  ist  im  wesentlichen  ein  auszug  aus  Dioskorides,  und  handelt  in 
128  (bis  131)  kapiteln  von  eben  so  vielen  pflanzlichen  mittein,  in  der 
weise,  dass  stets  auf  eine  aufzählung  der  verschiedenen  benennungen 
in  mehreren  sprachen  eine  kurze  beschreibung  der  betreffenden  pflanze, 
und  darnach  eine  angäbe  ihres  verschiedenartigen  heilgebrauches  folgt. 
Für  die  grosse  und  andauernde  beliebtheit  des  Werkes  zeugen  zahlreiche 
erhaltene  handschriften ,  die  aber  sehr  stark  untereinander  abweichen. 
Meist  sind  in  ihnen  die  pflanzennameu  übel  verderbt,  die  beschreibun- 
gen  weggelassen,  und  die  angaben  des  heilgebrauches  bald  gekürzt, 
bald  erweitert  und  mannigfach  geändert.  Die  älteste  noch  ungedruckte 
textgestalt  enthält  namentlich  auch  eine  beträchtliche  anzahl  von 
besprechungsformeln  und  precationen  heidnischen  Charakters  zum  ge- 
brauche beim  einsammeln  und  bei  der  heilanwendung  der  verschiedeneu 
kräuter,  welche,  wie  sie  einerseits  an  die  griechischen  qi'C.ordi.ioL  sich 
lehnen  mögen,  so  andererseits  vielleicht  in  Umbildungen  noch  bis  auf 
die  gegenwart  fortwirken  können,  auf  die  noch  jezt  üblichen  kräuter- 
segen  und  kräuterweihen.^ 

1)  Val.  Rose,  in:  Hermes,  lisg.  v.  Hübner.  Berlin  1874.  8,  18  — G6.  Vgl. 
Meyer  2,  398  fgg.     Häser  1,  G23  fgg.     Teuffei  §  411  s.  962  fg. 

2)  Ausgaben:  Parabilium  medicamentorum  scriptores  antiqui,  Sexti  Placiti 
Papyriensis  de  medicameutis  ex  animalibus  liber,  Lucii  Apuleji  de  medicamiuibus 
berbarum  liber,  ex  rec.  et  cum  notis  Jo.  Cbr.  Gl.  Ackermann.  Norimb.  et  Altorfii 
1788.  Daneben  ist,  worauf  Meyer  aufmerksam  macht,  namentlich  wegen  des  com- 
mentares  noch  zu  benutzen :  In  hoc  opere  contenta.  Ant.  Musae  de  herba  Vetonica 
liber  1.  L.  Apulei  de  raedicaminibus  berbarum  liber  I.  Per  Gabr.  Humelbergium, 
Eavenspurgensem.  s.  1.  e.  a  (1537.  4").  —  Vgl.  Val.  Rose,  in  Hermes  8,  35  fgg. 
Meyer  2,  316.  Häsor  s.  627.  Teuffei  §367,  1^  s.  860.  —  Über  eine  alte  text- 
gestalt und  namentlich  über  die  darin  enthaltenen  besprechungsformeln  (in  einer 
Breslauer  hs.  des  IX.  jahrh. ,  univ. -bibl.  IIT.  F.  19.)  hat  in  anziehender  und  gehalt- 
voller abhandlung  (betitelt:  „Der  älteste  modinische  Codex  der  Breslauer  Univer- 
sitätsbibliothek") belehrt  Henschel  in  seiner  Zeitschrift  Janus  (Zeitschr.  f.  gesch. 
u.  litt.  d.  mediein).  Breslau  1846.  1,  639  —  684.  -  Eine  altenglische  bearbeitung 
des  Pseudo-Apulejus  ist  gedruckt  in:    Leechdoms,  Wortcunuing ,   and  Starcraft  of 


MACER   UND    DIE   DEUTSCHE   BOTANIK  197 

Bald  nach  Macer  Floridus  beginnen  die  heilmittellehren  der  ara- 
bischen und  der  salernitanischen  ärzte.  Von  diesen  hebe  ich 
drei  der  wichtigsten  und  einflussreichsten  über  einfache  arzneimittel 
heraus:  die  des  Platearius,  des  jüngeren  Serapion  und  des  Mat- 
thaeus  Sylvaticus.  Verfasst  von  ärzten  für  ärzte  sind  sie  natürlich 
viel  reichhaltiger  als  Macer ;  weil  sie  aber  grossenteils  aus  denselben 
hauptquellon  geschöpft  haben,  treffen  sie  in  ihren  angaben  sachlich 
doch  liäufig  mit  ihm  überein ,  zumal  dann ,  wenn  beide  gleicherweise 
auf  Dioskorides  zurückgehen.  Deshalb  kann  ihre  vergleichung  der  kri- 
tik  und  dem  richtigen  Verständnisse  sowol  des  lateinischen  wie  des 
deutschen  tcxtes  Macers  zu  statten  kommen.  —  Die  nachfolgenden 
angaben  gründen  sich ,  wie  natürlich ,  auf  die  forschungen  und  urteile 
der  besten  und  verlässigsten  gewährsmänner,  Meyer  und  Häser. 

Matthaeus  Platearius  war  ein  glied  der  an  berühmten  ärzten 
reichen  familie  der  Platearier  zu  Salerno.  Er  schrieb  im  elften ,  oder  zu 
anfange  des  zwölften  Jahrhunderts.  Sein  werk  De  simplici  medicina 
begint  mit  den  worten:  ..Circa  instans  negotium  de  simplicibus  medi- 
cinis  nostrum  versatur  propositum,"  und  wird  deshalb  gewöhnlich 
„Circa  instans"  genant.  Es  ist  eine  auf  griechischen  und  lateinischen 
quellen  beruhende ,  nach  den  namen  der  mittel  alphabetisch  geordnete 
heilmittellehre,  die  vom  12.  bis  in  das  16.  Jahrhundert  im  höchsten 
ansehen  stand,  und  sehr  viel  benuzt  und  ausgeschrieben  wurde.  Sie 
ist  widerholt  gedruckt  worden ,  aber  niemals  einzeln ,  sondern  stets  nur 
als  anhang  zu  anderen  werken,  zu  der  Practica  des  Johannes  Platea- 
rius, zu  der  Practica  des  älteren  Serapion  und  zum  Dispensarium  oder 
Antidotarium  magnum  magistri  Nicolai  Praepositi  ad  aromatarios,  und 
wird  deshalb  leicht  übersehen.  Ich  benutze  die  ausgäbe:  Practica  Jo. 
Serapionis  s.  1.  1525  in  klein  folio.  Darin  steht  des  Platearius  buch 
Circa  instans  auf  bl.  22.3*  — 252^.  —  Dieses  werk  des  Platearius 
beschränkt  sich  also  auf  die  Simplicia,  auf  die  einfachen  arzneimittel. 
Was  man  aber  damals,  und  durch  das  ganze  mittelalter,  unter  der 
benennung  Simplicia  verstand,  das  erklärt  Platearius  gleich  zu  anfange 
seines  werkes  kurz  und  bündig :  ,,  Simplex  autem  medicina  est ,  que 
talis  est,  qualis  a  natura  producitur,  ut  gariofilus  (gewürznelke),  nux 
muscata,  et  similia,  vel,  quae,  licet  aliquo  sit  mutata  artiticio,  non 
est  alii  medicine  commixta,  vt  tamarindi,  qui  abiectis  corticibus  artifi- 
cio  conquassantur ,    et  aloen ,   quod   ex   herbe  succo   artificiose   excocto 

Early  England.  Collected  and  edited  by  0.  Cockayne.  London  1864.  1,  1  fgg. 
(=  Rerum  Britann icarum  medii  aevi  scriptores.  35).  B.  ten  Brink  in  seiner  Ge- 
schichte der  englischen  Litteratnr  (Berlin  1877.  1,  125)  sezt  die  entstehung  dieser 
bearheitung  in  die  erste  hälfte  des  elften  Jahrhunderts. 


198  J.    ZACHER 

efficitur."  —  Solche  einfache  arzueimittel ,  Simplicia ,  waren  die  haupt- 
niittel  der  mittelalterlichen  medicin,  und  unter  ihnen  behaupteten 
widerum  die  pflanzlichen  mittel,  bis  auf  und  noch  nach  Paracelsus,  so 
sehr  den  vorrang,  dass  die  animalischen  und  mineralischen  weit  hinter 
ihnen  zurückstanden  und  nur  in  beschränktem  masse  zur  anwendung 
kamen.  Daher  verfassten  zum  behufe  der  medicinischen  praxis  die 
arabischen  und  die  salernitauischen  ärzte  widerholt  Sammelwerke  über 
diese  Simplicia,  in  denen  die  altüberlieferten  und  die  neuerlich  iiinzu- 
gekommenen  einfachen  arzueimittel  und  ihre  mannigfachen  anwendun- 
gen  mehr  oder  minder  volstäudig  aufgezählt  wurden ,  mit  natürlichem 
grossem  übergewichte  der  pflanzlichen  mittel.  Solche  Sammelwerke 
erhielten  denn  wol  auch  den  ihren  compilatorischen  Charakter  bezeich- 
nenden titel  Aggregator  oder  Pandectae. 

Des  jüngeren  Serapion  werk  über  die  einfachen  arzueimittel 
ist  nach  Käsers  urteil  eine  sehr  volständige  Zusammenstellung  dessen, 
was  griechische  und  arabische  ärzte  bis  dahin  über  einfache  arzueimit- 
tel geschrieben  hatten.  Nachrichten  über  den  Verfasser  und  seine 
lebensverhältnisse  gebrechen  gänzlich.  Nach  Steinschneiders  meinung 
soll  er  sein  werk  in  Spanien  oder  Mauretanien  verfasst  haben,  noch 
vor  Platearius.  Aber  dem  christlichen  abendlande  ist  das  ursprünglich 
arabisch  abgefasste  werk  erst  zugänglich  und  bekant  geworden  durch 
eine  nicht  eben  gewante  lateinische  Übersetzung,  welche  Simon  von 
Genua  (Januensis) ,  arzt  des  pabstes  Nicolaus  IV. ,  mit  hilfe  eines  Juden, 
Abraham  Tortuosiensis ,  zu  ende  des  13.  Jahrhunderts  verfasst  hatte, 
und  auch  nur  in  dieser  gestalt  ist  es  bis  jezt  gedruckt.  Ich  benutze 
die  eben  schon  bei  Platearius  genante  ausgäbe  (s.  1.  1535),  in  welcher 
der  Practica  des  älteren  Serapion  (eines  griechischen ,  christlichen  arztes 
des  neunten  oder  zehnten  Jahrhunderts)  auf  bl.  113" — 201"=  diese  arz- 
neimittellehre  des  jüngeren  Serapion  angefügt  ist  unter  dem  titel: 
„Incipit  liber  Serapionis  aggregaf  in  medicinis  simplicibus  secundum 
translationem  Symonis  Januensis,  interprete  Abraam  iudeo  Tortuoensi 
de  arabico  in  latinum." 

Die  dem  könige  Robert  von  Sicilien  (1310  —  1343)  gewidmeten 
Pandectae  medicinae  des  Matthaeus  Sylvaticus  sind  die  vol- 
ständigste  heilmittellehre  jener  zeit.  Grösstenteils  sind  sie  geschöpft 
aus  berühmten  und  damals  in  höchstem  ansehen  stehenden  Schriftstel- 
lern, namentlich  aus  Dioskorides ,  Galenus,  Plinius,  Mesue,  Avicenna, 
Serapion  u.  a. ,  und  den  einzelnen  excerpten  ist,  wie  bei  Viucentius 
Bellovacensis ,  die  abgekürzte  bezeichnung  der  quelle  vorangestelt,  aber 
auch  eigene  bemerkungen  laufen  mit  unter.  Die  reihenfolge  der  meist 
mit   arabischer,   griechischer   und  lateinischer   benennung  angegebenen 


MACER    UND    DIE   DEUTSCHE   BOTANIK  199 

heilmittel  ist  eine  eigeutümlich  moditicierte  alphabetisch e.  Auch  die- 
ses werk  stand  über  das  raittehilter  hinaus  in  hohem  ansehen  und  ist 
oft  gedruckt  worden.  Mir  steht  nur  die  ausgäbe  zur  Verfügung:  Opus 
Pandectarum  medicine  Matthei  Siluatici  etc.  Lugduni  1534.  fol,  in 
welcher  der  ursprüngliche  echte  text  des  Sylvaticus  bereits  vermehrt 
ist  durch  eiuschaltung  der  Clavis  sauationis  des  Simon  Januensis  und 
durch  andere  zusätze. 

Mit  dem  ablaufe  des  mittelalters  und  nach  erfindung  der  buch- 
druckerkunst  erfahren  auch  die  kräuterbücher  eine  volstäudige  Umwand- 
lung, die  in  Deutschland  in  einigen  hauptwerken  klar  zu  tage  tritt, 
so  dass  es  zweckmässig  erscheint,  auch  diese  werke  noch  kurz  in 
betracht  zu  ziehen. 

Die  gedruckten  kräuterbücher  in  Deutschland  beginnen  im  lez- 
ten  viertel  des  15.  Jahrhunderts,  und  zwar  zunächst  in  zwei  reihen, 
die  eine  unter  dem  titel  Herbarius  (oder  auch  Herbolarium),  die 
andere  unter  dem  titel  (li)Ortus  sanitatis. 

Die  älteste  datierte  ausgäbe  des  Herbarius  erschien  zu  Mainz 
1484,  nachdem  ihr  vielleicht  schon  eine  undatierte  vorausgegangen  war. 
Pritzel,  in  seinem  Thesaurus  litteraturae  botanicae,  Lips.  1851.  4*^, 
s.  349,  zählt  unter  nr.  11867 — 11875  neun  ausgaben  des  Herbarius 
auf,  und  zwar  sechs  in  lateinischer,  zwei  in  italienischer  und  eine  in 
niederländischer  spräche.  Keine  dieser  ausgaben  habe  ich  gesehen ,  und 
vermag  deshalb  auch  nicht  aus  eigener  anschauung  darüber  zu  berich- 
ten. Nach  Meyers  mitteilung  ^  heisst  es  in  der  vorrede  des  Herbarius : 
„Ob  id  presens  opusculum  suam  sumpsit  denominationem  Aggregator 
practicus  de  simplicibus'";  und  Meyers  eigenes  urteil  lautet  (s.  184): 
„  des  buches  ausgesprochener  zweck  ist ,  den  armen  des  kostbaren  bei- 
standes  der  ärzte  und  apotheker  zu  überheben.  Doch  geht  es  über 
seine  grenzen  hinaus,  indem  es,  zumal  in  den  sechs  lezteu  kürzeren 
Partikeln ,  die  ich  als  anhang  zum  ursprünglichen  werk  betrachte ,  viele 
kostbare  ausländische  mittel  anführt;  und  es  verfehlt  seinen  zweck 
durch  die  Oberflächlichkeit  oder  gänzliche  auslassung  der  pflanzen- 
beschreibungen."  —  Demnach  war  auch  dieser  Herbarius  noch  eine 
arzneimittellehre ,  in  einer  seit  mehreren  Jahrhunderten  üblich  gewor- 
denen gestalt,  zusammengestelt  aus  damals  gangbaren  und  geschäzten, 
vom  Verfasser  oft  namentlich  angeführten  büchern,  unter  denen  auch 
Macer  genant  wird.  Neu  aber  ist,  und  überaus  wichtig,  die  anwen- 
dung  des   holzsclmittes.     Denn   wenn   auch,    nach  Meyers  urteile,    die 

1)  Gesch.  d.  Bot.  4,  179. 


200  J.   ZACHEK 

pflanzenabbildiingen  noch  so  mangelhaft  ausgefallen  sind,  dass  „sich 
nur  wenige  derselben  mit  mühe  erkennen  lassen,"  so  liegt  doch  grade 
hierin  der  erste  keim  eines  wirklichen  fortschrittes  und  einer  ganz  neuen 
Wissenschaft,  wie  sich  bei  betrachtung  der  nächstfolgenden  werke  als- 
bald deutlich  herausstellen  wird. 

Der  (h)Ortus  sanitatis  erschien  zuerst  in  kürzerer  deutscher 
gestalt,  als  „Gart  der  Gesuntheit"  zu  Mainz  1485,  und  darauf  in 
umfänglicherer  lateinischer,  widerum  zu  Mainz  1491.  Pritzel,  in  sei- 
nem Thes.  lit.  bot.  führt  unter  nr.  11876  — 11906  31  ausgaben  dessel- 
ben auf,  und  zwar  5  in  lateinischer,  21  in  deutscher,  2  in  nieder- 
deutscher, 1  in  holländischer,  und  2  in  französischer  spräche;  ein 
redendes  zeugnis  für  die  grosse  beliebtheit  und  Verbreitung  des  Wer- 
kes. —  Mir  liegen  nur  zwei  späte  ausgaben  vor,  eine  lateinische  s.  1. 
1517  fol.,  und  eine  deutsche,  Strassburg  1536  fol. ,  in  welcher  lezteren 
aber  grade  die  herbae  fehlen. 

Verfasser  und  entstehungszeit  des  Ortus  sanitatis  sind  unbekant; 
ja  es  ist  noch  nicht  einmal  sicher  ermittelt,  ob  die  kürzere  deutsche 
oder  die  längere  lateinische  gestalt  desselben  die  ältere  und  ursprüng- 
lichere sei.  Der  umfang  des  Inhaltes  ist  in  dem  titel  der  lateinischen 
fassung  übersichtlich  angezeigt:  „Ortus  Sanitatis.  De  Herbis  et  Plan- 
tis.  De  Animalibus  et  Eeptilibus.  De  Auibus  et  Volatilibus.  De  Pis- 
cibus  et  Natatilibus.  De  Lapidibus  et  in  terre  venis  nascentibus.  De 
Vriuis  et  earum  speciebus. "  Es  beschränkt  sich  demnach  das  werk 
niclit  anf  die  pflanzen,  sondern  erstreckt  sich  über  alle  drei  naturreiche; 
nur  dass  die  lierbae  mindestens  eben  so  viel  räum  einnehmen  als  alles 
übrige  zusammen.  Auch  dieses  werk  ist  noch  eine  blosse  compilation, 
zusammengestelt  aus  den  gangbarsten  arzneimittellehreu ,  bis  herab  auf 
Matthaeus  Sylvaticus,  und  aus  den  encyclopädien  des  13.  Jahrhunderts, 
aus  den  encyclopädischen  werken  des  Bartholomaeus  Anglicus,  Arnol- 
dus  de  Saxonia,^  Thomas  Cantimpratensis ,  Viucentius  Bellovacensis  und 

1)  Nicht  Arnaldus  de  Villanova,  wie  Meyer  4,  194  meint.  Das  richtige 
konte  Meyer  damals  freilich  noch  nicht  ermitteln,  weilArnoldus  de  Saxonia  damals 
noch  völlig  verschollen  war.  Ich  kante  ihn  zwar  längst  aus  den  reichlichen  anfiih- 
rungen  und  auszügen  bei  Vincentius  Bellovacensis,  aber  alle  meine  bemühungen 
seiner  habhaft  zu  werden  blieben  ergebnislos ,  weil  kein  litterarhistoriker ,  kein 
bibliograph,  kein  handschriftenkatalog ,  kein  bibliothckar  ihn  kante,  bis  es  Val. 
Rose  glückte,  ihn  in  der  Amplonianischcn  bibliothek  zu  Erfurt  zu  entdecken,  worü- 
ber er  dann  auskauft  gegeben  hat  in  Haupts  zeitschr.  für  deutsches  altertum.  Ber- 
lin 1875.  18,  321  fgg.  —  Ob  übrigens  der  vorf.  des  Ortus  sanitatis  das  werk  des 
Albertus  de  Saxonia  in  originali  benuzt,  oder  ob  er  sich  begnügt  habe  die  citatc 
aus  Vincentius  Bellovacensis  abzuschreiben,  das  habe  ich  nicht  untersucht,  weil  ich 
dessen  für  meinen  gegenwärtigen  zweck  nicht  bedurfte. 


MACER   UND   DIK   DEUTSCHE   BOTANIK  201 

Albertus  Magnus.     Der  zweck  des  Werkes  ist  in  der  lateinischen  vorrede 
bestirnt    und   deutlich    ausgesprochen:    „Id   ipsum   autem  perficiendum 
nie  prinio  principalissinieque  charitas  vrgebat,    quae   eorurn  inopie    me 
tecit  couipati,   quibus  temporalis  non  subministrat  facultas  pro  necessi- 
tate   couducendi   medicos  et   apotecarios,    pecunia  eis  deficiente.     Nara 
lii  huius  doctrina  libri  adiuti ,  sumptibus  admodum  exiguis  concurrenti- 
bus,  ipsis  (1.  ipsi)  sibi  conferre  valebimt  praeseruatiua  remedia  perfecta- 
que  medicainina."     Nach  der  hier  ausgesprochenen  absieht  also  solte  das 
buch  eine  arzneimittellehre  sein  für  solche ,  die  des  arztes  entraten  wol- 
len oder  müssen;   in   der  ausführung  jedoch   hat   der  Verfasser    diesen 
zweck  stark  aus  dem  äuge  verloren ,  und  sich  begnügt  kritiklos  zusam- 
menzustöppeln  was   seine    vorlagen   ihm   darboten,    auch  wenn   es  für 
heilzwecke  unverwendbar  war,  ja    sogar  wenn   es  überhaupt  gar  nicht 
existiert,    wie    die  fabelhaften  tiere   und    steine,    an   denen  die  mittel- 
alterlichen  bücher   reich   sind.  —     Die   holzschnitte ,    mit  denen  auch 
dieses  werk  ausgestattet  ist ,  sind  noch  in  der  lateinischen  ausgäbe  roh 
und  ungeschickt;   in   der   deutschen    von    1536    zeigen   sie   zwar   einen 
merklichen  technischen  fortschritt,    können   sich   aber  an  charakteristi- 
schen stellen  doch   noch   nicht   losreissen  und  frei  machen  von  den  in 
der  älteren  ausgäbe  vorliegenden  typen.     Und  es  kann  auch  überhaupt 
von  vorn  herein  ein  ehrliches  und  ernstes  streben  nach  naturtreue  doch 
schwerlich  massgebende  absieht  des  Verfassers  oder  herausgebers  gewe- 
sen sein,  weil  ja  auch  die  steine  und  die  fabeltiere,  wie  z.  b.  Cerastes, 
Draco,  Formice  majores  (die  goldgrabenden  ameisen),  Leuiathan,  Pilo- 
sus,   Pegasus,   Salamandra,   Basiliscus,  und  viele  andere,  mit  blossen 
phantasiebildern  ausgestattet  worden  sind.     Darnach  scheint  es  fast,  als 
hätten  die  bilder  hauptsächlich  dazu  dienen  sollen  die  käufer  anzulocken. 
In  dem   quellenverzeichnisse   zu   dem  Mittelniederdeutschen  wör- 
terbuche  von  Schiller  und  Lübben  (Bremen  1875)  wird  s.  IX  aufgeführt: 
„Eyn  schone  Arstedygeboeck  van  allerleye  ghebreck  vnnde  kranckhey- 
den  der  mynschen."     Am  ende:   „Finitus  est  iste  libellus  herbarius. 
Ao.  1483."     Klein  folio.     Und   im  Wörterbuche   selbst  sind  stellen   aus 
diesem  drucke  ausgehoben,  die  so  nahe  zu  den  hier  gedruckten  bruch- 
stücken  des  deutschen  Macer   stimmen,    dass   sie    sehr  wol   aus   einem 
niederdeutschen  Macer  stammen  können;  ja  es  wird  darin  sogar  Macer 
ausdrücklich    genant,    wie   z.  b.  1,  297,    unter   Betekalk:    „also    secht 
Macer";    (vgl,  in  den  hier  gedruckten  bruchstücken ,    unter  VI.  Aristo- 
lochia).  —     In  welchem  Verhältnisse   aber   dieser   alte  Lübecker  druck 
zu  Macer,  oder  auch  zu  dem  vorhin  erwähnten  Mainzer  Herbarius  ste- 
hen möge,    vermag  ich  nicht  anzugeben;    denn  ich  habe  weder  diesen 
Lübecker  druck  selbst  erreichen  können,   noch  auch  das  programm,  in 


202  J.    ZACHER 

welchem  über  ihn  gehandelt  sein  soll:  ,,C.  Deecke,  Einige  nachrichten 
von  den  im  XV.  jh.  zu  Lübeck  gedruckten  niedersächs.  büchern.  Lübeck 
1834.  4"."  Bei  Pritzel,  Meyer  und  Häser  habe  ich  diesen  Lübecker 
druck  nicht  erwähnt  gefunden. 

Mit  dem  Mainzer  Herbarius  und  dem  Ortus  Sanitatis  war  die 
behandlungsweise  der  mittelalterlichen  arzneimittellehren  und  kräuter- 
bücher  erschöpft  und  ausgelebt.  Denn  der  neu  eröffnete  Zugang  zu  den 
römischen  und  zumal  zu  den  griechischen  originalwerken ,  die  nun  auch 
durch  den  druck  für  jedermann  bequem  zu  erreichen  waren,  schuf  auch 
hier  neues  leben,  führte  zur  revision  der  seit  Jahrhunderten  herköm- 
lichen,  vielfach  verdunkelten  und  verderbten  Überlieferung,  und  regte 
widerum  zu  eigenem  denken  und  forschen  an.  Und  der  neuerwachte 
trieb  erwies  sich  auf  diesem  gebiete  so  mächtig  und  fruchtbar,  dass 
in  der  ersten  hälfte  des  16.  Jahrhunderts  hart  hintereinander,  und  grossen- 
teils  noch  nebeneinander  „die  deutschen  väter  der  Pflanzenkunde," 
wie  Sprengel  sie  treffend  genant  hat,  auftraten  und  den  ersten  siche- 
ren grund  legten  zu  einer  wirklich  wissenschaftlichen  behandlung  der 
botanik:  Otto  ßrunfels,  Hieronymus  Bock  und  Leonhard  Fuchs. 

Otto  Brunfels,  vermutlich  kurz  vor  1500  zu  Mainz  geboren, 
gieng  als  junger  magister  ins  kloster,  verliess  es  aber  bald  wider  und 
wante  sich  zum  protestantismus.  Nachdem  er  darauf  durch  mehrere 
jähre  in  Strassburg  als  lehrer  erfolgreich  gewirkt  und  daneben  auch 
medicinische  Studien  betrieben  hatte,  erwarb  er  im  jähre  1530  zu  Basel 
die  medicinische  doctorwürde,  und  gewann  bald  solchen  ruf,  dass  er 
mit  ansehnlichem  gehalte  als  stadtarzt  nach  Bern  berufen  wurde,  wo 
er  aber  bereits  1534  starb.  Er  hat  verschiedene  theologische  und  meh- 
rere medicinische  werke  verfasst;  sein  hauptverdienst  aber  ist  sein 
bahnbrechendes  botanisches  werk,  welches  zuerst  lateinisch  erschien 
unter  dem  titel :  Herbarum  vivae  eicones ,  ad  naturae  imitationem  sum- 
ma cum  diligentia  et  artificio  effigiatae  una  cum  effectibus  earundem, 
in  gratiam  ueteris  illius,  et  iamiam  renascentis  herbariae  medicinae. 
Argentorati  1530  —  36.  3  bde.  in  folio,  und  in  lateinischer  fassung 
widerholt  gedruckt  wurde  (bd.  1.  1532;  bd.  2.  1536;  bd.  1  —  3.  1537 
und  1539),  dann  aber  auch  deutsch,  unter  dem  titel:  Contrafayt  Kreu- 
terbuch  usw.  Strassburg  1532—37.  2  bde  in  fol.  Ich  benutze,  aus 
der  bibliothek  der  Leopoldiuisch  -  Carolinischen  akademie ,  ein  unvol- 
ständiges  exemplar  der  zweiten  ausgäbe  des  ersten  lateinischen  teiles, 
Argentorati  1532.  fol.^ 

1)  Seitdem  habe  ich  selbst  ein  volständiges  exemplar  des  ersten  teiles  der 
ersten  lateinischen  ausgäbe,  Ai-geut.  1530.  fol.,  duixh  kauf  erworben. 


MACER    UND    DIE    DEUTSCHE    BOTANIK  203 

Der  text  gliedert  sich  iu  der  regel  in  folgende  abschnitte : 
1)  nomeuclatura ,  aufzäliliuig  der  griechischen,  lateinischen  und  deut- 
schen benenuungen  der  betreft'enden  pHanze;  2)  autorum  placita,  angäbe 
dessen  was  die  namentlich  aufgeführten  Schriftsteller  über  diese  pflanze 
gesagt  haben;  3)  Temperanientum ,  bezeichnung  des  grades  der  wärme, 
kälte  usw.;  4)  Vires  et  juvamenta,  Übersicht  der  heil-  und  nutzanwen- 
dungen  derselben  pflanze,  widerum  unter  namentlicher  anfuhrung  der 
dafür  einstehenden  schriftsteiler.  Unter  diesen  erscheint  auch  Macer, 
dessen  lateinische  hexameter  dann  im  betreffenden  falle  meist  auch 
volständig  aufgenommen  sind.  Der  über  der  seite  stehende  columnen- 
titel  lautet  durchweg:  Simplicium  pharmacorum  tomus  primus.  Dar- 
nach hält  sich  der  text  äusserlich  scheinbar  noch  in  dem  alten  her- 
gebrachten geleise  und  rahmen  der  mittelalterlichen  kräuterbücher ,  die 
nichts  weiter  waren  und  sein  weiten  als  Sammelwerke  der  simplicia, 
der  einfachen  arzneimittel  aus  dem  pflanzenreiche ;  innerlich  jedoch,  in 
art  und  geist  der  auffassung  und  behandlung  ist  er  von  allem  früherem 
grundverschieden.  Denn  nicht  nur  werden  die  früheren  bedeutenderen 
Schriftsteller  in  erschöpfender  reihe  aufgeführt,  vom  ältesten  griechi- 
schen altertume,  von  Hesiodus  an,  bis  auf  die  unmittelbare  gegenwart, 
bis  herab  auf  des  Verfassers  eigene  Zeitgenossen ,  unter  denen  nament- 
lich auch  „Nobilis  herbarius  Hieronymus,"  d.h.  der  sogleich  näher  zu 
erwähnende  Hieronymus  Bock,  erscheint,  sondern  Brunfels  fügt  auch 
in  der  regel ,  und  zuweilen  mit  der  ausdrücklichen  Überschrift  „  Nostrum 
Judicium ,"  sein  eigenes  urteil  hinzu ;  oder  mit  anderen  werten :  er 
bestrebt  sich  überall  kritik  zu  üben;  und  das  ist  seine  erste  neuerung 
und  sein  erstes  grosses  verdienst.  —  Er  übt  aber  diese  kritik  —  und 
das  ist  sein  zweiter  wichtiger  und  entscheidender  fortschritt  —  auf 
grund  der  eigenen  anschauu'ng  und  beobachtung  an  den  ihm 
selbst  vorliegenden  pflanzen.  Diese  sucht  er  in  den  benennungen  und 
angaben  seiner  Vorgänger  wider  zu  erkennen ,  und  damit  licht  und  Ord- 
nung in  die  unklare  und  verworrene  Überlieferung  zu  bringen.  —  Und 
dieses  bemühen  führt  ihn  mit  innerer  notweudigkeit  zu  dem  dritten 
fortschritte :  es  begint  jezt  die  be Schreibung  der  pflanzen  in  den  Vor- 
dergrund zu  treten,  und  sich  von  der  bis  dahin  fast  allein  herschenden 
nutzanwendung  abzulösen,  so  dass  Brunfels  vereinzelt  auch  schon  den 
„  locus ,"  den  Standort  der  betreffenden  pflanze  aufführt.  —  Damit  aber 
wird  die  pflanze  an  sich  selbst  gegenständ  der  beobachtung  und 
forschung  —  und  das  ist  der  vierte  grosse  fortschritt.  Daher  sind 
auch  bereits  in  diesen  ersten  teil  wirklich  einige  pflanzen  aufgenommen, 
von  denen  Brunfels  sagt,  dass  er  sie  bei  seinen  Vorgängern  vergeblich 
gesucht  und  nicht  gefunden  habe ,  und  dass  er  über  ihre  heilwirkungen 


204  J.    ZACHER 

nur  nach  hörensagen  berichten  könne  —  („ab  empiricis  id  compertum 
habemus";  „sunt  qui  velint").  So  s.  217.  „Kuchenschell"  (Anemone 
pulsatilla),  s.  218.  „Gauchblüm"  (Cardamine  pratensis).  —  Und  end- 
lich —  und  das  ist  der  fünfte  und  nicht  der  geringste  fortschritt  — 
sind  zur  Unterstützung  der  beschreibuugen  abbildungen  der  pflanzen 
in  holzschnitt  hinzugefügt,  welche,  wie  überhaupt  das  ganze  buch,  vol- 
koramen  das  leisten,  was  der  titel  verheisst;  denn  sie  sind  in  der  tat 
„  ad  naturae  imitationem  summa  cum  diligentia  et  artificio  effigiatae." 
Sie  geben  jedesmal  die  volständige  pflanze,  mit  wurzel  und  blute,  und 
nehmen  bald  die  halbe,  bald  die  ganze  höhe  der  folioseite  ein.  Sie 
lassen  durchweg  den  kundigen  botaniker  gewahren,  der  die  pflanzen 
dem  Zeichner  in  der  zweckmässigsten  anordnung  vorgerichtet  hat,  und 
den  geübten  maier,  der  sie  mit  äuge  und  band  künstlerisch  aufzufas- 
sen und  meisterhaft  widerzugebeu  vermochte.  Damit  aber  waren  die 
betreff"enden  pflanzen  so  genau  und  sicher  bestimt,  dass  sie  gar  nicht 
verkauf  und  verwechselt  werden  konten ,  sondern  für  alle  zeit  fixiert 
bleiben.  Diese  vortreflichen  holzschnitte  sind  das  verdienst  des  maiers 
und  formschneiders  meisters  Hans  Weiditz  von  Strassburg. 

Legt  man  diese  holzschnitte  des  Brunfelsischen  werkes  vom  jähre 
1530  neben  jene  des  Ortus  sanitatis,  und  sogar  neben  die  schon  sehr 
verbesserten  in  dessen  deutscher  ausgäbe  vom  jähre  1536 ,  so  tritt  die 
gewaltige  kluft,  welche  diese  beiden  werke  von  einander  scheidet,  mit 
unmittelbar  überzeugender  und  überwältigender  anschaulichkeit  vor 
äugen;  hier,  bei  Brunfels,  entschiedenste  naturtreue  der  abbildungen, 
ernstlichst  erstrebt  vom  Verfasser,  und  auch  wirklich  erreicht  durch 
die  kunstfertige  band  des  maiers  und  formenschneiders ;  dort,  im  Ortus 
sanitatis,  fast  durchweg  blosse  phantasiegebilde ,  die  erst  in  der  lezten 
ausgäbe  durch  die  handwerksmässig  geschulte  technik  des  holzschnei- 
ders  endlich  ein  gefälligeres  aussehen,  und  hie  und  da  auch  eine  etwas 
grössere  annäherung  an  die  natur  erhalten  haben,  als  sie  in  der  über- 
aus ungeschickten  und  rohen  behandlung  in  den  früheren  ausgaben 
gezeigt  hatten.i 

1)  Brunfels  selbst  hat  es  als  seine  bestirnte  und  bewuste  absieht  ausgespro- 
chen, dass  er  etwas  wesentlich  neues  liefern  wolle,  und  als  mittel  dazu  bezeichnet: 
naturgetreue  abbildungen  und  genaue  zuverlässige  beschreibungen  unter  kritischer 
benutzung  der  wichtigeren  älteren  schriftsteiler.  Er  sagt  darüber  in  der  dem  ersten 
lateinischen  bände  vorangedruckten  widmung  au  den  Slrassburger  rat:  ,,Caeterum 
de  Herbarii  nostri  ratione  hoc  velut  in  compendio  habetote.  Primum  nihil  aliud 
DOS  spectasse  in  toto  hoc  opere,  quam  ut  publico  omnium  bono  Herbariae  jam  jam 
coUapsae  porrigercmus  subsidiarias  manus,  earnque  prope  extiuctam  in  lucem  revo- 
caremus.  Quod  quia  non  alia  ratione  fieri  posse  auimadvertimus ,  quam  abolitis 
prioribus  ac  veteribus  Herbariis ,  atque  de  novo  vivis  et  acu  pictis  imaginibus  editis ; 


MACER  UND  DIE  DEUTSCHE  BOTANIK  205 

Hieronynuis  Bock  (latinisiert:  Tragus),  geboren  1498  zu  Hei- 
(lerbacli  im  Zweibrückisclien ,  war  von  seinen  eitern  für  das  kloster 
bestirnt  worden,  gelangte  jedoch,  dem  widerstrebend,  durch  hilfe  von 
verwanten,  zum  besuche  einer  unbekanten  Universität,  auf  welcher  er 
humaniora ,  theologie  und  besonders  medicin  studierte.  Darnach  erhielt 
er  1523  durch  den  pfalzgrafen  Ludwig  in  Zweibrücken  eine  lehrerstelle 
und  die  aufsieht  über  den  fürstlichen  garten.  Nach  Ludwigs  tode, 
1532,  übernahm  er  eine  predigerstelle  im  nahen  Städtchen  Horubach 
im  Wasgau.  Hier  übte  er,  neben  dem  evangelischeu  predigtamte ,  aus- 
gedehnte medicinische  praxis,  und  sezte  auch  sein  botanisches  lieb- 
lingsstudium  eifrigst  fort,  die  pflanzenreiche  gegend  zu  diesem  behufe 
tleissig  und  achtsam  durchforschend.  Durch  confessionelle  Streitigkei- 
ten ans  seinem  amte  verdrängt  fand  er  eine  Zuflucht  in  Saarbrück,  bei 
graf  Philipp  von  Nassau,  den  er  früher  von  einer  schweren  krankheit 
geheilt  hatte,  konte  jedoch  später  nach  Hornbach  zurückkehren,  und 
verwaltete  von  da  ab  sein  predigtamt  daselbst  bis  zu  seinem  im  jähre 
1554  erfolgten  tode. 

Sein  grosses  botanisches  werk,  zu  dessen  ausarbeitung  und  Ver- 
öffentlichung Otto  Brunfels  ihn  ernstlich  angetrieben  hatte,  Hess  Bock 
zuerst  im  jähre  1539  erscheinen  unter  dem  titel  „  New  Kreutterbuch." 
Diese  erste  ausgäbe ,  wie  alle  folgenden  in  folioforraat ,  ist  in  zwei  bücher 
geteilt,  und  enthält  noch  keine  abbildungen.  Einer  zweiten,  ebenfals 
in  zwei  bücher  geteilten,  die  unter  dem  titel  „Kreutterbuch"  im  jähre 
1546  herauskam,  sind  465  holzschnitte  eingeschaltet;  und  in  einer  drit- 
ten, vom  jähre  1551,  ist  ein  drittes  buch  hinzugefügt  und  die  zahl 
der  holzschnitte  um  72  vermehrt.  Nach  des  Verfassers  tode  erschienen 
in  den  jähren  von  1556  bis  1630  noch  acht  weitere  ausgaben,  teils 
unverändert,  teils  durch  Melchior  Sebitz  (aber,  wie  Meyer  urteilt, 
nicht  zu  ihrem  vorteile)  vermehrt.  Diese  lange  ausgabenreihe  bezeugt 
die  grosse  und  dauernde  beliebtheit  des  Werkes.  Ich  benutze  die  Strass- 
burger  ausgäbe  vom  jähre  1556.^ 

Seinen  zweck  gibt  Bock  selbst,  in  der  vorrede,  als  einen  vier- 
fachen an.  Er  wolle  1)  die  einfachen  erdgewächse,  simplicia  genant, 
so  viel  derselben  im  teutschen  land  ihm  zu  banden  gestossen  seien, 
wie ,  wo  und  w^ann  sie  waclisen ,  aufs  aller  fleissigste  beschreiben ; 
2)  angeben,    wann  sie   im  jähre   am  besten  zu  finden  oder  anzubauen 

deinde   solidis   ac  firmis   descriptionibus   ex  priscis  et  autenticis  autoribus  prolatis, 
utrumque  tentavimus  atque  curavimus." 

1)  Eine  lateinische  Übersetzung  der  deutschen  ausgäbe  von  1551 ,  von  David 
Kyber  besorgt,  erschien  ebenfals  bei  Wendel  Rihel  in  Strassbuig,  1552  in  4",  aus- 
gestattet mit  den  holzsclmitten  der  deutschen  ausgäbe. 


206  J.   ZACHER 

seien,  und  welchen  boden  oder  grund  jedes  liebe;  3)  die  deutschen, 
lateinischen ,  griechischen ,  arabischen  und  anderen  fremden  namen  auf- 
führen; 4)  endlich  jedes  gewächses  eigenschaften  und  arzneiwirkungen 
nach  Galen,  Dioscorides  und  Theophrast,  vornehmlich  aber  aus  eige- 
ner langer  erfahrung  kund  geben.  Demgemäss  bietet  denn  auch  jedes 
kapitel  zuerst  eine  ausführliche  beschreibung ,  von  der  zweiten  ausgäbe 
ab  nebst  beigefügter  abbildung ,  und  darnach  folgt  ein  absatz  „Von  den 
namen,"  und  ein  zweiter  „Von  der  kraft  und  Wirkung." 

Die  abbildungen  in  Bocks  Kräuterbuche  sind  zwar  ebenfals  meist^ 
nach  der  natur  gezeiclinet,  und  auch  gröstenteils  ähnlich  genug  gera- 
ten ,  so  dass  die  pflanzen  darnach  sicher  erkant  werden  können ;  sie 
stehen  jedoch  an  naturtreue  und  an  künstlerischer  ausführung  beträcht- 
lich hinter  denen  des  Brunfelsischen  werkes  zurück.  Dieser  mangel 
rührt  teils  daher,  dass  sie  nicht  von  einem  kunstfertigen  meister,  son- 
dern von  einem  jungen  autodidakten,  David  Kandel  aus  Strassburg, 
angefertigt  worden  sind,  den  der  Strassburger  Verleger,  Wendel  Rihel, 
dem  Verfasser  zugesant  hatte,  wahrscheinlich  doch  wol,  weil  er  die 
kosten  einer  kunstgerechten  ausstattung  scheute;  teils  ist  er,  und  wol 
aus  demselben  gründe,  verschuldet  durch  den  übelstand,  dass  fast  alle 
abbildungen  in  der  gleichen  geringen  höhe  von  ungefähr  14  centime- 
tern  ausgeführt  sind,  wodurch  namentlich  die  bilder  der  grösseren 
pflanzen,  der  Sträuche,  und  zumal  der  bäume,  oft  schematisierende 
und  verkürzende  Verunstaltungen  erfahren  haben. 

Dagegen  machte  nun  Bock  die  beschreibung  der  pflanzen  zur 
hauptsache ,  und  übertraf  in  dieser  seinen  Vorgänger  Brunfels  bei  wei- 
tem. Er  schildert  in  sehr  eingehender  und  anschaulicher  weise  den 
gesamtcharakter  jeder  pflanze ,  fügt  angäbe  ihres  Vorkommens  und  ihrer 
fundorte  hinzu ,  bietet  überall  selbst  gesehenes  und  selbst  beobachtetes, 
bemüht  sich  auch  bereits  ,  verwante  pflanzen  gruppenweise  zusammen- 
zustellen, und  vergleicht  endlich  die  ergebnisse  der  eigenen  beobachtung 
und  forschung  vorsichtig  prüfend  mit  den  angaben  älterer  berühmter 
schriftsteiler,  insonderheit  des  Dioscorides.  Demnach  zeigt  sein  werk 
schon  die  ausgeprägten  und  einer  fruchtbaren  e'ntwickelung  fähigen 
keime  dessen,  was  wir  gegenwärtig  als  Flora  bezeichnen.  Rühmende 
erwähnung  verdient  auch  der  stil.  Bock  ist  mit  poetischem  sinne 
begabt,  schreibt  in  ungekünstelter,  aber  anmutig  belebter  spräche,  und 
erfreut   durch    reizende    naivität    und   durch   einen    ergötzlichen   auflug 

1)    Ein   nicht  nnerhcbli(^her  teil   derselben  besteht  freilich   nicht   aus   neuen 

originalzeichnungen ,  sondern,    wie  Meyer  4,  306    angibt,    nur    „aus   verkleinerten 

copien  der  grossen  schönen  Zeichnungen ,  Avelche  Fuchs  schon  1542  geliefert 
hatte." 


MACER   UND   DIE   DEUTSCHE    BOTANIK  207 

von  gefälligem  humor,  so  dass  er  wol  verdient  in  den  litteraturgeschich- 
ten  unter  den  prosaikern  des  sechzehnten  Jahrhunderts  lobend  erwähnt 
zu  werden. 

Leonhard  Fuchs,  geboren  1501  zu  Membdingen  in  Baiern, 
widmete  sich,  nach  dem  besuch  der  schulen  zu  Heilbronn  und  Erfurt, 
auf  der  Erfurter  Universität  zumeist  eifrig  dem  Studium  der  alten  spra- 
chen,  und  erwarb  sich  daselbst,  noch  sehr  jung,  den  grad  eines  bac- 
calaureus.  Heimgekehrt  eröfnete  er  in  seiner  Vaterstadt  eine  gelehrte 
schule,  die  er  durch  anderthalb  jähre  leitete,  dann  aber,  seit  1519,  die 
Universitätsstudien  wider  aufnahm,  in  Ingolstadt,  avo  er  zunächst  gleich- 
fals  den  klassischen  studieu  oblag  und  1521  magister  ward,  darnach 
aber  zu  dem  Studium  der  medicin  übergieng  und  1524  doctor  der  medi- 
cin  wurde.  Auch  wante  er  sich  damals  in  Ingolstadt,  angeregt  durch 
Luthers  Schriften,  zum  protestantismus.  Seitdem  wirkte  er  als  prac- 
tischer  arzt  oder  als  professor  der  medicin  an  verschiedenen  orten: 
zuerst  in  München,  dann,  seit  1526,  als  professor  zu  Ingolstadt,  darauf, 
seit  1528,  als  leibarzt  des  markgrafen  Georg  von  Brandenburg,  zu 
Ansbach,  und  widerum,  im  jähre  1533  als  professor  zu  Ingolstadt. 
Aber  noch  im  selben  jähre  ward  er  durch  die  Jesuiten  von  dort  ver- 
drängt und  kehrte  wider  in  seine  frühere  Stellung  nach  Ansbach  zurück. 
Endlich  ward  er  1535  als  professor  nach  Tübingen  berufen,  und  ver- 
blieb in  diesem  Wirkungskreise  bis  zu  seinem  im  jähre  1566  erfolg- 
ten tode. 

Fuchs  scheint  ein  zwar  recht  gelehrter  und  scharfsinniger,  aber 
auch  ein  eitler,  unruhiger  und  streitsüchtiger  mann  gewesen  zu  sein. 
Seine  medicinischen  Schriften  tragen  zum  teil  den  Charakter  heftiger 
Streitschriften.  Sein  botanisches  hauptwerk  erschien  zuerst  in  lateini- 
scher spräche  bei  Isingriu  zu  Basel  1542  in  gross  folio  unter  dem 
pomphaften  titel:  De  historia  stirpium  commentarii  insignes,  maximis 
impeusis  et  vigiliis  elaborati ,  adjectis  earundem  vivis  plus  quam  quingen- 
tis  imaginibus  uunquam  antea  ad  naturae  imitationem  artificiosius  effic- 
tis  et  expressis,  Leonarto  Fuchsio,  medico  hac  nostra  aetate  longo 
clarissimo,  auctore  etc.  Kurz  darauf,  1543,  folgte  in  demselben  Ver- 
lage die  um  6  abbildungen  vermehrte  deutsche  bearbeitung,  unter  dem 
titel  „New  Kreüterbuch,  in  welchem  nit  allein  die  gantz  histori,  das 
ist  namen,  gestalt,  statt  vnd  zeit  der  wachsung,  natur,  krafft  vnd 
würckung ,  des  meysten  theyls  der  Kreüter  so  in  Teütschen  vnnd  andern 
Landen  wachsen,  mit  dem  besten  vleisz  beschriben,  sonder  auch  aller 
derselben  wurtzel,  stengel,  bletter,  blümen,  samen,  frücht,  vnd  in 
summa  die  gantze  gestalt,  allso  artlich  vnd  kunstlicli  abgebildet  vnd 
contrafayt  ist,    das   deszgleichen   vormals   nie   gesehen,    noch   an    tag 


208  J.   ZACHER 

komen.  Durch  den  hocligelerten  Leonhart  Fiichsen  der  artzney  Doc- 
torn,  vnnd  derselbigen  zu  Tübingen  Lesern."  usw. 

Über  den  zweck  seines  werkes  bat  der  Verfasser  selbst  sieb  aus- 
gesprocben  in  der  dem  deutseben  texte  vorangescbickten  dedication  an 
frau  Anna,  die  gemabliu  des  römisclieu  königes:  sein  lateinisches  werk 
habe  er  verfasst  und  herausgegeben  für  ärzte,  sein  deutsches  aber  nicht 
deshalb,  „damit  auch  der  gemein  man  kündte  jhm  selbert  in  der  not 
artzney  geben,  vnd  allerley  kranckheyt  heylen.  (Dan  mir  wol  bewüsst, 
das  vil  mehr  zu  einem  rechtgeschaffnen  artzt  gehört,  dan  allein  kreü- 
ter  vnd  derselbigen  würckung  erkennen  vnd  wissen)";  sondern  weil  er 
für  gut  und  nttzlich  befunden  habe ,  „  das  die  kreüter  nit  allein  von 
den  ärtzten,  sonder  auch  von  den  Leyen  vnd  dem  gemeinen  man  in 
gärten  hin  vnd  wider  vleissig  gepflantzt  vil  aufferzogen  werden ,  darmit 
derselben  erkantnuss  in  Teütschen  landen  dermassen  täglich  wachs  vnd 
züneme,  das  sie  nimer  in  vergessung  möge  gestelt  werden."  Darum 
„hab  ich,"  fährt  er  fort,  „in  dem  Teütschen  mich  in  sonderheyt  beflis- 
sen, das  die  ding  so  dem  gemeinen  man  zu  wissen  nit  dienstlich  noch 
notig  sind,  wurden  außgelassen  vnd  überschritten.  Hergegen  hab  ich 
die  bescbreibung  der  gestalt  aller  kreüter  vil  völliger  gemacht,  vnd 
baß  herauß  gestrichen,  dan  vormals  im  Latein  geschehen,  darmit  die- 
selbigen  menigklich  dermassen  würden  jngebildet,  das  sie  fürhin  niiher 
in  einigerley  vergessen  komen  möchten." 

Seinem  also  angegebenen  zwecke  gemäss  liat  Fuchs  jedes,  von 
einer  oder  mehreren  abbildungen  begleitetes  kapitel  der  deutscheu  bear- 
beitung  seines  werkes  in  folgende  abschnitte  geteilt:  „Namen.  Geschlecht. 
Gestalt.  Statt  irer  wachsung.  Zeit.  Die  natur  vnd  complexion.  Die 
kraff't  vnd  würckung."  Die  beuennungen  der  pflanzen  hat  er  hier  meist 
nur  einfach  aufgeführt,  und  für  deren  begründung  und  kritik,  so  wie 
überhaupt  für  alle  gelehrte  erörterung  auf  sein  lateinisches  werk  ver- 
wiesen. Dagegen  folgt  er  in  der  pflanzenbeschreibung  dem  vorbilde 
seines  Vorgängers  Bock,  dessen  werk  er  auch  vor  sich  gehabt,  und  es 
auch  reichlich,  und  meist  wörtlich,  nur  kürzend,  ausgeschrieben  liat. 
Selbständiger  aber  verfährt  er,  seiner  medicinischen  berufstätigkeit, 
neigung  und  absieht  entsprechend,  in  der  reichhaltigeren  und  über 
Bock  hinausgehenden  angäbe  der  Verwendung  der  pflanzen  für  heil- 
zwecke.  —  Im  algemeinen  ist  in  dem  Kreuterbuche  von  Fuchs  die 
darstellung  klar  und  bündig,  aber  nüchtern,  schematisch  eingeschnürt, 
und  überall  an  die  entstehung  in  der  studierstube  des  gelehrten  erin- 
nernd. Es  gebricht  dem  Verfasser  der  poetische  hauch  und  die  erquik- 
kende  einfachheit  und  Unbefangenheit  des  mit  kindlichem  sinne  aus  der 
vollen    natur    schöpfenden    naturfreundes    und    naturbeobachters   Bock, 


MACKR   UND   DIE   DEUTSCHE    ÜOTANTK  209 

Daher  erklärt  es  sidi   auch ,  weshalb  bei  Fuchs  die  von  Bock  so  reich- 
lich angegebenen  stand-  und  fundörter  der  pflanzen  fehlen. 

Den  hauptwert  geben  dem  Fuchsischen  werke  die  vortreflichen, 
von  den  malern  Heinrich  Füllmaurer  und  Albrecht  Meyer  und 
dem  formschneider  Veyt  Rüdolff  Speckle  verfertigten  abbildungen, 
deren  dieser  band  etwas  über  500  enthält.  Meist  nach  musterhaften, 
und  höchst  geschickt  und  ZAveckmässig  dazu  vorgerichteten  und  ange- 
ordneten exeniplaren  in  scharfen  umrissen  ausgeführt,  und  jedesmal  die 
ganze  seite  des  grossfolioblattes  einnehmend,  geben  sie  deutliche,  natur- 
treue und  zugleich  künstlerisch  aufgefasste  bilder,  von  denen  Meyer 
mit  recht  rühmt,  dass  viele  derselben,  wenn  ein  neuerer  künstler  die 
für  uns  jezt  nötigen  analysen  der  blumen  und  fruchte  hinzufügte ,  sich 
noch  heute  den  besten,  die  wir  besitzen,  zur  seite  stellen  könten.  — 
Das  bild  von  Fuchs  selbst,  in  ganzer  figur,  ist  auf  der  rückseite  des 
titeis,  die  brustbilder  der  maier  und  des  formschneiders  sind  auf  der 
lezten  seite  des  werkes  hinzugefügt. 

Diese  pflanzenabbildungen  sind,  nach  Meyers  angäbe,  in  verklei- 
nerter gestalt  auch  einzeln  erschienen  „  mit  deutschen  und  lateinischen 
namen ,  und  mit  einer  vorrede  von  Fuchs,  sonst  aber  ohne  text,  in 
zwei  ausgaben,  bei  demselben  Verleger,  beide  im  jähre  1545,  in  octav." 
Auch  ist  das  werk,  ohne  mitwirkung  von  Fuchs,  nachgedruckt,  und 
ins  Niederländische ,  Französische  und  Spanische  übersezt  worden ;  so 
wie  auch  die  kleinen  textloseu  ausgaben  nachdrücke  mit  sehr  kleinen, 
wertlosen  abbildungen  erfahren  haben. 

Diesem  werke,  welches,  wie  aus  dem  hier  berichteten  deutlich 
hervorgeht ,  ebeufals  eine  höchst  wertvolle  Vorarbeit  zur  deutschen  flora 
bildet,  beabsichtigte  Fuchs  noch  eine  fortsetzung  gleicher  beschaffen- 
heit  folgen  zu  lassen.  Zwei  weitere  bände,  widerum  je  500  oder  mehr 
abbildungen  nebst  zugehörigem  texte  befassend ,  scheint  er  auch  im 
manuscripte  vollendet  zu  haben;  weil  aber  kein  Verleger  die  herstel- 
lungskosten  daran  wagen  wolte,  und  eine  erbetene  und  auch  in  aus- 
sieht gestelte  fürstliche  Unterstützung  ausblieb,  sind  sie  nicht  in  den 
druck  gelangt.  Die  handschrift  aller  drei  bände  soll  1732  in  Wien 
um  300  gülden  feilgeboten  worden  sein ,  ist  aber  seitdem  verschollen ; 
und  auch  die  dazu  gehörigen  bereits  fertigen  in  holz  geschnittenen  for- 
men sind  verzettelt  worden  und  nun  wol  auch  meist  verkommen  und 
verloren;  doch  mag  sich  vielleicht  ein  teil  derselben,  nach  Meyers  Ver- 
mutung, in  Tübingen  erhalten  haben. 

Unter  denen ,  welche  diesen  drei  bahnbrechenden  meistern ,  Bruu- 
fels,    Bock    und    Fuchs,     eifrig    und    erfolgreich    nachstrebten,    hebe 

ZEITSCHR.    F.   DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD,  XII.  14 


210  J.    ZACHER 

ich  nur  noch  mit  kurzer  erwähuung  hervor  den  doctor  der  medicin 
Jacob  Theodor,  oder,  wie  er  nach  seinem  geburtsorte  Bergzabern 
benant  wurde,  Tabernaemoutauus.  —  Angeregt  durch  seinen  pfäl- 
zischen landsmann  Bock,  der  von  ihm  mit  grosser  Verehrung  erwähnt 
und  als  „mein  lieber  praeceptor  seliger  Hieronymus  Tragus  Brettanus " 
bezeichnet  wird,  verfasste  Tabernaemontanus  in  36jähriger  arbeit,  und 
unter  vielen  durch  die  beträchtlichen  herstellungskosten  verursachten 
mühen  und  sorgen,  ein  grosses  kräuterbuch,  für  welches  er  endlich,  wäh- 
rend er  als  practischer  arzt  zu  Neuwhausen  in  der  Pfalz  würkte ,  in  dem 
Frankfurter  buchhändler  Nicolaus  Bassins  einen  Verleger  gewann.  Bei 
diesem  erschien  das  werk  zuerst  1588,  in  folio,  und  ward  darnach, 
durch  Nicolaus  Braun,  und  weiter  durch  Caspar  Bauhinus  verbessert 
und  vermehrt,  in  einer  langen  bis  auf  Linnes  zeit  herabreichen- 
den ausgabenreihe  oft  wider  gedruckt.  Ich  benutze  die  durch  Bau- 
hinus in  zwei  statlichen  foliobänden  besorgte  Frankfurter  ausgäbe  vom 
jähre  1613. 

Auf  eine  sorgfältige  beschreibung  der  einzelnen  pflanzen,  in  welche 
bei  den  seltneren  oder  minder  bekanten  auch  angaben  der  fundorte  auf- 
genommen sind,  lässt  Tabernsemontanus  stets  eine  kritische  und  auch 
die  neueren  lebenden  sprachen  berücksichtigende  erörterung  der  beuen- 
nungen  folgen,  und  darauf  eine  sehr  ausführliche  und  reichhaltige 
abhaudluug  über  die  anwendung  der  betreffenden  pflanzen  und  der  aus 
ihnen  bereiteten  medicamente  (extracte ,  weine ,  salben  u.  dgl.)  zu  inner- 
lichem und  äusserlichem  heilgebrauche.  Denn  als  arzt  rühmt  er  ebeu- 
fals  noch  die  simplicia,  die  pflanzen,  als  die  besten  und  wirksamsten 
heilmittel,  und  widmet  demgemäss  auch  der  medicinischen  nutzanwen- 
dung  so  überwiegende  beachtung.  Jedoch  auch  in  den  rein  botanischen 
abschnitten  seines  Werkes  Übertrift  er  seine  Vorgänger  durch  reichtum 
und  anordnung  des  dargebotenen.  Namentlich  bemüht  er  sich ,  alle 
ihm  bekant  gewordenen  arten  einer  gattung  zusammenzustellen  und 
hinter  einander  abzuliandelu.  So  bespricht  er  z.  b.  bereits  an  die  30 
oder  mehr  arten  der  gattung  Ranunculus,  wobei  er  freilich  art  und 
Spielart  noch  nicht  bestimt  auseinanderzuhalten  vermag.  Und  widerum 
auch  werden  die  beschreibungen  fast  jeder  im  texte  behandelten  art 
unterstüzt  durch  abbildungeu,  welche  in  holzschnitt  zwar  nicht  mit 
künstlerischer  Vollendung,  aber  doch  so  geschickt  ausgeführt  sind,  dass 
sie  bei  einer  geringen  durchschnittlichen  liöhe  von  nur  ungefähr  12  cen- 
timetern  doch  naturgetreue  darstellungen  ergeben,  in  denen  die  pflan- 
zen sicher  erkant  werden  können. 

Dem  texte  vorangedruckt  ist  ein  Verzeichnis  von  mehr  als  100 
benuzten   Schriftstellern,    welches   von   Fythagoras   und  Aristoteles   bis 


MACEE    UND    DIE    DEUTSCHE    BOTANIK  211 

auf  des  Verfassers  Zeitgenossen  herabreicht.  Bock  und  Fuchs  sind  darin 
aufgefülirt,  während  es  auffallen  rauss,  dass  Otto  Brunfels  fehlt.  Auch 
Aemilius  Macer  erscheint  hier  widerum  unter  den  gewährsmäunern, 
und  wird  auch  im  texte  ab  und  zai  genant,  zuweilen  unter  hinzufüguug 
einiger  verse  des  lateinischen  gedichtes,  während  er  mir  bei  Bock  und 
Fuchs  nicht  aufgestossen ,  und  von  diesen  beiden  vielleicht  auch  nicht 
unmittelbar  benuzt  worden  ist. 

In  diesem  grossen  hier  kurz  dargelegten  zusammenhange  gewint 
der  Macer  Floridus  erst  seine  volle  bedeutung.  Sein  unbekanter  Ver- 
fasser hatte  aus  quellen,  welche  ihm  und  seinen  Zeitgenossen  als  die 
wertvolsten  und  zuverlässigsten  galten,  eine  blumeniese  des  wichtig- 
sten zusammengestelt  über  die  heilwirkungen.  solcher  pflanzen  und 
gewürze,  die  damals  fast  sämtlich  für  jedermann  leicht  und  billig  zu 
erreichen  waren ,  und  hatte  damit  nicht  nur  ein  bequemes  handbüchlein 
für  ärzte  geliefert,  sondern  zugleich  auch  eine  anleitung  zu  einer  haus- 
apotheke,  die  von  höchstem  werte  sein  muste  zu  einer  zeit,  wo  ärzte 
und  apotheker  noch  selten  und  teuer  zu  haben  waren,  und  jede  haus- 
frau  zugleich  auch  noch  hausarzt  war.  Wie  aber  die  in  sein  gedieht 
aufgenommenen  angaben  zum  teil  schon  aus  sehr  alter  Überlieferung 
stammen,  so  haben  sie  sich  auch  weiter  fortgepflanzt,  durch  die  heil- 
mittellehren der  arabischen  und  salernitanischeu  ärzte,  und  dann  widerum 
durch  die  von  deutschen  ärzten  verfassten  kräuterbücher  bis  über  das 
16.  Jahrhundert  hinaus.  Und  wenn  sie  gegenwärtig  auch  aus  den  gelehr- 
ten botanischen  und  medicinischen  handbüchern  verschwunden  sind,  so 
bewahrt  doch  noch  manche  erfahrene  hausfrau  und  hausmutter  eine 
reiche  kentnis  altbewährter  hausmittel  aus  dem  pflanzenreiche,  und 
verficht  die  in  eigener  erfahrung  erprobte  Wirksamkeit  derselben  tapfer 
gegen  die  gleichgiltige  oder  gar  abschätzige  meinung  des  akademisch 
gelehrten  arztes.  Andrerseits  freilich  mag  auch  gar  manches  stück  des 
heute  noch  unter  dem  volke  gangbaren  aberglaubens  aus  solchen  alten 
und  zum  teil  uralten  Überlieferungen  herstammen. 

Heutiger  wissenschaftlicher  prüfung  würden  sich  vielleicht  nicht 
wenige  von  Macers  angaben  als  medicinisch  wertlos  oder  aucli  irrig 
und  sogar  schädlich  herausstellen ,  damals  jedoch  wurden  sie  algemein 
für  glaubwürdig  gehalten ,  durch  das  ganze  mittelalter  fortgeführt ,  und 
mit  neuen  angaben  vermehrt,  welche  eben  so  gläubige  aufnähme  fan- 
den, bis  endlich  nach  dem  wideraufleben  der  klassischen  Studien  kritik 
und  eigene  forschung  erwachte  und  almählich  erstarkte,  wie  denn  auch 
die  ärzte  des  16.  Jahrhunderts  in  ihren  kräuterbüchern  das  selbsterfah- 
rene und   selbst   erprobte  ausdrücklich    betonen.     Je  weniger  man  aber 

14* 


212  J.   ZÄCHEK 

im  mittelalter  die  glaubwürdigkeit  und  Zuverlässigkeit  der  angaben 
Macers  bezweifelte,  desto  mehr  empfahl  sich  das  büchlein  den  gelehr- 
ten durch  die  handlichkeit  seines  umfanges  und  durch  die  gefälligkeit 
und  bequemlichkeit  seiner  hexametrischen  versform.  Und  weil  es  durch 
seine  beschränkung  auf  leicht  und  überall  erreichbare  mittel  zugleich 
auch  dem  bedürfnisse  der  ungelehrten  so  vorzüglich  entgegenkam ,  ward 
es  auch  diesen  durch  deutsche  Übersetzung  zugänglich  gemacht. 

Hieraus  ergibt  sich,  dass  die  deutsche  bearbeitung  des  Macer 
Floridus  einen  nicht  unerheblichen  kultur  -  und  litteraturgeschichtlichen 
wert  besizt.  Aber  auch  in  sprachlicher  beziehung  ist  sie  von  Wichtig- 
keit, teils  überhaupt  als  ein  denkmal  der  deutschen  lehrhaften  prosa 
des  13.  und  14.  Jahrhunderts ,  teils  auch ,  weil  sie  eine  anzahl  minder 
üblicher  ausdrücke  darbietet,  die  in  Sprachdenkmälern  anderen  Inhaltes 
selten  oder  gar  nicht  begegnen.  Joseph  Haupt  hat  volkommen  recht, 
wenn  er,  in  seiner  abhandlung  „Über  das  mitteldeutsche  arzneibuch  des 
meisters  Bartholomaeus,"  die  deutschen  philologen  wegen  ihrer  Vernach- 
lässigung der  mittelalterlichen  naturwissenschaftlichen  und  medicinischen 
litteratur  tadelt,  und  ihnen  zu  kritischer  bearbeitung  und  herausga,be 
insonderheit  empfiehlt:  das  grosse  methodische  medicinische  werk, 
welches  die  mittelhochdeutschen  Wörterbücher  als  „Diemers  Arznei- 
buch" bezeichnen;  die  Practica  des  Meisters  Bartholomaeus;  den 
Macer  Floridus;  und  das  Obst-  und  Weinbüchlein  des  Gotfried 
von  Franken.^  Leicht  und  bequem  ist  eine  solche  arbeit  freilich 
nicht,  wegen  der  sehr  verwickelten  und  verzwickten  handschrift- 
lichen Überlieferung,  viel  nützer  aber  und  viel  verdienstlicher  wäre  sie 
unzweifelhaft  als  die  besorgung  eines  abdruckes  so  mancher  wertlosen 
reimerei. 

Ein  recht  schlagendes  zeugnis  für  die  algemeine  Verbreitung  und 
die  hohe  Schätzung  dieser  arzneibücher  während  des  mittelalters  gewährt 
eine  äusserung  des  bruder  Berthold ,  der  als  wirksamer  volksprediger 
seinen  nach  tausenden  zählenden  und  aus  allen  ständen  gemischten 
Zuhörern  doch  nur  derartiges  darbot,  was  allen  fassbar  und  einleuch- 
tend war,  und  eben  deshalb  seines  wuchtigen  eindruckes  nicht  verfehlte. 
In  einer  predigt  „Von  des  libes  siechtuom  unde  der  sele  töde"  sagt 
er :  ^  „  Sumeliche  liute  hänt  den  siechtuom ,  den  alle  meister  nicht  ver- 
tribeu  künnent;  unde  gieugen  alle  meister  zuo,  die  von  erzenie  ie 
geläsen,   die  künden  etelichen  siechtuom  niemer  vertriben  noch  gebüe- 

1)  In  der  Wiener  papierhandschrift  des  14.  Jahrhunderts  nr.  2977  lautet  sein 
titel:  Lucidarius  von  allir  ley  pfroppfunge  der  boume  vud  wie  man  den  weyn  legen 
vnd  halden  sali. 

2)  Berthokl  von  ßegensburg ,  herausg.  von  Fz.  Pfeiffer.     Wien  1862.    1,  517. 


MACEE   UND   DIE   DEUTSCHE    BOTANIK  213 

zen;  unde  lebte  noch  lier  Galienus  uiide  her  Oonstantinus  imde  her 
Avicennä  unde  her  Macer  unde  her  Bartholomeus ,  —  die  wären  die 
aller  hohesten  meister  die  von  erzenie  ie  geläsen,  unde  habeut  alle 
künste  erfunden  und  erdäht,  diu  von  erzenie  ie  wart  erdälit  — ,  unde 
lebten  die  alle  noch ,  sie  möhten  etelichen  siechtuom  niemer  gebüezen." 
Und  ungefähr  um  dieselbe  zeit  rühmt  den  Macer  in  gleich  bevorzugen- 
der weise  der  Verfasser  des  deutschen  Cato,  wenn  er  (ed.  Zarncke, 
Leipzig  1852.  s.  40)  mit  bezeichnender  gegenüberstellung  sagt :  über 
die   kräfte    der  pflanzen   gebe  Macer   auskunft,    wie  Marbod    über   die 

der  steine: 

Wildü  kündic  werden 

240  ze  büwen  die  erden, 

daz  si  dir  vruht  müez  gebende  wesen, 

so  soltü  Virgiljuui  lesen; 

so  tuot  dir  Macer  kuntschaft 

würzen  unde  kriuter  kraft, 
245  der  steine  Lapidärjus; 

strit  und  urliuge  Lücänus. 

Den  oben  abgedruckten  bruchstücken  einer  deutschen  bearbeitung 
des  Macer  Floridus  habe  ich,  um  die  beurteilung  des  deutschen  textes 
zu  sichern  und  zu  erleichtern,  die  entsprechenden  stücke  des  latei- 
nischen textes  nach  Choulants  ausgäbe  beigegeben.  Auch  habe  ich 
einige  berichtigende  oder  erläuternde  anmerkungen  hinzugefügt,  wofür 
die  obengenanten  arzneimittellehren  und  kräuterbücher  in  ihren  ent- 
sprechenden, teils  aus  Macer  selbst  geschöpften,  teils  aus  derselben 
Urquelle  und  Überlieferung  herstammenden  angaben  verlässigen  anhält 
darboten. 

Vergleicht  man  nun  den  deutschen  text  mit  dem  lateinischen,  so 
ergibt  sich,  dass  der  deutsche  bearbeiter  seine  aufgäbe  im  algemeinen 
mit  richtigem  Verständnis  und  anerkennenswertem  geschick  gelöst  hat, 
so  dass  ihm  nur  wenige  und  geringfügige  versehen  untergelaufen  sind. 
Übergangen  hat  er  gleichfals  nur  weniges,  und  meistens  nur  solche 
stellen,  welche  gelehrte  litterarische  notizen  enthalten,  und  ihm  des- 
halb practisch  entbehrlich  schienen,  oder  auch  solche,  welche  geschlecht- 
liche Verhältnisse  in  einer  ihm  anstössigen  weise  berühren.  Dagegen 
bieten  die  hier  abgedruckten  deutschen  bruchstücke  drei  kapitel  dar, 
welche  sieb  im  lateinischen  texte  des  Macer  Floridus  nicht  vorfinden, 
weder  in  dessen  alten  echten  kapiteln,  noch  unter  den  später  hinzu- 
gekommenen unechten,  die  Choulant  seiner  ausgäbe  des  Macer,  und 
auch  nicht  unter  jenen  unechten,   die  Keußs  seiner  ausgäbe  des  Hortu- 


214  J.    ZACHER 

lus  von  Walafrid  Strabus  ^  anhangsweise  beigefügt  hat.  Es  sind  die 
kapitel  xvj.  Beta,  heisgresse;  xsx.  Cucumer,  cuntir;  xxxj.  Cerviboletum, 
Mrsesswam. 

Anlangend  kapitel  16.  Beta,  lehrt  die  vergleichung  mit  den  Pan- 
dectae  medicinae  des  Silvaticus,  dass  das  im  deutschen  texte  dieser 
bruchstücke  gesagte  dem  inhalte  nach  im  wesentlichen  übereinstimt 
mit  dem  was  Silvaticus  darbietet  als  geschöpft  aus  Dioscorides,  und 
dasselbe  ergebnis  liefert  für  das  in  kapitel  30  über  Cucumer  berichtete 
die  vergleichung  mit  dem  Liber  de  simplicibus  des  Serapion.  Demnach 
ist  zu  vermuten,  dass  der  deutsche  bearbeiter  des  Macer  diese  beiden 
kapitel  aus  einem  lateinischen  Dioscorides,  oder  aus  einer  von  diesem 
abgeleiteten  quelle  entnommen  und  eingeschaltet  habe.  —  Dagegen  ist 
es  mir  nicht  gelungen  von  kapitel  31.  Cerviboletum,  die  quelle  zu  ent- 
decken. Gemeint  ist  nach  aller  Wahrscheinlichkeit  Lycoperdum  cervi- 
num ,  hirschtrüffel ,  ein  schwamm ,  der  ehemals  unter  der  benennung 
Boletus  cervinus  in  der  medicin  gebraucht  wurde.  ^  Der  lateinische 
Macer,  Serapion,  Platearius,  Silvaticus,  und  der  Ortus  sanitatis  bieten 
nichts  entsprechendes.  In  den  kräuterbüchern  von  Bock  und  Fuchs 
sind  die  schwämme  überhaupt  nicht  behandelt,  und  Tabernaemontanus 
widmet  ihnen  gegen  ende  seines  Werkes  nur  ein  kapitel,  in  welchem 
er  der  „Hirtzbrunst,"  oder  des  „Hirschschwammes,"  oder  der  „Erd- 
morchel "  und  ihrer  Wirkung  nur  ganz  kurz  und  obenhin  gedenkt.  — 
Ebensowenig  habe  ich  bei  kapitel  32  die  quelle  der  wunderlichen  in 
der  deutschen  bearbeitung  gebrauchten  lateinischen  und  deutschen  benen- 
nungeu:  „Caratum,  stopf  den  buch''''  auffinden  können.  Gemeint  ist 
zweifellos,  wie  die  vergleichung  des  lateinischen  textes  beweist,  „Inula 
Helenium ,"  oder ,  wie  die  benennung  früher  gewöhnlich  lautete ,  „  Enula 
campana,  Alant."  Für  ein  lateinisches  Caratum  wolte  sich  nirgend 
ein  anhält  darbieten,  und  die  anderwärts  ebenfals  vergeblich  gesuchte 
deutsche  benennung  „  Sto^if  den  buch "  stimt  doch  kaum  zu  dem  im 
texte  über  die  Wirksamkeit  der  Inula  berichteten. 

Alle  drei  kapitel  16.  30  und  31  scheinen  aber  bereits  der  älte.- 
sten  deutschen  bearbeitung  des  Macer  angehört  zu  haben.  Denn  kap.  16. 
Beta,  heizgresse  unserer  bruchstücke  entspricht  nach  aller  Wahrschein- 
lichkeit dem  kap.  67.  hetz  in  der  (oben  als  nr.  2  verzeichneten)  Wiener 
handschrift  nr.  5305 ,  nach  Haupts  angäbe  in  seiner  abhandlung  Über 
das  arzneibuch  des  meisters  Bartholomaeus  s.  85  [533];  und  gleicher- 
weise  scheint  kap.  30.   cucumer,    cuntir  unserer  bruchstücke   dem   von 

1)  Walafridi  Strabi  Hortulus,  auctore  F.  A.  Reuss.     Wirceburgi  1834. 

2)  Nemnich,  Polyglotten -lexicon  der  natiirgeschiehte  3,  473.  s.  v.  Lycoper- 
dum cervinum. 


MACER  UND    DIE   DEUTSCHK   BOTANIK  215 

Haupt  ebendaselbst  angefürteii  kap.  86  pedeme  derselben  Wiener  hand- 
schrift  zu  eutsprcchon.  Endlich  kap.  31.  cerviboletum  unserer  bruch- 
stücke  begegnet  ebensowol  in  derselben  Wiener  handsclnift  nr.  5305, 
wie  in  der  oben  als  nr.  3  verzeichneten  vaticanischen  nr.  4847,  und 
zwar  in  beiden  als  kap.  90.  cerviboletus,  liirzsivam. 

Wenn  aber ,  nach  der  kapitelzahl  der  beiden  eben  genanten  hand- 
schriften,  der  Wiener  und  der  vaticanischen,  zu  schliessen,  die  älteste 
deutsche  bearbeitung  90  kapitel  enthielt ,  so  übertraf  sie  den  nur 
77  capitel  darbietenden  lateinischen  text  um  13  kapitel,  welche  folg- 
lich der  deutsche  bearbeiter  aus  anderen  quellen  entnommen  haben 
muss. 

Endlich  bleibt  noch  zu  erwähnen,  dass  auch  eine  Übersetzung  in 
deutsche  gereimte  verse,  aber  eine  ziemlich  übel  geratene,   neuerdings 
aufgefunden  worden   ist,   in  einer  299  folioblätter  befassenden  papier- 
handschrift   aus    dem   anfange   des    15.  Jahrhunderts   in   der   Biblioteca 
Bertholiana  zu  Vicenza ,  über  welche  A.  Schönbach  in  Haupts  Zeitschrift 
für  deutsches  altertum  (Berlin  1877)  21,  434  eine  kurze  nachricht  mit- 
geteilt hat.     Sie   folgt   in    dieser  handschrift   nach    einem  italienisch - 
lateinischen  kräuterbuche  auf  den  blättern  142  —  269,  und  begint: 
Erbarum  quasdam  dicturus  carmine  vires 
Herbarum  matrem,  dedit  Arthemisia  nomen 
cui  grecus  sermo,  justum  puto  pouere  primum. 
Ich  wirdt  sagen  von  etlicher  wurtzen  kraft 
als  ich  gefunden  hab  in  der  maisterschaft. 
dy  kriechisch  sprach  hat  geben  an  allen  list 
der  pesmalten  ^  ein  besunderen  nam  ze  diser  frist, 
ain  muetter  der  kreutter,  und  Arthemisiam; 
und  darumb  ist  recht  von  ir  zu  heben  an. 
Der  schluss  lautet  bl.  269 : 

Hie  ist  explicit  Macer  Herbarum, 
aber  du  solt  nicht  fragen  warumb. 

HALLE,    APRIL    1880.  J.   ZACHER. 

1)  pesmalte,  d.i.  besenmelde,  ist  ein  vulgärname  der  Artemisia  abrotanum, 
der  stabivurz.  Diese  benennung  fehlt  in  den  Wörterbüchern  von  Müller- Zarucke, 
Lexer  und  Grimm ,  wird  aber  aufgefülirt  von  Diefenbach  in  seinem  Glossarium 
latino-germanicum  (Prancof.  1857)  s.  51 ''  unter  artemisia  als  pesemnalten.  Des- 
gleichen bieten  Bock  s.  129*,  Tabernacmontanus  1,  52  und  Nemnich  1,  466  für 
artemisia  abrotanum,  stabivurz,  die  ganz  ähnlich  gebildete  Vulgärbenennung  besen- 
kraut. 


21G  BEHAGHEL,    DATIV   UND   ACCUSATIV 

DATIV  UND  ACCUSATIV. 

Zu  ztschr.  11,  73. 

Kinzel  will  in  seinem  autsatze  in  dieser  ztschr.  XI,  73  meine 
Untersuchung  Germ.  XXIV,  24  fgg.  ergänzen.  Besonders  findet  er  es 
einseitig,  dass  ich  nur  von  casusvertauschung  beim  pronomen  gespro- 
chen habe,  während  doch  beim  Substantiv  ebenfals  accusativ  für  dativ 
und  dativ  für  accusativ  vorkomme.  Dies  erhärtet  er  durch  eine  reihe 
von  belegen.  Vermutlich  ist  mancher  leser  dieser  Zeitschrift  zur  ansieht 
gekommen,  dass  mich  die  götter  mit  blindheit  geschlagen.  Glücklicher 
weise  aber  liegt  das  übersehen  nicht  auf  meiner  seite.  Erstens 
hat  Kinzel  folgenden  satz  meiner  abhandlung  übersehen  (s.  30):  „... 
habe  ich  hier  bei  der  Zählung  die  beispiele,  wo  der  casus  von  einer 
Präposition  begleitet  ist,  nicht  berücksichtigt.  Denn  in  diesen  fällen 
beschränkt  sich  die  vertauschung  nicht  auf  die  pronomina;  sie  erscheint 
algemein,  auch  bei  Substantiven.  Hier  geht  sie  offenbar  aus  von 
den  Präpositionen,  die  sowol  dativ  als  accusativ  regieren,  dehnt  sich 
dann  nach  und  nach  mit  der  zeit  so  ziemlich  auf  alle  präpositio- 
nen  aus." 

Zweitens  hat  er  übersehen  —  und  das  ist  schlimmer  — ,  dass 
unter  seinen  beispielen  von  accusativ  der  substantiva  statt  dativ  kein 
einziges  ist,  wo  nicht  der  casus  mit  einer  präposition  ver- 
bunden wäre.  Nicht  einmal  das  ist  ihm  aufgefallen,  dass  unter  den 
14  aus  Alexander  angeführten  beispielen  von  apocope  des  e  im  dativ 
der  substantiva  dreizehn  fälle  des  angeblichen  dativs  bei  präpositionen 
stehen  (und  das  vierzehnte  ist  verdorben).  Diese  fälle  sind  natürlich 
ebenso  zu  beurteilen ,  wie  die  von  ihm  s.  76  unter  c  angeführten ,  d.  h. 
es  steht  accusstiv  statt  dativ  bei  der  praeposition.^  Die  von  Kinzel 
beigebrachten  tatsachen  von  accusativ  des  Substantivs  für  dativ  sind 
also  gerade  diejenigen,  deren  heranziehung  ich  ausdrücklich  und  aus 
guten  gründen  zurückgewiesen  hatte.  Denn  dass  eine  casusvertauschung, 
die  nur  bei  präpositionen  stattfindet,  nichts  zu  tun  haben  kann  mit 
einer  solchen,  die  bei  allen  Verwendungen  der  betreffenden  casus  ein- 
tritt, das  liegt  auf  der  band.  Aus  gleichem  gründe  ist  es  auch  unzu- 
lässig, die  von  Kinzel  und  mir  angeführten  vertauschungen  mit  der 
tatsache  in  Verbindung  zu  bringen ,  dass  auf  niederfränkischem ,  nieder- 
deutschem und  teilweise  auf  mitteldeutschem  gebiet  der  dativ  des  star- 
ken adjectivs  von  einer  gewissen  zeit  au  auf -e«  statt  auf -e/M  ausgeht, 

])  Übrigens  kann  keine  rede  davon  sein,  dass  in  liüs  das  dativ -e  apoco- 
piert  sei. 


THIELE,    BRIEFE    AN    ESCHENBÜRCx 


217 


also  accusativ  imd   chitiv  des  masciüins  gleich  werden   (aber  nicht  des 
feminins  und  des  neutrums!). 

Auch  die  wenigen  beispiele  von  dativ  des  Substantivs  für  accu- 
sativ haben  weder  mit  den  casusvertauschungen  des  pronomens  noch 
mit  dem  Übergang  des  m  in  u  etwas  zu  tun.  Es  sind  nur  einzelne 
bestimte  verben:  ein  paar  beispiele  bei  heilen, ^  eines  bei  miiowen, 
eines  bei  gcrinwcn.  Dunken,  von  dem  Kinzel  ein  beispiel  anführt, 
gehört  nicht  hierher  (got.  thugkeith  misü).  Bei  heizen  richtet  sich  der 
dativ  nach  der  construction  bei  dem  synonymon  gebieten,  bei  muowen 
und  riuiven  nach  ausdrücken  wie :  mir  ist  wc,  mir  ist  leide  usw.  Kin- 
zel selbst  illustriert  die  tatsache,  dass  ein  wort  die  constructionsweise 
eines  synonymons  erhalten  kann;  er  schreibt  s.  74:  „Einer  besonderen 
erwähnung  verdienen  die  fälle." 

HEIDELBERG,   DEN  17.  FEBK.  1880  OTTO  BEHAGHEL. 


BRIEFE  AN  JOH.  JOACH.  ESCHENBURG. 

I.    Von  Christian  Felix  Weisse. 

A  Monsieur 
Monsieur  Eschenburg, 

Gouverneur  ^  au  College  illustre  de  & 

ä  Brunsvs^ig. 
Warum  so  viele  Entschuldigungen,  mein  liebster  Freund;,  über 
Ihre  verzögerten  Beyträge  zur  Bibliotheck  ?  ^  es  ist  ja  ohnedieß  bloße 
Güte,  daß  Sie  in  Zukunft  Theil  daran  nehmen  wollen.^  Ich  danke 
Ihnen  also  von  ganzem  Herzen  für  das  Ueberschickte :  beunruhigen  Sie 
sich  wegen  des  nächsten  Stückes  nur  nicht:  ich  will  es  so  gut  auszu- 
füllen suchen ,  als  ich  kann ,  da  mir  die  itzigen  Festtage  *  einige  Stun- 
den Zeit  verschaffen,  Die  Abhandlung  über  die  Chinesische  Malerey, 
die  ich  auch  schon  zu  übersetzen  angefangen ,  wird  recht  gut ,  die  Stelle 
der  Abhandlung  vertreten.^  Ob  des  Guys  Lettres  sur  les  Grecs  eine 
ßecension  verdienen,  zweifle  ich  beynahe:  was  er  von  Künsten  sagt, 
ist  ka^m  der  Mühe  werth  und  wie  mich  deucht,  schon  zehnmal  besser 
gesagt.*^  Bei  der  Recension  des  Lessingischen  Trauerspieles  habe  ich 
das  Bedenken ,  daß  gleichwohl  diese  Zeitung ,  die  wenigstens  bey  uns 
hier  bekannt  ist ,  in  fremde  Hände  fallen  und  den  Verfassern  der  Biblio- 
theck, die  mau  nicht  kennt,  den  Vorwurf  des  Abschreibens  zuziehen 
möchte.'^     Zweytens   bin   ich  noch   immer   der  Meynnng,    daß  ich   die 

1)  Vgl.  Eilh.  4380  dö  hiz  he  cleme  hnapin.     Serv.  1 ,  58  als  hy  synen  jonghe- 
ren  Met.    Herb.  26263  und  hiezen  in  (sc.  den  fromven). 


218  THIELE 

Bibliotheck  mehr  den  Künsteu  und  Aestlietischen  Büchern  als  dem  deut- 
schen Witze  ^  gewiedmet  seyn  lasse.  Ich  habe  es  aus  der  Erfahrung, 
daß  man  entweder  nichts  thun,  als  loben,  oder  sich  den  größten  kriti- 
schen Anfechtungen  aussetzen  muß,  wenn  man  seine  Gedanken  mit 
Freymüthigkeit  zu  sagen  waget :  ^  dieß  lezte  würde  aber  mein  Leben 
mit  Unruhe  erfüllen,  und  ich  habe  weder  Muth  noch  Kräfte,  mich  in 
Streitigkeiten  einzulassen ,  noch  eine  bittere  Eache  gleichgültig  zu  ertra- 
gen, die  gelegentlich  nicht  außen  bleibt.  Dieß  ist  auch  die  wahre 
Ursache ,  warum  ich  bisher  auch  von  unsern  besten  kSchriftstellern ,  oder 
vielmehr  Dichtern  geschwiegen  habe.  Ich  habe  dadurch  so  viel  gewon- 
nen ,  daß  ich  auch  dadurch  die  Zudringlichkeit  der  mittelmäßigen  Köpfe 
von  mir  abgewiesen  habe,  die  mir  Kecensionen  abgefodert  haben.  Ich 
weiß  nicht,  ob  Sie  diese  meine  Beweggründe  für  gut  halten:  aber  ich 
denke,  unsterbliche  Werke  werden  ohnedieß  von  aller  Welt  gelesen: 
die  gelehrten  Journale  und  Zeitungen  sind  itzt  so  eine  große  Menge, 
die  jedes  Werk  dieser  Art  anpreisen,  daß  wenn  ich  auch  nichts  dabey 
thue ,  als  bloß  mit  einstimmen ,  für  das  Publicum ,  nicht  der  mindeste 
Vortheil  erwächst.  Aesthetische  und  Kunstbücher  zu  prüfen,  ist  aber 
der  wenigsten  ihre  Sache:  wenige  Journale  lassen  sich  darauf  ein  und 
gleichwohl  nimmt  die  Kunstliebhaberey  so  itzt  unter  uns  zu,  daß  sie 
vorzüglich  ein  Gegenstand  der  Kritick  zu  seyn  scheinet.  Wenn  ich  bis- 
weilen eine  Recension  über  Poesien  mit  eiugestreuet  habe,  so  ist  es 
der  Abwechslung  wegen,  und  bey  solchen  Schriftstellern  geschehen, 
die  bey  Genie  noch  Besserung  bedürfen,  die  meine  Kritick  nützen  kön- 
nen und  von  denen  ich  hoften  darf,  daß  sie  mir  verzeihen,  wenn  ich 
auch  irrte.  Doch  dieß  sage  ich  Ihnen  alles  ins  Ohr,  als  einem  meiner 
Busenfreunde.  Sie  haben  doch  meiner  Sophia  *"  Ihre  Kritick  beygefügt? 
Dieß  wünsche  ich  vornehmlich.  Herr  Döbbelin^^  ist  hier  und  ich  freue 
mich  darauf,  unseres  Lessings  treffliche  Emilia  zu  sehen:  er  wird, 
wie  ich  höre ,  damit  den  Anfang  machen.  Gern  schrieb  ich  ihnen  mehr, 
mein  Theuerster ,  aber  man  fodert  mir  meinen  Brief  ab.  Ihre  Beyträge 
zur  Bibliotheck  will  ich  Ihnen  nach  den  Bogen  getreulich  berechnen 
und  die  Mad.  Dyckin  ^^  bittet  sich  aus,  ihr  nur  wissen  zu  lassen,  was 
Sie  gern  von  ihren  Verlagsbüchern  haben  möchten.  Meine  Frau  und 
Kinder  empfehlen  sich  Ihnen  freundschaftlich  auf  das  lebhafteste.  Erhal- 
ten Sie  mir  des  Herrn  Pr.  Eberts/^  Gärtners,^*  und  Lessings  Gewo- 
genheit. 

Ich  bin  lebenslang 

Ihr 

Leipzig  d.  16.  Apr.  [1772].  Weiße. 

Eiligst. 


BRIEFE  AN   ESCHENBÜRG 


II.    Von  Fried.  Nicolai. 


219 


1. 
Herrn  Prof.  Eschenburg  Berlin  tl.  15.  Dec.  1781. 

in  Braunschweig. 

Ich  bitte  Sie  um  Verzeihung  mein  theuerster  Herr  und  Freund 
daß  ich  Ihr  Schreiben  v.  14.  Novbr  nicht  eher  beantwortet  habe.  Ich 
habe  wirklich  so  viele  Geschäfte  vorgefunden,  dalS  ich  Ihnen  jetzt  auch 
nur  in  großer  Eile  schreiben  kann. 

Daß  ich  das  dankbarste  Andenken  an  die  glücklichen  Tage  hege, 
die  ich  in  Ihrer  Gesellschaft  zugebracht  habe,  können  Sie  mir  gewiß 
glauben.  Wollte  Gott  ich  könnte  so  glücklich  seyn,  Sie  ganz  hier  zu 
sehen.  Aber  was  könnten  wir  Ihnen  hier  anbieten ,  was  Ihrer  dortigen 
Lage  gleich  käme.  Wenigstens  hofte  ich  doch,  daß  Sie  einmahl  eine 
Reise  hieher  thun  werden. 

Ich  danke  Ihnen  für  die  Schriftproben  die  recht  gut  sind,  und 
über  die  Preise  des  Druckes  würde  sich  ja  allenfalls  auch  mit  dem 
Drucker  eine  Auskunft  finden  laßen.  ^^  Aber  die  Hauptschwierigkeit  ist 
immer  noch  das  Papier.  Wenn  sich  Herr  Rückling  nicht  sollte  bewe- 
gen lassen,  für  solches  Papier  wie  Lessings  Bejträge  haben, ^®  zu 
sorgen,  so  muß  ich  Sie  mein  bester  Freund  bitten,  sich  die  Adresse 
an  den  Papiermacher  geben  zu  lassen  (die  ich  hier  nicht  finden  kann) 
an  denselben  einen  Bogen  zur  Probe  zu  senden,  und  ihn  zu  fragen,  ob 
er  etwa  5  ä  6  Pallen  solches  Schreibpapieres  diesen  Winter  noch 
liefern  könne,  und  wie  theuer,  frcö  bis  Braunschweig  liefern  könne, 
gegen  gleich  baare  Bezahlung,  sobald  es  Probemäßig  geliefert  wor- 
den. Ich  habe  die  Anzahl  der  Pallen  angegeben ,  in  der  Meinung, 
daß  es  25  ä  30  Bogen  ä  1000  Auflage  werden  würden.  Sollten  Sie 
es  stärker  schätzen,  so  bitte  ich  Sie,  verhältnißmäßig  die  Anzahl 
des  Papieres  zu  schätzen.  Sobald  ich  den  Preis  erfahre,  so  werde 
ich  gleich  die  Bestellung  gleich  ganz  richtig  machen.  Verzeihen  Sie 
daß  ich  Sie  hiemit  beschwere.     Ich  weiß  mir  nicht  anders  zu  helfen. 

Nun  bitte  ich  Sie  auch  mir  gelegentlich  zu  melden  ob  ich  hoffen 
darf,  daß  der  2.  Band  zum  Hederich^'  der  ganz  Ihre  Arbeit  seyn 
wird,'^  zu  Ostern  1783  gedruckt  zu  sehen  hoffen  kann,  und  wann 
Sie  glauben ,  daß  der  Anfang  des  Druckes  geschehen  könne.  Auch  bitte 
ich  den  lieben  H.  Schmid  Ph.  (den  ich  von  ganzem  Herzen  umarme) 
zu  ersuchen,  daß  Er  Ihre  Intention  hierüber  in  seiner  Vorrede  zum 
1.  Bande  bekannt  machen  möge.  ^^ 

Ich  habe  Ihnen  ein  Pro  M.  wegen  verschiedener  Nachrichten  die 
ich  verlangte,  hinterlaßen,   das  ich  Ihrer  gütigen  Besorgung  empfehle. 


220  THIELE 

Zwey  ähnliche  P.  M.  über  andere  Nachrichten  habe  ich  an  H,  Ch.  Schmid 
Ph.  und  H.  Bibliothekar  Langer  ^^  gegeben.  Seyn  Sie  doch  so  gütig 
beide  daran  zu  erinnern. 

Auch  wünschte  ich  eine  genauere  Beschreibung  der  gläsernen 
Maschine  in  der  herzoglichen  Naturalienkanimer  in  Brauuschweig,  wo- 
durch der  Umlauf  des  Blutes  vorgestellt  wird.  Ich  habe  den  H.  Prof. 
Zimmermann  ^  *  in  einem  Billet  darum  gebeten.  Darf  ich  bitten ,  die- 
sen lieben  so  gern  procrastinirenden  Mann  daran  zu  erinnern. 

In  den  Gothaischen  Gelehrt.  Zeitung,  nr.  70  von  1781  steht:  Ein 
Windmüller  Felter  in  Leinde  bei  Wolfenbüttel  habe  einen  Wagen  ver- 
fertigt ,  mit  welchem  er  ohne  Pferde  vermittelst,  des  Windes  fahre. 

Ich  wünschte  Nachricht,  ob  dieses  wahr?  und  in  solchem  Fall 
genaue  Beschreibung  der  Maschine  und  ihrer  Wirkung. 

Verzeihen  Sie  die  viele  Bemühung,  die  ich  Ihnen  verursache. 
Ich  bitte  Sie  noch,  mich  und  meinen  Sohn^^  Ihrer  liebenswürdigen 
Frau  Gemahlinn,  Ihrem  Herrn  Schwiegervater,^^  und  allen  den  ver- 
ehrlichen Leuten,  in  deren  Umgang  ich  so  vieles  Vergnügen  gehabt 
habe  zu  empfehlen.     Ich  bin  von  ganzem  Herzen 

Ihr  ergebenster  Diener 

Fr.  Nicolai. 
Herrn  2. 

Herrn  Eschenburg 

HerzogL  Hofrath  und  Professor  Berlin  den  6.  August  1803. 

am  Carolinum 
zu  Braunschweig. 

Ich  ^^  habe ,  mein  würdigster  Herr  und  Freund ,  Ihr  Schreiben 
vom  18.  Julius  zu  seiner  Zeit  richtig  erhalten.  Meine  Handlung  hat 
Ihnen  auch  das  6.  7.  8.  Heft  von  Herders  Adrastea^^  gesendet. 

Ach  mein  theuerster  Freund,  ich  habe  wohl  der  Eeise  nach  Pyr- 
mont entsagen  müssen,  denn,  es  macht  mir  nicht  nur,  die  A.  D.  B.,^^ 
vereint  mit  meinen  übrigen  Handlungs-  und  anderen  Geschäften  so 
unbeschreiblich  viel  Arbeit,  daß  ich  mich  gar  nicht  besinnen  kann, 
und  beynahe  den  Gedanken  fassen  mul^,  die  A.  D.  B.  aufzugeben, 
sondern  es  ist  mir  auch  in  dieser  zeit  so  unbeschreiblich  viel  häus- 
licher Kummer  zubereitet,  daß  ich  wohl  voraussehen  konnte  es  würde 
vergeblich  seyn,  eine  Keise  zur  Kur  unternehmen  zu  wollen,  zu  einer 
Zeit  wo  mir  natürlich  die  Euhe  des  Gemüths  ganz  fehlen  muß.  Mein 
einziger  übergebliebener  Sohu^'  der  in  der  günstigsten  Laufbahn  ist, 
indem  er  in  jungen  Jahren  schon  erster  Kammer -Direcktor  in  Kaiisch 
und  sehr  glücklich  verheirathet  ist,^^  bekam  bey  dem  sehr  heißen 
Anfange   des   Aprills   einen  gefährlichen   Blutsturz.     Er  hatte   alzufrüh 


BRIEFE   AN   ESCHENBURG  221 

wieder  angefangen  zn  arbeiten,  und  so  bekam  er  im  Junius  ein  noch 
gefährlicheres  Recidiv.  Zwar  ist  er  nun  seit  Kurzem  aus  dem  Bette 
aufgestanden ,  aber  noch ,  sonderlich  wenn  er  wieder  in  die  Geschäfte 
kommt,  nicht  außer  der  Gefahr  eines  zweyten  Recidiv,  welches  ihn 
wahrscheinlich  tödlich  seyn  würde. ^^  Meine  älteste  Tochter^"  kam  im 
May  mit  ihrem  dritten  Kinde  nieder ,  hatte  eine  schwere  Geburt  und 
befand  sich  seitdem  so  schwach  daß  die  Zufälle  sehr  bedenklich  waren, 
und  wohl  voraus  zu  seilen  war,  sie  würde  lange  schwach  bleiben.  Sie 
schien  sich  etwas  zu  erholen,  aber  den  18.  Julius  starb  ihr  kleinstes 
Kind.  Nachdem  sie  dasselbe  bey  eigner  Schwäche  schon  an  14  Tage 
lang  gepflegt ,  hatte  sie  wohl  für  ihre  Kräfte  allzuviel  gethan ,  und  so 
gefast  auch  ihr  Geist  ist,  so  hat  doch  seitdem  ihre  Krankheit  so  zu- 
und  ihre  Kräfte  so  abgenommen ,  daß  wir  ihrer  Auflösung  täglich  ent- 
gegen sehen  müssen,  und  fast  gar  keine  Hoffnung  übrig  bleibt.  Meine 
jüngste  Tochter  ^^  von  der  die  Kranke  Tag  und  Nacht  gepflegt  wird, 
geht  auch  zu  Grunde,  und  siebet  wie  ein  Schatten  aus.  Mein  Schwie- 
gersohn vergeht  vor  Kummer.  Was  ich  dabey  leide,  können  Sie  sich 
vorstellen ,  ohnerachtet  ich  alle  Kräfte  anwende  mich  zu  fassen ,  um 
auch  die  Meinigen  nicht  meinetwegen  zu  betrüben.  Aber  wie  viel  mich 
diese  Philosophie  kostet,  und  wie  heftig  sie  auf  mein  Innerstes  wirkt, 
ist  nicht  auszusprechen.  Beschäftigung  durch  Arbeiten  mancher  Art  ist 
noch  mein  bester  Weg  zu  einiger  Erholung;  aber  [wer]  weis  ob  in 
einiger  Zeit  meine  Kräfte  auch  dazu  zureichen  werden,  denn  mein 
häusliches  Glück,  mein  Einziges,  hat  einen  harten  Stoß  gelitten.  Ich 
höre  iudeß  nicht  auf  mir  selbst  Ruhe  zu  predigen,  und  es  gelingt  mir 
in  so  weit,  daß  ich  wenigstens  meine  notliwendigsten  Geschäfte  ver- 
richten, und  meine  betrübten  Kinder  in  etwas  trösten  kann.  Auch  ist 
meine  Gesundheit  leidlich,  bis  auf  einen  seit  vorigen  Winter  eingewur- 
zelten Husten.  Leben  Sie  wohl  mein  theurer  Freund  und  bleiben  Sie 
gesund  und  glücklich,  ich  bin  von  ganzem  Herzen 

der  Ihrige 
Fr.  Nicolai. 
N.  S.    Noch  einen  Tag  ehe  das  Kind  starb,  und  unsers  äußerstes 
Unglück  angieng ,  war  ich  mit  meiner  jüngsten  Tochter  in  Kl.  Schöne- 
beck auf  einem  kleineu  Feste  wegen  H,  Fred.  Rapps   (dessen  Gattin  Sie 
kennen)  silbernen  Hochzeit.     Ich  hielt  dabey  eine  Rede ,  die  anbey  liegt. 


Aumerkung-en. 

Im  besitze  des  herrn  geh.  oberjustizrates  0.  Preuss ,  früheren  chefs  des 
obergerichts ,  z.  zt.  bibliothek.  der  öffentlichen  bibliothck  zu  Detmold,  befindet 
sich   eine   wertvolle  autographensamlung.     Zu   dieser   gehören   die  oben  gedruckten 


222  THIELE 

drei  briefe,  welche  mir  der  besitzer  nicht  nur  in  der  freundlichsten  weise  zur  ver- 
öifentlichung  überlassen  hat,  sondern  bei  deren  drucklegung  er  mich  auch  durch 
seinen  beirat  auf  das  trefflichste  unterstüzte.  Die  briefe  selbst  erhielt  herr  Preuss 
von  seinem  Schwiegervater,  dem  im  jähre  1861  in  Detmold  verstorbenen  regierungs- 
präsidenten  Wilhelm  Arnold  Eschenburg  (vgl.  d.  Allgem.  Deutsch.  Biographie  s.  v. 
W.  A.  Eschenburg),  dem  söhne  Johann  Joachim  Eschenburgs.  Der  vater  des  herrn 
Preuss,  legationsrat  Frz.  Ludwig  Preuss,  zuerst  ingenieuroffizier  in  preussischen 
und  hannoverschen  diensten ,  dann  vom  jähre  1808  an  bis  zu  seinem  tode  lehrer 
der  mathematik  und  geographie  am  gymnasium  zu  Detmold  (starb  1845,  vgl.  das 
Programm  des  gymuasiums  Leopoldinum  zu  Detmold  v.  j.  1845),  war  mitarbeiter 
an  der  Allg.  Deutsch,  und  Neuen  Allg.  Deutsch.  Bibliothek  von  Fr.  Nicolai  (vgl. 
die  Mitarbeiter  z.  Fr.  Nicolais  Allg.  Deutsch.  Bibl.  v.  G.  Parthey,  1842,  s.  22); 
wir  werden  unten  in  anm.  26  auf  ihn  zurückkommen.  Die  briefe  sind  genau  in  der 
Orthographie  und  mit  der  Interpunktion  der  originale  abgedruckt. 

1)  Da  Job.  Joachim  Eschenburg  von  Michaelis  1767  bis  1773  ,,  öffentlicher, 
in  herzogl.  diensten  stehender  hofmeister"  (gonverneur  d.  i.  ein  junger  lehrer 
„zur  aufsieht  über  die  in  dem  collegiengebäude  wohnenden  jungen  leute"  —  vgl. 
Entwurf  einer  Geschichte  des  Collegii  Carolini  in  Braunschweig  v.  J.  J.  Eschen- 
burg, Berlin  und  Stettin  bei  Fr.  Nicolai  1812,  s.  18)  am  Collegium  Caroliuum  war 
(vgl.  Jördens  Lexicon  Deutscher  Dichter  und  Prosaisten  VI.  bd.  s.  768) ,  aber  bereits 
am  anfange  des  Jahres  1773  zum  professor  an  derselben  anstalt  ernant  wurde  (vgl. 
Entwurf  usw.  s.  66) ,  ferner  da  Lessings  Emilia  Galotti  am  ende  des  briefes  erwähnt 
wird,  welche  bekautlich  am  anfange  des  Jahres  1772  gedruckt  (vgl.  Karl  Lessings 
briefe  an  seinen  bruder  vom  14.  jan.,  1.  febr. ,  3.  febr. ,  15.  febr. ,  29.  f ehr.  und 
12.  märz  1772,  Lessings  Werke  bei  G.  Hempel  bd.  XX.  2.  abteilung  Briefe  an  Les- 
sing, herausgegeben  von  Redlich,  s.  541fg. ,  552  fgg.,  558,  561  fg. ,  570  fgg.,  und 
von  Lessiug  an  Voss  vom  25.  jan.  1772  und  an  seinen  bruder  Karl  vom  25.  Jan., 
10.  febr.  und  1.  märz  1772,  a.  a.  o.  erste  abteilung  s.  475  fg.,  474  und  482  fg.)  und 
bereits  am  13.  märz  1772  in  Brauuschweig  zum  geburtstage  der  verwittweten  her- 
zogin  nach  dem  manuscripte  des  dichters  von  Döbbelin  (vgl.  Danzel-Guhrauer 
Lessings  Leben  und  Werke,  11,  1  s.  37  und  Eberts  brief  an  Lessing  vom  14.  märz 
1772,  a.  a.  o. ,  erste  abt.  s.  576  fg.)  so  wie  am  6.  april  1772  in  Berlin  (vgl.  die 
briefe  Nicolais  an  Lessing  vom  7.  april  1772  und  Karl  Lessings  vom  12.  april  1772, 
a.  a.  0.  s.  583  fgg.  und  s.  589  fgg.)  auf  dem  Kochschen  theater  (vgl.  Brachvogel 
Gesch.  d.  kgl.  Theaters  zu  Berlin  L  s.  238)  aufgeführt  wurde ,  so  muss  der  brief 
am  16.  april  1772  geschrieben  sein;  hiermit  stimt  auch  die  zeit  der  Veröffentlichung 
von  Weisses  abhandlung,  welche  in  der  4.  anmerkung  erwähnt  wird. 

2)  Es  ist  natürlich  die  von  Nicolai  im  jähre  1757  gegründete  und  seit  1759 
vom  5.  bis  12.  bde.  von  Weisse  redigierte  „Bibliothek  der  schönen  Wissenschaften" 
gemeint,  welche  seit  1765  unter  dem  titel  „Neue  Bibliothek  der  schönen  Wissen- 
schaften und  freyen  Künste  "  von  Weisse  fortgesetzt  wurde.  Anfänglich  hatte  Weisse 
die  herausgäbe  allein  besorgt ,  dann  mit  dem  Verleger  Dyk  zusammen ,  zulezt  über- 
liess  er  sie  demselben  gänzlich.     Sie  gieng  mit  dem  72.  bände  im  jähre  1806  ein. 

3)  Da  die  recensionen  in  der  ,, Bibliothek"  anonym  erschienen,  so  lässt  sich 
nicht  ermitteln,  welche  Beiträge  Eschenburgs  Weisse  im  sinne  hat. 

4)  Es  sind  die  osterfoiertage  des  jahres  1772;  ostern  fiel  in  diesem  jähre  am 
19.  und  20.  april,  also  schrieb  Weisse  am  grünen  donnerstage. 

5)  In  der  N.  Bibl.  d.  seh.  W.  und  fr.  K.  steht  immer  eine  abhandlung  voran, 
dann  folgen  die  recensionen.     Die  bezeichnete  abhandlung  führt  den  genauen  titel: 


BRIEFE    AN  ESCHENBURG  223 

Auszug  eines  Schreibens  des  P.  Amiot  aus  Peking  vom  I.März  1769,  welches 
Nachrichten  von  dem  Jesuiten  Attiret,  einem  dortigen  geschickten  Maler,  und  von 
dem  Zustande  der  Malerey  in  China  überhaupt  enthält  (Anmerkung:  Dieser  auszug 
ist  von  dem  herrn  Deguignes  und  im  Journal  des  Schavans  Juin  1771  befindlich)": 
sie  erschien  in  der  bibliothek  band  XIII,  1772,  stück  II  s.  I!i7  — 225. 

6)  Merkwürdig  ist  es,  dass  Weisse  trotzdem  diese  abhandlung  damals  selbst 
übersetzte,  und  zwar  unter  dem  titel:  liiterarische  Reise  nach  Griechenland  oder 
Briefe  über  die  alten  und  neuern  Griechen,  nebst  einer  Vergleichung  ihrer  Sitten 
von  Herrn  Guys.  Aus  dem  Französischen.  Erster,  zweiter  teil.  Leipzig  1772, 
(1  rth.  6  Gr.):  vgl.  Jördens,  s.  v.  Weisse,  bd.  V.  s.  289. 

7)  Wahrscheinlich  hatte  Eschenburg  das  eben  erschienene  und  die  grösste 
aufmerksamkeit  erregende  trauerspiel  Lessings,  Emilia  Galotti,  in  irgend  einer 
gelehrten  zeitung  besprochen,  vielleicht  in  dem  „Gelehrten  Beiblatte  zu  den  Braun- 
schweigschen  Anzeigen ,"  für  welche  er  schrieb  (vgl.  Schiller,  Braunschweigs  schöne 
Literatur  in  den  Jahren  1745  bis  1800,  1845,  s.  83),  oder  wahrscheinlicher  han- 
delt es  sich  um  die  von  Redlich  (Lessings  Werke  XX.  bd.  1.  abteilung,  Brief  an 
Eva  König  vom  15.  märz  1772  s.  488  anm.  3)  erwähnte  besprechung  der  „Emilia" 
in  der  Hamb.  N.  Zeitung  1772  st.  47  und  53,  von  welcher  der  gelehrte  Lessing- 
forscher vermutet,  dass  sie  aus  Eschenburgs  feder  herrühre.  Eschenburg  wolte 
also  diesen  artikel  in  der  N.  B.  wider  abdrucken  lassen. 

8)  ,,Witz''  ist  hier  in  der  bekanten  bedeutung  des  18.  jahrliunderts  zu  neh- 
men, =  ,,genie,"  ,,werk  des  witzes,"  ,,  dichtwerk " ;  vgl.  Hamburg.  Dramat. ,  her- 
ausgeg.  von  Schröter  und  Thiele ,  st.  I  anm.  3. 

9)  Weisse  bezieht  sieb  hier  auf  seine  trüben  erfahrungen ,  die  er  mit  Sulzer 
imd  Bodmer  gemacht  hatte ,  vgl.  Jürdeus  a.  a.  o.  s.  263  —  264. 

10)  ,,  Sophie  oder  die  Brüder"  lautete  ursprünglich  der  titel  eines  bürger- 
lichen trauerspieles,  welches  Weisse  1769  —  70  verfasst  hatte,  und  welches  erst 
später  den  umgeänderten  titel  „Die  Flucht"  erhielt.  Der  Verfasser  hat  es  durch 
längere  zeit  zurückbehalten.  Er  schrieb  darüber  am  28.  december  1772  an  Uz : 
„Ich  habe  seit  zwei  jähren  ein  trauerspiel  liegen;  aber  so  gerne  ich  mich  beschei- 
denen kritiken  unterwerfe,  so  möchte  ich  doch  nicht  scurrilisiert  werden."  Nach 
Plümike  ist  es  durch  Koch  am  4.  februar  1772  in  Berlin  aufgeführt  worden.  — 
Vgl.  J.  Minor,  (!hr.  Fei.  Weisse.  Innsbr.  1880.  s.  245  fg.  —  Die  Chronologie  des 
deutschen  Theaters,  von  Ch.  H.  Schmid,  Leipzig  1775,  sagt  darüber  s.  310,  zum 
jähre  1771:  „und  von  einem  neuen  trauerspiele  desselben,  „Sophie,  oder  die  Brü- 
der ,"  darf  noch  nichts  gesagt  werden ,   da  es  noch  nicht  im  druck  erschienen  ist." 

11)  Karl  Theophilus  Döbbelin  (geb.  1720  zu  Berlin,  nach  andern  1727  zu 
Königsberg  in  der  Neumark,  vgl.  Chronologie  des  deutschen  Theaters  s.  143,  Prutz 
Vorlesungen  über  die  Geschichte  des  deutschen  Theaters  s.  358),  ist  der  bekante 
und  in  Lessings  briefwechsel  oft  erwähnte  theaterprincipal.  Da  er,  wie  in  anm.  1 
bemerkt  ist,  das  manuscript  der  „Emilia"  besass,  so  wolte  er,  um  von  dem  neuen 
stücke  viel  vorteil  zu  ziehen,  es  wahrscheinlich  auch  in  Leipzig  zur  aufführung 
bringen.  Döbbelin ,  der  viel  wanderte  und  die  merkwürdigsten  Schicksale  erlebte, 
war  zwar  damals  in  Braunschweig,  spielte  aber  grade  in  Leipzig  gern,  vorher  und 
auch  noch  später,  wie  z.  b.  eine  notiz  in  der  ,, Chronologie  des  deutschen  Thea- 
ters" s.  345  z.  j.  1774  beweist:  ,,Herr  Döbbelin  gieng  zu  o.stern  über  Magdeburg 
nach  Leipzig." 

12)  Die  Weissesche  bibliothek  erschien  im  Verlage  der  Dykischen  buchhand- 
lung  in  Leipzig. 


224  THIELE 

13)  Joh.  Arnold  Ebert  (1723  —  1795),  damals  professor  der  englischen  und 
griechischen  spräche  am  Collegiuni  Carolinum  zu  Braunschweig. 

14)  Karl  Christian  Gärtner  (1712  — 1791),  zu  jener  zeit  professor  der  Sitten- 
lehre und  deutschen  redekunst  am  Coli.  Carol. 

15)  Es  scheint,  als  ob  Nicolai  bei  seinem  besuche  in  Braunschweig  bei 
Eschenburg  den  versuch  gemacht  habe,  in  der  Waisenhausbuchhandlung  zu  Braun- 
schweig, deren  factor  der  gleich  darauf  erwähnte  herr  Bückling  (nach  einer  freund- 
lichen brieflichen  mitteilung  des  herrn  archivrat  Hänselmann  in  Braunschweig  war 
Heinrich  Bückling,  nachdem  Michaelis  1756  sein  amtsvorgänger  Wilhelm  Christoph 
Henning  entlassen  war,  factor  der  im  jähre  1751  gegründeten  buchdruckerei  des 
herzogl.  Waisenhauses,  in  der  er,  gleich  Henning ,  zuvor  als  setzer  gearbeitet  hatte. 
Er  erweiterte  dieselbe  mit  vielem  glück  und  geschick  und  starb ,  dreiundneunzig 
jähre  alt,  am  7.  april  1805;  vgl.  Grotefend  Geschichte  der  Buchdruckerei  in  den 
Hannov.  und  Braunschweigschen  Landen,  Hannover  1840)  war,  artikel  seines  Ver- 
lages drucken  zu  lassen,  wahrscheinlich  aus  rücksichten  grösserer  billigkeit,  und 
zwar  wol  zuerst  die  anm.  18  erwähnte  neubearbeitung  des  ,,  Hederich";  doch  ist 
der  plan  nicht  gelungen,  da  sowol  bd.  1  von  Schmidt -Phiseldek  als  bd.  2  von 
Eschenburg  den  gewöhnlichen  druckort  der  Nicolaischen  verlagswerke  ,,  Berlin  und 
Stettin"  tragen,  wie  ich  bei  beiden  mir  vorliegenden  Originalausgaben  sehe. 

16)  Nicolai  meint  von  Lessing:  Zur  Geschichte  und  Literatur,  aus  den 
Schätzen  der  Herzoglichen  Bibliothek  zu  Wolfenbüttel.  Erster  Beitrag,  Braunschweig 
in  der  Buchhandlung  des  Fürstl.  Waysenbauses  1773,  Zweiter  band  ebenda  1773, 
Dritter  band  ebenda  1774,  Vierter  band  ebenda  1777,  Fünfter  band  ebenda  1781 
von  Lessing  und  Eschenburg,  endlich  Sechster  band  ebenda  1781  von  Lessing  und 
Christian  Leiste. 

17)  Mag.  Benjamin  Hederich,  geb.  am  12.  dec.  1675  zu  Geithen,  einer  stadt 
bei  Meissen,  lehrer  an  der  schule  zu  Kloster  Bergen  bei  Magdeburg,  1705  rector 
zu  Grossen  -  Hayn  in  Sachsen,  starb  daselbst  am  18.  juli  1748  (vgl.  Jöcher  Allgem, 
Gelehrtenlexikon  2.  bd.  s.  v.  Hederich).  Das  betreffende  werk  von  ihm,  das  1710 
zuerst  erschien,  führt,  wie  die  mir  vorliegende  4.  aufläge  vom  jähre  1725,  Witten- 
berg bei  Gottfried  Zimmermanns  sei.  Wittwe,  zeigt,  folgenden  titel:  ,,  Anleitung  zu 

den  fürnehmsten  Historischen  Wissenschaften ,    sofern  solche  einem  politen 

Menschen,   insonderheit  aber  denen,   so  die  Studia  zu  prosequiren  gedenken,   nütz- 
lich und  nöthig." 

18)  Dieses  für  seine  zeit  innnerhin  bedeutende  buch  wolte  Nicolai  neu  her- 
ausgeben und  übertrug  die  bearbeltung  der  7.  aufläge,  welche  17G0  erschienen  war, 
an  Christoph  Schmidt -Phiseldeck  (geb.  1740  in  Northeim  bei  Göttingen,  seit  1765 
professor  des  öffentlichen  rechtes  am  Carolinum  zu  Braunschweig)  und  Joh.  Joach. 
Eschenburg.  Der  1.  band,  von  Schmidt -Phiseldeck  besorgt,  erschien  1782,  der 
2.  band,  den  Eschenburg  umarbeitete,  1783.  Beide  sprechen  sich  in  den  ,, vorre- 
den" über  ihre  tätigkeit  genauer  aus,  Schmidt  vornümlich  auf  s.  3  dahin,  dass  er 
das  werk  für  seine  zeit  brauchbarer  machen  wolte,  ohne  die  eigentliche  bestim- 
mung  desselben  zu  einem  schulbuche  aus  den  äugen  zu  setzen ,  Eschenburg  auf  der 
zweiten  seite  des  ,, Vorberichtes,"  dass  er  den  Hederichschen  plan  nicht  nur  erwei- 
tert habe,  sondern  dass  in  seiner  ganzen  arbeit  fast  nirgend  eine  spur  von  der 
Hederichs  anzutreffen  sei. 

19)  Dies  hatte  Schmidt  auf  s.  6  der  am  26.  febr.  1781  unterzeichneten  vor- 
rede mit    folgenden  Worten  bereits   getan:    ,,Der  zweite  Theil  dieses  Buches,   wel- 


BRIEFE   AN    ESCHENBURG  225 

chen  Herr  Professor  Esclienburg  ausarbeitet ,  wird  die  Mythologie ,  die  römischen 
Alterthümer  und  eine  Notiz  der  klassischen  Schriftsteller  enthalten ,  und  zur  Oster- 
niesse  1783  an\s  Licht  treten." 

20)  Tianger  war  Lessings  nachfolger  in  Wolfenbüttel  und  verwaltete  die 
bibliothek  bis  zu  seinem  am  24.  febr.  1820  erfolgten  tode.  Er  schrieb  reccnsionen 
in  die  Allgem.  Deutsche  Bibliothek  (darauf  bezieht  sich  wol  Nicolais  P.  M.)  und 
in  die  „Göttingischen  Gelehrten  Anzeigen;"  vgl.  Schönemaun  Hundert  Merkwürdig- 
keiten der  Herzogl.  Bibliothek  zu  Wolfenbüttel,  1849,  und  0.  v.  Heinemann  Die 
Herzogl.  Bibliothek  zu  Wolfenbüttel,  1878. 

21)  Eberhard  August  Wilhelm  Zimmermann  (geb.  17.  aug.  1734)  war  seit 
1766  ordentl.  professor  am  Carolinum  und  hielt  Vorlesungen  über  mathematik ,  phy- 
sik  und  naturgeschichte :  vgl.  Eschenburg  Entwurf  einer  Gesch.  des  Coli.  Carol.  s.  92. 

22)  Hiermit  meint  Nicolai  wol  seinen  ältesten  söhn  Samuel  Friedrich  ,  der 
ihn  auf  seiner  reise  durch  Deutschland  und  die  Schweiz  begleitet  hat;  er  unter- 
stützte damals  seinen  vater  in  der  fiihrung  der  buchhandlung.  Selbst  nicht  ohne 
gelohrsamkeit  und  durch  fieiss  ausgezeichnet,  starb  er  leider  schon  1790;  vgl. 
Göckingk  Friedr.  Nicolais  Leben  und  literarischer  Nachlass,  1820,  s.  30. 

23)  Joh.  Joach.  Eschenburgs  gattiu  war  Dorothea,  die  tocliter  des  bekanten 
freundes  von  Lessing,  des  herzogl.  Braunschweig,  consistorialrates  und  professors 
der  religiou  und  latinität  am  Carolinum  Konrad  Arnold  Schmid  (geb.  23.  febr.  1716, 
seit  1760  in  Braunschweig,  er  starb  am  16.  nov.  1789);  vgl.  Eschenburg  a.  a.  o. 
s.  85  fg.  und  Schiller  a.  a.  o.  s.  75  —  80. 

24)  Der  brief  ist  dictiert  worden  ,  wie  es  Nicolai  in  seinen  späteren  jähren 
meist  tat;  nur  die  adresse,  die  nach-  und  unterschritt  sind  von  seiner  eigenen  band. 

25)  Adrastea,  herausgegeben  von  J.  G.  v.  Herder,  5  bände  (jeder  band  zu 
2  stücken),  Leipzig  1801—1803  (der  sechste  band  erschien  erst  1804).  Hier  ist 
also  die  zweite  hälfte  des  3.  und  der  ganze  4.  band  gemeint.  Der  erstere  enthielt: 
Horazens  ersten  brief  des  ersten  buches,  der  4.  band:  Persius,  P^inleitung  und  erste 
Satire;  vgl.  Jördeus  lexikon  II  s.  387. 

26)  Vielleicht  dürfte  es  nicht  uninteressant  sein,  hier  noch  einen  brief  aus 
dem  nachlasse  des  am  anfange  unserer  erörterungen  erwähnten  legationsrates  Preuss, 
den  Nicolai  an  denselben  schrieb,  als  er  ihn  zum  mitarbeiter  an  der  Allg.  Deutsch. 
Bibliothek  warb,  zu  veröffentlichen.     Dieser  brief  lautet: 

Hoch  wohlgeborener  Berlin  d.  19.  Juni  1804. 

besonders  hochzuehreuder  Herr. 
Der  Herr  Oberst  v.  Massenbach  hat  mir  gesagt,  dass  Ew.  Hochwohlgeboren 
geneigt  wären,  an  der  allgemeinen  deutschen  Bibliothek  durch  Eecensierung  neuer 
Kriegsschriften  Antheil  zu  nehmen.  Dieß  ist  mir  sehr  angenehm,  und  ich  bin 
daher  so  frey,  Ihnen  anbei  theils  das  gedruckte  Promemoria  von  der  äußeren  Ein- 
richtung der  Bibliothek  und  verschiedener  dahin  gehöriger  Circularien  als  auch 
einige  neue  Bücher  zu  senden ,  um  deren  Recensiou  ich  bitte.  Für  das  Honorarium 
werden  6  rth.  für  den  gedruckten  Bogen  gerechnet,  und  Sie  bekommen  auch  gra- 
tis ein  Exemplar  von  allen  neuen  Bänden  der  Bibliothek,  so  wie  sie  herauskom- 
men. —  Wenn  Sie  einmal  nach  Berlin  kämen,  so  würde  ich  mich  freuen,  Ihre 
persönliche  Bekanntschaft  zu  machen.  Ich  füge  nur  noch  die  Versicherung  der  voll- 
kommenen Hochachtung  hinzu,  womit  ich  verharre 

Ew.  Hochwohlgeboren 

ergebenster  Diener 

Fr.  Nicolai. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.    BD.  XII.  15 


226  KINZEL 

N.  S.    Ihre  Zeichen  werden  sein: 
3)t.  (deutsch)        Hr.  (lat.) 
womit  Sie,  nach  Gefallen,  abwechselnd  Ihre  Eecensionen  zu  unterzeichnen  belieben. 

Kurz  nachher,  am  25.  sept.  1804,  zeigt  Nicolai  in  einer  gedruckten  nach- 
richt  den  empfang  zweier  am  10.  aug.  j.  j.  von  Eschenburg  eingesanten  recensionen 
an,  wobei  er  sich  in  einer  eigenhändigen  nachschrift  entschuldigt,  weil  er  wegen 
seiner  abwesenheit  im  bade  Pyrmont  erst  so  spät  geantwortet  habe.  —  Neben  einzel- 
nen mahnzetteln  um  ablieferung  von  recensionen  schliesst  dann  die  correspondenz 
bald  mit  der  Übersendung  eines  drei  quartseiten  langen  promemorias  an  die  sämt- 
lichen herren  Verfasser  der  algemeinen  deutschen  Bibliothek  aus  dem  anfange  des 
Jahres  1805  (Nicolai  sagt  darin:  „ich  trete  in  wenigen  wochen  in  mein  73.  jähr,"  — 
er  war  geboren  am  18.  märz  1733),  worin  Nicolai  seinen  entschluss  mitteilt,  die 
,, Bibliothek"  eingehen  zu  lassen. 

27)  Nicolais  ältester  söhn  starb,  wie  in  anm.  22  bereits  erwähnt  ist,  im 
jähre  1790;  sein  zweiter  söhn  Carl  August  war  auch  bereits  im  jähre  1799  verstor- 
ben, und  so  lebte  im  jähre  1803  nur  noch  der  jüngste,  David.  Göckingk,  a.  a.  o. 
s.  30  fg.,  erzählt,  dass  derselbe  Ökonomie  theoretisch  und  praktisch  studiert 
und  auch  als  Schriftsteller  sich  in  seinem  fache  hervorgelan  habe.  Zuerst  als 
domainen  -  Intendant  in  der  provinz  Südpreussen  angestelt ,  wurde  er  dann  director 
der  kriegs-  und  domainenkammer  zu  Kaiisch. 

28)  David  Nicolai  war  mit  der  tochter  des  geh.  oberfinanzrates  Parthey  zu 
Berlin  vermählt ;  vgl.  Göckingk  a.  a.  o.  s.  31. 

29)  Er  starb  nicht  in  folge  jener  blutstürze,  sondern  eines  unglücklichen 
Sturzes,  den  er  auf  der  jagd  mit  dem  pferde  tat,  bereits  im  jähre  1804. 

30)  Wilhelmine  Nicolai  hatte  sich  im  jähre  1797  mit  dem  hofrat  Parthey, 
welcher  bei  dem  general-oberünanzdirectorium  zu  Berlin  angestelt  war,  vermählt. 
Sie  starb  wirklich  im  jähre  1803.  Ihr  söhn  ist  der  Verfasser  der  Zusammenstellung 
der  mitarbeiter  an  der  Allg.  Dtsch.  Bibl. ,  erschienen  1842.  Göckingk  a.  a.  o.  s.  31 
rühmt  sie  als  eine  gebildete,  geistreiche  und  liebenswürdige  danie. 

31)  Auch  die  besorgnis,  welche  Nicolai  für  seine  jüngste  tochter  Charlotte 
Macaria  hatte,  war  nicht  unbegründet.  Göckingk,  a.  a.  o.  s.  32  zolt  ihr  gleiches  lob 
wie  ihrer  Schwester;  auch  besass  sie  eine  sehr  schöne  stimme,  doch  soll  dies  die 
Ursache  ihres  frühzeitigen  todes  gewesen  sein,  weil  durch  die  anstrengung,  die  sie 
ihrer  schwachen  brüst  beim  singen  zumutete,  der  in  ihr  liegende  keim  zur  Schwind- 
sucht sich  weiter  ausbildete,  denn  sie  starb  bereits  im  jähre  1808.  So  muste  Nico- 
lai das  traurige  geschick  haben ,  alle  seine  kinder  zu  überleben ,  bis  er  selbst  am 
6.  Jan.  1811  die  lebensmüden  äugen  schloss. 

DETMOLD,    na   MAI    1880.  R.    THIELE. 


DER  WADEL. 


Ich  habe  schon  in  dieser  zischr.  XI,  493  darauf  hingewiesen, 
dass  ivndel  in  Seifrid  Helb.  III,  s.  172  schwerlich  eine  art  badehose 
bezeichne,  wie  A.  Schultz  in  seinem  Höf.  Leben  meint.  Das  richtige 
hätte  der  Verfasser  bei  Haupt  z.  f.  d.  a.  XI,  51  (Zu  Wolframs  Parzi- 
val)  gefunden,  und  wenn  er  Georg  Zappert,   Über  das  badewesen  mit- 


DER    WADEL  227 

telalterlicher  und  späterer  zeit  im  Archiv  f.  kuude  österr.  gesch.  quel- 
len 1859  21.  bd.  s.  1  —  166  gekant  liätte,  so  wäre  einiges  in  seinem 
in.  capitel  schärfer  gefasst  worden.  Beide  handelten  etwa  gleichzeitig 
auch  über  den  gebrauch  des  tvadels.  Ich  möchte  hier  zugleich  noch 
auf  zwei  stellen  aufmerksam  machen,  welche  Schultz  ebenfals  entgan- 
gen zu  sein  scheinen  und  auch  sonst  weder  in  den  angeführten  abhand- 
lungen  noch  in  den  Wörterbüchern  citiert  sind. 

Es  sind  besonders  vier  punkte,  welche  durch  die  monographie 
Zapperts  richtig  gestelt  werden.  Schultz  behauptet  s.  170  fg.  l)  die 
männer  hatten  badehosen  angelegt,  ehe  sie  ins  bad  stiegen.  2)  Die 
qucste  (bisweilen  mit  perizoma  glossiert)  ist  „ein  schamgürtel.'^  3)  Sol- 
che sind  auf  abbildungen  des  15.  Jahrhunderts  zu  sehen,  wo  sich  mann 
und  weib  im  gemeinsamen  bade  befinden.  4)  Seifrid  lässt  sich  a.  a.  o. 
einen  ivadel  umbinden. 

Dagegen  sagt  Zappert  s.  76:  „im  schwitz-  wie  wasserbade  befand 
man  sich  meist  in  völliger  hüUelosigkeit,  wie  dies  die  (von  ihm  mit- 
geteilten) abbildungen,  ebenso  die  im  Sachsenspiegel,  die  bekanten 
abbildungen  aus  der  bibel  des  königs  Wenzel,  der  holzschnitte  und 
kupferstiche  Behams,  die  holzschnitte  in  kalendern  des  16.  Jahrhun- 
derts usw.  zeigen."  In  den  offenen  mineralbädern  und  denen  beider 
gescMechter  erwähnt  er,  dass  „die  badegäste  aus  der  vermögenden 
klasse  mit  einem  schürz,  die  frauen  mit  einem  weit  ausgeschnittenen 
badelaken  bekleidet  waren"  (im  15.  jh.).  ,, Dieses  gemeinschaftliche 
baden  beider  geschlechter  war  in  den  früheren  Jahrhunderten  des  mit- 
telalters  streng  verpönt"  und  scheint  erst  aus  dem  Orient  eingedrungen 
zu  sein  (s.  82).  Unter  wadel,  questen  versteht  er  natürlich  auch  in 
der  stelle  des  Seifrid  die  zusammengebundenen  büschel,  welche  dazu 
dienten,  „sich  zur  erhöhung  der  hauttätigkeit  zu  peitschen  oder  zu 
besprengen"  (s.  79).  Er  erwähnt  aber,  und  das  wird  zugleich  durch 
eine  abbildung  aus  einer  handschrift  der  kaiserlichen  hofbibliothek  zu 
Wien  illustriert,  dass  man  sich  zugleich  im  notfalle  die  blosse  mit 
dieser  badequaste  deckte.  Er  weist  nach,  dass  man  in  poesie  und 
maierei  in  folge  dessen  auch  Adam  und  Eva  so  darstelte,  wenigstens 
in  Deutschland ,  während  „  die  künstler  Italiens ,  wo  dampf  bäder  in 
geringerem  gebrauche  als  in  Deutschland  standen,  sich  schriftmässig 
an  das  auch  in  ihrem  vaterlande  heimische  feigenblatt  halten."  Man 
vergleiche  dazu  Lexer  unter  wadel  =  laubbüschel:  swfn  wadel  deck- 
ten ir  schäm  Teichn.  C  60'';  unter  schirmwadcl:  mit  dem  Adames 
schermwadcle  wellent  si  ir  schäm  bedecken  Prl.  108. 

Ebenso  Haupt  a.  a.  o.  über  queste.  Er  führt  eine  anzahl  biblischer 
stellen  an ,  wo  queste  dem  perizoma  entspricht ;  bemerkt  aber ,  dass  die 

15* 


228  KINZEL,    DER    WADEL 

ursprüngliche  bedeiitung  eines  büschels  zu  gründe  liegt,  der  also  nur 
vorgehalten  wurde.  Einer  der  späteren  belege  ist  besonders  interes- 
sant ;  denn  er  zeigt  in  der  bedeutung  des  wertes  deutlich  den  Übergang 
zu  einem  wirklichen  kleidungsstück.  In  Könighofens  chronik  s,  50 
heisst  es  „von  den  leuten  die  Saturnus  in  Italien  fand :  ir  cleider 
worent  üz  loebe  oder  grase  gemäht  also  questen  oder  matten  (matten)" 
(Haupt  a.  a,  o.  s.  51). 

Auffallend  ist  es,  dass  nirgend  zur  erläuterung  der  Vorgänge  im 
bade  und  des  gebrauchs  der  tvadel  des  „blossen  keisers"  des  Herrand 
von  Wildonie  gedacht  ist.  Die  behandlung  desselben  Stoffes  vom  Stricker 
berücksichtigt  das  bad  nur  sehr  stiefmütterlich  (GA  III,  415):  der 
könig  geht  ins  bad ,  sezt  sich  zu  dem  engel  auf  die  bank  und  wirft  den 
sweiBbadcere ,  der  ihn  vertreiben  will ,  mit  einem  kübel.  Um  so  iustruc- 
tiver  hat  Herrand  die  sache  ausgestattet  (ed.  Kummer  1880  nr.  III): 
kleine  junklierlm  und  wtbelm  ein-  teil  diu  man  da  vindet  ringe  veil 
(v.  159)  bedienen  den  kaiser  im  bade.  Nach  dem  bade  wird  wasser 
angegossen  (an  die  heissen  steine) ,  die  fenster  werden  geschlossen ,  der 
kaiser  legt  sich  auf  die  bank.  Unterdessen  tritt  der  engel  in  seiner 
gestalt  aus  der  tür,  die  kämmerer  reichen  ihm  sin  badehleit  und  tra- 
gen ihm  sin  hatgewant  nach.  Der  kaiser  wird  blöz  hinausgeworfen 
(267): 

nach  im  si  sparten  suo  das  tor, 

da  stuont  er  jämerlichen  vor. 

ein  wadel  was  siner  lide  Jcleit; 

diu  vinster  naht  was  im  niht  leit, 

tvan  si  im  dacte  sine  schäm. 

Vielleicht  hätte  diese  stelle  Schultz  noch  in  seinem  irtum  vom  scham- 
gürtel  bestärkt.  Aber  es  ist  zweifellos:  der  kaiser  ist  ganz  nackt; 
man  vgl.  zur  bestätigung  v.  306:  sin  Up  ist  als  min  vinger  har.  Er 
deckt  seine  blosse  durch  den  vorgehaltenen  wadel.  Dies  beweist  denn 
auch  das  bild  in  der  handschrift.  Kummer  berichtet  s.  205  seiner 
ausgäbe:  „es  zeigt  den  nackten  kaiser  mit  der  kröne  auf  dem  haupte 
und  neben  ihm  liegt  der  wadel ,  ein  büudel  grüner  zweige ,  wie  man  ihn 
jezt  noch  in  dampf bädern  zum  besprengen  und  abklatschen  gebraucht." 

BERLIN,    JUNI    1880.  KARL   KINZEL. 


229 
LITTERATUR. 

Lessings  Hainburgisclie  Dramaturgie.     Für  die  oberste  Klasse  höhe- 
rer Lehranstalten   und  den    weiteren  Kreis  der  Clehildcten    erläu- 
tert von  Dr.  Friedrich  Schröter   und   Dr.  Richard  Thiele.     Halle,  Verlag 
der  Buchhandlung  des  Waisenhauses.    1878.     CXXXVI  und  G30  S.    8.     n.  10  m. 
Über  notwendigkeit,    zweck  und   plan  ihres  Unternehmens  sprechen  sich  die 
Verfasser  in  dem  Vorworte  folgendermassen  aus: 

, .Vieles  in  ihr  (der  H.  I).),  was  Lessing  als  l)ekant  voraussezte  und  voraus- 
setzen durfte,  weil  es  damals  gemeingut  aller  gebildeten  war,  ist  dem  bildungs- 
bewustsein  unserer  gegenwart  entschwunden  und  daher  jezt  unverständlich.  Ande- 
rerseits findet  sich  aber  auch  gar  manches,  das  Lessing  aus  dem  schätze  seines 
vielumfassenden  wissens  gespendet  hatte,  und  das,  schon  damals  schwerlicli  das 
eigentum  vieler,  in  unserer  zeit,  die  bei  dem  wachsenden  Inhalte  der  erkentnis 
jeden  mehr  denn  je  sich  auf  ein  einzelnes  gebiet  zu  beschränken  mahnt,  erst  recht 
nicht  mehr  von  allen  gewusst  wird  und  gewusst  werden  kann.  So  ist  die  Drama- 
turgie ein  buch  geworden,  das  mehr  gelobt  als  gelesen,  mehr  in  den  einzelnen 
hauptfragen  erfasst  als  voll  vorstanden  wird "  .... 

,,  Daher  muss  die  Wissenschaft  liier  eingreifen  und  vergessenes  und  verschwin- 
dendes wider  aufleben  lassen  oder  auffrischen,  mit  einem  worte:  den  teil  des  Wis- 
sens reconstruieren ,  aus  welchem  heraus  der  dramaturgist  sein  werk  schrieb.  So 
haben  es  Cosack,  Buschmann  und  mit  erweiterten  zielen  noch  ganz  jüngst  Blüm- 
ner mit  dem  Laokoon  gemacht.  Solte  die  Dramaturgie  nicht  dieselbe  rücksicht 
verdienen?  Es  lag  deshalb  der  gedanke  nicht  zu  fern,  diesen  schätz,  der  in  die 
tiefen  des  vergessens  zu  versinken  drohte,  für  die  gebildeten  unserer  nation  zu 
retten,  welche  die  Dramaturgie  in  ernstem  Selbststudium  lesen  wollen,  und  denen 
es  auf  ein  wirkliches  Verständnis  des  herlichen  buches  ankomt,  nicht  minder  sie  für 
diejenigen  zugänglich  zu  machen,  welche  noch  daran  sind,  sich  die  grundlagen 
einer  höheren  bildung  zu  erwerben ,  also  für  die  schüler  der  obersten  klasse  unse- 
rer höheren  lehranstalten ,  besonders  zum  zwecke  einer  fruchtbaren  privatlectüre. 
Um  diesen  kreisen  zu  dienen,  haben  die  herausgeber  ihr  werk  unternommen.  Für 
die  speciellen  zwecke  der  Wissenschaft  beabsichtigt  Cosack,  der  herausgeber  des 
Laokoon,  die  dramaturgie  ebenfals  zu  edieren,  und  hat  bereits  vor  mehreren  jäh- 
ren (in  Herrigs  Archiv  für  das  Studium  der  neueren  Sprachen  bd.  LI.  1873. 
s.  33  —  78)  einen  kritisch  bearbeiteten  text  und  einen  gelehrten  commentar  in  aus- 
sieht gestelt,  sowie  eine  probe  von  lezterem  veröifentlicht,  welche  wir  für  die 
betreffenden  stellen  (st.  X  —  XIV)  mit  dank  benuzt  haben:  er  hat  aber  leider  bis 
jezt,  so  viel  uns  bekant  geworden,  sein  versprechen  noch  nicht  eingelöst"  .  .  .* 

,,Wir  wollen  mit  unserer  ausgäbe  denen ,  die  an  der  gelehrten  form  anstoss 
nehmen  und  dieselbe  nicht  bewältigen  können ,  hilfreich  zur  seite  stehen ,  sie  teils 
durch  eine  einleitung,  in  welcher  sie  sowol  über  die  äussere  geschichte  und  alles, 
was  damit  zusammenhängt,  als  auch  über  den  Inhalt  im  ganzen  aufschluss  finden, 

1)  Hier  ist  den  Verfassern  ein  irtum  begegnet.  Auch  Cosack  verfolgt  in  seinem 
fast  gleichzeitig  erschienenen  commentare  die  aufgäbe  Lessings  klassische  werke  allen 
gebildeten  zugänglich  zu  machen  und  versichert  u.  a.  den  ausstellungen  gegenüber, 
welche  Blümner  an  Cosacks  Laokoon  gemacht  hat,  aus  vieljähriger  erfahrung,  „dass 
es  wirklich  leute  gibt,  welche  den  Laokoon  in  die  hand  nehmen,  trotzdem  sie,  ihrem 
bildungsgange  gemäss  —  mit  fremdwörtern  wie  parergon,  mensur  usw.  nicht  vertraut 
waren." 


230 


NEIDHABDT 


zum  Studium  der  dramaturgie  liinführeu,  vor  allem  aber  durch  anmerkungen  ihnen 
die  Schwierigkeiten,  welche  sich  im  einzelnen  finden,  lösen  und  somit  ihr  wissen 
erweitern"  .... 

„Was  den  text  anlangt,  so  haben  wir  den  der  Lachmann -Maltzahnschen 
ausgäbe  beibehalten  .  .  .  Geändert  haben  wir  nur  die  alte  Orthographie  und  die 
höchst  eigenartige  und  zu  üppige  interpunction  Lessings ,  und  haben  dafür  den 
jezt  geltenden  gebrauch  eingeführt,  besonders  aus  dem  gründe,  weil  unsere  aus- 
gäbe  auch  für  schüler  berechnet  ist  ...  Nirgends  aber  haben  wir  ins  fleisch 
geschnitten,  wir  haben  auch  nicht  ein  titelchen  in  der  flexion  der  worte  geändert, 
auf  dass  der  ganze  und  unverkümmerte  Lessing  mit  all  dem  reiz  seiner  eigentüm- 
lichkeit  auch  in  der  form  der  einzelnen  Wörter  zum  leser  spreche  .  .  .  Auch  glaub- 
ten wir  alle  fremdsprachlichen  stellen  durch  Übersetzung  sowol  im  texte  als  in  den 
anmerkungen  tilgen  zu  müssen." 

Um  nun  zunächst  einen  einblick  in  die  gliederung  und  den  Inhalt  der  ein- 
leitung  zu  gewähren,  möge  hier  eine  Zusammenstellung  der  Überschriften  zu  den 
einzelnen  abschnitten  platz  finden ,  welche  dem  werke  selbst  nicht  beigegeben  ist. 

Erster  absclinitt.    Äussere  geschichte. 

§  1.     Der  zustand  des  deutschen  theaters  bis  Gottsched.    (S.  I  — VIL) 

§  2.  Weitere  entwickelung  des  deutschen  theaters.  Nachahmung  der  Franzo- 
sen.   Notwendigkeit  der  reform.    (VII  —  XII.) 

§  3.  Wie  wolte  die  Hamburgische  Unternehmung  die  reform  bewerkstelligen  ? 
Die  massgebenden  persönlichkeiten  dabei.  Einleitung  des  Unternehmens. 
Lessing  wird  als  dramaturg  berufen.   (XIII  —  XVIII.) 

§  4.  Lessings  damalige  Verhältnisse.  Seine  Übersiedelung  nach  Hamburg. 
(XVIII  — XXI.) 

§  5.     Lessings  leben  in  Hamburg.    (XXI — XXV.) 

§  6.  Der  verlauf  des  Hamburger  Unternehmens.  Repertoir.  Das  unternehmen 
misglückt.    (XXV  — XXXIII.) 

§  7.  Lessings  tätigkeit  als  dramaturg.  Ankündigung.  Art  der  herausgäbe  der 
dramaturgie.     (Unterbrechungen.)     Epilog.     (XXXIII  -  XXXVII.) 

§  8.     Die  Schauspieler.     (XXXVIII  — LIII.) 

Zweiter  abschnitt.    Inhalt  der  dramaturgie. 

§  9.  Lessing  als  reformator  der  deutschen  litteratur.  Seine  bestrebungen  vor 
der  dramaturgie.  Kritischer  Standpunkt  und  einteilung  des  Inhaltes  der- 
selben.   (LIV  — LXIII.) 

I.    Negativer  teil. 

§  10.  Darlegung  des  zustandes  der  deutschen  bühne:  Dichter.  Kritiker.  Publi- 
kum. Schauspieler.  Originallustspiele.  Übersetzungen.  Originaltrauer- 
spiele.    (LXIII  — LXXU.) 

§  11.  Vernichtung  des  ausehens  der  Franzosen.  Lustspiel.  Weinerliches  lust- 
spiel.     Tragödie.     Theorie.     (LXXII— CI.) 

n.    Positiver  teil. 

1)    Die    regeln    des    dramas. 
§12.  Algemeine    gedanken:    Über    das    drama    im    algemeinen.      Über   die 
römische  komödic.     Unterschied  zwischen  tragödie  und  komödie,  hinsicht- 
lich des  Schauplatzes  wie  des  Schlusses.     Einteilung  des  stoffes.    Definition 
der  tragödie.     (CU  —  CV.) 


ÜBEK   LESSINGS   HAMB.   DRAM.    ED.    SCHEOETER  -  TUIELE  231 

§13.  Gegenstand  des  trauerspi  cles :  Nachahmung.  Handlung,  und  zwar 
nach  Stoffgebiet  und  behandlung.  Charaktere.  Arten  des  Trauerspieles. 
Verhältnis  der  tragödie  und  koraödie  zu  nioral  und  gescliichte.  Histori- 
sches drama.     (CV  — CXII.) 

§14.  Form  des  trauerspieles:  Bindung  und  losung  des  knotens.  Die  drei 
oinheiten.  Chor.  Musik  (überhauitt  beim  draraa).  Schauspielkunst.  Sce- 
neric.     Sprache.    (CXII  — CXVIII.) 

§  15.  Wirkung  dos  trauerspieles:  Algemeiner  Standpunkt  Lessings  Aristo- 
teles gegenüber.  Aristoteles  ansieht  nach  Lessing.  Wie  stelt  sich  Lessing 
zu  ihr?    (CVm  — CXXV.) 

2)  Shakespeare. 
§  16.    Hinweis  auf  das  britische  theater  und  Shakespeare.     (CXXV  —  CXXX.) 

III.    Auhaug.    Einzelne  erkentnisse. 

§  17.     Der  harlekin.     (CXXX  — CXXXI.) 

§  18.     Hinweis  auf  das  spanische  theater.     Vermischung  des  tragischen  und  komi- 
schen.   (CXXXI  —  CXXXIII.) 
§  19.    Dichter  und  publicum.     (CXXXIII  -  CXXXIV.) 
§20.    Die  titel  der  stücke.     (CXXXIV  —  CXXXV.) 
§  21.    Der  nachdruck.     (CXXXV.) 
§22.     Schlusswort.     (CXXXV  —  CXXXVI.) 

Darnach  folgt  auf  609  selten  der  text  der  H.  D.  mit  aumerkungen ,  in  wel- 
chen die  Verfasser  selbst  laut  Vorwortes  das  hauptstüek  ihrer  arbeit  erblicken.  Sie 
stehen  unter  dem  strich,  sind  für  jedes  einzelne  stück  fortlaufend  numeriert,  nach 
zahl ,  umfang  und  Inhalt  ausserordentlich  verschieden.  Ihre  anzahl  schwankt  von 
1  (St.  LVIII.)  bis  36  (St  XVIII.),  ihr  umfang  von  74  zeile  (bei  Stellennachweisen) 
bis  nahezu  3  selten  (bei  Inhaltsangaben  von  dramen);  sie  bringen  grammatisches, 
lexicalisches ,  geschichtliches,  biographisches,  litterarisches,  bibliographisches,  kri- 
tik  und  begründung  Lessingscher  aufstellungen  je  nach  gelegenheit  des  textes.  Ihre 
gesamtsumme  beträgt  1356,  und  sie  nehmen  43  "/o  des  raumes  auf  jenen  609  sel- 
ten ein,  wonach  bei  den  gewählten  Schriftarten  ihre  quautität  zu  der  des  textes 
wie  3  :  2  sich  verhält. 

Den  schluss  des  Werkes  bilden  vier  anhänge: 
I.    Excurse  Lessings,  ohne  anmerkuugen.    S.  610— 616. 

H.    Varianten,  die  abweichungen  von  der  Originalausgabe  enthaltend.    S.  617  — 
619. 

III.  Kalender  für  april-juli  1767  mit  hervorhebung  der  Spieltage  am  Hamburger 
uationaltheater.    S.  620. 

IV.  Verzeichnis  sämtlicher  in  der  dramaturgic  erwähnten  stücke  mit  hervor- 
hebung der  von  Lessing  besprochenen  und  nachweis  der  stellen ,  wo  ihr 
Inhalt  angegeben  ist.     S.  621 — ^624. 

und  endlich  ein  namenregister  mit  hervorhebung  der  historischen  personen.  S.  625—30. 

Vorstehendes  mag  ein  ungefähres  bild  geben  von  der  einriehtuug  und  der 
reichhaltigkeit  unseres  commentars. 

Leztere  ist  allerdings  sehr  gross,  so  gross,  dass  man  sich  mancher  beden- 
ken nicht  entschlagen  kann.  Schon  der  quantität  nach  beläuft  sich  nach  den  oben 
mitgeteilten  massverhältnissen  unter  hinzurechnung  der  einleitung,  welche  eben- 
fals  enger  als  der  text  der  H.  D.  gedruckt  ist,  die  gesamtmasse  der  erläuterun- 
gen  auf  mehr  als  das  doppelte  der  commentierten  schrift.     Wenn  nun  dies  verhält- 


232  NEIDHABDT 

nis,  wenn  es  sich  um  die  wissenschaftliche  erklärung  eines  griechischen  oder  römi- 
schen autors  handelte,  nichts  auffälliges  hätte,  so  liegt  doch  die  frage  nahe,  ob 
es  bei  einer  bearboitung  der  H.  D.  für  nicht  gelehrte  kreise  als  zweckmässig  gebil- 
ligt werden  kann.  Ist  der  Inhalt  derselben  in  der  tat  so  weit  schon  dem  gebil- 
deten bewustsein  unserer  tage  entschwunden,  dass  es  eines  solchen  aufwandes  von 
mittein  bedarf,  um  ihn  jenem  nahe  zu  bringen  und  verständlich  zu  machen?  Man 
kann  fürchten,  dass,  wenn  wirklich  so  viele  hebel  angesezt  werden  müssen,  um 
jenen  ,,  schätz  vor  dem  versinken  in  die  tiefen  des  vergessens  zu  retten,"  nur  wenige 
noch  kraft  und  lust  genug  fühlen  werden  ,  diese  unabsehbaren  reihen  von  hebeln 
zu  handhaben. 

Diese  besorgnis  führt  notwendig  weiter  zu  der  anderen  frage,  ob  eigentlich 
auch  alles,  was  die  Verfasser  gegeben  haben,  zu  einem  ausreichenden  Verständnisse 
der  H.  D.  erforderlich  ist.  H.  Müller  in  seiner  besprechung  des  werkest  hat  sie 
verneint  und  findet  ganz  besonders  in  den  aumerkungon  viel  aufdringliches,  stö- 
rendes und  überflüssiges;  das  ganze  werk  erscheint  ihm  als  ein  raagazin  mit  viel 
brauchbarem  und  unbrauchbarem  material,  und  er  findet  dadurch  den  Lessingschen 
text  wie  mit  disteln  und  dornen  überwuchert. 

Es  lässt  sich  leicht  zeigen,  dass  diese  ausstcUungen  zum  grossen  teile  unbe- 
rechtigt sind.  Denn  ungerechtfertigt  ist  es ,  einem  werke ,  das  ausdrücklich  für 
Schüler  der  prima  unserer  höheren  lehranstalten,  also  aucli  für  realschüler,  und 
für  weitere  kreise  der  gebildeten  bestimt  ist,  zum  vorwürfe  zu  machen,  dass  es 
über  Homer,  Horaz  und  Sophocles  auskunft  gibt,  fremdwörter  erklärt,  über  musi- 
kalische Instrumente,  damenkleider  des  vorigen  Jahrhunderts  und  theriak  uns 
belehrt;  und  es  führt  zu  nichts,  dagegen  bald  vom  Standpunkte  des  lehrers  des 
deutschen,  bald  von  dem  des  gymnasialprimaners,  bald  von  dem  des  gebildeten 
mannes  einspruch  zu  erheben,  sich  beleidigt  zu  fühlen,  von  aufdringlichkeit  zu 
reden ,  und  was  dergleichen  äusserungen  einer  subjectivistischen  kritik  mehr  sind. 
Der  gymnasialprimaner  weiss  ungefähr,  wen  er  unter  Homer,  Horaz  und  Sophocles 
sich  vorzustellen  hat;  der  realschulprimanor  wahrscheinlich  nicht,  und  von  dem 
gebildeten  in  abstracto  lässt  sich  nun  gar  nicht  sagen,  ob  ihm  dieses  oder  jenes 
positive  wissen  zuzutrauen  sei  oder  nicht.  Wem  eine  solche  anmerkung  nichts 
neues  bringt,  für  den  ist  sie  nicht  geschrieben;  aber  er  hat  keine  Ursache  sich 
dadurch  beleidigt  zu  fühlen  und  kein  recht  gerade  sein  wissen  oder  sein  Interesse 
zur  norm  für  einen  commentar  zu  machen,  der  offenkundig  so  vielen  dienen  will. 
Höchstens  liesse  sich  fragen,  ob  überhaupt  das  unternehmen  die  H.  D.  für  einen 
leserkreis  von  so  verschiedenartiger  Vorbildung  zu  erklären  in  sich  möglich  und 
gerechtfertigt  sei.  Wer  dies  zugibt,  wie  H.  Müller  es  tut  —  und  auch  ref.  ist 
dieser  ansieht,  da  sonst  die  forderung  erhoben  werden  müste  für  erwachsene  und 
für  Schüler,  und  dort  wider  für  leute  von  akademischer  und  „algemeiner"  bildung, 
hier  für  gymnasiasten  und  realschüler  je  einen  besonderen  commentar  zu  schrei- 
ben —  der  muss  die  consequenzen  eines  solchen  planes  billig  mit  in  den  kauf 
nehmen. 

Wenn  ferner  H.  Müller  die  aufgäbe  des  commentators  der  H.  D.  dahin  for- 
muliert, dem  leser  in  das  wesentliche  und  bleibende,  die  eigentliche  Substanz  jener 
eindringen  zn  helfen ,  wobei  er  anerkent ,  dass  die  Verfasser  recht  dankenswertes  in 
dieser  hinsieht  geleistet  haben ,    so  bezeichnet  er  damit  unstreitig  die  schwierigste 

1)  Ztschr.  f.  Gymn.-wesen  1877  (der  erste  band  der  commentierten  dramaturgie 
war  schon  1877  erschienen)  s.  442—448  und  ebenda  1880.  s.  220  —  226. 


ÜBER   LESSINGS    HAMB.    DRAM.    ED.    SCHROETER- THIELE  233 

und  zugleich  schönste  seite  seiner  tätigkeit.  Aber  er  erschöpft  diese  nicht.  Auch 
auf  das  kleine  und  unbedeutende  hat  sie  sich  zu  erstrecken,  auch  die  geringsten 
hilflcistungeu  dürfen  ihr  niciit  zu  niedrig  sein ,  und  ein  gewissenhafter  erklärer 
niuss  ebensywol  vom  tiieriak  und  brodieren  als  von  der  tragischen  katharsis  uns 
rechenschaft  geben,  wenn  wir  ihrer  bedürfen. 

Dennoch  muss  ref.  zugestehen,  dass  er  bei  der  ersten  lectüre  des  Werkes 
mancher  ähnlichen  empfindungen,  wie  II.  Müller  sie  ausspricht,  sich  nicht  erweh- 
ren konte,  und  dass  auch  das  genauere  studium  eines  buches,  welches  so  eminen- 
ten fleiss  und  so  viel  gesundes  urteil  beweist,  ihn  doch  nur  teilweise  zu  reiner 
befriedigung  geführt  hat.  Die  oft  überwältigende  massenhaftigkeit  der  anmerkun- 
gen  und  ihr  buntes  allerlei  machen  in  der  tat  an  solchen  stellen  es  schwierig  den 
leitenden  faden  des  Lessingschen  textes  festzuhalten.  Wie  oft  trift  das  äuge,  wel- 
ches der  Weisung  der  zittern  getreulich  folgt ,  auf  einen  Stellennachweis ,  der  augen- 
blicklich gar  nicht  interessiert,  auf  eine  bemerkung  wie  ,,übersezt  von  den  heraus- 
gebern"  oder:  „aus  der  Übersetzung  von  X";  wie  oft  muss  man  sich  durch  allerlei 
historische,  biügrai)liische  und  bibliographische  notizen  durcharbeiten,  ehe  man  auf 
einen  gedanken  komt,  der  für  das  veiständnis  des  textes  von  unmittelbarem  werte 
ist.  Eef.  zieht  daraus  nicht  den  schluss ,  dass  solches  und  ähnliches  beiwerk  besei- 
tigt werden  luüste.  Manclies,  was  ihm  selbstverständlich  dünkt,  mag  anderen 
nützlich  sein;  eine  menge  von  notizen,  Verweisungen  und  anführungcn  sind  für 
Specialstudien  von  unzweifelhaftem  nutzen,  die  umfangreichen  inhaltsangaben  auch 
geringer  stücke  von  obscuren  Verfassern  haben  doch  ein  selbständiges,  wenn  auch 
oft,  um  mit  den  herausgebern  zu  reden,  nur  pathologisches  Interesse.  Aber  leider 
häuft  sich  das  alles  zu  sehr  an  einzelnen  stellen  und  bringt  unausbleiblich  eine 
ermüdende  und  zerstreuende  Wirkung  hervor. 

Auch  die  einleitung,  so  reichhaltig  und  gründlich  sie  ist,  scheint  dem  ref. 
in  dieser  gestalt  nicht  recht  zweckmässig.  Sie  überschüttet  in  ihrem  ersten 
abschnitte  den  leser  mit  einer  fülle  von  detail,  dessen  kentnis,  wie  wünschenswert 
an  sich ,  doch  keine  notwendige  Vorbedingung  für  das  Verständnis  der  H.  D.  ist. 
Der  zweite  und  dritte  abschnitt  aber  —  wie  seltsam  mutet  denjenigen,  der  die 
Dramatui-gie  schon  kent ,  dieser  auf  paragraphen  gezogene  und  systematisch  etiket- 
tierte extract  aus  dem  meisterwerke  Lessings  an.  Es  ist  dabei  keine  fälschung 
mit  untergelaufen,  es  ist  der  wesentliche  und  ächte  Inhalt  der  H.  D.  Und  doch 
vyiderum  nicht.  Schon  die  äussere  ungleichmässigkeit  der  teile  beweist,  wie 
befremdlich  solche  systematische  architektonik  dem  Inhalte  der  H.  D.  zu  gesiebt 
steht.  Die  Verfasser  sprechen  einmal  in  ihrem  Vorworte,  wie  oben  mitgeteilt,  die 
absieht  aus  denjenigen,  welche  an  der  „gelehrten  form"  der  H.  D.  anstoss  neh- 
men ,  zu  helfen.  Von  gelehrter  form  aber  kann  bei  Lessing  eigentlich  nur  insoweit 
die  rede  sein,  als  er  die  kentnis  fremder  sprachen  voraussezt.  Im  übrigen  ist  es 
ja  gerade  der  hauptreiz  seiner  besten  werke ,  dass  er  wissenschaftliche  erkentnisse 
nicht  in  gelehrter  form,  sondern  frei  von  allem  system-  und  paragraphenzwange 
im  natürlichsten  unterhaltungstone,  den  er  so  meisterhaft  zu  handhaben  versteht, 
weniger  vorträgt  als  vor  unseren  äugen  findet  und  entwickelt.  Da  ist  alles  leben 
und  frische,  reizvolle  Ungezwungenheit,  dramatische  kraft  und  hinreissende  dar- 
stellung.  Von  dem  allem  bleibt  natürlich  in  der  gelehrten  form,  welche  in  Wahr- 
heit erst  die  herausgeber  dem  Inhalte  der  H.  D.  übergeworfen  haben ,  wenig  zurück. 
Es  konte  nicht  anders  sein,  und  es  ist  nicht  die  schuld  der  Verfasser,  dass  ihr 
auszug  so  ausgefallen  ist;  ein  jeder  systematische  auszug  würde  ungefähr  so  aus- 
fallen.   Nur  kann  ref.  nimmermehr  glauben,    dass  eine  solche  darstellung  geeignet 


234 


NEIDHARDT 


sei  zum  Studium  der  dramaturgie  hin  zuleiten;  mau  müste  sich  denn  geradezu 
vorgenommen  haben  durch  den  contrast  zu  wirken.  Er  ist  überhaupt  kein  freund 
langer  analysierender  und  räsonnierender  einleitungen.  Ihr  genügendes  Verständnis 
sezt  eigentlich  das  Studium  des  einzuleitenden  Werkes  schon  voraus,  und  auch  die 
besten  werden  mit  wirklichem  nutzen  erst  nach  dem  hauj^twerke  gelesen.  Womit, 
wenn  diese  beobachtungen  richtig  sind,  bewiesen  Aväre ,  dass  jene  nicht  an  ihrem 
platze  stehen  oder  keine  einleitungen  sind. 

Hiernach  richten  sich  die  bedenken  des  ref.  nicht  sowol  gegen  den  Inhalt 
als  gegen  die  form  des  Schröter  -  Thieleschen  commentars.  Nicht  dass  er  so  vieles 
bringt  und  auf  so  verschiedenartige  bedürfnisse  berechnet  ist,  erscheint  ihm  unzweck- 
mässig, sondern  die  art,  wie  er  es  bringt:  die  einrichtung  des  buches,  welche  jeden 
leser  zwingt  alles  ohne  ausnähme,  und  zwar  alles  hintereinander,  d.  h.  in  den 
anmerkungen  durch  einander,  zu  lesen  und  so  einen  zweck  durch  den  anderen 
beeinträchtigt.  Die  Verfasser  setzen  mit  recht  ein  ernstes  und  gewissenhaftes  Stu- 
dium voraus.  Bei  solchem  wird  man  nicht  umhin  können  zunächst  die  ganze  ein- 
leitung  durchzumachen,  da  in  den  einzelanmerkungen  fortwährend  auf  sie  bezug 
genommen  wird,  und  unter  diesen  widerum  ist  es  nicht  möglich,  eine  auswahl  zu 
treffen ,  augenblicklich  störendes  vorläufig  zurückzuschieben ,  das  wichtige  und 
unentbehrliche  von  dem  nur  eventuel  brauchbaren  zu  sondern,  da  man  nie  weiss, 
was  man  zu  erwarten  hat:  ob  sich  nicht  etwa  an  die  deutung  eines  fremdwortes, 
das  man  kent,  an  die  nachweisung  einer  stelle,  die  man  jezt  nicht  aufschlagen 
will ,  an  biographische  und  andere  notizen  ein  nicht  vermuteter  aufschluss  anknüpft 
oder  ein  gesuchter  unter  ihnen  sich  verbirgt.  Diese  Vorführung  des  ganzen  mate- 
rials  auf  einmal  bringt  die  oben  gekenzeichneten  misstände  hervor.  Indem  die  Ver- 
fasser den  leser  nötigen  auf  zu  vielerlei  zugleich  seine  aufmerksanikeit  zu  richten, 
ihn  oftmals  enttäuschen  wie  überraschen,  machen  sie  ihm  manche  vergebliche 
arbeit  und  geben  seiner  tätigkeit  jedenfals  einen  beigeschmack  der  Zerfahrenheit 
und  des  misbehagens. 

Diese  übelstände  scheinen  jedoch  nicht  notwendig  mit  einem  werke,  das  die 
absiebten  des  vorliegenden  verfolgt,  verbunden  zu  sein.  Man  kann  sich  eine  ein- 
richtung vorstellen,  welche  ganz  denselben  stoff  den  verschiedenartigen  bedürfnis- 
sen  der  leser  so  darbietet,  dass  jeder  die  seinigen  mit  Sicherheit  und  leichtigkeit 
befriedigen  kann ,  ohne  durch  fremdartiges  gestört  zu  werden.  Dem  ref.  schwebt 
ein  solcher  plan  vor,  und  es  möge  ihm  gestattet  sein,  denselben  zu  skizzieren,  und 
wenn  es  auch  nur  zu  dem  ende  wäre,  bessere  vorschlage  hervorzurufen. 

Zunächst  also  werde  auf  ein  paar  selten  eine  gedrängte  darstellung  der  ver- 
anlaesung  und  entstehung  der  H.  D.  gegeben  ohne  litterarhistorische  und  biogra- 
phische Weitläufigkeiten.  Wo  dergleichen  einen  passenden  platz  finden ,  soll  nachher 
gezeigt  werden. 

Hierauf  folge  der  text  der  H.  D.  in  möglichst  genauem  abdruck  der  Origi- 
nalausgabe, natürlich  ohne  deren  fehler.  Es  ist  ein  entschiedener  vorzug  des  Schrö- 
ter-Thieleschen commentars  vor  dem  Cosackschen,  der  im  übrigen  wesentlich  den- 
selben Charakter  zeigt,  dass  er  den  text  gleich  mitgibt.  Aber  dieser  vorzug  würde 
noch  weit  grösser  sein ,  wenn  wir  einen  wirklich  ächten  text  ohne  tilgung  der 
fremdsprachlichen  stellen  und  ohne  Verkürzungen  erhielten.  Was  die  lezteron  betrift, 
so  haben  die  herausgeber  mit  der  auslassung  einzelner  citate  und  der  Verweisung 
einiger  gelehrten  excurse  Lessings  in  einen  anhang  ein  paar  selten  räum  gewonnen. 
Wenn  sie  aber  diese  excurse  fragen  untergeordneten  wertes  und  philologische  quis- 
quilicn  nennen,    so  fordern  sie  den  vergleich  mit   eiuem  nicht  ganz  kleinen  teile 


ÜBEE   LESSINGS    IIAMB.   DRAM.    ED.    SCHROETER- THIELE  235 

ihrer  eigenen  arbeit  nur  zu  leicht  heraus.  In  wahrlieit  kann  es  bei  einem  so 
umfangreichen  werke  auf  etliclic  selten  mehr  oder  weniger  nicht  ankommen,  und 
selbst  wenn  man  für  die  unveränderte  gestalt  der  H.  D.  einige  dutzend  noten  des 
commentars  streichen  oder  kürzen  müste ,  wäre  der  gewinn  nicht  zu  teuer  erkauft. 
Denn  dann  würde  das  werk  auch  zu  jeder  wissenschaftlichen  benutzung  ausreichend 
sein,  und  selbst  dem  gebildeten,  solte  man  meinen,  müste  die  authentische  Über- 
lieferung auch  mit  der  Lessingschen  orthograiihie  und  interpuuction  erfreulich  sein; 
zum  mindesten  wird  sie  ihn  in  keiner  weise  hindern.  Auch  unsere  primaner  wer- 
den es  ohne  schaden  ortragen  können ,  vom  heutigen  gebrauche  abweichender  Schrei- 
bung zu  begegnen,  wie  sie  ja  mit  recht  abweichende  sprachliche  formen  und  Wen- 
dungen bei  Lessing  so  gut  wie  anderwärts  hinnehmen  müssen. 

Unter  dem  texte  aber  werde  eine  Übersetzung  der  fremdsprachlichen  stellen, 
nicht  auch  eine  erklärung  der  fremdwörter,  ohne  alle  weitere  zutat  gegeben;  höch- 
stens, dass  die  eigenen  Übersetzungen  des  herausgebers  durch  einen  stern  oder 
sonst  wie  bezeichnet  werden.  Der  quellennachweis  für  die  übrigen  steht  besser 
anderswo.  —  Bei  solcher  bcschränkung  ist  jeder  lescr  nur  so  weit  genötigt  die 
noten  unter  dem  text  zu  beachten,  als  er  der  betreffenden  sprachen  unkundig  ist, 
und  jeder  findet  doch,  was  er  braucht;  die  fremdwörter  an  anderer  stelle. 

Nach  geeigneten  abschnitten  aber,  seien  es  die  einzelnen  stücke  der  H.  D. 
oder  mehrere  zusammengcfasst,  wo  dies  aus  inneren  oder  äusseren  gründen  rätlich 
scheint ,  müste  in  unterscheidendem  drucke  in  möglichst  zusammenhängender  und 
doch  übersichtlicher  darstellung  alles  das  gegeben  werden ,  was  zur  erfassung  des 
wortsinnes,  des  Zusammenhanges,  der  gedankenentwickelung  unbedingt  nötig  und 
förderlich  ist.  Also  zunächst  worterklärung  in  den  fällen,  wo  bei  unveränderter 
form  ein  bedeutungswechsel  seit  Lessing  eingetreten  ist,  wie  in  den  Wörtern 
„empfindlich,"  „symbolisch,"  „Zudringlichkeit."  Veraltete,  provinzielle  und  tech- 
nische ausdrücke  dagegen,  welche  sich  in  ihrer  besonderheit  selbst  kentlich  machen, 
mögen  wie  fremdwörter  behandelt  werden.  x\bweichende  structuren,  wie  sie  z,  b. 
in  der  rection  der  präpositiouen  sich  linden,  bedürfen,  wenn  der  leser  von  der 
absoluten  Zuverlässigkeit  des  textes  überzeugt  sein  kann ,  keiner  erwähnung ,  aus- 
genommen, wenn  sie  das  Verständnis  erschwerten,  oder  sie  können  in  dem  bald 
ZU  erwähnenden  lexicon  untergebracht  werden. 

Nach  den  sprachlichen  erläuterungen ,  wo  solche  nötig  sind,  würde  sogleich 
zur  erörterung  des  Inhaltes  fortzugehen  sein,  welche  folgende  punkte  vornehmlich 
ins  äuge  zu  fassen  hätte:  zuerst  eine  präcise  feststellung  dessen,  was  Lessing 
gemeint  und  gewolt  hat,  in  den  dingen,  wo  irrige  auffassungeu  vorgekommen  sind 
oder  nahe  zu  liegen  scheinen.  Es  ist  dies  keine  unwichtige  aufgäbe.  Ist  es  doch 
selbst  einem  Spengel  begegnet,  dass  er,  in  der  ausgesprochenen  absieht  die  Les- 
singsche  aulfassung  der  katharsis  gegen  Bernays  zu  verteidigen ,  in  gutem  glauben 
so  ziemlich  auf  ihr  gegenteil  hinauskomt  und  sich  noch  weiter  von  ihr  entfernt  als 
selbst  dieser.^  Daran  würde  sich  uaturgemäss  sowol  berichtigung  und  kritik  als 
begründung  und  Verteidigung,  resp.  die  weiterentwickelung  der  von  Lessing  behan- 
delten oder  nur  angeregten  fragen  anschliessen.  —  Auf  den  vorliegenden  commen- 
tar  angewendet,  läuft  diese  fordorung  im  wesentlichen  auf  eine  Verarbeitung  der 
hauptmasse  der  einleitung  mit  einem  teile  der  noten  zu  einer  anzahl  den  gang  der 
dramaturgie  begleitender   excurse   hinaus,    wovon,    wie   oben   angedeutet,    ref.  sich 

1)  Vgl.  die  dissertation  des  ref. :  de  Euripide  poetaruin  maxinie  tragico  p.  30.  31, 
auch  in  den  dissertt.  philol.  Hai.  vol.  III  pars  II,  p.  310.  311. 


236  NEIDHARDT 

Bichr  ertrag  verspricht  als  von  jenen ,  und  wodurch  u.  a.  auch  die  häufigen  und 
unbequemen  Verweisungen  der  einleituug  auf  die  uoten  und  der  noten  auf  die  ein- 
leitung  in  wegfall  kämen. 

Um  aber  nicht  den  schein  unbilliger  ansprüche  zu  erwecken ,  mag  hier  gleich 
eine  ausstellung  H.  Müllers  eingeschränkt  werden,  der  es  bedauert,  dass  die  Ver- 
fasser in  den  oben  bezeichneten  fragen  sich  meist  auf  eine  referierende  darstellung 
beschränkt  und  z.  b.  in  dem  katharsisstreit  keine  erklärte  position  eingenommen, 
d.  h.  nach  Müllers  wünsche  der  Bernaytischen  theorie  beigepflichtet  haben.  Dass 
eine  festbegründeto  ansieht  für  die  darlegung  so  verwickelter  problerae  neben  der 
gefahr  der  einseitigkeit  auch  grosse  vorteile,  namentlich  den  der  übersichtlichen 
gruppierung  und  grösseren  irische  mit  sich  bringt  und  dann  besonders  dankenswert 
ist,  wenn  sie  einen  fortschritt  der  erkentnis  enthält,  wird  niemand  in  abrede  stel- 
len. Aber  verlangen  lässt  sich  dies  von  dem  commentator  der  H.  D.  billiger 
weise  nicht;  wol  aber,  dass  er  Lessings  tendenz  genau  kent  und  darlegt,  die  ent- 
wickelung  und  den  stand  der  späteren  forschung  in  den  hauptzügen  charakterisiert 
und  mit  Sicherheit  beurteilt  oder  doch  den  leser  in  den  stand  sezt  mit  Sicherheit 
zu  beurteilen ,  ob  eine  als  die  Lessingsche  vorgetragene  ansieht  diesen  anspruch 
verdient.  Dass  aber  die  herausgeber  unseres  commentars  diese  aufgäbe  im  wesent- 
lichen mit  erfolg  gelöst  haben,  muss  anerkant  werden. 

Bei  den  vorgedachten  erörterungen  werden  bibliographische  angaben  nicht 
zu  umgehen  sein;  aber  sie  mögen  in  gestalt  von  numerierten  anmerkungen  den 
excursen  folgen  und  nichts  enthalten  als  titel  und  Seitenzahlen,  damit,  wer  solche 
nicht  sucht,  auch  nichts  anderes  hier  suchen  muss.  Den  überg-ang  dazu  würde 
passend  die  berichtigung  kleiner  irtümer  Lessings  in  chronologischen  und  anderen 
daten  sowie  der  nachweis  der  von  ihm  benuzten  und  im  äuge  gehabten,  aber  nicht 
oder  ungenau  bezeichneten  quellen  und  stellen  bilden.  Solte  die  inhaltliche 
Vorführung  oder  ergänzung  von  dergleichen  nützlich  erscheinen ,  so  würde  diese ,  je 
nach  dem  grösseren  oder  geringeren  belange,  entweder  in  den  tenor  der  excurse, 
eventuel  übersezt  oder  doch  mit  der  Übersetzung,  einzuflechten  oder  in  den  nun- 
mehr zu  besprechenden  dritten  hauptteil  des  commentars  unter  vorgängiger  Verwei- 
sung darauf  aufzunehmen  sein.  —  Solchergestalt  würde  sich  in  den  excursen  die 
dreiteilung  des  ganzen  widerholen. 

Aus  dem  bisherigen  ist  zum  teil  schon  ersichtlich,  wie  ref.  sich  den  lezten 
abschnitt  des  Werkes  gestaltet  denkt.  Er  wünscht  in  demselben  in  lexicaliseher 
anordnung  aufgeführt  zu  sehen  die  fremdwörter ,  die  diesen  gleich  zu  achtenden 
deutschen  Wörter,  allenfals  auch  besonderheiten  der  formen  und  constructionen ; 
ferner  sämtliche  biographische,  historische,  mythologische  und  die  meisten  litte- 
rarhistorischen  und  bibliographischen  mitteilungen ;  endlich  die  Inhaltsangaben  der 
dramen  und  romane.  Mit  einem  werte:  in  dem  lexicalischen  Verzeichnisse  stehe 
dasjenige,  das  wol  unterrichtend,  aber  nicht  unmittelbar  erforderlich  ist  zum  Ver- 
ständnisse der  H.  D. ,  oder  dessen  kcntnis  bei  vielen  vorausgesezt  werden  darf.  Das 
Verhältnis  des  ersteren  dieser  bestandteile  zu  den  excursen  Avürde  im  kleinen  ein 
analogen  bilden  zu  demjenigen,  welches  Bernhardy  durch  trennung  der  äusseren 
geschichte  der  litteratur  von  der  inneren  darzustellen  gesucht  hat.  Dass  aber  die 
gedachten  kategoricn  auch  auf  die  inhaltsaugaben  der  in  der  H.  D.  vorkommenden 
dichtwerke  anwendung  finden  ,  leuchtet  ein :  die  meisten  der  lezteren  sind  unbedeu- 
tend, und  die  bedeutenden  bald  diesem  bald  jenem  teile  des  vorausgesezten  lescr- 
kreises  nicht  fremd.     Die  lexicalische  anordnung  dieser  materien  aber  verbindet  den 


ÜBER  LESSINGS   HAMB.   DRAM.    ED.    SCHROETER  -  THIELE  237 

Vorzug  der  verlässlichsten  auffindimg  mit  der  vornieidung  jcgliclier  Überfüllung  und 
Störung. 

Im  oinzeluou  denkt  sicli  ref.  die  liauptmassc  dieser  notizen  zu  zusammen- 
hängenden artikeln  unter  dem  namon  der  betreffenden  dichter  und  gelehrten  nach 
feststehendem  schema  verarbeitet.  Z.  b.  artikel  Voltaire:  kurze  biographie,  alge- 
meine Charakteristik  und  Stellung  in  der  litteratur  mit  quellennachwcis,  gesamt- 
ausgabni  und  Übersetzungen.  Darauf  titel,  Chronologie,  eventuel  beurteilung  und 
inbaltsangabe  der  in  betracht  kommenden  einzelwerke,  und  zwar  widerum  in  alpha- 
betischer Ordnung ,  nebst  ihrer  litteratur.  —  Auf  diese  weise  hätte  man  an  einem 
orte  übersichtlich  beisammen,  was  sonst  an  vielen  punkten  verstreut  ist,  während 
doch  die  schematische  anläge,  unterstüzt  durch  eine  zweckmässige  typographische 
einrichtung,  schnelle  Orientierung  und  leichte  auswahl  ermöglichten. 

Ferner  möchte  es  sich  empfehlen,  diesen  teil  des  Werkes  auch  als  register 
zu  gestalten,  z.  b.  s.  v.  karthar.sis  anzugeben,  in  welchem  stücke  der  H.  D.  und 
in  welchem  excurse  hauptsächlich,  in  welchen  nebenbei  davon  gehandelt  wird,  unter 
dem  uamen  der  dichtwerke  auf  die  dichter  zu  verweisen.  Ist  ein  und  derselbe  stoff 
von  mehreren  dichtem  bearbeitet,  so  wäre  vielleicht  behufs  leichterer  vergleichuug 
von  der  regel  abzuweichen  und  die  besprechung  der  gleichnamigen  werke  gemein- 
sam vorzunehmen,  z.  b.  die  der  beiden  Electren  entweder  bei  Sophocles  oder  bei 
Euripides,  in  ähnlicher  weise,  wie  Cosack  die  Merope  des  Maffei  und  des  Voltaire 
act  für  act  und  scene  für  scene  neben  einander  vorgeführt  bat.  Auch  hierüber 
müste  selbstverständlich  das  register  auskunft  geben. 

Doch  ref.  muss  befürchteu  sich  schon  zu  sehr  in  einzelheiteu  verloren  zu 
haben.  Er  ist  durchaus  nicht  der  meinung,  dass  der  vorgeschlagene  plan  muster- 
giltig  sei.  Sehr  vieles  kann  gewiss  zweckmässiger  eingerichtet  werden.  Allein  die 
Überzeugung,  dass  die  grosse,  teils  schwerfällige,  teils  zersplitterte  masse  der- 
artiger commentare  durch  sonderung  wie  durch  Zusammenfassung  in  übersichtliche 
und  handliche  gruppen  zu  bringen  wäre ,  um  wesentlich  an  brauchbarkeit  zu  gewin- 
nen; dass  das  princip  der  anordnung  sein  müste  das  unentbehrliche  und  wichtige 
vor  dem  erst  in  zweiter  linie  wissenswerten  zu  geben ;  dass  das  bestreben  immer 
darauf  zu  gehen  hätte,  den  in  betracht  kommenden  bildungsstufen  und  studien- 
weisen ihre  besonderen  bedürfnisse  leicht  und  möglichst  unverwirrt  mit  anderem 
darzubieten:  diese  Überzeugung  glaubt  ref.  festhalten  zu  müssen,  auch  wenn  es 
ihm  nicht  gelungen  ist,  die  wege,  die  dazu  fühi'en,  zu  finden  und  zu  zeigen.  Einen 
leisen  anfang  damit  hat  Cosack  gemacht,  indem  er  seinen  comuientar  mit  anmer- 
kuugen  begleitet  hat,  aber  freilich  uiigleichmässig  und  ohne  principielle  Scheidung. 
Denn  der  commeutar  selbst  trägt  ganz  den  gleichen  fragmentarisch -bunten  Charak- 
ter wie  die  anmerkungen  dazu. 

Zum  Schlüsse  möge  hier  noch  dasjenige  platz  finden,  was  dem  ref.  im  ein- 
zelnen an  dem  Lessiugschen  texte  bei  Schröter  und  Thiele  und  in  den  anmer- 
kungen aufgefallen  ist,  und  zwar  nach  der  reiheufolge  der  stücke  der  H.  D.  auf- 
geführt. 

II,  2,  3.  Zu  den  werten  Lessings:  „Wunder  dulden  wir  da  nur  in  der  phy- 
sikalischen weit;  in  der  moralischen  muss  alles  seinen  ordentlichen  lauf  behalten, 
weil  das  theater  die  schule  der  moralischen  weit  sein  soll"  bemerken  die  heraus- 
geber  unter  A.  2. ,  nachdem  sie  den  begriff  des  Wunders  und  des  physikalischen 
Wunders  erläutert:  ,,ein  moralisches  wunder  aber  würde  es  sein,  wenn  Gretchen 
nicht  zu  gi-unde  ginge ,  denn  unser  gerechtigkeitsgefühl  verlangt  die  sühne  als  not- 
wendige folge  ihres  fehltritts  "  —   und  unter  A.  3. ,   zu  den  lezten  der  angeführten 


238  NEIDHAEDT 

Worte  Lessings:  ,,  und  also  insofern  vor  allem  nicht  unser  gerechtigkeitsgefiihl  ver- 
letzen darf."'  —  Durch  einmischung  des  gerechtigkeitsgefühls  und  das  gewählte 
beispiel  wird  der  Lessingsche  gedanke  alteriert.  Lessing  spricht  sich  gegen  die 
nicht  genügend  motivierte  bekehrung  der  Clorinde  aus;  er  vermisst  nicht  eine  not- 
wendige folge,  sondern  eine  unerlässliche  vermittelung ,  und  nicht  das  gerechtig- 
keitsgefiihl des  Zuschauers  findet  er  gefährdet  —  wie  solte  jemand  diese  bekehrung 
ungerecht  finden?  — ■  sondern  die  befriedigung  seiner  einsieht.  Allerdings  darf 
das  theater  als  „schule  der  moralischen  weit"  auch  jenes  nicht  verletzen;  doch 
lag  dies  hervorzuheben  hier  keine  veranlassung  vor.  Wahrscheinlich  sind  die 
Verfasser  durch  den  ausdruck  ,, moralische  weit"  irre  geführt  worden.  Lessing 
gebraucht  aber  „moralisch"  in  weiterem  sinne  zur  bezeichnung  der  einheit  des 
geistigen  und  sittlichen,  wie  er  ,,moral"  jeden  algemeinen  satz  nent,  und  wie  wir 
heute  noch  das  wort  in  manchen  Verbindungen  anwenden,  wenn  wir  z.  b.  von 
„moralischen  eroberungen"  und  dergleichen  reden.  Den  gegeusatz  von  physika- 
lischer und  moralischer  weit  Avürde  man  heut  zu  tage  wol  durch  den  der  materiel- 
len und  geistigen  auszudrücken  suchen. 

10.  Die  hier  gegebene  kurze  definition  des  Zweckes  der  tragödie  als  „wol- 
tuender  erregung  von  aifecten,  deren  mässigung  im  wirklichen  leben  man  als  die 
aufgäbe  des  sitlichen  menschen  betrachtet"  —  ist  irreleitend;  zum  mindesten  hät- 
ten die  zu  erregenden  alFecte  namhaft  gemacht  werden  müssen.  Da  in  der  einlei- 
tung  und  zu  späteren  stücken  der  H.  D.  weit  eingehender  und  zutreffender  von  die- 
sem gegenstände  gehandelt  Avird,  so  wäre  hier  eine  blosse  Verweisung  richtiger 
gewesen. 

14.  Ob  die  identificierung  von  ,,nothnagel"  und  ,,niednagel"  etymologisch 
gerechtfertigt  ist,  weiss  ref.  nicht.  Dem  obersächsischen  sprachgebrauche  wie  dem 
zusammenhange  bei  Lessing  entspricht  aber  mehr  die  bedeutung  ,,notbehelf"  als 
die  von  den  herausgebern  empfohlene:  ,, lästige  kleinigkeit." 

17.     Die  notizen  über  Eckhof  sind  neben  der  einleitung  entbehrlich. 

in,  3.  Dass  die  hier  und  LXXVI,  2  vorgetragene  erklärung  von  „symbo- 
lisch" =  ,, bildlich,"  resp.  ,, sprachlich"  nicht  richtig  ist,  hat  bereits  H.  Müller 
bemerkt,  ohne  bestimt  zu  sagen,  wie  man  es  zu  erklären  hat.  Aus  der  verglei- 
chung  der  drei  stellen ,  wo  das  wort  von  Lessing  gebraucht  wird ,  St.  III :  „  Er  (der 
algemeine  satz,  die  moral)  ist  kein  blosser  symbolischer  schluss;  er  ist  eine' 
generalisierte  empfindung"  —  St,  IV:  „Wenn  es  daher  ein  mittel  gibt,  ...  das 
symbolische  der  moral  wider  auf  das  anschauende  zurückzubringen"  — 
St.  LXXVI:  ,,so  kömt  es  darauf  an,  ob  sich  diese  dinge  ebensowol  in  der  natur 
von  einander  trennen  lassen,  als  wir  sie  in  der  abstraction  und  durch  den  symbo- 
lischen ausdruck  (es  ist  von  der  disjunction  durch  ,, weder  —  noch"  die  rede)  tren- 
nen können"  —  und  aus  der  erwägung  ihres  Zusammenhanges  gelangt  ref.  zu  dem 
ergebnis,  dass  Lessing  ,, symbolisch"  =  ,, formelhaft"  gebraucht  hat  (symbol  = 
formel) ,  an  den  beiden  ersten  stellen  mit  dem  nebenbegritf  des  unlebendigen ,  kal- 
ten, an  der  lezten  mit  dem  des  herkömlichen ,  fest  ausgeprägten,  welche  der  for- 
mel anzuhaften  pflegen. 

4.  In  Übereinstimmung  damit  nmss,  wie  auch  schon  Müller  gesehen  hat, 
in  den  worten  ,, generalisierte  empfindung"  der  nachdruck  auf  dem  Substantiv  lie- 
gen. Demnach  will  Lessing  hier  nicht  sagen ,  was  die  herausgeber  ihn  sagen  las- 
sen, und  was  an  sich  ja  nicht  unrichtig  ist:  ,,die  moral  drückt  einen  gedanken 
aus,  der  nicht  nur  der  augenblicklichen  empfindung  der  handelnden  person  ent- 
spricht ,  sondern  auch  losgelöst  von  seiner  beziehung  zum  augonblicke  und  zur  per- 


ÜBER   LESSINGS   HAMB.   DRAM.    ED.    SCIIROETEH  -  THIELE  239 

son  eine  algeiiieine  geltung  besizt."  Vielmehr  hebt  er  hervor:  die  moral  im  drama 
ist  nicht  nur  ein  algemeiner  satz,  sondern  es  spricht  sich  in  ihr  zugleich  die  empfin- 
dung  der  handelnden  persou  aus. 

IV,  2.  Die  orklärung  von  ,,  conventioiiell "  ==  ,,  nur  durch  langen  gebrauch 
erklärlich "  —  erschöpft  den  begriff  nicht  ganz.  Es  muss  hier  lieissen :  durch  das 
herkommen  festgestelt  und  dadurch  algemein  bekant  und  angenommen. 

VI,  2.  Nach  der  hier  gegebenen  erklärung  muss  mau  glauben,  der  prolog 
sei  eine  völlig  legitime  und  durch  die  autorität  dos  Aristoteles  geheiligte  einrich- 
tung  des  griechischen  trauerspieles  seit  Euripides.  Das  richtige  findet  sich  XLIX,  3 
ausgeführt ,  und  darauf  war  zu  verweisen. 

18.  Zu  dem  verse:  „Abscheuliches  meistersttick  der  herschsucht  und  ihr 
list"  wird  bemerkt,  er  werde  nur  lesbar  dui'ch  die  ausspräche  ,, abscheulches "  oder 
,,abscheulichs."  Da  der  Verfasser  dieses  epiloges  sich  starke  kürzungen  erlaubt, 
wie  5  Zeilen  vorher:  ,,die  anders  glaubens  sind,''  statt  ,, anderes,"  so  darf  man 
ihm  eine  kürzung  ,,abscheulichs"  statt  „abscheuliches"  (nom.  sing.)  allerdings 
zutrauen.  Aber  er  braucht  8  Zeilen  später  auch  das  neutrale  adjectiv  in  unflectier- 
ter  form:  ,,In  ein  unschuldig  herz,"  statt  ,, unschuldiges."  Und  demnach  könte  er 
auch  hier  geschrieben  oder  gemeint  haben:  ,,  Abscheulich  meisterstück."  In  einem 
wie  in  dem  anderen  falle  wird  der  vers  scaudicrbar ;  im  zweiten  jedoch,  mit  unflec- 
tiertem  adjectivum,  wird  er  gefälliger. 
20.     Bei  der  stelle: 

„Er  war  und  —  oh  verzeiht  die  thrän!  —  und  starb  ein  Christ. 
„Liess  sein  vortreflich  herz  der  nach  weit  in  gedichten, 
,,Um  sie  —  was  kann  man  mehr?  noch  todt  zu  unterrichten." 
heisst  es:  ,,Zu  liess  ist  „er"  als  subject  aus   dem  vorhergehenden  satze  zu  ergän- 
zen."    Die  frage  liegt  nahe,    ob  nicht  durch    ein    komma  statt  des  punktes   hinter 
,, Christ"  die  construction  zu  erleichtern  sei. 

VIII,  10.  Die  notizen  über  madarae  Löwen  sind  neben  der  einleitung  ent- 
behrlich; desgleichen 

XII,  8.   die  über  Ackermann. 

XV,  6.  Eomeo  und  Julie.  Im  Verzeichnisse  der  in  der  H.  D.  erwähnten 
stücke  s.  621  --  624  hat  ref.  dieses  nicht  finden  können. 

XX,  9.  tot  linguae  quod  membra  viro.  Die  Vermutung  der  herausgeber, 
dass  Lessing  den  vers  selbst  gebildet  habe,  ist  durch  Cosacks  nachweis,  s.  147, 
hinfällig  geworden. 

XXVII.    Im  texte  s.  173  steht  durch  versehen:  ,, in  dieser  seine  composition. 
XXXI.     Zu  der  construction  s.  194:    „was  geht  das  dem  dichter  an?"  wäre 
die  bemerkung  J.  Grimms  in  seinem    deutschen  wörterbuche  1,  341   zu  verwerten 
gewesen. 

XXXVIII.  Man  vermisst  hier  einen  bericht  über  die  spätere  entwickelung 
des  in  diesem  stücke  behandelten  problems.  Auch  in  der  einleitung  §  11.  s.  XCIII 
wird  nur  die  von  Lessing  versuchte  lösung  des  Widerspruches  zwüsehen  den  forde- 
rungen  des  13.  und  14.  capitels  bei  Aristoteles  mitgeteilt  und  ,,  ebenso  kurz  als 
scharfsinnig"  genant,  jedoch  mit  der  Verwahrung,  dass  damit  kein  urteil  über  die 
riclitigkeit  der  Lessingschen  meinung  gefält  sein  solle.  Scharfsinn  wird  ihr  nun 
niemand  streitig  machen,  aber  unrichtig  ist  sie  doch,  da  sie  im  gründe  auf  der 
Verwechselung  von  nfQinhfia  und  f^traßolr)  beruht.  Auch  die  herausgeber  bemer- 
ken in  §  12  der  einleitung  s.  CHI  a.  2,  dass  das,  was  Lessing  unter  peripetie  ver- 
steht, nicht  ganz  richtig  sei,  und  führen  die  jezt  algemein  angenommene  erklärung 


240  NEIDHARDT 

an  Daraus  folgt  aber  schon  mit  notwendigkeit,  dass  jener  lösungsversuch ,  weil 
ganz  auf  die  unrichtige  deutung  der  peripetie  gebaut,  nicht  zum  ziele  führt,  wenn 
auch  Cosack,  auf  Ed.  Müllers  autorität  gestüzt,  uns  das  wider  versichert.  —  Aber 
selbst,  wenn  man  mit  Vahlen  im  13.  c.  die  lehre  von  der  /Linußol^  und  nicht,  wie 
Lessing,  von  der  ntQinsTfia  erblickt,  wird  man  den  Widerspruch  nicht  los.  Denn 
erstlich  ist  die  fAtraßoh)  kein  teil  der  handlung,  sondern  die  summe  derselben, 
am  wenigsten  ein  accessorischer,  wie  jene;  und  zweitens  steckt  der  Widerspruch 
auch  im  14.  c.  allein,  wie  Susemihl  gezeigt  hat.* 

XXXIX,  8.  Heimat  und  zeit  des  Polybius  sind  schon  unter  XXIX,  10  ange- 
geben. 

XLIX ,  5.  Die  bemerkung :  „  Das  urteil  des  Aristoteles  (über  Euripides)  .  . 
kann  nur  mit  einer  gewissen  einschränkung  anspruch  auf  richtigkeit  erheben,  denn 
auch  bei  Äschylus  und  Sophocles  ist  ein  unglücklicher  ausgang  durchaus  nicht  sel- 
ten" —  vergisst,  dass  Aristoteles  selbst  unmittelbar  vorher  sagt:  id  toicvtiu  tqk- 
yixcjTccTui  (fuh'ovrai.  Eben  deswegen  ist  die  versuchte  beziehung  auf  die  jüngeren 
tragiker  unzulässig.  Euripides  erweist  sich  als  der  tragischste  dichter,  insofern 
die  genante  art  der  composition  bei  ihm  die  vorwiegende  oder  wenigstens  häufiger 
war  als  bei  jedem  anderen  dichter.  "•^ 

7.  ,, Aussetzen"  kann  hier  nicht  wol  heissen  ,, versehen,"  ,, ausrüsten."  Ref. 
nimt  es  gleich  ,, exponieren"  im  medialen  sinne:  sich  die  expositiou  machen.  — 
[Lessing  braucht  „aussetzen"  im  sinne  von  ,, ausgehen,  seineu  ausgangspunkt  von 
etwas  nehmen ,  von  einem  punkte  aus  beginnen " ;  vgl.  am  Schlüsse  der  vorrede 
zum  Laokoon :  „Da  ich  von  dem  Laokoon  gleichsam  ausseztc,  und  mehrmals  auf 
ihn  zurückkomme ,  so  habe  ich  ihm  auch  einen  anteil  an  der  aufschrift  lassen  wol- 
len." Demnach  scheint  hier  der  sinn  sein  zu  sollen:  „wenn  er  uns  sofort  könte 
anheben  lassen  mit  der  Überzeugung"  usw.    J.  Z.] 

LVIII.  Im  text  s.  342  liest  man:  ,,und  erbarmen  solte  könige  schimpfen?"  — 
Fehlt  etwa  das  ,,be''? 

LIX.  Im  text  s.  346  steht:  ,,in  leidenschaften ,  deren  jeder  seine  eigene 
beredsamkeit  hat."  Hier  steckt  entweder  ein  fehler,  anstatt:  deren- jede  ihre 
eigene  ...,  oder  eine  künstlich  geschraubte  construction  des  sinnes:  jeder  bat  seine 
eigene  beredsamkeit  der  leidenschaften,  jeder  weiss  den  leidenschaften  einen  indi- 
viduellen ausdruck  zu  geben.  Dem  zusammenhange  entspricht  mehr  die  erstere 
annähme.  —  [Meines  bedünkens  soll  ,, deren"  ungefähr  die  bedeutuug  ,, in  welchen" 
haben,  der  genitiv  ,, deren"  aber  abhängen  von  ,, beredsamkeit,"  so  dass  der  sinn 
ist:  ,,in  leidenschaftlicher  erreguug  hat  jeder  seine  eigene,  natürliche,  angeborene, 
nicht  angelernte  beredsamkeit.     J.  Z.] 

LXI,  2.     Durch  versehen  steht  „so"  anstatt  ,,und." 

LXXII.  Der  ausdruck  „löschbrand"  im  text  s.  400  hätte  wol  eine  erklärung 
verdient. 

LXXIII,  24.  Zu  den  worten  Lessings :  ,,ich  würde  Shakespeares  werk  wenig 
stens  nachher  als  einen  Spiegel  genuzt  haben,  um  meinem  werke  alle  die  flecken 
abzuwischen,  die  mein  äuge  unmittelbar  darin  zu  erkennen  nicht  vermögend  gewesen 

1)  Vgl.  des  ref.  de  Eurip.  poet.  niax.  trag.  p.  33  —  37,  resp.  313  —  317,  wo  ein 
versuch  gemacht  ist  den  schaden  durch  Umstellung  der  worte  xgcirtaTov  und  äsvTfQov 
zu  bellen. 

2)  Vgl.  die  ausführungen  des  ref.  1.  1.  p.  1.  2,  14—16,  37  —  39,  resp.  281.  282, 
294  —  296,  317  —  319. 


ÜBER    LESSINGS    HAMB.    DRAM.    ED.    SCHROETER -THIELE  241 

Wäre"  —  fügen  die  herausgebev  hinzu:  „«lic  aber  (so  dürfen  wir  wol  Lessing  ergän- 
zen, weil  or  im  folgi-nden  Sliakosjjeare  nirgends  reclitfortigt)  bei  den  grossen  mas- 
sen  der  Shakespeareschen  tragödie  leicht  an  dieser  selbst  zu  erkennen  gewesen 
wären."  —  Sie  nehmen  also  an,  dass  Lessing  von  fieeken  in  Shakespeares  Richard  III 
rede,  welche  er,  als  dort  leicht  orkenbar,  aufgesucht  liaben  würde,  um  die  glei- 
chen fehler  in  der  eigenen  arbeit  zu  tilgen.  Diese  auffassung  ist  weder  im  Wort- 
laute des  textes  begründet,  noch  lässt  sie  sich  irgend  mit  dem  zusammenhange  des 
Stückes  wie  mit  der  gesamtanschauung  Lessings  von  Shakespeare  in  einklang  setzen. 
Lessing  will  einfacb  sagen:  ich  würde  mein  (fertiges)  werk  mit  dem  Shakespeares 
als  einem  muster  verglichen  und  aus  dieser  vergleichung,  an  den  schiinhciteu 
Shakespeares  die  fehler  meines  Werkes  erkant  haben,  die  ich  bis  daliin  nicht  gese- 
hen hätte. 

LXXIV.     Im  text  s.  417  steht  durch  versehen  „entwurf"  anstatt  ,,einwurf." 

LXXV,  14.     Phokas  regierungszeit  ist  um  1000  jähre  zu  spät  angesezt. 

LXXVI,  4.  5.  Dass  Lessings  erklärung  des  (fiXarfh^oinov  die  richtige  ist, 
meint  ref.  in  seiner  vorgenanten  schrift  bewiesen  zu  haben.  ^ 

LXXVII,  1.  Hier  wird  die  Döringsche  lehre  von  der  potentiellen  (tragischen) 
und  eigentlichen  furcht  vorgetragen,  welche  ref.  für  recht  scharfsinnig,  nur  nicht 
für  aristotelisch  ansehen,  und  welche  bei  Aristoteles  nicht  gefunden  zu  haben  er 
unmöglich  mit  den  herausgebern  Lessing  als  Unklarheit  anrechnen  kann.^ 

12.  Durch  versehen  steht  hier:  ,,eine  und  des  Aristoteles  ansieht"  anstatt: 
,, seine  u.  d.  A.  a. 

13.  ,,Die  herren  haben  gut  streiten"  braucht  kein  Gallicismus  zu  sein  in 
der  bedeutung  ,,striiten  vergeblich."  Wenigstens  hiirt  man  in  Schlesien,  Sachsen 
und  Thüringen  täglich  Wendungen  wie:  ,,  Du  hast  gut  reden,  raten,  lachen"  u.a.m. 
in  dem  sinne:  ,,Du  hast  oder  machst  es  dir  leicht,  davon  zu  reden"  usw.  Übri- 
gens liegt  der  begriff  des  vergeblichen  darin  mit  eingeschlossen;  denn  diese  aus- 
drücke werden  immer  auf  solche  angewendet,  die  man  in  falscher  position  zur 
sache  ei'blickt,  und  deren  reden  und  tun  man  darum  richtigkeit,  Verbindlichkeit 
für  andere  und  erfolg  abspricht.  Z.  b.  ,,Der  reiche  hat  gut  reden  von  den  Vor- 
zügen der  armut"  heisst:  dem  reiclien  wird  es  leicht  von  den  Vorzügen  der  armut 
zu  reden,  weil  er  ihren  druck  nicht  kent,     -  und  eben  darum  redet  er  in  den  wind. 

XCI,  5.  Zu  anfang  der  anm.  muss  Aristophanes  anstatt  Aristoteles  gesezt 
werden. 

XCII,  6.  An  die  bemerkung  Hurds:  ,,Der  geizige  des  Meliere  ist  nicht  so 
eigentlich  das  gemälde  eines  geizigen  mannes  als  des  geizes  selbst"  —  schliessen 
die  herausgeber  folgende  deduction  Kre^'ssigs:  ,.ein  erfahrener  Wucherer,  der  seinen 
geldkasten  vergräbt,  ein  mann  der  nicht  zwei  brennende  lichte  in  seinem  zimnier 
leiden  mag,  der  ohnmächtig  wird,  wenn  sein  koch  ihm  den  küchenzettel  eines 
massigen  abendbrotes  vorträgt:  und  dieser  selbe  mann  im  besitz  von  kutschpfer- 
den,  eines  Intendanten  und  zum  überfluss  sterblich  in  ein  armes  mädchen  verliebt 
und  nebenbuhler  seines  sohnes  —  das  sind  färben,  die  sich  in  dem  porträt  eines 
einzigen  menschen  nicht  vertragen,  möge  der  glänz  jeder  einzelnen  immerhin  nichts 
zu  wünschen  übrig  lassen."  —  Nun  heisst  es  in  demselben  XCIL  st.  weiterhin  bei 
Hurd:  „Meliere  und  Plautus  haben  statt  der  abbildung  eines  geizigen  mannes  uns 
eine   grillenhafte   widrige    Schilderung    der    leidenschaft    des   geizes   gegeben.     Ich 

1)  L.  L  p.  24  —  26.  resp.  304  —  306. 

2)  Vgl.  de  Eurip.  p.  23,  resp.  303. 

ZEITSCHR,    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  16 


242  NEI0HARDT,    ÜBER   LESSINGS    HAMB.    DRAM.   ED,    SCHROETER  -  THIELE 

nenne  es  eine  grillenhafte  Schilderung,  weil  sie  kein  urbild  in  der  natur  hat.  Ich 
nenne  es  eine  widrige  Schilderung ;  denn  da  es  die  Schilderung  einer  einfachen 
unvermischten  leidenschaft  ist,  so  fehlen  ihr  alle  die  lichter  und  schatten,  deren 
richtige  Verbindung  allein  ihr  kraft  und  leben  erteilen  könte.  Diese  lichter  und 
schatten  sind  die  Vermischung  verschiedener  leidenschaften ,  welche  mit  der  vor- 
nehmsten oder  herschciiden  leidenschaft  zusammen  den  menschlichen  Charakter  aus- 
machen." —  Dass  die  beiden  beurteiler  gerade  das  entgegengesezte  in  dem  stücke 
des  Meliere  finden  und  tadeln ,  liegt  auf  der  band.  Hier  durfte  es  an  einer  ver- 
mittelung  nicht  fehlen,  oder  der  leser  durfte  überhaupt  nicht  in  dieses  dilemma 
versezt  werden. 

XCIV,  5.  Hier  heisst  es  u.  a. :  ,,In  Wahrheit  aber  existiert  das  begriif liehe 
nur  in  oder  durch  das  einzelobject,  nicht  aber  neben  oder  jenseit  desselben,  und 
es  gab  somit  für  Plato  keinen  grund  die  kunst,  soweit  sie  die  erscheinungs- 
weit nachahmt,  aus  seinem  idealstaatc  auszuschliessen."  —  Für  Plato  gab  es  eben 
den  grund,  dass  er  die  gegenteilige  lehre,  wie  sie  die  herausgeber  vorher  richtig 
zu  anfang  der  anmerkung  entwickelt  haben,  aufstelte. 

XCV,  8.  Den  ausdruck  fermenta  cognitionis  soll  Lessing  ,,wol  ohne  zweifei" 
dem  Solinus  entlehnt  haben.     Diese  gewissheit  ist  doch  recht  ungewiss  vorgetragen. 

XCVI,  7.     „Gegen  aller  neuern  jjolierten  Völker  ihre"  (sc.  litteratur)  und 

XCVni,  4.  „Die  niederlage  bei  sich  erlaubt"  sind  sächsische  Provinzialis- 
men. „Niederlage"  bezeichnet  ort  und  gelegenheit  zu  verkehr  in  fremdem  hause, 
meist  mit  dem  nebeubcgriffe  des  anstüssigen. 

CI  —  CIV,  6.  In  einer  längeren  auseinandersetzung  über  Lessings  dictum  : 
„ich  bin  weder  Schauspieler  noch  dichter"  liest  man:  ,,'Wir  meinen  vielmehr,  es 
liegt  uns  hier  ein  wort  vor,  durch  welches  Lessing  in  wahrhaft  bewundernswerter 
selbsterkentnis  durch  Schilderung  seines  eigensten  wesens  seine  innersten  herzens- 
gedanken  offenbart "  .  .  .  .  „  Doch  hier  erweisen  zu  wollen ,  dass  Lessing  sich  mit 
den  Worten  selbst  bitteres  unrecht  zugefügt  hat,  würde  unnütze  mühe  sein,  da 
dies,  wie  jeder  freund  Lessings  weiss,  von  weit  berufener  (berufenerer?)  band 
widerholt  geschehen  ist"  ....  ,,Aber  alles  dies  erklärt  nur,  warum  Lessing  so 
sprach,  nicht  aber,  ob  er  recht  hat.  Und  dies  hat  er  in  seinem  sinne  gewiss!"  — 
Diese  sätze  vermag  ref.  nicht  zu  vereinigen.  Wenn  Lessing  —  natürlich  in  sei- 
nem sinne  —  recht  hat,  wenn  er  mit  ,, bewundernswerter  selbsterkentnis"  sich 
beurteilt,  so  kann  er  sich  unmöglich  bitteres  unrecht  zugefügt  haben.  Unrecht  wird 
ihm  nur  der  tun,  der  ihn  nicht  in  seinem  sinne,  also  falsch  versteht.  Und  dies 
meinen  wol  auch  die  herausgeber. 

Im  text  s.  603  liest  man:  „die  ihn  mit  einem  bewundernden  Ah!  nachfolgt." 

37.     Anstatt  A.  11  ist  zu  lesen  A.  12. 

Trotz  des  kläglichen  stiles  der  herren  Dodsley  und  compagnie  darf  man  wol 
fragen,  ob  sie  wirklich  gedruckt  haben :  ,, so  bald  jemanden  ein  buch  nacligedruckt 
wird"  —  „von  alle  arten  des  nachdrucks"  —  ,,von  unsre  geselschaft  aber" 
s.  606.  607. 

Endlich  möchte  ref.  hinsichtlich  der  diction  mit  aller  reserve,  welche  der 
vor  anderen  subjective  charakter  solcher  eindrücke  erheischt,  bemerken,  dass  ihm 
hin  und  wider  eine,  um  den  Lessingschen  ausdruck  einmal  selbst  anzuwenden, 
„symbolische"  rhetorik  entgegengetreten  ist.  Er  macht  in  diesem  betracht  beson- 
ders auf  den  anfang  des  Vorwortes,  den  schluss  der  einleitung  und  auf  die  num- 
mern  LIX,  9.  LXXII,  5.  LXXIII,  15.  LXXXVII— VIII,  11.  CI  — CIV,  5.  6.  auf- 
merksam. 


TOMANETZ  ,    ÜBER    HADAMAR    ED.    STEJSKAL  243 

Kef.  schliesst  mit  dem  wünsche,  dass  es  den  Verfassern  beschieden  sein  möge, 
ihr  tüchtiges  und  gewissenliaftes  werk  in  nicht  zu  langer  zeit  weiter  zu  vervol- 
komnen. 

ERFÜRT.  DR-    E.    NEIDHARDT. 

Hadamars  von  Laber  Jagd  mit  Einleitung  und  erklärendem  Coni- 
mentar  herausgegeben  von  Dr.  Karl  Stejskal.  Wien  1880  bei  Alfred 
Holder.    XLIV,  219  s.     fl.  3.  20 

Schmellers  ausgäbe  von  Hadamars  ,.  Jagd"  ist  schon  1850  als  20.  publication 
des  literarischen  Vereins  erschienen :  seitdem  kam  die  vorzügliche  Münchener  hand- 
schrift  (bei  Stejskal  B)  neu  hinzu,  andere  hss. ,  die  Schmeller  wol  gekant,  aber 
nicht  benüzt  hatte  (C  [14.  jh.],  d  [15.  jh.])  konten  mit  grossem  vorteil  bei  der 
textesherstellung  verwertet  werden;  zudem  basierte  Schmellers  ausgäbe  auf  der 
ziemlich  wertlosen  Erlanger  handschrift  (15.  jh.,  bei  Stejskal  c)  und  Hess  manches 
zu  wünschen  übrig;  eine  neue  ausgäbe  der  Jagd  war  also  wol  gerechtfertigt,  und 
dass  selbe  in  die  hosten  bände  geraten  ist ,  beweist  die  vorliegende  edition  in  vol- 
stera  masse.  Schon  in  seiner  abhandlung  ,,zu  Hadamar  von  Laber"  Zeitschr.  f. 
deutsch,  alterth.  22,  263 — 99  hat  Stejskal  eine  probe  seiner  umfassenden  und 
gründlichen  vorarbeiten  gegeben  und  die  einleituug,  die  der  ausgäbe  vorausgeht, 
erweitert  die  dort  behandelten  punkte  ,  und  fügt  melirere  neue  hinzu ,  alle  mit  einer 
Sorgfalt  und  genauigkeit  ausgeführt,  dass  man  für  die  ausgäbe  selbst  nur  das  beste 
erwarten  kann. 

Bevor  wir  uns  zu  dieser  selbst  wenden,  mag  ein  überblick  über  das  in  der 
einleitung  gebotene  voraufgehen.  Unter  L  gibt  Stejskal  einen  abriss  des  lebens 
Hadamars.  Wenig  war  in  dieser  hinsieht  vorgearbeitet,  auch  das  gedieht  selbst 
bietet  fast  keine  anhaltspunkte,  alles  muste  aus  den  verschiedensten  geschichtsquellen 
mühsam  zusammengelesen  werden.  Um  so  statin enswerter  ist  die  relativ  grosse 
genauigkeit,  mit  der  wir  des  dichters  lebenslauf  verfolgen  können.  Ich  will  als 
resultat  nur  herausheben,  dass  Hadamar  III.  aus  dem  oberpfälzischen  geschlechte 
der  von  Laber  um  1300  geboren  ist,  eine  ziemlich  wichtige  politische  rolle  spielte, 
zwischen  1335  —  40  unser  gedieht  verfasste  und  in  den  50er  jähren  gestorben  ist. 
Sein  rühm  überdauert  ihn  um  Jahrhunderte;  sein  literarisches  beispiel  wird  mass- 
gebend für  die  nachfolger  und  insoferne  ist  Hadamar  als  dichter  von  niclit  zu 
unterschätzender  bedeutung.  —  Im  2.  abschnitt  bespricht  Stejskal  das  handschrif- 
tenverhältnis ,  wofür  die  oben  erwähnte  abhandlung  das  wichtig.ste  schon  vorweg- 
genommen hatte.  Die  frage  nach  der  ursprünglichen  abfolge  der  Strophen  ist  bei 
der  „Jagd"  eine  ungemein  verwickelte,  da  nicht  zwei  der  erhaltenen  handschriften 
in  derselben  übereinstimmen  und  nicht  eine  ein  volständig  siugemässes  ganzes 
darbietet  Mit  gröster  Sorgfalt  sucht  Stejskal  diese  frage  ins  reine  zu  bringen  und 
hat  dabei  unzweifelhaft,  in  befolgung  richtiger  grundsätze,  die  wahrscheinlich 
ursprüngliche  strophenfolge  widerhcrgestelt.  Sjieciell  rechtfertigt  er  die  anordnung 
der  ersten  21  atrophen,  da  hier  die  handschriften  am  meisten  divergiren.  Dass 
trotzdem  nicht  überall  ein  fortlaufender  gedankenfluss  erzielt  werden  konte,  liegt 
in  der  natur  des  gedichtes  und  wol  auch  seiner  abfassung,  da  es  mir  wenigstens 
sehr  wahrscheinlich  ist,  dass  die  ,,Jagd"  nicht  eine  einheitliche  coniposition ,  son- 
dern in  absätzen  gearbeitet  ist,  deren  Verschmelzung  eine  volständige  ausgleichung 
verhinderte.  (Vgl.  auch  einleitung  s.  XIX.)  Anschliessend  gibt  Stejskal  eine  Über- 
sicht über  den  Inhalt  und  die  art  der  composition  des  gedichtes:  wir  ersehen  daraus, 
dass  die  eigentliche  allegorie  der  schwächste  teil  der  dichtung  ist,  wie  nicht  anders 

16* 


244  TOMANETZ 

ZU  erwarten  war,  die  stärke  Hadaraars  vielmehr  in  den  eingestreuten  betrachtun- 
gen  liegt,  obwol  auch  hier  nur  selten  wirklich  schönes  sich  entdecken  lässt,  das 
sogar  inhaltlich  nicht  einmal  auf  erfindung  des  dichters  zu  beruhen  braucht,  son- 
dern nur  verarbeitetes  gemeingut  der  damaligen  gebildeten  kreise  sein  kann.  Ich 
denke,  Stejskal  würdigt  diese  seite  des  gedichtes  mehr  als  sie  verdient.  —  Unter  III. 
bespricht  der  herausgeber  die  strophenform .  die  sich  als  eine  nachbildung  der 
Scharfenbergischen  Titurelstrophe  erweist,  indem  diese  dahin  geändert  ist,  dass 
nur  klingender  versschluss  verwendet  Avird.  Lozteres  ist  darum  interessant,  weil 
sich  dabei  die  beobachtung  ergibt,  dass  Hadamar  den  unterschied  zwischen  hoch- 
betonter langer  und  kurzer  silbe  nicht  mehr  kante ,  und  darum  ein  wort  wie  begeren 
nur  mehr  klingend  verwerten,  mithin  auch  im  vers  nicht  mehr  verschleifen  konte. 
Dafür  ist  auch  bei  ihm  das  princip  strenger  abfolge  von  hebung  und  Senkung  ohne 
ausnähme  durchgeführt.  Übrigens  beobachtet  er  im  algemeinen  die  metrischen 
gesetze  der  blütezeit ,  was  Stejskal  des  näheren  ausführt.  Es  ist  ein  verdienst  die- 
ser ausgäbe ,  diese  metrischen  beobachtungen  auch  textkritisch  verwertet  zu  haben ; 
Schmeller  kam  es  nicht  darauf  an ,  einem  verse  1  bis  2  hebungen  mehr  zu  geben, 
als  er  reclitmässig  haben  solte.  -  In  IV  schliesslich  sammelt  Stejskal  einige  der 
wichtigsten  rhetorischen  mittel  Hadamars:  es  sind  ihrer  nicht  wenige,  doch  ver- 
lieren sie  meist  ihren  wert,  da  sie  gewöhnlich  auf  die  spitze  getrieben  werden. 

An  diese  reichhaltige  eiuleitung  schliesst  sich  der  text  an.  Über  das  ver- 
fahren bei  der  herstellung  desselben  spricht  sich  Stejskal  s.  XLIII  fg.  aus.  Berückr 
sichtigt  sind  fast  nur  die  handschriften  des  14.  jh.:  ABC  Da,  und  mit  recht;  denn 
die  im  15.  jh.  geschriebenen  sind  durch  den  Unverstand  der  Schreiber  meist  in 
sinlosester  weise  corrumpiert.  Von  den  erwähnten  handschriften  gehören  A  B  C  D 
der  handschriften  - klasse  x,  a  der  klasse  y  an,  so  dass  die  Übereinstimmung  in  den 
lesarten  der  beiden  klassen  für  die  textrecension  von  entscheidendem  einfiuss  sein 
konte.  In  den  seltensten  fällen  ist  Stejskal  von  der  handschriftlichen  lesung  abge- 
gangen und  hat  conjekturen  in  den  text  gesezt,  die  aber  sämtlich  geglückt  sind 
(vgl.  zu  24,  5).  Eher  könte  man  sagen,  dass  er  sich  zu  sehr  an  die  handschrift- 
liche autorität  gehalten  hat  (s.  u.) ;  der  archetyp  mag ,  wie  in  bezug.  auf  die  stro- 
phenfolge  (vgl.  ztschr.  f.  d.  a.  22,  294)  so  auch  rücksichtlich  der  textgestalt  nicht 
mehr  ganz  correct  gewesen  sein.  Dass  die  abweichungen  von  Schmeller  bedeutende 
sind,  wird  niemandem  auffallen,  der  bedenkt,  dass  Schmeller  seinen  text  haupt- 
sächlich nach  der  schlechten  Erlanger  handschrift  construiert  hat.  Zu  wünschen 
wäre  nur,  dass  wenigstens  die  bedeutenderen  textdifferenzen,  eventuel  bei  den  les- 
arten ,  ersichtlich  gemacht  worden  wären.  Dass  freilich  an  vielen  stellen  durch  den 
neuen  text  immerhin  noch  keine  klarlieit  hergestelt  ist,  darf  nicht  dem  heraus- 
geber zur  last  fallen ;  Hadamar  hat  sich  oft  einer  so  dunkeln  ausdrucksweise  beflis- 
sen,  die  meist  durch  die  form  der  allegorie  hervorgerufen  ist,  dass  gewiss  schon 
den  Zeitgenossen  hin  und  wider  nicht  ganz  klar  gewesen  sein  mag ,  was  er  gemeint 
hat.  Das  lässt  sich  natürlich  nicht  gut  machen.  Jedoch  gegen  Schmellers  text, 
der  manchmal  einen  platten  unsinn  bot,  hat  die  neue  ausgäbe  gewiss  einen  sehr 
bedeutenden  fortschritt  gemacht  und,  soweit  man  es  beurteilen  kann,  fast  überall 
in  der  herstellung  des  textes  das  richtige  getroffen.  Nur  kleinigkeiten  sind  es,  an 
denen  recensent  von  Stejskals  lesung  altweichen  möchte.  So  steht  15,  G  geselle, 
hetzä  Liehen.  ABa,  die  liss.,  denen  Stejskal  stets  gefolgt  ist,  uiul  deren  Überein- 
stimmung um  so  wertvoller  ist,  da  sie  zwei  handschriftenklasson  angehören  (vgl. 
s.  XVIII),  lesen  hetze.  Wenn  nun  auch  B  an  der  zweiten  stelle,  wo  es  dieselbe 
Strophe  widerholt  (B  512)  hetsa  liat,  so  steht  doch  für  unsere  strophe  hetze  fest.  — 


ÜBER   HADAMAR    ED.    STEJSKAL  245 

91,  7.  helfet  mir  si  liehen,  mich  ir  bieten  Ba,  was  Stejskal  in  der  anmerkung  als 
eine  auch  gute  lesart  anerkent;  sie  ist  sogar  die  l)essere.  Denn  abgesehen  davon, 
dass  Ba  als  zwei  handschrit'tenklassen  angehörig  viel  melir  gewicht  haben  als  A. 
dessen  lesart  im  text  steht,  so  ist  in  helfet  mir  si  lieben  (=  helfet  mir,  dass  sie 
mich  erfreue)  si  Subjekts  -  accusativ  und  der  satz  ein  echter  acc.  c.  inf. ;  ich  denke 
nun,  es  ist  stets  das  richtigere,  einem  solchen  in  einem  mhd.  gedieht  auszuweichen, 
zumal  wenn  auch  andere  gründe  eine  änderung  befürworten.  Schnieller  hat,  viel- 
leicht von  derselben  erwägung  geleitet,  helfet  (icsellen  mir,  ir  liehen  geschrieben.  — 
Schwierig  ist  die  stelle  112,  4  man  hoert  si  hellen  lüte  imd  Jceines  dönes.  Das 
eigentlich  zweifelhafte  wort  ist  dönes :  die  handschriften  bieten  das  verschiedenste : 
trones,  lones ;  icones,  frones.  Öclinieller  und  Bech  conicierten  der  erstere  rönes, 
der  andere  hrönes  (vgl.  ötejskals  anm.  zur  st.),  dönes  ist  mit  Ba  wol  richtig  her- 
gestelt  und  die  anderen  handschriften  mögen  geändert  haben,  um  dem  reim  auf 
dönes  (v.  2)  auszuweichen.  Doch  auch  so  ist  die  construction  etwas  eigentümlich, 
a  bietet  chlaines  dones.  vielleicht  könte  es  ursprünglich  unMeines  dönes  geheissen 
haben,  so  dass  derselbe  gedanke  erst  positiv,  dann  negativ  gegeben  ist,  was  bei 
Hadamar  öfter  vorkorat.  Vgl.  180 ,  4.  —  Auch  275,  7 ,  wo  im  text  steht  oh  ich 
si  staet ,  getriuwe  und  rein  des  muotes ,  gibt  a  mit  reines  muotes  eine  glattere 
fügung.  Freilich  ist  es  wider  in  solchen  fällen  geratener,  die  seltenere  construc- 
tion als  die  ursprüngliche,  von  der  zu  einer  gebräuchlicheren  abgewichen  wurde, 
aufzunehmen.  —  In  312,  2  ez  kere  ^car  ez  kere,  dar  teil  ich  nimmer  kriefjen  wäre 
ohne  bedenken  mit  B  immer  in  den  text  zu  setzen  gewesen;  nimmer  ist  gewiss 
falsch.  Allerdings  haben  es  die  übrigen  handschriften;  da  hört  jedoch  die  pietät 
gegen  die  handschriftliche  autorität  auf,  die  sonst  der  ausgäbe  nur  zum  lobe 
gereicht.  Zum  mindesten  hätte  die  änderung  im  commentar  als  notwendig  ange- 
merkt werden  sollen.  —  330,  1  fgg.  lesen  wir:  swer  minner  heizet  tören,  ser  ich 
daz  loiderklaffe ,  so  habe  ich  miniu  ören.  In  dieser  fassung  ist  es  schwer,  einen 
practikabeln  sinn  herauszufinden.  Die  änderung  ist  jedoch  sehr  leicht  und  zwar 
ganz  an  der  band  der  handschrift,  was  Stejskal  eben  nur  übersehen  haben  muss. 
ABa  lesen  habt  (was  unter  den  lesarten  s.  164  nachzutragen  ist)^  und  sodann  eio 
(=  iu).  Die  stelle  heisst  somit:  .so  habt  iu  miniu  ören  und  ihr  sinn  ist:  ihr  könt 
dafür  meine  obren  zum  pfand  nehmen.  —  334,  4  ist  wol  herzentrüten  zusammen- 
zuschreiben. —  490,  1  liest  Stejskal  in  Übereinstimmung  mit  allen  handschriften: 
ich  sprach.  Das  ist  nun  schon  deswegen  auffallend,  weil  Hadamar  seit  488,  6 
spricht  und  zu  sprechen  noch  gar  nicht  aufgehört  hat  Sodann  ist  der  inhalt  der 
Strophen  490.  491  schwer  mit  Hadamar  und  seineu  Jagderlebnissen  vereinbar.  Er 
spricht  nämlich  str.  490  von  einem  liebchen ,  das  ihm  gott  gegeben  hat ,  und  ohne 
das  er  jezt  nicht  mehr  am  leben  wäre;  denn  sie  war  ein  zaemez  wilt  gehiure  und 
hatte  den  Jäger  offenbar  nicht  zu  lange  auf  der  verte  gelassen.  Gerade  das  gegenteil 
davon  jedoch  ist  der  inhalt  der  ,,jagd";  Hadamar  entkörnt  das  wild  stets  und  er 
ist  darob  in  Verzweiflung.  Keinen  anstoss  gibt  die  strophe,  wenn  wir  statt  ich  :  er 
lesen  und  diese  werte  dem  Jäger,  mit  dem  er  spricht,  in  den  mund  legen.  Dann 
schliesst  sich  auch  491  vortreflich  au.  ,,Zum  Zeitvertreib  möchte  ich  nicht  ungerne 
einer  scheuen  binde,  die  der  Schlauheit  Schlauheit  entgegenzusetzen  versteht,  den- 
noch auf  irgend  eine  listige  ai't  beizukommen  suchen;  solche  kniffe  muss  eben  einer, 
der  dem  wilde  nachjagt,  kennen.''     Darauf  komt  wider  Hadamar  zum  sprechen  und 

1)    Ich  habe  diese  ergänzung   aus  dem  handschriften  -  apparate  des  herausgebers, 
den  er  mir  selber  freundlichst  zur  Verfügung  stelte. 


246  TOMANETZ 

meint,  er  vvolte  ihm  wol  verzoilieii  (dass  er  gegen  sein  wild  listig  vorgehe)  wenn 
er  sein  nachreiten  und  des  wildes  flucht  zu  sehen  bcicäme  und  wie  eines  das  andere 
überlisten  wolte  —  mit  deutlicher  bcziehung  auf  des  Jägers  rede  in  strophe  491. 
Diese  und  490  gehören  zusammen,  bilden  die  rede  des  Jägers,  und  490,  1  ist  dann 
er  zu  schreiben.  Damit  entfält  natürlicli  Stejskals  frage,  wer  wol  dieses  Hadamars 
liebchen  gewesen  sein  mag.  —  497,  5  steht  im  texte:  ez  kom  ein  donrsträl,  brin- 
nent  in  der  verte  der  blic  von  himel  liUte.  Aa  lesen;  in  prennen  verte ,  B  pren- 
nen  verte.  Das  ist  sinlos.  Da  also  geändert  werden  muss ,  halte  ich  für  viel  ein- 
facher zu  lesen:  in  brinnenter  verte.  Das  stimt  fast  volständig  zu  Aa.  Die  versezte 
botonung  von  brinnenter  kann  bei  Hadaraar ,  der  lieber  eine  tieftonige  silbe  statt 
der  hochtonigen  in  hebung  sezt,  um  nur  ja  nicht  eine  Senkung  auslassen  zu  müs- 
sen, nicht  befremden.  (Vgl.  s.  XXIX.)  —  560,  6  Fröud  ist  von  im  gesiviget,  er 
(sc.  Eüege)  hat  sich  auch  von  manger  vart  verdrimgen.  sich  lesen  alle  handschrif- 
ten  ,  und  darum  hat  es  Stejskal  beibehalten ;  und  doch  ist  es  falsch.  Schon  Schmel- 
1er  (seiner  anordnung  str.  563)  hat  dafür,  unzweifelhaft  richtig,  sie  conicirt.  —  In 
Strophe  p,  7  (s.  147)  schrieb  Stejskal:  und  hüete  wol  der  Zungen  klaff erortes. 
klafferortes  muss  jedenfals  getrent  geschrieben  werden;  denn  Zungen  kann  nicht 
von  klafferortes  abhängig  sein ,  sondern  nur  klaffer  von  zwngen  und  dieses  von 
ortes. 

Nur  nebenbei  möchte  ich  bemerken ,  dass  hin  und  wider  die  s.  144  fgg.  abge- 
druckten Strophen ,  die  sich  nur  in  einzelnen  handschriften  finden ,  auch  eine  bemer- 
kung  verdient  hätten. 

Auch  gegen  die  interpunction ,  deren  durchführung  an  dem  oft  so  schwierig 
zu  verstehenden  Inhalt  bedeutende  hindernisse  zu  überwinden  hatte,  ist  nur  an 
spärlichen  stellen  etwas  einzuwenden.  So  134,  5  fgg.  nu  sint  si  als  die  wolfe  gar 
tinmaere;  die  da  den  guoten  wiben  ir  fröud  verkerent,  daz  sint  fruödirraere.  Das 
si  in  V.  5  verlangt  notwendig  eine  erklärung,  die  eben  in  dem  folgenden  relativ- 
satz  gegeben  ist;  der  Strichpunkt  ist  daher  in  einen  beistrich  zu  ändern;  der  rela- 
tivsatz  steht  dann  änd  xoivoD.  Ich  will  hier  anmerken,  dass  Hadamar  diese  con- 
struction  mit  einiger  Vorliebe  anwendet;  so  steht  sie  kurz  vorher  132,  5  fgg.:  ich 
mein  die  merker,  die  ez  dicke  noeten,  [daz  ez  sin  selbes  kummer  verswigen  muoz], 
daz  loil  es  danne  toeten.  Dann  129,  4:  ich  hoffe,  ez  ivelle  nü  geschehen,  [daz 
Harre,  Triuioe,  Staete  und  Wille  zuo  einander  setzen] ,  ^ö  stoigen  alle  klaffer  bil- 
lieh  stille.  Hier  ist  bemerkenswert,  dass  daz  zuerst  mit  ,,dass,"  im  zweiten  falle 
mit  ,,wenn"  zu  übersetzen  ist.  Freilich  kann  auch  der  durch  so  eingeleitete  satz 
für  sich  stehen,  so  hat  dann  die  häufig  vorkommende  bedeutung  ,,wenn  das  gesche- 
hen ist,  so,"  ,,dann"  (wie  auch  122,  7).  In  diesem  falle  ist  aber  natürlich  der 
beistrich  vor  so  in  einen  Strichpunkt  zu  verwandeln.  Es  begegnet  jedoch  dieselbe 
doppelte  bedeutung  von  daz  in  einer  « tto  xotroö- construction  auch  strophe  441:  ich 
wünsche  in  minem  herzen,  [daz  guoter  frouwen  ougen  wol  saehen  äne  smerzen  in 
al  der  minne  gernden  herze  tougen  wml  oiich  erkanden ,  da  ir  aller  meinen],  so 
möht  man  guot  dem  guoten  erzeigen  und  ouch  miden  die  unreinen.  Sie  braucht 
also  129,  4  nicht  aufzufallen.  Zu  str.  441  Ist  nur  noch  zu  erwähnen,  dass  der  bei- 
strich nach  erkanden  jedenfals  zu  streichen  ist.  —  817,  3  fgg.  ich  däht,  man  solte 
hohen  iuch  mörder,  öwe  einem  armen  gaste,  dem  bi  in  schalken  sine  hunde  entlie- 
fen. Nach  mörder  muss  ein  Strichpunkt  oder  punkt  gesezt  werden.  —  397.  Gesel- 
liclicher  läge  üf  alle  schanze  ivarten  nnem  ich  für  alle  mäge.  des  muot  besniten 
waer  so  mit  der  barten,  so  daz  er  tvol  geselleschaft  erkande,  verswigen  und  ant- 
tvurten  ze  rehter  zit,   waz  der  unsaelde  tvande.     Der  satz   naem  ich  für  alle  mäge 


ÜBER    HADAMAR    ED.    STEJSKAL  247 

sezt  eine  person  voraus,  Jio  HacUiniar  allen  seinen  verwaiiten  vorziehen  würde, 
„wenn  sie  nämlich  so  j,'cartct  wäre,  dass  sie  wul  von  dem  beisainniensein  wüste, 
jedoch  zu  rechter  zeit  zu  schweigen  und  rede  zu  stehen  verstünde,  so  dass  (hidurch 
alles  Unheil  heseitigt  würde."  Dies  ist  der  Inhalt  der  v.  4  fgg.,  die  notwendig  zu 
V.  3  gehören,  weshalb  ich  es  für  das  richtigehalte,  den  puukt  nach  müge  in  einen 
beistrich  zu  ändern.  V.  1  und  2  stehen  dann  gewissermassen  anaphorisch  da  und 
werden  durch  den  satz  mit  des  wider  aufgenommen;  des  steht  hier  in  derselben 
bedeutung,  in  welcher  so  oft  der  ==  siver  vorkomt  =  wenn  jemandes,  wenn  eines 
....  —  517,  1  fgg.  ffcdenke  in  släfes  tivalme  midi  Umngent  ie  so  nähen,  man 
muht  mit  einem  h(dme  da  zioischen  niht,  so  ivaene  ich,  umbe  vähen.  So  interpun- 
giert,  gehören  mit  einem  hcdme  du  stoischen  umhe  vähen  zusammen;  das  ist  ja 
eine  reine  contradictio  in  adjecto.  Die  besserung  ist  einfach,  indem  man  den  bei- 
strich nach  so  ivaene  ich  weglässt  und  nach  niht  stärker  interpungiert.  Die  stelle 
lautet  dann:  „im  träume  bin  ich  stets  so  nahe  an  ihr,  dass  man  mit  einem  haline 
nicht  dazwischen  könte:  so  fest  glaube  ich  sie  zu  umfangen."  Die  ellipse  des 
objectes,  wie  hier  hei  umherähoi.  findet  auch  sonst  bei  Hadamar  ihre  entsprecliung; 
vgl.  478,  4:  gelich  dem  helnden  diebe  oant  ich  da  leit,  dem  ich  (sc.  mich)  noch  nie 
ertoerte.  —  Auch  in  strophe  s  s.  148  würde  ich  eine  änderung  der  interpunktion 
vorschlagen.  Die  strophe  lautet:  ivaz  Ican  diu  herz  durch  kriechen,  daz  ez  den 
muot  erfrischet,  kein  erzen't  den  siechen  so  holde  labet,  so  ein  wort  daz  mischet  ist 
mit  dem  zeichen  dar  an  man  enphindet  ein  lieplich  sunder  meinen ,  ivie  snelle 
daz  unmnotes  bant  enbindet!  Ich  denke  mir  nun  den  gedankenzusammenhang  so; 
vorausgeht  die  frage:  „was  kann  so  in  das  herz  dringen,  dass  es  das  gemüt 
erquickt?"  Darauf  folgt  als  antwort  nicht  direkt:  Worte  und  gebärden  der  liebe, 
sondern  in  breiter  ausführung:  keine  arzenei  labt  den  kranken  so  bald,  als  ein  wort, 
das  von  gebärden,  an  denen  man  die  liebe  erkent,  begleitet  ist;  und  als  resume 
dessen  zum  schluss:  ,,wie  schnell  dadurch  der  unmut  beseitigt  wird!"  Danach 
glaube  ich,  ist  hinter  erfrischet  ein  fragezeichen  und  hinter  meinen  ein  Strichpunkt 
zu  setzen. 

Dem  texte  schliessen  sich  die  lesarten  an,  die  jedoch  nur  eine  auswahl  von 
handschriften  berücksichtigen,  vgl.  s.  244;  nur  in  wichtigeren  fällen  sind  auch  die 
handschriften  des  15.  Jahrhunderts  angeführt. 

An  die  lesarten  reihen  sich  die  anmerkungen ,  die  meist  lexikalischen  Inhal- 
tes sind,  indem  die  in  dem  gedieht  so  vielfach  vorkommenden  jagd- ausdrücke  sorg- 
fältig und  gründlich  erläutert  werden,  auch  sonst  bei  schwierigen  Wörtern  die  ent- 
sprechende Übersetzung  hinzugefügt  wird;  hin  und  wider  werden  auch  ganze  stellen 
dem  Vorständnisse  näher  gerückt,  jedoch  wie  ich  meine,  viel  zu  spärlich.  Hada- 
mars  unklare  diction  hätte  es  schon  verdient,  an  zahlreicheren  stellen  in  ein  helle- 
res licht  gestelt  zu  werden;  dem  herausgeber,  der  sich  in  das  gedieht  hineingelebt 
hat,  mag  manches  ganz  klar  sein,  was  demjenigen,  der  das  gedieht  eben  nur  liest, 
unverständlich  ist  oder  erst  nach  längerem  bemühen  deutlich  wird ;  vielfach  genügt 
da  eine  kurze  andeutung,  die  wenig  räum  einnimt,  die  anmerkungen  aber  erst  zu 
dem  macht,  was  sie  zu  sein  versprechen,  zu  einem  ,, erläuternden  commentar." 
Auch  syntactische  noten  finden  sich ;  auch  diese  hätten  viel  reicher  ausfallen  kön- 
nen; doch  ist  wie  gesagt,  das  hauptaugenmerk  des  herausgebers  auf  die  wort- 
erklärung  gerichtet  gewesen,  und  es  kann  ihm  daher  der  mangel  umfassenderer 
syntactischer  beobachtungeu  nicht  zur  last  gelegt  werden ,  zumal ,  wie  mir 
dr.  Stejskal  mitteilte,  das  festgesezte  raumverhältnis  ihm  vielfache  heschränkungen 
auferlegte. 


248  TOMANETZ 

Es  sei  mir  nun  noch  vergönt,  einzelne  punkte  der  anmerkungen  zu  bespre- 
chen. Zu  str.  29,  7:  claz  ich  mich  danne  ieman  irren  saehe  constatiert  Stejskal 
einen  acc.  c.  inf. :  ieman  mich  irren.  Doch  ist  dieses  bedenkliche  syntactische  hilfs- 
mittel  hier  gar  nicht  nötig;  ieman  ist  objects -accusativ  zu  saehe.  —  158,  6  ich 
meine  unnoetez  klaffen  von  manger  diet,  duz  mich  vil  dicke  toeret  soll  zu  dem 
indirecten  anführungssatze  ein  ,,ist  es"  zu  ergänzen  sein;  umioetez  klaffen  ist 
ubject  zu  ich  meine.  —  180,  5  ich  blies  zwir  ^ind  schrei  mit  mangem  ivuofen  ist 
wuofen  als  „Jammergeschrei"  erklärt;  eher  ist  hier  an  einen  jagdruf  zu  denken, 
durch  den  ein  helfer  herbeigeführt  werden  solte.  Nebenbei  will  ich  bemerken ,  dass 
es  mir  in  den  folgenden  versen:  ob  ich  noch  ieman  hörte,  den  ich  durch  helfe 
mohte  zao  mir  ruofen,  viel  plausibler  seheint,  statt  ob  ich  :  ob  mich  zu  schrei- 
ben; der  ton  liegt  doch  darauf,  dass  ihn  jemand  hört.  —  184,  6.  7  kein  künc 
wart  nie  so  riehe ,  ez  waer  (jenuoc ,  ob  er  die  vart  volendet.  Dies  wird  übersezt 
mit:  „kein  könig  war  jemals  so  glücklich,  es  wäre  viel,  wenn  er  (als  könig)  zum 
ziele  gelangen  würde."  Dadurch  ist  die  stelle  nicht  viel  klarer  geworden.  Es  ist 
wol  zu  übersetzen:  ,,Nie  war  jemals  ein  könig  so  reich,  dass  es  ihm  nicht  genügen 
köute,  wenn  er  (sc.  da,  bei  dieser  frau)  zum  ziele  käme."  ez  waer  =  es  enwaer.  — 
203,  1.  2.  dö  such  ich  ez  umb  jagen  üf  disen  ivegen  herte.  herte  wird  als  adv. 
gefasst  und  fehlt  als  solches  bei  Lexer.  Es  kann  hier  aber  auch  flexionsloses  attri- 
butives adjectiv  sein,  zu  wegen  gehörig.  Ebensowenig  ist  es  nötig,  346,  3.  4 
gesach  man  mich  ie  frechen,  duz  künde  mir  verzagen  dö  wol  stillen,  frechen  als 
ein  sonst  unbelegtes  sw.  v.  retl.  zu  fassen;  es  ist  der  accusativ  des  flectierten  prä- 
dicativ  gebrauchten  adj.  frech.  Anschliessend  will  ich  zwei  irtümer  corrigieren, 
die  Stejskal  bei  der  constatieruiig  des  fehlens  einzelner  Wörter  bei  Lexer  unterlau- 
fen sind.  Das  130,  7  erscheinende  adj.  schrickenlich  steht  bei  Lexer  11,  797  unter 
schriclich,  in  dieser  form  nur  durch  unsere  stelle  belegt;  ebenso  das  555,  2  vor- 
kommende lenken  stn.  bei  Lexer  I,  1882,  mit  unserer  stelle  als  einzigem  beispiel; 
allerdings  ohne  bedeutungsangabe.  An  mehreren  anderen  stellen  findet  sich  wider 
die  stelle  aus  Hadamar  bei  Lexer  notiert,  aber  mit  etwas  anderer  lesung  (nach 
Schmeller)  und  unter  einem  anderen  worte.  So  ist  263,  3  das  ady.  unhelfUche 
bei  Lexer  allerdings  nicht  angeführt ,  aber  unser  vers  steht  unter  unJiilflicJie  II,  1897 
als  einziger  beleg  angemerkt:  378,  5  «?t  ist  verschröteyi  min  gedankes  t'ider  findet 
sich  I,  962  mit  ÜfAimeller s  gerider,  das  durch  keine  handschrift  gestüzt  wird.  544,5 
daz  er  die  göudenlichen  milg  vertrinken  ist  I,  1025  unter  giudecliche  mit  der 
Schreibung  göudielichen  citiert,  während  das  adjectiv  göudenlich  (strophe  609  nach 
Schmeller,  f ,  s.  145  bei  Stejskal)  mit  der  richtigen  form  unter  giudenlich  I,  1026 
angemerkt  ist.  Wider  an  anderen  stellen  ist  wol  das  betreffende  wort  bei  Lexer 
vorhanden,  es  fehlt  jedoch  die  specielle  bedeutung,  die  für  die  stelle  bei  Hadamar 
angenommen  werden  muss;  so  bei  gerehticUch  (35,  2.  Lexer  I,  875;  vgl.  Nach- 
trag s.  V.)  die  bedeutung:  ,, weidgerecht,  hirschgerecht";  bei  brück  (69,  6.  Lexer 
I,  362)  die  bedeutung  ,, abgebrochener  zweig";  bei  blide  (72,  5.  Lexer  I,  307) 
die  bedeutung  „  artig ,  sittsam."  Diese  beiden  fälle  subsumiert  Stejskal  unter  das 
einfache  ,, fehlt  bei  Lexer";  gewiss  hat  er  recht;  in  einem  fall  fehlt  wirklich  die 
bestimte  form,  im  anderen  die  bedeutung;  das  hätte  aber  jedesmal  angemerkt  wer- 
den sollen.  An  allen  anderen  stellen  aber  (es  sind  deren  noch  ca.  60)  ist  in  der 
tat  das  volständige  fehlen  des  wortes  bei  Lexer  zu  constatieren ,  und  man  wird 
überrascht  durch  die  relativ  grosse  anzahl  dieser  bei  Hadamar  vorkommenden  «7r«| 
flQrjf^ivcc.  Freilich  sind  es  vielfach  blos  substantivierte  Infinitive ,  die  fehlen ,  und 
die  W.  Grimm    (vgl,  Lexer  I,    XVII)   übergangen    haben    mag,    und   andererseits 


ÜBER   HADAMAR   KD.    STEJSKAL  249 

erklärt  sicli  oft  das  nichterscheinen  der  Wörter  bei  Lexer  dadurch,  dass  eben  die- 
selben erst  durch  die  neuo  ausgäbe,  die  ein  l)essores  und  besser  verwertetes  band- 
schriften-material  zur  Verfügung  hatte  als  Schmeller,  in  den  fext  gcsczt  worden 
sind.  Übersehen  liat  Stejskal,  dass  das  196,  5  vorkommende  beobern  ebenfals  bei 
Lexer  fehlt.  Bei  diesem  wäre  auch  unter  änen  (1,  68)  die  bei  Hadamar  264,  2 
erscheinende  dialectische  nebenform  önen  (:  Ionen,  vgl.  St.  Hadam.  s.  XXXII)  nach- 
zutragen. —  zu  233,  5  da  viuoz  muot  in  unmnot  sich  hekohern  ist  nach  Lexer  I,  167 
für  bekobern  die  bedeutung  „sich  zusammenfassen,  erholen"  (Lexer  citiert  dafür 
blos  Herb.  H869)  angesezt:  hier  ist  es  wol  jedenfals  mit  ,.sich  verkehren"  zu  über- 
setzen, welche  bedeutung  allerdings  nicht  belegt  ist;  doch  lässt  sie  sich  sehr  leicht 
mit  der  belegten  bedeutung  vereinbaren:  denn  auch  das  ,, erholen"  sezt  eine  ände- 
rung  des  früheren  zustandes  voraus.  —  338,  5  ich  schrei,  claz  mort  mit  mordes 
übergolde.  Dazu  ergänzt  Stejskal  geschiht.  Es  heisst  natürlich  geschah;  die  ganze 
rede  ist  präterital.  —  411,1  fgg.  mit  hnnden  abgeladen  sach  ich  da  varen  einen 
gen  mir  üf  einer  sträzen.  ntii  hunden  abgeläzen  wird  übersezt  mit  „von  hunden 
verlassen."  ,,Mit"  kann  doch  nicht  mit  ,,von"  widergegeben  werden.  Es  heisst 
jedenfals  ,,  mit  hunden ,  die  freigelassen ,  vom  seile  losgemacht  waren ,  also  frei 
herumliefen."  Dafür  spricht  auch  v.  5,  in  welchem  Hadamar  zu  diesem  Jäger,  der 
da  herangekommen  ist,  sagt:  hie  ist  vil  ivildes ,  vähä  dine  hunde.  —  555.  vol- 
sprechen  noch  volsingen  mit  aller  zunge  lenken  kan  nimmer  muwt  volbringen,  — 
was  guoter  dinge  man  mit  Harren  endet,  lenken  fasst  Stejskal  mit  Lexer  als  stn. 
und  übersezt  es  mit  ,,das  lenken."  Es  ist  nicht  zu  läugnen ,  dass  dies  nicht  zum 
besten  passt.  Wäre  es  nicht  besser,  lenken  als  dat.  plur.  zu  einem  stn.  letik  = 
gelenk  zu  fassen,  wie  wir  ähnlich  378,  5  vider  statt  gevider  gebraucht  gefunden 
haben?  Dass  die  ausdrucksweise  „mit  den  gelenken  der  zunge"  anatomisch  unrich- 
tig ist,  braucht  im  14.  jh.,  zumal  in  einer  dichtung,  nicht  aufzufallen. 

Die  lezten  selten  der  ausgäbe  fült  ein  kurzes  aber  volständiges  sach-  und 
Wortregister. ' 

Alles  zusammengenommen,  kann  man  nur  constatieren,  dass  diese  herrn 
prof.  Heinzel  gewidmete  ausgäbe  der  „Jagd"  allen  anforderungen ,  die  man  an  sie 
zu  stellen  berechtigt  war,  in  volstem  umfang  entspricht  und  im  verein  mit  ihrer 
freundlichen  ausstattung  gewiss  nicht  verfehlen  wird ,  sich  unter  den  Germanisten 
zahlreiche  freunde  zu  erwerben.  Sie  ist  ganz  danach  angetan ,  das  Interesse  für 
Hadamärs  poem  von  neuem  anzuregen  und  zum  weiterarbeiten  auf  dem  nun  gebahn- 
ten wege  anzueifern.  Von  diesem  gesichtspunkte  aus  wollen  meine  bemerkungen 
beurteilt  werden. 

1)  Wenn  ich  noch  auf  einzelne  druckfehler  aufmerksam  mache,  die  sich  zumal 
in  die  anmerkungen  eingeschlichen  haben,  so  geschieht  dies  gewiss  nur  deshalb,  weil 
ich  es  für  eine  .pflicht  des  recensenten  halte,  auf  derlei  kleinigkeiten  aufmerksam  zu 
machen,  damit  sich  dieselben  andere  leser  und  der  autor  selbst  ohne  mühe  ausbessern 
können.  Die  meisten  druckfehler  im  texte  sind  schon  einleitung  s.  XLIV  angemerkt; 
nachzutragen  bleibt  nur  2.3.5,  7  lies  üzbrüchic  statt  ürhrüchic.  In  den  anmerkungen 
s.  180  gehört  die  note  zu:  die  vart  bmven ,  die  unter  26  steht,  an  das  ende  von  str.  25, 
s.  188  die  unter  94  stehende  bemerkung  zu  ungeslagen  schon  zu  str,  95,  ebenso  s.  194 
das  unter  175  erklärte  tingirdec  schon  zu  str.  177,  s.  sodann  209  oben  durchgraben 
schon  zu  Str.  538.  Ausserdem  lies  s.  185  statt  str.  62:  63,  s.  188  z.  17  v.  u.  statt  ihm: 
ihn,  s.  197  statt  str.  236:  235,  s.  204  z.  8  v.  o.  statt  schwiegen:  schweigen  und  statt 
anwenden:  abwenden,  endlich  s.  210  z.  4   v.  o.  statt  allitation :  alliteration. 

ZNAIM,  IM  MÄRZ  1880.  KAHL  TOMANETZ. 


250  KINZEL 

Die  poetischen  erzäliluiigen  des  Herraiid  vou  Wildouie  und  die  kleinen 
innerösterreichischen  Minnesinger  herausgegeben  von  dr.  Karl 
Ferd.  Kummer,  Prof.  am  K.  K.  Staatsgymnasium  im  IX.  Bezirk  in 
Wien.     Wien  1880,  Alfred  Holder.    XIV  und  228  s.     u.  m.  5,60. 

Die  poesie  der  Epigonen  konte  sich  bis  in  die  jüngste  zeit  nicht  grade  einer 
sehr  lebhaften  teilnähme  der  forscher  erfreuen.  Besonders  den  entlegeneren  gebie- 
ten und  weniger  bedeutenden  Stoffen  schenkte  man  geringere  beachtung.  Ein  blick 
auf  die  nachtrage ,  Avelche  Martin  der  litteraturgeschichte  Wackernagels  hinzufügte, 
gibt  davon  Zeugnis:  für  den  ausgang  des  13.  und  die  späteren  Jahrhunderte  stand 
ihm  nur  spärliches  material  zu  geböte.  Es  fehlte  eben  hier  lange  die  rechte 
anregung,  und  es  ist  immer  von  neuem  zu  bedauern,  dass  Jänicke  seine  absieht 
nicht  zur  ausführung  bringen  durfte,  die  geschichte  der  deutschen  spräche  von 
1250  — 1350  zu  schreiben,  wie  er  1873  versprach.  Eine  solche  zusammenfassende 
arbeit  wäre  sicherlich  überaus  befruchtend  gewesen. 

Dieses  jähr  hat  uns  zwei  umfangreiche  specialuntorsuchuugen  aus  jener  epoche 
gebracht,  welche  der  anregung  Heinzeis  ihre  entstehung  verdanken  und  ihm  gewid- 
met sind:  Hadamars  von  Laber  Jagd  von  Stejskal  und  Herrand  von  Wildonie  von 
Kummer  herausgegeben ,  beide  in  lobenswerter  ausstattung  bei  Holder  in  Wien 
erschienen. 

Kummer  gibt  s.  129  — 176  einen  kritischen  text  der  poetischen  erzählungen 
Herrands,  s.  177  — 186  den  der  vier  minnesänger  Wildonie,  Sounecke,  Scharphen- 
berc  und  Stadecke,  unter  demselben  die  abweichenden  formen  der  handschrift, 
dahinter  33  selten  anmerkungen.  Es  ist  zu  bedauern,  dass  diese  nicht  ebenfals 
unter  dem  texte  stehen,  da  ihre  benutzung  dadurch  doch  bedeutend  erleichtert 
worden  wäre.  Ob  es  dem  Verfasser  gelungen  ist,  aus  der  einzigen  handschrift  den 
text  mit  einiger  Sicherheit  herzustellen,  wollen  wir  nicht  weiter  untersuchen.  Jeden- 
fals  beruht  sein  verfahren ,  das  ja  in  solchem  falle  stets  von  zweifelhaftem  werte 
ist,  wenn  nicht  wenigstens  einige  gedichte  zuverlässiger  überliefert  sind,  auf  den 
eingehendsten  Specialuntersuchungen  über  spräche  und  metrik  Herrands ,  welche 
die  einleitung  darlegt.  Wir  wollen  deshalb  auch  auf  einzelheiten ,  die  luis  aufgefal- 
len sind,  wie  die  form  hetse  für  hete  si  III,  142,  ivunnelcben  in  zwei  werten 
III ,  548  und  manches  andere  nicht  näher  eingehen ,  sondern  uns  ihr  zuwenden. 
Sie  zerfält  in  zwei  hauptteile.  Der  erste  s.  1—55  behandelt  die  poetischen  erzäh- 
lungen Herrands. 

Nachdem  wir  über  die  Schreibweise  der  Ambraser  handschrift  und  Bergmanns 
textreceusion ,  über  die  drucke  und  verwanten  darstellungen  kurz  orientiert  worden, 
folgt  eine  sorgfältige  metrische  analyse.  Sonderbar  ist  der  ausdruck ,  der  erste 
herausgeber  scheine  „in  herstellung  mhd.  formen  etwas  weit  gegangen  zu  sein," 
während  doch  sein  verfahren  offenbar  wie  das  v.  d.  Hagens  in  seinen  gesamtabeu- 
teuern  ganz  unkritisch  war.  Sic  übersezten  eben  unbekümmert  um  reim  und  metrik 
alles  erreichbare  in  die  spräche  Hartmanns.  Nicht  viel  anders  ist  das  verfahren 
Goedekes  in  seinem  Theuerdank  zu  bezeichnen,  das  schwerlich  dadurch  entschuldigt 
wird,  dass  jene  samlung  für  ein  grösseres  publikum  bestirnt  ist.  Wer  den  Theuer- 
dank liest,  mag  sich  auch  die  sprachformen  jeuer  zeit  gefallen  lassen.  Schlimmer 
aber  ist  es  in  sofern,  als  Goedeke  nicht  einmal  bemerkt  hat,  wo  und  wie  er  geän- 
dert hat.  Kummer  durfte  also  auf  seine  ausgäbe  keine  rücksicht  nehmen,  am 
wenigsten  Schlüsse  auf  ihre  Orthographie  bauen. 

Die  bemerkung  unter  den  consonantisch  -  unreinen  reimen  s.  6 ,  dass  die  auf- 
geführten reimfreiheitcn  in  den  Nib.  im  Parz.  vorkommen ,   ist  in  dieser  algemein- 


ÜBER  HERRAND    ED.    KUMMER  251 

heit  unrichtig  uud  irreleitend,  zumal  Ja  man  sie  auf  das  umiiittelbar  vorhergehende, 
auf  reime  wie  was  :  baz,  beliben  :  verzifjot ,  bezieht.  Die  anmerkungcn  z.  d.  st. 
berichtigen  dies  auch  zum  teil. 

Die  motrik  ist  wie  das  ganze  buch  mit  grosser  Sorgfalt  und  kcntnis  der  ein- 
schlägigen arbeiten  dargestelt.  Die  einzelnen  abschnitte  behandeln  die  hebungen 
im  vers,  hebung  und  senkung,  einsilbigkeit  derselben,  die  lezte  Senkung  und  den 
auftact  s.  7 — 20.  In  bezug  auf  die  Verwerfung  der  annähme  von  dreihebigcn  Ver- 
sen bei  Herrand  stimmen  wir  dem  Verfasser  durchaus  bei.  Unter  den  von  ihm  auf- 
geführten beispielon  haben  die  meisten  verse  sicher  sechs  silben  und  sind  ohne 
Schwierigkeit  regelrecht  zu  lesen.  Im  einzelnen  liesso  sich  natürlich  bei  manchem 
fall  mit  dem  Verfasser  über  seine  auffassung  rechten.  Aber  wer  sich  einmal  an  die 
verwickelte  aufgäbe  spät  nihd.  metrik  gemacht  hat,  weiss,  wie  schwer  es  ist,  ohne 
vorgefaste  meinung  zu  jeder  erscheinung  eine  feste  Stellung  zu  gewinnen.  Die 
frage  nach  der  silbenzählung  im  13.  Jahrhundert  ist  eine  überaus  schwierige  und 
es  will  mir  scheinen,  als  wäre  Jänicke  in  ztschr.  f.  d.  a.  16  und  17  zu  weit  gegan- 
gen, wenn  er  ihr  einen  solchen  cinfluss  auf  widersinnige  wortbetonung  zuschreibt. 
Eher  hat  man  sich  wol  sonst  allerhand  freiheit  in  verschleifung  usw.  gestattet, 
auch  wenn  dabei  fehlende  Senkung  eintrat.  Wo  ist  auch  z.  b.  die  grenze  zu  zie- 
hen, wenn  es  heisst :  ,,die  vokalische  Senkung  kann  eiugesezt  oder  doch  als  dem 
dichter  noch  fühlbar  gedacht  werden"  (s.  8)  wie  in  heimelich ;  oder  hat  hier  die 
Senkung  gefehlt  ?  Das  aber  ist  schwerlich  bei  einem  dichter  wie  Herrand  zuzu- 
geben, bei  dem  das  fehlen  der  senkung  in  vielen  fällen  constatiert  ist,  wie  ürloüge, 
herliche,  herschaft,  einvalt  u.  a. ,  dass  er  den  artikel  in  folgenden  fällen  betont 
habe: 

3,  109.    imcl  hiez  den  lantliuten. 

3 ,  273.    dö  slouf  der  eilende. 

8,  284.    da  er  den  tonoartel  vant. 

3,  348.    dö  er  des  almuosens  bat. 

Ich  glaube,  dass  man  auch  in  der  metrik  der  Ordnung  zu  liebe  mit  dem  Schema- 
tismus zu  weit  gehen  kann.  Unsrer  auffassung  entspricht  denn  auch  das  resultat 
(s.  19):  ,,  Herrand  von  Wildon  gehört  zu  den  genaueren  dichtem  der  zweiten  hälfte 
des  13.  Jahrhunderts ;  .  .  .  von  den  rohheiten  der  späteren  dichter  im  gebrauche  der 
kurzen  reimpaare  und  in  der  silbenzählung  hält  er  sich  frei." 

Nachdem  die  möglichkeit,  ja  walirscheinlichkeit  dargelegt  worden,  dass  der 
liederdichter  und  erzähler  identisch  sind  (vgl.  auch  Wack.  lit,  gesch.  ^  361) ,  folgt 
in  dem  abschnitte  ,,  Chronologie  der  erzählungeu"  s.  21— 34  der  nachweis,  dass 
Herrand  (im  Koberstein  immer  Herant)  der  zweite ,  1248  —  78  urkundlich  bezeugt, 
nicht  der  dritte  1281 — 92,  der  vei'fasser  sei,  der  in  intimen  beziehungeu  zu  Ulrich 
von  Liechtenstein  stand.  Chronologisch  wird  für  die  einzelnen  gedichte ,  für  nr.  III 
und  IV  durch  versuchte  deutung  und  anlehnung  an  historische  Verhältnisse,  fol- 
gende reihenfolge  festgestelt: 

II.  der  verkerte  toirt,  jedenfals  nicht  nach  1275,  Ulrichs  von  Liechtenstein  tod. 

I.  diu  getriu  kone,  nicht  vor  1257,  Ulrichs  Prauenbuch. 

III.  dor  blöze  keiser,  etwa  1259/60. 

IV.  von  der  katzen,  zwischen  1269  und  1271 

Der  schluss  des  I.  teils  behandelt  Herrands  Verhältnis  zu  seinen  Vorgängern,  zu 
Stricker,    zu    Liechtenstein    u.  a.     Für    die    erste   erzählung  diu  getriu  kone   oder 


252  KINZEL 

daz  ouge  uimt  Kuiiuner  an ,  dass  Herrand  das  längere  gedieht  GA  1 ,  149  (die  vers- 
zahl ist  gleich,  es  fehlen  aber  in  GA.  Herrands  v.  1  —  22  und  265—75)  gekant 
habe.  Ist  nicht  vielmehr  mit  v.  d.  Hagen  an  eine  gemeinsame  quelle  zu  denken? 
Freilich  wäre  dann  anzunehmen,  dass  beide  sich  ziemlich  frei  zu  ihr  verhalten  hät- 
ten. Eine  abhängigkeit  Herrands  von  der  darstellung  in  GA  will  mir  nicht  recht 
einleuchten. 

Der  vergleich  des  ,, Nackten  Königs"  mit  der  gleichen  bearbeitung  des 
Strickers  ist  recht  geschickt.  Verfasser  macht  aufmerksam  auf  die  modernen  ideen, 
welche  Herrand  eingefiochten  hat  und  die  ein  licht  werfen  auf  die  Verhältnisse  sei- 
ner zeit.  Wie  hier  so  weicht  auch  die  darstellung  in  der  erzählung  von  der  katsen 
von  Strickers  kater  freier  bedeutend  ab.  Dennoch  wird  auch  bei  dem  Nackten 
König,  der  zwar  unter  des  Strickers  namen  überliefert  ist,  aber  ihm  von  Bartsch 
abgesprochen  wird,  angenommen,  dass  Herrand  dies  gedieht  gekant  habe,  ja  dies 
wird  gestüzt  durch  die  Vermutung,  einige  Übereinstimmung  in  bezug  auf  behand- 
lung  des  reims  lassen  sich  auf  einfluss  dieses  gedichts  zurückführen.  Dies  erscheint 
um  so  kühner,  als  nach  des  Verfassers  Zusammenstellungen  s.  40  fgg.  die  sonstigen 
Übereinstimmungen  sich  nur  ,,  auf  einzelne  Wendungen  und  kleine  züge  erstrecken." 
Auch  die  technik  Ulrichs  von  Liechtenstein  hat  Kummer  einer  Untersuchung  unter- 
zogen und  verwendet  zum  vergleich  die  reime,  die  ausfüUuug  der  Senkungen  u.  a. 
Hier  soll  sich  ebenfals  formelle  beeinflussung  orgeben,  z.  b.  ,,den  grammatischen 
oder  logischen  ton  um  des  versaccentes  willen  zu  verschieben,  hat  Wildon  wol  von 
Liechtenstein  gelernt."  Ich  brauche  kaum  ein  wort  darüber  zu  verlieren,  dass  dies 
wol  scharfsinnig  erfunden  ist,  dass  es  aber  schwerlich  je  zu  grosser  wahrschein- 
keit  gebracht  werden  wird.  Beide  dichter  gehören  derselben  zeit,  derselben  gegend 
an:  ich  müste  mir  die  handhabung  dichterischer  technik  überaus  mechanisch  vor- 
stellen, wenn  ich  an  eine  abhängigkeit  denken  wolte.  Man  sehe  nur  auf  die  bil- 
dende kunst  gleichen  orts  und  gleicher  zeit.  Zahllos  finden  sich  dieselben  motive, 
dieselben  formen ,  meist  ohne  dass  eine  directe  nachahmung  anzunehmen  ist. 

Abhängigkeit  Herrands  von  Ulrich,  bekantschaft  mit  Iwein  und  Parzival  wird 
auch  aus  dem  wertschätz  erwiesen.  Kummer  geht  im  ganzen  vorsichtig  zu  werke 
und  komt  über  eine  Wahrscheinlichkeit  nicht  hinaus. 

Der  zweite  teil  der  einleitnng  s.  55  — 126  behandelt  die  vier  kleinen  inner- 
österreichischen  minncsinger  Wildonie,  Sounecke,  Scharphenberc  und  Sta- 
decke.  Kummer  gibt  zunächst  eine  eingehende  Übersicht  über  die  entwicklung 
der  lyrischen  poesie  mit  besondrer  berücksichtigung  ihres  lebens  in  Österreich.  Von 
den  österreichischen  minnesingern  werden  auch  die  weniger  bekanten  und  unbedeu- 
tenderen mit  grosser  Sorgfalt  skizziert,  und  zwar  werden  zuerst  die  ,,im  öster- 
reichischen hauptlande  betrachtet ,  wo  sie  sich  um  einen  festen  mittelpunkt  grup- 
pieren." Dann  geht  der  Verfasser  s.  70  zu  den  übrigen  österreichischen  ländern 
über:  Tjrol,  Kärnten,  Steiermark,  und  komt  so  zu  den  vier  steirisehen  dichtem, 
die  er  besonders  behandelt. 

Die  Untersuchung  über  heimat  und  zeit  der  sänger  s.  76  —  84  gibt  folgende 
resultate.  Scharphenberc  ist  ein  plagiator  Neidharts;  welcher  und  ob  einer 
von  den  urkundlich  bezeugten  herrn  von  Scharphenberc  ist  nicht  festzustellen.  Über 
Suon egge,  der  eine  eingehendere  prüfung  verlangte  und  erfuhr,  wird  seine 
Zugehörigkeit  zum  geschlechto  der  untersteirischen  Saneck  oder  Souneck  vermutet 
und  nicht  an  Konrad  L,  sondern  an  einen  seiner  söhne  gedacht,  die  von  1255 
an  erscheinen.  Der  Stadecker  ist  nach  Weinholds  bestimmung  (Wiener  Sitz. -  Ber. 
1861;  35,  162)  Rudolf  IL  1243—1261. 


ÜBER    HEREÄND    ED.    KUMMER  253 

Die  „Charakteristik  dor  sänger"  s.  84  —  96  berücksichtigt  das  naturgefühl, 
Syntax  und  stil,  Strophen-  und  versbau.  Bei  Wildonie  und  Stadeck  schliesst 
Kummer  auf  gleiche  schule.  Ein  besondres  kapitel  trägt  die  Überschrift  ,,  Vorbil- 
der und  uacliabmer"  s.  97  — 120.  Der  Verfasser  spricht  sich  im  algemeinen  mit 
recht  sehr  vorsichtig  über  entlehnungen  aus,  meint  sogar,  „dass  für  wenige  gedan- 
ken  und  Wendungen  unserer  dichter  sich  nicht  parallelen  aus  örtlich  oft  recht  ent- 
legenen poeten  beibringen  Hessen."  Dennoch  glaubt  er  nachweisen  zu  können  ,,für 
Wildonie,  Sunecke  und  Stadecke  fast  gleichmässige  bekantschaft  und  verwantschaft 
mit  Walther,  Neifen  und  Liechtenstein ,  für  Scharphenberc  engste  anlehnung  an 
Neidliart  und  dessen  scliule."  Aus  den  algemeinen  berührungen  schliesst  er  auf 
einwirkung  der  schwäbischen  poeten  auf  den  osten  und  nimt  seit  1276  eine  rück- 
strömung  aus  dem  osten  nach  dem  westen  an:  ,,  und  zwar  ergibt  sich  als  das 
wahrscheinliche  vehikel  der  durch  die  Habsburger  begründete  verkehr  zwischen  den 
beiden  äussersten  grenzen:-  diese,  als  angesessen  im  äussersten  westen  und  als  neue 
landesherren  im  osten,  führten  und  zogen  bei  ihren  widerholten  zügen  die  beider- 
seitige ritterschaft  mit  sich. 

Der  lezte  abschnitt  ist  der  „Überlieferung"  gewidmet.  Kummer  weist  „grup- 
pen  von  sängern,  die  nach  einem  systera  geordnet  sind,  wol  kleine  liederbücher, 
als  bestandteile  der  quelle  BC  so  gut  wie  der  handschrift  C  nach"  und  nimt  an, 
dass  Wildonie,  Suneck,  Scharphenberc  schon  in  einem  liederbuch  gestanden  haben, 
als  die  samlung  C  angelegt  wurde. 

Hoffentlich  ist  es  mir  gelungen,  ein  bild  von  der  sorgfältigen  und  instruc- 
tiven  arbeit  Kummers  zu  geben,  der  sich  schon  dadurch  ein  verdienst  erworben, 
dass  er  uns  die  schlecht  erreichbaren  werke  des  Herrand  und  einiger  Zeitgenossen 
so  bequem  zugänglich  gemacht  hat.  Auch  Alwin  Schultz  in  seinem  „höfischen 
leben"  hat,  soviel  ich  sehe,  den  von  Wildonie  nicht  benuzt,  ihm  würden  sonst 
einige  interessante  stellen  über  das  baden  nicht  entgangen  sein.  Ich  komme  gele- 
gentlich darauf  zurück. 

BERLIN,    JUNI    1880.  KARL    KINZEL. 


(f.  Michaelis,  Beiträge  zur  Geschichte  der  deutschen  Eechtschrei- 
buug.  Ergänzungen  zu  der  Schrift:  die  Ergebnisse  der  zu  Berlin 
vom  4.  bis  15.  Januar  1876  abgehaltenen  orthographischen  Kon- 
ferenz.    Berlin,  Barthol  1880.     140  s.     8.     M.  1,50. 

In  dieser  ztschr.  XI,  495  wurde  schon  auf  einige  interessante  mitteilungen 
über  die  geschichte  der  Schreibung  aus  der  feder  desselben  Verfassers  hingewiesen. 
In  der  neuen  schritt,  welche  diesem  thema  ausschliesslich  gewidmet  ist,  sind  zwei 
kleine  hefte  zu  einem  ganzen  vereinigt.  Das  erste  erschien  schon  1877  als  ergän- 
zung  zu  den  ,, Ergebnissen"  und  enthielt  auf  56  selten  zwei  abhandlungen  über 
,, beseitiger  der  dehnungszeichen  in  der  zweiten  hälfte  des  18.  Jahrhunderts"  und 
„die  grammatiker  der  fruchtbringenden  geselschaft  und  die  Zesianer."  Auch  das  neu 
erschienene  zweite  heft  gibt  wertvolle  beitrage  zur  geschichte  der  deutschen  Schrei- 
bung, wenn  mau  auch  eine  gewisse  einheitliche  durcharbeitung  des  gesammelten 
Stoffes  vermisst.  Es  wäre  wünschenswert,  dass  Michaelis,  den  man  eine  autorität 
auf  diesem  gebiete  nennen  kann,  mit  seinem  unermüdlichen  eifer  zu  einer  umfas- 
senden geschichtlichen  darstellung  gelangte. 

Die  erste  der  neuen  abhandlungen  (III)  beschäftigt  sicli  mit  den  ,, fraktur- 
drucken von  Guttenberg  bis  zu  Luther."     Ins  äuge  gefasst  wird  zunächst  die  dar- 


254  KINZEL 

Stellung  der  S- laute  und  die  ansieht  des  Verfassers  über  die  physiologische  bildung 
derselben  verteidigt,  die  schon  mannigfache  angriffe  erfahren  niuste.  Michaelis 
zeigt  uns,  wie  diese  laute  in  den  ältesten  drucken  Verwendung  fanden.  Er  teilt 
u.  a.  zu  diesem  zwecke  proben  aus  sieben  drucken  (1466^1518)  der  vorlutherischen 
deutschen  bibelübersetzung  mit,  weil  wir  ,,an  ihnen  ein  gutes  stück  der  entwicke- 
lung  der  hochdeutschen  spräche  und  Schreibung  bis  zu  Luthers  Übersetzung  hin 
verfolgen  können,"  und  zeigt  wie  almälilich  der  positions-kanon  wosser,  hießen 
eindringt.  Die  frage  s.  64:  „wie  soll  man  nun  lesen  flöß  oder  schon  floss?"  ist 
unberechtigt.  Das  gefühl  für  den  unterschied  langer  und  kurzer  vocale  geht  eben 
seit  dem  13.  jahi'huudert  almählich  verloren;  es  wurde  also  wol  ein  zwischenlaut 
gesprochen.  —  Daneben  führt  uns  Mich,  die  eigentünilichkeiten  des  Niklas  von 
Wyle  und  des  Parzival-druckes  von  Mentelin,  Strassburg  1477  vor,  um  zu  zeigen, 
,,dass  manches,  was  man  in  Luthers  schritten  als  eigentümlich  anzusehen  und  aus 
dem  gebrauche  der  kanzleien  abzuleiten  pflegt,  in  der  ihm  vorangehenden  littera- 
tur  bereits  volständig  vorbereitet  war." 

Nach  einem  kurzen  abschnitt  über  die  bezoichnung  der  umlaute  von  u  und  o 
wendet  sich  der  Verfasser  dem  Mitteldeutschen  im  algemeinen  zu.  Er  hält  es  für 
wahrscheinlich ,  dass  im  md.  des  14.  Jahrhunderts  ie  z.  b.  im  worte  siech  (Beheim 
Evang.)  noch  lautlich  durchgeklungen  habe.  Dagegen  spricht  einmal,  dass  wir  in 
vielen  md.  denkmälern  i  für  ie  und  ie  für  i  geschrieben  finden ,  dann  aber  vor 
allem,  dass  die  dichter  diese  wilkürlich  auf  einander  reimen.  Interessant  ist  die 
s.  79  abgedruckte  Urkunde  aus  Korbach  (Waldeck)  vom  jähre  1374:  t  verschoben, 
auch  daz,  aber  zweimal  dit;  brib,  bribe:  luden,  gndir,  gebeden,  aber  vatir ;  hei', 
kene  usw.  Solte  wirklich  uo  in  tzuo  stehen?  Korbach  ist  ndd. ,  die  spräche  der 
Urkunde  mfränkisch.  Damit  kehrt  Michaelis  zu  den  umlauten  von  o  und  u  zurück 
und  hat  sein  augenmerk  auch  im  lezten  abschnitt  ,,die  niederdeutschen  drucke" 
darauf  gerichtet.  Er  zeigt  wie  das  eintreten  der  umlautbezeichnung  im  mnd.  ganz 
parallel  geht  mit  dem  in  md.  an  den  Lübecker  drucken  des  Dodesdanz  1489  usw. 
und  des  Reinke  1498,  an  den  Rostocker  drucken  und  in  den  ndd.  bibelübersetzun- 
gen  von  Lübeck  1494,  Halberstadt  1520,  Wittenberg  1523.  Aus  diesen  lezten 
dreien  gibt  er  eine  reihe  von  parallel -stellen. 

IV.  Luther.  Nach  einigen  einleitenden  orientierenden  bemerkungen  wendet 
sich  Verfasser  zu  Luthers  Schreibung  und  zu  seinen  druckern:  Job.  Grunenberg, 
Melchior  Lotther  (proben  aus  ,,An  den  christlichen  Adel,"  „Das  Newe  Testament" 
sept.  1522).  Es  wird  nachgewiesen,  dass  in  der  2.  aufläge  des  neuen  testaments, 
welche  im  dec.  1522  bei  demselben  drucker  erschien,  das  fj  getilgt  ist,  während  es 
die  1.  aufl.  reichlich  anwante.  Ein  neuer  kanon  ist  eingetreten:  ,,im  inlaut  ff,  im 
auslaut  §  (nur  ausnahmsweise  fg."  (S.  101),  also  gvoffe ,  grog;  voffc,  ro8;  l^affe, 
l^aS.  Michaelis  hat  sich  bemüht,  in  der  annähme,  dass  weder  autor  noch  drucker 
ihre  ansieht  so  schnell  geändert  haben  können ,  anderswo  einen  urheber  dieser 
grundlegenden  änderung  zu  finden  und  hat  scharfsinnig  auf  Justus  Jonas  oder  Hans 
Luff't  vermutet. 

Im  folgenden  weist  nun  der  Verfasser  weitere  änderungen,  wie  bezeichnung 
des  Umlauts  usw.  in  der  Orthographie  Lutherischer  schriften  nach  und  wendet  sich 
dann  zu  seinem  gebrauche  von  i  und  ie,  dem  „  intervocalen "  /*,  th,  consonant- 
verdopplung  und  dehnungszeichen.  In  bezug  auf  ie  nimt  Michaelis  einen  vermit- 
telnden Standpunkt  ein  zwischen  Hupfeld  (Neue  Jen.  allg.  Litt.  Zt.) ,  welcher  Luther 
den  gebrauch  etymologisch  -  richtiger  ie  zuschrieb  und  Rückert  (nhd.  Schriftsprache), 


ÜBEU    MICHAELIS,    Z.    RKCHTSCHRKIBUNfi  255 

welcher  bei  ihm  überall  deliiiungszeichen  erblickte.  Seiner  ansieht  nach  sei  das  e 
als  dehnnngszeichen  nach  /  erst  alniählieh  eing'edrimgen.  ,,In  der  sehrift  an  den 
christliehen  adel  beispielsweise  sind  abgesehen  von  einigen  wenigen  sich  eindrän- 
genden abweiehungen  die  oberdeutschen  ie  noch  sprachrichtig  bewahrt  und  ebenso 
widerum  die  reinen  i"  (s.  IIG).  Um  zu  zeigen,  wie  Luther  sich  zu  dem  ,,inter- 
vocalen"  h  verhielt,  das  teils  aus  altem  h.  teils  aus  ^v  oder  j  entstanden  oder  nur 
silbentrennend  ist,  wird  eine  reihe  von  über  100  solcher  Wörter  s.  119  — 134  in 
alphabetischer  folge  mit  belegen  aus  Luther,  aus  md.  und  ndd.  denkmälern  auf- 
geführt. 

Über  einzelne  Sonderbarkeiten  wollen  wir  mit  dem  Verfasser  liii'r  niclit  rech- 
ten. Nur  das  eine  sei  uns  zu  bemerken  erlaubt.  Weshalb  derselbe  seine  Unter- 
suchungen ergänzungen  zu  der  auf  dem  titel  angeführten  schritt  nent,  wissen  wir 
nicht.  Aber  dass  er  auch  innerhalb  dieser  wissenschaftlichen  arbeit  bisweilen  noch 
auf  die  beschlüsse  der  orthographischen  konfercnz  rücksicht  nirat,  wie  s.  119, 
welche  doch  ihrem  ganzen  wesen  nach  der  Vergangenheit  angehört  und  zu  diesen 
historischen  abhandlungen  in  gar  keiner  beziehung  steht,  ist  nicht  zu  billigen. 

BERLIN,    JUNI    1880.  KARL    KINZEL. 


Herinauii  Althof,  Grammatik  altsächsischer  Eigennamen  in  westfä- 
lischen Urkunden  des  neunten  bis  elften  Jahrhunderts.  Paderborn 
1879,  Schöningh.     92  s.     8. 

Nachdem  über  die  heimat  der  verschiedenen  altniederdeutschen  deukmäler 
mancherlei  mehr  oder  weniger  gesicherte  Vermutungen  geäussert  worden ,  erhalten 
wir  nun  durch  Althof  wenigstens  für  einen  teil  des  gebietes  das  material,  das  zu 
genauerer  localer  fixierung  jeuer  denkmäler  unbedingt  notwendig  ist.  Voraus 
schickt  der  Verfasser  eine  recht  gelungene  erörterung  über  die  sprachliche  Verwer- 
tung der  eigennameu  in  mittelalterlichen  Urkunden  (s.  1  —  14).  Er  betont,  dass  die 
eigennamen  genau  der  gleichen  Veränderung  unterworfen  sind,  wie  das  übrige 
sprachgut:  ausgenommen  sind  Ortsnamen,  die  durch  officielle  Schreibung  auf  einer 
gewissen  stufe  fixiert  sind,  sowie  —  zur  zeit  der  abschwächung  der  endsilben  — 
die  taufnamen,  die  aus  psychologischen  gründen,  in  folge  einer  etymologisierenden 
riehtung,  vollere  endvocale  behielten.  Mit  grosser  besonneuheit  wählt  Althof  die 
Urkunden  aus,  die  allen  für  grammatische  zwecke  zu  stellenden  bedingungen  genü- 
gen, und  gibt  s.  15  —  30  regesten  des  benuzten  materials.  Es  folgt  dann,  auf  etwa 
2400  namensformen  sowie  eine  auswahl  von  appellativen  gründend,  die  lautlehre 
(s.  33  77),  die  declination  (s.  76  —  85)  und  lexicalisches  (s.  86).  Den  schluss 
bildet  ein  ausführliches  Inhaltsverzeichnis.  Althof  beschränkt  sich  darauf,  die  tat- 
sachen  zusammenzustellen  und  zu  ordnen ;  auf  eigentliche  sprachliche  Untersuchun- 
gen, erörterungen  über  den  lautwert  der  verschiedenen  Schreibungen  lässt  er  sich 
nicht  ein.  Aber  schon  diese  nackten  Zusammenstellungen  sind  höchst  dankenswert 
und  bieten  genug  des  interessanten  und  zur  nähern  Untersuchung  reizenden. 
Ich  führe  an  die  Schreibung  ch  für  ry  im  anlaut  und  inlaut  (§29,  32  und  36): 
g  erscheint  auslautend  als  r/,  als  h,  als  ch,  als  c  (§37  fgg.);  neben  überwiegendem 
c  oder  k  tritt  in  allen  Stellungen  ch  ein  (§  43  fgg.)»  wozu  die  Schreibung  et 
für  ht  zu  vergleichen  (§  66)  ist:  h  steht  ,, unorganisch  "  vor  vocalen  (§  60);  t  für  th 
(§76)  usw. 


256  BEHAGHEL,     ÜBER   ALTHOP,    .VliTS.    EIGENNAMEN 

Die  arbeit  Altliofs  ist  im  ganzen  sorgfältig  und  correct.  Jedoch  ist  das 
material  nicht  überall  volständig  verwertet.  Gleich  zu  anfang  vermisst  man  einen 
Paragraphen  über  b  im  anlaut,  das  ja  zahlreich  genug  vertreten  ist.  So  gewint  es 
den  anscheiu ,  als  ob  anlautend  nur  p  stünde.  Das  ist  aber  keineswegs  der  fall ; 
die  Sache  liegt  vielmehr  so.  Anlautendes  2>  bat  doppelte  geltung :  einmal  ist  es  = 
ahd.  pf,  zweitens  =  ahd.  b,  und  in  der  leztereii  geltung  wechselt  es  mit  der 
Schreibung  b  und  hatte,  wie  ich  glaube,  auch  gleichen  lautwert  mit  diesem.  Dass 
mau  zur  Schreibung  p  gritf,  kam  wol  daher,  dass  h  im  inlaut,  ehe  die  Schreibung 
V  aufkam ,  die  geltung  dieses  lautes  besass ,  und  dass  das  anlautende  b  von  dem 
laute  V  weiter  abstand  als  von  dem  laute  ^x  Ähnlich  ist  radtsch  kegen  (contra)  zu 
erklären.  —  Wie  Althof  §84  behaupten  kann,  in  Herifordensis ,  Mimigerneforäen- 
sis,  SticJcfiirion  stehe  d  für  th,  weiss  ich  nicht.  Sagt  er  auch,  fadar  stehe  für 
faihar?  —  Seltsam  klingt  die  Überschrift  zu  §125:  „Auslautend  vereinfachtes  n 
verdoppelt,  wo  es  im  inlaut  erscheint.'' 

HEIDELBERG,   DEN    1.  AUGUST    1879.  OTTO   BEHAGHEL. 


ZU   KLOPSTOCKS  MESSIAS. 

In  band  XI  s.  371  fg.  dieser  Zeitschrift  ist  ein  von  dr.  Richard  Hamel 
veröffentlichtes  erstes  heft  ,,Zur  textgeschichte  des  Klopstockschen  Messias"  (Rostock, 
W.  Werther  1879,  62  s.)  besprochen  und  dessen  beträchtlicher  wert  für  die  text- 
kritik  des  Messias  und  überhaupt  für  die  richtige  Würdigung  Klopstocks  nach  gebühr 
hervorgehoben  worden.  Der  Verfasser ,  welcher  auf  grund  langer  und  sorgsamer 
vorarbeiten  eine  kritische  und  mit  volständigem  kritischem  apparate  ausgestattete 
ausgäbe  des  Messias  beabsichtigt,  gedenkt  demnächst  in  demselben  verlage  eine 
zweite  und  eine  dritte  abhandlung  erscheinen  zu  lassen,  in  welchen  dargeboten 
werden  soll:  Sprachliche  Varianten,  geschichte  der  entstehung  des  textes  und  der 
ausgaben  des  Messias,  mit  eingehenden  kritischen  beobachtuugen  und  mit  aus- 
blicken auf  Klopstocks  wesen  und  seine  zeit.  Der  gegenständ  an  sich  und  die  im 
ersten  hefte  dargetane  befähigung  des  Verfassers  verdienen  wol,  dass  die  kenner 
und  freunde  unserer  klassischen  litteratur  dem  unternehmen  ihre  aufmerksamkeit 
und  ihre  förderliche  teilnähme  zuwenden.  J.  Z. 


Halle,  Buchdruckerei  des  Waisenhauses. 


DIE  ERD-   UND  VÖLKERKUNDE  IN  DER  WELTCHRONIK 
DES  RUDOLF  VON  HOHEN -EMS. 

EINLEITUNG. 

Zur  würdigringf  Ton  Rudolfs  IVeltchronik  im   algomeinen,    des 
goograpliischen  abr'sses  im  besondereu. 

Wiewol  über  die  abfassuugszdt  und  die  reihenfolge  der  verscliie- 
denen  dichtungswerke  Rudolfs  von  Hoheii-Ems,  jenes  dienstman- 
nes  der  angesehenen  grafen  von  Montfort,^  im  einzelnen  noch  keine 
völlige  Sicherheit  herscht,  so  viel  steht  doch  als  unzweifelhaft  fest, 
dass  die  Welt- Chronik  als  das  lezte  werk  dieses  fruchtbaren  dich- 
ters  betrachtet  werden  muss,  deren  abfassungszeit  nach  1250^  und 
vor  1254  zu  setzen  ist,  weil  der  dichter,  wie  wir  aus  seinen  eigenen 
Worten  im  eingange  zu  den  Büchern  der  köuige  ersehen ,  auf  den 
wünsch  des  Staufers  Konrads  IV.  ihre  bearbeituug  unternahm,^  aber, 
lauge  bevor  er  seinen  plan  der  Vollendung  zureifen  sah ,  in  „  welschen 
reichen "  hinstarb :  die  arbeit  Rudolfs  bricht  ab ,  als  er  eben  erst  bis 
zur  erzählung  von  Salomons  tode  gekommen  war  * 

Dieses  werk,  welches  nicht  bloss  durch  den  erwarteten  könio-lichen 
lohn  den  dichter  künftighin  aller  leiblichen  sorgen  überheben  solte, 
sondern  das  auch  für  könig  Konrad  eine  würdige  lectüre,  für  die  mit- 
und  nachweit  aber  ein  „ewiclich  memoria!''  an  diesen  hohen  gönner 
darzubieten  bestimt  war,  —  ist  es  nun  diesen  hohen  absiebten  gemäss 
angelegt?  Ist  es,  soweit  es  durch  Rudolfs  band  gediehen  ist,  dem 
entsprechend  würdig  ausgeführt  worden  ? 

Die  beurteilung,  welche  es  in  neuerer  zeit  erfahr,  ist  eine  sehr 
auseinandergehende.  Denn  während  Gervinus,^  in  erster  linie  durch 
den  gesichtspunkt  des  ästhetischen  bestimt,  sich  höchst  abfällig  äusserte 
und  sogar   so   weit   gieng,    dass   er  „die  Weltchronik  in   ihrer  echten 

1)  wie  er  sich  in  seinem  Wilhelm  (v.  d.  Hagen  Ms.  IV,  548)  nent,  nach 
Franz  Pfeiffer  (Barlaam  s.  XI)  „zum  ersten  und  einzigen  male." 

2)  Vergleiche  die  anmerkung  3  auf  s.   258. 

3)  Vergl.  in  dieser  zeitschr.  IX,  s.  467. 

4)  Vergl.  ebenda  IX,  471. 

5)  in  seiner  Geschichte  der  deutschen  dichtung^  11.  bd.  s.  77. 

ZEITSCHR.   F.   DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.  XII.  17 


258  DOBERENTZ 

und  einfachsten  gestalt,  in  der  sie  aus  Rudolfs  bänden  kam/'  für  „das 
langweilige  werk  eines  langweiligen  dichters "  erklärte ,  —  machte 
Vilmar  in  seiner  ebenso  eingehenden  wie  feinsinnigen  Marburger  pro- 
gram mabb  an  dlung  (aus  dem  jähre  1839),^  indem  er  die  geschichte  der 
litteratur  angemessener  nicht  sowol  als  geschichte  der  kunst,  sondern 
vielmehr  als  geschichte  der  kultur  und  der  geistesentfaltung  behandelt 
wissen  wolte ,  auf  die  bedeutsame  Stellung  der  Rudolfschen  Weltchronik 
in  dem  entwickelungsgange  unserer  litteratur  wie  in  der  geschichte 
des  deutschen  geisteslebens  aufmerksam. 

Hatte  Vilmar  ^  doch  in  ihr  „  das  erste  und  weitbinaus  einzige 
werk"  erkant,  „welches  dem  stände  der  ungelehrten  die  geschichte  des 
alten  testamentes  im  volständigen  zusammenhange  mitteilte."  Und 
hierin  muste  es  offenbar  dem  bedürfnisse  der  Zeitgenossen  und  der  fol- 
genden geschlechter  entgegengekommen  sein ,  da  die  Weltchronik  erstens 
nicht  allein  in  ihrer  echten  gestalt,  wie  die  noch  vorhandenen  zahl- 
reichen handschrifteu  beweisen ,  eine  sehr  weite  Verbreitung  fand ,  son- 
dern auch  zweitens,  und  sogar  schon  frühzeitig,  eine  nachahmung  her- 
vorrief, die  dem  landgrafen  Heinrich  von  Thüringen ^  gewidmete,^  und 
nicht  viel  weniger  beliebt  gewordene  „Christ-herre- Chronik" —  wie 
man  sie  gewöhnlich  nach  ihren  anfangsworten  nent.     Nicht  viel  später 

1)  „Die  zwei  recensionen  und  die  handschriftenfamilien  der  Weltchronik  Rudolfs 
V.  Ems,  mit  auszügen  aus  den  noch  ungedruckten  teilen  beider  bearbeitungen." 

2)  A.  a.  0.  s.  8. 

3)  Unter  diesem  hat  man  mit  Massmann  (Kaiserchronik  bd.  III,  s.  91)  Hein- 
rich III.  den  Erlauchten  zu  verstehen,  welcher  seit  Heinrich  Easpes  tode  (1247) 
erbe  des  grösten  und  reichsten  teiles  der  landgrafschaft  Thüringen  geworden  war 
und  1288  gestorben  ist.  Vilmar  zwar  (a.  a.  o.  s.  28)  war  geneigt,  dabei  an  Hein- 
rich Easpe  zu  denken;  was  gäbe  aber  das  recht,  den  beginn  der  abfassung  von 
Eudolfs  Weltchronik  —  wie  man  es  doch  bei  Vilmars  behauptung  müste  —  vor 
das  jähr  1250  zu  setzen,  da  ja  der  dichter  selbst  sagt: 

Daf  ift  der  Tivnig  Chvnrat 

des  Tceißrs  kint.  der  mir  hat 

geboten,  vn  des  bete  mich 

gervhte  biten  des.  daf  ich 

dvrh  in  dv  mere  tihte. 
(Vgl.  Massmann,  in  seiner  ausg.  der  Kaiserchronik III,  186  und  diese  ztschr.  IX,  468). 
Dem  strengen  Wortlaute  dieser  stelle  zufolge  war  also  Konrad,  als  er  den  auftrag 
an  Eudolf  erteilte,  bereits  könig.  Und  für  so  strenge  auffassung  des  Wortlautes 
spricht  überdies  die  erwägung,  dass  Eudolf,  seiner  anderwjirts  zu  beobachtenden 
gewohnheit  gemäss,  wenn  er  bereits  vor  1247  an  der  Weltchronik  gearbeitet  hätte, 
diesen  umstand  schwerlich  verschwiegen ,  vielmehr  mit  naivem  stolze  erwähnt  haben 
würde,  wie  lange  er  schon  mit  diesem  werke  für  seineu  „lieben  herren"  beschäftigt 
gewesen  sei. 

4)  Siehe  die  drei  bezüglichen  stellen  in  dieser  ztschr.  IX,  s.  444 — 446. 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  259 

sodann  Avard  drittens  die  echte  lludolfsche  Weltchronik  mit  dieser 
Christ -herre- Chronik  —  die  wegen  des  prunkes  ihrer  grösseren  zur 
schau  getragenen  theologisclien  gelehrsamkeit  besonders  gefiel  —  ver- 
sezt  und  vermengt ,  und  auch  sonst  noch  durch  fortsetzungen  und 
Zusätze  mannichfacher  art  verlängert,  und  wuchs  damit  —  nach  Mass- 
manns  ausdrucke  —  zu  den  umfänglichen  „Schwellhandschriften"  heran, 
fand  aber  auch  in  dieser  erweiterten  gestalt  einen  nicht  minder  beträcht- 
lichen leserkreis,  aus  dem  allerdings  wol  mancher,  wie  man  Gervinus 
wird  zugeben  können ,  seine  gröste  freude  eben  an  den  unechten  neben- 
schösslingen  und  den  weniger  edlen  auswüchsen  aus  dem  Rudolfschen 
stamme  haben  mochte.  Aber  selbst  nach  alledem  zeigte  sich  das 
Interesse  für  Rudolfs  werk  noch  keineswegs  erloschen:  schliesslich  in 
prosa  aufgelöst  lebte  es  viertens  als  sogenaute  „Historienbibel"  noch 
lange  zeit  fort.^ 

Hiess  Vilmar  sonach  mit  recht  in  dem  entwickelungsverlaufe 
unserer  litteratur  den  Wertmesser  für  Rudolfs  leztes  werk  suchen,^  so 
gelangte  er  dadurch,  dass  er  sich  besser  als  Gervinus  in  die  empfin- 
dungsweit des  christlichen  mittelalters  zu  versetzen  wüste,  weiterhin 
auch  zu  einer  gerechteren  beurteilung  der  ästhetischen  seite. 

Denn  er  hob  hervor,  dass  Rudolf,  nicht  erdrückt  durch  die  reiche 
fülle  des  stoffes,  seine  darstellung  nach  einem  festen  plane  in  leichtem 
flusse  der  rede  darbiete.^  Rudolf  betrachtete  nämlich,  wie  Vilmar 
richtig  erkant  hat,  die  geschichte  der  Offenbarung  als  die  einzig  wahr- 
hafte geschichte,  die  in  des  erlösers  gott- menschlicher  gestalt  ihre 
erfüllung  fand,  oder  —  um  Rudolfs  eigene  worte  anzuwenden  —  als 
der  mcere  rehtiu  han;  die  geschichte  der  beiden  hingegen  streut  er 
nicht,  wie  sein  Vorbild,  die  Historia  scholastica  des  Petrus  Comestor, 
und  wie  sein  nachahmer,  der  unbekante  Verfasser  der  Christ -herre -Chro- 
nik,* ohne  innigeren  Zusammenhang  ein  als  blosse  incidentia,  sondern 

1)  Siehe  Theod.  Merzdorff,  Die  deutschen  Historienbibeln  des  Mittelalters. 
Stuttgart  (Literar.  verein)  1870,  s.  13,  wo  die  aus  Kudolfs  Weltchronik  hervor- 
gegangenen Historienbibeln,  als  grupj^e  11"  bezeichnet,  zu  finden  sind. 

2)  Als  unzutreffend  ist  es  jezt  freilich  hinzustellen,  wenn  Vilmar  in  seiner 
Geschichte  der  Nationalliteratur  (17.  aufl.  Marburg  u.  Leipzig  1875)  s.  183  behaup- 
tet: „Rudolfs  Weltchronik  ist  dadurch  noch  besonders  bemerkenswert,  dass  sie  bis 
auf  Luther  das  einzige  werk  war,  aus  welchem  der  laienstand  keutnis  des  alten 
testamentes  schöpfen  konte  und  geschöpft  hat":  denn  Th.  Merzdorff  (a.  a.  o. 
s.  9 — 13)  hat  in  seinen  Untersuchungen  über  die  Historienbibeln  eine  durch 
21  handschriften  vertretene  handschriftenfaniilie  nachgewiesen  [gruppe  I] ,  welche 
durchaus  unabhängig  von  Eudolfs  erzählung  genant  werden  muss. 

3)  Vgl.  Vilmar,  Die  zwei  recensionen  usw.  s.  7  und  13. 

4)  Siehe  Vilmar  a.  a.  o.  s.  20. 

17* 


260  DOBERENTZ 

er  will  sie  vielmehr  als  „Mwege"  die  nur  den  „nebenganc"  haben, 
angesehen  wissen.^  Aus  diesem  gründe  stelt  es  sich  als  unstatthaft 
heraus,  Rudolfs  leztes  werk  mit  der  bezeichnung  „Reimbibel"  zu 
belegen:  es  ist  im  gegenteil  des  dichters  absieht,  eine  „Weltchronik" 
zu  liefern,  die  es  aber  mit  dem  künne,  in  dem  got  ßt  an  ßch  nam 
durch  uns  die  hranJcen  menscheit,  hauptsächlich  zu  tun  hat.  Diese 
christologische  auffassung  der  ganzen  Weltgeschichte  nun  wird  dem 
kenner  mittelalterlichen  lebeus  und  webens  leicht  begreiflich  erschei- 
nen: auch  Rudolf  sucht  den  angelpunkt  der  gesamten  geschichtlichen 
entwickelung  in  der  bezeugung  uud  erscheinung  des  erlösers ,  und  seine 
ganze  geschichtsauffassung  gipfelt  ihm  in  erwägung  der  frage,  welche 
der  seit  der  ersten  hälfte  des  12.  Jahrhunderts  höchst  einflussreiche 
Honorius  Augustodunensis  in  seinem  dogmatischen  handbuche  „Eluci- 
darium"^  in  die  worte  fasste:  Quomodo  potuit  nasci  (Christus)  sine 
peccato  de  massa  peccatrice?  Beide  stimmen  darin  überein,  dass  sie 
hierauf  dieselbe  antwort  haben:  Ab  initio  Deus  quosdam  qui  se  fami- 
liarius  colerent  ab  aliis  segregnvit,  |  de  quihus  Virgo  quasi  de  linea 
producta  pullulavit ;  \  quae  velut  olim  virga  arida  sine  humore  protu- 
lit  florem,  \  ita  sine  concupiscentia  mundo  edidit  Salvatorem.  Und 
allein  diese  von  gott  begnadeten  geschlechter  verdienen  nach  Rudolfs 
mittelalterlicher  meinung  genauere  beachtung  in  einer  chronik  der 
gesamten  geschichte. 

Nach  alledem  wird  es  dem  forscher  auf  dem  gebiete  deutscher 
litteraturgeschichte  nicht  möglich  sein,  die  geringschätzung,  welche 
Gervinus  so  unumwunden  über  die  Weltchronik  aussprach,  fernerhin 
als  berechtigt  anzuerkennen  und  an  Rudolfs  leztem  werke  interesselos 
vorüberzugehen,  zumal  dieses  denkmal  auch  für  den  Sprachforscher  in 
noch  grösserem  umfange,  als  dieses  bisher  der  fall  war,  beachtung 
verdient,  da  es  für  den  Sprachgebrauch  vor  allem  während  der  nach- 
blute der  mittelhochdeutschen  glänz-  und  blütezeit  noch  manche  aus- 
beute zu  bieten  vermag. 

Da  nun  aber  eine  ausgäbe  der  gesamten  Weltchronik,  die  in  der 
Wernigeroder  handschrift  ungefähr  36500  verse  enthält,-'^  bei  der  gros- 
sen anzahl  von  handschriften  in  der  nächsten  zeit  schwerlich  zu  erhof- 
fen sein  wird ,  so  bedarf  es  wol  keiner  weiteren  rechtfertigung ,  wenn 
ich  im  folgenden  ein  stück,  welches  sich  bequem  aus  dem  ganzen 
herausheben  lässt,  in  kritischer  behandlung  vorzulegen  versucht  habe, 
und  für  das  ich  daher,    selbst  wenn  die  zahl  der  benuzten  handschrif- 

1)  Siehe  Vilraar,  a.  a.  o.  im  ,, anhange"  s.  67,  spalte  a. 

2)  Lib.  I,  cap.  19.  (Migne,  Patrolog.  band  172,  spalte  1123.) 

3)  Vgl.  diese  ztschr.  IX,  461. 


DIE    GEOGRAPHIE    KUDOLFS    VON    EMi5  261 

teu,  die  mir  für  jezt  erreichbar  waren,  als  noch  nicht  völlig  genügend 
befunden  werden  solte,  um  geneigte  aufnähme  bitte.  Wenigstens  hoffe 
ich  durch  die  vergleichung  der  unten  aufgeführten  und  besprochenen 
handschriften  für  die  Untersuchung  über  quellen ,  Verbreitung  und  bedeu- 
tuug  des  geographischen  abschnittes,  welche  uns  zunächst  besonders 
beschäftigen  soll,  einen  hinlänglich  sicheren  grund  gelegt  zu  haben. 

Zudem  bietet  aber  der  abschnitt,  den  ich  hiermit  vorlege,  der 
geographische  abriss,  schon  an  sich  als  eine  länder-  und  Völ- 
kerkunde des  mittelalters  genügendes  Interesse  dar;  zumal  eine 
genauere  prüfung  dieses  gelehrt  zusammengewobenen  geographischen 
Stückes  nicht  nur  ein  hohes  alter  der  einzelnen  fäden  —  sowol  des 
aufzuges  wie  des  einschlages  — ,  welche  dieses  gewebe  bilden,  erwei- 
sen wird,  sondern  auch  die  überaus  grosse  beliebtheit  gerade  dieses 
gewebemusters  während  mehrerer  Jahrhunderte  des  mittelalters  erken- 
nen lässt.  Zeigte  sich  mir  nun  einerseits  eine  sorgsamere  und  liebe- 
volle beschäftigung  mit  dieser  mittelalterlichen  geographie  ebenso  loh- 
nend wie  reizvoll ,  so  hielt  ich  andererseits ,  durch  meine  forschungen 
über  ihren  nicht  unerheblichen  wert  belehrt,  eine  kritische  ausgäbe 
geradezu  für  ein  notwendiges  erfordernis. 


DER  GEOGRAPHISCHE   ABRISS  NACH   SEINER  ECHTHEIT  UND  VERBREITUNG, 

SEINER   HERKLTNFT   UND  VERW ANTSCHAFT ,    UND   NACH  SEINER  BEDEUTUNG 

IN    DER   GEISTESGESCHICHTE  DES   MITTELALTERS. 

1. 

Zugehörigkeit   zur  Rudolfschen  Weltelironik   und    Verbreitung 
durch  diese  und  deren  verwante. 

§  1.    "Wichtigkeit   für  die  handsctiriftengruppierung  der 
verschiedeneii  gereimten  Weltchroniken. 

Wenngleich  der  eigentümliche  reiz  und  die  nicht  geringe  bedeut- 
samkeit  dieses  abschnittes  für  die  geistesgeschichte  des  mittelalters 
dem  forscherblicke  Vilmars,  welcher  das  verdienst  hat,  sich  zum  ersten 
male  eingehender  mit  unserer  geographie  befasst  zu  haben,  völlig  ent- 
gieng,  und  wenn  von  ihm  gerade  dieser  geographische  abriss  mehrmals 
sogar  für  die  „durchaus  schwächste  partie,"^  ja  für  das  „unbedeu- 
tendste "  stück  in  der  ganzen  Weltchronik  ^  erklärt  wurde ,  so  war  ihm 

1)  Vilmar,  Die  zwei  recensionen  s.  17. 

2)  Vilmar ,  a.  a.  o.  s.  30. 


2G2  DOBEKENTZ 

dennoch  die  Wichtigkeit  desselben  für  die  Charakterisierung  und  grup- 
pierung  der  verschiedenen  handschriftenfamilien  bereits  zum  bewustsein 
gekommen. 

1.  Denn  während  der  geographische  abschnitt  einerseits  in  allen 
bisher  bekant  gewordenen  handschriften  der  echten  Eudolfschen  Welt- 
chronik —  die  nach  ihren  anfangsworten  „Eihter-got-recension" 
benant  zu  werden  pflegt  —  angetroffen  wird,  ist  er  andererseits  dem 
schon  oben  erwähnten  doppelgänger  derselben,  —  jener  anderen,  ähn- 
lichen, wenig  jüngeren  chronik,  die  nach  ihren  anfangsworten  als 
Christ-herre- Chronik,^  oder  auch  nach  der  gegend  ihres  Ursprungs 
als  Thüringer  Reimbibel  bezeichnet  zu  werden  pflegt  —  in  ihrer 
ursprünglichen  gestalt  durchaus  fremd.  Es  bietet  nämlich  die  jüngere, 
die  Christ -herre-recension,  in  der  geschichte  der  zweiten  „Welt," 
nach  der  Schilderung  von  Noahs  tode,  zwar  wie  es  auch  in  der  echten 
Eudolfschen  Chronik  geschieht ,  eine  aufzählung  der  söhne  Noahs, 
welche  der  erwähnung  des  turmbaues  zu  Babel  voraufgeht;  nach 
derselben  aber  fügt  sie  nur  einige  verse  hinzu,  die  sich  auf  die 
geographische  ausbreitung  der  nachkommen  lediglich  des  einen  sohnes 
beziehen ,  aus  dessen  stamme  nachher  der  gottessohn  entspriessen  solte, 
also  des  Sem.  —  Die  Eihter-got-recension  dagegen  bringt  an  der 
entsprechenden  stelle,  nach  der  erzählung  vom  turmbau,  eben  unsern 
geographischen  abriss,  und  nimt  dort  für  diesen  einen  räum  von  1600 
Versen  in  anspruch.  —  Dass  aber  jene  beschränkung  in  der  Christ - 
herre-recension  eine  beabsichtigte  gewesen  ist,  folgt  unzweifelhaft  aus 
der  zugefügten  benierkung:  die  aufzählung  der  anderen  (völker  und 
sprachen)  solle  „gespart"  werden.  Diese  entscheidende  stelle  der 
Christ -herre- Chronik,  welche  nach  der  erzählung  vom  turmbau 
folgt,  gebe  ich  hier  nach  dem  texte  der  Gothaer  pergamenthandschrift 
Mbr.  I.  nr.  88.  ^ 

1)  Diese  muss  mit  Vilmar  (a.a.O.  s.  28) ,  trotz  Massmanns  einwendungen 
(Kaiserchronik  bd.  III,  s.  88),  entschieden  als  ein  selbstständiges,  von  der  Eudolf- 
schen Weltchronik  verschiedenes  werk  und  nur  als  eine  -weniger  geschickte  nach- 
ahmung  derselben  betrachtet  werden.  Denn  die  beweise,  welche  Ferd.  Massmann 
gegen  Vilmars  darlegungen  vorbringt ,  stehen  auf  sehr  schwachen  füssen.  Die 
inhaltliche  Übereinstimmung  mehrerer  stellen  beider  Chroniken  beruht  grossen  teiles 
auf  benutzung  einer  und  d' rseiben  vorläge;  es  ist  daher  keinesweges  abzusehen, 
inwiefern  der  abschnitt  von  der  trunkenheit.  Noahs  in  der  Christ -herre -Chronik 
für  einen  engeren  Zusammenhang  mit  dem  entsprechenden  teile  in  der  Eudolfschen 
bearbeitung  beweisend  sein  müste:  im  gegenteil  ist  hierbei  nicht  mehr  zuzugeben, 
als  von  Vilmar  (s.  28  fg.)  zugestanden  ist. 

2)  Über  diese  von  Wilh.  Grimm,  Vilmar,  Massmann  und  Regel  übereinstim- 
mend  ins  14.  jh.  gesezte  hs.  vgl.  Vilmar  a.  a.  o.  s.  42  nr.  11;   Massmann,   Kaiser- 


DIE    GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  263 

bl.  34^    Das  lernt  man  dar  nach  nande 

Alz  iz  noch  genennit  iß 

JBabilonie.    bis  an  dife  vriß 

Hatte  is  ouch  den  namen  bracht 

Des  im  8U  namen  was  gedacht 

Do  ßch  ein  einic  sunge 

Mit  gefcheidenir  wandelunge 

In  swo  vnd  ßbensic  sungen  brach 

Vnd  der  wandet  al  da  geschach 

Si  wurden  tviden  su  fant 

vf  di  erde  in  alle  lant 

als  ich  uch  da  vorne  beschit  ^ 

wi  di  lant  do  teilten  di  dit 

T/on  den  andern  waren  ß  gevarn 
alhi  ivil  ichs  nu  fparn 
bl.  35 "   wo  ß  blihen  in  den  tagen 

Ich  wil  uch  von  dem  kunne  fagen 

Das  von  feme  was  geborn 

Di  urucht  hat  im  got  irhorn  .... 

2.  Nim  umss  aber  der  geographische  abriss,  welcher  mitlerweile 
durch  die  handschriften  der  echten  Weltchronik  vielfältige  Verbreitung 
gefunden  hatte,  so  fesselnd  und  so  wichtig  erschienen  sein,  dass  man 
ihn  in  die  Christ -herre- Chronik  hinübernahm ;  ^  wie  sich  auch  in  fünf 

Chronik  in,  175  nr.  23  und  Kegel,  in  dieser  ztschr.  IX,  444.  —  Für  die  benutzung 
dieser  hs.  wie  auch  der  anderen  Gothaer  papierhs.  (Vilmar  s.  57  nr.  36) ,  die  mir 
an  ort  und  stelle  mit  gröster  liberalität  verstattet  wurde,  bin  ich  der  herzoglichen 
bibliotheksverwaltung ,  namentlich  aber  der  freundlichkeit  des  herrn  oberbibliothe- 
kares  hofrat  Pertsch  zu  grossem  danke  verbunden.  —  Dass  der  text  der  Heidel- 
berger papierhs.  des  15.  jh.,  Cod.  Pal.  321,  (Vilmar  s.  51  nr.  26)  sich  an  der  ent- 
sprechenden stelle  (fol.  34*^)  ebenso  verhalte,  geht  hervor  aus  Vilmars  angäbe  in 
der  anmerkung  auf  s.  18. 

1)  d.  i.  auf  bl.  32-=  — 34^ 

2)  Dies  ist  namentlich  geschehen  in  folgenden  5  handschriften  der  Christ - 
herre  -  Chronik ,  welche  Massmann  (Kaiserchronik  III,  176  fgg.)  seiner  gruppe  Bc 
eingeordnet  hat: 

1.  Wien,  papier,  vom  j.  1426,  (nr.  30G0,  früher  Theol.  CCXXII.  ol.  717.  fol.) 
S.  Massmann  s.  176  nr.  27;  Vilmar  s.-59,  nr.  41. 

2.  Wien,  perg.,  vom  j.  1439  (nr.  2782,  früher  Hist.  prof.  71;  ol.  Ambr.  320. 
gr.  fol.)     S.  Massmann  s.  177  nr.  29;  Vilmar  s.  58,  nr.  39. 

3.  Gotha,  papier,  vom  j.  1398  (A.  3.  gr.  fol.).  S.  Massmann  s.  180  nr.  36; 
Vilmar  s.  57,  nr.  36,  und  vor  allem  Jakobs  und  Ukert,  Beiträge  z.  älteren  Lit.  II, 
243  —  258.     Es  ist  dieselbe  hs, ,  die  mir  gütigst  zur  benutzung  überlassen  war. 


264  LOBEKENTZ 

handschriften  der  gruppe  I  der  prosaischen  „ Historienbibeln ,"  welche 
mit  Rudolfs  Weltchronik  sonst  gar  nichts  zu  tun  hat,  der  geographische 
abriss  eingefügt  findet.^  —  Aus  diesem  gründe  ist  es  daher  eine  unrich- 
tige und  irre  leitende  angäbe,  wenn  Vilmar  (s.  18  anm.)  behauptet: 
„An  dem  Vorhandensein  oder  mangel  dieses  geographischen,  etwa 
2300  verse  enthaltenden  abschnittes  ^  ist  auch  in  defecten  handschriften 
und  von  dem  flüchtigsten  und  unkundigsten  beschauer  sofort  die  ältere 
und  die  jüngere  recension  zu  erkennen."  Vielmehr  ist  gerade  im  gegen- 
teil  mit  bestimtheit  zu  sagen:  nur  aus  dem  fehlen  des  geographi- 
schen Stückes  in  sonst  volständigen  handschriften  ist  sogleich  die 
unbedingte  Zugehörigkeit  dieser  hs.  zu  der  rein  gehaltenen  gruppe 
der  Christ-herre-Chronik  zu  bestimmen.  Das  Vorhandensein 
unseres  abschnittes   dagegen  lässt   die   einreihung   der  betreffenden  hs. 

4.  Wien,  perg.,  XIV.  jahrh. ,  (nr.  2768,  früher  Theol.  XXV;  ol.  708.  fol.) 
S.  Massinann,  s.  180,  nr.  38;  Vilmar  s.  57,  nr.  34. 

5.  Bruneken  in  Tyrol,  perg. ,  aus  dem  j.  1394  (3.  juni).  Geschrieben  durch 
Heinz  Seutlinger.  S.  Massmann  s.  178,  nr.  35;  fehlt  bei  Vilmar.  —  Nach  dieser 
incorrecten  und  keinesweges  volständigen  hs.  veranstaltete  Ignaz  V.  Ziiigerle  1865 
in  den  Wiener  Sitzungsberichten  d.  kaiserl.  Akad.  d.  Wissensch.  phil.-hist.  Kl.  bd.  L, 
s.  371fgg.  einen  abdruck  unter  dem  titel:  „Eine  Geographie  aus  dem  13.  Jahr- 
hnndert,"  der  auch  als  Sonderausgabe  erschienen  ist,  Wien  1865  bei  Karl  Gerold 
Sohn,  80  s.  8. 

Wenn  Gervinus  (Gesch.  d.  deutsch.  Dichtung  5.  a.,  II,  76),  nachdem  er  oben 
im  texte  von  der  in  die  Eudolfsche  Weltchronik  „eingefloehtenen  erdkunde" 
gesprochen  hat,  unten,  in  der  amnerkung  84,  hinzufügt:  ,,In  einer  bearbeitung 
der  Rudolfschen  Chronik  des  I.S.Jahrhunderts,  der  Christ-herre^Chronik,  fin- 
det sich  ein  volständiges,  von  Zingerle  herausgegebenes  Kompendium  der 
Geographie"  usw.,  so  muss  diese  bemerkung  bei  einem  jeden  leser  die  irrige 
Vorstellung  erwecken,  als  seien  die  beiden  hier  erwähnten  geographi- 
schen stücke  auch  zwei  besondere  und  von  einander  verschiedene 
abschnitte.  Vor  diesem  luisverständnisse  aber,  welches  wahrscheinlich  dadurch 
veranlasst  worden  ist,  dass  Zingerle  in  seiner  ausgäbe  der  Verfasserschaft  Rudolfs, 
die  wir  im  folgenden  als  unantastbar  erweisen  werden,  dabei  mit  keiner  silbe 
erwähnung  getan  hat,  muss  um  so  ausdrücklicher  gewarnt  werden,  als  auch  der 
lezte  herausgeber  eines  bruchstückes  aus  diesem  geogr.  abschnitte,  nach  einer  Ber- 
ner papierhs.  des  XIV.  jh. ,  (in  der  Ztschr.  f.  deutsch.  Alterth.  XXII,  142  —  144) 
dies  bruchstück  nach  Zingerles  vorbilde  ohne  weiteres  der  Christ-herre-Chronik 
zuweist.  Es  handelt  sich  aber  hier,  wie  in  Zingerles  ausg;ibe,  um  dasselbe  stück, 
nur  dass  der  text  der  Sentlingerschen  handschrift,  aus  welcher  allein  Zingerle 
geschöpft  hat,  nm  vieles  schlechter,  stellenweise  interpolirt,  stellenweise  gekürzt  ist, 
wie  eine  vergleichung  des  bei  Zingerle  gedruckten  textes  mit  dem  hier  weiter  unten 
folgenden  texte  zeigen  wird. 

1)  S.  Merzdorff,  Die  deutschen  Historienbibeln  des  Mittelalters  I,  132. 
anm.  9. 

2)  Es  sind  deren  indes  nur  1650. 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  265 

in  die  gruppe  der  Kihter-got-recension  nur  wahrscheinlich  finden; 
zur  gewisheit  wird  solche  Wahrscheinlichkeit  aber  erst  bei  genauem 
zusauimenstinimen  mit  dem  texte ,  den  Avir  unten  bieten.  Denn  die 
handschriften  der  Christ -herre- Chronik,  welche  die  geographie  auf- 
nahmen, wie  z.  b.  die  Sentlingersche  zu  Bruneken,  zeigen  den  text, 
namentlich  an  den  übergangssteilen,  verändert  und  meistens  inter- 
poliert. ^ 

So  stelt  sich  die  frage  nach  der  ursprünglichkeit  und  Zugehörig- 
keit unseres  geographischen  abrisses,  wenn  wir  uns  nach  der  hand- 
schriftlichen Überlieferung  richten,  wie  sie  uns  bislang  bekant  gewor- 
den ist. 

§  2.    Beweise  für  Rudolfs  autorschaft. 

a.    Nachweis    aus    äusseren    gründen. 

Dass  diese  geographie  aber  wirklich  von  der  band  Rudolfs  von 
Hohen -Ems  herrührt,  findet  weitere  bestätigung,  wenn  wir  auf  einige 
eigentümlichkeiten  der  reime,  redewendungen,  des  stiles  und  der  metrik 
wie  rhythmik  unseres  dichters  die  aufmerksamkeit  hinwenden. 

«.     Sprachliche    eigentümlichkeiten. 

1.  Unser  abschnitt  ist  nichts  weniger  als  abwechslungsreich  in 
den  reimen:  es  zeigt  sich  im  gegenteil  eine  auffallende  widerkehr 
derselben  bindungen  und  Wendungen  auf  engstem  räume ,^   die,    soviel 

1)  Diese  Interpolationen  fussen  allem  anscheine  nach  auf  stellen,  welche  der 
Schreiber  in  der  Christ  -  herre -recension  vor  sich  liegen  hatte.  Dieses  zu  unter- 
suchen habe  ich,  als  mir  handschriften  der  Christ -herre -Chronik  zur  band  waren, 
leider  übersehen. 

2)  Recht  lebendig  drängt  sich  dieses  gefühl  auf,  wenn  man  das  genaue  und 
höchst  dankenswerte  reimregister  zu  Wolfram,  welches  San  Marte  (A.  Schulz)  der 
germanistischen  Wissenschaft  dargeboten  hat,  zur  vergleichung  mit  den  reimen  in 
Rudolfs  geographischem  abrisse  herbeizieht.  Schulz  selbst  charakterisiert  den  wert 
seiner  gäbe  offenbar  riclitig,  wenn  er  behauptet:  ,,ein  reimregister  zu  Wolframs 
werken,  zumal  mit  rücksicht  auf  deren  grossen  umfang,  wird  als  richtscheit 
für  die  reirakunst  in  der  besten  zeit  der  mittelhochdeutschen  poesie  überhaupt 
gelten  dürfen,  an  dem  die  kunst  und  spräche  anderer  dichter  gemessen  und  damit 
ohne  mühe  verglichen  werden  kann."  Besässen  wir  eine  grössere  anzahl  ähnlicher 
reimregister,  so  Hesse  sich  durch  gegenüberhalten  derselben  noch  mancher  interes- 
sante schluss  auf  die  kunstfertigkeit  und  die  ideenassociationen  der  einzelnen  dich- 
ter ziehen  !  —  Sehr  lehrreich  scheint  mir  die  gegeiiüberstellung  von  bindungen  aus 
Rudolfs  geographischem  abschnitte  (G).  welcher  1654  verse  umfasst,  und 
den  entsprechenden  aus  Wolframs  gesamten  werken,  welche  nach  Schulzs 
berechnung  (a.  a.  o.  s.  I)  zusammen  39758  reime  (oder  19879  reirapaare)  enthalten 
und  zwar  auf  die  einzelnen  werke  verteilt:  Parc.  24810,  Titurel  680,  Wilhelm  13988, 
die  lieder  280  verse. 


266  DOBEEENTZ 

ich  bis  jezt  untersuchen  konte,  in  diesem  unniasse  allerdings  in  den 
anderen  Rudolfschen  werken  nicht  hervortritt:  und  hierin  mag  wol  in 
erster  linie  das  zu  suchen  sein,  was  dem  gefühle  Vilmars  (s.  33)  so 
abweichend  von  dem  tone  der  übrigen  teile  der  Weltchronik  vorkam; 
doch  werden  wir  die  Ursache  dieser  eigentümlichen  erscheinung  weiter 
unten  noch  genauer  ins  äuge  fassen  und  in  dem  stoife,  den  er  noch 
dazu  übersezte,  begründet  finden. 

Stets  verraten  aber  die  reinen  und  völlig  genauen  reime  den 
wolgeschulten  höfischen  dichter.  Der  Vilmarschen  bemerkung  (s.  14): 
dass   „rührende   reime   sowie   veraltete,   der  Volksdichtung  angehörige 

Es  bietet  Rudolf  unter  827  bindungen  in  G.  an  :  dan  nicht  weniger  als  5 mal; 
im  ganzen  Wolfram  dagegen,  also  in  198T9  reimpaareu,  findet  sich  dieselbe  bin- 
dung  nur  im  Parc.  11  mal  und  im  Wilb.  2  mal. 

G.  kranc  :  lanc  3 mal;  im  ganzen  Wolfr.  nur  ein  einziges  mal  (Parc). 

„    hin  :  in  7 mal;  Parc.  5 mal,  Wilb.  Imal. 

„   dar  :  gar  5 mal;  Parc.  7 mal,  Wilh.  9 mal. 

„    ßder  :  nider  5 mal;  Parc.  4 mal,  Wilb.  7 mal. 

„    wer :  mer    (nebst  komposit.  nort-    und  mittelm.)    9 mal;    Parc.   5 mal, 
Wilb.  7 mal;  dagegen: 

„    mer  :  her  5 mal;  Parc.  16 mal,  Wilb.  14 mal.     Aber 

„    nande  :  lande  3 mal;  dazu  noch  landen  :  nanden  2 mal;  im  Wolfr.  über- 
haupt nicht. 

„    wirt :  gebirt  5 mal;  bei  Wolfr.  kein  einziges  mal.     Dagegen: 

„    wirt :  verbirt  Imal;  bei  Wolfr.  Parc.  24 mal,  Wilh.  9 mal.    Aber 

„    ist :  vrist  10 mal;  bei  Wolfr.  Parc.  2 mal,  Wilh.  Imal. 

„    zil :  vil  16  mal;  bei  Wolfr.  Parc.  24mal,  Wilh.  11  mal. 

„    lit :  zit  5 mal;  bei  Wolfr.  nur  Imal  (Parc);  und  vollends: 

„    lit :  git  5 mal;    lit :  fit  7 mal,    Ut :  ivit  10 mal;   —    bei   Wolfram    aber 
gar  nicht. 

„    wart :  uzvart   4 mal;    bei  Wolfr.  überhaupt  nicht. 

„   gefat :  houbetftat  3 mal;  „        „  „  „ 

„   ftrich :  ßch  9 mal;  „        „  „  „ 

Hingegen  „    ßnt :  Mnt  12 mal;  Parc.  56 mal,  Wilh.  46 mal,  Lieder  Imal. 

Im  Parc.  und  Wilb.  reimen  eigennamen  auf  ä  teils  untereinander,  teils 
mit  da,  aldä  und  andersivd  im  ganzen  46 mal;  bei  Rudolf  hingegen  sind  in  G. 
eigennamen  auf  ä  untereinander  nicht  weniger  als  17,  mit  da  gar  27,  mit  aldä  4, 
mit  anderswä  3 mal  gebunden,  zusammen  also  51  mal. 

Wie  leicht  zu  begreifen,  findet  sich  in  G.  lant  häufig  verwant  und  oftmals 
im  reime,  so  z.  b.  lant  :  benant  in  G.  3 mal  (im  Parc.  dagegen  2  und  im  Wilh. 
2 mal);  lant  :  bekant  in  G.  2 mal  (im  Parc.  H  und  im  Wilh.  8 mal).  Dass  aber  die 
reimbindung  lant  (nebst  komposit.)  :  erkant  nicht  weniger  denn  27  mal  in  G.  zu 
finden  ist,  gibt  für  den  schönbeitssinn  und  die  gewantheil  des  dicbters  doch  nicht 
eben  günstiges  zeugnis;  bei  Wolfram  ist  dieselbe  bindung  im  Parc.  13,  im  Wilh. 
7 mal  verwendet.  Der  reim  lant  :  genant  ist  innerhalb  unserer  1650  verse  gar 
43 mal  gebraucht,  während  er  bei  Wolfram  nur  im  Parc.  4  und  im  Wilh,  3 mal 
vorkomt. 


DIE    GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  267 

reimtöne  sich  wol  in  keinem  werke  Kudolfs  finden  sollen"  kann  ich 
nur  beipflichten. 

Denjenigen  reimen  aber,  die  sich  uns  als  besondere  lieblinge 
Kudolfs  in  diesem  abschnitte  aufdrängen,  kann  man  auch  sonst  in  sei- 
nen übrigen  werken,  vor  allem  aber  in  der  Weltchronik  des  öfteren 
begegnen. 

Den  reim  lant :  genant  finden  wir  auch  an  anderen  stellen  der 
Weltchronik  verwendet,  die  hie  und  da  gedruckt  vorliegen.  So  in  die- 
ser zeitschr.  IX,  467  (zweimal);  in  den  Verhandlungen  des  histor.  Ver- 
eines für  Oberpfalz  und  Regensburg,  1874.  s.  198;  bei  Vilmar  s.  64. 
(v.  289.  299).  Auch  begegnet  er  in  anderen  werken  Rudolfs;  so  im 
Guten  Gerhard  v.  603,  und  im  Barlaam  (ed.  Pfeiffer)  55,  39.  —  Die 
bindung  lant :  erkant  komt  nicht  selten  im  Guten  Gerhard  vor ,  z.  b. 
v.  1267.  1309.  1787.  1933.  2033.  —  Begegnet  mau  bei  Rudolf  dem 
reimworte  vruht,  so  kann  man  mit  ziemlicher  Sicherheit  erwarten,  dass 
es  mit  genullt  gebunden  sei.  So  findet  es  sich  in  dem  geographischen 
abschnitte  dreimal,  v.  147.  717.  947  (während  es  bei  Wolfram  nur  ein 
einziges  mal,  Parz.  238,  21  auftritt);  desgleichen  im  Barlaam  10,  7; 
41,  21.  39;  im  Guten  Gerhard  4385;  und  in  gedruckten  stellen  der 
Weltchronik,  wie  in  dieser  ztschr  IX,  467''  und  bei  Vilmar  s.  61  (v.  83), 
63  (v.  209  und  237) ,  64  (v.  269). 

2.  Auch  redewendungen,  welche  im  geographischen  abschnitte 
dem  leser  auffallen,  lassen  sich  gleichfalls  an  anderen  stellen  Rudol- 
fischer werke  nachweisen,  wie  aus  nachstehenden  beispielen  zur  genüge 
erhellen  wird: 

Geogr.  V.  19    vnd  verßuont  des  andern  niht 

an  der  getäf  an  der  gefcJiiht 
Vilmar  s.  66^*  wan  er  was  ouch  fcliuldic  niht 

an  der  getät  an  der  gefchiht  (vgl.  v.  1645.) 

Geogr.  V.  354  ze  fwelher  ßtmt  in  fwelher  zU 
Vilmar  s.  64^"  (v.  322)  in  fwelher  ßunt  se  fwelher  zd 

Geogr.  V.  240  mit  üfgender  tilgende 

Diese  ztschr.  IX,  468''  in  ir  üfgender  herfchaft 

Geogr.  V.  59    da  ße  ßch  niderlie^en 

wie  ße  nach  in  fit  hieben 
Vilmar  s.  62**  v.  155  wä  ße  ßch  niderlie^en, 

und  wie  die  ßifter  hieben 


268 


DOBERENTZ 


Geogr.  V.  83     als  uns  mit  reliter  wärheit 

diu  fchrift  der  wärheit  hat  gefeit 
Vilmar  s.  62"  v.  18  als  uns  mit  rehter  wärheit 

diu  buoch  der  wärheit  hänt  geseit 
und  Vilmar  s.  66*"  wan  des  mit  rehter  wärheit 
diu  fchrift  der  rehticheit  feit 
mit  gewcerem  urhünde 

Geogr.  V.  1035    mit  gewalte  fchone 

vil  hünehlicher  Jcrone 
Alex.  V.  12869  (d.  ztsclir.  X,  100)  Trüg  mit  gewalte  fchone 

Die  romsche  kröne 

Geogr.  V.  243     in  wider  niuwer  Jcraft  erhant 

Verhandl.  f.  Kegensb.  1874  s.  198  in  wider  niuwer  vroide  er  fprach 

und  ebendas.  s.  198     ßnem  hersen  wart  gegeben 

widir  ain  niuwif  lehendif  leben 

3.  Diese  lezte  zur  vergleichung  herbeigezogene  stelle  bietet  über- 
dies ein  Wortspiel,  an  welchem  Kudolf  ein  besonderes  wolgefallen 
gefunden  haben  mag,  da  er  es  bereits  im  Guten  Gerhard  v.  381  fgg. 
mit  behaglicher  breite  ausgeführt  hatte: 

das,  iß  die  diemüefe 

des  heilegen  geißes  güete, 

mit  der  daz,  lebeliche  leben 

lebelichem^  iß  gegeben; 

fwag,  lebendes  üf  der  erde  lebt^ 

in  lüften  oder  in  waz,z,er  fwebti 

daz,  lebt  in  ßner  blüete 

von  des  heilegen  geißes  güete. 

das,  leben  iß  drivaltic: 

des  iß  din  geiß  gewaltic. 

ein  leben  lebende^  leben  hat 

das,  ßch  doch  lebennes  niht  verftät. 
Auch  im  geographischen  abriss  v.  310  hat  er  es  widerum  angebracht, 
ohne  dass  eine  nötigung  dazu  vorhanden  war : 

wan  im  niht  fürbaß  iß  gegeben 

alters  sit  noch  lebende^  leben 
Diesem  Wortspiele  ähneln  Wendungen  wie  die  folgenden: 
Geogr.  V.  1445   wol  bewart  unde  behuot 

mit  kraft  an  werUcher  wer 

1)  So  nach  Lachmanns  coujectur. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  269 

ebend.  v.  1513     alfo  kreftecUche  Jcraft 
Vilmar  s.  60''      mit  kundUcher  künde 
G.  G.  V.  6855      mit  ivisUcher  ivtsheit 
und  V.  102       nach  der  geUrten  lere 
in  dies,  ztschr.  9,  469''  der  vrien  vriheit 

Geogr.  V.  502      in  füe^es  fmackes  füez,e  git 
G.  G.  V.  1040     mit  blüendes  hluomen  hlüete 
hluote  gotlichiu  güete  ^ 

Namentlicli  gehört  hieiiier  auch  die  sogar  dreimal  innerhalb  des  kur- 
zen geographischen  abschiiittes  widerkehrende  wortspielende  ausdrucks- 
weise: V.  1244     ligent  gelegenliche 

V.  1055     da  ligent  gelegenUcJie 

V.  813       Daran  gelegenliche 
lit  Frigid. 

ß.     Stilistische    eigentümlichkeiten. 

1.  Auch  die  breite  und  für  unseren  geschmack  nicht  selten 
schwülstig  und  hohl  erscheinende  redeweise  Kudolfs,  die  gerade  im 
geographischen  abrisse  oftmals  lästig  hervortritt,  eine  Übertreibung  der 
manier  Gotfrieds  von  Strassburg,  ist  wol  durch  jenes  haschen  nach 
Wortspielen  zu  solcher  ausartung  gefördert  worden. 

Zur  Veranschaulichung  mögen  hier  die  beispiele  aus  unserem 
geographischen  abschnitte  folgen: 

V.  477     vor  dem  kan  ßch  niht  er  wem 
noch  mit  deheiner  wer  genern 
V.  435     und  nmo^  ouch  ßn  wilde 

und  in  wildem  bilde 
V.  138     da^  lant  in  grüener  varwe  lit 

gruonende  alf  der  grüene  kle 
V.  1291  und  da^  lant  iß  alfo  kalt 
von  grdz,er  kelte  manicfalt 
V.  1318  da  zem  mittem  tage 

der  funnen  hitze  zaller  sit 
die  hei^eßen  hitze  git 
V.  155     ein  edel  houm  des  edelkeit 

Arömatä  die  edeln  treit 
V.  1381  den  iß  mit  fnellekeit  bereit 
alfo  bereitiu  fnellekeit 

1)  So  nach  Lachiuanns  besserung. 


270  -  DOBERENTZ 

V.  1585  wan  rihtediche  un^  an  den  grünt 
tuot  fielt  der  fclim  mit  rihte  hunt 

V.  1497  der  hrinnende  berc  Ethnä 
hrinnende  in  dem  lande  Ut 
den  man  ßht  hrinnen  saller  zit 

V.  1040  sivei  laut  in  landes  groe^e  wU 
V.  715     das,  üf  der  erde  im  eben  rieh 

deJiein  lant  iß  noch  gelich 

an  landes  güete  mit  genuht 

an  genuhticUcher  vruht 

iß  beZjZier  lant  niht  anderfwä 
V.  404     tuot  ez,  werltchen  ßrit  erhant 

und  recket  in  werlicher  kür 

gein  wer  das,  eine  hörn  hinfür 
V.  101     zwifchen  dem  paradife  Ut 

manic  lant  und  tfel  wit 

unhähaft  äne  hü  erkant 

uns,  an  die  hühaften  lant 

wan  in  der  wüeße  und  underwegen 

iß  wüeßer  wilde^  vil  gelegen 

darin  fo  vil  getvürmes  Ut 

und  tiere  das,  se  keiner  sU 

nieman  drinne  mac  genefen 

noch  mit  deheinem  büwe  wesen 

in  den  wüeßen  landen  da 

Diese  ziüezt  ausgehobene  stelle  werden  wir  unten  kennen  lernen  als 
überaus  breite  Umschreibung  der  knappen  angäbe  der  vorläge:  Poß 
Paradifum  funt  midta  loca  deferta  et  in  via,  \  ob  diver  fa  ferpentum  et 
ferarum  gener a.  Übrigens  wird  hier  auch  ein  lesefehler  untergelaufen 
sein;  Rudolf  scheint  nämlich  das  eine  wort  invia  misverständlich  als 
zwei  Wörter  in  via  gelesen  und  aufgefasst  zu  haben. 

Beiläufig  will  ich  bemerken,  dass  die  übereinstimmende  lesart 
der  Wernigeroder  hs.  bl.  59''  und  der  beiden  Heidelberger  (Cod.  Pal. 
membr.  nr.  327  und  chart.  nr.  146) 

und  daf  fruhtigoße  lant 

daf  in  Egipte  iß  lant  genant 
nicht  anzufechten  ist ,  während  man  in  den  Verhandlungen  des  historischen 
Vereins    für  Oberpfalz   und   Regensburg  1874   s.  193    das    zweite    lant 

1)  Hs.  ivilder  tvüeste 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON  EMS  271 

beanstandet  hat  und  für  irtümlich  dadurch  in  den  text  gekommen 
hielt,  dass  im  pergament  des  Cod.  Wernig.  dort  gerade  eine  schad- 
hafte stelle  sei  und  der  Schreiber  der  deutliclikeit  halber  jenes  wort 
noch  einmal  darunter  geschrieben  habe.  Denn  ganz  entsprechend  lau- 
tet es  im  geogr.  abschnitte  v.  87 

daz,  iß  das,  höJiße  lant 

das,  in  dem  teil  iß  lant  genant 
und  ähnlich  v.  789: 

Da  ßos,et  an  ein  michel  lant 

das,  ouch  iß  houbetlant  genant. 

Dass  diese  eben  besprochene  Vorliebe  Kudolfs  auch  in  seinen  andern 
werken  hervortritt,  ist  leicht  darzutun;  hinweisen  will  ich  hierbei  auf 
jene  beobachtung,  die  sich  Moritz  Haupt  beim  Guten  Gerhard  auf- 
gedrängt hatte  (G.G.  einleitung  s.  XII):  „Umständliche  ausführlichkeit 
hat  es  mit  fast  allen  mittelhochdeutschen  höfischen  erzählungen  gemein 

und    bis    zur    ermüdung   ist   sie    nicht  getrieben   Nur   eine 

allzuoft  widerkehrende  weise  des  ausdruckes,  die  Rudolf  sei- 
nem vorbilde  Gotfried  von  Strassburg  nachahmt,  den  er  im  Wilhelm 
und  mehr  als  alle  anderen  dichter  im  Alexander  feiert,  ermüdet  und 
verliert  die  Wirkung:  das  spiel,  das  er  mit  der  widerholung 
derselben  worte  treibt." 

Als  weitere  belege  mögen  folgende  stellen  genügen : 
Gute  Gerh.  v.  1617  Do  ich  ir  klagende^  ungemach 
mit  Magelicher  fwcere  er  fach 
ez,  tet  mir  von  hersen  we 
V.  68     da^  im  der  ruom  an  lohe  ein  sil 
von  ßn  selbes  jjrife  gap 
[wie  ßn  prifUcher  urhap 
fo  guot  fo  lohehcere 
mit  richem  prife  wcere 
V.  654  ....  da^  er  Jcomen  wolte 

niht  wan  vil  heinlichen  dar 
mit  einer  heinlichen  fchar 
V.  679  mich  hat  ein  heimlicher  ger 
ein  heimlich  not  gejaget  her 
V.  1001  ßn  bete  was  alfo  getan. 

er  bat  den  hei f er  das,  er  in 
der  bete  erliefe  ouch  bat  ßn  ßn 
got 


272  DOBERENTZ 

Barlaam  s.  403,  12    daz,  e^  vil  lihte  maneges  muot 
ze  he^^erunge  kerte 
und  hez,z,erunge  lerte 
Geogr.  V.  441    daz,  an  dem  antlütze  ßn 

hat  menfchen  antlütze  fchin 

Weltchron.  bei  Massmann  Kaiserchr.  III,  92 

An  difen  mceren  der  ich  hän 
hegonnen  unde  her  getan 
rehte  in  rehter  rihte 
an  umhehreiz,  mit  flihte 

in  dieser  ztschr.  IX,  469* 

da^  ß  ze  hvrzewil  ßch  wernt 
der  mere  vn  hvrzewilent  dran 

In  den  Verhandl.  f.  Eegensb.  1874  s.  194  die  Schilderung  des  erscbreckens 
der  brüder  Josephs  in  Ägypten : 

Nach  forhtlicher  lere 

erfchraken  alfo  jere 

die  hruder  ßn  von  vorhten  do 

daz  ßu  erfchroken  und  unfro 

vor  im  geßuuden  in  not 

von  vorhten  bleich  und  fchame  rot 

unz  er  mit  linden  warten  in 

geleite  kume  ir  zwivel  hin 

daz  ß  ir  vorhte  liezen  ßn 

und  ir  zwivellichen  pin 

wan  ßu  der  tugentriche 

kuße  brüderliche 

und  leite  alle  fivere  hin 

2.  Nicht  selten  trift  man  bei  Rudolf  auch  eine  unerquickliche 
breite  an,  die  durch  tautologie  veranlasst  wird,  obschon  der  dich- 
ter widerholt  ausdrücklich  sagt,  dass  er  sich  der  kürze  befleissigen 
wolle,  worunter  er  aber  freilich  kaum  etwas  anderes  als  beschräukung 
seines  Stoffes  verstanden  zu  haben  scheint.^  Denn  dass  er  seinen  aus- 
gesprochenen Vorsatz  an  umbekreiz,  mit  flihte  zu  reden,  auch  wirklich 
immer  erreicht  und  al  die  umberede  vermiten  hätte,  ist  keineswegs  der 
fall,  selbst  nicht  einmal  in  der  eben  beregten  stelle,  bei  Massmann, 
Kaiserchr.  III,  s.  92 ,  wo  er  von  der  beabsichtigten  kürze  durchaus  nicht 

1)  So  möchte  ich  Vilmars  urteil  auf  s.  14  präcisiren.  Vergl.  hierzu  auch 
Massmann,  Kaiserchr.  III,  s.  92  fg. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  273 

kurz  spricht.  Weuu  also  dieser  zug  in  dem  geographischen  abrisse 
mehrmals  in  einer  für  unsern  geschniack  misfälligen  weise  hervortritt,  so 
steht  das  mit  Kudolfs  Schreibart  keinesweges  im  Widerspruche.  Zur 
veranschaulichung  solch  tautologisch  breiten  ausdruckes  im  geographi- 
schen abrisse  mögen  die  folgenden  stellen  dienen : 
V.  1548  da  dehein  ßange  kämet  in 

der  7iietnan  [iht  deheinen  da 
V.  21 G     und  fribent  mit  fmr  davon 
die  [langen  die  man  da  filit 
und  länt  die  da  helihen  niht 
V.  337     die  ßnt  äne  hoiibet 

%md  hotdietes  herouhet 

Hierher  zu  rechnen  sind  auch  Wendungen  wie 

V.  1344  da  diz,  lant  hat  endes  drum 
was  völlig  gleichbedeutend  ist  mit 

V.  8  45     Jne  ist  der  lantmarke  drum 
oder:  v.  1385  iiber  der  marke  endes  sil 

während         v.  903     iß  oucJi  der  marke  aldä  ein  sil 
ganz  dasselbe  besagt. 

Von  derartigen  ausdrucksweisen  wird   unten  bei   der  bedeutun^s- 
bestimmung  im   commentare  nochmals  genauer  zu  handeln    sein.     Mit 
Vorliebe    braucht    Rudolf   die   folgende    tautologische  fügung: 
Geogr.  V.  399     mit  wärheit  funder  wän 

V.  312     mit  ivärhcit  und  an  allen  wän 
V.  536     gewcerliche  und  an  allen  wän 
V.  1127  die  Jiänt  uns  fus  mit  tvärJieit 
der  lande  gelegenheit  gefeit 
funder  zivivelUchen  tvän 
Gute  Gerh.  v.  457     ich  wciz  von  ivärheit  fmider  ivän 
Geogr.  v.  1507     als  ich  muoz,  von  tvärheit  jehen 
daz,  iß  geivcErliche 

Auch  der  Gute  Gerhard  bietet  reichliche  belege  für  Rudolfs  nei- 
gung  synonyme  ausdrücke  tautologisch  zu  häufen,  z.  b. 
V.  57     des  tvart  ftn  pris  geneiget 
verkrenket  und  gefweiget 

Besondere  Vorliebe  scheint  er  gehegt  zu  haben  für  die  mehrmals  wider- 
kehrende gehäufte  Verbindung  herze,  sin,  muot: 
G.  Gerh.  v.  7       daz,  er  ze  guote  keret 
herze  ßnne  unde  muot 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.    P.D.  XII.  18 


274  doberentz 

V.  88     er  leerte  muot  herz  unde  ßn 

an  vride  an  guot  gerihte 
V.  127  mit  alß  tugende  richer  kraft 

was  ir  ßn  ir  herze  ir  muot 

in  gotes  hulde  wol  hehuot 

y.     Metrische    und    rhythmische    eigentümlichkeitea. 

1)  FIdss  und  lebendigkeit  der  verse. 
Gibt  diese  Vorliebe  Kudolfs  für  breite  und  tautologisclie  ausdrucks- 
weise seinem  stile  einerseits  den  Stempel  gemütlichster  behaglichkeit 
und  schlichter  einfalt,  so  wird  dagegen  andererseits  der  ruhige  fluss 
seiner  verse  auch  nicht  eben  selten  durch  rmie  brechen  oder  auch  durch 
enjambement  auf  anmutige  weise  in  raschere  und  reichere  rhythmische 
bewegtheit  gebracht;  und  sehr  richtig  hat  Vilmar  den  versbau  der 
Weltchronik  charakterisiert,  wenn  er  s.  14  sagt:  „Allerdings  hat  diese 
gleichmässigkeit  (einer  schlichten  erzählung  und  einfachen  behandhmg 
des  Stoffes)  der  erforderlichen  abwechselung  des  tones  der  erzählung 
eintrag  getan,  doch  ist  der  rhythmus  der  verse,  wenngleich  hin  und 
wider  an  die  spätere  einförmigkeit  des  tones  der  kurzen  reimpaare 
anstreifend,  im  ganzen  noch  sehr  weit  von  dem  toten  versmechanismus 
des  14.  Jahrhunderts  entfernt.  Die  verse  haben,  bei  durchaus  genauem 
reime,  zwar  nicht  durchgängig  eine  hinreichend  genaue  messuug,  aber 
die  hebungen  und  Senkungen  finden  sich  überall  mit  geschickter  abwech- 
selung verteilt,  und  der  sinn  ist  niemals  an  das  verspaar  oder  den 
einzelnen  vers  oder  gar  an  das  reimwort  gebannt."  —  Diese  kunst- 
mittel,  welche  dazu  mitwirken  sollen,  die  kurzen  reimpaare  vor  der 
gefahr  des  herabsinkens  in  einförmig  klapprigen  tonfall  zu  bewahren, 
finden  wir  in  dem  geographischen  abschnitte  mindestens  ebenso  häufig 
angewendet,  als  in  Eudolfs  übrigen  werken,  und  auf  grund  dieser 
beobachtung  konte  auch  widerholt  bei  der  beurteilung  des  textes  in 
zweifelhaften  fällen  die  entscheidung  über  die  von  dem  dichter  gemeinte 
Satzgliederung,  und  damit  über  die  einzuhaltende  iutei-punction  getrof- 
fen werden. 

Als  beispiel  für  den  gebrauch  dieser  kunstmittel  im  geographischen 
abriss  mögen  die  beiden  folgenden  stellen  dienen: 
v.  505  wan  e^  enJceine  fpife  zert 

anders^  \  wan  daz,  ez,  ßch  nert 

mit  den  reinßen  würzen  gar, 

die  diu  erde  ie  gebar 

in  dem  lande  und  anderswo,.  \\ 

In  Ganges  dem  wa^^er  da 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  275 

und  V.  1595  dia  ßds,et  an  diu  felhen  lant:  \ 
in  Laune  iß  ß  genant 
diu  verlorne.  \  das,  iß  ivär, 
wan  zeiner  zit  iibr  elliu  jär 
da^  lant  alß  ver [windet, 
daz,  ez,  nienian  vindet : 
daz,  lant  iß  allen  Unten  gar 
verborgen  vor^  \  wan  nieman  dar 
hmnt:  \  ez,  müez,e  von  gefcJiiht 
ergän.  |  mati  vindet  anders  niJit 
wä  diu  ifele  ß  gelegen.  || 
der  vil  wunderliche  gotes  degen  .... 

Hierzu  vergleiche  man  aus  dem  Schlüsse  des  Barlaara 
404,  29    Nu  lät  mich  vürhaz,  fprechen  me.  | 
ich  häte  mich  vermez,z,en  e, 
dö  ich  daz,  mcere  enharte 
von  dem  guoten  Gerharte, 
hcsf  ich  mich  dran  verfümet  iht, 
daz,  lihte  tumhem  man  geschiht, 
daz,  ich  ze  huoz,e  wolde  ßän, 
oh  mir  würde  kunt  getan 
ein  ander  mcsre:  \  deß  geschehen.  || 
nü  kan  ich  des  niht  verjehen, 
oh  ich  hän  iht  gehe^z,ert  mich: 
des  tveiz,  ich  niht.  \\  noch  wil  ich  .... 

Aus  den  späteren  teilen  von  Kudolfs  Weltchronik  lassen  sich 
mehrere  stellen  aus  den  durch  Zupitza  im  18.  bände  der  Hauptschen 
zeitschr.  mitgeteilten  bruchstücke  zur  vergleichung  heranziehen.  Hier 
genüge  die  eine,  s.  121  v.  46  fgg. : 

der  grozzc  hunger  ß  des  tivanch, 

daz  ß  vil  vihes  [lügen  nider :  \ 

mit  ezzen  ß  gewunnen  wider 

ir  kraft  nach  krankheit,  e  ß  got 

geopferten  nach  dem  gebot, 

daz  in  der  e  verboten  was.  \ 

da  mit  daz  leut  uf  ßch  las 

des  chuniges  zorn.  |j  der  machte  [a 

got  einen  grozzen  alter  da, 

dar  u[  er  gote  prachfe  do 

[ein  opfer.  \\  do  daz  ivas  al[ö, 

18* 


276  DOBERENTZ 

er  hiez  den  ewarten  ervarn 
vmme  got,  |  oh  er  der  lieiden  fcliarn 
nach  folde  jagen  oder  nicht.  \\ 
do  wart  im  vmme  die  gefchicht 
chein  antwürte  do  gefeit.    || 
vmme  daz  vorhtliche  leit 

2)  Scheinbar  iiiiriidolfisclie  rliytlimik  dnrch  die  eigenuamen  veranlasst. 

Somit  ist  uachgewiesen,  dass  unser  geographischer  abschnitt  nach 
spräche  und  redeweise  durchaus  das  Rudolfsche  gepräge  zeigt.  Auch 
die  kuustgriffe,  welche  —  wie  wir  sahen  —  zur  belebung  des  Vers- 
baues benuzt  wurden ,  und  die  man  in  der  folge  bald  fast  völlig  ver- 
lernte, —  sind  durchaus  dem  künstlerischen  bestreben  unseres  höfischen 
dichters  angemessen.  Jedoch  ist  noch  hinzuzufügen,  dass  zuweilen 
freilich  die  fülle  von  eigennamen  unseren  gewissenhaften  dichter 
gezwungen  hat,  einesteils  langweilig  gleichförmig  scandierte  und  andern- 
teils  holprige,  nur  notdürftig  in  das  metrum  eingepferchte  verse  zu 
bauen.  —  Über  die  betonung  der  naraen  in  derartigen  versen  zu  urtei- 
len ist  freilich  gar  manchmal  recht  mislich  und  unsicher,  wenngleich 
man  wol  im  algemeinen  voraussetzen  darf,  dass  der  dichter  auch  in 
seinen  deutschen  versen  diejenige  betonung  derselben  habe  beibehalten 
wollen ,  welche  er  ihnen  beim  lesen  lateinischer  texte  zu  geben  gewohnt 
war,  demnach  wol  so  ziemlich  dieselbe,  die  noch  heute  in  unserer 
gewönliclien  ausspräche  lateinischer  namen  herschend  ist. 
Als  beispiel  der  ersteren  art  möge  dienen : 
V.  594  den  ßnt  gefe^.2,en  nahe  hi' 

die  frechen  Mo'abi'ten, 

Idumei'  ^  und  Ammoni'ten, 

Sarracine  und  Madjam'ten 

und  dahi  meiner  fiten 

die  wilden  ^'lamiten 

die  hl   den  felhen  si'ten 

V.  1245  Navdrren  und  Wash'mje 

und  da^  Idnt  se  Gdhgünje 
V.  1207  Burgündje  und  Liittringen 

und  daz,  Idnt  ze  Karlingen 

1)  In  V.  596  könte  man  zwar  geneigt  sein ,  tind  zu  streichen ,  und  Idumei 
zu  betonen;  doch  scheint  dagegen  zu  sprechen  die  handscliriftliche  Überlieferung 
und  auch  die  analogie  in  v.  745  fg. ,  1047  fgg. ,  1230  f gg. ,  1260  fgg.  —  Schwere 
auftakte  sind  bei  Rudolf  in  unserm  abschnitte  überhaupt  nicht  selten. 


DIE  GEOGRAPHIE  KUUOLFS  VON  EMS  277 

Mehr  unter  die  zweite  art  fallen  vcrse  wie  die  folgenden : 
585  daran  li't  Caldeä 

Ärabja  linds,  laut  Sdbha 
615  da  li't  ouch  Tyrus  die  lyrds 
(dagegen  mit  gewönlicher  betonung 

1012  daz,  W  den  zi'ten  Tijrds) 
1026  Japhetes  filn  mit  ndmen  Ceti'm 
635  ist  gelegen  Jerü'falem 

die  Sem  der  edel  Mine  Salem  * 
644  in  Faleßma    dem  lande 
986  und  Nörwcege  daz,  dlfö  wtt 
972  Düringen  ddz,  lant  darnach  fa 
1003  diu  nidcr  Pdnnd'nid' 
und  1074  und  1137  diu  ober  Pdnnonia  ^ 

In  nicht   seltenen   fällen   wird   man    nur   nach   umfänglicher  und 
wnderholter  vergleichuug  ähnlicher  stellen  mit  annähernder  Wahrschein- 
lichkeit vermuten  können  ,    wie  zu  lesen  und  zu  betonen  sei.     Schwer- 
lich auch  wird  Rudolf  bei  manchen  uamen,  zumal  bei  solchen  die  ihm 
wenig  oder  gar  nicht  bekant  waren ,   oder  die  sich  schwer  in  den  vers 
fügten ,    eine  und   dieselbe    betonung   überall  mit    voller   und   strenger 
consequenz    eingehalten    und    durchgeführt    haben.     Dazu    komt   ferner 
noch ,    dass  in  manchen  namensformen  auch  alte  Verderbnisse  verschie- 
denen Ursprunges  vorliegen,   die  zuweilen  nur  durch  sehr  weitgreifende 
quellenkritik   sich    erkennen   und   berichtigen   lassen.     Deshalb   mag  es 
nicht  überflüssig  sein,   hier  noch  einige    solcher  mislicher  verse  vorzu- 
führen ,  die  zum  teile  noch  weiterer  erwägung  bedürfen. 
1158  Galabrie  Pülle  Terre  de  labü'r^ 
1043  Theffä'lje  und  Mdcedonje 
1058  Siciö'njä  ilnd  Arcliadid' 
1230  Traconjä  ihid  Carthä'go 
Gali'cje  und  Lü'ßfanja 

1)  Dass  das  ej^itheton  edel  beabsichtigt ,  und  deshalb  nicht  zu  streichen  ist 
lehrt  seine  anderweite  entsprechende  Verwendung  in  der  "Weltchronik ,  z.  b.  Vilraar, 
s.  71''  V.  53  Jose'x)h  der  edel  götes  degen  Haupts  ztschr.  18,  103  (von  Abraham) 
wän  der  edel  götes  degen 

2)  Gegen  eine  änderung  in  die  flectierte  form  ohriu,  wie  sie  ja  bei  Kudolf 
an  sich  wol  zulässig  wäre,  sprechen  die  für  seine  Verwendung  des  flexionslosen 
ober  beweisenden  verse 

1178    da^  ober  Lampärten  und  daz,  nider  (:  beider) 
und  921    dm  ober  Germania  gelegen 

3)  Etwa:  Calabri,  Füll,  Terralabur  (oder  Terrdelabür)? 


278  DOBEEENTZ 

Tinguita  nje  und  Bt'tica 
mit  V.  1232  ist  zu  vergleichen 

1365   Tinguita  nje  und  [ein]  ^  C6farea 

Ethiopjä  darnach  Sdhha 
1260  Daß  Britdnje  und  JEngeUdnt 
1480  dö  Vit  an  Cijdö'n^  daz,  länt 
14y6  dähl'  lit  Sa  mos  da^  Idnt 
1574  Ein  ßdt  iß  Si'ene   genant 
1553  die  i' fein  Pdrchares'^ 
1338  daß  Berete  ilnde  Occafa  * 
1474  Störja  '"  Melos  lind  Pärön 
1515  Cylla    diu  ifl  und  ^'dbe 

lind  darzüo  Vulkänie 
1329  das,  iß  Perm'ce  « 

Äfßno'e  lind  Cyrene 
618  vnd  Sydonie  diu  von  Sydone  (:  fchone) 
bietet   zwar  in  allen  von   mir   beniizten  haudschriften    die   namensform 
Sydonie,    die   auch    dem    Rudolf  und    den    abscbreibern   seines   Werkes 
allerdings  recht  wol  bekant  sein  konte  aus  der  Vulgatastelle  Luc.  4,  26; 
„in  Sarepta  Sidoniae,"    dennoch  möchte   man  hier   einen  alten  fehler 
der  abschreiber  vermuten,  und  mit  correcterer  betonung  lesen 
und  Sydo'n  diu  von  Sydone. 

b.     Beweis    aus    inneren    gründen. 
u.    Anklänge  un  d  rückerinner  ungen. 
Nachdem   wir  so   gefunden  haben,    dass   die   sprachlichen,    stili- 
stischen und  metrischen  eigentümliclikeiten  des  geographischen  abrisses 

1)  ein  bieten  zwar  alle  von  mir  benuzten  handscbriften,  doch  ist  es  wol  nur 
ein  alter  fehler  der  Überlieferung. 

2)  Gemeint  ist  Chios.  Das  misverständnis  ist  durch  Honorius  Augustodunen- 
sis  verschuldet. 

3)  Der  vers  solte  lauten: 

die  iseln  Baleäres 
denn  gemeint  sind  die  Balearen.    Die  Verunstaltung  des  namens  scheint  von  Rudolf 
herzustammen. 

4)  So  scheint  die  betonung  gemeint  zusein;  oder  vielleicht  auch:  daft  Be'ret 
ünde  Uccasd.  Die  benennungen  freilich  sind  verderbt  aus  Sabrata  und  Occa  bei 
Isidor.     Der  fehler  geht  auf  Honorius  Augustodunensis  zurück. 

5)  Der  wunderliche  und  unerhörte  griechische  inselname  Storia  ist,  wie 
unten  nachgewiesen  werden  wird,  nichts  weiter  als  eine  abenteuerliche  Verstüm- 
melung von  „  historia." 

6)  Gefälliger  würde  dieser  vers  durch  herstellung  der  correcten  namensform 
Berenice, 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  279 

durchaus  nicht  gegen  Eudolfs  art  Verstössen,  lassen  sich  auch  ferner 
noch  uuvcrkenbare  remini scenzen  und  anklänge  an  andere  Rudolf- 
sche  stellen  in  ihm  auffinden,  ohne  dass  dabei  der  gedanke  an  Inter- 
polation irgendwie  aufkommen  könte. 

So  erinnern  die  verse  1131  fg.  aus  der  Geographie,  von  denen 
Kudolf  in  seiner  lateinischen  vorläge  nichts  fand, 

tmd  daz,  lant  zc  Ruinen 

Liflant  unde  Prinzen 
unverkenbar  an  v.  1195  fg.  des  Guten  Gerhard 

Jiin  über  mer  gen  Blumen 

zc  Liflant  und  ze  Priu^en. 
Und  die  verse  98  fgg.  unserer  Geographie 

diu  vier  waz,z,er hegiez,z,ent 

diu  lant  und  macJient  mit  ir  kraft 
die  erde  fiuhte  und  herhaft 
sowie  713  und  machet  ez,  mit  ftner  Jcraft 
fiuhte,  veiz>t  und  herhaft 
zeigen   starke   ähnlichkeit   mit   dem,    was    der    dichter   schon  an  einer 
früheren   stelle    der  Weltchronik,   bei   der   Schilderung   des  paradieses, 
gesagt  hatte  Vilmar  s.  64**  v.  309 

daz,  diu  waz,z,er  mit  ir  Jcraft 

diu  erde  machent  herhaft 
Ferner   halte    man   neben   die    verse  1260  —  66    der  Geographie, 
wofür  Eudolf  bei  Honorius  Augustoduneusis   nur  die  nameu  Britannia, 
Aüglia,    Hibernia  vorfand,    und    die  er   demnach   durch    seine  eigenen 
keutnisse  vervolständigte : 

daß  Britanje  tmd  Engellant 

Cornwäl  unde  Wäleis 

Nortumhri  unde  Norgäleis 

Hyherne  .  ; 

als  ez,  iß  funders  üzgenant 

daz,  funderlant  in  Irlant 
aus  dem  Guten  Gerhard  die  verse  5905  fgg. : 

von  Corneiväl  und  von  Wäleis 

von  Schotten  und  von  Norgäleis 

von  Yherne  und  von  Yrlant^ 

1)  Zu  lezterem  verse  füge  man  noch  den  gleichlautenden  vers  5833,  in  wel- 
chen beiden,  wie  aus  v.  1265  des  geographischen  abrisses  hervorgeht,  „und"  auf- 
gefasst  werden  niuss  in  dem  sinne  von  „und  überhaupt." 


280  DOBEEENTZ 

Hierzu  nehme  man  noch  die  stelle,  welche  Rudolf  später  in  der 
Weltchionik,  unter  den  ,,  beiwegen "  zur  „vierten  weit,"  d.  h.  zum 
vierten  Zeitalter,  darbietet,  und  welche  im  Cod.  Palat.  nr.  327  fol.  158* 
unten  lautet :  ^ 

Beatiuf-  der  unver sagte 
fo  hohen  prif  heiagte 
daz,  im  def  kunigef  tohter  da 
ze  wibe  ivart  mit  der  er  fa 
158  "^  JRovmde  chriechfclnv  riche 
vn  ßt  gewalticliche 
Stifte  mit  gewaltef  hant 
elliv  JBritanifchiv  lant 
Deift  Engellant  vn  Waleif 
Schottenlant  vn  Norgaleif 
vn  Cortival  [1.  Cornewal]  der  name  degan 
erß  würzen  vn  ßch  heben  an 
Hieraus  geht  klar  hervor,    dass  Rudolf  jene  namen  kante;    beachtens- 
wert   scheint,    dass    er   an    allen    drei    stellen    Wäleis    mit    Norgäleis 
gereimt  hat. 

Von  schlagender  beweiskraft  erscheint  namentlich  die  nahe  ver- 
wautschaft  einer  stelle  über  Italien  in  v.  1140 — 1182  des  geographi- 
schen abrisses  mit  einer  anderen  später  folgenden  der  Weltchronik, 
welche  in  die  erzählung  der  zur  zeit  der  Richter  gehörenden  „htwege" 
organisch  eingefügt  ist. 

Die   betreifeude    stelle    der  Weltchronik   lautet   nach-  Cod.  Palat. 
327  fol.  HS''  und  Cod.  Pal.  146  fol.  55  fg.:^ 
In  difen  feJben  ziten  ivaf 

{alf  ich  an  den  hyßorien  laf) 
ze  Lavrenten  mit  kraft 

fo  Jcrefte  riche  herfchaft 

daz  div  lant  al  geliche  gar 

hvbten  bi  den  ziten  dar 

1)  Im  cod.  Pal  146  fehlt  dieser  abschnitt.     Vgl.  Vilmar  s.  46. 

2)  Des  Silvius  söhn. 

3)  Ich  habe  hier  aus  der  Weltchronik  ein  grösseres  stück  ausgehoben,  als 
zum  blossen  zwecke  der  vergleichung  mit  den  entsprechenden  versen  des  geogra- 
phischen abrisses  unmittelbar  erforderlich  sein  würde,  damit  der  leser  selbst  durch 
eigene  auschauung  sich  von  der  ursprünglichen  und  organischen  Zugehörigkeit  die- 
ser stelle  zu  dem  ihr  vorangehenden  und  nachfolgenden  texte  der  Weltchronik 
überzeugen  könne,  welche  den  verdacht  einer  nachträglichen  Interpolation  von  ande- 
rer band  gar  nicht  aufkommen  lässt. 


ÜIK    GKOGRAPUIE    KUDOLFS    VON    EMS  281 

div  noch   Ytalia  ßnt  genant 

das  ßnt  elliv  div  lant 
div  fuf  ir  vnder  marche  liant 

da  fl  von  den  gebirgen  gant 
vntz  an  def  mittein  meref  sil 

der  lande  ich  ein  teil  nennen  wil 
alf  ich  ir  namen  gelefen  han 

Lanchparten  vn  Tvfcan^ 
Romanie  vn  Maritima 

Änchvn  vn  Spolit  ßnt  ouch  da 
dar  ZV  Sycilie  vn  al  div  lant^ 

div  dar  ze  dienß  ßnt  henant 
Pvlle  vn  Galahrie  alf  das  gat 

vn  Capif  das  Principat 
Terre  delahvr  vn  difiv  lant 

fint  gar  Ytalia  genant 
AI  vmbe  vntz  an  Monticinis  ^ 

div  tvarn  in  ei  gen  f  wif 
den  von  Lavrent  vndertan 

alf  ich  nv  gefprochen  han 
ivan  ß  dannoch  vnbvhaft 

warn  vn  an  herfchaft 
der  ßt  der  felben  iare  friß 

da  vil  vn  me  gewahfen  iß. 
der  do  bi  den  ziten  da 

Rihfeta    In  Italia 

der  waz,  geheizen  lanvf 

Damit  vergleiche  mau  uuu  v.  1143  fg.  des  geographischen  abrisses: 
Itäliä,  diu  mit  dem  mer 
und  mit  den  bergen  iß  ze  wer 
beßo^^en  veßecUche, 
und  V.  1154  fgg.     der  houbetname  iß  genant 

1)  Cod.  146.  Lamparteu.     Vgl.  in  dieser  ztschr.  9,  468 

ze  Lamparten  vn  in  Tvfcan. 

2)  Vgl.  in  dieser  ztschr.  9,  468  von  Heinrich  VI: 

der  Sicilie  das  lant 
vn  al  dv  lant  mit  finer  hant 
dv  noh  horent  dar  hetwanc 
daf  fl  im  dienden  ane  ivanc. 

3)  Cenifms  oder  Cinißus  ==  Moni  Cenis.     Vgl.  E.  Oehlmann,  Die  Alpenpässe 
im  Mittelalter.     (Ztschr.  für  Schweizerische  Geschichte  1878  und  1879)  s.  34. 


282  DOBEEENTZ 

SicUia;  und  diu  laut  vil  gar 

diu  mit  nanien  hoerent  dar, 

mit  gelegenheit  ßnt  nächgebiir: 

Galahrie,  Fülle,  Terre  de  lahür, 

und  Capif,  daz,  Principät. 

diffit  als  der  Hoiberc  ßät, 

Maritima  lit  und  Spolit. 
V.  1166  an  diu  lant  ßd;^et  Tvfcän. 
V.  1169  da  Romdnje  seiner  fit 

und  ÄnJcün  gein  oßert  lit. 

Lamp arten  an  Bömänje  gdt; 
namentlich  aber  beachte  mau  die  Schlusswendung  v.  1179  fgg.: 

und  fwaz,  ich  nü  hie  nande 

gegene  unde  lande, 

da  fint  mit  einem  namcn  diu  lant 

vil  gar  Itäliä  genant. 
In  Rudolfs  lateinischer  quelle  steht  von  alledem  nichts. 

ß.    Organische  einfügung  des  geographischen  abrisses   in  die 

Weltchronik. 

Sind  diese  anklänge  und  reminiscenzen ,  die  sich  bei  eingehender 
prüfung  der  übrigen  hiwege  wol  sicherlich  noch  würden  vermehren 
lassen,  als  beweise  für  Rudolfs  autorschaft  unserer  geographie  nicht 
anzufechten,  so  ist  für  die  frage  nach  der  echtheit  des  geographischen 
abrisses  endlich  noch  von  wesentlichster  bedeutung  der  umstand,  dass 
dieser  abschnitt,  soweit  sein  text  durch  die  Übereinstimmung  aller  mir 
bisher  erreichbaren  handschriften  der  echten  Rudolfschen  chronik  kri- 
tisch festgestelt  werden  konte,  weit  entfernt  davon,  auch  nur  die 
geringsten  spuren  des  Charakters  einer  Interpolation  zu  verraten,^  viel- 
mehr durch  niannichfache  fäden  mit  dem  Rudolfschen  hauptwerke  ver- 
knüpft erscheint. 

1.  Es  finden  sich  in  ihm  erstens  zurückverweisungen  auf 
früher  bereits  behandeltes,  die  ein  interpolator  jener  zeit  hier  nicht 
eingestreut  haben  würde:  so  heisst  es 

v.  580  darin  diu  gro^e  Ninive 

von  der  ich  hän  gefprochen  e 

1)  Über  die  nur  in  der  einen  handschriftengruppe  (Wernigerode -Strassburg) 
enthaltenen  146  verse  zum  preise  der  rheinischen  städte  und  6  Zeilen  zur 
Verherrlichung  Venedigs,  welche  deutlich  den  Charakter  späterer  einschaltung 
tragen,  soll  im  anhange  gehandelt  werden. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  283 

SO  wird  ferner  bei  erwähnung  des  berges  Ararat  hinzugefügt 
V.  775  darüf  ßch  niderlie 

als  ich  e  hän  gefprochen  hie 

diu  Arche  von  der  ich  e  las 

darinne  Nöe  genas 
Auch  auf  das  geschlechtsregister  aller  nachkommen  Noahs,  welches 
ja,  wie  oben  hervorgehoben  wurde,  in  der  Rihter - got-YQCQw&iox). ^  d.  h. 
in  der  echten  Rudolfschen  Weltchronik,  der  erzählung  vom  babyloni- 
schen turmbau  und  damit  auch  diesem  geographischen  abrisse  vor- 
aufgeht, wird  deutlich  an  drei  stellen  bezug  genommen,  nämlich 
V.  858 ,  wo  zunächst  gesagt  wird ,  dass  Sem  und  der  geflehte  hind 
bereits  aufgezählt  seien;  dann  wird  v.  1027  bei  Japhets  söhne  Cetim 
bemerkt:  den  ich  ouch  hän  genetmet  c;  und  endlich  noch  deutlicher 
heisst  es        v.  1615 diu  geflehte  von  Nöe 

diu  ich  hän  genennet  e 

2.  Zweitens  wird  auch  der  Zeitpunkt,  bei  welchem  der  geogra- 
phische abschnitt  eingereiht  ist,  nämlich  die  durch  den  babylonischen 
turmbau  veranlasste  teilung  und  Verbreitung  der  sprachen  und  Völker 
nach  deu  geschlechtern  der  söhne  Noahs  über  die  drei  erdteile,  vom 
Verfasser  stets  im  äuge  behalten.  Vielfach  erinnert  der  dichter 
daran ,  dass  das ,  was  er ,  seiner  geographischen  quelle  folgend ,  gegen 
die  Chronologie  schon  hier  anführe,  weit  von  der  zeit  unmittelbar  nach 
dem  turmbau  zu  Babel  abliege.  Oftmals  hat  er  zu  diesem  zwecke  ein 
bloses  fit  oder  fider  angebracht:  so 

v.  657  Gomorre  unde  Sodomä 

fit  wurden  ouch  gebüwen  da 
V.  823  Dardäniä  da  fit 

Troie  diu  riche  in  wart  geleit 
V.  174  Alexander  der  riche 
fit  vil  gewaltecUche 
V.  562  und  568  da  fider  die  Monarhen 
V.  667       die  Nabajöt 

fit  Ifmaheles  fun  gebar 
V.  683  da2,  was  dö  3Iefraim  genant  und 
V.  687  fit  hiez,  ez>  Canöpeä 
darnach  Egyptus 
so  wird  V.  800  bei  Ephesus  erv^ähnt 

darin  der  grö^e  ewatigeliß 
fant  Johannes  lange  fider 
ßch  lie  mit  ßner  ruowe  nider 


284  DOBERENTZ 

meist  aber  hat  er  diese  bezeicbnimg  noch  nicht  für  ausreichend  befun- 
den, sondern  statt  ihrer  breitere  bestimmnugen  verwendet,  wie  v.  723 
von  der  gründung  Alexandriens : 

die  Alexander  ßifte  fit 

über  maneger  hundert  jdre  sit 
ähnlich  auch  bei  nennung  der  Dido 

V.  1348  die  diu  frouwe  Dydo 

ßifte  nach  den  siten  fit 

über  maneger  jdre  zit 
und  von  dem  brunnen  zu  Siene  sagt  er  v.  1576 

da  fider  über  manege  zit 

gemachet  wart  ein  brunne 
Noch  ausführlicher  lautet  die  angäbe  bei  erwähnung  ßrandans;    dessen 
wunderbare  fahrt  habe  stattgefunden 

V.  1609  über  manic  hundert  jdre  fider 

da  fich  liez,  üf  die  erde  nider 

von  Nöe  diu  grö^e  diet 

dö  fie  von  JBabilönie   fchiet 
Gleichem    zwecke    sollen    auch   die    folgenden    chronologischen    andeu- 
tungeu  dienen 

V.  610  Antyoche  unde  Dämas 

der  dann  och  deheines  ivas 

dö  fie  fich  niderliez,en 
V.  914  Gottid  und  Däniä 

und  lande  vil  diu  nach  der  zit 

nach  in  genennet  wurden  fit 
V.  1619  daz,  diu  lant  elliu  nach  der  zit 

gemachet  wurden  bühaft  ßt 

daz;  diu  geflehte  von  Nöe  .... 
V.  671  (von  den  12  geschlechtern  der  Ismaheliten) 

der  was  dö  bi  den  ziten  niht 

dö  ßch  füegte  diu  gefchiht 

daz,  ßch  zerteilten  diu  Mnt 

diu  von  Nöe  geboren  ßnt 
v.  599  die  wilden  Elamiten 

die  bi  denfelben  ziten 

dö  wären  niht  ße  wurden  fider 

und  liefen  ßch  mit  bü  da  nider 
V.  1304  ....  in  Europa  her  und  hin 

diu  lant  zerteilten  fus  und  fö 

in  difen  felben  ziten  dö 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  285 

ße  von  erß  ßch  liefen  nider 
V.  1013  das,  hl  den  ziten  Tijras 

laphetes  fun  als  ich  ez,  las 

ßiffe  an  der  erßen  üz,vart 

da  erß  diu  erde  huhaft  wart 
V.  859  tvan  in  der  teil  ze  teile  wart 

an  dirre  felben  üz,vart 

da  ße  ßch  teilten  in  die  laut 
V.  618  und  Sydon  diu  von  Sf/döne 

Canaänef  fune  gemachet  wart 

an  dirre  fclhen  üz,vart 
V,  1250  von   Yfixhiia 

ivan  ez,  was  daz,  erße  laut 

das,  nach  der  erßen  üz,vart 

erhüiven  von  dem  kunne  -wart. 
Aus  diesen  zahlreichen  stellen  —  die  hier  ziemlich  volständig 
aufgeführt  und  vorgelegt  wurden,  weil  sie  zugleich  einen  einblick  in 
die  sprachliche  und  stilistische  eintönigkeit  dieses  geographischen  abris- 
ses  gewähren  —  lässt  sich  auf  das  deutlichste  erkennen ,  wie  viel  dem 
Verfasser  bei  der  ausarbeitvmg  des  geographischen  abschnittes  daran 
gelegen  war,  die  reihenfolge  der  begebenheiten  möglichst  zu  wahren 
und  stets  den  Zeitpunkt  im  äuge  zu  behalten,  bei  welchem  er  seine 
episode  einwob. 

Demnach  ist  der  geographische  abriss  durchaus  nicht  zu  betrach- 
ten als  eiu  blosses  wilkürliches  und  zufälliges  einschieb  sei  in  die 
Weltchronik ,  sondern  ist  vielmehr  aufzufassen  als  eine  absichtliche  und 
planmässige  ein  Schaltung.  Denn  aus  den  zahlreichen  hier  soeben 
angeführten  belegstellen  ergibt  sich  mit  notwendigkeit  die  schlussfol- 
gerung,  dass  der  dichter  eine  durchgehende  innere  Verknüpfung  mit 
dem  vorangehenden  und  nachfolgenden ,  und  eine  dem  plane  des  gan- 
zen angepasste  und  demnach  organische  einfügung  in  die  gesamte  Welt- 
chronik mit  gutem  vorbedachte  erstrebt  und  erreicht  habe. 

3.  Wesentlich  aber  ist  er  zur  einflechtung  eiuer  solchen  Über- 
sicht der  länder  und  Völker  angeregt  und  bestimt  worden  durch 
die  idee  einer  Weltchronik.  Denn  es  hat  zwar,  wie  er  v.  1615 
beim  übergange  von  der  geographischen  einschaltung  zur  weiteren 
geschichtserzählung  selbst  sagt,  „alhie  diu  mcere''  —  d.i.  die  Historia 
scholastica  des  Petrus  Comestor,  neben  der  bibel  seine  hauptquelle  — 
„der  lande  stiftcere"  noch  nicht  mit  namen  genant;  dennoch  aber  hat 
er  es  sich  nicht  versagen  können ,  anknüpfend  an  das  ereignis ,  durch 
welches ,    nach    der   auf  Genesis   cap.  X   gegründeten    anschauung    des 


286  DOBERENTZ 

mittelalters ,  die  vielsprachigkeit  und  in  folge  davon  die  völkerzerteilung 
veranlasst  worden  war,  einen  tiberblick  über  alle  ihm  bekanten  Völker 
und  deren  Wohnsitze,  und  damit  einen  abriss  der  erd-  und  Völker- 
kunde seiner  zeit  hinzuzufügen. 

Lag  es  doch  auch  nahe  genug,  in  eine  Weltchronik  auch  eine 
geographie  der  Weltteile  einzulegen!  Hatte  doch  schon  in  der  ersten 
hälfte  des  IX.  Jahrhunderts  bischof  Frechulf  von  Lisieux,  der  freund 
des  gelehrten  Hraban  —  und  auch  er  war  hierin  nicht  ohne  Vorgän- 
ger gewesen  —  für  notwendig  befunden,  in  seiner  Chronik  (lib.  I,  c.  27)^ 
zu  erörtern :  „  Quomodo  ex  trihus  filiis  Noe  otnne  genus  hominum  ßt 
propagatum  et  quas  orhis  terrae  partes  ohtimierint"  Die  anga- 
ben, welche  Frechulf  hier  darbietet,  hatte  er  freilich  nur  einfach  aus- 
gezogen aus  Josephus,^  bei  dem  wir  den  ersten  versuch  einer  erklä- 
rung  der  mosaischen  völkertafel  (Genes,  cap.  X)  vorfinden,^  und  aus 
Hieronymus,*  der  seinerseits  widerum  durchaus  dem  Josephus  gefolgt 
war.  ^ 

Späterhin,  etwas  über  100  jähre  vor  Rudolf  von  Firns,  hatte 
Otto  von  Freisingen  dasselbe  bedürfnis  empfunden  bei  abfassung 
seiner  Chronik,  oder,  wie  er  selbst  dies  zwischen  1143  und  1146  ent- 
standene werk  nent,  seines  „liber  de  duabus  civitatibus."  Denn  er 
begint  es  mit  den  worten :  „  Gestarum  reriim  ah  Adam  protoplaßo 
ufqtie  ad  tempus  noßrum  feriem  exsecuturus ,  primo  ipfum  quem 
h  ah  Hat  genus  humanum  orhem,  ßctit  a  maioribus  accepimus, 
breviter  dißinguamus.  Tres  mundi  partes  effe  fcriptores  afferunt " 
usw.  Die  eigene  ausführung  jedoch  hat  er  sich  erspart,  und  sich 
beschränkt  auf  die  Verweisung:  ,,Qiiarum  provincias ,  ßtus,  regiones 
qui  velit  cognoscere,  legat  Orosium."  Und  in  der  tat  hatte  der  mit 
dem  heiligen  Augustinus  befreundete  Paulus  Orosius  im  anfange  sei- 
ner im  jähre  418  verfassten  Historiarum  libri  VII  adversus  paganos 
eine  geographie  eingeflochten,  mit  welcher  wir  uns  weiterhin  werden 
eingehender  zu  befassen  haben ,  da  wir  versuchen  wollen  zu  erweisen, 
dass  sie  gleichsam  die  pfahlwurzel  geworden  ist,  aus  welcher  die  geo- 
graphien  des  mittelalters  aufgesprosst  sind, 

1)  Freculphi  episc,  Lexov.  chronicoruin  tomi  II.  Cölu  bei  Melchior  Novesia- 
nus  1539  fol.  VII  ^ 

2)  Antiq.  jud.  1 ,  6.  Vgl.  MüUenhoff ,  Über  die  Weltkarte  und  Chorographie 
des  Kaisers  Augugtus.     Akad.  festprogramm.     Kiel  1856.    S.  36, 

3)  Siehe  Müllenhoff  a.  a.  o.  s.  37, 

4)  Quaest.  hebraic.  —     Opera,  ed.  Martianay,  II,  514  — 17. 

5)  Aus  Hieronynius  hatte  auch  Isidor,  Etymolog,  üb.  IX.,  c.  2  geschöpft, 
und  somit  hatte  die  vou  Josephus  gegebene  erklärung  die  weiteste  Verbreitung  wäh- 
rend des  ganzen  mittelalters  gefunden. 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON   EMS  287 

Wenden  wir  uns  schliesslich  wider  zu  Rudolfs  Geographie  zurück, 
so  meine  ich  durch  die  vorstehende  erörteruug  genügend  bewiesen  zu 
haben,  dass  Vilmar  treffend  geurteilt  hat,  wenn  er  s.  18  sagt,  dass 
Rudolf  „die  grosse  anzahl  von  geographischen  namen  und  notizen  ganz 
richtig  unter  den  dem  ganzen  werke  eigentümlichen  gesichtspunkt 
einer  Weltchronik  gestelt  habe ,  zu  welcher  eine  historische  weltbeschrei- 
bung  als  notwendiges  glied  hinzukommen  muste." 

Doch  ich  würde  befürchten,  mich  fast  schon  zu  lange  damit  auf- 
gehalten zu  haben,  alle  zweifei  an  der  echtheit  abzuwehren,  wenn  ich 
nicht  auch  die  hoffnung  hegte ,  dass  durch  diese  erörterungen  zugleich 
manclie.^  bedeutsame  Streiflicht  auf  mancherlei  gefallen  sei,  was  der 
weiteren  Untersuchung  zu  gute  kommen  werde. 


2. 
Abstammung-  und  vcrwantsehnft  der  Rudolfsehen  geographie. 

§  3.    Meinungen  der  früheren  forsclier  über  Rudolfs  quelle. 

Es  wird  nach  alledem  die  echtheit  dieser  geographischen  ein- 
schaltung  nicht  füglich  mehr  in  frage  gezogen  werden  können;  ja  es 
würde  wol  auch  in  Vilmar,  der  diesen  abschnitt  auf  seite  18  doch 
schlechthin  ,,als  gewiss  von  Rudolf  selbst  herrührende  partie"  bezeich- 
net hatte,  niemals  der  leiseste  zweifei  aufgestiegen  sein,  wenn  ihn  nicht 
weiterhin  seine  forschung  nach  der  quelle  des  geographischen  abrisses 
wider  bedenklich  gemacht  hätte. 

Hören  wir  nun,  zu  welchen  ausichteu  und  Vermutungen  über  die 
quellen  Vilmar  gediehen  ist,  und  wie  die  nachfolgenden  sich  dem 
gegenüber  verhalten  haben. 

«.     Betonung  eines  Zusammenhanges  mit  Vincentius. 

1.  A.  F.  C.  Vilmar,  dem  wir  die  erste  und  zugleich  wichtigste 
ansieht  betrefs  der  frage  nach  Rudolfs  quelle  verdanken,  äusserte  sich 
im  jähre  1839  auf  s.  33  fgg.  seiner  schon  oft  herangezogenen  pro- 
grammabhandlung  darüber  folgendermassen :  ^ 

„Die  quelle,  aus  welcher  Rudolf  seinen  geographischen  abschnitt 
schöpfte ,  ist  mir  zur  zeit  noch  verborgen. 

1)  Um  die  entwickelung  von  Vilmars  gedanken  klarer  und  wirksamer  her- 
vortreten zu  lassen ,  habe  ich  die  in  seinem  drucke  ohne  alle  Unterbrechung  und 
absätze  gleichmässig  verlaufende  erörterung  in  absätze  geteilt,  die  der  gliedening 
ihres  Inhaltes  entsprechen,  und  ihre  vier  hauptglieder  beziffert. 


288  DOBERENTZ 

[1]  Die  stelle  dieses  abschnittes  ist  dieselbe,  welche  Vincen- 
tiiis  Bellovacensis  Speculum  historiale  I,  cap.  63  —  83  seinem  geo- 
graphischen excurs  anweist;  auch  die  Ordnung  der  einzelnen  artikel 
ist  im  ganzen  bei  Kudolf  der,  welche  Vincentius  befolgt,  gleich; 

[2]  ja  die  Gothaer  papierhandschrift,  welche  die  überarbei- 
tete jüngere  recension  enthält,  aber  auch  diese  erdbescbreibung  der 
älteren  einmischt,  beruft  sich  bei  derselben  ausdrücklich  auf  das 
Speculum  historiale.  Nun  aber  ist  Eudolfs  werk  nicht  später  als 
1254  geschrieben,  zu  welcher  zeit  Vincenz  von  Beauvais  eben  mit  der 
abfassung  seiner  weitschichtigen  werke  beschäftigt  war;  vorausgesezt 
also,  der  geographische  abschnitt  sei  aus  dem  Speculum  historiale  geflos- 
sen, so  könte  er  nur  eine  spätere  zutat  von  fremder  band  sein, 
in  welche  dann  um  so  leichter  zusätze  dritter  und  vierter  band  wie 
eben  unsere  Städtebeschreibung  ^  eingang  gefunden  hätten.  —  Dazu 
komt,  dass  der  geographische  abschnitt  etwas  von  dem  tone  der  übri- 
gen teile  der  Chronik  abweichendes  an  sich  trägt,  namentlich  nicht 
ganz  die  einfachheit  hat,  wodurch  sich  Rudolfs  werk  sonst  aus- 
zeichnet." 

[3]  „Wenn  mau  dagegen  die  mit  der  übrigen  Chronik  genau 
übereinstimmenden  reime  und  Wendungen,  die  ganz  gleiche  spräche, 
die  genaue  Verbindung,  in  welche  Rudolf  diesen  abschnitt  mit  dem 
hauptgedanken  seines  werkes  sezt,  endlich  auch  den  äusseren  umstand 
erwägt,  dass,  soviel  bekant,  in  allen  handschriften  der  echten  Chronik 
diese  erdbescbreibung  vorkomt,  so  muss  man  den  gedanken  an  den 
fremden  Ursprung  derselben  aufgeben,  und  lieber  annehmen,  dass 
Rudolf  und  Vincentius  aus  einer  und  derselben  quelle  ge- 
schöpft haben.  —  Auffallend  bleibt  es  freilich,  dass  Vincentius 
diese  nicht  nent,  da  er  sonst  überall  Helinand,  Comestor  u.  a. 
citiert." 

[4]  „Doch  kann  auch,  genauer  betrachtet,  die  gemeinschaftlich- 
keit des  Inhaltes  nur  auf  die  gleiche  Ordnung  der  geographi- 
schen enumeration  bezogen  werden,  da  alle  die,  zum  teil  schon 
bei  Isidor  erscheinenden  fabeln,  welche  Rudolf  hat,  bei  Vincentius  nicht 
vorkommen,  Rudolf  aber  sich  ausdrücklich  auf  „die  schrift,"  aus  wel- 
cher er  schöpfte,  beruft,  auch  einzelne  punkte  vorbringt,  z.  b.  die  insel 
Perdita,  welche  Vincentius  gar  nicht  hat,  andere  abweichuugen  nicht 
einmal  gerechnet,  wie  z.  b.  dass  Vincentius  die  vögel  mit  leuchtendem 
gefieder  nach  Plinius  H.  N.  X,  67  ,  Solinus  c.  32  [20,  3]  als  inDeutsch- 

1)  Gemeint  ist  die  oben  schon  erwähnte  nachträglich  eingeschobene  beschrei- 
bnng  der  rheinischen  städte. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  289 

land  (auf  dem  faltus  hercynius)  befindlich  erwähnt,   Rudolf  sie  nach 
Hyrkanien  in  Asien  bringt." 

„Die  geographische  abhandlung  mag  indess  Rudolf  zuzuerkennen 
oder  abzusprechen  sein,  gewiss  ist  es,  dass  die  Städtebeschreibung  nicht 
von  der  band,  welche  das  übrige  geographische  geschrieben  hat,  und 
in  keinem  falle  von  Rudolf  ist." 

Zur  ergänzung  dieser  erwägung  Vilmars,  welche  den  gründlichen 
und  behutsamen  forscher  verrät,  nehme  man  nun  noch,  was  er  s.  13 
über  die  benutzung  des  Solinus  vorbringt :  „  Ausser  Petrus  Comestor 
folgt  Rudolf  an  wenigen  einzelnen  stellen  dem  Pantheon  des  Gotfried 
von  Viterbo,  sowie  dem  Polyhistor  des  Solinus,  ohne  den  einen 
oder  den  anderen  zu  nennen.  Auch  wird  der  erstere  nur  zur  weitem 
ausführung  solcber  erzählungen,  welche,  nur  kürzer,  auch  in  der 
Historia  scholastica  enthalten  sind,  der  andere  bloss  bei  dem  geogra- 
phischen abschnitte  benuzt,  wenn  überhaupt,  was  ich  fast  bezwei- 
fele, Rudolf  wirklich  unmittelbar  aus  Solinus  und  Gotfrid 
schöpfte." 

Bevor  wir  uns  zu  einer  kritik  dieser  ansichten  wenden,  wollen 
wir  sogleich  noch  anreihen,  wie  andere  über  Rudolfs  quelle  sich  aus- 
gesprochen haben. 

2.  In  abhängigkeit  von  Vilmars  ausführungen  steht  ohne  zweifei 
Ferd.  Massmann,  welcher  1854  im  dritten  bände  seiner  ausgäbe  der 
Kaiserchronik  (s.  84)  behauptete: 

„Die  eigentümlich  eingewebte  gelehrte  erd-  und  weltkunde  bot 
dem  Rudolf  weder  der  eine  (Gotfried  von  Viterbo),  noch  der  andere 
(Petrus  Comestor),  während  wir  sie  in  des  Vincentius  Bellovacen- 
sis  um  1254  noch  nicht  vollendetem  Speculum  historiale  ganz  an  glei- 
cher stelle  wie  bei  Rudolf  widerfinden,  so  dass  beide  leztere  wol  eine 
und  dieselbe  quelle  dafür  benuzten,  die  vorzugsweise  aus 
Isidorus  und  Solinus  (Plinius)  aufgebaut  haben  mochte."  —  Diese 
aufstellung  Massmanns  hat  dann  Gervinus,  unter  berufuug  auf  densel- 
ben ,  in  seine  Geschichte  der  deutschen  dichtung  aufgenommen  (5.  aufl. 
1871.  2,  76). 

3.  Theodor  Merzdorff  dagegen  nahm  (im  jähre  1870)  für  die 
prosabearbeitung  von  Rudolfs  Weltchronik  ^  und  somit  also  auch  für 
Rudolf  selbst,    ohne   weiteres    eine   benutzung    des    Vincentius    an. 

1)  Die  deutschen  Historienbibeln  des  Mittelalters,  herausg.  von  Th.  Merz- 
dorf. Stiittgart  (Lit.  verein)  1870.  Die  prosabearbeitung  der  Rudolfschen  Welt- 
chronik ist  hier  gedruckt  als  gruppe  11",  bd.  II.  s.  595  — 900.  Der  geographische 
abschnitt  findet  sich  auf  s.  612  —  628. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  19 


290  DOBBRENTZ 

Denn  auf  s.  902  [als  anmerkung  zu  s.  625 ,  2]  sagt  er :  „  Es  dürfte 
überall  schwierig  sein,  aus  den  teilweise  bis  zur  unkentlichkeit  eut- 
stelten  namen  der  länder,  städte  und  tiere  das  richtige  herzustellen, 
sowie  eine  klare  einsieht  in  die  geographie  und  naturkunde  des  Ver- 
fassers zu  gewinnen.  Maerlant,^  der,  wie  unser  Verfasser,  das 
meiste  ebenfals  dem  Vincentius  Bellovacensis  verdankt, 
ist  darin  viel  klarer  und  übersichtlicher." 

ß.    Hervorhebung  eines   Zusammenhanges   mit  Plinius. 

4.  Anders  und  eigenartig  lautet  dem  gegenüber  die  ansieht, 
welche  Karl  Leo  Cholevius  aufgestelt  hat  im  ersten,  1854  (also 
gleichzeitig  mit  dem  dritten  bände  der  Massmannschen  Kaiserchronik) 
erschienenen  teile  seiner  „Geschichte  der  deutschen  Poesie  nach  ihren 
antiken  Elementen"  s.  98  fg.: 

„  Der  teil  der  Weltchronik  Kudolphs  von  Montfort ,  welcher  Süd- 
asien beschreibt,  lehnt  sich  ebenfals  an  die  Alexandersagen.  Das  in 
Graffs  Diutiska  (I,  48)  abgedruckte  fragment  ist  aus  dem  Pantheon 
des  Gotfried  von  Viterbo  und  mittelbar  aus  Plinius  geflossen. 
Ein  vergleich  mit  dieser  quelle  zeigt,  auf  vs^elche  wunderliche  weise 
die  alten  benuzt  wurden.  Die  notizen  sind  bunt  durcheinandergewür- 
felt, nach  gutdünken  geändert  und  mit  wilkürlichen  Zusätzen  versehen; 
es  fehlt  alle  wissenschaftliche  festigkeit.  Nachdem  von  Taprobane  und 
den  metallreichen  inseln  Argyra  (Chryse)  und  Argyre  gehandelt  ist, 
die  Plinius  VI,  32  erwähnt,  folgt  eine  stelle  aus  XII,  19  über  das 
Bdellium.  Die  erwähnung  der  goldberge  führt  uns  zu  VII,  2,  aber 
gleich  wird  eine  episode  von  der  einschliessung  der  geschlechter  Gog 
und  Magog  eingelegt.  Die  beliebten  Pygmaeen  (auch  im  Fortunat) 
werden  aus  der  reihe  seltsamer  geschöpfe  bei  Plinius  VII,  2  heraus- 
gehoben und  vorangestelt.  Daran  schliesst  sich  eine  mitteiluug  von 
dem  pfeffer  aus  XII,  14,  mit  dem  zusatze,  dass  er  wilden  würmern 
durch  feuer  abgewonnen  wird.  Die  Makrobier  folgen  hier,  wie  bei 
Plinius;   dann  wider   eine    einlage    von    den  Agrozen  und  Garamanen 

1)  Über  Jakob  von  Maerlant  vgl.  Jonckbloet,  Geschiedenis  der  middenneder- 
landsche  dichtkunst.  Amsterdam  1854.  bd.  3.  s.  3  fgg.  und  desselben  Geschichte  der 
niederländischen  litteratur,  deutsche  ausgäbe  von  Wilhelm  Berg.  Leipzig  1870. 
bd.  1.  s.  215  fgg.  —  Maerlants  im  jähre  1284  begonnener  Spieghel  historiael  ist 
eine  gereimte,  stark  gekürzte,  aber  auch  mit  manchen  Zusätzen  aus  anderen  quel- 
len versehene  bearbeitung  des  Speculum  historiale  des  Vincentius  Bellovacensis. 
Denselben  Charakter  trägt  auch  der  darin  enthaltene  geographische  abschnitt,  wel- 
cher die  capitel  IG  — 37  des  ersten  buches  befasst.  S.  Spiegel  Historiael  of  Eym- 
kronyk  van  Jacob  van  Maerlant ,  met  aantoekeningen  door  Clignett  on  Steenwinkel. 
Leyden  1784.  bd.  1.  s.  21  —  57. 


DIE   GEOGEAPHIE   RUDOLFS    VON   EMS  291 

(Arachosier  und  Caramanen),  von  der  sitte,  sich  im  alter  7a\  verbren- 
nen, die  greisen  altern  zu  töten.  Jezt  erscheinen  in  einem  zuge  die 
homines  averßs  planus,  Androgyni ,  caninis  capitihus,  a  pueritia 
ßatim  cani,  M/h-ohier,  Ärimafpcn,  SJciapoden,  acepliali,  astonii,  sämt- 
lich aus  Plinius  VII,  2  u.  3,  doch  in  anderer  Ordnung.  Von  da  komt 
man  zu  der  feindschaft  der  hirsche  und  v^^ürmer  iu  VIII,  50,  worauf 
denn  die  überall  widerkehrende  reihe  der  tierwuuder.  Plinius  ist 
in  Kudolphs  reimen  noch  k  eilt  lieh  und  von  ihrer  verwantschaft 
überzeugt  man  sich  leicht,  wenn  man  z.  b.  die  beschreibung  der  Skia- 
poden  und  der  Astomi  vergleicht." 

Dieser  auffassung  von  Cholevius  scheint  Bartsch  zuzustimmen, 
nach  dem  zu  schliessen,  was  er  in  seiner  ausgäbe  des  Herzog  Ernst 
(Wien  1869)  s.  CLXVII  über  die  bei  Rudolf  vorkommenden  Arimaspen, 
Einsterne  und  Cyclopen  unter  berufung  auf  Cholevius  bemerkt. 

5.  Wie  Cholevius,  Hess  auch  der  herausgeber  dieser  geographi- 
schen einschaltuug,  Ignaz  V.  Zingerle,  („Eine  Geogr.  aus  dem  13.  Jahr- 
hundert" Wien  1865.  s.  4)  den  Vincentius  völlig  ausser  betracht  und 
erklärte:  „Als  hauptquelle  derselben  muss  die  Historia  naturalis 
des  C.  Plinius  Secundus  angesehen  werden.  Ich  will  jedoch 
damit  am  wenigsten  behaupten,  dass  diese  die  unmittelbare 
quelle  unseres  dichters  gewesen  sei.  Ich  habe  in  den  anmerkungen 
häufig  auf  C.  Plinius  verwiesen,  um  das  oftmalige  übereinstimmen 
unseres  geographen  mit  dem  römischen  naturhistoriker  zu  zeigen.  Ande- 
rerseits stimt  unser  geographischer  abschnitt  oft  in  so  auffallender 
weise  zu  Megenbergs  Buch  der  Natur, ^  dass  man  glauben  muss, 
dieser  habe  denselben  gekaut  und  benüzt.  Aus  diesem  gründe 
habe  ich  in  den  anmerkungen  auch  Megenbergs  werk  berücksichtigt." 

§  4.    Kritische  bemerkungen  über  die  frülieren  ansichten. 
a.     Algemeiner   gesichtspunkt. 

Ich  würde  diese  früheren  ansichten  nicht  so  ausführlich  wider- 
gegeben haben,  wenn  sich  aus  ihnen  nicht  zugleich  eine  beachtens- 
werte mahnung  und  warnung  für  mittelalterliche  quellenuntersuchungeu 
gewinnen  Hesse.  Denn  es  wird  sich  im  verlaufe  der  gegenwärtigen 
Untersuchung  herausstellen ,  inwiefern  zwar  in  all  diesen  angaben  mehr 
oder  weniger  etwas  richtiges  enthalten  ist,  dass  sie  aber  dennoch  nicht 
auf  die    unmittelbar   von   Rudolf  benuzte   quelle   hinführen.     Dabei 

1)  Das  Buch  der  Natur  von  Konrad  von  Megenberg,  herausg.  von  Franz; 
Pfeiffer.     Stuttgart  1861. 

19* 


292  DOBERENTZ 

wird  auch  klar  zu  tage  treten,  wie  vorsichtig  man  hei  solchen  viel- 
verbreiteten Stoffen  des  mittelalters  zu  werke  gehen  muss,  um  sichere 
urteile  über  verwantschafts  -  und  abstammungsverhältnisse  erreichen  zu 
können.  Es  wird  dann  gar  manches  in  benutzung  der  alten  durch  die 
mittelalterlichen  schriftsteiler  nicht  so  „wunderlich"  erscheinen,  wie 
es  Cholevius  erschien  und  auch  erscheinen  muste ,  weil  er  die  mannich- 
fachen  Übergänge  von  einem  Schriftsteller  zum  anderen  völlig  ausser 
acht  gelassen  hat,  während  sie  sich  doch  zum  guten  teile  nachweisen 
lassen.  Namentlich  aber  wird  sich  auch  herausstellen,  dass  vielfach 
auf  urverwantschaft  beruht,  was  bei  oberflächlicher  prüfung  schon  in  dem 
Verhältnis  von  Vaterschaft  und  sohnschaft  zu  stehen  scheint. 

Eine  genaue  prüfung  der  quellen  der  Kudolfschen  Geographie,  zu 
der  wir  jezt  übergehen,  wird  bei  der  herstellung-  des  textes  die  beste 
handhabe  bieten  und  insofern  von  gröstem  belange  sein,  als  man  ver- 
mittelst der  entdeckten  quelle  gleichsam  einen  blick  in  die  absiebten 
unseres  dichters  tun  kann.  Überdies  wird  grade  für  unseren  geogra- 
phischen Stoff,  bei  dem  es  sich  um  so  viele  eigennamen  handelt,  welche 
bei  der  unkentnis  der  abschreiber  am  leichtesten  und  meisten  der  Ver- 
dunkelung und  Verstümmelung  ausgesezt  waren ,  eine  erörterung  der 
frage  nach  herkunft  und  abstammung  geradezu  unerlässlich  sein.  Denn 
nur  auf  diesem  wege  wird  sich  für  manche  rätselhaft  oder  arg  ver- 
derbt erscheinende  namensform  die  richtige  lösung  oder  herstellung 
mit  Zuverlässigkeit  finden  lassen.  Und  auch  manche  andere,  mitunter 
gar  wunderlich  und  unbegreiflich  erscheinende  irtümer  und  misverständ- 
nisse  werden  sich  bei  stufenweisem  zurückgehen  bis  auf  die  lezteu 
quellen  leicht  und  sicher  erledigen. 

b.     Besondere  kritik   der   bisherigen  aufstellungen. 

«.     Widerlegung  der  annähme   einer  benutzung   des  Vincentius,    oder 
einer   unmittelbaren   des   Isidor. 

Wie  gezeigt  wurde,  hatten  nach  Vilraars  vorgange  mehrere  for- 
scher Kudolfs  geographischen  abschnitt  in  nähere  beziehung  gesezt  mit 
dem  Speculum  historiale  des  Vincentius;  wie  es  jedoch  um  diese  ver- 
meinte beziehung  wirklich  beschaffen  ist,  möge  man  aus  der  hier  fol- 
genden erörterung  entnehmen. 

1.  Vilmar  und  Massmann  scheinen  ein  gewisses  gewicht  auf  den 
umstand  zu  legen,  dass  Rudolf  den  geographischen  abschnitt  an  der- 
selben stelle  der  geschieh tserzählung  eingeschaltet  habe  wie  Vincen- 
tius; aber  eine  erhebliche  bedeutung  kann  man  demselben  doch  nicht 
zugestehen.     Ja,  genau  genommen,    ist   es  auch  nicht  einmal  dieselbe 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  293 

stelle.  Denn  Rudolf  bringt  die  geograpliisclie  einschaltung  sogleich 
nach  der  erzählung  vom  turmbau  zu  Isabel;  Vincentius  dagegen  han- 
delt, nachdem  er  des  turmbaues  bereits  im  vorangehenden  kapitel 
gedacht  hat,  im  62.  kapitel  des  ersten  buches:  „de  Phalech  et  divisione 
linguarum  ac  gentium  in  trihus  orhis  partihus"\  er  knüpft  also  die 
sprachen-  und  völkertrenuung  ausdrücklich  an  Phaleg,  hierin  dem 
10.  capitel  der  Genesis  und  den  büchern  der  Chronika  folgend,  in  wel- 
chen es  heisst:  Genesis  10,  25  „Natique  sunt  Heher  filii  duo:  nonien 
imi  Phaleg,  eo  quod  in  diehus  eins  divisa  sit  terra,"  und  1.  Paralip. 
1,  19  Porro  Heher  nati  sunt  duo  filii;  nomen  uni  Phaleg,  quia  in 
diebus  ejus  divisa  est  terra."' '^  Rudolf  aber  hält  sich,  gemäss  der  im 
mittelalter  herschenden  gewohnheit,  an  die  erzäblung  im  elften  kapitel 
der  Genesis,  in  dessen  versen  7-9  berichtet  wird,  dass  gott  zu  Babel 
die  sprachen  verwirt  und  die  menschen  über  alle  länder  zerstreut  habe : 
„Venite  igitiir,  descendamus  et  confundamus  ibi  linguam  eorum  .  .  .  . 
Et  idcirco  vocatum  est  nomen  eins  Babel ,  quia  ibi  confusum  est  labium 
universae  terrae :  et  inde  dispersit  eos  dominus  super  faciem  cuncta- 
rimi  regionum;  worauf  sodann  von  v.  10  ab  die  ,, gener ationes  Sem" 
folgen,  unter  denen  in  vierter  stelle  Phaleg  zwar  auch  widerum 
erscheint;  aber  ohne  jeden  auf  die  bedeutung  seines  namens  bezüg- 
lichen Zusatz. 

2.  Scheinbar  freilich  erhält  die  Vermutung  eines  unmittelbaren 
Zusammenhanges  des  geographischen  abschnittes  bei  Rudolf  mit  dem- 
jenigen bei  Vincentius  eine  bekräftigung  dadurch,  dass,  wie  Vilmar 
s.  33  richtig  angegeben  hat,  die  Gothaer  papierhandschrift  chart.  A 
nr.  3  das  Speculum  historiale  ausdrücklich  als  quelle  für 
Rudolfs  geographischen  abriss  angibt;  denn  es  werden  in  ihr,  am 
ende  von  bl.  19",  dem  geographischen  abschnitte  die  einleitenden  verse 
vorausgesant : 

Nv  fait  vns  difer  lande[z\  drum 

hy ftoriale  fpeculum 

ein  pvch  daz  alfo  iß  genant 

daz  uns  nu  nennet  difew  land 

die  ich  hie  an  difem  sil 

nach  einand'  nennen  wil 
Aber  es  bietet  diese  Gothaer  handschrift,    welche   eigentlich  der 
Christ -herre-recension  zugehört,    keineswegs  eine  reine   und  zuverläs- 
sige Überlieferung;    vielmehr  ist   sie   ähnlich  der  Sentlingerschen ,    mit 
Zusätzen  versehen,   und  gerade  an  Übergangsstellen  ist  in  ihr  der  text 


1)  Hebräisch  ^bs ,  teil,  teilung;  von  5bs  teilen. 


294  DOBEßENTZ 

meist  wilkürlich  geändert.  Deshalb  ist  es  durchaus  unstatthaft,  auf 
eine  solche  angäbe  einer  so  unzuverlässigen  handschrift  die  folgerung 
zu  bauen,  dass  der  geographische  abschnitt  wol  eine  in  Kudolfs  Welt- 
chronik eingeschobene  „spätere  zutat  von  fremder  band"  sein 
könne. 

3.  Als  geradezu  unrichtig  ist  es  aber  zu  bezeichnen,  wenn  Vil- 
mar  s.  34  behauptet,  dass  Vincentius,  der  sonst  überall  seine  quelle 
namentlich  anzugeben  pflege,  sie  auffallender  weise  gerade  hier  nicht 
genant  habe.  Denn  im  gegenteile  hat  Vincentius  den  geographischen 
abschnitt  sogar  zweimal  in  sein  mächtiges  Sammelwerk,  das  Specu- 
lum  majus ,  aufgenommen ,  und  zwar  einmal  in  das  Speculum  historiale 
und  das  andere  mal  in  das  Speculum  naturale ,  und  beide  male  hat  er, 
ganz  in  seiner  sonst  üblichen  weise,  die  dazu  benuzten  quellen  nament- 
lich aufgeführt.  Es  ist  nämlich  im  ersten  buche  des  Speculum  histo- 
riale schon  dem  62.  capitel  der  name  Isidorus  vorangeschrieben,  und 
dieser  gilt  bis  c.  85  (mit  unterbechung  sogar  bis  c.  95),  und  dasselbe  ist  der 
fall  im  Speculum  naturale  bei  c.  1  —  22  des  32.  buches.  Und  in  Wahr- 
heit sind  auch  die  beiden  betreffenden  stücke  in  beiden  spiegeln  des 
Vincentius  nichts  anderes  als  eine  unmittelbare  herübernahme  des  ent- 
sprechenden abschnittes  aus  den  Libri  etymologiarum ,  welcher  dort  im 
14.  buche  von  cap.  2,  2  bis  8,  20  reicht.  Übergangen  sind  nur  unbe- 
deutende kleinigkeiten  (cap.  5  §  1.  18  —  22;  cap.  6  §  18;  und  einzel- 
heiten  in  cap.  8  §  13.  21.  22).  Und  eingeschoben  sind  im  Speculum 
historiale  auch  nur  wenige  und  wenig  erhebliche  anderswoher  entnom- 
mene angaben.  So  in  cap.  64  eine  aus  Solinus  entlehnte  über  Indien 
handelnde,  wodurch  eine  kleine  annäherung  an  Kudolfs  angaben  ent- 
steht.^ Weiterhin  in  cap.  68  ist  ein  satz  aus  Helinandus  eingefügt, 
und  dann  in  cap.  80  widerum  ein  kleines  stück  aus  Solin  über  Tylos 
Indie,  und  zwar  hinter  Tyle  ultima,  wahrscheinlich  in  folge  irtüm- 
licher  vermengung-  der  beiden  namen,  wie  auch  Honorius  Augustodu- 
nensis  in  seiner  Imago  mundi  lib.  I,  cap.  31,^  durch  die  namensähn- 
lichkeit  verführt,  beide  verbunden  hat.^  Ferner  ist  in  cap.  82  hinzu- 
gefügt, dass  der  koloss  zu  Rhodus  eingestürzt  sei  und  endlich  findet 
sich  in  cap.  84   eine  einschaltung  aus  Comestor,  und  in  den  folgenden 

1)  Der  schluss  dieses  einschubes  lautet  nämlich:  In  India  pant  monftra 
cliverß  generis:  ferpentes  enormes,  leucrocota,  eale,  tauri  mirabiles,  manticora, 
monoceros ,  anguille  tricenorum  pedum ,  pomaria  LX  paffuum ,  harundines  immenfe 
et  alia  plura  mirabüia.  Dasselbe  findet  sich  wider  im  Spec.  natur.  lib.  XXXII, 
cap.  3  am  schluss. 

2)  Migne,  Patrolog.  bd.  172.  sp.  130. 

3)  Dasselbe  widerholt  sich  im  Spec.  nat.  lib.  32,  c.  16. 


DIE   GEOGRArHIE  RUDOLFS    VON    EMS 


295 


capiteln  noch  eine  zweifache  aus  Solin  stammende  über  Ethna  und 
AUas.  —  Etwas  reichlicher  ausgefallen  sind  die  zusätze  im  Speculum 
naturale,  avo  namentlich  in  dem  auf  Italien  bezüglichen  abschnitte 
Vincentius  selbst  verschiedene  grössere  absätze  hinzugefügt  und  durch 
ein  vorgeseztes  „Actor"  (d.  i.  auctor)  als  seine  eigenen  selbständigen 
beigaben  bezeichnet  hat. 

4.  Was  Vincentius  in  seinem  Speculum  historiale  1,  63  —  83, 
worauf  allein  Vilmar  sich  bezieht,  an  geographischen  angaben  darbie- 
tet ,  ist  also ,  wie  eben  gezeigt  wurde ,  bis  auf  wenige  und  unerhebliche 
einzelheiten ,  aus  Isidor  entnommen.  Wenn  nun  Vilmar,  bedrängt 
durch  das  chronologische  bedenken ,  dass  das  werk  des  Vincentius  dem 
Kudolf  doch  füglich  noch  nicht  vorgelegen  haben  könne,  auf  die  aus- 
helfende annähme  verfallen  ist,  „dass  Eudolf  und  Vincentius  aus 
einer  und  derselben  quelle  geschöpft  haben/'  so  wäre  streng 
folgerichtig  damit  gesagt,  dass  Kudolf  ebenfalls  den  Isidor  als 
unmittelbare  quelle  benuzt  habe.  Aber  eine  so  strenge  folgerung 
zu  ziehen  und  auszusprechen  hat  Vilmar  sich  weislich  gehütet.  Viel- 
mehr hat  er  als  umsichtiger  und  gewissenhafter  forscher  sogleich  selbst 
die  bedenken  hinzugefügt,  welche  auch  dieser  annähme  entgegentreten 
und  ihre  giltigkeit  wesentlich  beschränken.  So  hat  er  richtig  hervor- 
gehoben, dass  liudolf  unter  ausdrücklicher  berufung  auf  seine  schrift- 
liche quelle,  auf  „die  schrift,"  auch  angaben  darbiete,  die  sich  bei 
Vincentius  gar  nicht ,  und  bei  Isidor  nur  teilweise  und  verstreut  finden, 
und  ferner  dass  einzelne  angaben  Rudolfs  sogar  von  beiden,  von  Vin- 
centius wie  von  Isidor,  abweichen.  Das  auffälligste  beispiel  dieser 
leztereu  art  gewährt  Rudolfs  nachricht  über  die  vögel,  deren  gefieder 
bei  nacht  leuchtet.  Er  sezt  sie  nämlich  v.  752  nach  Hyrkanien,  und 
erwähnt  ihrer  demgemäss  auch  mitten  unter  dqji  auf  Asien  bezüg- 
lichen bemerkungen.  Dagegen  werden  dieselben  in  der  von  mir  aus 
der  hallischen  Universitätsbibliothek  benuzten  incunabelausgabe  des  Vin- 
centius (Venetiis  1494),  und  sowol  im  Speculum  historiale  lib.  1  cap.  71 
wie  auch  im  Speculum  naturale  lib.  32  cap.  9,  zwar  ebenfalls  auffäl- 
ligerweise Hyrcaniae  aves  genant,  aber  bei  der  beschreibung  Ger- 
maniens  aufgeführt;  und  bei  Isidor  Etym.  13,  7,  31  heissen  sie  aves 
Hercyniae,  die  auf  dem  saltus  Hercynius  zu  finden  seien,  in  Über- 
einstimmung mit  Plin.  H.  N.  10,  47,  67^  und  mit  Solinus  20,  3.  — 
Beiläufig  möge  auch  noch  als  unterscheidendes  merkmal  angeführt  wer- 
den —  was  Vilmar  unerwähnt  gelassen  hat  —  dass  Rudolf  die  erwäh- 

1)  In  Hercynio  Germaniae  saltu  invisitata  genera  alitum  accipimus, 
quaruin  plumae  ignium  modo  conluceant  noctibus. 


296  DOBERENTZ 

nung  der  flüsse ,  berge  und  städte  stets  an  den  passenden  stellen  seiner 
geographischen  Übersicht  einfügt,  während  sie  bei  Isidor  in  beson- 
deren kapiteln  znsammengestelt  sind:  lib.  14.  cap.  7  de  promonto- 
riis;  lib.  14.  cap.  8  de  montibus  caeterisque  terrae  vocabulis;  lib.  13. 
cap.  21  de  fluminibus. 

Somit  hat  von  allen  behanptungen  und  Vermutungen  Vilmars  und 
seiner  nachfolger  über  die  von  Rudolf  für  seinen  geographischen  abriss 
benuzten  quellen  sich  keine  als  wirklich  zutreffend  und  stichhaltig 
bewährt.  Richtig  ist  und  bleibt  lediglich  die  äusserung  Vilmars ,  dass, 
wenn  die  geographischen  abschnitte  Rudolfs  und  des  Vincentius  einan- 
der vergleichend  gegenüber  gehalten  werden,  „genauer  betrachtet,  die 
gemeinschaftlichkeit  des  Inhaltes  nur  auf  die  gleiche  Ordnung  der 
geographischen  enumeration  bezogen  werden"  könne.  Die  wirk- 
liche Ursache  dieses  allerdings  vorhandenen  zusammenstimmens  wird 
sich  im  verlaufe  unserer  Untersuchung  klar  herausstellen,  und  damit 
zugleich  wird  auch  das  Verhältnis  Rudolfs  zu  Isidor  seine  erklärung 
und  richtige  Würdigung  finden. 

ß.    Einwirkung   Isidors   auf   die    mittelalterliche    geographie 

vor  Eudolf. 

Wie  überhaupt  die  Etymologien  Isidors  als  reiche  und  hoch- 
geschäzte  fundgrube  encyclopädischer  gelehrsamkeit  vielfach  ausgebeu- 
tet wurden,  so  haben  sie  auch  auf  die  geographische  schriftstellerei 
einen  schon  früh  beginnenden  und  durch  das  ganze  mittelalter  andau- 
ernden einfluss  geübt. 

Schon  in  den  Versus  de  rota  mündi^  sind  einige  kapitel  die- 
ser Isidorischen  Geographie  zur  gruudlage  genommen  und  in  dreizei- 
lige  Strophen  mit  sehr  ungenauem  endreime  gebracht  worden.^  Eigen- 
tümlich gehören  denr  Verfasser  nur  einige  selbständige  zusätze  über  die 
Franken,^  in  denen  das  Selbstgefühl,  welches  auch  im  prologe  des 
salischen  gesetzes  hervorleuchtet,  widerzuerkennen  ist.  Die  abfassungs- 
zeit  des  gedichtes  hat  man  wol  um  die  mitte  des  VII.  Jahrhunderts 
anzusetzen.  *      Der   Verfasser    lebte    im   fränkischen  reiche ;    nur   seine 

1)  Herausgegeben  von  Pertz,  in  seiner  abhandluug  ,,über  eine  fränkische 
kosmographie  des  VII.  Jahrhunderts"  (Abhandlungen  der  Berliner  Akademie  1845. 
s.  253 — 270).  Vgl.  Wattenbach,  Deutschlands  Geschichtsquellen  im  Mittelalter. 
4.  a.  1,  94. 

2)  Die  einzelnen  verse  werden  gebildet  durch  katalektische  trochäische  tetra- 
meter,  welche  eine  cäsur  in  der  mitte  zeigen;  die  silben  sind  aber  fast  nur 
gezählt. 

3)  Pertz  s.  267. 

4)  Pertz  a.  a.  o.  s.  259. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  297 

bescbreibiing  Germaniens  und  Galliens  enthält  züge,  die  nicht  dem 
Isidor  entnommen  wurden ;  diese  Strophen  sind  in  Austrasien  oder  Bur- 
gund  geschrieben  und  in  mehreren  handschriften  (deren  man  bisher  7 
zählte)  mehr  oder  minder  fragmentarisch  auf  uns  gekommen. 

Ist  weiter  am  ausgange  des  8.  Jahrhunderts  in  des  Paulus  Histo- 
ria  Langobardorum  bei  den  geographischen  angaben  des  ersten  buches 
eine  einwirküng  des  Isidor  zu  verspüren ,  so  befand  etwa  50  jähre  spä- 
ter im  9.  Jahrhunderte  der  praeceptor  Germaniae  ,  Hrabanus  Maurus, 
Isidors  geographischen  abschnitt  so  wissenswürdig  und  wertvoll,  dass 
er  ihn  dem  12.  buche  seines  werkes  de  Universo  ^  volständig  einver- 
leibte, und  nur  den  einzelnen  absätzen  mystisch -allegorische  deutun- 
gen  hinzufügte.  Mit  vollem  rechte  bemerkt  deshalb  Heinrich  Wuttke :  ^ 
„Es  macht  einen  seltsamen  eindruck,  wenn  man  im  lesen  von  Hra- 
bans  beschreibung  der  erde  sich  erinnert,  dass  man  alles,  was  er  uns 
sagt,  schon  einmal  gehört  hat.  Isidorus  hat  ja  die  länder  genau  so 
beschrieben  wie  der  abt  von  Fulda!"  ~  Nur  die  kargheit  der  über- 
haupt vorhandenen  hilfsmittel  und  die  Schwierigkeit  sie  zu  erlangen 
vermag  dies  zu  entschuldigen. 

Auch  das  durch  Hoffmann  von  Fallersleben  aufgefundene  und 
Merigarto  benante  bruchstück  einer  altdeutschen  weltbeschreibung  hat 
neben  mündlichen  quellen  mehrfach  aus  Isidor  geschöpft ,  wie  auch  die 
grundzüge  für  die  beschreibung  der  fabelgestalten  im  zweiten  teile  der 
Herzog-Ernst-sage  nach  Haupts  nachweist  auf  Isidors  etymologien 
zurückgehen. 

Diese  beispiele  würden  sich  leicht  noch  vermehren  lassen  mit  Zuhilfe- 
nahme des  ersten  bandes  des  Essai  sur  la  cosmographie  du  moyen  -  äge, 
welchen  der  portugiesische  Vicomte  de  Santarem,  zwar  ohne  anwen- 
dung  quellenkritischer  methode ,  aber  doch  unter  Verwertung  eines  rei- 
chen materiales  verfasst  hat.  Indess  wird  das  voranstehende  schon 
genügen  können,  um  die  weitgreifende  einwirküng  Isidors  auf  die  mit- 
telalterliche geographie  zu  erhärten.  Demnach  werden  wir  von  vorn- 
herein auch  einen  wenigstens  mittelbaren  Zusammenhang  zwischen 
Isidors  und  Kudolfs  geographischen  angaben  erwarten  und  voraussetzen 
dürfen.  Ein  solcher  ist  denn  auch  tatsächlich  vorhanden,  und  seine 
nähere  beschaffenheit  wird  sich  ergeben  bei  einer  sorgsamen  prüfung 
der  Imago  mundi  des  Honorius  Augustodunensis ,  in  welcher  sich 
eben  Rudolfs  unmittelbare  quelle  uns  erschliessen  wird. 

1)  Hrabani  Opera,  ed.  Migne.  5,  331  fgg. 

2)  In  seiner  kleinen,  aber  knappen  und  treüichen  abhandlung  ,, Erdkunde 
und  Karten  des  Mittelalters."     (Abdruck  aus  Naumanns  Serapeum  1853)  s.  50. 

3)  Zeitschr.  f.  deutsch.  Altertb.  7,  293. 


9Q« 

^^°  DOBERENTZ 

§  5.  Des  Honorius  Augustodunensis  Imago  Mundi  in  ihrem  einfluss 
auf  die  geographieen  des  mittelalters. 

a.     Bedeutsamkeit   der   Schriften   des   Houorius    im    algemei- 
nen,  der   Imago  Mundi  im    besonderen. 

1.  Honorius  Augustodunensis  gehört  zu  den  fruchtbarsten  und 
erfolgreichsten  Schriftstellern  während  der  ersten  hälfte  des  zwölften 
Jahrhunderts.  Mit  grossem  fleisse  verband  er  zugleich  in  hohem  masse 
das  geschick  über  alle  gegenstände ,  welche  damals  Interesse  einflössen 
konten,  handbücher  zu  verfassen,  welche  in  der  damals  beliebten  form 
lateinischer  reimprosa ,  dasjenige  knapp ,  übersichtlich  und  gefällig  dar- 
boten, V7as  die  umfänglichen  bände  der  alten  kirchenschriftsteller  in 
viel  breiterer,  unbequemerer  und  oft  nur  schwer  verständlicher  form 
gev7ährteu.  Dadurch  ist  es  ihm  wie  nur  wenigen  gelungen,  sich  für 
Jahrhunderte  in  der  gunst  der  lesenden  festzusetzen.  Erkanten  doch 
nicht  allein  seine  Zeitgenossen  dadurch,  dass  sie  den  fleissigeu  und 
gelehrten  presbyter  und  scholastikus  widerholt  um  herstellung  derarti- 
ger kompendien  angieugen,^  deren  handlichkeit  und  nützlichkeit  an; 
sondern  auch  die  späteren  geschlechter ,  bis  in  das  Zeitalter  der  refor- 
mation  hinein,  bewahrten  an  den  meisten  seiner  werke  ein  so  grosses 
w^olgefallen ,  dass  dieselben  durch  eine  unzahl  von  handschriften ,  und 
später  auch  noch  durch  drucke  weithin  Verbreitung  fanden. 

Wenngleich  es  der  forschung  noch  nicht  gelungen  ist,  über  her- 
kunft  und  lebensumstände  des  Honorius  sicheres  zu  ermitteln,  und 
wenn  völlige  klärung  dieser  bisher  gänzlich  dunklen  fragen  zunächst 
auch  wol  kaum  zu  erwarten  steht,  erscheint  es  mir  doch  bereits  als 
unzweifelliaft,  dass  Deutschland  weit  eher  als  Frankreich  den  anspruch 
erheben  darf,  jenen  einflussreichen  Schriftsteller  als  den  seinigen  zu 
betrachten.  Doch  wie  dem  auch  sein  möge,  sicher  bezeugt  ist  zunächst 
eine  sehr  grosse  Verbreitung  seiner  vrerke  im  südlichen  und  südöstlichen 
Deutschland ,  wie  schon  eine  durchsieht  der  Münchener  handschriften- 
verzeichnisse  ^  ergibt.  Dass  sich  aber  auch  auf  andere ,  und  bis  auf 
sehr   ferne  gegenden  Europas   die  Wirksamkeit  jener  schriftstellerischen 

1)  So  heisst  es  z.  b.  im  eingange  des  Inevitabile  (Migne  Patrolog.  tom.  172. 
spalte  1197):  Magister:  Cum  siimmi  doctores  de  hac  inateria  multa  ediderunt  opus- 
cula,  quid  a  me  amplius  poscitis ,  qui  ad  comparationem  illorum  sum  elinguis? 
Discip.:  Uli  quidem  egregie  disputaverunt ,  sed  diver sa  —  ut  nobis  videtur  —  sen- 
tientes,  incertiores  nos  reddidermit.  Tu  autem  —  ut  verum  fatear  —  facis  nobis 
breviter  quodammodo  palpabile ,  quod  ipsi  longis  tractatibus  non  fecerunt  saltem 
conspicabile. 

2)  Karl  Halm  &  Georg  Laubmann ,  Catalogus  codicum  lat.  biblioth.  regiao 
Monaceusis  tom.  1  und  11. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS 


299 


erzeuguisse  erstreckt  hat,    wird    aus   den   folgenden   erörterungeu   her- 
vorgehen. 

Denn  wenn  Wilh.  Wattenbach ,  ^  gestüzt  auf  die  bis  dahin  vorlie- 
genden forschuugen,  nur  sagen  konte:  „Houorius  scheint  ein  weit 
berühmter  mann  gewesen  zu  sein;  doch  ist  es  bis  jezt  nicht  gelungen, 
eine  andere  spur  von  ihm  zu  finden  als  die  bedeutende  einwirkung, 
welche  er  vorzüglich  auf  die  geistliche  poesie  in  Österreich  geübt  hat," 
so  will  ich  ,  diese  aussage  ergänzend ,  im  verlaufe  meiner  gegenwär- 
tigen Untersuchung  die  beliebtheit  und  die  ausnutzung  des  einen  der 
so  hochgeschäzten  werke  des  Honorius,  der  „Image  Mundi,"  darzu- 
legen versuchen;  die  Verfolgung  der  sehr  weiten  Verbreitung  eines 
anderen  Werkes,  seines  dogmatischen  „Elucidarium"  und  seines  ebenso 
mächtigen  als  weitreichenden  einflusses,  auf  spätere  zeit  versparend. 

2.  Die  „Imago  Mundi"  ist  von  den  mehr  als  25  Schriften, 
welche  mit  bestimtheit  dem  Honorius  zugewiesen  werden  müssen, 
diejenige,  welche  er  als  zwölfte  im  verlaufe  des  ersten  vierteis  des 
12,  Jahrhunderts  erscheinen  Hess,  wie  wir  aus  dem  Verzeichnisse  erfah- 
ren, welches  er  im  lezten  kapitel  seines  buches  De  luminaribus  eccle- 
siae  sive  de  scriptoribus  ecclesiasticis  ^  über  die  eigenen  Schriften 
zusammengestelt  hat.  Dieses  Verzeichnis  gedenke  ich  demnächst  an 
einer  anderen  stelle  noch  einer  besonderen  prüfung  zu  unterziehen 
und  als  den  sichersten  anhält  für  die  Zeitfolge  der  werke  des  Hono- 
rius zu  erweisen.  Wenn  aber  Wattenbach  ^  dieses  wichtige  schluss- 
capitel  dem  Honorius  abspricht,  so  ist  er  dazu  wol  hauptsächlich, 
bestirnt  worden  durch  die  in  jenes  Verzeichnis  eingestreuten  lobes- 
erhebungen,  welche  allerdings  als  eigenlob  des  Verfassers  aufgefasst 
werden  müssen,  und  aus  diesem  gründe  auch  schon  früher  Michael 
Denis  ^  austössig  erschienen  waren.  Doch  lässt  sich  dem  gegenüber  ^ 
aus  dem  selbstbewussten  Charakter  des  Honorius,  wie  er  in  mehreren 
unzweifelhaft  von  ihm  selbst  herrührenden  stellen  sehr  entschieden  zu 
tage   tritt,    mit   hoher   Wahrscheinlichkeit    schliessen,     dass   sogar  das 

1)  Deutschlands  Geschichtsquelleri.     4.  aufl.     IL  bd. ,  s.  198. 

2)  Migne  Patrolog.  a.  a.  o.  spalte  232. 

3)  Deutschlands  Geschichtsquellen  a.  a.  o.  s.  197. 

4)  Codices  MSS.  Theologici  bibliothecae  Palatinae  Vindobonensis  latini  vol.  II 
Vindobonae  1799  s.  224:  ,,Non  enim  vir  modestus  opuscula  sua  „non  spernenda" 
ad'pellasset,  neque  adseruisset ,  se  Cantica  Canticorum  „miro  modo"  exposuisse. 
Itaque  capitulum  ultimum  a  pjosteriore  quodam  additum  est." 

5)  Und  selbst  gegenüber  der  von  Scherer  geäusserten  ansieht,  in  der  recen- 
sion  von  Heinzeis  ausgäbe  des  Heinrich  von  Melk,  in  der  Zeitschr.  f.  Österreich,  gym- 
nas.  1868.  19,  567  fg. 


300  DOBERENTZ 

ganze  schlusscapitel  von  ihm  selbst  herrühre,  und  demnach  als  echt 
zu  erachten  sei. 

Wie  viele  der  früheren  Schriften  des  Honorius ,  so  verdankte  auch 
die  Image  Mundi  ihre  entstehung  der  anregung  seines  freundes  Chri- 
stianus, in  welchem  wir  einen  Presbyter  canonicus  ecclesiae  majoris  zu 
Eegensburg  werden  kennen  lernen.  Dieser  hatte  im  vereine  mit  „vie- 
len anderen"  eine  „expositio  orbis  quasi  in  tabella"  gewünscht;  und 
solchem  ansinnen  entspricht  denn  auch  des  Schriftstellers  ausführung, 
dessen  absieht,  seinem  antwortschreiben  zufolge,  dahin  geht:^  „Ad 
instructionem  itaque  nmUorum,  \  quihus  deest  copia  librorum,  |  hie 
lihellus  edatur,  \  nomenque  ei  „Imago  Mundi"  indatur,  \  eo  quod 
dispositio  totius  orhis  in  eo  quasi  in  speculo  conspiciatur.  \  in  quo 
etiam  nostrae  amicitiae  pignus  posteris  relinquafur.  \  " 

Und  diesen  seinen  zweck  hat  der  Verfasser  auch  volständig 
erreicht.  Denn  das  bedürfnis,  welchem  dieses  werk  entgegen  kam, 
kann  man  einerseits  aus  der  grossen  zahl  der  noch  vorhandenen  hand- 
schriften  folgern,  deren  schon  allein  die  königliche  bibliothek  zu  Mün- 
chen, nach  angäbe  ihres  gedruckten  kataloges,  mindestens  17  besizt, 
und  andererseits  kann  man  es  darnach  bemessen ,  dass  selbst  noch  spä- 
terhin sogar  mehrere  drucke  desselben  veranstaltet  worden  sind.^  Ja,  in 
einer  noch  im  jähre  1583  besorgten  besonderen  ausgäbe,  welche  zu  Speier 
erschien  ,^  wird  zur  rechtfertigung  für  das  erneute  erscheinen  dieses 
buches  in  der  vorrede  ausdrücklich  lobend  hervorgehoben:  „Complec- 
titur  enim  uno  in  opusculo  compendiose  totius  mundi  ohservationem. 
Quo  quid  potest  mirabilius  et  utilius  accidere  tanta  in  hrevitate?"  . — 
Auch  lässt  sich  eine  benutzung  der  Imago  Mundi  in  der  Saga  Olaf 
Konüngs  Trjggvasonar  nachweisen ;  denn  alles ,  was  Jacob  Grimm 
[Kleinere  Schriften  V,  s.  91]  darüber  anführt,  muss  eben  auf  das  werk 
des  Honorius  bezogen  werden,  in  dessen  drittem  buche,  gegen  ende 
[bei  Migne  spalte  186]  auch  die  von  Grimm  im  Basler  drucke  vom 
jähre  1544  vergeblich  gesuchte  stelle  zu  finden  ist. 

3.  Dieses  werk  bietet  nun  in  seinen  drei  bücheru,  in  die  es  zer- 
fällt,  sehr  verschiedenartiges    dar.^     Während   das   zweite  buch  über 

1)  Migne  a.  a.  o.  sp.  119. 

2)  Fabricius ,  Biblioth.  lat.  mediae  etinf.  aetatis  III,  s.  277  führt  7  ausgaben 
an,  darunter  auch  eine  unter  dem  namen  des  berühmten  Anseimus  (Basil.  1497.  4.) 
Vgl.  Potthast,  bibl.  histor.  medii  aevi  s.  378.  Dazu  komt  nocli  die  1472  bei  Kobur- 
ger  erschienene  ausgäbe.    Vgl.  Monumenta  Germaniae  historica.    Scriptores  10,  125  fg. 

3)  Honorius  solitarius  Augustodunensis,  Mundi  Synopsis  s.  de  imagine  mundi 
libri  III  ante  annos  463  scripti.     Spirae  Nemetum.     1583.     8. 

4)  Unbegreiflich  erscheint ,  wie  Victor  le  Clerc  (Hist.  litter.  XXIII.  bd ,  s.  308) 
zu  der   bestirnten   bchauptung  kommen   konte:    L'otivrage  du   theologien  d'Autun, 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON   EMS  301 

die  zeit  und  deren  einteilung  handelt,  befasst  das  dritte  buch  eine 
sehr  knappe,  ja  geradezu  magere  chronik,  die  zulezt  in  ein  kaiserver- 
zeichnis  ausläuft.^  Das  erste  buch  dagegen  enthält  in  140  capiteln  ^ 
sowol  eine  künde  vom  weitenbaue  im  algemeinen,  wie  auch  von  der 
erde  und  von  den  auf  ihr  und  in  ihr  wirkenden  naturkräften  im  beson- 
deren ,  wobei  die  geographie ,  an  die  sich  eng  eine  betrachtung  der  mit- 
ten in  der  erde  gelegenen  höUe  anschliesst ,  in  cap.  VII  —  XXXVI 
(Migne,  sp.  122 —  133)  besonders  hervortritt.  Den  schluss  dieses  buches 
bildet  sodann  die  erörterung  astronomischer  fragen.  —  Hat  sich  nun 
das  erste  buch  einer  solchen  beliebtheit  erfreut,  dass  es  zuweilen  auch 
vereinzelt  vorkomt,^  so  hat  namentlich  der  geographische  abschnitt 
besondere  beachtung ,  Aveite  Verbreitung  und  reichliche  benutzung  gefun- 
den. Bis  ins  13.  jh.  hin  habe  ich  ihn  nicht  allein  in  einer  lateinischen 
aus  Spanien  stammenden  handschrift  als  hauptsächlichsten  Inhalt  eines 
selbständigen  „Mappa  mundi"  betitelten  tractates  angetroffen,  sondern 
es  ist  mir  seine  umfängliche  Verwendung  auch  begegnet  in  vier  von 
einander  ganz  verschiedenen  und  unabhängigen  werken. 

Eine  eingehendere  erwägung  dieser  verschiedenen  benutzungen 
dürfen  wir  aber  nicht  versäumen,  weil  es  gilt  zu  erforschen  und  fest- 
zustellen, ob  Eudolf  eins  dieser  abgeleiteten  werke,  oder  ob  er  die 
Originalfassung  des  Honorius  selbst  als  unmittelbare  quelle  für  seinen 
geographischen  abriss  benuzt  habe. 

compose  vers  Van  1120,  non  pas  en  trois  livrcs,  cornme  onVadit,  mais  en  un 
seid  livre  de  soixante -trois  chapitres ,  dont  la  plwpart  sont  fort  courts  usw. 

1)  Siehe  Mon.  Germ.  Hist.  Script.  10,  125  fgg. 

2)  So  nach  der  ausgäbe  in  der  Maxima  Bibliotheca  veterum  Patrura.  Lugd. 
tom.  XX,  pag.  964  fgg.  widerholt  bei  Migne  a.  a.  o.  sp.  121  — 146. 

3)  So  z.  b.  in  einem  Erfurter  Codex  Amplonianus  nr.  28.  8.,  in  einer  zier- 
lichen, romanischen,  zweispaltig  geschriebenen  handschrift  des  13.  Jahrhunderts, 
auf  fol.  5  —  lO**.  Ebenso  im  Cod.  Amplon.  nr.  32.  8.  in  einer  flüchtigen  handschrift 
ans  der  zweiten  hälfte  des  14.  Jahrhunderts,  in  welcher  auf  fol.  1  — 12  das  erste 
buch  sich  findet,  jedoch  nicht  volständig,  in  einem  anfangs  wilkürlich  geänderten 
und  meist  verbreiterten,  weiterhin  in  einem  sehr  flüchtig  geschriebenen  texte.  Die 
benutzung  dieser  beiden  handschriften  verdanke  ich  der  gute  des  herrn  professor 
Schum. 

NAUMBURG,   SEPTEMBER    1880.  OTTO   DOBERENTZ. 

(Fortsetzung  folgt.) 


302 


BEITRÄGE  AUS  DEM  NIEDERDEUTSCHEN. 

Förstemann  (Die  deutschen  Ortsnamen  s.  45)  sagt  über  düng  in 
Ortsnamen  wie  Äberesdung  (W.):  „ich  halte  es  —  jezt  für  das  wahr- 
scheinlichste, dass  der  ausdruck  in  den  meisten  fällen  eine  kleine  boden- 
erhebung  besonders  zwischen  morästen  bezeichnet."  So  weit  gehe  ich 
mit.  Wenn  aber  dann  gefragt  wird:  „soll  man,  da  das  wort  in  der 
übrigen  spräche  ganz  ausgestorben  ist,  etwa  an  keltische  herkunft 
(ableitung  von  dun,  collis)  denken?"  so  ist  darauf  zu  antworten:  das 
wort  lebt  noch  heute  und  zwar  appellativ  in  Norddeutschland,  aber 
freilich  figürlich;  überdies  hat  es  verwantschaft  im  altsächsischen,  angel- 
sächsischen, neuniederdeutschen  und  skandinavischen. 

Wir  Südwestfalen  1  nennen  ein  butterbrod  eine  brügge  (brücke). 
Warum?  Weil  es  nach  der  bauernphilosophie  die  Verbindung  (brücke) 
zwischen  leib  und  seele  unterhält ,  denn  eäten  un  drinken  hält  lif  un 
sMe  hinen.  Der  oder  die  düng  ist  die  Verbindung  (brücke)  von  dies- 
seits und  jenseits  in  Sumpfgegenden;  daher  muste  sich  auch  dimg,  m. 
gefallen  lassen,  im  Siegenschen  (z.  b.  in  Crombach)  ein  butterbrod 
zu  bezeichnen.  Vilmar  (Idiot,  v.  Kurhessen)  führt  das  im  Siegenschen 
gäng  und  gäbe  wort  als  eine  Seltenheit  mit  weibl.  geschl.  aus  einem 
Marburger  Verhörprotokoll  von  1655  au.  Dung  rührt  aus  stf.  thingen 
(häufen),  wie  es  z.  b.  im  Südwest!',  gedungen  fidl  =  gehäuft  voll,  noch 
erhalten  ist.  Im  dänischen  findet  sich  at  dynge,  häufen,  und  das  subst. 
dynge,  häufen,  alts.  gitliungan  und  ags.  gepungen,  venerabilis,  bedeu- 
ten eigentlich  gravis ,  eine  bedeutung ,  die  sich  leicht  aus  der  sinlichen 
entwickeln  konte.  Wahrscheinlich  gieng  aus  einem  sinlichen  thingen, 
überhäufen,  beladen,  unser  geistiges  dingen  hervor. 

Düschen. 

Bei  diesem  verb  wird  im  Mnd.  WB.  gefragt,  ob  es  „sich  hin 
und  her  bewegen"  bedeuten  könne.  Jn  der  angeführten  stelle  muss 
es  diese  bedeutung  haben.  Im  sinne  von  rauschen  ist  das  wort  noch 
heute  im  Bergischen  (z.  b.  Odenthal)  gebräuchlich.  Büschen  ist  aus 
düsen  oder  aus  drüschen  entstanden.  Düsen ,  schall  oder  geräusch  her- 
vorbringen, und  düs  sind  südwestfälisch.     Man  vgl.  dazu  doesen,   pul- 

1)  Auch  bei  Racliel  ,,die  kinderzuclit":  er  schleusst  den  knohlauch  iveg  sampt 
einer  halben  brücken;  ausserdem  vlämisch,  vgl.  Gloss.  belg.  (Hoffm.):  brugghe 
j.  boterham. 


WOESTE,    BEITRAGE    ADS   DEM   NIEDERDEUTSCHEN  303 

sare  mm  impetu  et  fragore  bei  Kil.  und  ags.  Jn/sa,  strepitiis.  Dagegen 
schlägt  Kil.  druT/sschen,  strepere,  impetere,  stridere,  tremeve,  offenbar 
die  brücke  zu  rüscJien,  rauschen.  Es  ist  klar,  dass  diese  Wörter  von 
anbeginn  schallmalende  sind;  merkwürdig  ist  daher  der  obige  Über- 
gang zur  Ursache  des  schalles,  zur  bewegung. 

Belaten. 

Zu  dem  was  Mnd,  WB.  über  dieses  verb  gebracht  hat,  kann 
hinzugefügt  werden: 

1)  Belaten  bedeutet  auch  frei  lassen,  gestatten.  So  Gr. 
Weist.  3,  147:  dat  die  vaer  (fahrt,  abzug  vom  hofe)  belaten  is. 

2)  Es  steht,  wie  auch  aus  dem  Mnd.  Wß.  s.  v.  beladen  ersicht- 
lich ist,  zuweilen  für  beladen.  So  in  Z.  d.  V.  f.  Gesch.  Westf.  N.  F. 
7,  266:  vnnd  se  my  bauen  solke  vorberorte  gebade  nicht  sollen  noch 
willen  belaten.  Auch  belaten  in  MChr.  1,  169  steht  für  beladen,  aber 
im  sinne  von  beschuldigt.  Darnach  wird  sowol  meine  annähme 
(Z.  V,  77)  als  auch  die  des  Mnd.  WB.  über  jene  stelle  zu  berich- 
tigen sein. 

3)  Belaten  ist  aus  betalen  versezt  in  Weist.  3,  157:  wanner  ein 
hoffman  syne  pechte ,  dienste ,  schulde ,  tynse ,  wo  von  oldes  gerechtich 
vnd  gewontlich,  belatede  vnde  dede,  so  sali  die  erffherr  geine  nye 
inbroelce  oder  vplage  vorwenden  oder  doen ,  anders  dan  von  oldes  gebrucJc- 
lich.  Man  begreift,  dass  ein  schwachf.  belaten  nur  auf  late  (spät)  zu- 
rückgehen könte,  was  hier  keinen  sinn  gäbe.  Ebenda  156  steht  das 
richtige:  syne  rechte  pechte  vnd  schulde  betalede. 

Bordeel. 

Das  Mnd.  WB.  hat  dieses  wort  nicht,  es  steht  aber  im  Teuth.: 
bordeel.  huyrhuys.  In  folgender  stelle  hat  es  der  nl.  Fascic.  Temp.  56": 
dat  anderde  was  dat  nien  gheen  openbaer  bordeel  binnen  romen  soude 
houden  off  setten.  Diez  Etym.  WB.  1  s.  v.  borda  leitet  bordello  vom  got. 
baurd,  unserm  bord  in  tannenbord,  so  dass  es  ursprünglich  eine  aus 
brettern  gebaute  bude  bedeuten  würde ;  ähnlich  Grimm  im  DWB.  Wahr- 
scheinlich aber  ist  die  herkunft  des  wertes  eine  ganz  andere.  Bordello 
wird  versezt  sein  aus  brodello,  so  dass  engl,  brothel  nicht,  wie  Grimm 
meinte,  verdreht  ist,  sondern  gerade  die  ursprüngliche  buchstabenstel- 
lung  enthält.  Schon  die  schwierigere  ausspräche  von  bro-  fält  hier  ins 
gewicht.  Für  brothel,  welches  sogar  sein  altes  p  bewahrte ,  bieten  sich 
als  grundlage  dar:  broddc  (foedus,  indecorus,  turpis)  bei  Kil.  und  deut- 
licher noch  brode  (hure),  vgl.  Mnd.  WB.  s.  v.     Der  ursprüngliche  sinn 


304  BIEGEB,  DEK   VERFASSER   DER  FROHEN   FRAU 

dieser  Wörter  kann  wol  kein  anderer  als  perditus,  perdita  sein.  Sie 
reihen  sich  somit  ganz  natürlich  an  ags.  hreopan  (perdere).  Dass  bor- 
dello  (lupanar)  schon  früh  für  eine  elende  hütte  überhaupt  verwen- 
det wurde,  darf  nicht  wundern,  wenn  sich  auch  für  ein  umgekehrtes 
Verhältnis  im  berg.  htpe  und  engl,  hip  ein  analoges  beispiel  geben  lässt. 
Wolte  jemand  sagen ,  vorstehendes  erkläre  die  herkunft  des  engl,  bro- 
thel,  nicht  aber  die  von  bordello,  so  habe  ich  nur  das  auffallende  zusam- 
mentreffen entgegen  zu  stellen. 

ISERLOHN.  FR.    WOESTE. 


DER  VERFASSER  DER  „FROHEN  FRAU". 

In  meinem  buch  über  Klinger  (s.  71)  habe  ich  mitgeteilt,  dass 
die  durch  meine  mutter  mir  zugekommene  Klingersche  familien  -  Über- 
lieferung dieses  pasquill  einem  candidaten  Göntgen  zuschrieb.  Ich  hatte 
diesen  namen  vergeblich  im  „Leben  in  Frankfurt"  (von  der  frau  Belli - 
Gontard)  gesucht;  ich  fand  ihn  von  Creizenach  im  Willemerschen  brief- 
wechsel  erwähnt,  aber  es  war  zweifelhaft  oder  unwahrscheinlich,  dass 
er  hier  derselben  person  zukäme;  ich  nahm  mir  vor  in  Frankfurt  wei- 
ter nachzufragen ,  und  vergass  es.  Nun  hat  mich  herr  dr.  F.  A.  Finger 
daselbst  durch  die  mitteilung  erfreut,  dass  sich  unter  den  Frankfurter 
lutherischen  pfarrern  ein  M.  Jonathan  Gottlieb  Göntgen  findet,  der  den 
12.  Januar  1752  geboren  war,  1789  pfarrer  in  Bornheim,  noch  im  sel- 
ben jähre  pfarrer  in  Frankfurt  wurde  und  1807  starb.  Der  von  Crei- 
zenach erwähnte  gleichnamige  festredner  bei  Goethes  siebenzigstem 
geburtstag  war  nach  dr.  Finger  damals  erst  30  jähre  alt  und  vermut- 
lich der  söhn  des  pfarrers. 

Spät  zwar,  aber  sicher  hat  somit  die  uemesis  jenen  boshaften 
anonymus  ereilt,  und  wir  erkennen  in  ihm  einen  wenig  älteren  mit- 
schüler  Klingers,  der  bedeutend  rascher  vorangekommen  war,  da  er 
spätestens  im  frühjahr  75  von  der  Universität  muss  absolvirt  wor- 
den sein,  die  Klinger  erst  im  frühjahr  74  bezog.  Der  name,  den  er 
verbarg,  ist  nunmehr  zu  einer  unrühmlichen  fortdauer  in  der  littera- 
turgeschichte  verurteilt. 

DARMSTADT,   IM    AUGUST    1880.  M.    RIEGER. 


305 


AUS  DEM  SUMMARIUM   HEINRICI. 


Die  mitteilung  dieser  bruchstücke  aus  dem  Summa rium  Hein- 
rici  verdanken  wir  herrn  professor  Schum,  der  sie  in  der  königlichen 
bibliotliek  zu  Erfurt  aufgefunden  hat  als  umsclilag  eines  früher  dem 
Carthäuser-kloster  gehörigen  buches,  welches  gegenwärtig  die  Signatur 
trägt:  Homiletik  F.  81. 

Es  sind  zwei  pergament-doppelblätter  (1+4  und  2  +  3)  in  folio, 
so  dass  blatt  2  unmittelbar  auf  1 ,  4  auf  3  folgt,  während  zwischen 
blatt  2  und  3  mindestens  ein  doppelblatt,  das  mittelstück  einer  läge, 
fehlt.  Die  blätter  sind  zweispaltig,  zu  je  53  Zeilen,  zwischen  fein 
gezogenen  Knien,  von  einer  geübten,  gleichmässigen  band  bald  nach 
der  mitte  des  12.  Jahrhunderts  geschrieben,  nur  auf  blatt  2,  rw.  a  sind 
5  Zeilen  von  anderer  aber  gleichzeitiger  band  eingeschoben.  Über- 
schriften und  uncialbuchstaben  sind  rot  nachgetragen;  sclireiber  wie 
rubricator  haben  sich  aber  viele  schreib-  und  lesefehler  zu  schulden 
kommen  lassen. 

Auf  der  ersten  spalte  der  ersten  seite  schliesst  das  dritte,  die 
tiere  betreffende  buch,  und  begint  zugleich  das  vierte,  welches  die 
pflanzen  behandelt;  auf  den  in  der  mitte  fehlenden  blättern  muss  der 
schluss  des  vierten  und  das  ganze  fünfte  buch  gestanden  haben,  sowie 
der  aufang  des  sechsten,  dessen  erhaltener  schluss  auf  3.  vw.  a  u.  b 
handelt  de  cultura,  de  itineribus,  de  glebis.  Dann  folgt  auf  3.  vw.  b 
das  siebente  buch ,  welches  von  den  mineralien ,  gewichten ,  massen  und 
Werkzeugen  handelt  und  mit  4.  rw.  b  unvollendet  abbricht.  Zur  erleich- 
terung  der  Übersicht  ist,  nach  dem  vorbilde  von  Rieger  in  Pfeiffers 
Germania  bd.  IX,  über  jedem  abschnitte  angezeigt  wo  das  entsprechende 
stück  sich  findet: 

i.    in  Isidori  etyraologiarum  1.  XX.    (I.) 

2.  in  den  glossae  trevirenses,  in  Hoffmanns  althochdeutschen  glos- 
sen.     Breslau  1826.     (T.) 

3.  in  den  Münchner  und  Wiener  glossen ,  in  Graffs  Diutisca.  1829. 
m,  s.  235.    (M.  V.) 

4.  in    den   von   Rieger   (in  Pfeiffers  Germania  bd.  IX.  1864)    mit- 
geteilten glossen  aus  der  Darmstädter  handschrift.    (D.) 

5.  in  den  aus  einer  handschrift  von  St.  Blasien  mitgeteilten  stücken 
in  Gerberti  iter  alemaunicum.  1765.   (B.) 

I  vw.a.  [JXII.  cp.  VIII.  TU,  18.  M.  V.  III,  18.  D  28.  B  III,  9.] 
disfliga.       Scinifes  sunt  musce  minutissirae  aculeis  permoleste.   Oestrus 
grece.     latine   asilus   vulgo   tabauus   dicitur   animal  est  aculeis  permo- 
lestum.  et  armentis.     Ester,  biscworm.       Culix.  mtiggn.    Musca  grecura 

ZIOITSCHR.    F.    DF.UTSCHT;    PHILOLOOIK.      BP.    XII.  20 


306  HORTZPCHANSKY 

est.  sicut  mus.  Hec  siciit  apes  in  aqua  uecate  aliquociens  post  imius 
hove  spacium  reuiuiscunt.  Bibiones.  quos  vulgo  musciones  appellant  a 
musto.  ipsi  sunt  qui  in  uino  nascuntur.  Gurgurio.  engering,  quia  pene 
nichil  aliud  est  nisi  guttur.  Apes  oriuntur  de  putridis  cadaueribus 
uitulorum.  Locuste  de  mvlis.  Vespe  de  asinis.  Scabrones.  de 
equis.       Scorpiones  de  cancris. 

De  uocibus  animalium.  [B  III,  10]. 
"Pusio  vagit.  Equus  hinnit.  Asinus  rudit.  Onager  magillat. 
Quis  balat.  Aries  orectat.  Verris  quirritat.  Sus.  vel  porcus 
grunnit.  Hircus  mictit.  Edus  uebat.  Canis  latrat.  Catulus  glat- 
tit.  Leo  fremit.  vel  rugit.  Elefans  barrit.  Pantera  cauvit.  Par- 
dus  felit  Vrsus  seuit.  Aper  frendit.  Ceruus  sugiit.  Vulpes  gan- 
nit.  Lepus  uagit.  Tigris  racbat.  Lupus  ululat.  Serpens  sibilat. 
Mus  minitat.  Sorex  stridet.  Mustela  driuodat.  Eana  coaxat. 
Pecora  balant.      Homiues  clamant.      Vermes  quiritaut. 

De  uocibus  auium.  [TU,  18.  MV  III,  20.  BIIT,  llj. 
A  quila  elangit.  Miluus  linugit.  vel  lapit.  Accipiter  plipliat. 
Wltur  pionpat.  vel  pulpat.  Olor.  olrecasat.  vel  argutat.  Ciconia 
groctolat.  Pauo  pupulat.  vel  paulat.  Grus,  gruit.  Anser  scligit. 
vel  strepit.  Coruus  groccit.  Cornix  garrit.  Turtur  gemit.  Gal- 
lus  canit.  hrewit.  Gallina  croccinat.  Palumpes  pacinant.  Anas 
trissinat.  Perdix  cacabat.  Graculus  fringulat.  Turdus  truculat. 
vel  soccitat.  Sturnus  passitat.  Passer  tuciat.  Vespertilio  platerat. 
Noctua  cucubat.  Morula  frindit.  Hirundo  minurrit.  Apes  bom- 
bit.  Cicada  tunnit.  Aues  butent.  Quedam  vero  ruritulant.  Popu- 
lus  strepit.  £s  tinnit.  Aurum  rutilat.  Ignis  crepitat.  Argentum 
splendet.       .  errum  ^  stridet. 

Finit  liber  tercius.     Incipit  IUI'.     De  his  quo  viuunt  per 

uiriditatem. 
[J  XVII,  5.    T  III,  1.     M.  V.  IV,  1.     D  30.     B  II,  10.] 
TTitis  dicta  quod  vim  babeat.     radicandi.     uel    quod   se   uiciis  ^  innec- 
tant.  rebestoc.       Labrusca.  wildereha.       a  labris  i.  extremitate  terra. 
Codix.  quasi  caudix.       Sarmentum  a  serendo.  quasi  saramentum.  absci- 
siones  inutilium  lignorum.     vel  proiectiones.       Malleolus   est  nouellus 
palmes  innatus  prioris   anni  flagello.     dictus  quod  mallei  speciem  pro- 
bet.      Spadones   dicuntur   surculi   fruge   carentes  dicti   ob  sterilitatem. 
Sagitta  nouissima  pars  surculi  dicitur  quod   acumiuis  tenuitate  speciem 
[die  lezte  zoile  halb  abgeschuitten.J 

1)  1.  ferrum.  2)  1.  viciois. 


AUS    HEINRICI   SUMMARIUM  307 

I   VW.    b. 

teli  pvefert.  Palmes  deriuatiuum  a  palma.  scuzzeUnc.  Pampinus 
rehinUat.  quod  de  palmite  peiideat.  Caprioli.  hrepfelin.  quod  capi- 
ant  arbores.  Corimbi  qui  coiipreliendunt  et  ligant  queque  proxiina. 
Acinus  druho.  botrus  inmaturus.  Raceraus  drappo.  botrus  uuis 
ablatis.  Vua  herekcron.  uel  druho.  Seuecia.  herlinc.  uel  uua 
acerba.  Precoque  fruvvedrnhin.  quod  precurrant  ciciiis  ad  matiirita- 
tein.  Dactili  botri  langedruUn.  Aminium  ivizdruho.  Rubilianiim. 
rothdruho.  Ceraunie  quod  rubeaut  velud  ignis.  Balatiiie  a  raagui- 
tiuline  sunt  dicte.  Jmnisdruhen.  Apiane  uinum  dulce  faciuut  qua  ab 
apibus  quibus  infestaiitur  dicte  sunt.  Biturica  a  regioue.  Argitis 
grecula  uitis  albi  coloris.  Enerticula.  boni  uini  et  lenis.  Marectice  ^ 
a  regione  egipti.  Elbole.  ab  elbo  coloi-e.  Vitis  cionia  quod  uini 
niultuni  fiuat.  Siriaca.  que  de  siria  allata  est.  Vitibus  ista  couue- 
niunt  oblaqueacio.  putacio.  propagacio.  fossio. 

De   arboribus.     [J  XVII,  6.     T  III,  2.     M.  V.  11,2.     D  31^ 

BII,  11.] 
A  rljoruui  nomen  siue  berbarum  ab  aruis  inflexum  creditur.       Arbusta. 

rihiscJiehe.  quasi  arboris  asta.  Frutex  quod  fronte  terram  tegat. 
hose.  cuius  plurale  frutecta.  spreidehe.  Silua  ivalt.  a  greco  xilia. 
quod  est  lignum.  Nemus  forst  quod  ibi  numina  constituebantur. 
Lucus.  16.  per  autifrasin.  quod  minus  luceat.  Saltus.  dohel.  quod 
saliat  in  altum.  Est  enim  profunditas  silue  inter  montes.  Auiaria 
secreta  nemora.  dicta  quod  ea  aues  frequentent.  Recidiua  dicuntur 
que  aliis  sectis  repullulant.  a  recidendo.  Insero  inpfunga.  Plante. 
splanm.  sunt  autem  de  arboribus.  Plantaria  dicuntur  que  cum  semi- 
nibus  nascuntur.  Vitiligines  dicuntur  inutilia  uirgulta  que  de  radice 
arboris  procedunt.  Virgultum  sumerlafa.  Radix  wrcela.  quod  quasi 
radiis  fixa  sit  terris.  Fisici  dicunt  parem  esse  altitudinem  radicum  et 
arborum.  Frondes.  loher.  quod  feraut  uirgulta.  Truncus  stoc.  sta- 
tura  arboris.  Cespes  quod  sit  circa  pedes  vvaso.  Oculi  nodi  sunt  ex 
quibus  frondes  exeunt.  Surculus.  a  precisione  serre.  Idem  et  uirgul- 
tum.  quia  de  uirga  tollitur.  Rami.  este.  Inde  ramusculi  riser.  Fla- 
gella  summe  arborum  partes,  dicta  quod  uentorum  sustinent  flagella. 
Cimas  quasi  comas.  Folia.  loher.  quod  fluant  de  arboribus.  Flo- 
res  quasi  flures  qui  austro  soluuntur.  zefiro  fiunt.  Germen.  himo. 
a  gerendo.  Fructus  wocher.  a  frumine.  unde  et  fruges.  Poma  ohiz 
ab  opimo.  Matura  quia  apta  ad  mandeudum.  Ligna  quod  incensa 
lumen  dent.  unde  et  licinium.       Astula.  durast.     a  tollendo.      Fomes  a 

1)  1.  Mareotice. 

20* 


308  HORTZSCHANSKY 

I  rw.  a. 
fungis.    ita  quod  capiat  ignem.        Ticio  vel  torris.  quasi  extractu  focis. 
hrant.       Quisquilie  sprocJiehe.    vel  gereshe.       Caries.   wrmmelo.    dictum 
hoc   nomine    quod   eueniat  lignis  uirtute   carentibus.        Isca.    zundera. 
Tuscus  vel  viscus.  mistel.       Suber.  rinda,      Librum  saf. 

De  propviis  norainibus  arborum.  [J  XVII,  7.  Till,  3  —  5. 
M  Y  II,  3.  D  33.  B  II.  12.] 
"Palma.  hamböm.'^  quod  oppansus  sit  ramis  in  modum  palme  homi- 
nis.  Laurus  lorhöm.  a  uerbo  laudis.  quasi  laudus.  Malus  affel- 
dera.  quod  fructus  eins  rotundus  sit.  Mala  matiana  a  loco  unde 
aduecta  sunt,  sicut  mala  cedonia.  Salumellum  ^  a  dulcedine  fructus. 
Letim  genus  ligui  inputribilis  et  inexuribilis.  et  impletur  spina.  Lig- 
num  tinum  nigrum  in  quo  scribi  potest  sicut  in  cera.  et  iterum  deleri. 
Malum  punicum  a  punica  regione.  idem  arbor  granatum.  est  generis 
feminini.  pomum  neutri  generis.  Flores  malorum  cadvducum  latini 
uocant.  Persicus.  quod  eam  primum  seruerit  ^  persius.  Medica  est 
arbor  quam  latini  cedriam  uocant.  hec  arbor  omni  pene  tempore  plena 
est  porais.  Mella.  que  uulgo  dicitur  faba  sirica.  fructus  fert  com- 
mestibiles.  gustu  suaues.  Coquimella  latini  primum.  vel  nixam  appel- 
lant.  Oleoraella  est  arbor  ex  cuius  trunco  oleum  defluit.  Pome- 
lida  sorbo  sirailis.  flore  candido.  dulcis  fructu.  Melofos  est  arbor  ex 
qua  profluit  lentus  sucus.  hespila  "*  arbor  spinosa  fructu  similis  malo- 
rum. unde  et  appellata.  quod  pinule  formam  habeant  eins  poma.  Pirus 
hirehom.  quod  in  ignis  speciem  fructus  eins  sit  formatus.  Pirus  arbor 
fructus  eins  pira.  Cerasus  Mrsehöm.  a  cerasa  urbe  ponti  uicina. 
Ficus  a  fecunditate  dicitur.  nam  ter.  quaterque  in  anno  generat.  hinc 
et  carice  a  copia.  fichhöm.  Morus  greci.  latini  rubura  uocant.  quod 
fructus  et  uirgulta  eins  rubeant.  mvlböm.  Sicomorus.  latine  celsa 
dicitur.  id  est  wildem  mvlböm.  Nux.  nuzhöm,  quod  umbra  vel  stilli- 
cidium  foliorum  eins  proximis  arboribus  noceat.  hec  quia  ioui  conse- 
crata  erat,  latini  iuglandem  uocant.  quasi  iouis  glandem.  Cuius  pomum 
tantam  uim  habet  ut  missa  inter  suspectus  herbarum.  vel  fungorum 
cibos  quicquid  in  eis  uirulentum  est  exudet.  rapiet  atque  extinguat. 
Nuces  autem  dicuntur  omnia  poma  tecta  corio.  ut  pinee.  auellane.  glan- 
des.  castanee.  amigdale.  hinc  et  nuclei  dicti.  quod  sint  duro  corio 
tecti.  At  contra  poma  omnia  mollia  mala  dicta.  sed  cum  adiectione 
terrarum.  in  quibus  antea  nata  sunt,  ut  persica.  punica.  matiana. 
cidonia.  et  cetera.  Amigdala.  mandala.  grece  sie  dicitur.  latine  nux 
longa,  alii  nucicula.      Pontica  grece.  latine  abellana.  nespilhöm.      Escu 

1)  1.  balmböm.         2)  1.  Maloinelluni.         8)  1.  seuerit.        4)  1.  Ne.spUa. 


AUS    HEINßlCI    SÜMMARIDM  309 

I  rw.  b. 

lus.  spereböm.  Fagus.  höcha.  arbores  glaiidirero  uocautur  quod  harura 
fructibus  homiues  oliui  uixerunt.  Castauea.  Jcestenböm.  quod  dum 
fructus  eius  de  folliculis  eicitur  quasi  castratur.  Prinus  grece.  latine 
lentiscus.  melehöm.  Cetanus  uel  cidonia  qvitcnhöm.  Olea  est  arbor. 
oleböm.  Oliua  autem  est  fructus.  olebere.  Oleum  vero  sucus  est  olei. 
Amurca  est  fex  olei.  Oleaster,  tvildoleböm.  dictus  quod  sit  foliis  oliue 
similibus  sed  lacioribus.  Cui  insertus  oliue  ramus.  uim  mutat  radicis 
et  uertit  eam  iu  propriam  qualitatem.  Cedrus.  cederböm.  liguum 
iocundi  odoris  et  inputribile,  cuius  resina  cedria  sunt  que  iu  cou- 
seruandis  libris  adeo  est  utilis.  ut  perliniti  ex  ea  nee  tineas  pacian- 
tur  nee  tempore  conseueseant.  Cipressus.  ciperböm.  Quercus. 
uel  ilex.  uel  quernus.  eich,  quod  ea  soliti  eraut  du  genciuni  queren- 
tibus  respondere.  fertur  quercus  mambre.  sub  qua  babitauit  abra- 
ham.  quod  usque  ad  constantini  regis  inperium  perdurauerit.  Len- 
tiseus.  quod  cespis  eius  lentus  sit  et  mollis.  Caprificus  dicta  eo  quod 
parietes  quibus  iunascitur  carpit.  Carpenus  haginbucha.  Abies. 
tanna.  quod  pre  ceteris  arboribus  longe  eat.  et  in  excelsura  promineat. 
Picea,  forcha.  quod  picem  desudet.  Platanus  ahorn.  a  latitudine  folio- 
rum.  uel  quod  patula  sit.  Alnus.  erila.  quod  alatur  amne.  Pistacia 
quod  cortex  pomi  eius  nardi  pistici  odorem  reddit.  Fraxinus.  asch. 
quod  magis  in  aspera  loea.  montauaque  fraga  nascatur.  hinc  per  deri- 
uaeionem  fraxinus  sieut  a  monte  montanus.  Tremulus  aspa.  .inus^ 
pinböm.  uel  kien.  Sanguinarius.  harttrugelin.  Fusarius.  spinnelbbm. 
Sorbarius.  siieldiom.  Acer  maseUra.  Vibex.  birca.  Tilia.  linda, 
dicta  quod  utilis  sit  ad  usum  telorum.  Pixos  grece.  buxus  latine. 
buxhbm.  Vlmus.  elm.  quod  uliginosis  locis  et  humidis  plus  proficit. 
Ornus  limbom.  Mirtece  grece.  rairtus  latine.  mirtelböm.  Terebiutus 
arbor  que  optimam  resinam  generat.  Sabina.  sabinböm.  Taxus  iwin- 
böm.  uel  iwa.  uenenata  arbor.  unde  et  toxica  uenena  exprimuntur. 
Populus.  albere,  uel  bellt,  dicta  quod  ex  eius  calce  multitudo  nascatur. 
huius  genera  duo  sunt,  altera  alba,  altera  nigra.  Salix,  salacha.  uel 
uelua.  quod  celeriter  saliat.  hoc  est  uelociter  crescat.  Juniperus. 
wecJwlder.  quod  eonceptum  diu  teneat  ignem.  adeo  ut  si  prune  ex  eius 
cinere  operte  fuerint.  usque  ad  annum  perueniant.  Sambucus.  hol- 
dirböm.  uel  riscus.  holder.  Kodandarum  quod  uulgo  lorandeum  dici- 
tur.  arbor  est  foliis  lauro  similis.  flore  ut  rosa.  Ebenus.  arbor  euius 
lignum  nigrum  est 

[die  lezte  zeile  abgeschnitten.] 
1)  1.  pinus. 


310  HOETZSCHANSKY 

n  VW.  a. 

[zwei  Zeilen  fehlen.] 

neque  ex  se  carbonem  ambuste  efficiimt.  Cornus  arlkhöm.  Vimen 
quod  lüm  multam  habeat  viroris.  widen.  Mirica  quam  latiui  trama- 
riciam  uocant.  ex  amaritudine  dicta.  mazaltra.  Illicus  est  arbor  modi- 
cis  foliis.  glandibus  paruis.  Coriliis.  hasel.  Turbiscus  quod  de  cespite 
eins  miüta  uirgulta  surgaiit  quasi  turba.  Herbitum.  hersih.  Pausia 
quam  corrupte  rustici  pusiam  uocant.  uirili  ^  oleo  et  suaui  apta.  et 
dicti  pausia  quod  paueatur  id  est  timdatur.  unde  et  pauimentum. 
Siria.  quia  de  siria  est  all  ata.  hec  nigra  est.  Crustumia  idem  et 
volemis.  Lichnis  eo  quod  Optimum  dent  lumeu.  nam  lichnis  est 
lumen.  Phillera  est  arbor  nigro  cortice.  Tribulus.  heifaldra.  Sen- 
tix  dicta  a  situ  quod  est  terra  inculta.  in  qua  sentices.  spine  uel  dumi. 
id  est  dorna  nascuntur.  Ramnus  quam  uocant  uulgo  senticem  ursi- 
nam.  Jiagan.  Vepres  hremun.  Arundo  quod  cito  arescat.  uel  canna 
a  cauitate  rora.  Tirsus  dutUcolho.  Cicuta.  scerlinc  est  quod  est  in 
cannarum  nodos.  Stuppa  uocata  quod  ex  ea  stipentur  tecta  hiuc  et 
stupula  per  diniinutivum.  Omnia  poma  neutri  generis  esse  dicunt 
latini.  arbores  autem  latine  femini  generis,  exceptis  paucis.  ut  hie 
Oleaster,  hec  siler.^     Item  buxum  licet  et  hec  buxus  dicatur. 

De  arboribus  aromaticis  [  J  XVII,  8.   Till,  4.    MV  IV,  4.    D  39, 

B  II,  13]. 
A  romata  quod  aris  inposita.  diuinis  inuocationibus  apta  uideantur, 
Tus  est  arbor  inmensa  atque  ramosa.  wirochhöm.  Tus  autem  sine 
aspiracione.  a  tundendo.  Cuius  gutta  eciam  dicitur  wlrocli.  Mirra 
grece  smirna  est  arbor  arabie.  quinque  cubitorum.  similis  spine  quam 
achantum  dicunt.  cuius  gutta  amara.  unde  et  nomen  accepit  mirra. 
Cuius  gutta  stacten  dicitur.  Storax  est  arbor  arabie  similis  malo  cido- 
nie.  Storax  autem  dicta  quod  sit  gutta  arboris  profluens  et  congelata. 
Greci  stiriam  guttam  dicunt.  Piper  est  arbor  piperis  in  india.  phef- 
firlöm.  cuius  siluas  serpentes  custodiunt  sed  incole  regionis  illius  cum 
mature  fuerint  incendunt  et  serpentes  igne  fugantur.  et  ex  flamma  piper 
nigrum  eflicitur.  nam  natura  piperis  alba  est.  Piper  si  leue  est  uetu- 
stum  est.  si  graue  nouellum.  Aloe  in  india  atque  arabia  gignitur. 
arbor  odoris  suauissimi  et  summi.  Lignum  eius  altaribus  uice  timia- 
matis  inponitur^  unde  et  nomen  traxit.  Cinnamomum  est  arbor  indie 
duorum  cubitorum  altitudinis  rotundo  cortice.  Amomura  arbor  in 
siria  et  armenia.  flore  albo  vt  viole.  odore  eciam  bono.  somuo  sua- 
uis.      Cassia  est  arbor  in  ara 

1)  1.  uiridi.         2)  1.  hoc  siler.         3)  J.  hat  adoletur  statt  imponitur,  daher 
die  etymologie. 


AUS    HEINRICI    SUMMARIUM  311 

11  VW.  b. 

[eine  zeile  fehlt.] 

piperis.  wicJibom.  hec  et  tistula  dicitur  iu  caiiticis  canticorum.  Cala- 
inus  aromaticus  gigiiitur  in  india.  multis  modis  ^  geniculatus.  fuluiis 
fraglaus  spiritus  suauitate  qiii  cum  fraugitur  iu  multas  fit  partes  scis- 
sibilis  sinuilans  gustu  cassiam.  Ealsami  arbor  iu  india  stirpis  siuiilis 
vitis.  foliis  similis  rute.  si^  albidioribus  semperque  madeutibus  vel 
inanautibus.^  Arbor  antem  balsamum  lignum  eins  dicitur  xilo  balsamum. 
fructus  sine  semiue.^  carpobalsaumm  sucus  opobalsamum.  quod  ideo  cum 
adiectione  siguificatur  quod  percussus  cortex  ligni  per  cauernas  eximii 
odoris  guttam  distillat,  Balsama  autem  si  pura  fuerint  tautam  uini 
habent.  ut  si  sol  incanduerit  sustineri  non  possit  in  manu.  Vngula 
arbor  aromatica  que  in  exodo  onicha  dicitur.  Bdellium.  ai'omatica 
arbor  est  colore  uigro  magnitudine  olee.  et  folio  roboris.  odore  capri- 
fici.  cuius  lacrima.  uel  guuimi  lucida  est  et  subalba  est.  ueluti  man. 
hoc  pliuius.  priscianus  autem  dicit  bdellium  genus  esse  lapidis. 

De  lignis.     [T  111,  5.     MV  IV,  5.     D  41.     B  II,  14.] 
■palmiceum  lignum.   palbbmin  hoU.       Citreura.  uel  utiuum.  uel  cedri- 
num  lignum.  cedirhömin  hoU.       Cipressinum,  ciperhbmin.       Abieg- 
num.    dennin.        Quernum.    uel  liceum.    eichin.        Colurnum.    hesilin. 
Faginum.  böcJiin.       Oleaginum.  olebbmin.      Alninum.  erlin. 

De  fructibus  arborum.    [J  XVII,  7.     T  III,  6.     MV  IV,  6.     D  41'\ 

BII,  15.] 
"lyralum.  apfel.  Malum  matianum.  mdlceha.  Malum  punicum.  uel 
malum  granatum  rotepfele.  Cutum  dicitur  granum  mali  puuici. 
kerno.  Malomellum  svzepfele.  Persicum.  pferchich.  Volema.  wini- 
gista.  Cidonia  quitena.  Cerasium  kirsich.  Nux  nus.  Nuclei  nus- 
kernin.  Nucifraga.  nusprecha.  Suber  uel  auella  Uft.  Castanea 
kestina.  Abellane.  nespelin.  Amigdale  mandilun.  Escule  speruuin. 
Pinee.  pinepfele.  Grlans.  (glan)dis.  eichila.  Dactili  sunt  fructus  palme. 
Carice.  figen.  a  copia.  Grossus  fructus.  ficus  iumaturus.  Pakte,  fructus 
fiel  inter  palas  siccati.  Lapates  fructus  fici  inter  duas  tabulas  siccati 
uel  pressi.  Piper,  peffer.  Arciotida.  wecholtehere.  Prunelle.  slehen 
item  prugna.  Fraragum.  erthere.  Mora.  nmlbere.  uel  dubbere.  .ix.^ 
bech.  Resina.  Jiar^.  Cedria.  cedri  resina.  uel  sucus.  Mastix,  uel 
granomastix    dicitur    gutta    lentisci.  Gummi,    kazzingolt.    uel  fliet. 

Gluten.  lim.  uel  kitti.  Bitumen,  ertlim.  Eleite  ^  dicuntur  folia  pal- 
marum.       Agnosperma.  salbunbleter. 

1)  1.  nodis.         2)  1.  sed.         3)  J.  manentibus.  4)  1.  fructus  sive  seinen. 

5)  1.  pix.  6)  ilccTTi]. 


312 


HORTZSCHANSKY 


De  herbiB  et  earum  nominibus.     [J  XVII,  9.     T  III,  7.    MV  IV,  7. 

D42^     BH,  16] 

andragora.  i.  alruna.  quod  habeat  mala  suaue  ölen 


II  rw.  a. 

[eine  zeile  fehlt.] 
donia.  hettonia.  Plautago.  uel  lata,  uel  eptapleuros.  vvegerichich. 
Plantago  miuor  vel  araoglossa.  minner  wegericJi.  Septinerdia.  uel  cen- 
tiuodia.  wegebreita.  Sangiünaria.  uel  proserpinaca.  uel  poligonus. 
umhitreta.  Crocus  est  species  floris.  hröco.  Verbenaca.  uel  lustago. 
uel  ieiobotana.  uel  alcea.  uel  liciuia.  uel  peristrion  .i.  verhina.  Insana 
uel  faba  lupiua.  uel  bellinuncium.  uel  dielina.  uel  simpboniaca.  uel 
caniculata.  uel  lusquianum.  hisela.  Tormentumla.  uel  turuella.  frig- 
WTB.  Lupinum  fighona.  Lupinum  montauum  uel  tbermosorinos  ^  .i. 
pfnmina.  berba  scelerata  uel  apiastellum  uel  selinonagrion  uel  apium 
rusticum  uel  apiorisu  ^  hrennucrut.  uel  lianifus  Siquis  hoininum  hanc 
herbam  ieiunus  gustauerit  ridendo  exanimatur.  Artemisia  monoclos. 
uel  ualentina.  uel  ostauos.  hiboz.  Artemesia  tagantes.  uel  tanium. 
Artemesia  berba  diaue  consecrata.  unde  et  dicitur.  nam  grece  diaua 
artemis  dicitur.  bec  potu  sumpto  aufert  dolorem  cordis.  profluuiumque 
sanguinis.  Dracontea.  uel  emnion.  uel  cocodrilion.  uel  affrissa.  dracli- 
wrz.  quod  asta  eius  similitudinem  draconis  imitetur.  Vatirion.^  uel 
ura.  uel  leporina.  uel  testiculi  leporis.  uel  priaspicus.  uel  mene  .i.  stinka. 
Geutiaua.  uel  comicianis.  hemera.  bec  ab  inuentore  dicitur  dictamnum 
album.  vvizwrz.  Dictamnum  nigrum.  gühwrz.  bec  berba  taute  uirtu- 
tis  est  ut  ferrum  a  corpore  expellat.  sagittas  excuciat.  Elleborum 
album.  nisivrz.  Elleborum  nigrum  sutervvrz.  quam  romani  ueratrura 
dicunt.  Lappa  uel  pbilantropos.  Metta.  Lapacium  argemon.  latecha. 
Lapacium  acutum  uel  oxilapacium.  uel  ebulum.  atecJi.  Centauria  maior 
uel  flectronia.  ertgalla.  Centauria  miuor.  uel  febresugia*  uel  multi- 
radix.  uel  elleborites  .i.  matrana.  Ibiscum.  uel  altea.  uel  malua  silua- 
tica  .i.  ihisca.  Buglossa.  uel  lingua  bubula.  uel  bouis  lingua.  uel 
corrago.  rindiszunga.  Cinoglossa.  vel  canis  lingua  vel  caballion,  Jmn- 
dissunga,  Solopendria  ^  liirzesmmga.  uel  hirceswrz.  Keumatica  hra- 
nechesnabel.  Marrubium.  cuius  uis  equaliter  mixtiis  tissicis  et  tussio- 
nibus  proflcit.  et  uocis  raucedinem  toUit.  bec  et  prasium.  Eliotropium. 
uel  solsequia.  uel  anticusa.  uel  incubum,  siluaticum.  uel  uertamuum. 
uel  butaganon.  ringela.  Limpbea.  uel  mater  berclania.  uel  aigitus. 
uel  clauus.  ueneris.  grensinc.     Celidonia  dicitur  quod 

1)  1.  thermoforinos.         2)  1.  apiorisus.         3)  1.  satirion.  4)  febrefugia. 

b)  I.  Scolopendria, 


AUS   HEINRICI    SDMMABIÜM  313 

II  rw.  b. 

[zwei  Zeilen  t'ehleu.] 

tres  eorum  illis  ex  hac  herba  medeii  dicant.  Celidoiiia  maior.  vel 
biruudiniua  scellcivrz.  iiel  grintvvrz.  Celidonia  minor,  uel  pirronag- 
noii.  Senecioii.  uel  eiigeron.  uel  dia.  idem  rietacliel.  uel  bennurz. 
Edera  quod  arboribus  reptaudo  beieat.  ebech.  Edera  nigra,  uel  bolus- 
seron.  uel  arborria.  ehhoivi.  Filix.  farn.  Polipodium  steinvarn. 
Beonia.  uel  rosa,  fatuina.  uel  consogingo.^  uel  pentaborina.  uel  dacti- 
losa.  beonia.  Saturegia  uel  serpillum.  quenvla.  (irassinola.  uel  eci- 
gios.  uel  quenela.  Absintium  uel  alosantus.  ivermuta.  Acero.  uel 
acer.  gunderebo.  Cerifolium.  uel  sacropia.  uel  pedero.  kcruila.  Sar- 
niiuia.  iviUdllkeruila.  Origanum.  uel  cunilagalica.  uel  colena  propter 
quod  infusa  coloret  uinum  dosto.  Semperuiua.  uel  arzou.  uel  semper- 
folium.  uel  florium.  uel  ambrosia.  uel  bustalmos.  huswurz.  Basilisca, 
uel  perforata.  madelger.  Coliandrum.  uel  psillios.  uel  berba  pulicaris. 
kolinder  uel  hrollo.  Lactaridia.  uel  citocacia  sprincwurz.  Strignum. 
uel  striguos.  uel  herba  salutaris.  uel  vva  lupina.  ramesdra.  hec  dolo- 
rem capitis,  et  storaachi  incendium  purgat.  Millefolium  gareiva. 
Libisticum.  uel  nubisticium.  lubisteJcil.  Spilatrum.^  scleifa.  Hebeta. ^ 
simka.  Milleborbia  drusivurz:  Item  maura.  Blandonia.  uel  lana- 
ria.  uel  strucius.  imllina.  Calcatrippa.  zeisela.  Liuendula.  lavendla. 
Abrotanum.  stabeiviirz.  Melones  pebenun.  ypiricum.  uel  droscolana. 
liartlioue.  Cinisprione  .i.  liona.  Eusole.  brachwurz.  Gelifia.  nasi- 
ivurz.  Emicedo.  brachlöch.  Cardopana.  eberwurz.  Vulgago.  uel 
asara.  haselwurz.  Carciola.  uuitesa.  Mirmeudactilia.*  heühobito. 
Gliconus  puleium.  Didimo.  hasinora.  Colofonia.  harizbch.  Amor- 
reis, blutfluzda.  Tubura.  ertnöz.  Azitura.  ampora.  Trifolium,  uel 
trilillum.  uel  galta.  hU.  Apiacum.  uel  timum.  binesvga.  Epitimum 
est  flos  timi.  Gladiolum.  uel  macherofillum.  uel  ireus.  uel  acorus. 
svertela.  Carix  riet.  Carectum.  riethe.  Alga  ab  algore  aque.  uel 
saliunca.  rietgras.  Vlua  est  alga  mollis.  Tipus  qui  se  ab  aquis 
inflat.  Spartus  ab  asperitate.  frutex  uirgosus.  sine  foliis.  Papirus. 
biniz.  hinc  papirium  .i.  binizalw.  quod  igni  et  cereis  est  aptum.  uel 
iuuicus  quod  iuuctis  radicibus  hereat.  Idem  scirpus.  Gramen  gras. 
quod  germinetur.  Fenum  howe.  quod  eo  flamma  nutriatur.  Mani- 
pulum  dicimus 


1)  coüsogiugo?  2)  1.  Psilatrum.  3)  1.  Nepeta. 

4)  1.  Hennendactilia. 


314  HORTZSCHANSKY 

IIl  VW.  a. 

[zwei  Zeilen  fehlen.] 

serunt.  Digitus,  minima  pars  agrestium  mensvrarum.  inde  imtia. 
habens  digitos  tres.  Palmus  digitos  IUI  habet.  Pes.  XVI.  Pas- 
sus pedes  V.       Pertica  passus  duos  .i.  pedes  X. 

De  cultura.     [J  XVII,  2.     T  IV,  22.     MV  22.     BVI,  2.] 

pultura.  vbunge.  Cinis  est  incendium.  hesengunga.  Aracio.  erunga. 
quia  de  ere  prius  terram  exercebant.  Intermissio  est  qua  alternis 
aunis  uacuus  ager  vires  recipit.  Stercoracio  mistunge.  Stercus  dic- 
tum quia  sternitur  in  agris.  uel  quod  oporteat  extergi.  Idem  fimus. 
quod  fiat  imus.  uel  letamen.  quod  leta  faciat  germina.  Occacio  quasi 
obcecacio  .i.  egunge.  vel  brachvnge.  Occare  est  operire  terra  semina. 
Ruucacio  est  a  terra  herbas  uellere.  nam  rus  terra  est.  Sulcus.  furch. 
a  sole  quod  procissus  solem  capiat.  Veractum  quod  uerno  est  ara- 
tum.  Procissio  est  aracio  prima  cum  adhuc  durus  est  ager.  hrachunge. 
Sacio.  sevnge.  quasi  saciorum  actio.  Serere  uocatum  quia  hoc  serens 
celo  faciendum  est.  Seges.  sat.  a  semine.  uel  a  sectione.  Sementis 
et  sementum.  frvgum  et  arborum.  Sementem.  semen  et  seminum. 
animalium  est.     Seminarium  cuius  rei  se  inicium.  , 

De  itineribus.  [J  XV,  16.  T  IV,  23.  MV  V,  33.  BV,  13.] 
"lyriliarium  mille  passibus  terminatur.  dictum  quasi  mille  adium. 
habens  pedes  V  milia.  Lewa  finitur  passibus  mille  quingeutis. 
Stadium  octaua  pars  miliarii,  constans  passibus.  C.  XXV.  hoc  primum 
herculem  statuisse  dicunt.  eumque  eo  spacio  determinasse  quod  ipse 
uno  spiritu  confecisset  ac  proinde  Stadium  appellatum.  quoniam  in  fine 
respirasset  simulque  stetisset. 

Via  wech.  a  uehiculorum  incursu.  Privata  hurcvvech.  Publica 
via.  herstrase.  uel  regia  via.  Strata  uel  dilapidata  dicitur  uia  lapidibus 
strata.  Iter  locus  transitu  facilis.  Itiner.  est  longe  uie  et  labor  am- 
bulandi.  Semita  itineris  dimidium  est  a  semi  itu  dicta.  Semita  est 
hominum.  Callis  ferarum.  et  pecudum.  a  callo  pedum.  phat.  Trami- 
tes  sunt  intransversa  itinera  in  agris  dicti  quod  transmutantur.  Diuor- 
cia  dicuntur.  Vie  in  diuersa  tendentes.  eadem  diuerticula.  Competum. 
wegeseide^  quia  plures  in  ea  competunt  vie.  Biuium  ubi  duplex  est 
via.  quia  due  nie  conueniunt.  Triuie  vero  tres.  Quatriuie  ubi  qua- 
tuor.  Ambitus  ab  ambulando.  umbewech.  Actus  quo  pecus  agi  solet. 
Cliuosum.  iter  flexuosum.  Orbita  ab  orbe  rote  vvageleise.  Vesti- 
gium.  w0spor.  dictum  quod  uie  precurrencium  hoc  inuestigetur.  Pas- 
sus scritmali. 

1)  1.  wcgesceide. 


AUS    HEINRICI    8UMMARIUM  .  315 

De  glebis.     [J  XVI,  1.     T  IV,  24.     MV  V,  24.] 
puluis  quod  vi  uenti  pulsetur.    skippe.       Limiis  leimo.   quod  leuis  sit. 
Cenvra 

in  VW.  b. 

[zwei  Zeilen  fehlen] 
Fauilla  quod  per  igiiem  sit  effecta.  Gleba  scollo.  quod  sit  globus. 
Sabina  a  labe  quod  ambulantibus  lapsuni  infcrat.  scleifa.  Volutabrum. 
pfiä.  uel  suol.  quod  ibi  apri  uolutentur.  Vligo  sordes  limi.  uel  aque. 
atel.  Sabulum  sanf.  Argilla.  quod  terra  samia.  daherda  uel  lebdo. 
Sulphur  dictum,  quia  igne  inceuditur.     Vr^  euim  iguis  est. 

Item  de  glebis.  [J  XVI,  2.] 
"Ditumeii  est  gluteu.  tenacissimum.  quo  quicquid  coutactum  fuerit 
uumquain  coiiterimescit  (!)  nee  uUa  vi  imbrium.  aut  tlatu  uentorum 
dissoluitur  nisi  menstruo  sauguine.  Alumen  uocatum  a  lumine  quod 
lumen  coloribus  prostat,  tinguendis.  Sal  quod  saliat  in  igne.  Fugit 
enim  ignem  dum  sit  igneus.  sed  naturam  sequitur  quia  ignis  et  aqua 
semper  inter  se  inimicantur.  Alii  sal  a  salo  et  sole  quia  aquis  maris 
sponte  fit.  sole  decoctis.  Sunt  et  montes  natiui  salis  in  quibus  ferro 
ceditur.  A  sale.  salus  uomeu  accepisse  putant.  Nitrum  a  nitria 
oppido  egipti  ubi  babundat  nomen  accepit.  et  non  multum  a  specie 
amoniaci  salis  distat.  Afronitum  ^  grece.  latine  spuma  nitri  est. 
Finis  1.  VI.     Incipit  1.  VII. 

De  bis   que  inueniuutur   sub   terra   uel   in"  terra. 
De  wlgaribus  lapidibus.     [J  XVI ,  3.     T  V,  1.     MV  VI,  1.] 

T  apis  dictus  quod  ledat  pedem.  Silex  flins.  quod  exiliat  ignis  ab 
eo  dictus.  Scopulus  saxum  eminens  a  speculaudo  dictus.  Cre- 
pido  extremitas  saxi  abrupti.  Spelea  rupis  cauata.  Cautes  aspera 
saxa  in  mari.  dicte  a  cauando.  quasi  cautici.  Murices  petre  similes 
muricis  uiuis.  Icon  saxum  qui  bumane  uocis  sonum  captans  eciam 
verba  imitatur  loquencium.  Calculus.  hisilinc.  quod  sine  molestia  sui 
breuitate  calcetur.  cos.  wezestein.  quod  ferrum  ad  incidendum  acuat. 
cutis  grece  incisio  dicitur.  Ex  bis  alle  aquarie  sitim.^  alle  oleo  indi- 
gent  in  acuendo.  sed  oleum  lenem.  aque  aciem  acerrimam  reddunt. 
Pumex  pumiz.  quod  spume  densitate  concretus  sit.  Eudi  lapides  con- 
tusi.  et  calce  mixti.  quos  in  pauimentis  faciendis  super  fundunt  unde  et 
rudera  dicuntur.  Gipsum.  gi'ps.  Calcis  viua  dicta  quia  dum  sit  tactu 
frigida  intus  occulte  continet  ignem.  que  aquis  incenditur.  extinguitur 
oleo.      Arena,  gris.  ab  ariditate  dicta. 

1)  1.  vur.  2)  1.  Afronitrum.  3)  1.  sunt. 


316  HORTZSCHANSKY 

De   lapid  bus   insignibus.     [JXVI,  4.     TV,  2.     MV  VI,  2. 

B  V,  14.] 
lyTagnes.    agestem.    qiii  ferrum  ad  se  trahit.       Gagates  niger.    planus, 
lenis  et  ardens  igni  admotus  incensus  serpentes  fiigat.    demoniacos 
prodit.     uirgiiiitatem    deprehendit.     accenditur    aqua    oleo    restingiütur. 
Abeston.  lapis  ferrei  co 

III  rw.  a. 

[zwei  Zeilen  fehlen.] 
cum  luna  crescit  et  deficit.  Dionisius  lapis  fuscus  et  ebrietati  resistit 
Tracius  niger  et  sorus.^  Frigius  pallidus  uritur  antea  uiuo  peifusus. 
Sirius  integer  fluctuat.  comminutus  mergitur.  Arabicus  similis  est 
eburi.  defricatus  ad  cutem  sucum  dimittit.  crocco  similem.  Sauiius 
candidus  poliendo  auro  utilis.  Memfitis  est  gemmantis  natura.  Sar- 
cofagus  est  lapis  corpora  defunctorum  condita  in  eo  intra  XL  absumit. 
Amatitis  cute  resolutus  in  colorem  uenit  sanguinis.  Andromantus 
niger  duricia  et  poudere  insignis.  in  se  argentuni  uel  es  trahit.  Ysci- 
stor  croco  similis  cum  leui  fulgore.  Amiantus  appellatus  eo  quod  si 
ex  ipso  uestis  fuerit  contexta  igni  inposita  non  ardebit.  ßatracites 
similis  est  teste  liminis.  sed  scissibilis.  Galactitus  colore  cinereus. 
Obsius  est  niger  translucidus.  Mitridas  sole  repercussus.  coloribus 
raicat  uariis.  Etites  lapides  iuueniuntur  in  nidis  aquilarum.  Aiunt 
binos  inueniri  marem  et  feminam  nee  sine  bis  parere  aquilas.  Alligati 
partus  celeritatem  et  iam  aliquid  uulue  excidunt  nisi  cito  parturientibus 
auferantur.  Hismiris  lapis  asper  et  indomitus  et  omnia  atterens  ex 
quo  gemme  teruntur.  Fingites.  candidus  et  translucens  ex  quo  tem- 
plum  coustructum  est  a  quodam  rege  foribus  aureis  quibus  clausis  cla- 
ritas  erat  intus  diuturna.  erat. 

Item   nomina  lapidum. 
Tpmites  Ostracites.    Melanites,    dictus   quod  melleum  sucum  dulcemque 
mittat.   Crissites.   Amnites.   Coranus.  Molitius.  Tuscolanus.  Sauinus. 
Sifinius.  Specularis. 

De   marmoribus.     [JXVI,  5.     T  V,  3.     MV  VI ,  3.     ß  IV,  14.] 

"lyrarmor  grecum  est  a  uiriditate.  marmUstein.  Ophites.  serpentum 
maculis.  Simile  unde  et  vocabulum  sumpsit.  Purpurites  marmor 
rubens  candidis  interuenientibus  punctis.  Basanitis  ferrei  coloris.  siue 
duricie.  Alabastrites  candidus  interunctus  uariis  coloribus  ex  quo 
ewangelici  illius  uas  unguenti  fuit.  et  ex  quo  uasa  cauata  unguenta 
incorrupta  seruant.      Parpius  ^   marmor  eximii   candoris.      Coralliticus 

1)  1.  sonorus  (J.).  2)  1.  Parius. 


AUS    HEINRICI    SUMMARIUM  317 

est  marmor  non  ultra  cubita  biua.  Alabandicus  purpure  aspectu  simi- 
lis.       Thebanus  est  intertinctus  aureis  guttis. 

Item   de   marmoribus. 
T  esbius.     Corintheus.     Caristeus.     Numedicum.     Sienites.    Luculleum. 
Ebur.  a  barro  .i.  elefante  dictum. 

De  uiridioribus  gemmis.  [JXVI,  6  und  7.] 
pemme  dicte  quod  instar  gummi  transluceant.  Omuium  gemmarum 
uireucium  smaragdus  principatum  habet,  berbas  uirentes.  frondesque 
exuperans.  Nero  cesar  gladiatorum  pugnas  in  smaragdo  spectabat. 
Prasius  pro  uiriditate  coloris  dicitur.  Berillus  similis  uiriditate  sma- 
ragdo.    Politus  ab  indis  in  sex  angulorum  for 

III  rw.  b. 

[zwei  Zeilen  fehlen.] 

Crisoprassus.  colore  porri.  sucum  referens  aureis  interuenientibus  gut- 
tis. Jaspis  grece.  latine  uiridis  gemma  dicitur.  Topazion  ex  uireuti 
genere  est.  omnique  colore  resplendens.  Gallaica.  colore  uiridis  et 
pallens  et  niniis  crassa.  nicbil  iocundius.  aurum  deccens.  Molochitis 
a  colore  malue  nomen  accepit.  Eleotropia  uiridi  colore  et  nubilo 
stellis  puniceis  supersparsa.  cum  sanguineis  uenis.  Sagda  prassini 
coloris.  Mirritis  dicta  quod  in  ea  rairre  color  est  conpressus  autem 
usque  ad  odorem  nardi  spirat  suauitatem.  Aromatidis  mirre  coloris 
et  odoris.  Melecros  ^  bicolor  ex  una  parte  uiridis.  ex  altera  similis 
melli.      Coaspites  a  flumine  persarum  dicta  est  ex  uiridi  fulgoris  aurei. 

De   rubris   gemmis.     [JXVI,  8.] 
porallius  gignitur  in  mari.     quem  magi  fluminibus  resistere  affirmant. 
si   creditur.       Sardivs.       Onix.        Sardonix.       Ematides.       Sucinus. 
Ligurius.  dictus  quod  fiat  ex  urina  lincis  bestie.  tempore  indurata  attra- 
hens  spiritu.  folia  appropinquancia.  sicut  et  succinum. 

De  purpureis.  [JXVI,  9.] 
Tnter  purpureas  gemmas  principatum  ametistus  indiciis^  tenet  qui  per- 
mixto  uiolacio  colore  quasi  rose  nitor  leniter  quasdam  flamulas  fun- 
dit.  Saphirus  celuleus  •''  est  cum  purpura.  babens  pulueres  aureos  spar- 
sos.  lacinctus.  ex  nominis  sui  flore  uocatus  ceruleum  habens  colorem. 
lacinctizonta  iacinctum  prope  refert.  Celedonia  ex  hirundinum  colore. 
uocata.  Eoditis.  rosea  est  et  ex  eo  nomen  accepit.  Elanea  gemma 
ceruleo  coruscans  nitore.  Ametistizontas  dicitur  quia  araetisto  fere 
similis  est. 

1)  MeleCs  hdscbr.  2)  1.  iiulicus.         3)  1.  ceruleus. 


318  HORTZSCIIANSKY 

De  candidis.     [J  XVI,  10.] 
argarita   uocatur  quod  in  conciüis  marinis  hoc  genus  lapidum  iniie- 


M 


nitur.  Inest  enim  in  carne  coclee  calculus  natus  sicut  in  cerebro 
piscis  lapillus.  Ex  quibus  margaritis  qiüdam  uniones  dicuntur  eo  quod 
tantura  uniis.  nusquam  duo  uel  plures  inueniantur  simul.  Pedorus 
secunda  post  margaritum  candidarum  gemmarum.  Asteritis  incliisam 
lucem  continet  uolud  stillam  intus  ambulantem  unde  et  dicitur.  Galac- 
tites  tritus  sucum  reddit  album.  ad  instar  lactis.  feminis  alligata  fecun- 
dat  ubera,  infancium  collo  suspensa  saliuam  facit.  in  ore  liquescit. 
memoriam  adimit.  Galatias  grandinis  candorem  prefert.  et  figuram. 
Solis  gemma  quod  ad  instar  solis  fulgentes  spargat  radios.  Solenites 
lucet  candido  melleoque  fulgore.  Cimidiaque  inuenitur  in  cerebro  pis- 
cis eiusdem  nominis.  Candida  et  ablonga.  bis  ferunt  magi.  signa  tran- 
quillitatis  et  tempestatis.      Peloculus'  albicans  pupillam 

IV  VW.  a. 
gignit^    nigram.        Exebenus    speciosa    qua    aurum    politur.       Agates. 
Absictos.      Egiptilla.      Vegentana.      Bariptos.      Meromelas.      Tricrius. 
Dionisia.      Prieritis. 

De  uariis  gemmis.     [JXVI,  12.] 

"Pauerus^  ex  omnibus  pene  coloribus  constat.  lolca.  ex  fuluo  con- 
stat.  coloribus  nigro.  candido.  viridi.  Mitridax.  sole  repercussa. 
coloribus  micat  uariis.  Teoseritus  igni  adplicatus  sudorem  mittit. 
Oppalus  est  distinctus  diuersarum  colore  gemmarum.  in  quo  carbunculi 
tenuior  ignis  ametisti  fulgens  purpura  et  smaragdi  nitet  uiriditas.  Pou- 
tice  nunc  sanguineis  nunc  auratis  micant  guttis.  Exocantalitus  tam 
diuersis  est  sparsus  ut  sexaginta  gemmarum  colores  in  paruo  eins  orbi- 
culo  depreliendas.      Murrena  est  Candida  purpurea  et  ignea. 

De  cristallis.  [J  XVI,  13.] 
pristallus  traditur  quod  nix  sit  glacie  durata  per  annos.  Hie  oppo- 
Situs  radiis  solis  adeo  rapit  flammam  ut  aridis  fungis  uel  foliis  igiiem 
prebeat.  Adamans  numquam  ultra  magnitudinem  uuclei  auellane  repe- 
ritur.  nuUi  cedit  materiei  nee  ferro  nee  igni  sed  tantum  liircino  calido 
calido  (!)  et  recenti  rumpitur  sanguine.  Dissidet  cum  maguete  ut  iuxta 
positus  ferruni  nou  paciatur  abstrahi  magnete  et  maleficis  resistit  arti- 
bus.  Galacia  figuram  adamantine  duricie  habet.  Ceraunius  dictus 
quoniam  alibi  non  inuenitur  quam  in  loco  fulmine  icto  proximo.  Car- 
bunclus  dictus  quod  sit  ignitus  ut  carbo.     Omnium  ardencium  gemma- 

1)  1.  Beli  oculus.  2)  1.  dngit.  3)  1.  Panclirus. 


AUS    HEINRICI    SUMMARIUM  319 

rura  habet  principatum.  Gignitur  in  libia  apud  trogoditas. ^  cuius  lux 
nee  nocte  uincitur  quia  lucet  in  tenebris  adeo  ut  flammas  ad  oculos 
uibret.  Lignis  ^  ex  eodera  genere  ardencium  est  dictus  a  lucernarum 
flagrancia.  Crisoprasius  ^  lapideni  lux  celat  prodit  obscuritas.  Nocte 
igneus  est  die  aureus. 

Item  de  uominibus  lapidibus.  (!) 
Tris.  Astrion.  Electria.  Enidros.  Antracitis.  Sandasirus.  Carcedonia. 
Alabandina.  Dracoutides.  ex  cerebro  draconis  eruitur.  dum  somno 
sopitis  capita  desecant.  et  gemmas  extrahunt.  Flugites  ostentat  intra 
se  flammas  estuantes  que  non  exeant.  Sistites  croceas  Stellas  conti- 
net.  sub  nubilo  renitentes.       Ermiscion  ex  igneo  colore  radiat  auro. 

De  aureis  lapidibus.  [JXVI,  15.] 
prisopis  aui'um  tantum  uidetur  esse.  Crisolitus  auro  similis.  cum 
marini  coloris  similitudine.  Criselectrus  similis  auro  sed  in  colo- 
rem  electri  uergens.  matutino  tantum  aspectu  iocundus.  Crisolamsis  * 
est  aurea  die  et  nocte  ignea.  Glossa  petra  similis  igue  ^  humane, 
unde  et  nomen  traxit.  que  deficiente  luna  celo  cadere  fertur.  Sinoci- 
tide  umbras  inferorum  euocatas  teuere  tradunt.  Celonites  est  purpu- 
reus.  Per  hunc  magi  lingue  impositum  futura  prenunciare  fiuguuntur. 
Pronia*'  a  capite  testudinum  et  tonitribus  cadi  putatur.  et  restinguere 
fulminis  ictus.  Hienia  lapis  in  oculis  hiene  bestie  inuenitur.  Pou- 
tica  est  gemma  per  quam  demones  interrogatur   et  fugantur  ut  feruut. 

De  Vitro.     [J  XVI,  16.     T  V,  6.     MV  II,  6,     B  II,  7.J 
TTitrum.  glas,  quod  uisus  perspicuitate  traus 

IV  VW.  b. 
luceat.    Item  uialum.' 

De  metallis.  [JXVI,  17.  TV,  7.  MV  VI,  7.  B  II,  7.] 
"lyretallum.  gesmide.  quod  natura  eins  ea  sit  ut  ubi  una  uena  appa- 
ruerit  ubi^  spes  sit  alterius  requirendi.  Aurum.  goU.  ab  aura 
dictum,  id  est  splendore  quod  repercusso  aere  plus  fulgeat.  Hinc  aura- 
rii  quorum  fulgor  splendides  reddidit.  Obrizum.  imiera  quod  obradiet 
splendore.  Bratea.^  uel  lamina.  Uech.  Pecunia.  prius  de  pecudibus 
et  proprietatem  habebat  et  nomen.  omne  Patrimonium  autiquitus  pecu- 
lium  dicebatur  a  pecudibus.  Hinc  et  pecuarius  qui  diues  erat,  qui  modo 
pecuniosus.  Antiqui  ere  uondum  argento  inuento  utebantur,  unde  era- 
rium  dictum.       Thesaurus   grece.    a  reposicione   dicitur.    drese.     Nam 

1)  1.  trogloditas.  2)  1.  Lyclinites  (J.).  3)  1.  Crisoprasium.  4)  l.  Cri- 
solarapi.s.  5)  1.  lingue.  6)  1.  Brontia.  7)  1.  vaXov.  8)  1.  ibi.  9)  cor- 
rigiert  aus  blatea. 


320  HORTZSCHANSKY 

thes.  grece  repositum  dicunt  latini.  aurum  quod  iunctum  sonat  reposi- 
tum  ^  aurum.  Auraria  ab  auro.  Tributa  eins,  quod  antea  per  tribus 
singulas  exigebatur.  sicut  nunc  per  singula  territoria.  Vectigalia  a 
uehendo.  Stipendium  Ion.  ab  stipe  pendenda.  Nomisma.  phenninc. 
quia  nominibus  principum  effigiisque  signabatur.  Nummi.  a  numa  roma- 
norum  rege  romauorum  (!)  dicuntur  quod  eos  imaginibus  primum  apud 
latinos  notauit  et  titulo  nominis  sui  prescripsit.  Solidus.  sJcüUnc.  a 
saculo  quo  conduntur.  Argeutum  a  greco.  quod  argirum  ipsi  uocant. 
Argentum  uiuum.  queksilher.  Es.  a  splendore  aeris  sicut  aurum  et 
argentum.  Cuprum.  cupJier.  a  cipro  insula  ubi  repertum  est.  Auri- 
calcum.  messinc.  dictum  quod  et  splendorem  auri  et  duriciam  eris  pos- 
sideat.  Corintheum  conmixtio  omnium  metallorum  quod  crassus  ^  pri- 
mum miscuit  corintho  cum  incenderentur  ab  hannibal.  qui  omnes  sta- 
tuas  eneas  et  argenteas  in  unum  congessit  et  incendit.  Coronarium 
ex  ductili  ere  tenuatur  in  laminas  taurorumque  feile  tinctum.  speciem 
auri  in  coronis  probet,  unde  et  dicitur.  Birropvm  igneus  color  uoca- 
uit.  Eegulare  es  uocatur  quod  ab  aliis  ductile  appellatur  quäle  omne 
est  ciprum.  Ductile  quod  malleo  producitur  sicut  fusile  quod  tantum 
funditur.  Hoc  et  caldarium  quod  tantum  funditur.  nam  malleis  fragile 
est,  Cathmia  gignitur  in  metallorum  eris  et  argenti  fornacibus  insi- 
dente  nitore. 

De  ferro.  [J  XVI,  21.  T  V,  7.  MV  VI,  7.  B  II,  7.] 
THerrum.  hisin.  quod  farra  .i.  semina  frugum  condat.  Idem  et  calibs. 
stahil.  a  calibe  flumine  ubi  ferrum  optima  acie  temperatur.  Pur- 
gamenta  ferri  rubigo  scoriaque.  sindir.  Rubigo.  rost  quod  rodat  fer- 
rum quasi  rodigo.  Scoria  purgamenta  et  sordes  sunt,  dicti  quia  ferro 
excutitur.  Plumbum.  hli.  dictum  quod  ex  eo  primum  pilis  factis. 
maris  altitudo  tentata  est.  Stagnum.  ein.  dictum  quod  separat  et 
secernit  metalla  adulterata  per  ignem.  Electrum.  gesmehi.  quod  ad 
radium  solis  clarius  et  argento  reluceat.     Sol  euim 

IV  rw.  a. 
a  poetis  electrum  dicitur. 

De  ponderibus.  [J  XVI,  25.  T  V,  8.  MV  VI,  8.  D  74.  6  11,7.] 
"poudus.  quod  in  statera  libratum  pendeat.  Hinc  et  pensum.  Abusiue 
pondus  libra  una  est  unde  dipondius  dictus  quasi  duo  pondera., 
Trutina  gemina  est  pouderum.  lanx  equali  examine  pendens  propter 
talenta  et  centenaria  appendenda  sunt,  sicut.  Momentana  pro  modica 
pecunia.    hec   et  moneta  dicitur.    quia  monet  ne  qua  fraus   in  metallo 

1)  Im  ms.  stehen  noch  dazwischen  die  gestrichnen  Wörter  a  reposicione  dici- 
tur. 2)  1.  casus. 


AUS  HEINßlCI   SUMMAEIUM  321 

uel  in  poudere  fiat. .  pondo  mensura  et  indeclinabile  est.  Nomen 
habet.  Statera  quod  duobus  lauceis  et  uno  in  medio  stilo  librata  equa- 
liter  stet.  Campana  dicitnr  a  regione  italie  ubi  primum  usns  est  reper- 
tus  eins.  Examen  filum  medium  quo  statera  regitur  et  lances  equantur 
unde  et  in  laneeis  amentum  dicitur.  Calcus  minima  pars  ponderis. 
quarta  pars  oboli.  Siliqua  vicesima  quarta  est  pars  solidi.  Ceratim^ 
oboli  pars  media  est  quam  latinitas  semiobolum  uocat.  Obolus  sili- 
quis  tribus  appenditur.  Scripulus  sex  siliquarum  pondere  constat. 
Dragma  octaua  pars  uncie.  Didragma  due  dragme  sunt.  Denarius 
quia  olim  pro  decem  uummis  inputabatur.  Solidum  dictum  quia  illi 
nichil  uidetur  deesse.  Solidum  veteres  integrum  dicebant  et  totum. 
Solidus  apud  latinos  alio  nomine  sextula  dicitur  quod  bis  sex  unciis 
conplebatur  olim.  Hunc  ut  diximus  vulgus  solidum  aureum  uocat. 
Cuius  terciam  partem  ideo  tremissem  dicunt.  eo  quod  solidum  faciat  ter 
missus.  Stater  est  medietas  uncie  appeudens  aureos  tres.  unde  et  uoca- 
tur  stater.   quod  tribus  solidis  stet. 

Hec  et  semiuncia.  hec  et  semissis  dicitur.  Quadrans  quod  uncie 
partem  quartam  appendat.  Sicel.  qui  latine  siclus  corrupte  dicitur. 
hebreum  nomen  est  habens  apud  eos  uncie  pondus.  Apud  latinos  autem 
quarta  pars  uncie  est.  Vnde  cum  in  libris  diuinis  legitur  siclus  uncia 
est.  cum  vero  in  gentilium  quarta  pars  uncie  est,  Uncia  dicta  quod 
uniuersitatem  minorum  ponderum  sua  unitate  uinciat  et  conplectat.  Libra 
XII  unciis  perficitur  et  dicta  quod  sit  libera  et  predicta  pondera  intra  se 
concludat.  Mna  in  ponderibus  centum  dragmis  appenditur  et  est  nomen 
grecum  Taleutum  phunt.  et  est  summum  pondus  in  grecis.  sicut 
calcus  minima  pars.  Marca.  marc.  Minutum  scerf.  Vncia  uncm. 
Ferto  uel  quadrans  virdinc.  Quincuux  quinque  uncie.  Septunx.  VII. 
Dodrans.  cuiusque  rei  dimidia  pars.     Quadrans  IUI.  pars. 

De  mensuris.  [J  XVI,  26.] 
Tje  ponderibus  uel  mensuris  bic  ponimus  non  quomodo  eadem  sint  sed 
ad  boc  valeaut  ut  cum  in  ueteribus  litteris  inuenerimus.  quod  uel 
quäle  hoc  aut  illud  sit  scire  ualeamus.  Mensurarum  pars  minima 
coclear.  quod  est  dimidia  pars  dragme.  Concula  dragma  una  et  dimi- 
dia inpletur.  Sciati  pondus  X.  dragmis  qui  eciam  causatus  dicitur, 
Oxifalus  fit.  si  quinque  drag 

IV  rw.  b. 
me  adduntur  ad  X.      Acetabulum  IUI  pars  emine  XII  dragmas  appen- 
deus.        Cotula   emina  est   habens  ciatos  VI.     Emina   appendit  libram 
vnam.   que  geminata  sextarium  facit.       Sextarius  duarum  librarum  est 

1)  1.  ceratium. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.    P.D.  XII.  21 


322  HOETZSCHANSKY,     AUS   HEINRICI   SÜMMAKIUM 

qui  bis  assumptus  norainatur  bilibris.  assumptus  quater  fit  greco  iiomine. 
Cenix  quinquies  conplicatus  quiuarem  siue  gomor  facit.  Adice  sextum. 
congium  reddet.  Congius  (!)  sex  metitur  sextariis  a  quo  et  sextarii  nomen 
dederunt.  Congium  a  congiendo  i.  crescendo  uocatur.  Congiariuni  men- 
sura  est  liquidoruni.  Metrum  ad  omnem  meusuram  pertinet.  Modius 
dictus  quod  sit  suo  modo  perfectus.  uel  a  modo.  Hinc  et  modica  i. 
moderata.  Satum  genus  mensure  iuxta  morera  prouincie  palestine 
unum  et  dimidium  medium  capiens.  Est  et  aliud  satum  mensura  sex- 
tariorum  viginti  duorum  capax  quasi  modius.  Batus  capit  quinqua- 
giuta  sextaria  et  dicitur  hebraice  a  mola  que  apud  eos  bata  uocatur. 
Amphora  quod  eius  anse  geminate  uideantur  aures  imitari.  Recipit 
autem  uini  uel  aque  pedem  quadratum.  frumenti  vero  modios  italicos 
tres.  Cadus  greca.  amphora  est  continens  urnas  tres.  Vrna  mensura 
est  quam  quidam  qartarium  dicunt.  Medimna  est  mensura  quinque 
modiorum.  Medimna  autem  latine  dimidia  dicitur  quod  V.  modios 
meciatur  qui  est  dimidius  numerus  a  perfecto  denario.  Artaba  men- 
sura apud  egiptios  sextariorum  LXX.  duorum.  Gomor  XV.  modiorum 
onus  appendit.  Chorus  XXX.  modiorum  mensura  conpletur.  ab  hebreo 
idem  chora  a  similitudine  coUis. 
De  instrumentis  fabrorum.     [J  XIX,  6  u.  7.     T  V,  10.     MV  VI,  10. 

D  76.     B  11,  8.] 
■paber.   a  faciendo  ferrum.  smit.      Fabrica,  smida.      Ignis  quod  nichil 

gigni  potest  ex  eo.      Fabrica  duabus  rebus  constat.  uentis  et  flamma. 
Flamma  proprio  foruacis   dicta   quod  flatu   follium   excitetur.     Foruax 
own.   ab  igne.    caminus  grece   a  caumate.      Pruna  glöt.    a  perurendo. 
Garbo,  colo.  quod  flamma  careat. 
Tncus.  aneboz.  a  cedendo  quod  ibi  aliquid  cudamus.  cudere  est  cedere. 

Veteres  non  incudem  sed  intudem.  a  tundendo.  Malleus  uel  tudis. 
Immer.  Malleus  dictus  quia  dum  quid  calet  et  molle  est  cedit  et  pro- 
ducit.  Marcus,  malleus  maior.  Martellus.  mediocris.  Marculus.  pusil- 
lus.  Forceps,  quasi  ferricipes  quod  ferrum  candens  capiat  zanga. 
Hec  sunt  fabrorum.  sed  si  a  filo  tibi  ponitur  ut  forfices  cera  que  sunt 
sartorum.  si  a  pilo  ut  forpices  que  sunt  tonsorum.  Forcipula  kliif. 
Lima,  fila  quod  lene  faciat.  Nam  limum  leue  est.  Couflatorium  uel 
sufflatorium.  essa.  Celium  dicitur  unde  argentarii  operantur.  tegel. 
unde  et  celata  uasa  dicuntur.      Alla  sUfsten. 

De  ferramentis.     [T  XI,  11.     MV  VI,  11.     D  76.    B  II,  9.] 
Oecuris.  ahJcis.  quod  ea  succidantur  arbores  quasi  succurris.    Item  secu- 

ris.  quasi  semicuris.  Ex  una  parte  acuta  est.  ex  altera  parte  fossaria 

HALLE,    FM   MAI   1880.  A.   HORTZSCHANSKY. 


323 


ALTDEUTSCHES   EPISTEL-    UND   EVANGELIENBUCH. 

n. 

Die  liaudsclirift,  nach  welcher  der  abdruck  des  „altdeutschen 
Epistel-  und  Evaugelienbuches"  ^  auf  s.  9  —  72  dieses  bandes  erfolgte, 
befindet  sich,  wie  schon  oben  (s.  s.  1)  erwähnt,  gegenwärtig  in  der 
Olmützer  k.  k.  studienl)ibliothek.  Sie  stamt,  nach  gütiger  mitteilung 
des  herrn  custos  Joh.  Hausmann,  aus  dem  im  jähre  1786  aufgehobenen 
ßernardinerkloster  in  Brunn  (s.  Wolny  „Die  Markgrafschaft  Mähren" 
11,  1,  40  und  dessen  „Kirchliche  Topographie"  Brünner  Diöcese  I, 
140).  Zwar  tragen  alle  aus  dieser  klosterbibliothek  herrührenden  hand- 
schriften  auf  dem  ersten  blatte  die  notiz  Conventus  ad  S.  Bernardi- 
num  extra  ^  Brunam,  eine  einzeichnung  die  unserem  codex  fehlt,  doch 
sezt  der  umstand,  dass  bei  jenen  und  diesem  ganz  ähnliche  zettel  zur 
bezeichnung  des  inhalts  und  der  Signatur  in  gotischer  schrift  auf  der 
aussenseite  des  vorderen  deckeis  aufgeklebt  sind,  seine  abstammung  aus 
jenem  genanten  kloster  ausser  jeden  zweifei.  Dass  aber  die  handschrift 
nicht  in  diesem  kloster  angefertigt  wurde,  dafür  spricht  der  einfache 
hinweis,  dass  das  kloster  erst  1451  (durch  den  bekanten  prediger 
Johann  Capistranus)  gegründet  wurde,  schrift  und  spräche  unseres  denk- 
mals  jedoch  in  das  13/14.  Jahrhundert  weisen. 

Der  dialekt  des  Evaugelienbuches  ist  der  bayerisch  -  öster- 
reichische. Derselbe  liegt  hier  so  klar  zu  tage  und  ist  durch  Wein- 
holds  trefliche  „Bayerische  grammatik"  so  scharf  charakterisiert,  dass 
ich  mich  der  mühe  einer  diesbezüglichen  eingehenderen  Untersuchung 
überheben  kann.  Ich  beschränke  mich  daher  hier  nur  auf  die  hervor- 
hebung  einiger  wenigen  punkte. 

Bemerkenswert  erscheint  vorerst  die  inconsequenz  der  Schreiber 
bei  ihrer  arbeit,  da  widerholt  ein  und  dasselbe  wort  an  verschiedenen 
stellen  desselben  Stückes  verschieden  geschrieben  wird;  so  heisst  es 
I,  13  ezlinn.  I,  19  eslinn.  I,  20  esUn;  IX,  19  willdu.  IX,  22  wildu; 
XII,  18  clmnig.  XII,  19.  21.  32  chunich.  XII,  18  chunig  (pl.).  XII,  28 
cJmnig  (pl.) Die  Schreibung  von  siu ,  sie  schwankt  zwischen  sie,  si, 

1)  Icli  führe  hier  eniige  druckfehler  an,  um  deren  verhesserung  ich  bitte: 
VI,  3  1.  gotes,  nicht  —  VII,  6  1.  alle  die  —  IX,  19  1.  loas  xcilläu  des?  —  XVII,  10 
1.  gemeinsanmnd  —  XX,  9  1.  lieb  nicht,  nitsniht  —  XXIII,  30  1,  chumt  —  XXVI,  7 
1.  (statt  das)  des  —  XXVI,  11  \.  ist  in  der  —  LVI,  5  1.  zepricht  —  LIX,  3  ist 
der  punkt  statt  hinter  genade  hinter  glori  zu  setzen  —  LXIV,  12  1.  schalJchcef- 
tigisten  —  LXXIII,  13  1.  vargeceren  den. 

2)  Insofern  als  sich  das  kloster  in  einer  Vorstadt  Eriinns  befand. 

21* 


324  STEJSKAI. 

sew,  sei.  —  Irrationales  a  (BGr.  §  8)  verzeichne  ich  in  dingat  XVIII,  26. 
huettat  XIX,  25.  hüettaten  LXXII,  11.  cechtat  XXIV,  14  und  LXXIII,  6. 
hcechat  XXVI,  8  und  uolgat  LXXIII,  12;  irrationales  i  (BGr.  20)  in 
duricli  LX,  8.  charicher  LXV,  26.  LXXII,  13  und  2weUf  LXXIII,  24.  — 
Das  Superlativsuffix  -est  erscheint  häufig  als  -ist  (BGr.  246):  mynistlJl,  5. 
minnistXll,  26.  o&ns^  XIV,  26.  LX,  20.  LX,  21.  ausseristXY,32.  auss- 
rist  XXXXIV,  38.  schaHihceftigist  LXIV,  12  und  iungist  LXXIII,  23.  — 
ge-  des  part.  prät.  ist  ausgefallen  in  funden  III,  4.   XXV,  6.    XXVI,  6. 

XXXII,  4.  XXXXVI,  20.  LXIX,  21.  LXXIV,  3;  in  wardeti  VII,  9.  X,  7. 
XIV,  29.  L,  8.  LXI,  4;   in  cliomm  XII,  2.   chomen  XXVII,  26.  XXXI,  5. 

XXXIII,  29.  XXXV,  28.  XXXXIE,  30.  LVII,  25.  chomen  XII,  8. 
XIV,  29.  XXIV,  41.  XXXVI,  14.  XXXVII,  11.  XXXVIII,  16.  XXXXII,  6. 
clKJemen  XIV,  22.  XXXX,  34.  LXXX,  10.  LXXXII,  15.  LXXXV,  11; 
in  geben  XIII,  7.  XIX,  40.  XXII,  5.  LIII,  10;  in  cJiaufft  XXXXV,  18. 
cJiauft  XXXXV,  20.  —  Die  form  sein  für  sind  (BGr.  296)  finden  wir 
in  III,  23.  V,  31.  XVII,  22.  XVIII,  42.  LIV,  10.  —  Anfügung  eines 
unorganischen  ~e  an  den  endungslosen  acc.  sg.  masc.  (BGr.  338) 
in  wege  I,  22,  23.  IV,  16  (vgl.  dagegen  III,  26).  —  ew  für  ewch 
(BGr.  358)  steht  II,  7.  15.  IV,  2.  3.  XVI,  14.  XVII,  23.  XIX,  3.  4. 
XXII,  6.     XXIII,  28  .... 

Was  den  Wortschatz  betrift,  so  führe  ich  im  nachstehenden 
jene  Wörter  und  wortformen  an,  die  in  den  mhd.  Wörterbüchern  entwe- 
der fehlen  oder  nur  wenig  belegt  sind,  eine  Zusammenstellung,  die 
recht  augenfällig  zeigt,  dass  trotz  der  vorzüglichen  lexicalischen  arbei- 
ten Schmellers,  Beneke  -  Müller  -  Zarnckes,  Lexers  u.a.  der  mhd.  Wort- 
schatz noch  lauge  nicht  volständig  gehoben  ist  und  das  sammeln  selbst 
auf  beschränktem  gebiete  nicht  ohne  erfolg  bleibt. 

alebenst  adv.  („incipiebat  mori"  =)  der  wolt  alebenst  sterben 
LXIV,  19.  —  als  vil  —  als  wie  adv.  „tanto  —  quanto"  als 
vil  pesser  den  engein  warden,  wie  vil  er  vnderschaidener  var  in 
den  namen  hat  geerbet  VII,  8;  vgl.  Lexer  I,  42.  —  anbitter  stm. 
(„idolatree"  =)  anpitter  der  apgdßtter  LH,  3.  —  anruofende  part. 
adj.  „invocans"  (si)  stainten  Steplianuni  got  an  rüeffundenYUI,  15.  — 
anstant  stm.  „instantia"  andrang  mein  tcegleicher  anstant  XIX,  20.  — 
ansten  stv.  „instare"  dem  gepet  an  steund  XIV,  11.  —  anweige 
stf  „tentatio"  chain  anweig  begreiff'  ewch  nicht  LH,  12;  er  macht 
mit  der  anweig  ein  vürsicht  LH,  14.  —  (architriclinus  m.  „archi- 
triclinus"  XIV,  30.  — )  a sehen  stm.  „cinis"  ivann  ob  der  aschen  des 
chalbs  heiligt  XXV,  7.  —  äwitzen  swv.  „ blasphemare "  vnd  sümleich 
Schreiber  sprachen  wider  sich  selben:  der  abitzt  LXII,  16.  —  beenge- 
stigen  swv.    „coangustare"   dein  veint  heaengstigent  dich  allenthalben 


ALTDEUTSCHE    PERIKOPEN  II  325 

LIII,  22.  —  heJceren  swv.  „tentare"  er  wurde  hechart  von  dem  tie- 
fet XXI,  20.  -  hereitunge  stf.  „ prseparatio "  stet  geschüecht  an 
ewern  fiiezzen  in  di  heraittimg  des  ewanyelij  des  vrydes  LXIV,  10.  — 
beschrihunge  stf.  „ descriptio "  dl  hcschreihung  ist  geschehen  von 
Cyrino  V,  12;  s.  Lexer  I,  210.  uachtr.  68.  —  hesuochunge  stf. 
„visitatio"  das  si  giorißciern  den  herrn  an  dem  tag  der  hesuechung 
XXXIII,  7;  s.  Lexer  I,  232.  —  beivce müsse  stf.  „argumentum" 
den  er  auch  erpat  sich  selb  lehund  nach  seini  leiden  in  vil  hewer- 
nusse  XXXVII,  5;  s.  Lexer  1,  253.  nachtr.  80.  —  hew arten  swv. 
„exspectare"  warten  auf  c.  gen.  hewartund  der  sceligen  hofnung  und 
der  suechimft  der  glori  V,  5.  —  biet  er  stm.  =  gebieter,  ,,praecep- 
tor"  do  antwurt  Symon  vnd  sprach  zu  im:  p)ietcrj  wir  haben  alle 
di  nacht  gearbait  XXXXVIII,  23.  —  bistende  part.  adj.  „assistens" 
Christus,  der  peysteund  pischolf  XXV,  2.  —  blasende  part.  adj. 
„flans"  wann  er  ist  als  ein  sesamm  plasund  fewr  LXVIII,  7.  — 
bcese  swf  „malitia"  bedechung  habund  der  poesen  vreyhait  XXXIII, 
12;  vgl.  Lexer  I,  330.  nachtr.  97.  —  brcech  stn.  „numisma"  saigt 
mir  daz  prcekh  dez  zins  LXVI,  20;  s.  Lexer  I,  337.  —  brant- 
opfer  stn.  „hostia"  Christus  gab  sich  selb  vm  vns  ein  prant  opher 
XXIII,  4.  —  brinnende  part.  adj.  „ardens"  siben  prinnund  lampen 
var  dem  thron  XXXXIII,  13.  —  bruch  stm.  „fractio"  wie  si  in  heten 
erchant  an  dem  ])ruch  des  prates  XXIX,  54.  —  (centurius  m.  „cen- 
turio"  XV,  19.  22.  33.  — )  chaemlein  =  kembelin  „camelus"  di 
menig  der  chcemlein  wirt  bedehhund  dich  XII,  13.  —  cymbal  =  zim- 
bel  ,,cymbalum"  ein  chlingunde  cymbal  XX,  4.  —  dar  über  sten 
„  perseverare "  vnd  dar  über  stet  er  chlophen  XXXVI,  18.  —  dienen 
stn.  („in  ministrando ")  im  dienen  XIV,  4.  —  doenende  part.  adj.  „so- 
nans"  ich  pin  warden  als  ein  doenund  glohspeis  XX,  3.  —  (dragma 
f.  „drachma''  XXXXVI,  23.  26.  —  dromedarius  m.  „dromedarius" 
XII,  13.)  —  eingeht e  stf.  „solitudo"  (ich  pin)  gebesen  in  noeten  in  der 
aingcecht  XIX,  17;  vgL  eingehtic  adj.  Lexer  I,  524.  —  enphestende 
part.  adj.  „despousatus"  das  er  uergoech  mit  Mariam  seinr  enphessen- 
ten  chann  V,  17.  —  enzic  adj.  „assiduus"  vil  frumet  entzigs  gepet 
des  gerechten  XXXVI,  3;  „continuus"  habt  in  ew  selb  entzigew  lieb 
XXXVIII,  3;  „frequens"  Martha  di  vlais  sich  vm  den  entzigen  dienst 
LXXV,  5;  vgl.  Schm.2 1,  117.  —  enzicheit  stf.  „solicitudo"  der  do  var 
ist ,  in  der  entzichait  XIV,  6 ;  in  der  entzichait  nicht  trceg  XIV,  9 ;  vgl. 
Schm.^  I,  117.  —  enzicliche  adv.  „ abundantius ,  frequenter''  in  mer 
arwaiten,  entzichleich  in  charchern,  in  siegen  über  di  mass,  in  toeden 
entzichleich  XIX,  10;  vgl.  Schm. ^  I,  117.—  erbcerliche  adv.  „honeste" 
also  das  wir  an  dem  tag  erwerleich  gen  I,  6  ;  s,  Lexer  I,  607.  nachtr.  151.  — 


326  STEJSKAL 

ergründe  stn.  „scandalum"  we  awer  dem  menschen,  von  dem  ergrunde 
chümt  LXXVI,  12.  —  erledigunge  stf.  „ redemptio  "  er  hat  gemacht 
erledigung  seins  uolkhs  LXXI,  31;  s.  Lexer  nachtr,  158.  —  er  steinen  swv, 
tr.  „lapidare"  du  erstainst  di  011  dir  gesant  sindYlll,  28;  s.  Lexer  I,  676.  — 
erstgehorn  adj.  „ primogeuitus "  vnd  gepar  ir  erst  geporn  sun  V,  19; 
er  fuert  den  erst  geparn  in  der  weit  rinch  VII,  12.  —  erwiinschunge 
stf.  „adoptio"  ir  habt  genomen  den  geist  der  erwünschung  der  chind 
LI,  7;  s.  Lexer  I,  703.  —  ewangelizieren  swv.  „  evangelizare "  das 
ewangelij ,  das  geewangelisiert  ist  von  mir  LXXITI,  2;  s.  Lexer  I,  715.  — 
gebessert  pari  adj.  „justificatiis"  er  gie  in  sein  haus  gepessertter 
von  im  LIV,  26.  —  gebrouchet  part.  adj.  „positus"  awer  mit  ge- 
prauchten  chnien  schray  er  mit  grasser  stymme  VIII,  16.  —  geburt 
stf.  „natio"  geistleich  man  aus  aller  gepuerd  XXXX,  9.  —  gedrenc  stm. 
„fiducia"  einn  scelchen  gedreng  hab  wir  su  got  LV,  2.  —  gedruchet  part. 
adj.  „oppressus"  hailund  all  gedruJcten  von  dem  tiefet  XXIX,  7;  s.  Lexer 

I,  776.  —  geeret  part.  adj.  „lionorificatus''  ehrwürdig  (si)  begegent  im 
als  ein  mueter  geeret  IX,  4.  —  geJcestiget  part.  adj.  „castigatus"  in 
allen  dingen  erpiet  wir  vns  als  di  gechestigten  XXI,  15.  —  gekriuset 
part.  adj.  „crucifixus"  ir  suecht  lesum  den  gechrewtzten  XXVIII,  15.  — 
gemeiliget  part  adj.  „inquinatus"  wann  ob  der  aschen  des  chalbs  di 
gemailigten  heiligt  XXV,  8.  —  gemessen  part.  adj.  „ praefiuitiis "  vnder 
den  weisern  ist  er  vnts  an  di  gemessen  (gemesenn)  von  dem  (vom)  vater 
X,  4;  XI,  14.  —  genädetuounge  stf.  „ gratiarum  actio  "  in  allem  gepet 
vnd  Verlegung  mit  genad  tueung  ewr  gepet  bechant  werde  pei  got  IV,  5 ; 
(is)  sol  in  ew  genant  werden  mer  di  genad  tueung  XXIII,  8.  —  genae- 
digunge  stf.  „ propitiatio "  (got)  hat  gesant  seinn  sun  ein  gencedigung 
vm  vnser  sunt  XXXXIV,  6.  —  genüegeUcher  adv.  comp,  „abundaii- 
tius"  ich  was  genuegleicher  ein  nachuolger  meinr  vceterleichen  aufscets 
LXXIII,  8.  —  genüegen  swv.  „abundare"  das  ir  genüegt  in  ho/fnung 

II,  16;  „sufficiens  esse"  nicht  das  tvir  genueg  von  vns  selb  etwas 
gedenchen  von  got  LV,  3;  s.  Lexer  I,  865.  —  genühtliche  adv.  „abun- 
danter"  das  wart  won  in  ew  genüchtleich  XVII,  9.  —  geredec  adj. 
(„eloqiii"  =)  geredig  sesein  XXXX,  8;  s.  Lexer  I,  873.  nachtr.  195  — 
gescheft  stn.  „  testamentum "  das  sind  die  swai  geschceft  XXIV,  6; 
di  do  warn  vnder  dem  crem  geschceft  XXV,  13;  der  ehelich  ist  ein  news 
geschceft  in  meim  pluet  XXVII,  12;  der  vns  diener  gemacht  hat  dem 
newen  geschceft  LV,  5;  der  enget  des  geschcefts  LXVIII,  5.  —  ge- 
schüechet  part.  adj.  „calceatus"  geschüecht  an  ewern  füessen  LXIV, 
10;  s.  Lexer  II,  821.  —  geschütet  part.  adj.  „confertus"  ein 
geschütte  müsse  XXXXVII,  16,  —  gesprengunge  stf.  „conspersio" 
rainigt  das  alt  urhab ,  das  ir  seit  ein  new  gesprengmig  XXVIU,  2.  — 


ALTDEUTSCHE    PERTKOPEN    II 


327 


gesten  stv.  zahlen,  bezalilcu?  „jussit  eiim  dominus  ejus  venumdari  et 
reddi"  do  Mes  in  sein  Jierrc  uerchauffcn  vnd  hies  in  (lis.  ein)  gesten 
LXV,  19;  vgl.  tr.  mich  gestät  mich  kostet  Lexer  1,  926.  Schm.^  II, 
713,  —  getcetet  part.  adj.  „mortificatus"  in  allen  dingen  erpiet 
wir  vns  selbe  als  di  gechestigten ,  vnd  doch  nicht  getoitt  XXI,  15.  — 
gevallende  part.  adj.  „placens"  das  ir  erpiett  eivr  leichnam  ein  lem- 
tig  ophcr  goi  gefallund  XIII,  3.  —  geiväfen  adj.  „armatus''  so  der 
starJch  gewaffen  seinncs  hauss  huett  XXIII,  29;  der  zweifei  Lexers 
(I,  970)  an  der  existenzberechtigung  von  gewäfen  das  bisher  nur 
durch  Diem.  193,  10  {daz  chint  was  wol  gewäfen  mit  geriten)  belegt 
war,  ist  durch  unsere  stelle  nunmehr  wol  behoben.  —  gewähste 
stf.  „statura"  grosse  daz  er  setz  zu  seiner  geivcechst  ainr  hant  lanch 
LVIII,  28;  s.  Lexer  I,  972.  —  gewande  swf.  „Stadium"  ein  castell, 
das  ivas  von  lerusalem  in  der  ferr  als  sechtzig  gwanten  XXIX,  19; 
vgl.  Lexer  I,  982  und  Schm.^  II,  943.  —  geweitiger  stm.  ^=  gewal- 
tigeere  („potestas")  wann  is  ist  zeringen  wider  di  geweitiger  LXIV,  5. 

—  geivolche  stn.  =  gewülke  „nubes"  (sing.)  so  sehent  si  denn  des 
menschen  sun  choemen  in  den  gewolchen  II,  24.  —  gewolchene  stn.  = 
gewulkene  „nubes"  (sing.)  ewr  vceter  all  vnder  dem  gwolchen  geivesen 
sind  XVIII,  11;  all  in  Moysi  getauft  sind  in  dem  gwolJcen  XVIII,  12; 
das  gewolchen  enphie  in  var  iren  äugen  XXXVII,  18.  —  ge zucket  part. 
adj.  „raptus"  ich  wais  ein  menschen  getzukten  in  den  dritten  himel 
XIX,  31.  —  halleluja  stn.  hebr.  „lobet  den  Jehovah,"  eine  formel,  die 
bekantlich  aus  den  hebräischen  psalmeu  schon  in  der  alten  christlichen 
kirche  in  die  liturgie  eindrang ,  aber  im  abendlande  seit  papst  Gregor  I 
während  der  fastenzeit  weggelassen  wird;  daher  für  sountag  Septuagesima 
die  Überschrift:  Di  letzen,  so  man  das  alleluja  nider  leit  XVIII,  1.  — 
handelung e  stf.  „habitus"  mit  der  handlung  funden  als  ein  mensch 
XXVI,  6.—  heilende  part.  adj.  „salutaris"  mit  dem  wasser  hailunder  weis- 
hait  trenJcht  si  in  IX,  5.  —  herhome  swm.  ,,advena"  ich pitt  etv,  als  her 
chomen  vnd  pillgreim  XXXIII,  2;  di  herchomen  Roemer  XXXX,  17.  — 
hiutlanc  adv.  „ex  hoc  jam"  heutlanch  Qis.  hetlanch)  wierstu  uahen  di 
lewt  XXXXVIII,  33.  —  hindertvertez  adv.  ^==  hinderwert  „retro"  ein 
weil)  die  gie  hinderwertez  zu  im  LXVII,  18.  —  hörden  swv.  =  hor- 
deu  ,, thesaurizare "  vralohhen  hosrt  si  auf  in  IX,  10.  —  hüendel  stn. 
=  huoudlin  „pullus"  di  henne ,  di  do  sammet  ire  huendel  vnder  ir 
iietich  VIII,  30 ;  daz  si  prcechten  zway  huendel  der  tatüjen  LXVIII,  20. 

—  hundertvaltic  adj.  „centuplus"  (er)  pr acht  hunderfaltig  vrucht 
XIX,  53;  dernymt  is  hunderfaltigs  wider  LXXIII,  27;  s.  Lexer  I,  1384. — 
ichsicht  =  ihtes  iht  niement  sult  ichsicht  mier  XVI,  2.  —  inge- 
scet  part.  adj.    „insitus"    enphacht   daz   ingescet  wart  XXXIV,  10.    — 


328  STEJSKAL 

innehaben  swv.  „abstinere"  ich  pitt  ew,  ew  inn  gehoben  var  vleisch- 
leichen  hegiren  XXXIII,  3.   —     klingende  pari    adj.  „tinnieiis"   ich 
pin  war  den  als  ein  chlingunde  cymbal  XX,  4.  —  klopfende  pari.  adj. 
„pulsans"    dem  chlophunden  wirt  auf  getan  XXXVI,  23.  —     krist- 
messe  stf.  christiuette ,    (erste)  "messe  des   christtages   An  dem  weich- 
nacht  tag  zu  chriss  messe  di  letzen  V,  1;  s.  Lexer  I,  1739.  —    lanc- 
mäeticheit  stf.  „longanimitas"  in  langmuetichait  XXI,  9;   s.  Lexer  I, 
1819.    nachtr.  290.  —   lantvoget  stm.  „prseses"  vovi  Cyrino,  lantvogt 
in  SyriaY,  13;  s.  Lexer  I,  1831.    —     leidigunge  stf.  „offensio"  nie- 
men  gebt  chain  laidigung  XXI,  5;    s.  Lexer  I,  1865.    nachtr.  295.  — 
letze    adj.    „sinister"    zu    der    zesem    vnd   zu    der    letzen    XXI,   12; 
s.  Lexer  I,  1891.  —     levite  swm.  „levita"    di  luden  santen  di  lern- 
ten zu  lohanni  IV,  9;  alsam  tet  auch  ein  leuit  LVI,  33.    —     Udende 
part.   adj.   „patiens"    er   gebe  dem  nadturft    leidunden  LXII,   10.    — 
maneid,    moneid    stm.  =   mänot    „mensis"    mit   gedinge   redt   er 
durch  drew  maneid  XXXIX,  14;    der  moneid  ist  der   sext  LXIX,  31; 
s.  Lexer  I,  2036.    nachtr.  309.  —    manicgestalt  adj.  „miiltiformis" 
di  gueten  aus  gewcer  der  manichgestalten  genaden  gotes  XXXVIII,  6.  — 
menscheit   stf.  „humanitas"   di  menschait  des  hailer  gotes  VI,  2;    s. 
Lexer  I,  2104.  nachtr.^313.  —  merer  adv.  neue  Steigerung  zum  comp, 
mer  „plus"  ich  sag   ew   merer  denn  ein  weissag  III,  25.  —    miet- 
man  stm.  „  mercenarius "  der  mietman  Icet  di  schaf  XXXII,  13;    der 
mietman    der   fleucht    XXXII,  15;    er    ist    ein    mietman    XXXII,  16; 
s.  Lexer  I,  2136.    nachtr.  316.  —     mitevröuwen  swv.  „cougaudere" 
(mit    dat.)     si    mit    vrewt    der    warhait    XX,    13.     —      mitezzmre 
stm.    „qui   simul   accumbunt"  do   sprachen   di  mitesscer  in  in   selben 
LXXIV,  32.  —     nächsetzunge  stf.  „insidice"    legt  ew  an  di  waffen 
gotez,  daz  ir  mügt  gesten  wider  di  nachsetzung  dez  tief  eis  LXIV,  4.  — 
nactuom    stm.    =    nacketuom    „nuditas"    in    chelten    vnd    naktum 

XIX,  19;  s.  Lexer  II,  13.  -—  nahtwache  stf.  „vigilise  noctis"  hüet- 
tund  vnd  wachund  di  nacht  wache  V,  22;  s.  Lexer  II,  29.  —  nidunge 
stf.  „semulatio"  das  wir  an  dem  tag  eriverleich  gen:  nicht  in  chrieg 
vnd  neidung  I,  8.    —    nitsnicht  ^=  nihtes  niht  nitsnicht  frunits  mir 

XX,  9.—  nüeht  adj.  „sobrius"  west  nüecht  vnd  wacht  XXXXVI,  4. — 
nüehticheit  stf.  „sobrietas"  uersten  zu  der  nüehtichait  XIII,  9.  — 
nüehtUche  adv.  „sobrie"  lerund  vns,  das  wir  nuechtleich  leben  in 
dierr  uelt  V,  4.  —  öhsel  stn.  =  öhselin  welchs  oechssel  uellet  in  den 
prunneLX,  16;  s.  Lexer  II,  149.  —  (phariseus  m.  „pharisaeus"  IV,  18, 
LIV,  9;  LX,  11;  LXI,  16;  LXXIV,  11.  13.  16.)  —  pillgreim  stm. 
=  bilgerim  „  peregrinus "  ich  pitt  eiv ,  als  her  chömen  vnd  pillgreim 
XXXIII,  2.  —    plekkitz  stm.  =  blicz  „fulgur"  vnd  aus  dem  thron 


ALTDEUTSCHE   PEEIKOPEN   II  329 

gingen  plekkits  vnd  stymme  vnd  donrr  XXXXIII,  12.  —  probst  stm. 
„praepositus"  der  prohst  des  folJchs  XIX,  25;  s.  Lexer  11,  299.  —  psal- 
lieren  swv.  „psallere"  vnd  psaliert  got  in  ewern  liertzen  LXIII,  7; 
s.  Lexer  II,  303.  —  {puhlicänus  m.  „publicaims"  LIV,  22.  24.  — ) 
rehtigen  swv.  „justificaie"  nicht  in  dew  gerecht  igt  ich  pin  III,  7; 
das  wir  aus  dem  gelauhen  gerechtigt  werden  XI,  4;  der  ist  gerechtigt  von 
den  sunten  IL,  10;  s.  Lexer  II,  380.  —  rieh  ende  part.  adj.  „comple- 
tans"  als  deiv  vil  reichund  XXI,  16.  —  riem  stm.  „corrigia"  di 
riem  seins  geschuechs  IV,  23;  s.  Lexer  II,  424.  —  rihtende  part.  adj. 
„judicans"  er  gab  sich  dem  richtunden  vnrechtleich  XXXII,  6.  —  rör 
stm.  „arimdo"  was  ivant  ir  zesehen  einen  rar  beweget  von  dem  tvinte? 
III,  21;  s.  Lexer  II,  486.  —  ruofende  part.  adj.  „clamans"  ich 
pin  ein  stymm  des  r'ueffunden  in  der  wueste  IV,  16;  „invocans"  si 
stainten  Stephanum  got  an  riieffunden  VIII,  15.  —  (saduceus  m. 
„saducaeiis"  LXI,  10.) —  samtän  part.  adj.  „talis"  si  lobten  got,  der 
samtann  gewalt  geit  den  menschen  LXII,  23.  —  sehäfhüs  stn.  „ovile" 
schaf,  di  nicht  sind  aus  disem  schafhaus  XXXII,  20;  {is)  wiert  ain 
schafhaus  vnd  ayn  hertter  XXXII,  21;  der  nicht  in  get  durch  di  tuer 
in  das  schafJiaus  XXXXII,  1 1 ;  der  awer  in  get  in  das  schaf  haus  durch 
di  tuer  XXXXII,  13;  s.  Lexer  II,  633.  —  schellehorn  stn.  „tuba"  vnd 
di  erst  stymm ^  di  ich  hart  als  eins  schelle  harns  XXXXIII ,  4.  — 
schupfe  swf.  „diversorium''  si  het  nicht  stat  vnder  der  schuphenY,  21; 
s.  Lexer  II,  826.  —  setzen  swv.  „statuere"  anrechnen  herr,  nicht  sez 
den  ir  siinte  VIII,  17.  —  sinagöge  stf.  „Synagoge"  ir  gayselt  sew  in 
eiverr  synagog  VIII,  23;  s.  Lexer  II,  928.  —  siteUcheit  stf.  „modestia" 
ewr  sitleichait  sei  chund  allen  lernten  IV,  3;  s.  Lexer  II,  943,  —  sleht- 
müetic  adj.  „siucerus"  dez  pitt  ich,  daz  ir  seit  slechtmuetig  LXV,  10.  — 
stalmeister  stm.  „stabularius"  er  gab  sew  dem  stalmaister  LVI,  39; 
s.  Lexer  II,  1131.  —  stechcere  stm.  „Stimulus"  übertragen  (mir  ist) 
geben  ein  stechcer  meins  fleischs,  der  enget  Sathane  XIX,  40.  —  stunde 
stf.  „  vicissitudo "  pei  dem  nicht  ist  uerwandlung  noch  der  stund  vinster- 
nüsse  XXXIV,  4.  —  swerze  stf.  ,,caligo"  übertr.  di  vinster  bedeJchent  di 
erden  vnd  di  swertz  di  folJc  XII,  4;  s.  Lexer  II,  1368.  —  timpelsuntag 
stm.  passionssonutag;  zu  timpel-  vgL  timber,  timel  adj.  dunkel,  düster; 
timpelsuntag,  der  düstere  sonntag,  weil  an  ihm  ehemals  in  der  röm.  kirche 
die  messe  vom  karfreitag  gelesen  wurde.  Di  letzen  am  tympel  suntag 
XXV,  1." —  überganc  stm.  „prsevaricatio"  Übertretung  ein  erlasung  der 
ubergeng  XXV,  12  ;  s.  Lexer  II,  1615.  —  übergeunge  stf.  „transgressio" 
vm  diubergeung  ist  sy  gesatzt  LVI,  9.  —  überhöch  adj.  überaus  hoch 
di  hant  dez  herren  lie  mich  auf  einn  iiber  hohen  perkh  LXIX  3  ;  s.  Lexer 
II,  1626.  —     übertragen   stv.  „trausferre"  das  ich  di  perg  Übertrag 


330  STEJSKAL 

XX,  6;  s.  Lexer  II,  1667.  —  übertriefende  pari.  adj.  „superefflueus" 
uoUe  mass  vnd  über  trieffunde  di  wirt  gegeben  in  ewern  puesem 
XXXXVII,  17.  —  üfsaz  stm.  „traditio"  Satzung  ich  waz  ein  nach- 
uolger  meinr  vceterleichen  aufscets  LXXIII,  9.  —  umbeloufunge  stf. 
„  scurrilitas "  awer  (is)  sol  in  ew  nicht  genant  werden  tmrleichew  rede 
oder  vmlauffung  XXIII,  7.  —  underscheidener  adv.  „ diiferentius" 
als  vil  pesser  den  engein  warden ,  wie  vil  er  vnderschaidener  var  in  den 
namen  hat  geerbet  VII,  9.  —  unedele  stf.  „ignobilitas"  nach  der 
vnedel  rede  ich  XIX,  5;  s.  Lexerll,  1816.  —  unedelheit  stf.  „ignobi- 
litas" durch  di  glori  vnd  vnedelhait  XXI,  12;  s.  Lexer  nachtr.  384.  — 
unerkantnüsse  stf.  ,,ignorantia"  also  ist  der  will  gotes,  das  ir 
gestummet  des  menschen  unerchantnüsse  XXXIII,  11 ;  s.  Lexerll,  1822.  — 
ungedingcn  stn.  „diffidentia"  durch  das  chom  der  sarn  gotes  in  di 
sün  des  vngedingens  XXIII,  12.  —  ungedinget  part.  adj.  „insperatus" 
si  werdent  sich  wundrund  der  snellchait  dez  vngedingten  hailes  LXX,  5.  — 
ungetihtet  part.  adj.  „non  fictus"  (wir  erpiet)  vns  als  di  gotes  diener 
in  vngetichter  lieb  XXI,  10;  s.  Lexer  II,  1876.  nachtr.  385.  —  ungüe- 
ticheit  stf.  „impietas"  lerundvns,  das  wir  uerlaugnund  di  vngüetichait 
leben  in  dierr  uelt  V,  3.  —  unrehtUche  adv.  ,,injuste"  er  gab  sich  dem 
richtunden  vnrechtleichXXXIl,  6;  s.  Lexer  II,  1926.  —  unleunt  stm.  = 
unliumunt  ,,infamia"  durch  den  vnleunt  vnd  gueten  leimt  XXI,  12. 
s.  Lexerll,  1908.  nachtr.  386.  —  unvrum  adj.  „reprobus"  das  icht 
ich  vnfrum  werde  XVIII,  9;  s.  Lexerll,  1980.  nachtr.  307.  —  ver- 
lesen stv.  „perdere"  er  verlas  dew  mansleg  LXIII,  21.  —  v  er  le- 
gung e  stf.  „obsecratio"  in  allem  gepet  vnd  Verlegung  ewr  gepet  bechant 
werde  pei  got  IV,  4.  —  verspart  part.  adj.  „clausus"  do  chom  lesus 
bei  uer sparter  tur  XXXI,  31.  —  verspürten  swv.  =  verspirzen 
„conspuere"  er  wirt  gegeben  den  dieten  vnd  tviert  gegayselt  vnd 
uerspürtzt  XX,  30.  —  versuocher  stm.  „tentator"  Versucher  der 
uersuecher  chom  zu  im  XXI,  21;  s.  Lexer  III,  259.  —  vertriber 
stm.  „  exterminator "  noch  murmelt ^  als  ir  etleich  murmelten  vnd  uer- 
durben  von  uertreiber  LH,  9.  —  veterlicheit  stf.  „paternitas"  von 
dem  allew  vceterleichait  chumt  LIX,  5;  s.  Lexer  III,  331.  —  vli- 
zecheit  stf.  „solicitudo"  an  di  äussern  dinch  mein  tcegleicher  an-^ 
stant  ist,  di  fleissichait  aller  chtrchen  XIX,  20.  —  vlöuunge 
stf.  „lavacrum"  nach  seinr  parmung  hat  er  vns  hail  gemacht  durch 
sein  vlewung  VI,  5.  —  vorgetsre  stm.  „antecessor"  ich  chom  gen 
Jerusalem  zu  meinn  vargeceren  den  poten  LXXIII,  13;  vgl.  Lexer 
III,  467.  —  vorgeordent  part.  adj.  „ pr^eordinatus "  chund  werden 
den  vargeardenten  zewgen  von  got  XXIX,  11.  —  v  reell  che  stf. 
„jucuuditas"    vröleich    vnd    vraloJchen    hcert    si    auf   in    IX,    10.    — 


ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN    II  331 

vürgtUide  part.  adj.  „prsecelleus"  west  vndertan  dem  cliunig  als  vür- 
geunden  XXXIIl,  8;  „  siiperemiuens "  ir  wisst  dl  vurgeund  lieb  der 
chimst  Christi  LIX,  10.  —  vürhten  swv.  „stupere"  staunen  di  farchten 
über  sein  weishait  vnd  sein  antwurt  XIII,  24.  —  vür sieht  stf.  „pro- 
ventum"  er  macht  mit  der  anweig  ein  vursicht  LH,  14.  —  werhe- 
ringe  adv.  „repente"  vnd  werbering  geschach  von  himel  ein  don 
XXXX,  3;  zu  werbe-  vgl.  wirbe  stv.  ich  drehe  mich,  zu  -ringe  das  adv. 
geringe  schnell,  behende.^  —  tverlt;  „in  ssecula  steculorum"  in  weit 
weit  XXXXIIl,  26;  in  tvelt  sewelt  XXXXVI,  10;  von  weit  ze  weit  LX,  9. 
„sseculi  seeculorum"  von  weit  ze  we^^LIX,  14;  s.  Lexerlll,  783.  —  wider- 
wehe  swm.  „adversarius"  ewr  widerwedi  get  um  XXXXVI,  5;  s.  Lexer  III, 
869.  —  wietän  part.  adj.  „qualis"  wie  tan  ist  ^er  XVI,  17;  wietan  er 
was  XXXV,  6;  wietan  der  grues  wcer  LXIX,  20;  s.  Lexer  III,  878.  — 
tvissagtuom  stm.  „prophetia"  ob  ich  han  den  weissagtum  XX,  4;  di 
weissagtum  tverdent  geleert  XX,  15;  aym  (wirt  geben)  der  weissagtum 
LIII,  13.  —  wolgevallende  part.  adj.  „beneplacens"  welher  sei  der 
ivill  gotes  gueter  vnd  wol  geuallunder  XIII,  6.  —  wolgesprochen 
„hosanna"  wol  gesprochen  sey  dem  sun  Dauides  I,  25;  vgl.  ,,qui  est 
benedictus  in  ssecula"  dem  wol  ist  gesprochen  in  weit  XIX,  23.  — 
wün schlinge  stf.  „adoptio"  das  wir  di  wunschung  der  sün  enphin- 
gen  X,  8;  s.  Lexerlll,  1000.  —  würfelinc  stm.  „abortivus"  zum 
aller  iungsten  erschain  auch  er  mir  als  eim  wuerfling  LIV,  12.  —  zer- 
leidunge  stf.  „corruptio"  auch  die  creatur  zerloest  wiert  von  dem 
dienst  der  zerleidimg  XXXXVII,  7;  tvann  wer  scet  im  fleisch,  der  sneit 
auch  von  dem  fleisch  di  zerleidung  LVIII,  15.  —  zesumbenten  =  ze 
sunnewenden  An  sand  Johannes  tag  zesumbenten  di  letzen  LXXI,  1.  — 
zol  stm.  „telonium"  Zollhaus  lesus  sach  einn  menschen  sitzen  an  dem  zol 
LXXX,  2;  s.  Lexer  III,  1148.  —  zuckende  part.  adj.  „rapax"*>mw 
sinds  zukund  wolff  LI,  13.  —  zuokomende  part.  adj.  „adveniens"  ein 
don  als  des  zuochoemunden  geehen  geists  XXXX,  4;  vgl.  Lexer  III,  1183. 

Nun  ein  wort  über  das  Verhältnis  unserer  deutschen  Über- 
setzung zur  Vulgata,  wobei  die  frage,  ob  wir  in  unseren  pericopen 
eine  Originalübersetzung  oder  die  abschrift  irgend  einer  bereits  gang- 
baren Übersetzung  vor  uns  haben,  noch  offen  bleiben  möge. 

Was  in  dieser  richtung  schon  bei  flüchtiger  durchsieht  sofort  ins 
äuge  fält,  ist  die  grosse  Verschiedenheit  in  der  übersetzungsweise  der 
episteln  und  der  evangelien.  Während  sich  nämlich  in  jenen  fast  durch- 
wegs enger,  ja  oft  sklavischer  anschluss  an  das  original  zeigt,  herscht 
in  diesen  eine  freiere  bewegung  der  diction  und  nur  selten  stösst  eine 
construction  auf,    die   dem   deutschen  sprachgeiste    zuwiderliefe.     Diese 

1)  Vgl.  urbarigen.    Lex.  2,  2000.     N.  388.    J.  Z. 


332  STEJSKAL,    ALTDEUTSCHE   PERIKOPEN   II 

erscLeiiiung  liai  jedoch  nichts  befremdendes:  der  periodeureiche  satz- 
bau, die  oft  dunkle,  weil  bildliche  ausdrucksweise  der  episteln  war  weit 
schwieriger  widerzugeben  als  die  schlicht  dahingleitende  erzählung  der 
evangelien.  Eine  gute  Übersetzung  der  episteln  fordert  nicht  allein 
einen  sprachbeherscheuden  geist,  sie  fordertauch  einen  tüchtigen  theo- 
logeu,  der  über  die  klippen,  an  denen  das  Verständnis  scheitern  kann, 
leicht  hinweg  komt.  Und  wenn  wir  auch  wol  berechtigt  sind  anzu- 
nehmen, dass  unsere  Übersetzung  in  einem  kloster  entstand  und  von 
einem  manne  ausgieng,  welcher  der  heiligen  schrift  nicht  als  laie  ent- 
gegentrat, so  sehen  wir  doch  zu  widerholten  malen,  dass  der  sinn  einer 
epistelstelle  misverstanden  ist  und  eine  fehlerhafte  Übersetzung  dersel- 
ben platz  griff"  oder  dass  der  Übersetzer  mit  ein  und  der  andern  nichts 
anzufangen  wüste  und  sich  dann  mit  wörtlicher  widergabe  derselben 
begnügte.  Eine  auswahl  von  stellen  mag  meine  aufgestelten  behaup- 
tungeu  unterstützen. 

Als  zu  wörtlich  widergegeben  und  die  rahd.  satzfügung  verletzend 
erscheint  die  Übersetzung  der  construction  des  acc.  c.  inf.  in  II,  8: 
„Dico  enini  Christum  lesum  ministruni  fuisse  circumcisionis  propter 
veritatem  Dei"  ich  sprich  zwar,  Christum  gewesen  sein  einn  diener  der 
besneidung  durch  di  warhait  gotes;  XXVI,  3:  „arbitratus  est  esse  se 
sequalem  Deo"  uerwant  er  sich  geleich  wesen  got;  XXIX,  15:  „Huic 
omnes  Prophetse  testimonium  perhibent  remissionem  peccatorum  acci- 
pere  per  nomen  ejus  omnes,  qui  credunt  in  eum"  dem  geben  all  pro- 
pheteti  zetvgnuss  antlas  der  sunten  enphahen  durch  seinn  namen,  di  do 
an  in  gelaubent;  XXIX,  39:  „Nonne  hsec  oportuit  pati  Christum  et  ita 
intrare  in  gloriam  suam?"  is  muest  sein,  das  Christ  das  lid  vnd  also 
chomen  in  sein  glori;  LXXII,  19  „existimabat  autem  se  visum  videre" 
er  want  sich  ein  gesichte  sehen. 

In  vielen  fällen  ist  die  abhäugigkeit  der  einzelnen  worte  von 
einander  unausgedrückt  geblieben,  so  in  VIII,  8  „ dissecabantur  cordibus 
suis"  si  wurden  zcrhakht  ierr  herzen;  XVII,  24  „invenietis  requiem 
animabus  vestris"  ir  vint  rue  ewern  seien;  XXXXIV,  48  „audiant 
illos"  di  hörn.  Namentlich  gilt  dies  von  den  eigennamen,  die  aus  der 
Vulgata  oft  ganz  unverändert  herübergenommen  wurden:  X,  16  „ad 
Mariam"  zu  Mariam;  XII,  13  „Dromedarii  Madian  et  Epha"  drome- 
darij  Madian  vnd  Epha;  XII,  17  „in  Bethlehem  Juda"  ze  Bethlehem 
Inda;  XII,  24  „in  Bethlehem  Judse"  ze  Bethlehem  Inda;  XII,  26  „in 
principibus  Juda"  vnder  den  furstenluda;  XXXIX,  2  „cum  Apollo  esset 
Corinthi"  do  Apollo  was  Corinthi;  XXXIX,  3  „veniret  Ephesum"  chom 
Ephesum;  LXXII,  28  „Venit  autem  lesus  in  partes  Cesareee  Philippi" 
lesus  chom  in  daz  lant  Cesarie  PhiUppi. 


J.    SCHMIDT,    DIE    JVLTESTE    ALBA  333 

Ohne  herbeiziehiiiig  des  lat.  Originals  geradezu  unverständlich 
sind  VII,  2 :  „  Multitariani  nuütisque  modis  olini  deus  loc^uens  patribus 
in  prophetis  "  vü  redund  vnd  in  vil  weis  etwenn  got  redund  den  veetern 
inn  proplietcn;  XXXXVI,  9  „(nos)  modicum  passos  ipse  perficit,  con- 
tirmabit   solidabitque "    ivenicli    geliten   er  uoJprings  sfaes  vnd  fedens. 

Misverständuisse  und  fehler  begegnen  u.  a.  in :  I,  5  „  induamur  arma 
lucis"  iverd  tvir  an  gelegt  di  tvaffen  des  Hechtes;  I,  8  „induimini  Domi- 
num" ivert  an  gelegt  den  herren;  III,  19  „Et  beatus  est,  qui  nou 
fuerit  scaudalizatus  in  me"  vnd  der  ist  scelig,  der  an  mir  nicht  wirf 
geergert;  XXIII,  34  „ambulat  per  loca  inaquosa"  so  fcrt  er  vni  die 
ivcesserigen  stet;  XXXXIV,  50  „neque  si  quis  ex  mortuis  resurrexerit, 
credent"  stver  denn  also  von  den  taden  erstet,  dem  gelauhent  si; 
LVIII,  11  „Communicet  autem  is  qui  catechizatur  verbo  ei,  qui  se 
catechizat,  in  omnibus  bonis"  is  sol  der  gemainsamen  daz  tvart  der 
do  gelernet  rvirt  dem,  der  in  do  lernt,  in  allen  gtiefen. 

ZNAIM,   IM   JULI    1880.  KART.   STEJSKAL. 


DIE  ÄLTESTE  ALBA. 


Die  erhaltung  mehrerer  wertvollen  bruchstücke  ältester  denkmäler 
deutscher  wie  romanischer  zunge,  auch  vieler  mittellateinischen  dich- 
tungen  verdanken  wir  bekautlich  nur  dem  umstand,  dass  der  leere 
rand  oder  eine  leere  seite  in  der  handschritt  den  gerade  einmal  von 
der  arbeit  ausruhenden  Schreiber  oder  leser  dazu  einladete,  die  dem 
Inhalt  des  buches  ganz  fremden  gedanken  und  gegenstände,  die  seinen 
sinn  eben  erfülten,  gleichsam  spielend  und  absichtslos,  oft  vielleicht, 
um  die  eben  neu  geschnittene  rohrfeder  zu  probieren ,  niederzuschreiben 
oder  zu  -kritzeln.  Es  ist  mit  Sicherheit  anzunehmen ,  dass  die ,  welche 
in  neuerer  zeit  die  alten  handschriften  ausbeuteten ,  solche  corollarien, 
solche  tändeleien  häufig  als  keine  beachtung  verdienend  bei  seite  Hessen, 
und  man  darf  überzeugt  sein ,  dass  einer  durch  die  oben  angedeutete 
erfahrung  gewitzigten  achtsamkeit  und  umsieht  in  diesen  winkeln  und 
ecken  der  handschriften  noch  mancher  für  die  entwicklungsgeschichte 
der  modernen  litteraturen  bedeutsame  fund  gelingen  werde.  Von  einem 
solchen  habe  ich  hier  zu  berichten,  zwar  klein  an  umfang,  aber  ver- 
hältnismässig reich  an  wichtigen  aufklärungen  und  belehrungen ,  deren 
volle  tragweite  von  den  fachleuten  besser  als  von  mir  ermessen  und 
gewürdigt  werden  wird. 

Auf  der  vaticanischen  bibliothek  mit  collationieren  beschäftigt 
liatte   ich    auch    den    cod.  Regln.  1462   zu    benutzen.     Derselbe  besteht 


334  J.    SCHMIDT 

aus  51  pergamentblättern  in  quart,  deren  erstes,  das  als  schutzblatt 
den  übrigen  vorgebunden  ist,  auf  beiden  selten  in  je  2  columnen 
ein  in  scböuen  majuskeln  geschriebenes  stück  der  Vulgata  enthält. 
Von  f.  2^ — 39^  folgen  dann  drei  Schriften  des  Fulgentius:  mythologia- 
rum  libri  tres,  expositio  sermonum  antiquorum,  expositio  Vergilianae 
continentiae,  und  daran  schliessen  sich  von  f.  39  ^ — 50^,  wider  in  je 
zwei  columnen  abgeteilt,  notae  iuris  an,  über  deren  bedeutung  man 
Mommsen  in  Keils  Gramm,  lat.  IV,  301  fg.  vergleichen  mag.  Diese  beiden 
hauptstücke  unserer  handschrift  ^  sind  von  derselben  band ,  die  unzwei- 
felhaft dem  9.  Jahrhundert  angehört,  mit  schöner,  tiefschwarzer  tinte 
in  gleichmässig  sorgfältigen,  sauberen  zügeu  geschrieben.  Den  anfang 
der  einzelnen  abschnitte  bezeichnen  grössere  initialen,  die  aber  nur 
selten  etwas  kunstvoller  behandelt  sind.  Ueberschriften ,  initialen,  auch 
sonstige  grosse  buchstaben  im  text,  ganze  werte,  besonders  die  grie- 
chischen ,  werden  häufig  durch  übermalung  mit  einem  blassen ,  schmutzi- 
gen gelb  (selten  rot)  hervorgehoben.  Die  griechischen  Wörter  sind  oft 
durch  einen  darüber  gezogenen  querstrich  zusammengefasst.  Abkür- 
zungen hat  der  Schreiber  in  nur  sehr  massigem  umfang  verwendet.  Eine 
zweite,  nicht  viel  spätere  band  hat  den  codex  durcharbeitet,  mit  einer 
verständigen  interpunction ,  zahlreichen,  zum  teil  einer  anderen  hand- 
schriftlichen vorläge  entnommenen  correcturen,  hie  und  da  auch  mit 
randbemerkungen  versehen.  Ich  bemerke,  dass  ich  die  drei  Schriften 
des  Fulgentius  genau  verglichen  habe  und  die  ergebnisse  dieser  ver- 
gleichung  gelegentlich  mitzuteilen  gedenke.  —  Die  erste  seite  des 
leergelassenen  blattes  51  hat  ein  ebenfals  nicht  viel  späterer  benutzer 
der  handschrift  zu  verschiedenen  versuchen  benuzt  den  passus:  et  coe- 
gerunt  illum  dicentes  mane  nohiscum  domine,  quia  vespera  usw.  in 
noten  zu  setzen.  ^  Auf  der  lezten  seite  finden  sich  die  für  die  bestim- 
mung  der  herkunft  der  handschrift  in  betraeht  zu  ziehenden  werte: 
Sctus  Benedictus.3  Orthographische  oder  besser  orthoepische  erschei- 
nungen  im  texte  lassen  übrigens  mit  bestimtheit  das  romanische  Sprach- 
gebiet als  die  heimat  des  Schreibers  erkennen.  —  Endlich  auf  der 
leergeblieben  zweiten  columne  von  f  50  ^  hat  eine  band ,  die  zwar  jün- 
ger ist  als  die  der  zwei  hauptstücke  der  handschrift,  aber  nicht  viel 
über  den  anfang  des  10.  Jahrhunderts  hinabgerückt  werden  kann,  in 
kleiner,  aber  schönster,  sauberster  schrift  und  mit  beifügung  altertüm- 

1)  Auf  ihre  erwähnung  hat  sich  L.  Bethmann  bcschräukt,  als  er  in  Pertzs 
Archiv  für  d.  Geschichtskunde  XII,  321  von  unserer  handschrift  künde  gab. 

2)  Er  bedient  sich  dabei  der  neumenschrift. 

3)  Bekantlich  stamt  auch  die  handschrift  des  gedichts  über  Boethius  aus  einer 
franz.  Benedictinerabtei ,  St.  Fleury. 


DIE    ÄLTESTE   ALBA  335 

liebster  musikalischer  noteii  die  ersten  strophen  eines  zum  teil  in 
liiteinisclier ,  zum  teil  in  romauischer  spraclie  abgefasten  liedes  auf- 
gezeicbnet,  das  ich  hier  nach  einer  genauen  abschrift  widergebe: 


Phebi 

1 

i' 
claro 

nondum 

1 

ortü 

iubare 

Fert  i 

xurora 

1 

lumen  i 

1 

1 

1 
terris 

1  '  , 

tenue 

! 

Spiculator  pigris  clamat  surgite 

_  ,   ,  ,  •     ,  '  •  ' 

Lalba  par  umet  mar  atra  sol 

','■'■    ,_  ,   •  '  , 

5     Poypas  abigil  miraclar  tenebras 

'    ■•■'■•-■', 

En  incautos  ostium  insidie 

-  I 

Torpentesque  gliscunt  intercipere 

'    '■'    ''    ■  -    •  ', 

Quos  suadet  preco  clamat  surgere 

.,   ,    ,  '    ,   ■  '  ' 

Lalba  part  umet  mar  atra  sol 

■,■''',,,'', 

10    Poypas  abigil  miraclar  tenebras 
Ab  arcturo  disgregatur  aquilo 

''■'''■-•', 

Poli  suos  condunt  astra  radios 

'  '.  '  '  '  '  ■  -  •  '  • 

Orienti  tenditur  septentrio 


,  ■  ' ' 


Lalba  part  umet  mar  atra  sol  Poypas  abigil 

Mitten  im  refrain  der  dritten  strophe  hat  also  der  Schreiber  abgebro- 
chen. Was  den  sinn  anlangt,  so  ist  im  lateinischen  text  alles  einfach 
und  verständlich.     Auf  deutsch   würde   er   lauten:    „Während   Phöbus 


336  J.    SCHMIDT 

heller  glänz  noch  nicht  aufgegangen,  bringt  Aurora  der  erde  ein  mat- 
tes licht.  Da  ruft  der  Wächter  den  noch  ruhenden  zu:  Steht  auf!  — 
Siehe !  der  feinde  hinterhalt  trachtet  die  unvorsichtigen  und  vom  schlaf 
gefesselten  abzufangen.  Sie  ermahnt  der  herold  und  ruft  ihnen  zu  auf- 
zustehen. —  Vom  Arctur  her  macht  sich  der  nordwind  auf,  des  him- 
mels  Sterne  verbergen  ihre  strahlen ,  gen  osten  hin  streckt  sich  der 
grosse  bär."  —  Höchstens  könte  man  geltend  machen,  dass  in  der 
zweiten  strophe  für  clamaf  wol  clamans  das  richtige,  jedenfals  das 
natürlichere  sei. 

Auch  in  dem  romanischen  refrain  sind  einige  worte  ja  leicht  ver- 
ständlich und  scheinen  selbst  dem  laien  für  die  schon  aus  anderen 
gründen  sich  empfehlende  Vermutung  zu  sprechen ,  dass  wirs  hier  spe- 
ciel  mit  dem  provenzalischen  idiom  zu  tun  haben.  Indes  anderes  ist 
schwierig  und  nur  von  kundigen  zu  enträtseln.  Herr  professor  Suchier, 
dem  ich  das  kleine  denkmal  vorlegte,  hat  mir  gütigst  gestattet,  die 
von  ihm  gefundene  deutung  mitzuteilen.  Auch  ausserdem  verdanke 
ich  ihm  einige  im  folgenden  benuzte  bemerkungen.  Ich  schicke  seine 
die  Übersetzung  begründenden  bemerkungen  voraus: 

„part^  =  jenseits;  Diez  Et.  W.  2,  397  will  es  vom  subst.  pars 
herleiten,  ich  lieber  von  der  oskischen  und  umbrischen  praeposition 
pert  =  jenseits  (zu  gr.  rrgoTi,  skr.  prati),  die  durch  römische  Solda- 
ten nach  Südfrankreich  gelangte.  —  umet  ist  humidum  und  Kaynou- 
ard  in  der  form  umit  bekant.  —  mar  als  masc.  wird  von  Raynouard 
belegt.  —  pas'  steht  für  passa^  —  higil  halte  ich  für  das  franzö- 
sische tigle  (s.  Littre,  Diez  Et.  W.  2,  225).  Die  worte  verhalten 
sich  wie  prov.  util  (lat.  utilem)  und  frz.  utle,  prov.  evol  (lat.  ebu- 
lum)  und  frz.  hieble  usw.  Vielleicht  gehört  hierher  das  im  Delphi- 
nat  übliche  higue  =  hinkend,  das  Mistral  mit  ambiguus  in  Zusam- 
menhang bringt,  higil  komt  wahrscheinlich  nicht  von  *bioculus, 
sondern  von  *obliculus  (dem.  von  obliquus).  Das  erste  l  fiel  aus 
wie  in  foibh  (aus  floihle  lat.  flebilis).  Wir  solten  ^higol  erwarten, 
doch  vgl.  seguel,  cat.  segol  (lat.  secale).  Das  g  von  higil  hat  den 
lateinischen  laut,  da  gu  im  9.  Jahrhundert  gewiss  nur  die  laute  GW 
bezeichnen  konte.  a  higil  heisst  demnach :  in  obliquo.  —  mira  scheint 
imperativ  und  dar  als  prädicat  zu  tenehras  zu  gehören.  Die  formen 
pop  (lat.  podium)  und  afra  (lat.  attrahit)  scheinen  auf  das  Limosi- 
nische gebiet  hinzudeuten  {tra  lat.  trahit  findet  sich  auch  Bo. 
109)." 

1)  Einmal,  v.  4,  ist  par  geschrieben. 

2)  Gegen  die  Verbindung  Poy  pasa  hkfil  s])riclit  die  worttrennung  der  hand- 
schrift,  das  einfache  s  und  das  fehlen  der  flexion  an  higil. 


DIE    ÄLTESTE   ALBA  337 

Danach  ergäbe  sich  also  folgender  sinn:  „Der  morgenschimmer 
zieht  jenseits  des  feuchten  meeres  die  sonne  heran.  Den  hügel  über- 
schreitet sie  schielend.  Siehe  erhelt  das  dunkel!"  —  also  eine 
anschaulich  lebendige,  poetisch  phantastische  Schilderung  des  in  drei 
phasen  sich  volziehenden  Sonnenaufgangs,  wie  sie  erst,  von  der  Alba 
angekündigt  und  gleichsam  heraufgezogen,  sich  hinter  der  meeresflut 
erhebt,  dann  weiter  nur  erst  mit  einem  äuge,  so  zu  sagen,  über  den 
hügel  herüberguckt  und  endlich  in  voller  majestät  am  himmel  erscheint, 
die  schatten  der  dämmerung,  die  noch  das  land  bedecken,  im  nu  ver- 
jagend. Fast  meint  man  es  hier  herauszufühlen,  wie  die  zwar  vor 
geraumer  zeit  bereits  vom  Christentum  verdrängten,  heidnisch  mytho- 
logischen Vorstellungen  gleichwol  in  der  seele  des  dichters  und  des 
Volkes,  dem  er  sang,  noch  nachklangen  und  fortwirkten. 

Unser  lied  ist,  wie  bemerkt,  etwa  in  den  ersten  decennien 
des  zehnten  Jahrhunderts  aufgezeichnet  worden.  Dass  die  abfassung 
eines  derartigen  litterariscbeu  produkts  seiner  aufzeichnung  um  einige 
zeit  vorhergeht,  ist,  dünkt  mich,  eine  a  priori  sich  empfehlende 
annähme.  In  unserm  besonderen  falle  lassen  auch  art  und  umstände  der 
aufzeichnung  ihre  gleichzeitigkeit  mit  der  abfassung  als  unwahrschein- 
lich erscheinen.  Dazu  komt,  dass,  wie  wir  sehen  werden,  auch  mit 
metrischen  kriterien  die  annähme  eines  noch  etwas  höheren  alters  für 
unser  gedieht  sich  wol  vertragen  würde.  Bisher  galt  nun ,  abgesehen 
von  wenigen  aus  älterer  zeit  erhalteneu,  einzelnen  Wörtern,  das  aus 
dem  11.  Jahrhundert  uns  überlieferte,  aber  seiner  entstehung  nach  von 
den  gelehrten  etwa  in  die  mitte  des  10.  gesezte  gedieht  über  Boethius 
für  das  älteste  litterarische  denkmal  provenzalischer  zunge.  Dieses  Vor- 
rangs geht  es  jezt  verlustig :  in  dem  refrain  unseres  bruchstücks  erhal- 
ten wir  einen  um  mindestens  ein  halbes  Jahrhundert  älteren  Überrest 
provenzalischer  dichtung,^  der,  wie  klein  auch  immer,  doch  nicht  blos 
eben  seines  alters  halber  das  Interesse  des  forschers  verdient,  sondern 
auch,  wie  die  deutung  gezeigt  hat,  in  so  wenig  werten  für  grammatik 
und  Wortschatz  mancherlei  neue  und  merkwürdige  belehrung  enthält. 

Seinem  inhalt  nach  gehört  unser  lied,  wie  auch  schon  äusserlich 
durch  das  anfangswort  des  refrains  angezeigt  wird,^  zu  der  unter  dem 
namen  alba,  auhe,  tagelief  bekanten,  seit  dem  ende  des  12.  Jahrhun- 
derts sowol  in  Frankreich  wie  in  Deutschland  eifrig  cultivierten  gat- 
tung.     Allen  tageliedern  liegt,    zwar  mannigfach  ausgemalt  und  modi- 

1)  Überhaupt  die  ronianischeri  spraclüaute  griissen  uns  hier  zum  ersten  mal 
in  der  litteratur;  denn  die  Strassburger  Eide  sind  ungeachtet  ihrer  bedeutung  für 
die  Sprachgeschichte  kein  litterarisches  denkmal  von  so  hohem  alter. 

2)  Bartsch,  Grundriss  zur  Gesch.  d.  prov.  Litt.  s.  36 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  22 


338  J.    SCHMIDT 

ficiert,  doch  im  wesentlichen  dieselbe  Situation  zu  gründe.  Einige 
hauptzüge  derselben  hatte  man  früher  nur  aus  den  eigentümlichen  Ver- 
hältnissen des  ritterlichen  minnedienstes  erklären  zu  können  gemeint 
und  in  folge  dessen  die  ganze  dichtgattung  auf  diesen  Ursprung  zurück- 
geführt. Dagegen  hatte  unter  andern  auch  Bartsch^  mit  rücksicht 
auf  ihre  volksmässige  einfachheit  die  Vermutung  geäussert,  dass  die 
Albas  der  ritterlichen  dichter  vielmehr  im  Volkslied  bereits  ihr  vorbild 
gehabt,  wir  demnach  die  entstehuiig  dieser  gattung  als  allem  ritter- 
wesen  lange  vorhergehend  anzusehen  hätten.  Unser  bruchstück  liefert 
für  diese  Vermutung  einen  actenmässigen  beweis.  Es  bestätigt,  dass 
jene  den  tageliedern  eigentümliche  Situation,  deren  wesentliche  details 
aus  seinen  uns  allein  erhaltenen  ersten  drei  Strophen  schon  sämtlich 
zu  entnehmen  sind,  nicht  specielle  geschichtliche  Verhältnisse  zur  Vor- 
aussetzung hat,  sondern  von  ganz  algemeinem  Charakter,  von  der  art 
ist,  wie  sie  in  allen  zeiten  und  an  allen  orten  sich  widerholt  haben 
und  noch  heute  widerholen.  Ein  Jüngling,  ein  mann  hat  die  nacht  in 
den  armen  der  geliebten  verbracht,  die  ihn  am  abend  heimlich  in  ihr 
kämmerlein  eingelassen:  der  ruf  des  Wächters,  der  den  anbrechenden 
morgen  begrüsst  und  verkündet,  weckt  das  paar  aus  süssen  träumen 
und  mahnt  den  liebenden  sich  rasch  davon  zu  stehlen.  Denn  draussen 
lauern  ihm  feinde  auf,  etwa  die  brüder,  die  verwanten  oder  der  gatte 
der  geliebten,  die  seinem  Verhältnis  zu  derselben  zuwider  sind  und 
von  dem  nächtlichen  steldichein  künde  erhalten  haben.  Es  gilt  also 
rasch  noch  das  halbdunkel  der  dämmerung  zu  benutzen,    um  ihnen  zu 

1)  In  seiner  abhandlung  ,,über  die  romanischen  und  deutschen  Tagelieder" 
s.  5  fg.  —  Der  geneigte  leser  wird  mir  hier  eine  kurze  bemerkung  zu  gute  halten 
über  die  entgegnung,  deren  dieser  gelehrte  einen  vor  vier  jähren  in  Paul  und 
Braunes  Beiträgen  zur  Gesch.  der  d.  Spr.  III,  140  fgg.  von  mir  veröffentlichten 
aufsatz,  speciel  s.  156  fgg.,  in  seiner  Germania  XXIV,  1  fgg.  gewürdigt  hat  und 
von  der  ich  während  meiner  zweijährigen  abwesenheit  in  der  fremde  nicht  notiz 
nehmen  konte.  Bartsch  behandelt  meine  Untersuchung  sehr  von  oben  herab:  er 
hatte  nach  meinem  bedünken  dazu  keinen  grund.  Schien  doch  ihm  selber ,  was  ich 
gegen  ihn  geltend  gemacht,  erheblich  genug,  um  recht  ausführlich  dagegen  zu 
polemisieren.  Und  dass  er  nun  die  sache  aufs  reine  gebracht,  davon  vermag 
ich  mich  nicht  zu  überzeugen.  Doch  mögen  das  andere  prüfen:  mir  liegen 
diese  Studien  seit  vier  jähren  völlig  fem.  Übrigens  habe  ich  sonst  im  algemeinen 
an  dem  ton  der  entgegnung  nichts  auszusetzen:  ich  rechnete  darauf,  dass  es  aus 
dem  wald  herausschallen  würde  wie  ich  hineiugerufen.  Nur  die  eine  äusserung 
8.2:  ,, Schmidt  hat  diese  auffallende  Übereinstimmung  gar  nicht  bemerkt,  oder, 
wenn  bemerkt,  absichtlich  verschwiegen,"  hätte  B.  vermeiden  sollen. 
Er  will  doch  damit  meine  wissenschaftliche  Wahrheitsliebe  verdächtigen.  Es  solte 
ihm  aber  nicht  unbekant  sein,  dass  durch  solche  unbewiesenen,  moralischen  Ver- 
dächtigungen nicht  der  verunehrt  wiid,  gegen  den  sie  erhoben  werden. 


DIE   ÄLTESTE   ALBA  339 

entgehen.  —  Dass  der  Wächter  den  morgen  ansagt,  war  gewiss  in  ger- 
manischen wie  in  romanischen  landen  von  alten  zelten  herkömlich. 
Stellen  wie  die  im  anibrosianischen  hymnus  in  diluculo  785:  praeco 
diei  iam  sonat  noctis  profundae  pcrvigü  usw.  bilden  von  der  zeit  unse- 
res gedichtes  eine  brücke  ins  altertum  und  zu  der  antiken  sitte  des 
Stundenabrufens  und  tagansagens  hinüber.  Auch  macht  ja  die  beson- 
dere art  unseres  tagelieds  es  wahrscheinlich ,  dass  die  pflege  dieser 
gattung  im  algemeinen  in  noch  ältere  zeit  hinaufreicht.  Denn  die  hier 
vorliegende  mischuug  lateinischer  und  romanischer  spräche  sezt  doch 
wol  gleichartige  frühere  lieder  ohne  solche  Sprachmischung  voraus. 

Unser  kleiner  fund  ermöglicht  uns  also,  „den  schleier,  hinter 
dem  die  älteste  geschieh te  der  ritterlichen  dichtung,  insbesondere  der 
troubadours ,  bisher  verborgen  lag ,"  ^  ein  wenig  zu  lüften ;  er  lehrt, 
dass  und  einigermassen  auch  wie  man  in  den  Jahrhunderten  vor  den 
kreuzzügen  sowol  in  der  lingua  ßomana  als  in  der  lingua  Latiua  dich- 
tete und  sang.  Während  Diez^  noch  die  Vermutung  äussern  durfte, 
dass  zwar  seit  undenklichen  zelten  neben  dem  volksgesange  eine  gewisse 
gebildete  dichtkunst  in  Südfrankreich  bestanden  habe,  diese  indessen 
mit  der  der  troubadours  nicht  die  geringste  gemeinschaft  gehabt  habe 
und  nur  als  sprachübung  von  Wichtigkeit  gewesen  sei,  erkennen  wir 
jezt  an  einem  wichtigen  beispiel,  dass  doch  auch  die  gebildeten,  die 
in  jenen  alten  Zeiten  an  der  pflege  von  dichtkunst  und  gesang  sich  betei- 
ligten, dem  Volkslied  lebhaftes  Interesse  zuwanten  und  dass  ihre  dich- 
terischen productionen  auch  in  inhaltlicher  beziehung  als  unmittelbare 
Vorläufer  der  poesie  der  troubadours  betrachtet  werden  müssen. 

Und  diese  erkentnis  erhält  weitere  bestätigung,  sobald  wir  auf 
die  metrische  form,  auf  Strophen-  und  versbau  des  neuentdeckten  bruch- 
stücks  unser  augenmerk  richten.  Dasselbe  dürfte  in  dieser  hinsieht  für 
manchen  noch  grösseres  Interesse  besitzen  als  durch  spräche  und  Inhalt: 
hier  tritt  uns  nämlich  zum  ersten  male  jene  für  die  romanische  dich- 
tung so  hochbedeutsame,  einfache  strophe  entgegen,  die  aus  zwei  bis 
drei  auf  denselben  reim  oder  dieselbe  assonanz  ausgehenden  versen 
besteht  und  mit  einem  reimlosen  refrain  abschliesst.  Sie  stelt  den 
stamm  dar,  aus  dem  almählich  in  stetem  Wachstum  und  rastloser  ent- 
wicklung  die  bunte  fülle  der  metrischen  formen  der  troubadourlieder 
eutspross  und  sich  abzweigte,  wie  dies  für  die  strophen  der  ältesten 
troubadours  Suchier  in  dem  Jahrb.  f.  rom.  Lit.  14,  296  nachgewiesen 
hat.     Bei  ihnen  erscheint  das  ursprüngliche  Schema  nur  insoweit  modi- 

1)  S.  Diez,  die  Poesie  der  Troubadours  s.  13. 

2)  Ebendas.  s.  18. 

22* 


340  J.    SCHMIDT 

ficiert ,  als  an  die  stelle  des  refrains  eine  verszeile  gesezt  wird ,  die  mit 
der  gleichartigen  schlusszeile  der  folgenden  strophe  gebunden  ist. 

Unsere  lateinischen  elfsilbler  zeigen  trochäischeu  rhythmus,  sind 
sechsmal  gehoben  und  haben  regelmässig  eine  caesur  nach  dem  zwei- 
ten fuss.  Der  vers  erinnert  an  den  von  Wilhelm  IX.,  dem  ältesten 
troubadour,  in  drei  gedichten  angewanten  elfsilbler ,  nur  dass  der  leztere 
wahrscheinlich  caesurlos  ist.  Der  reim  ist  einsilbig ;  einmal  vertritt 
ihn  die  assonanz:  radios  str.  3;  Zwiespalt  von  wort-  und  versaccent  ist 
streng  vermieden :  alles  umstände ,  die  der  annähme  eines  höheren 
alters  für  die  entstehung  des  liedes,  als  es  seiner  aufzeichnung  in  dem 
Kegin.  1462  zugestanden  werden  kann,  günstig  sind.  Der  provenza- 
lische  refrain  zählt  20  silben,  die  von  der  handschrift  selbst  in  ein 
glied  von  neun  und  eins  von  zehn  silben  mit  weiblichem  ausgang  zer- 
legt werden.  Im  neunsilbler  Hesse  sich  eine  caesur  nach  der  sechsten 
silbe  annehmen;  wahrscheinlicher  fehlt  sie  ganz.  Der  zehnsilbler  hat 
eine  weibliche  caesur  (bigil)  nach  der  fünften  silbe.  ^  Dieselbe  vers- 
verbindung,  nur  in  umgekehiter  folge,  kehrt  auch  in  einem  altfran- 
zösischen refrain  wider,  wie  Bartsch  Ztschr.  f.  rom.  Phil.  2,  379  darlegt. 

Für  die  einmischung  von  romanischen  versen  in  ein  lateinisches 
lied  fehlt  es  nicht  an  analogien  aus  der  späteren  zeit:  man  vergleiche 
z.  b.  Carmina  Burana  nr.  81  und  dazu  Bartsch,  Jahrb.  f.  rom.  u.  engl. 
Lit.  XII,  1  fgg.  Viel  häufiger  findet  sich  dann  freilich  die  umgekehrte 
erscheinung,  die  einmischung  lateinischer  verse  und  brocken  in  roma- 
nische und  ebenso  in  deutsche  lieder.  —  Ein  neuer  beleg  für  die  in 
dem  obigen  schon  hinlänglich  begründete  behauptung,  dass  die  lyrik 
der  ritterlichen  zeit  mit  der  der  früheren  Jahrhunderte  in  innigem  Zusam- 
menhang steht  und  für  form  wie  für  inhalt  in  lezterer  bereits  ihre  Vor- 
bilder hat. 

Endlich  noch  ein  wort  über  die  dem  texte  beigefügte  notation. 
Der  Schreiber  hat  sich  dazu  der  neumenschrift  bedient,  und  zwar  hat 
er  nur  zwei  oder  streng  genommen  sogar  nur  ein  einziges,  einfaches 
neumenzeichen  angewant,  die  virga;  denn  der  seltener  vorkommende, 
kleine,  horizontale  strich,  die  iacens,  unterscheidet  sich  von  dem  häu- 

1)  Auf  poj/  fallen  zwei  noten :  wahrscheinlich  fült  es  also  einen  ganzen  tact 
aus  und  ist  rhythmisch  gleichwertig  mit  mira,  in  derselhen  weise,  wie  in  dem  von 
Beda  angeführten  hymnus :  Rex  aeterne  domine  —  Bermn  creator  omnium  im  ersten 
vers  die  erste  Senkung  fohlt  und  Bex  also  dem  Rerum  entspricht  (vgl.  Daniel, 
thes.  hymnol.  III,  20.  Ebert,  Gesch.  der  Literatur  des  Mittelalters  I,  529  anm.  2). 
Ähnliches  kann  man  in  der  altfranzösischen  Eulalie  beobachten.  Aber  natürlich 
darf  poy  darum ,  weil  es  den  Zeitraum  zweier  silben  ausfült ,  nicht  in  zwei  silben 
zerlegt,  als  zwei  silben  gezählt  werden. 


DIE   ÄLTESTE   ALBA  341 

figer  angewanten,  sich  nach  oben  verdickenden,  verticalen  doch  eben 
nur  durch  die  Stellung.  Was  überhaupt  von  der  nenmenschrift  gilt, 
dass  sie  nur  in  ganz  algemeiner  weise  das  steigen  und  fallen  der  ton- 
höhe  darzustellen  vermag,  dagegen  die  grosse  des  intervalls  zwischen 
den  eine  gesangphrase  bildenden  tönen,  ob  es  z.  b.  eine  terz  oder  eine 
quinte  beträgt,  genau  zu  bezeichnen  unfähig  ist,  findet  auch  in  unserm 
falle  anweudung.  Trotz  des  grossen  Vorzugs,  den  ihr  auschaulichkeit  und 
kürze  vor  der  buchstabennotation  verlieh ,  eignete  sie  sich  doch  nur  zur 
aufzeichnung  bekanter  raelodien ,  bei  denen  auf  eine  stetige  ergänzung 
der  mangelnden  genauigkeit  der  notation  durch  das  lebendige  gedächtnis 
zu  rechnen  war.  Sie  vermochte  also  lezteres  (oder  die  buchstaben- 
notation) wol  zu  unterstützen,  aber  nie  völlig  zu  ersetzen.  —  Zwischen 
der  verticalen  virga  und  der  iacens  scheint  unser  Schreiber  keinen  prin- 
cipiellen  unterschied  zu  machen :  in  zeile  1  und  2  der  ersten  strophe  ist 
die  lezte  silbe  mit  der  iacens  bezeichnet,  während  in  Übereinstimmung 
mit  der  notation  der  übrigen  lateinischen  zeilen  man  die  verticale  virga 
auch  hier  erwarten  solte.  Nur  im  Interesse  grösserer  auschaulichkeit 
scheint  in  einer  scala  von  absteigenden  tönen  der  tiefste  durch  die 
iacens  bezeichnet  zu  sein.  Alle  lateinischen  verse  haben  die  gleiche 
melodie ;  die  zwei  verse  des  refrains  unterscheiden  sich  in  ihrer  notation 
sowol  von  jenen  als  unter  einander.^ 

Gewiss  werden  kundigere  diese  bemerkungen,  mit  denen  auf  die 
bedeutung  meines  kleinen  fundes  hinzuweisen  ich  nicht  unterlassen  wolte, 
vielfach  ergänzen  oder  berichtigen.  Denn  an  alseitigem  Interesse  wird 
es  dieser  Alba  sicherlich  nicht  fehlen,  die  ja  unter  allen  gesichtspunk- 
ten  in  der  litterargeschichtlichen  entwicklung  sich  selber  als  das  erste 
morgenleuchten  darstelt,  das  den  aufgang  der  sonne  des  minnesangs 
für  die  modernen  Völker  ankündigt. 

1)  Ich  muss  bemerken ,  dass  iu  dem  obigen  abdriick  eine  in  allen  einzelhei- 
ten  genaue  widergabe  der  notation  des  Originals  nicbt  bat  erreicht  werden  können. 
Für  alle  fragen ,  für  die  eine  solche  notwendig  wäre ,  wird  man  an  lezteres  oder  an 
eine  photogi-apbische  nachbildung  desselben  recurrieren  müssen,  da  durchpausen 
bekantlich  nach  dem  reglement  für  die  benutzung  der  vaticanischen  bibliothek  ver- 
boten ist.  —  Auch  sei  hier  nachträgüch  bemerkt,  dass  in  der  handschrift  immer  je 
zwei  Zeilen  des  textes  zu  einer  langen  doppelzeile  vereinigt  sind,  so  jedoch,  dass  das 
ende  der  ersten  und  der  anfang  der  anderen  kiu'zzeüe  durch  einen  zwischenramn  und 
darauf  folgenden  grossen  buchstaben  deutlich  markiert  ist.  Das  bruchstück  stelt  also 
kl  der  handschrift  sieben  langzeilen  dar. 

HALLE.  JOHANNES  SCHMH)T. 


342 


FÜNF   SAGEN  VOM  HOOHSOHWAB. 

Volksüberlieferungen  aus  Steiermark. 

Der  Hochschwab  ist  einer  der  mächtigsten  bergriesen  des  ober- 
steirischen gebirgslandes.  Stolz  und  in  erhabener  schöne  erhebt  er  sein 
majestätisches  haupt  über  die  miabsehbare  kette  von  hohen  bergen.  Von 
jeher  hat  sich  die  phantasie  des  volkes  mit  den  mächtigen  gebirgsstöcken 
viel  zu  schaffen  gemacht,  so  mit  dem  Kyffhäuser  in  Thüringen,  mit 
dem  Untersberg  im  Salzburgischen  und  wie  aus  den  jüngst  erschienenen 
nordböhmischen  volkssagen  von  Julius|Schuldes  (Tetschen  a.  d.  Elbe  1879) 
zu  ersehen  ist,  auch  mit  dem  Quaderberge,  einem  bedeutenden  gebirgs- 
rücken  an  der  böhmisch  -  sächsischen  grenze.  In  gleicher  weise  gehört 
auch  der  Hochschwab  zu  jenen  bergen,  von  denen  die  in  der  nähe 
hausenden  bewohner  allerlei  zu  sagen  und  zu  fabeln  wissen. 

1.    Die  bergfräulein. 

In  alten  zeiten  wohnten  auf  dem  Hochschwab  die  bergfräulein. 
Sie  waren  von  kleinem  unterseztem  wüchse  und  zeigten  sich  öfters  den 
hirten  auf  den  almen.  Einst  kamen  sie  zu  einem  jungen  schafhalter 
und  baten  ihn,  er  möge  ihnen  aus  seiner  herde  ein  lamm  geben  —  er 
hatte  deren  sieben ,  das  übrige  vieh  waren  schafe  —  damit  sie  es  bra- 
ten und  insgesamt  verzehren  könten.  Sie  sagten  auch  zum  hirten,  er 
habe  nicht  zu  besorgen,  dass  sein  viehstand  dadurch  etwa  vermindert 
werde ,  nur  möge  er  bei  dem  essen  recht  acht  geben ,  dass  er  keinen 
knochen  des  lämmleins  zerbeisse.  Der  hirtenknabe,  dem  dieses  begeh- 
ren seltsam  vorkam ,  wolte  sich  anfänglich  nicht  dazu  verstehen ,  diesen 
sonderbaren  wünsch  zu  erfüllen,  aber  nach  vielen  bitten  gab  er  der 
forderung  der  bergfräulein  nach  und  überliess  ihnen  ein  lämmlein.  Sie 
töteten  es,  weideten  es  aus,  brieten  es,  gaben  dem  hirten  davon  und 
assen  das  übrige  auf.  Trotz  aller  vorsieht  verlezte  der  hirtenknabe  bei 
dem  abnagen  der  fussknochen  einen  derselben.  Als  das  mahl  beendet 
war,  lasen  die  fräuleiu  die  knochen  des  lämmchens  sorgfältig  auf, 
wickelten  dieselben  kunstgerecht  in  das  lammfeil  und  bald  darauf  hüpfte 
das  lämmlein  zur  herde,  war  aber  an  jenem  fusse  lahm,  dessen  kno- 
chen der  hirtenknabe  beim  abnagen  beschädiget  hatte. 

1)  Der  gute  des  herrn  Leitich,  bürgerschullehrers  in  Wien,  verdanke  ich 
diese  Hochschwab  -  sagen ,  der  sie ,  als  er  den  gipfel  dieses  berges  vor  kurzem  bestieg, 
aus  dem  munde  seines  führers  Jos.  Berger  aus  Ilgen,  vernommen  hatte. 


SAGEN    VOM   H0CH3CHWÄB 


343 


2.    Ein  bergfrjiuleiu  spendet  ein  wunderbares  brot. 

Einmal  besuchte  eines  der  bergfräulein  des  Hochschwabs  einen 
sehr  armen  hirten ,  der  kaum  brot  genug  hatte ,  seinen  liunger  zu  stil- 
len, üas  fräulein  fühlte  mitleid  mit  diesem  armen  und  dachte ,  wie  sie 
ihn  recht  glücklich  machen  könne.  Zu  diesem  behufe  schenkte  sie  ihm 
ein  laibchen  brot  und  sagte,  dass  es  ihm  von  nun  an  nimmermehr  an 
der  gottesgabe  gebrechen  werde,  nur  dürfe  er  keinem  menschen  ein 
Sterbenswörtchen  sagen,  von  wem  er  das  brötchen  erhalten  habe,  beim 
essen  auch  niemand  mithalten  lassen,  und  nie  dürfe  er  das  laibchen 
ganz  aufzehren,  sondern  müsse  immer  ein  scherzlein  übrig  lassen;  denn 
dann  werde  sich  dasselbe  zu  einem  ganzen  brote  jedesmal  wider  von 
selbst  ergänzen.  Der  hirt  versprach  heilig,  zuthun,  was  ihm  von  dem 
fräulein  geboten  ward.  Und  als  er  sah,  dass  das  laibchen,  sobald  er 
es  bis  auf  ein  stücklein  verzehrt  hatte,  immer  wider  ganz  wurde,  fühlte 
er  sich  recht  glücklich  und  zufrieden  und  einen  dankbaren  blick  sante 
er  zum  himmel,  denn  nun  wüste  er,  dass  er  nicht  mehr  hunger  und 
not  leiden  dürfe.  Doch  eines  tages,  als  er  gerade  im  begriffe  stand, 
sein  brötchen  zu  verzehren ,  kam  der  knecht  des  benachbarten  hofes  zu 
ihm  und  bat  um  ein  stücklein  von  der  gottesgabe.  Nun  war  guter  rat 
teuer.  Von  dem  geheimnisvollen  laibchen  etwas  sagen,  das  gieug  nicht, 
den  knecht  abweisen  und  ihm  nicht  einmal  einen  bissen  brot  gönnen, 
kam  ihm  noch  schwerer  an,  und  so  gab  er  denn,  wiewol  mit  etwas 
Widerwillen  und  nach  einigem  zögern  von  der  gottesgabe.  Von  diesem 
augenblick  an  war  es  mit  der  wunderbaren  kraft  des  laibchens  zu  ende ; 
das  übrig  gelassene  scherzlein  wurde  nicht  mehr  ein  ganzes  brot. 

3.   Das  wildfräulein  und  der  bauernlinecht. 

Auf  dem  Hochschwab  hausten  vor  vielen  vielen  jähren  die  wild- 
fräulein. Diese  waren  grösser  und  stärker  als  die  bergfräulein  und  auch 
nicht  so  woltätig  und  gutherzig  wie  sie.  Eine  der  wildfräulein  vergass 
sich  sogar  mit  einem  knechte  und  gebar  ihm  ein  kind.  Nachdem  sie 
dasselbe  durch  einige  jähre  aufgezogen  hatte,  überbrachte  sie  es  dem 
vater.  Als  sie  vor  ihm  erschien,  hatte  sie  in  einem  arme  das  kind, 
im  andern  einen  sack  voll  geld,  und  fragte  nun,  was  ihm  lieber  wäre, 
das  geld  oder  das  kind.  Der  knecht  wüste  nicht  gleich ,  was  er  sagen 
solte,  deshalb  besann  er  sich  ein  weilchen  und  verlangte  das  kind, 
worauf  das  waldfräulein  entgegnete,  es  sei  sein  glück  gewesen,  dass 
er  das  kind  verlangt  hat,  denn  hätte  er  es  zurückgewiesen  und  dafür 
das  geld  genommen,  so  hätte  sie  ihn  in  stücke  zerrissen. 

Als  die  rohen  fuhrleute  anfingen  mit  den  peitschen  zu  schnalzen, 
als  es  um  den  Hochschwab  immer  geräuschvoller  und  unruhiger  wurde, 


344  BEANKY 

veiiiessen  die  berg-  und  wildfräuleiii  die   gegend   und   wurden  seither 
nicht  wider  gesehen. 

Diese  berg-  und  wildfräulein  des  Hochschwabs  erinnern  in  ihrem 
ganzen  wesen  an  die  Saligen  in  Tirol.  Schade ,  dass  herr  Leitich  nicht 
mehr  charakteristische  züge  mitgeteilt  hat,  denn  dann  hätte  sich  zwi- 
schen den  tirolischen  und  steirischen  bergfräulein  ein  nicht  uninteres- 
santer vergleich  anstellen  lassen;  denn  von  den  Saligen  haben  wir 
bereits  ein  ziemlich  fertiges  gemälde.  J.  V.  Zingerle,  J.  N.  v.  Alpen- 
burg bieten  in  ihren  mythologischen  Schriften  manches.  Vereinzelte 
züge  findet  man  auch  in  den  sagen  von  Gleirscher,  eine  kurze  mono- 
graphie  hat  dr.  L.  v.  Hörmann  in  seinem  büchlein :  Die  Salig  -  Fräulein 
und  Nörgelen  (Bozen  1874)  über  diese  wesen  gegeben  und  anderes 
findet  sich  noch  zerstreut  in  der  einschlägigen  sittenkundlichen  littera- 
tur.  Die  tirolischen  bergfräulein,  die  Saligen,  haben  auch  bereits  ihre 
poetische  bearbeitung  durch  frau  Angelica  v.  Hörmann  gefunden ,  welche 
die  sinnige  bergsage  zu  einem  lieblichen  Salgen-epos  von  vier  gesän- 
gen  in  fünffüssigen  Jamben  mit  kunstvollverschlungenen  reimen  erwei- 
terte. Diese  mythischen  berggestalten ,  die  sich  dienstfertig  und  barm- 
herzig der  leidenden  menschheit  erweisen ,  welche  stricte  erfüUung  eines 
gegebenen  Versprechens  fordern ,  das  auf  hochalpen  gehezte  und  ver- 
folgte getier  beschützen  und  durch  ihre  bezaubernde  Schönheit  die  män- 
ner  zu  fesseln  und  zu  berücken  verstehen ,  diese  mythischen  wesen, 
nenne  man  sie  nun  selige  fräulein  oder  Salige,  berg-,  wild-  oder 
schneefräulein ,  Fanga ,  Thallilien  oder  Thalgilgen  gaben  ja  zu  einem 
idyllischen  epos  das  schönste  motiv,  zumal  da  die  tirolische  dichterin 
besonders  jenen  unlösbaren  Widerspruch  zur  anschauuug  und  lebhaften 
empfindung  bringen  wolte,  der  zwischen  ideal  und  Wirklichkeit  besteht 
und  gerade  diese  idee  in  schönster  anläge  in  der  einfachen  volkssage 
von  den  bergfräulein  selbst  liegt.  Der  gedanke  von  dem  unversöhn- 
lichen gesatze  zwischen  ideal  und  Wirklichkeit  gehört  zu  den  erhaben- 
sten und  ernstesten,  welche  von  jeher  die  gemüter  der  menschheit 
mächtig  zu  ergreifen  vermochten.  Wie  vielen  menschen  bereitete  schon 
diese  idee  ein  qualvolles  dasein !  wie  viele  wurden  durch  sie  in  unsäg- 
liches elend  gestürzt  und  wie  viele  sind  durch  diesen  unlösbaren  Zwie- 
spalt so  von  grund  aus  unglücklich  geworden!  Auch  dem  beiden  des 
Salgen-epos  Florian,  dem  schönsten  burschen  des  dorfes,  ergeht  es  so: 
seine  innige  liebe,  sein  häusliches  glück  und  seine  stille  Zufriedenheit 
verkehren  sich,  sobald  er  die  ideale,  die  Saligen,  kennen  gelernt  hat, 
in  namenlosen  seelenschmerz ,  in  unerträgliche  Sehnsucht,  in  qualvolle 
Unzufriedenheit ,  von  denen  er  schliesslich  in  gemein  -  tragischer  weise 
befreit  wird. 


SAGEN    VOM   HOCHSCHWAB  345 

4.    Die  fiiclitelmäiiiier. 

Auf  dem  Hochschwab  und  deu  umliegenden  bergen  sieht  man  zur 
nachtszeit  fuchtelmänner  umherirren.  Das  sind  Seelen  solcher  verruch- 
ter menschen ,  die  bei  lebzeiten  grenz  -  oder  marksteiue  verrückt  haben, 
um  sich  so  auf  kosten  der  mitmenschen  zu  bereichern.  Nun  tanzen  sie 
hier  in  stiller  nacht  auf  dem  Hochschwab  und  den  umliegenden  bergen, 
der  Messner  in  und  der  hohen  Prilitz  als  lichtlein  herum. 

Von  feurigen  oder  brennenden  männern  handelt  eine  grosse  auzahl 
von  sagen,  weh-he  der  völkerpsychologischen  anschauung  beredten  aus- 
druck  geben,  dass  menschen,  welche  sich  während  ihres  lebens  schwe- 
rer vergehen  schuldig  gemacht  haben,  zu  denen  insbesondere  verrücken 
und  versetzen  von  grenz-  und  marksteineu  gerechnet  wird,  als  Feuer- 
mäuner,  Feuerpütze,  Marchversetzer,  Landausmesser,  Irlichter,  Irwische 
oder  unter  andern  namen,  wie  z.  b.  der  brennende  Bräutigam,  der 
Kahlofen  -  bauer  (Rochholz,  Schweizersag.  IL  nr.  306,  315),  so  lange 
auf  erden  nach  ihrem  tode  herumirren  müssen,  bis  das  unrecht,  was 
sie  begangen  haben,  gesühnt  ist.  In  den  bereich  dieser  brennenden 
männer  gehören  auch  die  Fuchtelmänner  des  Hochschwabs.  Unter  fuch- 
tel  stelt  man  sich  im  Österreichischen  und  Steirischen  ein  nicht  gut 
und  nicht  sehr  hell  brennendes  licht  vor  und  fuchteln,  das  verbum, 
bedeutet  ein  licTit  schnell  hin  -  und  herbewegen.  Aber  nebst  dem  ruhe- 
losen herumirren  dieser  grenzsteinverrücker  hat  sie  die  rege  phantasie 
des  Volkes  zum  warnenden  beispiel  mit  verschiedenen  schrecklichen 
zutaten  und  zugaben  ausgestattet ,  und  es  ist  für  deu  Völkerpsychologen 
von  ganz  besonderem  Interesse  zu  sehen,  wie  der  schaffende  geist  des 
Volkes  den  immer  gleichen  zug  in  mannigfachster  weise  ausgestaltet: 
der  Back  in  Mundraching  erscheint  nach  seinem  tode  einem  seiner 
bekanten  und  klagt,  er  müsse  schrecklich  brennen  und  leide  sehr 
grosse  pein,  denn  er  habe  zu  lebzeiten  die  marchpfähler  weit  verrückt 
und  seine  nachbarn  tief  damit  geschädigt.  (V.  Leoprechting,  Aus  dem 
Lechrain  s.  66.)  Im  Siggenthal  erscheint  der  grenzfrevler  jede  nacht 
als  feuriges  gerippe  auf  dem  unredlich  erworbenen  acker.  (Roch- 
holz, Sag.  IL  s.  77.)  Der  alte  Eggeter  in  Marlin  bei  Meran  wandelt 
als  grosses  pfeilschnell  hin-  und  her  springendes  licht  herum  (Zin- 
gerle,  Sag.  147.)  Unter  den  verschiedensten  gestalten  zeigen  sich  die 
Feuermänner  in  Schlesien:  mit  geschwärztem  gesiebt  und  feurigen 
äugen;  oft  tragen  sie  in  der  band  eine  laterne  und  wandeln  umher, 
wie  wenn  sie  etwas  verlorenes  finden  wolten;  als  toteugerippe,  in 
dessen  innerem  eine  feuerflamme  brent;  als  brennende  Strohschütte 
oder  als  klafterhohes  dickes  rind,   aus  dessen  rippen  es  herauszubren- 


346  BRANKY 

nen  scheint.  (Volksthümlicbes  aus  östr.  Schlesien  von  Peter  Anton  II. 
17  fg.)  In  den  deutschiin  sagen  der  brüder  Grimm  I.  nr.  283  wird  mit- 
geteilt, dass  bei  Kailbach  in  der  ersten  adventsountagsnacht  zwischen 
11  und  12  uhr  ein  ganz  in  feuer  brennender  mann  gesehen  wurde,  des- 
sen rippen  man  sogar  zählen  konte  und  der  bis  nach  mitternacht  von 
einem  grenzstein  zum  andern  wandelte,  und  auch  nicht  wenige  men- 
schen in  furcht  und  schrecken  versezte,  weil  er  durch  maul  und  nase 
feuer  aus  spie.  In  Norddeutschland  sieht  man  an  manchen  orten 
solche  verruchte  landmesser  entweder  in  ganz  feuriger  gestalt  oder  mit 
einer  glühenden  messstange  hin-  und  herlaufen.  (Kuhn  u.  Schwartz, 
nordd.  Sag.  s.  425.)  Einer  Tiroler  sage  zufolge  trägt  ein  glühender 
mann  einen  glühenden  markstein  um,  und  auf  die  frage  wohin? 
wohin?  antwortet  ein  im  betrunkenen  zustande  des  weges  daher  wan- 
kender bauer:  woher  du  ihn  genommen  hast,  dahin  trag  ihn.  (Gleirscher, 
Sag.  aus  Tirol  s.  67.)  Zu  Wildschönau  muss  einer  mit  einem  feurigen 
pflüge  über  das  gestohlene  ackerfeld  auf-  und  abfahren;  auf  einem 
feurigen  bock,  dem  maslreinbock ,  reiten  diese  Frevler  zu  Vilanders 
herum;  in  Tiers,  wo  sie  auf  feurigen  rossen  reiten,  bemerkt  das 
Volk  noch  feurige  zöpfe  an  ihnen;  von  einem  andern  markstein ver- 
setzer  wird  erzählt,  dass  er  den  leuten  am  tage  grau,  nachts  aber  als 
feuriges  rad  erscheint.  (Zingerle,  S.  M.  G.  147  — 157.)  Wie  unsere 
dichter  die  volkssage  modernisieren  und  der  zeitrichtung  anpassen ,  sieht 
man  in  der  Erlösung  von  Ernst  Freimuth,  denn  in  dieser  dichtung 
findet  der  grenzsteinverrücker  erst  dann  ruhe  und  erlösung,  bis  ihrer 
drei ,  welche  reines  herzens  sind ,  die  erlösende  antwort  geben ,  was  auch 
eines  tages  geschieht.  Als  nämlich  bei  leuchtendem  mondenglanze  drei 
fröhliche  burschen  vom  tanze  in  später  nacht  nach  hause  gehen,  da 
sehen  sie  nicht  fern  im  felde  den  mann  mit  dem  grenzstein  auf  der 
achsel  und  hören  wie  er  in  einemfort  ruft:  wo  leg  ich  ihn  hin?  wo 
grab  ich  ihn  ein?  Wie  aus  einem  munde  riefen  die  reinherzigen:  „So 
leg  ihn  doch  hin ,  wo  von  rechtens  er  war "  —  darauf  erfolgte  ein 
blitz  und  ein  donner schlag  und  der  mann  verschwand  und  nie  mehr 
sah  man  ihn  wider.  (Eine  Sage  aus  dem  Eger  -  Laude  in  Weuisch  Dich- 
terbuch s.  593.)  Auch  Wolfgang  Müller  sprach  die  grenzsteinsage  an 
und  wir  danken  ihm  deshalb  eines  seiner  schönsten  gedichte,  zubenant 
der  Feuermann.  Müller  behält  die  volkstümliche  anschauungsweise 
bei;  sein  Feuermann  taucht  aus  dem  schüfe  in  der  nähe  eines  sumpfes 
empor,  mit  flammenden  äugen  schaut  er  umher;  er  ist  ein  in  der  nacht 
umherirrendes  licht,  eine  seele  vom  gericht  gottes  zum  wandern  ver- 
flucht. (Die  ethischen  Sagen.  Von  Nie.  Hocker,  s.  194.)  Vernaleken 
teilt   unter   seinen  Wuotan  -  my then   eine   sage   aus  Forbes  in   Böhmen 


SAGEN   VOM   HOCHSCHWAB  347 

mit,  wo  ein  kopfloser  mauu  mit  einem  grossen  äuge  auf  der  brüst  in 
weisser  kleiduug  einen  greuzstein  in  bänden  trägt  und  mit  entsetzlicber 
stimme  ruft:  wobin  soll  ich  den  stein  setzen?  Erhält  er  auf  seine 
frage  keine  antwort ,  so  begibt  er  sieb  wider  zurück  in  das  gebölz,  von 
wo  er  hergekommen  ist.  Gibt  man  ihm  aber  zur  antwort :  leg  ihn  bin, 
wo  du  ihn  genommen  hast,  so  wird  er  dadurch  gereizt  und  läuft  dem, 
der  solcbes  gesprochen ,  nach.  Glücklicherweise  hat  er  noch  niemand 
ertappt,  obgleich  ihn  die  knechte  oft  zum  besten  halten.  Vernaleken 
bezieht  den  kopflosen  einäugigen  mann  auf  Wuotan,  der  freilich  nicht 
als  grenzsteinverrücker  zu  nehmen  ist,  sondern  als  ein  die  menschen 
in  bezug  auf  ihre  rechtsanschauung  prüfendes  wesen.  Der  schlusssatz 
der  sage  bleibt  freilich  unverständlich,  denn  gereizt  werden  und  dem 
zürnen,  der  dem  guten  rechte  das  wort  redet,  wäre  ja  ungereimt. 
Wahrscheinlich  ist  der  schluss  dieser  Wuotan -mythe  entstelt,  was  ja 
bei  sehr  vielen  sagen,  und  je  älter  sie  sind  desto  häufiger,  vorkomt. 
Dass  aber  die  idee  im  volke  lebendig  ist,  den  menschen  in  angedeu- 
teter weise  auf  sein  rechtsgefühl  zu  prüfen ,  ersieht  man  auch  in  Sim- 
rocks  Myth.  s.  487,  wo  bei  der  frage:  wo  setz  ich  den  grenzstein  hin? 
der  niederrbeinische  bauer  mit  den  worten:  „ich  wel  net  glöhnig  gohn," 
jede  Zumutung  zurückweiset,  die  er  für  unrecht  liält.  Leider  ver- 
schweigt Simrock  den  näheren  umstand,  durch  den  der  bauer  veran- 
lasst wurde,  seiner  rechtsüberzeugung  so  bestirnten  ausdruck  zu  geben. 
Merkwürdig  in  ihrer  art  ist  auch  die  sage,  welche  Franz  Ziska  in  seine 
östr.  Volksmärchen  s.  32  eingestelt  hat.  Da  verrückt  ein  bauer  dreimal 
denselben  grenzstein.  Das  erste  mal  zeigt  sich  ein  weisses  hündlein, 
welches  ihn  anbelt:  wau,  wau,  wau,  di  nöd  drau!  af  god  schau!  wie 
er  wider  den  grenzstein  versezt,  erscheint  ein  grauer  grosser  hund, 
der  den  frevel  nicht  leiden  will,  und  das  dritte  mal  komt  auf  ihn  a 
bechschwoarza  flaischhokalak't  ^  mid  fairichi  gluaru  ^  zu ,  der  ihn  in 
tausend  stücke  zerreisst. 

Sagen  über  feurige  männer  und  grenzsteinverrücker  gibt  es  noch 
in  hülle  und  fülle,  und  ich  habe  mir  aus  unserem  sagenschatze  noch 
manche  hierhergehörigen  angemerkt;  doch  weil  dieselben  nichts  mehr 
wesentliches  und  interessantes  bieten,  übergehe  ich  dieselben.  Das 
angeführte  zeigt  ja  hinlänglich,  wie  weitverbreitet  die  sage  von  den 
fuchtelmännern  des  Hochschwabs  ist,  und  wie  das  deutsche  volk  in 
Süd  und  nord,  in  ost  und  west  in  seinem  sinnen  und  denken,  in  sei- 
nem fühlen  und  empfinden  wenigstens  in  diesem  punkte  so  wunderbare 
Übereinstimmung   zeigt,    dass    es    das   gleiche    vergehen   mit  derselben 

1)  Ein  grosser  schwarzer  fleischerhund.  2)  Mit  feurigen  äugen. 


348  BRANKY,    SAGEN   VOM   HOCHSCHWAB 

strengen  mythischen  strafe  —  wenn  auch  mit  den  verschiedensten  Varia- 
tionen —  belegt.  Auch  die  Weisthümer  setzen  strenge  strafen  auf  das 
verstellen  der  marksteine.  Über  die  volziehung  oder  vielmehr  nicht- 
volziehung  dieser  strengen  Verfügungen  erhält  man  unter  den  betreffen- 
den capiteln  der  deutschen  Kechtsalterthümer  (520,  546)  bescheid. 

5.    Warum  die  schweine  aufgedrehte  schwänze  haben. 

Der  Hochschwab  hat  auch  seine  launige  teufelssage.  Einmal, 
erzählt  man,  kam  der  teufel  zu  einem  bauern  und  sagte:  bauer,  ich 
bin  in  stand  alle  deine  schweine  über  das  dach  des  schweinstalles  zu 
werfen.  —  Das  ist  keine  so  grosse  kunst,  erwiderte  herzhaft  der  bauer, 
das  kann  ich  auch.  —  Versuch's  einmal,  entgegnete  der  teufel.  Der 
bauer  zögerte  nicht  lange,  sondern  machte  sich  gleich  an  die  arbeit, 
aber  nur  bei  einem  einzigen  schwein  gelang  es  ihm,  dasselbe  über  das 
stalldach  zu  schupfen.  Siehst,  was  für  ein  prahlhans  du  bist,  sagte 
der  teufel.  Jezt  schau  einmal  her!  Da  nimt  der  teufel  ein  schwein 
nach  dem  andern,  macht  jedem  am  schwänz  einen  klang,  d.  i.  eine 
schlinge,  um  es  bequemer  halten  und  desto  weiter  und  höher  schleu- 
dern zu  können  und  schupft  richtig  eins  ums  andere  über  das  stalldach. 
Seither,  sagt  das  volk,  tragen  die  schweine  aufgedrehte  schwänze. 

WIEN  1879.  FRANZ  BRANKY. 


ZUM   SPKACHGEBRAUCH   GOETHES. 

0.  Jaenicke  hat  in  dieser  Zeitschrift  V,  84  den  gebrauch  eines  es 
vor  dem  prädikate,  der  im  mhd.  gewöhnlich  (s.  Benecke  z.  Iwein  2611), 
für  das  nhd.  bisher  unbelegt  war ,  in  Goethes  Iphigenie  HI,  2  nachgewie- 
sen. Deutlicher  noch  tritt  dieser  gebrauch  hervor  in  der  Farce  Götter, 
Helden  und  Wielaud  (Ausgabe  in40bdn. :  bd.  7,  225).  Wieland: 
Wenn  ihr  Hercules  seid,  so  seid  ihr's  nicht  gemeint.  [Goethe 
selbst  schrieb,  wie  der  vergleich  mit:  Der  junge  Goethe  H,  400  zeigt, 
ihrs  ohne  apostrof.]  Man  sieht  also,  es  komt  nicht  darauf  an,  dass 
auf  dieses  es  (das  sich  bei  G.  übrigens  gewiss  nicht  anders,  als  nach 
dem  pronomen  personale  findet)  ein  Substantiv  als  prädikat  folgt. 

NORTHEIM,  R.    SPRENGER. 


J.   ZACHER,    ZU   MACER  FLORIDUS  349 

ZU  MACER  FLORIDUS. 

Auf  s.  201  dieses  baiides  hatte  ich  mein  bedauern  darüber  aus- 
gesprochen, dass  mir  der  im  jähre  1483  zu  Lübeck  erschienene  nieder- 
deutsche „Hei'barius"  unerreichbar  geblieben  sei,  so  dass  ich  über  ihn 
und  über  sein  Verhältnis  zAim  Mainzer  Herbarius  und  zum  (h)Ortus 
sanitatis  nicht  auskunft  geben  könne.  Li  folge  dessen  ist  herr  gym- 
nasial director  dr.  K.  E.  H.  Krause  in  Rostock  so  gütig  gewesen  mir 
die  uachfolgenden  mitteilungen  zu  senden. 

„Das  bei  Schiller  und  Lübben  genante  buch  (Herbarius)  ist  in 
Wolfenbüttel  med.  51.  3  (nach  Deecke),  wahrscheinlich  der  älteste  druck 
des  B  arthol  0  nie  US  Ghotan  in  Lübeck." 

„1484  folgten  in  Lübeck  von  demselben  drucker  drei  zusammen- 
gehörige werke: 

Promptuarium  medicinae.    146  fol.    4*".     ^hyr  hevet  syk  an  en 
bock  der  arstedien.' 

1)  11"  ^von  meyster  Ysaak  boke.'  Bis  80''  läuft  dann  ^dat  bock 
der  arstedye  von  meystere  Ortolfo.  81^  hyr  leret  de  sulve  meyster 
Ortolf.  wo  sick  eu  mynsche  regereu  schal  in  den  XII  maenthen  des 
jares.'  Ortulf  heisst  sonst  auch  M.  Ortolf  van  Bayerlande.  Der 
lezte  teil  des  Ortolf  ist  ^van  der  nature  der  krude.' 

2)  20  fol.  4*°.  Jiyr  na  in  desseme  boke  wil  ick  Bartholome'  de 

Beneuento  doctor  in  der  arstedie  leren etlike  kraft  un  doghede 

der  branden  watere.'     Die  schlussverse  scheinen   eine  klage  über  nach- 
druck  zu  enthalten. 

3)  24  fol.  4*".  ^  Eyn  ghud  bewert  regimeute  dar  mede  en  jewelik 
mynsche  mach  seker  syn  der  pestilencie.'     Von  Valastus  von  Taren t. 

Die  3  bücher,  zusammengebunden,  sind  in  der  Lübecker  stadt- 
bibliothek.     Barth.  Gothan  druckte  sie." 

„1492.     ^Hyr  heuet  an  de  Lustighe   unde    nochlighe  Gaerde 
der  Suntheit'  womit  verbunden 

1)  ^  dat  Boeck  van  den  Eddelen  Steuen  '  und 

2)  ^van  allen  varwen  des  Waters  der  Mynschen.'  Am  Schlüsse 
heisst  das  buch  ^de  ghenochliche  Gharde  der  Suntheit.'  Gedruckt 
bei  Steffan  Arndes  in  Lübeck.  Die  Lübeckische  stadtbibliothek  hat 
nur  einen  neuen  abdruck  von  1520  (1510  war  es  auch  neu  aufgelegt). 
Das  von  1520  begint :  ^Dit  is  de  genochlike  garde  der  suntheyt.  to 
latine  Ortulus  sanitatis  edder  Herbarius  genömet.'" 

„Diese  notizen  entnehme  ich  v.  Seelen  Selecta  litteraria,  nament- 
lich aber  dem  von  Ihnen  genanten  Deeckeschen  programm,  welches 
die  Lübecker  stadtbibliothek  und  die  Rostocker  univ.  -  bibliothek  besizt, 


350  J-   ZACHER 

auch  ich  selber.  Mehr  über  Steffan  Arndes  bietet  Lappenberg  (Hamb, 
Buchdr.  -  Gesch.)  und  namentlich  Pauli  in  der  Zeitschr.  des  Vereins 
für  Lübeckische  Geschichte  3 ,  s.  254  fgg.  Lezterer  hat  auch  die  vor- 
rede des  Ortus  sanitatis  (s.  264  fgg.)  abdrucken  lassen,  woraus  die  her- 
stellungsart  erhelt.  Arndes  hat  den  Ortus  aus  lateinischen  büchern 
zusammenziehen  und  ins  Niederdeutsche  übersetzen  lassen;  darin  beschrieb 
er  nach  Galien,  Avicenna,  Serapion,  Diascorides,  Pandecta,  Platearius 
450  kräuter;  damit  man  sie  aber  kenne,  Hess  er  sie  nach  der  natur 
zeichnen,  nahm  sogar,  als  er  eine  pilgerreise  nach  dem  heil,  lande 
(graue)  und  dem  Katharinenkloster  am  Sinai,  wahrscheinlich  1489  —  91,^ 
unternahm,  einen  geschickten  maier  mit,  der  auch  dort  die  pflanzen 
nach  der  natur  zeichnete,  mit  denen  er  diese  „by  vefftehalf  hundert 
mit  eren  farwen  und  gestalt,  alze  se  hyr  erschynen"  also  coloriert 
1492  herausgab.  Der  artikel  „Arndes,  Steifan"  Allg.  d.  Biogi*.  1,  540 
von  Mühlbrecht  ist  unbrauchbar." 

Diesen  wilkommenen  und  wertvollen  mitteilungen  erlaube  ich  mir 
einige  ergänzende  bemerkungen  hinzuzufügen. 

Die  unter  dem  jähre  1484  aufgeführte  incunabel  scheint  dieselbe 
zu  sein,  welche  Hain  in  seinem  Kepertorium  bibliographicum  (Stuttg. 
1826)  vol.  1.  pars  1.  s.  563  fg.  folgendermassen  beschrieben  hat: 

„4035.  BUCH  von  allen  Krankheiten  etc.  D3^th  is  das  Kegister 
desses  bokes  der  arstedie.  Post  tab.  f.  1 :  Hyr  heuet  sik  an  ein  bock 
ter  arstedien  van  allen  krankheyten  van  ghebreken  des  mynschen.  Seq.: 
Bok  van  der  nature  der  Krude,  in  cujus  fine:  Mille  quadringentis  simul 
octuaginta  retentis  ||  In  quarto  cristi  pro  laude  dei  decus  isti  ||  Hoc  opus 
arte  mei  Impressum  Bartholomei  ||  Ghotan,  degentis  et  in  urbe  lubeck 
residentis.  Seq. :  En  ghud  bewert  regimente  dar  mede  ein  iewelick 
Mynsche  mach  secker  syn  der  pestilencic.  In  fine :  Hyr  heft  enen  ende 
dat  klene  bock  van  der  pestilencien ,  ghemaket  van  dem  vorluchtenden 
manne  unde  doctor ,  gheheten  Valastus  van  Tarenta ,  des  koninghes  van 
Frankrike  en  arste.  vnde  was  eyn  vornamen  arste  der  arsten.  Deo  gra- 
cias.  Bartholomeus  Ghotan  impressit  in  Lubeck.  Hyrna  in  desseme 
boke  will  ick  Bartholomeus  de  Benevento  doctor  in  der  arstedie  leren 
mit  hulpe  des  alweltigen  gottes  etlike  Kraft  unn  doghede  der  branden 
watere  etc.  In  fine:  Ghotan  Bartolomeus.  In  fine  tab.  legitur  lib.  tit: 
Promptuarium  Medicus.    4." 

Unter  dem  Meister  Ysaak  mag  vielleicht  gemeint  sein  Isaac 
Judaeus,  ein  ägyptischer  Israelit,  der  zwischen  830  und  982  gelebt 
hat,   und  über  den  Ernst  Meyer,  geschichte  der  botanik  3,  170  und 

1)  „Darnach  kann  auch  R.  Röliricht  u.  Meisner,  Pilgerfahrten,  ergänzt  werden." 


zu   MACER   FLORIDUS  351 

Heinrich  Haeser,  lehrbucli  der  geschichte  der  medicin.  Dritte  bear- 
beitung.  1,  573  gehandelt  haben.  Sein  Tractatus  de  diaetis  particula- 
ribus  ist  gedruckt  worden  zu  Padua  1487  und  zu  Basel  1570;  seine 
Opera  sind  erschienen  Lugduni  1515  und  widerholt  1525. 

Ortolf  von  Baierland,  der  nach  1400  als  arzt  in  Würzburg- 
gelebt  hat,  ist  kurz  erwähnt  bei  Haeser  1,  818,  und  auch  W.  Wacker - 
nagel  gedenkt  seiner  in  seiner  Geschichte  der  deutschen  litteratur, 
zweite  aufl.  von  E.  Martin.  Basel  1879.  1,  434.  Sein  „Arzneibuch" 
muss  grossen  beifall  gefunden  haben,  denn  es  ist  in  zahlreichen  hand- 
schriften  erhalten,  deren  die  Münchener  bibliothek  eine  statliche  reihe 
besizt,  und  ist  dann  auch  noch  im  15.  Jahrhundert  widerholt  gedruckt 
worden. 

Bartholomaeus  von  Benevent  ist  mir  nicht  bekant. 

Valescus  von  Taranta  in  Portugal  wirkte  als  geschäzter  arzt 
und  berühmter  lehrer  seit  1382  in  Montpellier.  Sein  Philonium  phar- 
maceuticum  et  chirurgicum  und  sein  Tractatus  de  epidemia  et  peste 
waren,  nach  Haeser  1,  712,  vielgelesene  handbücher,  die  sich  lange 
in  geltung  und  ansehen  erhalten  haben. 

Aus  dem  1492  bei  Steffan  Arndes  in  Lübeck  gedruckten 
Gaerde  der  Suntheit  hat  Oberappellationsrat  dr.  Pauli  1876  in  der 
Zeitschrift  des  Vereines  für  Lübeckische  Geschichte  3,  254  fgg.  einen 
teil  des  Inhaltes  der  vorrede  auszüglich  mitgeteilt.  Das  in  dieser  vor- 
rede gesagte  hat  er  ohne  weitere  prüfung  als  wahr  und  zuverlässig  hin- 
genommen, und  daraus  den  schluss  gezogen,  der  buchdrucker  Arndes 
selbst  habe  zwischen  den  jähren  1489  und  1491  eine  pilgerreise  nach 
dem  heiligen  grabe  und  dem  Katharinenkloster  am  Sinai  gemacht,  habe 
auf  derselben  durch  einen  zu  diesem  zwecke  mitgenommenen  geschick- 
ten maier  die  ausländischen  pflanzen  abbilden,  und  habe  endlich  nach 
der  heimkehr  sein  lateinisches  buch  ins  deutsche  übersetzen ,  und  im 
drucke  jene  abbildungen  durch  ausgemalte  holzschnitte  widergeben  las- 
sen. Es  war  Pauli  unbekant  geblieben ,  dass  schon  seit  dreissig  jähren 
von  mehreren  namhaften  natur-  und  litteraturkundigen  forschem,  Chou- 
lant,  Stricker,  Pritzel,  Ernst  Meyer,  eingehendere  Untersuchun- 
gen angestelt  und  veröffentlicht  worden  waren  über  den  lateinischen 
(h)Ortus  sanitatis,  den  deutschen  Gart  der  gesundheit,  und  namentlich 
auch  über  die  in  beiden  werken  enthaltene  und  von  einer  reise  nach 
dem  Morgenlande  erzählende  vorrede.  Zeit  und  ort  der  entstehung 
und  die  Verfasser  dieser  beiden  werke  mit  voller  Sicherheit  zu  ermit- 
teln ist  jenen  forschern  zwar  noch  nicht  gelungen ,  bewiesen  aber  haben 
sie,  und  namentlich  E.  Meyer  (1857,  Gesch.  d.  botanik  4,  190),  dass 
die  im  wesentlichen  übereinstimmende,  im  einzelnen  jedoch  verdächtig 


352  CRECELIUS,   FETISCH 

abweichende  angäbe  der  vorrede  beider  bücher,  des  lateinischen  wie 
des  deutschen,  ein  teil  des  Inhaltes  und  der  abbildungen  sei  ergebnis 
einer  reise  nach  dem  Oriente,  nichts  anderes  ist,  als  eine  blosse  erdich- 
tung  und  fälschung,  die  nur  den  zweck  hat,  den  käufer  und  leser  zu 
täuschen  und  zu  blenden.  Dem  sicheren  ergebnisse  dieser  beweisführung 
hat  auch  Haeser  zugestimmt,  Lehrb.  d.  gesch.  d.  medic.  3.  bearb.  1,  820. 

HALLE,  22.  NOVEMBER  1880.  J.  ZACHER. 


FETISCH. 

Zu  ztschr.  XII,  81. 


In  einer  mehr  oder  weniger  dem  portugiesischen  feiti^äo  angelehn- 
ten form  findet  sich  das  wort  häufiger  seit  dem  anfang  des  17.  jh. ,  so 
z.  b.  in  der  von  mir  bei  Birlinger  (Alemannia  VII)  herausgegebenen 
reisebeschreibung  von  Josua  ülsheimer: 

„Auf  irem  Marckht  haben  sie  ein  heüßlen  stehen.  Wan  nun 
eßender  speiße  etwas  uf  den  Marckhte  kommet  so  opffern  sie  zuvor- 
derst dem  Teüflfel  (den  sie  Fitiße  neuen)  darvon.  Ihr  König  —  thut 
änderst  nichts  dan  das  er  alle  tag  sein  Fütiße  (das  ist  sein  Teüffels- 
beschwerung  und  Zauberei  oder  Gottesdienst)  machet."     S.  109. 

„  Zum  beschluß  der  beschreibung  Guineae  kan  ich  ungemeldet  nit 
laßen,  das,  gleichwie  Papisten  järlich  an  Fronleichnams  tag  umb  ir 
Esch  oder  velder  gehen,  und  dieselben  vor  ungewitter  segnen,  also 
khoüäen  die  Guineser  järlich  in  alle  und  jede  derfer  im-Aprilen  auf 
einen  gwißen  tag  zusamen ,  da  machen  sie  ihre  Futise  oder  Teüfels- 
bilder  oder  Abgott,  dem  Teufel  zu  ehren  ihre  Futise.  Ist  nichts  anders, 
dan  ein  häufen  zusamen  getruckhten  kats."     S.  114, 

Die  reise  von  ülsheimer  fält  in  die  ersten  jähre  des  17.  jh. 

In  der  „Warhafftigen  Historischen  Beschreibung  des  Gewaltigen 
Goldreichen  Königreichs  Guinea  —  durch  M.  Gotthardt  Arthus  von 
Dantzig  (Franckf.  a.  M.  1630)"  steht  Fetisso,  im  „Anhang  der  Be- 
schreibung des  Königreichs  Congo,  lühaltend,  Fttnff  Scliiflfarten  Samuel 
Brauns  Burgers  und  Wundartzt  zu  Basel  (Franckf.  a.  M.  1628)" 
Fytysi.  Diese  beiden  werke  bilden  den  6.  und  12.  teil  der  im  vorlag 
von  Wilhelm  Fitzer  in  Frankfurt  erschienenen  grossen  samlung  von 
reisebeschreibungen  „Der  Orientalischen  Indien." 

Weigand  hat  im  Wörterbuch  blos  die  an  das  französische  sich 
anlehnende  heutige  form  des  wertes  behandelt. 

ELBERPELD.  W.    CRECELIUS. 


353 


LITTERATUR 
EIN  BRIEF  JACOB  GRIMMS  AN  JON  ARNASON. 

Mitgeteilt  von  herrn  William  St.  Carp enter  in  Leipzig. 

Hochgeehrter  herr, 
grosze  fremie  haben  Sie  mir  gemacht  und  grosze  ehre  angethan  durch  die 
Widmung  Ihrer  volkssagen  und  märchen,  Islenzkar  pjodsügur  og  Müntyvi;  Leip- 
zig, 1862,  die  schon  seit  vierzehn  tagen  in  meinen  händen  sind,  es  hätte  mir 
nichts  angenehmeres  können  zu  theil  werden  ich  ziehe  vielen  gewinn  aus  dem 
schönen  werke  für  Sachen  und  für  worte,  die  sich  gegenseitig  bedingen,  gott  hat 
in  die  fernste  spitze  Europas  das  isländische  volk  gesetzt,  damit  es  in  dieser  hei- 
mat  einen  schätz  von  sage  und  spräche  hegen  und  retten  sollte,  der  anderwärts 
überall  im  geräusche  der  weit  untergegangen  oder  verkümmert  worden  wäre,  wir 
alle  lernen  daraus  und  werden  jetzt  auch  durch  die  vollen  klänge  lebendiger  volks- 
poesie  überrascht ,  die  an  den  tag  kommen.  Ihnen  und  Ihren  gehülfen  gebührt  der 
aufrichtigste  dank,  ich  freue  mich  im  voraus  auf  die  fortführung  Ihrer  samlungen 
und  verbleibe  mit  wahrer  hochachtung  und  freundschaft 

Ihr  ergebenster 

Jacob  Grimm. 
Berlin,  15.  märz  1862. 
Herrn  Gudbrandr  Vigfüsson,  den  vf.  der  vorrede  bitte  ich  zu  grüssen ;  betrübt 
hat  mich  herrn  Magnus  Grimsson  abieben. 
Äussere  aufschrift  des  briefes: 

Herrn  Jon  Arnason 

Eeykjavik. 


DIE   JAHRES  VERS  AMLUNG   DES   VEREINS    FÜR   NIEDERDEUTSCHE 

SPRACHFORSCHUNG  IN   HILDESHEIM 

am  17.  bis  20.  mai  1880. 

Der  verein  für  niederdeutsche  Sprachforschung  und  der  hansische  geschichts- 
verein  stehen  in  enger  beziehung  zu  einander.  Die  spräche,  die  litteratur,  die 
äusserungen  des  Volkstums  Niederdeutschlands  beschäftigen  jenen,  diesen  die  innere 
und  äussere  geschichte  der  hansischen  städte.  Und  weil  die  bedeutungsvolste  zeit 
der  hansa,  das  14.  und  15.  Jahrhundert,  mit  der  blute  der  niederdeutschen  litte- 
ratur zusammenfält ,  weil  ferner  die  leztere  gerade  dui'ch  ihre  historischen  und 
juridischen  werke  gross  dasteht,  so  wird  das  material,  was  in  den  Schriften  jedes 
einzelnen  Vereines  zu  tage  gefördert  wird,  meist  zur  quelle,  aus  der  die  forschun- 
gen  beider  vereine  schöpfen.  Die  gemeinsamkeit  des  forschungsgebietes  und  der 
quellen  sind  aber  nicht  die  einzigen  bänder,  welche  beide  vereine  an  einander 
knüpfen,  sie  sind  einander  auch  dadurch  verbunden,  dass  eine  grosse  zahl  ihrer 
mitglieder  beiden  vereinen  zugleich  angehört.  Diese  gegenseitige  Stellung  der  ver- 
eine zu  einander  erklärt  den  auf  den  ersten  blick  vielleicht  befremdenden  umstand, 
dass  der  verein  für  niederd.  Sprachforschung  seine  jahresversamlungen  nicht  im 
anschluss  an  die  germanistischen  sectionen  auf  den  deutschen  philologenversamlun- 
gen  abzuhalten,  sondern  mit  dem  hansischen  geschichtsverein  zusammen  zu  Pfing- 
sten jedes  Jahres  zu  tagen  pflegt. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOI-OGIE.      BD.    XII.  23 


354 


SEELMANN 


Zur  diesjährigen  tagfahrt,  welche  nach  Hildesheim  zum  17. — 20.  mai  aus- 
geschrieben war,  hatten  sich  ungefähr  achtzig  hanseaten  und  niederdeutsche  auf- 
gemacht, mit  denen  sich  ziemlich  ebensoviel  einheimische  als  teiluehmer  an  den 
wissenschaftlichen  Sitzungen  und  festlichen  versamlungen  vereinigten.  Wir  ver- 
zeichnen nachstehend  die  namen  nur  derjenigen  herren,  welche  den  separatsitzun- 
gen  des  Vereins  für  niederdeutsche  Sprachforschung  beigewohnt  haben. 


Lübben,  bibliothekar, 
V.  Bippen,  archivar,  Bremen. 
Borchers,  Oberlehrer. 
Boysen,  bürgermeister. 
Brandenburg,  ratsherr,  Stralsund. 
V.  Brandts,  hauptmann,  Güttingen. 
Brehmer,  Senator,  Lübeck. 
Breusing,  direktor,  Bremen. 
Bück,  dr.  jur. 
Casper,  dr.  med.,  Hamburg. 
Culemann,  Senator,  Hannover. 
Döbner,  archivsecr. ,  Hannover. 
ten  Doornkaat-Kooluian,  reichstagsab- 
geordneter, Norden. 
Frensdorff,  professor,  Göttingen. 
(xädertz,  dr.  jur.,  Lübeck. 
Gerstenberg,  Senator. 
drevel,  apotheker,  Stele. 
Hänselmann,  archivar,  Braunschweig. 
Uarms,  schulrat,  Hamburg. 
Hasse,  professor,  Kiel. 
Kölscher,  professor,  Herford. 
Kapp,  dr.  jur.,  Berlin. 
Kirclienpauer,  lieutenant,  Eimbeck. 
Kircbhoff,  direktor. 
König,  gymn.-lehrer,  Bremen. 
Koppmanu,  dr.  ph.,  Barmbeck. 
KUhne,  oberldg.-präsident,  Celle. 


Oldenburg.     (Vorsitzender.) 
K.  W.  Meyer,  direktor,  Hannover. 
Michelsen,  direktor. 
Mieick,  dr.  ph.,  Hamburg. 
Mohrmann,  gymn.-lehrer,  Hannover. 
V.  Münchhausen,  dr.  jur. 
Pauli,  professor,  Göttingen. 
Peppmüller,  buchhändler,  Göttingen. 
V.  Pilgrim,  landdrost. 
Platlmer,  dr.  ph. 
V.  d.  Kopp,  professor,  Dresden. 
Schmidt,  direktor,  Halberstadt. 
Schmidt,  apotheker. 
Schierenberg,  Meinberg  i.  W. 
Schoeffer,  Amsterdam. 
Seelmann,  bibl. -secr. ,  Berlin. 
Soltau,  buchhändler,  Norden. 
Sprengeil,  dr.  med.,  Lüneburg. 
Struckmann,  bürgermeister. 
Victor,  kirchenrat. 
Waitz,  geh.  reg. -rat,  Berlin. 
Walther,  bibl. -secr. ,  Hamburg. 
Wiecker,  professor. 
Wilken,  docent,  Göttingen. 
Winkler,  dr  ,  Harlem. 
Ziegeler,  dr. 

Zimmermann,   archivassistent,  Wolfen- 
büttel. 


Die  Sitzungen  des  Vereins  für  niedord.  Sprachforschung  fanden  im  musikzim- 
mer  der  Union  statt,  die  erste  am  dienstag  den  18.  mai. 

Nachdem  der  Vorsitzende  die  versamlung  mit  einer  kurzen  anspräche,  in 
welcher  er  der  hofnung  ansdruck  gab ,  dass  gleich  den  früheren  auch  die  diesjährige 
Zusammenkunft  dem  verein  neue  freunde  zuführen  werde,  eröfnet  hatte,  erteilte  er 
herrn  professor  Wiecker  aus  Hildesheim  das  wort. 

Er  wolle,  begann  der  vortragende,  sich  die  aufraerksamkeit  der  versamlung 
zu  mitteilungen  über  ein  in  Hildesheim  entstandenes  und  in  hildesheimischen  hand- 
schriften  erhaltenes  gescliichtswerk  erbitten,  welches  bis  auf  ein  bruchstück  noch 
ungedruckt  sei,  für  die  annalen  des  hildesheimischen  dechanten  Johannes  Olde- 
kop,  welche  die  zeit  von  1501  — 1573  umfassen  und  in  mittelniederdeutscher  spräche 
geschrieben  seien.  Nur  aus  den  jähren  1513  —  1523  seien  vorzüglich  die  abschnitte, 
welche  die  entstehung  und  den  verlauf  der  für  Hildesheim  so  verhängnisvollen 
stiftsfehde  erzählen,  in  der  Zeitschrift  des  muaeums  zu  Hildesheim  1846  von  Herrn. 


JAHRESVERSAMLUNG   D.   VEREINS   F.    NDD.    SPRACHE.  355 

Ad.  Lüntzel  zum  abdruck  gebracht  worden ,  einzelne  kleinere  stücke  ausserdem  in 
liocbdeutscher  Übersetzung  l)ekant  gemacht.  So  sei  Oldekop  fast  nur  als  historiker 
der  Stiftsfehde  bckant  und  gewürdigt  worden,  der  gröste  teil  seines  Werkes  noch 
ungedruckt  und  unbekant.  Für  die  Sprachforschung  des  niederdeutschen  wertvolles 
material  bietend  und  kulturgeschichtlich  von  nicht  geringem  Interesse  verdienten 
die  annalen  Avol  einen  volständigen  abdruck  und  dürfte  die  herausgäbe  dem  verein 
als  ein  verdienstvolles  und  dankeswertes  unternehmen  empfohlen  werden.  Die 
Urschrift  der  annalen  sei  im  besitze  des  gymnasium  Josephinum  gewesen,  aber  vor 
mehreren  decennien  abhanden  gekommen.  Zum  glück  seien  noch  abschritten  vor- 
handen ,  eine  sehr  gute  aus  dem  jähre  1606  befinde  sich  in  der  Beverinschen  biblio- 
thek,  eine  aus  jüngster  zeit  auf  dem  gymnasium  Josephinum,  eine  dritte  im  Pri- 
vatbesitze des  herm  dr.  Kratz. 

Was  der  lebenslauf  des  Verfassers  bemerkenswertes  geboten  habe ,  lasse 
sich  vornehmlich  aus  gelegentlichen  raitteilungen  in  den  annalen  ersehen.  Geboren 
sei  er  1493  in  Hildesheim,  wo  sein  vater  städtischer  baumcister  war,  1515  habe 
er  die  Universität  Wittenberg  bezogen  und  sei  schüler  und  beichtkind  Luthers  gewe- 
sen, aber  schon  nach  einem  jähre  wegen  der  unter  den  Wittenberger  Studenten 
ausbrechenden  wirren  auf  wünsch  des  vaters  in  seine  heimat  zurückgekehrt.  Pro- 
testant sei  er  nicht  geworden,  er  habe  vielmehr  den  eintritt  der  reformation  beklagt. 
Im  jähre  1519,  kurz  nach  der  schlacht  bei  Soltau,  habe  ihn  sein  vater  nach  Italien 
geschickt,  von  wo  er  1524  nach  Hildesheim  zurückkehrte.  Später  1527  begab  er 
sich  in  wichtigen  angelegenheiten  seiner  diöcese  (es  handelte  sich  um  die  wähl 
des  kaiserl.  vicekanzlers  Balthasar,  probst  zu  Waldkircheu,  zum  hildesheimischen 
bischofe)  an  den  hof  Karls  V.  zu  Burgos  in  Spanien  und  war  anwesend ,  als  Franz  I. 
und  Heinrich  VIII.  durch  ihre  gesanten  dem  kaiser  den  krieg  erklären  Hessen 
(22.  Januar  1528).  Zu  Freiburg  im  Breisgau  machte  er  die  bekantschaft  des  81jäh- 
rigen  Erasmus  von  Eotterdam,  eines  Jugendfreundes  des  postulierten  bischofs  Bal- 
thasar. Bald  nach  seiner  heimkehr  1528  ward  er  am  stift  zum  h.  kreuz  canonicus, 
im  jähre  1549  dechant.  Als  solcher  ist  er  81  jähr  alt  1574  gestorben.  —  Die 
Oldekopschen  annalen  seien  von  hervorragendem  werte  als  geschichtsquelle  der 
Stadt  Hildesheim  für  eine  viel  bewegte  zeit,  ausgezeichnet  dadurch,  dass  der  Ver- 
fasser nur  berichte,  was  er  selbst  erlebt  oder  von  augenzeugen  in  erfahrung 
gebracht  habe,  aber  sie  seien  nicht  für  die  localgeschichte  allein  von  wert,  sondern 
sie  greifen  in  folge  des  lebensganges  des  Verfassers  weit  über  die  grenzen  seiner 
engeren  heimat  hinaus,  und  geben  den  frischen  eindruck  wider,  den  der  Verfasser 
aus  dem  verkehr  mit  weltgeschichtlichen  männern  seiner  zeit  gewonnen  hat.  Als 
probe  der  mundart  und  anschaulichen  darstellung  teilte  der  vortragende  ein  stück 
aus  dem  anfange  des  Werkes  mit,  den  bericht  über  die  eindringlichen  predigten 
des  aus  Hannover  gebürtigen  barfüssermönches  Joannes  Kannegiesser  im  dorne, 
St.  Michael  und  St.  Godehard  im  jähre  1501,  merkwürdig  durch  prophetischen  hin- 
weis  auf  „eine  schwäre  undt  bittere  gemeine  reformation."  Zum  Schlüsse  wies  er 
darauf  hin ,  dass  das  von  Oldekop  erbaute  und  bewohnte  haus  noch  erhalten  sei 
und  durch  seine  Inschrift  auf  die  in  den  annalen  dem  gedächtnis  aufbewahrten 
wirren  mit  bitterem  schmerze  hindeute  (virtus  cessat ,  ecclesia  turbatur ,  clerus  errat, 
daemon  regnat,  simonia  dominatur). 

Nach  beendigung  des  Vortrages  bemerkte  herr  Senator  Culemann  aus  Han- 
nover ,  eine  angesehene  familie  Oldekop  wohne  noch  jezt  in  Hannover ,  dieselbe  sei 
mit  dem  hildesheimschen  historiker  verwant  und  im  besitze  ihn  betreffender  auf- 
zeichnungen. 

23* 


356  SEELMANN 

Es  erstattete  darauf  der  herr  Vereinsvorsitzende  den  geschäftlichen 
bericht  über  das  vereinsjahr  1879  —  80.     Wir  entnehmen  daraus  folgendes. 

Der  verein  hatte  im  vergangenen  geschäftsjahre  mit  einem  bestände  von  372 
mitgliedern  abgeschlossen ,  neu  eingetreten  sind  während  des  verflossenen  jahres  92, 
zur  anzeige  kamen  6  todesfälle  und  ausgetreten  sind  19  mitglieder,  die  zahl  der 
in  der  Vereinsliste  verzeichneten  beläuft  sich  demnach  auf  439.  Die  zahl  der  bezirks- 
vereine  hat  sich  um  einen  vermehrt,  die  im  Wuppertale  wohnenden  mitglieder 
desselben  finden  sich  unter  dem  vorsitz  des  herrn  professor  Crecelius  in  regel- 
mässigen Sitzungen  zusammen. 

Zu  den  todesfällen,  welche  der  verein  zu  beklagen  hat,  gehört  auch  der  des 
im  december  1879  verstorbenen  rechtsanwalts  dr.  K.Bauer  aus  Arolsen.  Derselbe 
hat  kurz  vor  seinem  tode  dem  verein  zwei  grössere  Stiftungen  zugewant,  1500  mark 
zur  Veranstaltung  einer  samlung  und  ausgäbe  der  plattdeutschen  volksreime,  kin- 
derlieder  und  rätsei,  ferner  6000  mark  zur  wissenschaftlichen  bearbeitung  und  her- 
ausgäbe eines  von  ihm  zusammengestelten  Waldeckschen  Idiotikons,  und  zwar  mit 
der  weiteren  bestimmung,  dass  der  verein  über  den  ev.  übrig  bleibenden  betrag  zu 
gunsten  seiner  andern  publicationen  frei  verfügen  könne.  Wie  der  vortragende 
bemerkte,  würde  der  vorstand  die  geeigneten  kräfte  zur  herausgäbe  der  genanten 
samlungen  zu  gewinnen  suchen,  von  mitteilungen  über  den  lebenslauf  des  herrn 
Bauer  sehe  er  deshalb  ab,  weil  eine  kurze  darstellung  von  berufener  hand  eins  der 
nächsten  korrespondenzblätter  des  Vereins  bringen  würde,  doch  wolle  er  bemerken, 
dass  die  erforschung  der  deutschen  mundarten  durch  den  verstorbenen  auch  dadurch 
gefördert  werde,  dass  er  der  Universität  Jena  eine  grössere  summe  zu  einem  Preis- 
ausschreiben für  die  beste  deutsche  dialektkarte  überwiesen  habe. 

Von  den  denkmälern  des  Vereins  sei  jezt  vom  dritten  bände,  von  professor 
Wätzoldt  in  Hamburg  herausgegen,  das  erste  heft  im  drucke  vollendet  und  werde 
nächstens  zur  Versendung  kommen,  es  enthält  dasselbe  den  text  des  mnd.  Flos 
unde  Blankflos  sowie  die  bruchstücke  de  segheler  und  de  vorlorene  sone.  Mit  der 
herstellung  der  folgenden  bände  seien  die  bearbeiter  beschäftigt,  es  seien  die  pre- 
digten des  Kus,  welche  dr.  Nerger  in  Rostock  und  de  Koker,  welchen  dr.  Da- 
ten dorf  in  Schwerin  zur  bearbeitung  übernommen  habe.  Von  den  Idiotiken,  die 
zur  zeit  vorbereitet  würden,  sei  das  Woestesche  bereits  bis  zum  siebenten  bogen 
gedruckt,  das  von  dem  verstorbenen  pastor  Mechelnborg  hinterlassene  Wörter- 
buch der  Amrumer  mundart  werde  von  herrn  Möller  druckfertig  gemacht.  Von 
den  Jahrbüchern  des  Vereins  sei  schliesslich  das  fünfte  ziemlich  zu  ende  gedruckt 
und  werde  im  juli  oder  august  zur  Verteilung  kommen. 

Es  folgte  hierauf  der  Vortrag  desselben  herrn  Vereinsvorsitzenden  dr.  Lüb- 
ben:   Zur  geschichte  der  niederdeutschen  spräche. 

Der  redner  schilderte  zunächst  den  zustand  der  deutschen  und  insbesondere 
der  niederdeutschen  Sprachforschung  zu  anfang  dieses  Jahrhunderts.  Die  tiefsten 
Probleme  suchte  man  zu  ergründen,  ohne  auf  die  nächstliegenden  fragen  sicheren 
bescheid  geben  zu  können.  Es  zeigt  das  besonders  die  bearbeitimg,  welche  die  im 
jähre  1798  von  der  königl.  geselschaft  der  Wissenschaften  zu  Göttingen  gestclte 
aufgäbe  „über  die  entstehung,  bildung  und  geschichte  der  niederdeutschen  spräche 
bis  auf  Luthers  zeiten  „gefunden  hat.  Der  preisgekrönte  versuch  einer  beantwor- 
tung  ist  die  1800  gedruckte  geschichte  der  niedersächsischen  spräche  entworfen  von 
J.  F.  A.  Kinder ling,  er  konte  zugleich  beweisen,  wie  verfrüht  jene  fragen 
damals  gestelt  wurden,  welche  trotz  ihrer  bedeutung  noch  heute  ungelöst  sind. 
Kinderling   sucht  im   ersten   teile   seines  Werkes  das  Verhältnis  zu  ergründen,    in 


JAHRESVERSAMLÜNO    D.    VEREINS   F.    NDD.    SPRACHE,  357 

welchem  das  Nicderdeutsclic  /.um  Skythisclien,  Keltischen,  Griechisclum  usw.  stünde, 
am  wahrsclieinliclistcu  scheint  ihm ,  dass  es  aus  dem  Celtoskytliischen  entstanden 
sei.  Die  niedersächsischo  muudart  gilt  ihm  als  die  mutter  aller  der  germanischen 
sprachen,  welche  mit  ihm  auf  gleicher  lautstufe  stehen ,  des  Angelsächsischen,  Frie- 
sischen, Isländischen  usw.  Diese  anschauung  und  das  Unvermögen  bei  den  denk- 
mälern,  welche  vor  dem  14.  Jahrhundert  liegen,  hochdeutsch  und  niederdeutsch 
sicher  zu  scheiden,  hat  sein  Verzeichnis  niederdeutscher  litteraturdenkmäler  vom 
f).  — 13.  Jahrhundert  ermöglicht.  Man  findet  so  ziemlich  alles,  was  an  ahd.  und 
ags.  werken  damals  bekant  war,  darin  aufgeführt,  in  allen  findet  Kinderling  spu- 
ren des  Niedersächsischen,  im  salischen  gesetze,  in  Dagoberts  capitularien ,  den 
alemannischen  und  bairischen  gesetzen,  bei  den  minnesängern  usw.  Erst  vom  13. 
und  14.  Jahrhundert  ab  vermag  er  meist  richtig  anzugeben ,  was  niederdeutsch  ist, 
und  in  der  Übersicht,  welche  er  über  die  niederdeutschen  denkmäler  dieser  und  der 
folgenden  Jahrhunderte  gibt,  hat  er  seiner  zeit  ein  fleissiges  und  verdienstliches 
werk  geliefert.  Die  fehler,  welche  ihm  hier  unterlaufen,  darf  man  ihm  umsoweni- 
ger  hoch  anrechnen,  als  es  in  der  tat  bei  vielen  werken,  deren  Schreiber  hoch- 
und  niederdeutsche  formen  durcheinander  mengen,  schwierig  oder  geradezu  unmög- 
lich ist,  zu  entscheiden,  in  welcher  mundart  sie  von  ihren  Verfassern  ursprünglich 
niedergeschrieben  sind.  Ganz  besonders  gilt  das  von  Schriften  welche  wegen  ihrer 
mitteldeutschen  formen  in  frage  kommen.  Ist  doch  sogar  die  begrenzung  der  heu- 
tigen mundart  nach  Mitteldeutschland  zu  mit  besonderer  Schwierigkeit  verknüpft, 
wo  der  unterschied  von  dat  und  das  als  kriterium  nicht  immer  anwendbar  ist,  mit 
hilfe  dessen  man  auf  einer  grossen  strecke  des  gebietes  die  grenze  des  Niederdeut- 
schen zu  ziehen  pflegt.  Der  unterschied  und  die  gemeinsamkeit  niederdeutscher  und 
hochdeutscher  wortform  und  bedeutung  sei  heut  zu  tage,  wo  der  niederdeutsche 
von  jähr  zu  jähr  an  lebendigem  Sprachgefühle  einbüsse,  noch  in  anderer  beziehung 
verhängnisvoll.  Als  beleg  wie  das  Niederdeutsche  selbst  im  volke  hochdeutsch 
gedeutet  werde ,  gab  der  redner  ein  interessantes  beispiel.  Bei  ihm  zuhause  findet 
sich  noch  für  sterben,  abscheiden  das  wort  overliden ,  die  ursprüngliche  bedeutung 
ist  natürlich  „hinübergehen,"  gedeutet  wird  es  aber  jezt  als  „hinüberleiden,  aus- 
gelitten haben." 

Redner  gieng  dann  auf  die  forderungen  ein,  die  man  an  eine  geschichte  der 
niederdeutschen  spräche  zu  stellen  habe,  sowie  auf  die  Schwierigkeit,  ja  zum  teil 
Unmöglichkeit,  die  almähliche  Veränderung  der  niederdeutschen  spräche  und  ilirer 
dialecte  volständig  darzulegen ,  und  berührte  dabei  auch  das  alter  der  mittelnieder- 
deutschen litteraturdenkmäler,  welche  erst  nach  1300,  mit  welchem  jähre  ungefähr 
auch  die  kanzleien  beginnen  deutsche  Urkunden  auszustellen,  zahlreicher  werden, 
und  schloss  mit  einer  vergleichung  der  früheren  und  jetzigen  Sprachforschung, 
wobei  er  vor  den  gefahren  warnte ,  welche  der  lezteren  drohen ,  indem  sie  auf  die 
minimalsten  unterschiede  eingehe  und  gewicht  lege ,  obgleich  diese ,  besonders  wenn 
sie  lautphysiologischer  art  seien ,  oft  nur  ganz  individuell  und  nicht  in  der  mund- 
art selbst  gegründet  seien. 

Dem  vortrage  folgte  eine  ziemlich  augeregte  discussion,  an  der  sich  die 
herren  direkter  Breusing,  prof.  Hasse,  dr.  Seelmann  und  dr.  Walther  betei- 
ligten, indem  sie  besonders  die  altersbestimmung  einiger  denkmäler  des  13.  Jahr- 
hunderts erörterten. 

Hiernach  empfieng  herr  dr.  med.  Casper  aus  Hamburg  das  wort  zu  einigen 
mitteiluugen  über  die  Nobiskrüge  und  die  mutmassliche  Ursache  die- 
ser benenuung. 


358  SEELMANN 

Die  rätselhafte  bezeiclinuug  Nobiskrug,  begann  der  vortragende,  welclie  ein 
zwischen  Hamburg  und  Altona  belegener  alter  krug  schon  vor  Jahrhunderten  geführt 
habe,  und  welche  man  in  vielen  gegenden  Norddeutsclüands,  in  Oldenburg,  Lauen- 
burg ,  Holstein  usw. ,  hin  und  wider  auch  in  umgestalteter  form  als  Naberskrug 
u.  dgl.  widcrflnde,  habe  seine  aufmerksamkcit  schon  vor  mehr  als  zwanzig  jähren 
erregt  und  ihn  veranlasst  nachweise  ihres  Vorkommens  und  sagen ,  welche  sich  an 
die  so  benanten  krüge  knüpfen ,  zu  sammeln.  Die  erinnerung  hieran  sei  ihm  hier 
in  Hildesheim,  in  dessen  gebiete  sich  gleicbfalls  ein  Nobiskrug  finde,  wider  frisch 
und  lebendig  geworden  und  habe  ihn  zu  einem  ausfiuge  nach  dem  nicht  alzufern 
gelegenen  kruge  bewogen.  Dieselben  eigentümlichkeiten ,  welche  er  bei  anderen 
Nobiskrügen  bisher  beobachtet  habe,  seien  von  ihm  auch  bei  dem  hiesigen  vorge- 
funden. Er  glaube  nämlich  in  bezug  auf  die  läge  dieser  krüge  bemerkt  zu  haben, 
dass  dieselben  stets  in  der  nähe  von  bodensonkungen,  abhängen,  teichen  oder 
brüchigen  unwirtlichen  stellen  gebaut  seien.  Dass  dieses  auch  bei  dem  Hildesheimer 
kruge  zutreffe,  glaube  er  aus  den  werten  eines  alten  landmannes  folgern  zu  kön- 
nen, welcher  ihm  mitgeteilt  habe,  dass  als  er  ein  junger  bursche  gewesen  sei,  der 
boden  an  jener  stelle  dem  pflüge  grossen  widerstand  geleistet  hätte ,  er  also  damals 
wol  noch  nicht  lange  cultivicrt  gewesen  sei.  Ferner  senke  sich  die  landstrasse, 
welche  seit  alten  zeiten  bei  dem  kruge  vorüberführe,  in  einiger  entfernung  von 
demselben,  diese  Senkung  sei  jedoch  nur  gering.  Eine  zweite  eigentümlichkeit  der 
Nobiskrüge  bestehe,  wie  schon  J.  Grimm  in  der  deutschen  mythologie  bemerkt 
habe,  darin,  dass  dieselben  stets  ausserhalb  der  städte,  an  der  äussersten  grenze 
des  gebietes,  zu  dem  sie  geliören,  gelegen  seien ,  so  sei  es  hier,  so  bei  den  krügen 
in  Oldenburg,  bei  Hamburg  und  Rendsburg.  Drittens  sei  mehrfach  nachweisbar, 
dass  Nobiskrüge  von  der  kirche  abhängig  oder  ihr  zinspflichtig  gewesen  seien ,  und 
auch  dieses  treffe  bei  dem  hiesigen  kruge  zu,  wie  er  von  dem  pfarrer  der  bezüg- 
lichen parochie  erkundet  habe.  Es  sei  nun  zwar  erklärlich  und  vielfach  nachweis- 
bar, dass  gerade  an  den  grenzen  zweier  gebiete  in  folge  des  lebhaften  tausch-  und 
handelsverkehrs  gern  krüge  erbaut  seien ,  aber  wie  eine  anzahl  derselben  gerade 
zu  dem  nameii  Nobiskrug  gekommen  sei,  ergebe  sich  erst,  wenn  man  die  erwähn- 
ten eigentümlichkeiten  mit  dem,  was  die  volkssagen  von  den  einzelnen  krügen 
erzählen,  sowie  mit  den  bedeutungen  zusammenhalte,  welche  das  wort  Nobiskrug 
getrent  von  der  beziehung  auf  irgend  einen  bestimten  alten  krug  in  früher  ganz 
algemein  verständlichen  und  gebräuchlichen  redensarten  wie  „im  Nobiskrug  sein, 
in  Nobiskrug  fahren  u.  dgl."  angenommen  habe.  Der  vortragende  wies  nun  an 
zahlreichen  sagen  und  belegen  älteren  redegebrauchs  nach,  dass  das  wort  Nobis- 
krug zu  doppelter  bedeutung  gelangt  sei,  einmal  habe  man  es  gebraucht  im  sinne 
von  totenreich,  aufenthalt  der  verstorbenen  im  algemeinen,  in  anderen  fällen  von 
qualvollem  aufenthalt  der  ohne  absolution  abgeschiedenen  oder  für  begangene  ver- 
brechen bestraften  seelen.  So  erzählte  man,  die  landsknechte  kämen  nach  ihrem 
tode  in  Nobishaus ,  spielten  daselbst  mit  dem  teufel  karten  usw.  Dann  aber  sprach 
man  auch  von  dem  Nobiskrug,  wo  die  armen  seelen  in  rotem  feuer  braten  und  die 
flammen  zum  fenster  hinausschlagen. 

Dieser  gebrauch  des  Wortes  für  hölle  stimme  volständig  zu  der  etymologie 
desselben ,  es  hänge  nobis  nämlich ,  wie  Kilian  Duffläus  zeige  und  auch  Grimm 
annehme,  sicher  mit  griech.  «^i'ffffo?,  aitd.  ab is  „abgrund,  hölle"  zusammen,  indem 
a  zu  0  verdumpft  und  als  rest  der  pracposition  in  ein  n  vorgeschlagen  sei,  ebenso 
biete  auch  das  romanische  nabisso  neben  abisso.  Der  vortragende  meinte  nun  die 
veranlassung,    dass   gewissen   krügen  die   bencnuung  abis  oder  nobis  gegeben  sei, 


JAHRBSVERSAMLUNG   D.   VEREINS   F.   NDD.    SPRACHE.  359 

darin  zu  finden,  dass  jene  stellen,  wo  oder  in  deren  nähe  die  Nobiskrügo  sich 
tiudcu ,  alte  heidnische  totonfelder  oder  doch  ungeweihte  begräbnisplätze  gewesen 
seien ,  welche  zwar  unter  kirchliclier  gewalt  gestanden  hätten ,  wo  aber  nur  die- 
jenigen beerdigt  wurden,  welchen  die  lezte  ruhestätte  in  geweihter  erde  versagt 
worden  wäre.  Die  bezeichnung  solcher  stellen  als  orte  der  verdamnis,  als  abis, 
sei  dann  auf  die  krüge  übertragen,  die  hier  später  erbaut  wurden. 

Bei  beginn  der  zweiten  sitzung  des  Vereins,  welche  am  Vormittage  des 
folgenden  tages  stattfand,  kam  zunächst  ein  von  herrn  archivar  Wehrmann  in 
Lübeck  aus  einer  handschrift  des  16.  Jahrhunderts  herausgegebenes  Verzeichnis  der 
fastnachtspiele  der  i)atrizier  in  Lübeck  „der  zu  Hildesheim  tagenden  sechsten  jah- 
resversamlung  des  Vereins  füi-  niederdeutsche  Sprachforschung  zum  grusse  dar- 
gebracht" zur  Verteilung,  worauf  herr  dr.  Walther  aus  Hamburg  das  wort  zu 
seinem  auf  jenes  titelverzeichnis  sich  beziehenden  vertrag  über  die  fastnacht- 
spiele der  patrizier  in  Lübeck  erhielt. 

Nachdem  der  redner  den  Ursprung  der  fastnachtspiele  berühi't  und  die  süd- 
deutschen spiele  kurz  charakterisiert  hatte  ,  wies  er  auf  die  geringe  zahl  der  bis 
jezt  bekant  gCAVordonen  mittelniederdeutschen  fastnachtspiele  hin ,  Ad.  v.  Kellers 
samlung,  welche  132  stücke  umfasse,  biete  unter  dieser  menge  nur  drei  nieder- 
deutsche. Wehrmamis  publication  von  73  titeln  der  spiele,  welche  die  zirkelgesel- 
schaft  der  patrizier  in  Lübeck  von  1430  — 1515  aufgeführt  hat,  zeige,  dass  viel 
verloren  sei  und  dass  Lübeck  für  die  pflege  dieser  gattung  des  dramas  unter  den 
norddeutschen  städten  so  hervorragte  wie  Nürnberg  unter  den  süddeutschen.  Nur 
eins  der  stücke,  deren  titel  vorliegen,  sei  vielleicht  erhalten,  das  im  niederd.  Jahr- 
buch 3  (1877)  gedruckte  spil  van  der  rechtverdicheyt.  Wehrmanns  Vermutung,  dass 
mitglieder  der  zirkelgeselschaft,  welche  sich  während  des  aufruhrs  ihrer  Vaterstadt 
von  1408  bis  1416  in  Süddeutschland  aufhielten,  hier  an  den  fastnachtspielen 
gefallen  gefunden  und  die  sitte  aljährlicher  aufführungen  nach  Lübeck  verpflanzt 
hätten,  habe  Wahrscheinlichkeit,  vielleicht  könne  man  aber  auch  niederländischen 
einfluss  annehmen.  Jedesfals  unterscheide  sich,  wie  die  titel  und  die  erhaltenen 
stücke  beweisen,  das  lübische  und  vielleicht  überhaupt  das  mittelniederdeutsche 
fastnachtspiel  nicht  wenig  vom  süddeutschen.  Für  die  Selbständigkeit  der  ent- 
wickelung  oder  gar  des  Ursprungs  könne  auf  den  nameu  der  bühne  „borch"  gewicht 
gelegt  werden.  Die  einzelnen  titel  des  Verzeichnisses  lassen  sich  in  zwei  gruppen 
teilen,  deren  erste  etwa  50,  deren  leztere  etwa  35  jähre  umfasse.  In  jener  sei 
regelmässig  der  gegenständ  der  darstellung ,  die  fabel  angegeben ,  in  dieser  meist 
nur  die  sitliche  idee  des  Stückes.  Die  erste  gruppe  gliedere  sich  in  stücke  einer 
ersten  periode ,  in  der  mittelalterliche  und  antike  sagenstoffe  vorhersehen ,  und  die 
einer  zweiten,  während  welcher  novellenartige  stoffe  beliebt  werden  und  die  rich- 
tung  auf  das  moralisieren  sich  zu  zeigen  beginne.  Diese  tendenz ,  die  sich  in  alle- 
gorien  und  im  dramatisieren  von  lebensregeln  und  Sprichwörtern  gefalle,  ward  von 
dem  vortragenden  an  den  einzelnen  titeln  nachgewiesen,  es  ward  gezeigt,  dass  das 
fastnachtspiel  sich  nicht  blos  im  algeraeinen  gegen  die  verschiedenen  fehler  und 
gebrechen  der  menschheit  sowie  speciell  gegen  die  einzelnerstände,  auch  des  adels, 
richtete,  sondern  auch  die  politik  benachbarter  fürsten  kritisierte.  Dieser  ernst, 
der  den  lübischeu  stücken  im  gegensatz  zu  den  Nürnbergern  eigen  gewesen  zu  sein 
scheine,  erkläre  sich  aus  der  geselschaftlichen  Stellung  der  dichter,  welche  mit- 
glieder der  zirkelgeselschaft  waren.  Wie  man  die  ethische  büdung  der  lübischen 
patrizier  hochstellen  müsse,  so  müsse  man  nicht  minder  ihre  litterarische  anerken- 
nen.   Das  beweisen  diejenigen  titel,   welche   die  dargestelten  stoffe   angeben.    Es 


360  SEELMANN,    JAHBESVERSAMLUNG   D.    VEREINS   F.    NJDD.    SPRACHE. 

wurden  dramatisiert  biblische  stoffe,  erzähluugen  aus  der  heldensage,  der  Artus- 
sage ,  der  Karlssage ,  aus  mehreren  antiken  Sagenkreisen ,  aus  der  antiken  und 
mittelalterlichen  geschichte.  Besonders  beliebt  scheinen  die  Alexaudersagen  gewe- 
sen zu  sein.  Auch  die  Virgilsago  sei  behandelt,  selbst  die  tierfabel  und  tiersage 
benuzt  worden.  Von  anderen  erzähluugen  fanden  vorzugsweise  pflege  die  von  der 
treue.  Die  resultate  der  Untersuchung  seien  folgende:  die  titel  lehren  uns  Lübecks 
bedeutving  auf  einem  der  gebiete  der  mittelalterlichen  litteratur  kennen,  wir  wer- 
den über  die  belletristische  lectüro  der  Lübecker  patrizier  im  mittelalter  unterrich- 
tet; mehrere  litterarische  stoffe  müssen  in  jezt  uubekanten  bearbeitungen  den 
Lübeckern  vorgelegen  haben.  Die  fernere  Untersuchung  dürfe  sich  nicht  mit  dem 
nachweis  des  sonstigen  Vorkommens  der  dargestelton  stoffe  begnügen,  sondern 
müsse  vor  allem  die  unmittelbaren  quellen  nachzuweisen  suchen,  aus  welchen  die 
Lübecker  dichter  geschöpft  haben  können  oder  erweislich  geschöpft  haben.  Der 
vortragende  wies  schliesslich  darauf  hin ,  dass  die  titelnotiz  für  das  jähr  1444 
(Kran,  Valkc  unde  Stare)  zeige,  dass  was  der  Hildesheimer  Berthold  von  Holle  im 
13.  Jahrhundert  gedichtet  habe,  noch  zweihundert  jähre  nach  seinem  tode  in  Lübeck 
gelesen  wurde. 

Die  auf  die  einzelnen  titel  bezüglichen  ausführungen  des  vortragenden,  wel- 
chen die  versamlung  mit  gröstem  Interesse  folgte,  können  in  diesem  berichte  nicht 
widergegeben  werden.  Es  steht  zu  hoffen,  dass  sie  im  niederdeutschen  jahrbuche, 
wo  auch  das  von  Wehrmann  veröffentlichte  Verzeichnis  algemein  erreichbar  sein 
wird,  recht  bald  zur  mitteilung  gelangen. 

Dem  vortrage  folgten  einige  geschäftliche  Verhandlungen,  widerwahl  des 
herrn  dr.  Koppmann  aus  Hamburg  in  den  vorstand  u.  a.  Ferner  war  von  herrn 
professor  Hasse  in  Kiel  ein  antrag  eingereicht  worden,  „der  verein  wolle  beschlies- 
sen,  ein  Verzeichnis  aufnehmen  zu  lassen  von  allem,  was  an  ungedruckter  nieder- 
deutscher litteratur  vor  1500  (oder  1550)  auf  der  Wolfenbüttler  bibliothek  vorhan- 
den sei."  Zur  begründung  führte  der  antragsteller  aus ,  sein  antrag  sei  durch 
einen  meinungsaustausch  veranlast,  der  gestern  abend  ungcrufen  und  uugesucht 
mehrere  mitglieder  beschäftigt  habe.  Die  Wolfenbüttler  bibliothek  sei  an  nieder- 
deutscher litteratur  bekantlich  die  reichste  und  bedeutendste,  es  sei  also  um  so 
mehr  zu  bedauern,  dass  noch  immer  kein  erschöpfendes  und  genaues  Verzeichnis 
aller  inedita,  welche  in  sammelbänden  oder  sonst  in  Wolfenbüttel  vorhanden  seien, 
uns  vorliege.  Da  die  beamten  der  bibliothek  nach  ihrer  eigenen  angäbe  noch  in 
jähren  nicht  im  stände  sein  werden,  ein  solches  Verzeichnis  anzufertigen,  so  möge 
dech  der  verein  eine  Übersicht  des  vorhandenen  aufnehmen  und  im  jahrbuche  zum 
abdruck  bringen  lassen.  Der  versitzende  konte  zugleich  mitteilen ,  dass  die  mittel 
zur  ausführung  des  antrags  nicht  fehlten,  ein  gönner  des  Vereins,  der  ungenaut 
zu  bleiben  wünsche,  habe  soeben  300  mark  als  beihülfe  für  diesen  zweck  zur  Ver- 
fügung gestelt.  Die  versamlung  beschloss  diesen  betrag  dankbar  anzunehmen  und 
den  vorstand  anzuweisen,  alles  nötige  zur  herstellung  eines  zweckentsprechenden 
Verzeichnisses  der  Wolfenbüttler  inedita  zu  veranlassen. 

Der  versitzende  schloss  darauf  die  sitzung. 

Es  erübrigt  noch  zu  bemerken,  dass  die  von  den  Sitzungen  und  geselligen 
Zusammenkünften  nicht  in  anspruch  genommene  zeit  zu  gemeinsamer  besichtigung 
der  baudenkmäler  und  kunstschätze  der  stadt,  zu  einem  besuche  der  an  alten 
drucken  und  handschriften  ziemlich  reichen  bibliothek  des  katholischen  gymnasiums 
und  zu  einem  ausfluge  nach  der  Harzburg  verwendet  wurde. 

Die  nächste  versamlung  beider  vereine  wird  zu  pfingsten  nächsten  jahres  in 
Danzig  statfinden.  wiliüelm  seelmann. 


im 

BEEICHT    ÜBER    DIE    VERHANDLUNGEN    DER    DEUTSCH  -  ROMANISCHEN 

ABTEILUNG   DER   XXXV.  VERSAMLUNG    DEUTSCHER    PHILOLOGEN    UND 

SCHULÄLÄ.NNER  ZU  STETTIN 

vom    21.    bis    30.  sopteiuber    1880. 

In  clor  ersten  öt'fcntlicli  en  sitzung,  am  montag  den  27.  September, 
sprach  lierr  privatdocent  dr.  R.  Henning  aus  Berlin  über  die  deutschon  runon. 
Der  vortragende  knüpfte  seine  bemerkungen  an  die  kurz  vorhergegangene  versam- 
lung  der  anthropologen  in  Berlin  und  die  dabei  stattgefundene  ausstellung  deut- 
scher runen,  und  widerholte  im  übrigen  das,  was  er  bereits  dort  am  11.  august  1880 
vorgetragen  hatte,  und  was  auch  in  dem  berichte  über  jene  Verhandlungen  s.  IIG  fg. 
bereits  gedruckt  vorliegt. 

Die  darauf  folgende  erste  constituierende  sitzung  der  deutsch -roma- 
nischen section  eröfnote  herr  professor  dr.  Rei  ff  erscheid  aus  Greifs  wald  als  Vor- 
sitzender mit  einleitenden  bemerkungen  über  das  Verhältnis  der  germanisch -roma- 
nischen Philologie  zur  altklassischen ,  in  welcher  die  jüngeren  glieder  der  familie 
ihr  älteres  vorbild  zu  erblicken  haben.  Alsdann  wählte  die  versamlung  zum  Stell- 
vertreter des  versitzenden  herrn  professor  dr.  Sachs  aus  Brandenburg,  und  zu 
Schriftführern  die  herren  dr.  Varnhagen  aus  Greifswald,  dr.  Marold  aus  Königs- 
berg und  dr.  Henrici  aus  Berlin.  Zum  schluss  brachte  der  versitzende  zur  kent- 
nis,  dass  zur  Verteilung  an  die  section  eingegangen  seien:  1)  Quellen  zur 
geschichte  des  geistigen  lebens  in  Deutschland  während  des  sieb- 
zehnten Jahrhunderts  usw.  von  A.  Reifferscheid.  2)  zehn  exemplare  des 
Jahresberichtes  über  die  neuen  erscheinungen  auf  dem  gebiete  der  germani- 
schen Philologie  (vom  Verleger).     3)  eine  anzahl  buchhändlerischer  annoncen. 

Zweite  sitzung  der  section,  dienstag  den  28.  September.  —  Herr  profes- 
sor dr.  Reifferscheid  sprach  über  den  plan  und  die  grundsätze  seiner 
oben  genanten  (b  egrüssungs-)  schrift.  Er  wolle  nur  ungedrucktes  publicieren 
und  habe  in  diesem  ersten  hefte  einen  anfang  gemacht  mit  Danziger  und  Bres- 
lauer handschriften.  Die  schrift  enthält  briefe  von  Z.  Lund,  C.  Barlaeus, 
H.  Grotius,  A.  Buch.ner  an  V.  Pabricius  und  A.  Buchner  an  Z.  Lund.  Fer- 
ner eine  poetische  epistel  an  Ch.  v.  Hoffmannswaldau  und  einige  strophen  von 
Harssdörfer,  Hoffmannswaldau,  G.  M.  Hofmann  und  Lohenstein.  — 
Hierauf  sprach  herr  dr.  Henning  über  das  deutsche  haus.  Ausgehend  von 
den  nachrichten  der  alten  schriftsteiler  über  den  deutschen  hausbau  und  den  weni- 
gen alten  funden,  wendete  sich  der  vortragende  bald  zu  dem  moderneren  bau  der 
bauernhäuser  in  allen  teilen  Deutschlands  und  den  angrenzenden  ländern,  Däne- 
mark, Skandinavien,  Polen  usw.  Hierauf  gieng  er  über  zu  den  nachriehtcn  über 
den  ältesten  hausbau  der  Griechen. 

Dritte  sitzung,  mittwoeh  den  29.  September.  Herr  dr.  Michaelis  aus 
Berlin  sprach  über./i  in  romanischen  (und  deutschen)  drucken.  Er  wies  auf 
die  verschiedene  entstehung  des  y^  in  antiqua  und  fractur  hin  und  zeigte,  dass  die 
form  des  y^  durchaus  nicht  der  antiqua  fremd  sei.  —  Herr  professor  dr.  Sachs 
aus  Brandenburg  sprach  über  die  notwendige  einheit  der  deutsch-roma- 
nischen section.  Innerhalb  der  mitglieder  der  philologen  -  versamlung  ist  das 
bestreben  aufgetreten,  eine  section  für  neuere  sprachen  zu  gründen,  deren  offen- 
barer zweck  ein  rein  praktischer  sei:  die  lehrer  des  neufranzösischen  und  neu- 
englischen wollen  sich  von  der  wissenschaftlichen  grundlage  der  bisher  bestehenden 
einheitlichen  section  trennen.    Herr  Sachs  wies   diese  bestrebungen   nachdrücklich 


362  E.    HENRICI 

zurück,  und  erklärte,  für  seine  person  keinen  teil  daran  zu  üaben.  (Die  section 
hat  sich  wirklich  constituiert  und  noch  am  30.  September  nach  dem  Schlüsse  der 
philologenversamlung  eine  sitzung  abgehalten.)  —  Herr  dr.  Henri  ei  aus  Berlin 
sprach  über  die  handschrif  ten  von  Hartmanns  Iwein ;  er  stclte  die  frage 
auf,  ob  Lachmanns  apparat  noch  den  ansprüchen  genüge ,  besonders  um  auf  grund 
desselben  Untersuchungen  über  das  Verhältnis  der  handschi-ifteu  zu  machen.  Zur 
beantwortung  dieser  frage  teilte  der  vortragende  seine  feststellungen  über  die  von 
Lachmann  benuzte  Dresdener  handschrift  (a)  mit.  Lachmann  gibt  irtümlich  dafür 
die  nr.  65  an ,  aber  seine  lesarten  stammen  aus  der  anderen  Dresdener  handschrift 
nr.  175.  Auch  diese  hat  der  herausgeber  nie  gesehen,  sondern  nur  eine  zwar  schön 
geschriebene ,  aber  sehr  fehlerhafte  abschrift  in  Berlin  benuzt.  So  gibt  denn  Lach- 
mann die  fehler  dieser  abschrift  als  lesarten  der  handschrift  an.  Überdies  ist  in 
nr.  175  ein  blatt  (v.  518  — 573)  aus  nr.  65  ergänzt,  und  die  verse  7971  —  8018  sind 
im  vorigen  Jahrhundert  durch  den  buchbinder  an  eine  falsche  stelle  gesezt  worden. 
Lachmann  gibt  aber  518  —  573  als  lesarten  von  a  an  und  die  Umstellung  als  vom 
Schreiber  gemacht.  Die  ergänzung  des  fehlenden  blattes  geschah  durch  Gottsched 
aus  seiner  handschrift  Ms.  Dresd.  nr.  65,  von  Paul  f  genant;  aber  Gottsched 
ergänzte  auch  /'  v.  53 — 92  aus  a.  Nun  benuzte  Lachmann  hauptsächlich  abschrif- 
ten  und  drucke,  man  darf  also  ähnliches  auch  bei  den  anderen  handschriften  erwar- 
ten. Dennoch  konte  er  eine  ausgäbe  herstellen,  weil  er  A  allen  übrigen  vorzog. 
Dagegen  ist  es  völlig  unmöglich,  Untersuchungen  über  das  Verhältnis  der  hand- 
schriften anzustellen,  wenn  nur  Lachmanns  ap])arat  vorliegt.  Paul,  der  dies  getan 
hat,  verfält  daher  in  mannigfache  fehler,  zieht  aus  den  falschen  angaben  Lach- 
manns Schlüsse ,  die  nach  den  sätzen  der  logik  falsch  werden  müssen ,  und  hat  an 
der  einzigen  stelle,  wo  er  Lachmanns  apparat  durch  eigenen  augenschein  vermehrt, 
sich  selbst  grob  geirt :  er  gibt  lesarten  aus  /"  v.  53  —  92  an ,  und  die  gehören ,  wie 
vorher  nachgewiesen  wurde,  zu  a.  —  Herr  dr.  Marold  aus  Königsborg  gab 
eine  Charakteristik  der  vorlagen  der  gotischen  bibelübersetzung. 
Der  vortragende  wies  zunächst  auf  die  behandlung  dieser  frage  durch  Bern- 
hardt hin  und  auf  die  resultate  seiner  Untersuchungen.  Er  hob  hervor,  dass, 
um  den  Charakter  der  griechischen  vorläge  zu  erkennen,  der  von  Bernhardt  ein- 
geschlagene weg  der  einzig  richtige  sei,  dass  aber  seine  resultate  in  wesentlichen 
punkten  berichtigt  werden  müsten.  Nicht  A  ist  in  erster  linie  als  der  text  anzu- 
sehen ,  dem  der  griechische  text  des  gotischen  Übersetzers  für  die  evangelien  vor- 
zugsweise nahe  gestanden  hat,  sondern  die  speciell  asiatische  textklasse,  und  beson- 
ders r/t  An.  A  ist  erst  in  zweiter  linie  zu  berücksichtigen.  Ebenfals  wesentlich 
asiatischer  text  war  aber  auch  der  der  episteln,  denn  D,  mit  dem  die  gotische 
Übersetzung  wol  am  häufigsten  übercinstimt,  nimt  eine  mittelstellung  ein  zwischen 
den  asiatischen  und  alexandrinischen  texten  einerseits  und  den  italischen  andrer- 
seits, und  die  Übereinstimmung  mit  vorzugsweise  asiatischen  texten  wie  K  und  L 
ist  fast  eben  so  gross,  während  A  hier  ebenfals  ein  wenig  hinter  den  asiatischen 
texten  zurücksteht,  doch  nicht  so  weit,  wie  Bernhardt  annimt,  was  durch  zahlen 
zu  erweisen  ist.  Zur  bestätigung  des  asiatischen  Charakters  der  griechischen  vor- 
lagen dienen  sodann  einzelstehende  Übereinstimmungen  mit  lesarten ,  wie  sie  asia- 
tische kirchenväter  bieten ,  wie  z.  b.  im  zweiten  Chorintherbriefe  Chrysostomus  oder 
Übereinstimmung  mit  der  armenischen  Übersetzung.  -  Darauf  gicng  der  vortra- 
gende auf  das  lateinische  über,  dessen  ursprüngliche  benutzung  er  als  ausser  frage 
stehend  hinstelte.  Der  Übersetzer  hat  es  in  weit  ausgedehnterem  masse  zu  rate 
gezogen,    als  Bernhardts  beraerkungcn   in  seiner  ausgäbe  es  vermuten  lassen.     Soll 


PHILOLOGEN -VKRSAMLÜNG    IN    STETTIN  363 

die  frage  nach  der  beschaffenheit  dos  Italatextes ,  dessen  sich  der  Übersetzer  bediente, 
entschieden  worden ,  so  darf  man  niclit  nur  auf  zusätzo  und  auslassungen ,  sofern 
dieselben  zu  lateinischen  texten  stimmen,  achten,  sondern  vor  allen  dingen  müssen 
Umschreibungen  bildlicher  ausdrücke ,  Umschreibungen  für  solche  worte,  welche  dein 
Gotischen  fehlten,  ins  äuge  gefasst  werden.  Hat  man  dadurch  sicheren  boden 
gewonnen ,  so  wird  man  auch  abweichende  constructionen ,  Stellungen  usw.  richtig 
behandeln  können.  Dafür  gab  er  einige  beispiele;  so  wird  sMoxia  Lc.  II,  14  und 
Phil.  I,  15  mit  gods  vilja  übersczt  nach  dem  lat.  bona  voluntas  oder  Rom.  X,  1 
mit  vilja  nach  lat.  voluntas:  oder  Mc.  I,  11  tvdox^Tv  mit  vaila  fjaleikan  nach  bfg' 
benc  complacerc  (b  bcuc  placere).  Col.  I,  10  wird  neQtnnrfjaai  (c^iwg  rov  y.vQiov 
dg  nßaav  agtaxiav  übertragen  mit  ei  gaggeip  vairpaha  fraujins  in  allamma  pata 
galeikaip  nach  deg  ut  ambuletis  digne  deo  in  omne  quod  placeat  (g  in  omnibus 
quae  placent).  Wenn  ferner  Jh.  XVIII,  2  awr'jxß^rj  6  ^IriGoCg  mit  gaidclja  Jesus 
übersezt  wird,  so  ist  das  im  anschluss  an  conveniebat  (cf)  oder  convenerat  (abg) 
geschehen;  und  wenn  wir  an  dieser  stelle  in  dem  Italatexte  e  colligit  se  lesen,  so 
gibt  uns  das  eine  erklärung,  wie  Ulfilas  an  anderen  stellen  auf  sik  galisan  für 
awdytafhtci  verfallen  ist.  Es  wurde  alsdann  auf  die  Umschreibungen  des  futurs  mit 
haban  und  dugimian  verwiesen,  die  den  lateinischen  mit  habere  und  incipere  ent- 
sprechen, welche  in  der  Itala  zu  finden  sind;  auf  abweichungen  des  Gotischen  vom 
Griechischen  in  der  wähl  eines  tempus,  im  numerus  und  bei  den  adjectiven  im 
Steigerungsgrad ,  wo  dem  Gotischen  in  den  meisten  fällen  das  Lateinische  zur  seite 
steht.  Doch  hat  der  Übersetzer  auch  liiebei  im  ganzen  sich  seine  freiheit  gewahrt 
und  hat  sich  an  schwierigen  stellen  vom  Lateinischen  meistens  nur  den  weg  wei- 
sen lassen ,  um  dann  eine  dem  geist  seiner  spräche  entsprechende  Übersetzung  zu 
wählen.  Was  die  Italatexte  selbst  betrift,  an  die  die  änderungen  sich  anlehnen, 
so  kommen  für  die  evangelion  vorzugsweise  in  betracht  aef,  sodann  c  und  ab  und 
d  (die  bezeichnungen  sind  durchweg  nach  Tischendorf  gesezt)  und  zwar  gehören 
a  c  dem  africanischen ,  f  dem  italischen  texte  an ,  während  e  und  d  mischcodices 
sind.  Es  scheinen  aber  acef  in  besonderem  Zusammenhang  zu  stehn,  wie  sich 
durch  auffallende  Übereinstimmung  von  lesarten  gegenüber  den  andern  dartun  lässt. 
Die  Italacodices  müsten  aber,  soweit  dies  nicht  besonders  von  Tischendorf  gesche- 
hen ist,  neu  verglichen  werden,  da  sie  grossenteils  nur  in  alten  ausgaben  vorhan- 
den sind,  dann  Hesse  sich  erst  sicheres  behaupten.  In  den  episteln,  wo  die 
benutzung  des  Lateinischen  vielleicht  etwas  öfter  nachzuweisen  ist,  ist  d  derjenige 
text,  dem  sich  die  änderungen  am  meisten  zuneigen,  demnächst  der  dem  commen- 
tar  des  Ambrosiaster  zu  gründe  gelegte  text,  in  weiterer  folge  erst  g  und  die  übri- 
gen Italatexte.  Auch  hier  gehörte  das  Latein  der  vorläge  einem  mischcodex  an. 
So  ergibt  sich,  dass  der  Übersetzer  der  gotischen  bibel  einen  griechischen  und 
einen  lateinischen  text  benuzt  hat,  der  nicht  in  voller  reinheit  den  Charakter  einer 
der  grossen  textklassen  besass.  Die  nähere  begründung  für  diese  ausführungen 
will  der  vortragende,  da  er  sie  zum  grossen  teil  bereits  ausgearbeitet  hat,  bal- 
digst geben. 

Vierte  Sitzung,  30.  September.  —  Hr.  dr.  Mahn  aus  Berlin  sprach  über 
die  entstehung  der  italiänischen  spräche  aus  den  lateinischen, 
griechischen,  deutschen  und  keltischen  elementen  und  über  die 
dabei  wirkenden  principien  und  Ursachen.  Nach  einer  historischen 
Umschau  über  die  bisherigen  versuche ,  die  entstehung  des  italiänischen  zu  erklä- 
ren gieug  der  vortragende  zuerst  über  auf  die  einflüsse  der  Volkssprache,  auf  das 
lateinische.     Die  nächste  wichtigste  Umwälzung  fand  durch  die  einwandernden  deut- 


364  E.    HENRICI,    PHILOLOGEN  -  VERSAMLUNG   IN    STETTIN 

sehen  barbaren  statt.  Zuerst  kämpfte  das  deutsche  mit  dem  volkslateic ,  dann 
siegte  zwar  das  lateinische,  aber  das  deutsche  Hess  dauernde  spuren  in  dem  voca- 
belschatze  zurück,  und  auch  in  den  flexionen,  die  durch  den  zusammenstoss  beider 
sprachen  sehr  vermindert  wurden.  Auch  ausspräche  und  betonung  musten  durch 
den  verkehr  der  sieger  und  besiegten  verändert  werden.  Ohne  die  einfiüsse  der 
Germanen  hätten  vielleicht  ähnliche  Umwälzungen  stattgefunden,  aber  viel  lang- 
samer. Während  die  Germanen  auf  die  flexionen  nur  zerstörend  wirkten,  vermehr- 
ten sie  den  vocabelvorrat  erheblich.  Die  deutschen  Wörter  betreffen  zunächst  das 
kriegswesen,  dann  gegenstände  wie  pflanzen,  körperteile,  aber  wenig  abstracta. 
Auch  nachbildungen  deutscher  composita  finden  sich  (intertenire  —  unterhalten). 
Die  übrigen  fremden  elemcnte  sind  bedeutend  geringer ,  am  erheblichsten  noch  das 
griechische,  dann  das  keltische,  slavischc  und  einiges  baskische.  Arabische  Wörter 
sind  nur  aus  dem  spanischen  gekommen.  Endlich  bleiben  noch  einige  dunkle  Wör- 
ter übrig.  Nach  diesen  algemeinen  grundzügen  beleuchtete  der  vortragende  die 
einzelnen  bildungsgesetze  der  italiänischen  spräche. 

Den  lezten  vertrag  hielt  herr  professor  Eeifforscheid,  über  Rückert  als 
gerra anist.  Rückert  wird  häufig  unterschäzt,  weil  er  nie  ehrgeizig  hervortrat 
und  weil  krankheit  ihn  fast  immer  an  der  Vollendung  seiner  arbeiten  hinderte.  Der 
grundgedanke  seines  strebens  war  die  bedeutung  unserer  Wissenschaft  für  das  Vater- 
land und  das  volk ;  er  wirkte  daher  besonders  für  die  deutsche  gesamtbildung  durch 
zahllose  populäre  Schriften,  und  das  schon  zu  einer  zeit,  als  die  deutsche  philolo- 
gie  noch  um  ihre  cxistenz  zu  kämpfen  hatte.  Hierauf  gieng  der  vortragende  zu 
den  einzelnen  vollendeten  wie  unvollendeten  arbeiten  über,  beginnend  mit  der 
recension  von  Müllenhofts  Kudruu,  und  endend  mit  der  Heliandausgabe,  deren 
Wörterbuch  Rückert  nicht  mehr  vollendete.  Erwähnt  wurden  seine  vorarbeiten  für 
eine  ausgäbe  der  älteren  epischen  und  episch -lyrischen  gedichte,  seine  abhandlun- 
gen  über  die  schlesische  mundart  und  das  Verhältnis  der  Schriftsprache  zur  mundart. 
Bei  T.  0.  Weigel  in  Leipzig  erschien  von  ihm  (1875)  eine  kritische  „geschichte 
der  neuhochdeutschen  Schriftsprache";  sie  ist  unvollendet . geblieben.  — 
Über  textkritische  arbeiten  dachte  er  gering.  Seine  beste  ausgäbe  ist  der  Welsche 
gast,  doch  auch  dieser  hat  mängel.  Die  ausgaben  mit  erklärenden  anmerkungen 
müssen  überhaupt  mit  einem  andern  masse  gemessen  werden,  so  der  Rother  und 
der  Heiland.  —  Zum  Schlüsse  gieng  der  vortragende  auf  den  grossen  einfluss 
über,  welchen  Rückert  durch  seine  anregenden  Vorlesungen  stets  ausgeübt  hat. 

Nach  beendigung  des  Vortrages  wählte  die  versamlung  zum  Vorsitzenden  für 
die  nächste  in  Karlsruhe  statfindende  versamlung  herrn  professor  Bartsch  in 
Heidelberg.  -     Als  mitglieder  waren  35  personen  eingezeichnet. 

BERLIN,    14.  OCTOBER    1880.  EMIL   HENRICI. 


Adolf  Ebert,  Allgemeine  geschichte  der  literatur  des  mittolalters 
im  abendlande.  Zweiter  band:  Geschichte  der  lateinischen  lite- 
ratur vom  Zeitalter  Karls  des  Grossen  bis  zum  tode  Karls  des 
Kahlen.     Leipzig,  F.  C.  W.  Vogel.  1880.    404  s.    gr.  8.     9  m. 

Von  des  Verfassers  berühmtem  werke  „Geschichte  der  christlich  -  lateinischen 
litteratur  von  ihren  anfangen  bis  zum  Zeitalter  Karls  des  Grossen"  ist  nach  einem 
sechsjährigen  Zwischenräume  jezt  der  zweite  band  gefolgt.  Jenes  werk  behandelt 
in  drei  büchern  die  christlich -lateinischen  Schriftsteller  von  Minucius  Felix  an  bis 
auf  Aldhelm,  Bcda  und  Bouifatius,   dieses  umfasst  das  vierte  und  fünfte  buch  und 


PETEBS,    ÜBER    EBERT ,    GESCH.    DER    LITT     DES    M.  -  A.    2.  3G5 

führt  die  gescliichto  der  lateinischen  weltlitteratur  weiter  bis  zum  tode  Karls  des 
Kahlen.  Möchte  es  dem  Verfasser  doch  vergönt  sein ,  bald  auch  den  in  der  vorrede 
angekündigten  dritten  band  nachfolgen  zu  lassen !  In  diesem  Avird  das  sechste  buch 
die  geschichte  der  germanischen  national -litteraturen  von  ihren  anfangen  bis  zum 
tode  Karls  des  Kahlen  erzählen,  das  siebente  die  karolingische  litteratur  auf  bei- 
den gebieten,  dem  der  lateinischen  wie  der  nationallitteratur,  dann  auch  der  roma- 
nischen ,  enthalten  und  zusammen  bis  zu  ende  behandeln.  —  Während  dem  Verfas- 
ser in  dem  ersten  bände  eine  reiche  fülle  von  vorarbeiten  zu  geböte  stand,  und  er 
sich  dort  zum  grösten  teil  auf  einem  von  philologen  und  theologen  schon  seit  Jahr- 
hunderten angebauten  boden  befand,  galt  es  in  dem  vorliegenden  werke,  von  dem 
ein  ähnliches  noch  nicht  vorhanden  ist,  auf  einem  wenig  bearbeiteten  gebiet  sich 
bahn  zu  brechen  und  Inhalt  wie  composition  gleichsam  neu  zu  schaffen.  Ja,  noch 
mehr,  es  galt  eine  hochinteressante  und  hochbedeutsame  litteratur,  die  in  umfang- 
reichen Sammelwerken  vergraben  und  zum  teil  noch  ungedruckt,  nur  wenigen  ein- 
geweihten bekant  und  zugänglich  war,  zur  algemeiueren  kentnis  zu  bringen  und 
in  das  rechte  licht  zu  stellen.  Dies  ist  dem  Verfasser  des  vorliegenden  Werkes  in 
hervorragender  weise  gelungen ,  und  wir  begrüssen  es  mit  um  so  grösserer  freude 
als  es  ims  ein  wilkommenes  hilfsmittel  sein  wird  zum  Verständnis  und  zur  ästhe- 
tischen Würdigung  der  poetae  latini  aevi  Carolini,  welche  samlung  Dümmler  dem- 
nächst erscheinen  lassen  wird.  Wir  wollen  nun  versuchen ,  ein  bild  von  dem  reich- 
haltigen und  gediegenen  Inhalt  des  hier  gebotenen  zu  entwerfen.  Das  vierte  buch 
umfasst  in  zehn  capiteln  hauptsächlich  die  autoren,  welche  sich  um  die  person 
Karls  des  Grossen  gruppieren.  An  der  spitze  derselben  steht  Alcuin,  dem  der  kai- 
ser  vorzugsweise  seine  wissenschaftliche  bildung  verdankte  (c.  1),  ihm  folgt  Paulus 
Diaconus,  der  berühmte  geschichtsschreiber  der  Langobarden  (c.  2).  Karls  persön- 
lichkeit und  taten  erweckten  bereits  damals  eine  epische  dichtung,  deren  Vertreter 
der  dem  namen  nach  unbekante  Hibernicus  exul  und  Angilbert  sind  (c.  3).  Nicht 
minder  wurde  die  ekloge  in  Karls  grammatisch  -  aesthetischem  kreise  gepflegt,  und 
so  wird  die  eklogendichtung  eines  Naso  und  Dodo  angeschlossen,  fals  lezterer  der 
dichter  des  Conflictus  veris  et  hiemis  ist  (c.  4).  Daran  reiht  sich  Theodulf ,  der 
geistvolle  bischof  von  Orleans  (c.  5) ,  und  die  erzählende  dichtung  eines  Angelsach- 
sen Ethelwulf  (c.  6).  Während  bisher  nur  von  der  kunstdichtung  die  rede  war, 
folgt  nun  (c.  7)  die  darstellung  der  volksmässigeu  weltlichen  dichtung  in  ryth- 
mischen  versen ,  zu  welcher  ein  gedieht  auf  den  sieg  Pippins  über  die  Avaren ,  auf 
den  tod  des  markgrafen  Erich  von  Friaul  und  ein  klagelied  auf  die  Zerstörung  von 
Aquileja  gehören,  von  welchen  die  beiden  lezteren  wol  den  Paulinus  von  Aquileja 
zum  Verfasser  haben,  dessen  leben  und  werke  den  schluss  des  capitels  bilden.  Die 
beiden  folgenden  sind  der  geschichtsschreibung  gewidmet  und  zwar  c.  8  besonders 
Einhard  und  den  reichsannalen ,  c.  9  den  heiligenleben  des  Eigil  und  Lindger. 
C.  10  endlich  behandelt  die  didactische  prosa,  deren  Vertreter  Smaragdus  ist. 

Umfänglicher  ist  das  fünfte  buch.  Die  capitel  1  —  3  stellen  Eaban  und  seine 
Schüler  Walahfrid  Strabo  und  Gottschalk  dar ,  welcher  leztere  später  sein  heftigster 
gegner  wurde.  C.  4  handelt  von  Ermoldus  Nigellus ,  dem  Vertreter  der  weltlichen 
epik,  c.  5  von  einem  hervorragenden  Vertreter  der  gelehrsamkeit,  Ermenrich  von 
Ellwangen.  C.  6  hat  die  lothringischen  dichter  Wandalbert  und  Sedulius  Scotus, 
c.  7  den  Servatus  Lupus  zum  gegenständ,  den  Vertreter  der  grammatisch -huma- 
nistischen richtung  in  Westfrancien .  Die  beiden  folgenden  capitel  8  und  9  machen 
uns  mit  den  ersten  modernen  publicisten  bekant,  mit  Agobard,  erzbischof  von  Lyon, 
und  Claudius,    bischof  von  Turin,    sowie  mit  dessen  gegnern  Dungalus   und  Jonas. 


366  PETERS 

C.  10  und  11  handeln  von  den  Vertretern  der  damaligen  dogmatischen  litteratar: 
Paschasius  ßadbert,  Eatramnus  und  Hincmar,  erzbischof  von  Eeims.  C.  12  ist 
dem  Philosophen  Johannes  Scotus  Erigena  gewidmet,  das  folgende  seinen  gegnern 
Prudentius ,  bischof  von  Troyes ,  und  Plorus ,  diacon  von  Lyon ,  sowie  dem  dichter 
Audradus.  C.  14  bespricht  die  westfränkischen  dichter  Milo  und  Heiric,  c.  15  die 
eklogen  und  elegien  dieser  epoche,  insbesondere  die  dichter  Agius,  Ildericus  und 
Bertharius.  C.  16  handelt  von  den  Vertretern  der  lateinischen  litteratur  in  Spanien, 
Eulogius  und  Alvarus.  In  c.  17  wird  die  volksmässige  rhythmische  dichtung  die- 
ses Zeitraums  vorgeführt,  z.  b.  ein  planctus  auf  den  tod  Karls  des  Grossen,  ein 
gedieht  auf  die  schlacht  bei  Pontanetum,  ein  anderes  auf  den  tod  Hugos,  abtes 
von  St.  Quentin ,  ein  schimpflied  gegen  Aquileja ,  ein  gedieht  auf  die  Zerstörung 
des  klosters  Glonna  u.  a.  Die  folgenden  capitel  behandeln  die  historiographie  und 
zwar  c.  18  die  heiligenleben  und  translationen  Ostfranciens ,  c.  19  diejenigen  West- 
franciens.  C.  20  hat  Thegans  und  des  Astronomus  biographie  Ludwigs  des  From- 
men zum  gegenständ,  c.  21  die  reichsannalen  und  Nithards  werk,  c.  22  bespricht 
die  geschichten  mehrerer  bistümer  und  klöster,  c.  23  die  weltchroniken  von  Frechulf 
und  Ado,  c.  24  die  nationalen  geschichtsAverke  des  Nennius  und  Erehanbert,  end- 
lich c.  25  die  geographischen  werke  des  Dicuil  und  Bernard.  Ein  namen-  und 
Sachregister  bildet  den  beschluss. 

So  beschaffen  ist  der  Inhalt  und  die  composition  dieses  bedeutenden  Werkes. 
Das  verfahren  des  Verfassers  im  einzelnen  ist  dasselbe  wie  im  ersten  bände.  Jedem 
buch  geht  eine  einleitung  voran,  welche  die  zu  behandelnde  periode  in  den  haupt- 
zügen  anschaulich  und  lebendig  charakterisiert.  Darauf  folgt  die  besprechung  der 
autoren  selbst.  Bei  der  darstellung  ihres  lebens  ist  in  einer  anmerkung  auf  die 
bezügliche  litteratur  verwiesen,  soweit  sie  von  irgendwelchem  wert  ist.  An  die 
angäbe  über  die  lebensumstände  schliesst  sich  die  besprechung  der  einzelnen  werke. 
Dieselben  werden  zu  bestirnten  gruppen  geordnet  vorgeführt.  Von  allen  wird  eine 
ausführliche  analyse  des  Inhalts  gegeben ,  die  von  der  staunenswerten  belesenheit 
des  Verfassers  zeugt.  Aber  noch  mehr!  Überall  geht  er  den  benuzten  quellen  nach 
und  deckt  sie  auf,  überall  verfolgt  er  den  einfluss  des  besprochenen  Werkes  und  seine 
culturgeschichtliche  bedeutung  bis  ins  späteste  mittelalter.  Mit  liebe  notiert  er 
alles,  was  auf  germanisches  und  romanisches  altertum  und  litteratur  sich  bezieht 
und  zeigt  vielfach,  wie  in  der  lateinischen  litteratur  jener  zeit  die  keime  manches 
Sagenkreises  und  mancher  dichtungsarten  liegen.  Nicht  minder  sorgfältig  zieht  er 
die  metrik  in  den  kreis  seiner  betrachtung.  Stets  weist  er  auf  die  bedeutung  der 
historischen  ,  theologischen  und  philosophischen  Schriften  dieser  periode  für  das  spä- 
tere mittelalter  hin :  kurz  das  werk  ist  nicht  blos  für  den  latinisten ,  sondern  auch 
für  den  germanisten,  ronianisten,  historiker,  theologen,  philosophen  von  einer 
eminenten  bedeutung.  Im  folgenden  soll  dieselbe  noch  im  einzelnen  aus  dem 
werke  selbst  nachgewiesen  werden. 

Schon  Alcuins  gedieht  de  clade  Lindisfarnensis  monasterii  ist  in  sofern  von 
litteraturgeschichtlicher  bedeutung,  als  es  bereits  die  dichtung  auf  das  weltliche 
gebiet  hinüberführt,  so  dass  es  als  der  erste  Vorläufer  jener  dem  epos  so  nahe  ver- 
wanten  reimchroniken  des  späteren  niittelalters  erscheint,  die  ja  auch  zuweilen  die 
kirchlichen  voi'hältnisse  in  den  Vordergrund  treten  lassen  (s.  27).  In  Angilberts 
dichtung  hat  bereits  die  Schilderung  der  schönen  geschmückten  frauen ,  bei  welcher 
der  dichter  mit  verliebe  verweilt,  einen  sinlich  romantischen  und  höfischen  Cha- 
rakter (s.  62) ,  auch  wird  von  Alcuin  seine  verliebe  für  die  aufführungen  der  histrio- 
nen  getadelt,  deren  fortdauer  also  bezeugt  wird  (s.  63).     Das  klagelied  auf  den  tod 


ÜBEE   EBBET,    GESCH.    DER   LITT.   DES   M.  -  A.   2.  367 

Erichs  ist  wol  der  erste  planctus,  der  sich  erhalten  (s.  87).  Das  gedieht  auf  den 
sieg  Pippins  über  die  Avaren  erliält  durch  eingeflochtene  reden  eine  dramatische 
lel)endigkeit,  welche  die  älnilichkeit  dieses  gedichtes  mit  den  späteren  romanzen 
wesentlich  erhöht  (s.  87).  Bei  Walahfrid  Strabos  werk  de  visionibus  Wettini  wird 
dai-auf  aufmerksam  gemacht,  dass  es  die  erste  darstellung  einer  solchen  vision  in 
Versen  ist,  mit  welcher  diese  besondere  species  mittelalterlicher  dichtungen  begint, 
die  ihre  höchste  Vollendung  in  Dantes  göttlicher  komödie  findet;  mit  dieser  selbst 
teilt  das  werk  auch  manche  einzelne  züge:  zu  ihnen  gehört  namentlich  die  rolle 
des  führers ,  die  art,  wie  die  strafe  die  sünde  malt,  das  zeitgenössisch -persönliche, 
die  himlische  hierarchie  des  paradieses,  der  bis  in  den  himrael  sich  erhebende 
berg  des  fegefeuers  (s.  149).  Sein  gedieht  hortulus ,  worin  er  sein  klostergärtchen 
beschreibt,  gewann  niclit  blos  den  beifall  des  mittelalters ,  sondern  auch  den  der 
Immanisten,  sodass  es  im  16.  Jahrhundert  nicht  weniger  als  achtmal  im  drucke 
erschien  (s.  158).  In  des  Hibernicus  exul  versus  ad  Karolum  imperatorem  erscheint 
in  der  dichtung  wol  die  erste  erwähnung  der  Trojasage  der  Franken: 
0  gens  regalis  profecta  a  moenihiis  altis 
Troiae ,  nam  x>atres  nostros  Ms  appulit  oris 
(s.  58).  Ebenso  wird  in  Hincmars  vita  Remigii  cap.  29  der  Trojanersage  der  Fran- 
ken gedacht  (s.  256). 

Was  die  Sagenkreise  anbetrift,  so  ist  das  werk  des  Ermoldus  Nigellus  de 
gestis  Ludoviei  Caesaris  von  keinem  geringen  litterargeschichtlichen  wert.  Hier 
finden  wir  zum  ersten  mal  als  gegenständ  der  epik  den  kämpf  mit  den  Sarazenen, 
und  swar  zur  zeit  Karls  des  Grossen,  also  das  sujet  des  volkstümlichsten  der 
grossen  Sagenkreise  der  nationalen  weltlitteratur ,  und  zwar  schon  auf  grand  münd- 
licher Überlieferung,  der  sage,  wie  der  dichter  selbst  bemerkt.  Zugleich  erscheint 
hier  bereits  und  als  der  hauptheld  jener  Wilhelm  von  Toulouse,  der  als  Guillaume 
d'Orange  oder  Guillaume  au  court-nez,  der  mittelpunkt  eines  der  drei  cyklen  des 
Karolingischen  sagenki-eises  ist,  welche  zuerst  die  nordfranzösische  nationaldichtung 
ausbildete.  Manche  acht  epische  züge  finden  sich  in  dem  gedieht,  die  recht  unmit- 
telbar an  das  Karolingische  volksepos  erinnern  (s.  174).  Wichtig  für  die  Karlssage 
ist  auch  des  Astronomus  vita  Ludoviei.  Hier  werden  namentlich  auch  die  Verhält- 
nisse des  Frankenreiches  zu  Spanien,  die  kämpfe  mit  den  Mauren,  aber  auch  mit 
den  Basken,  zum  teil  selbst  im  einzelnen  geschildert,  wie  denn  auch  hier  der  nie- 
derlage  von  Eonceval  cap.  2  gedacht  wird  (s.  363).  Auch  aus  dem  Sagenkreise 
Alexanders  des  Grossen  findet  sich  schon  in  diesem  Zeitabschnitte  ein  eigentüm- 
liches rhythmisches  gedieht  (s.  321).  Ein  aufsatz,  der  sich  unter  den  homilien  des 
Raban  findet  (nr.  10),  aber  wol  nicht  von  ihm  stamt,  handelt  von  der  zurückfüh- 
rung  des  von  Kosroe  geraubten  heiligen  kreuzes  nach  Jerusalem  durch  kaiser  Hera- 
clius ,  —  ein  im  späteren  mittelalter ,  auch  in  den  nationallitteraturen ,  öfter  behan- 
delter Stoff".  Massmann  hat  diese  stelle  in  seinem  Eraclius  nicht  erwähnt  (s.  142). 
Auf  die  schon  damals  weite  Verbreitung  der  Pilatussage  wird  hingewiesen  bei  der 
besprechung  des  Sedulius  Scotus  werk  de  rectoribus  Christianis.  Ebendort  findet 
sich  schon  ein  beachtenswerter  hinweis  auf  die  physiologen  (s.  200).  Auf  die  älteste 
poetische  behandlung  der  legende  vom  heiligen  Eustachius,  die  im  mittelalter  so 
beliebt  war  und  in  den  verschiedenen  nationallitteraturen  in  prosa  und  in  versen 
bearbeitet  wurde,  wird  ebenfals  aufmerksam  gemacht  (s.  319).  Über  Arthur,  den 
held  der  Artussage,  bietet  die  ersten  nachrichten  des  JSTennius  historia  Britonum. 
Dort  wird  der  kämpfe  zwischen  Britten  und  Sachsen  gedacht,  in  welchen  Arthur 
nicht  als  künig,   sondern  als  unterfeldherr  sich  in  zwölf  trefleu  auszeichnete:    duo- 


368  PETEES 

decimum  fuit  bellum  in  monte  Badonis,  in  quo  corruerunt  in  uno  die  nongenti 
sexaginta  viri  de  uno  impetu  Arthur;  et  nemo  prostravit  eos  nisi  ipse  solus,  et  in 
Omnibus  bellis  victor  exstitit  (s.  390). 

Audi  auf  die  anfange  der  tierfabcl  in  dieser  periode  wird  hingewiesen.  Von 
Alcuin  hat  sich  eine  fabel  vom  hahn  und  wolf  erhalten  (s.  32) ,  von  Paulus  Diaco- 
nus  gibt  es  drei  fabeln:  das  kälbchen  und  der  storch,  das  podagra  und  der  floh, 
die  heilung  des  kranken  löwen.  Diese  fabeln  sind  für  die  geschichte  der  tierfabel 
sehr  merkwürdig  und  zeigen,  wie  auch  diese  dichtungsart  an  dem  aesthetischen 
hofe  Karls  des  Grossen  gepflegt  wurde  (s.  54). 

Den  anfang  des  Marioncultus ,  der  sich  bei  den  dichtem  der  späteren  zeit 
in  überschwenglichen  beiwörtern  kund  tut,  finden  wir  schon  in  IVIilos  werk  de 
sobrietate,  wo  der  Jungfrau  die  verschiedensten  praedicate  aus  dem  pflanzen-  und 
steinreiche  beigelegt  werden: 

cedrus,  cypressus,  platanus,  vmx,  myrtus ,  oliva, 
myrra,  storax,  calamus ,  thus,  oalsama ,  cassia,  nardus, 
onyx,  cristallus,  lyrasius ,  herillus ,  iaspis; 
später  heisst  sie  noch:  margarita  micans ,  praecellens  unio  geminas  (s.  283). 

Culturhistorisch  interessant  ist  in  demselben  werke  auch  die  aufzählung  der 
verschiedenen  damals  gebräuchlichen  musikinstrumente : 

harpa ,  lirae ,  citharae ,  psalteria ,  fistula ,  viusae, 
cimbala ,  samhucae,  simphonia,  timpana,  sistra  (s.  283). 

In  bezug  auf  dichtungsarten  erfahren  wir,  dass  der  confiictus  veris  et  hie- 
mis  das  älteste  bekante  der  später  auch  in  den  nationallitteraturen  beliebten  streit- 
gedichte  ist,  und  dass  dieselben  sich  aus  der  der  antiken  nachgebildeten  ekloge 
entwickelt  haben  (s.  68).  Das  Zweitälteste  streitgedicht  ist  das  certameu  rosae 
liliique  von  Sedulius  Scotus  (s.  197). 

In  der  metrik  wird  zunächst  auf  die  metrischen  künste  des  Eaban  aufmerk- 
sam gemacht  in  seiner  bilderdichtuug  de  laudibus  sanctae  crucis,  worin  das  kreuz 
in  28  figuren  erscheint,  die  in  gedichten  von  hexamotern  sich  abgezeichnet  finden, 
indem  die  durch  die  linien  der  Zeichnung  eingeschlossenen  buchstaben  wider  zugleich 
verse  für  sich  ,  und  auch  andre  als  hexameter  bilden  —  freilich  wertlose  metrische 
künste,  die  aber  die  mitweit  und  eine  spätere  nachweit  sehr  bewunderte  (s.  143). 
Bei  Gottschalks  poetischer  epistel  an  Ratramnus  erfahren  wir,  dass  die  hexameter 
dieses  briefes  wol  die  ältesten  leoninischen  sind,  die  mit  bewustsein  in  einem  grös- 
seren gedieht  volständig  durchgeführt  sind  (s.  167).  In  Wandalberts  gedichten  finden 
sich  einige  beachtenswerte  eigentümlichkeiten  der  mittelalterlichen  metrik;  so  wer- 
den hier  die  Strophen  durch  die  ausdrücke  versus  maiores  oder  versus  maioris  com- 
plexionis  bezeichnet  (s.  186).  Dos  Sedulius  Scotus  grammatischer  witz,  einen  freund 
im  eingang  eines  gedichtes  in  allen  sechs  casus  zu  begrüssen,  erinnert  etwas  an 
die  Spielerei  des  grammatischen  reims  in  der  lyrik  der  troubadours  (s.  196).  Die 
alliteration  als  poetischer  schmück  wird  verwendet  von  Milo,  mitunter  in  ganz 
übertreibender  weise  (s.  280). 

Was  die  grammatischen  deutschen  Studien  jener  zeit  anbelangt,  so  erfahren 
wir  manches  interessante:  so  wählt  Smaragdus  in  seiner  grammatik,  dem  commen- 
tar  zum  Donat,  auch  beispiele  aus  der  gegenwart  und  erklärt  nicht  wenige  eigen- 
namen  der  Franken  und  Gothen.  Dass  die  etymologische  erklärung  oft  eine  falsche 
ist,  darf  freilich  nicht  wunder  nehmen  (s.  109).  Nicht  minder  wird  auf  die  bemü- 
Imngen  Rabans  um  die  deutsche  spräche  eingegangen.  Sein  Interesse  für  die  mut- 
tersprache   bezeugen   samlungen  deutscher  glossen,    wie   auch  Walahfrid   eine   über 


ÜBER   EBERT,    GESCH.   DER    LITT.    D.    M. -A.    2.  3G7 

die  teile  des  menscblicheu  körpers  nach  Rabans  vertrag  aufgezeichnet  hat.  So 
wird  Raban  auch  eine  bearbeitung  eines  lateinisch  -  deutschen  glossars  zur  bibel 
beigelegt.  Sein  deutsch -philologisches  Interesse  bekundet  sich  ferner  in  der  ety- 
mologischen erklärung  von  deutschen  porsonennamen  in  manchen  seiner  gedichte. 
Auch  in  der  erneuerung  des  gebots  deutscher  predigt  auf  der  ersten  von  Raban 
praesidierten  synode  kann  man  ein  zeugnis  seiner  liebe  zur  muttersprache  sehen 
(s.  127).  In  seinem  aufsatz  de  inventione  linguarum  erwähnt  er  auch  der  runen  als 
eines  alphabetes  der  Marcomanuen  oder  Nordmannen,  dessen  sich  noch  die  in  heid- 
nischen riten  befangenen  zur  aufzeichnuug  ihrer  lieder  und  Zaubersprüche  bedien- 
ten (s.  127).  Auch  Walahfrid  Strabo  hat  in  seiner  schrift  de  ecclesiasticarum  reriim 
exordiis  et  inerementis  ein  interessantes  capitel  (7),  worin  über  die  erkläruug  des 
deutschen  namens  des  gotteshauses  (kirche  von  kyriaka)  gehandelt  wird.  Ebendort 
wird  der  noch  erhaltenen  bibelübersetzung  der  Gothen  gedacht  (s.  163).  Erwähnens- 
wert in  culturgeschichtlicher  beziehung  sind  auch  die  predigten  Rabans,  in  denen 
namentlich  die  reste  heidnisch  -  germanischen  aberglaubens  bekämpft  werden  (s.  141). 
—  In  bezug  auf  die  bedeutung  theologischer  werke  erfahren  wir  besonders  folgen- 
des: Alcuins  art  der  bibelerklärung  durch  eine  blüteniese  von  citaten  aus  den  kir- 
chenvätern  wurde  ein  mustor  für  die  folgezeit  (s.  21).  Des  Paulus  Diaconus  homi- 
liensamlung  blieb  zehn  Jahrhunderte  im  gebrauch  der  katholischen  kirche  (s.  47). 
Theodulfs  hymuus  auf  den  palmsontag  ist  sogar  noch  von  den  Protestanten  des 
16.  Jahrhunderts  an  diesem  festtage  gesungen  worden  (s.  84).  Des  Smaragdus  werk 
diadema  monachorum  hat  eine  weite  vei'breitung  gefunden  und  ist,  nachdem  es 
durch  das  ganze  mittelalter  in  ansehn  geblieben,  im  16.  und  17.  Jahrhundert  wider- 
holt gedruckt  worden  (s.  109).  Rabans  commentar  zum  Matthaeus  ist  besonders 
wichtig  wegen  des  einflusses ,  den  er  auf  die  dichtung  Otfrids  gehabt  hat  (s.  129). 
Sein  werk  de  clericorum  institutione  ist  beachtenswert  durch  den  eintiuss,  den  es 
nicht  blos  auf  die  unmittelbaren  schüler,  sondern  auch  auf  eine  spätere  folgezeit 
gehabt  hat  (s.  134).  Walahfrid  Strabos  theologisches  werk  glossa  ordinaria  erhielt 
sich  noch  bis  in  das  17.  Jahrhundert  in  ansehn  und  war  das  beliebteste  hülfsmittel 
der  bibelerklärung  im  mittelalter  (s.  164).  Radbert  schrieb  die  erste  monographie 
über  die  lehre  vom  abendmalil  und  übte  durch  dieselbe  für  die  folgezeit  den  mäch- 
tigsten einflus  aus  (s.  232). 

Was  die  philosophie  anbetrift,  so  wird  besonders  auf  die  bedeutung  des 
Erigena  aufmerksam  gemacht.  Sein  hauptwerk  thqi  (fvGiwg  ui()tauov  id  est  de 
divisione  naturae  stelt  zuerst  die  philosophie  als  eine  ebenbürtige  Wissenschaft  der 
theologie  zur  seite  und  schliesst  die  keime  der  späteren  mittelalterlichen  speculation 
in  sich  nach  ihren  verschiedenen  richtungen ,  sowol  der  dialektischen  Scholastik  und 
zwar  des  realismus  wie  des  nominalismus  als  auch  des  speeulativen  mysticismus 
(s.  261).  Die  schriften  seiner  gogner  Prudentius  und  Florus  haben  das  interesse, 
dass  in  ihnen  wol  zuerst  im  eigentlichen  mittelalter  ein  kämpf  der  theologie  und 
der  philosophie  erscheint,  die  sogleich  auf  das  Iieftigste  aneinander  geraten  (s.  269). 

Diese  bemerkungen  v/erden  genügen ,  um  auf  die  bedeutung  des  Ebertschen 
Werkes  aufmerksam  zu  machen.  Hinzuzufügen  ist  noch  die  Verbesserung  einiger 
druckfehler:  s.  164  z.  11  v.  u.  lies  etiam,  s.  198  z.  2  v.  u.  lies  transcurrendo ,  s.  392 
z.  6  V.  u.  tilge  ,,  der." 

BERLIN.  EMIL    PRTER.S. 


ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII. 


24 


368 

ZU  WILKENS  AUSGABE   DER  VÖLSUNGA  -  SAGA. 
Nachtrag  zu  ztschr.  XII ,  83  fgg. 

Zu  meiner  recension  von  Wilkens  büchern  in  dieser  ztschr.  XII,  83  — 113 
gestatte  ich  mir  im  folgenden  einige  berichtigungen  und  erläuterungen,  die  ich 
zum  teil  der  stets  bereitwilligen  gute  des  herrn  prof.  Möbius  verdanke. 

S.  86,  z.  22  röäru]  1.  rodru.  Die  ganze  stelle,  B.  116,  27  fg.,  wie  sie 
dasteht,  kann  nur  bedeuten:  ,,und  die  see  war,  als  ob  man  in  blut  sähe."  Die 
Fas.  I,  156  und  Bugge  116,  28  lesen  roäru,  dagegen  Wilken  177,  3  röäru.  Nun 
bieten  freilich  auch  die  Wörterbücher  röära  f.  ,,  blut "  (vgl.  Egilsson  673'', 
Vigfusson  502 '') ,  doch  scheint  die  verwantschaft  mit  skr.  rudhira  die  kürze  der 
Stammsilbe  zu  fordern.  Die  stelle  ist  übrigens  der  gezwungenen  ausdrucksweise 
wegen  nicht  ohne  bedenken.  Wäre  die  Vermutung  nicht  zu  kühn ,  so  möchte  ich 
an  eine  Verderbnis  glauben  und  vorschlagen  zu  lesen  en  svä  var  sjärinn,  sem  i 
raudium  scsvi  ,,wie  im  roten  meere." 

S.  86 ,  z.  36.  Eas. ,  Bugge  und  Wilken  lesen  hier  eigi  sd  (se)  ek  svä  Gurmar, 
at  minn  hugr  hlceja  vidhänum:  ein  überraschendes  beispiel,  wie  ein  ganz  elemen- 
tarer Schnitzer  sich  wie  eine  ewige  krankheit  durch  die  ausgaben  fortschleppen 
kann.  Selbst  Bugges  genialem  äuge  entgieng  es,  dass  lilcRJa  hier  ganz  unmöglich 
und  unbedingt  in  hlcci  zu  bessern  ist.  Von  einem  inf.  kann  hier  ja  nicht  die  rede 
sein,  wie  B.  89 ^"^  und  166  20,  wo  gerir,  (yer^t  vorhergehen,  sondern  einzig  und  allein 
von  der  3.  pers.  conj.  praes.    Diese  aber  heisst  hlcei. 

S.  87.  z.  9  V.  u.  Herr  prof.  Möbius  macht  mich  darauf  aufmerksam ,  dass 
Cod.  AM  62  eine  ungenügende  bezeichnung  ist.     Es  muss  heissen  Cod.  AM  62  fol. 

S.  89,  z.  7  V.  u.  Dass  in  Regm.  13 ^  Jconr  in  SR  das  ursprüngliche  ist,  zeigt 
ja  auch  der  stabreim:  kominn  es  hingat 

konr  Sigmundar. 
S.  92,  anm.  2  behaupte  ich,  dass  Hildebrand  in  Regm.  18*  die  handschriftliche  les- 
art  hafäi,  die  alle  früheren  herausgeber  in  hafäak  änderten,  mit  recht  beibehal- 
ten hat.  Die  änderung  hatte  den  zweck ,  z.  4  in  Übereinstimmung  zu  bringen  mit 
z.  2,  wo  gldddak  gelesen  wurde.  Hildebrand  dagegen  behielt  Aa/'^j  bei  und  änderte 
das  vermeintliche  gladdac  der  hs.  in  gladdi.  Inzwischen  ist  Hildebrands  herstel- 
lung  der  3.  pers.  durch  die  handschrift  selbst  bestätigt,  denn,  wie  mir  herr  prof. 
Bugge  schon  vor  längerer  zeit  mitgeteilt  hat  (vgl.  auch  Wimmers  Oldnordisk  Lsese- 
bog  2  s.  V) ,  hat  der  Schreiber  von  R  gladdac  gebessert  in  gladdae ,  also  gladde. 
Mit  Hildebrand  und  Wimmer  Lseseb.  '-^  s.  21  und  unter  berücksichtigung  von  Sievers 
Beitr.  6,  333  fg.  wird  Regm.  18,  1--4  demnach  zu  lesen   sein: 

Hnikarr  hetumk 
päs  hugin  gladdi 
Vqlsimgr  ungi 
ok  vegit  hafdi. 

Ich  benutze  diese  gelegenheit  zu  zwei  weiteren  bemerkungen ,  die  den  text 
von  R  betreffen  und  mir  gleichfals  von  professor  Bugge  mitgeteilt  sind. 

Völundarkvida  17,  1  stehen  in  der  hs.  über  amon  nicht  zwei  punkte ,  wie 
Bugge  in  seiner  ausgäbe  s.  166  angibt. 

Helreid  Brynhildar  1,  6  bestärkt  R  die  lesart  von  Hildebrand,  denn  es  steht 
nicht  q  da,  sondern  e,  d.h.  der  Schreiber  schrieb  erst  e  (den  ersten  buchstaben 
von  ew) ,  tilgte  es  aber,  als  er  sich  auf  das  ausgelassene  heldr  besann. 

GRONINGEN,    2.5.   SEPTBE.    1880.  B.   STMONS. 


369 

Verzeichnis  der  auf  dem  gebiete  der  altnordischen  (altisländischen  und 
altnorwegischen)  spräche  und  literatur  von  1855  bis  1879  erschie- 
nenen Schriften.  Von  Tli.  Möbius.  Leipzig,  vorlag  von  Willi.  Engelmann. 
1880.     IV,  129  s.     8.     n.  m.  3,50. 

Jeder,  der  sich  mehr  als  oberflächlich  mit  der  scandinavischen  pliilologie 
beschäftigt  hat,  kent  den  wert  des  von  Th.  Möbius  im  jähre  1856  herausgegebenen 
,,catalogus  librorum  islandicorum  et  norvegicorum  aetatis  niediae"  als  eines  unent- 
behrlichen bibliographischen  hilfsmittels,  und  wird  es  schmerzlich  empfunden  haben, 
für  die  seit  jener  zeit  erschienenen  publicationen  eines  gleich  sorgfältigen  und  zu- 
verlässigen Wegweisers  zu  entbehren.  Es  wird  daher  innerhalb  des  stets  wachsen- 
den kreises  der  Interessenten  mit  algemeiner  freude  begrtisst  worden  sein,  dass 
der  Verfasser  des  catalogus  sich  entschlossen  hat,  einen  nachtrag  zu  seinem  werke 
zu  liefern,  der  sich  nur  dadurch  von  diesem  unterscheidet,  dass  er  in  das  gewand 
der  deutschen  spräche  gekleidet  ist.  Sonst  ist  die  einrichtung  beider  bücher  vol- 
kommen  gleich.  Das  neue  verzeichnet  zuerst  in  systematischer  weise  die  werke 
bibliographischen  und  biographischen  Inhalts  (s.  1  —  2),  die  fachzeitschiüften  und 
handschriftencataloge  (s.  2  —  4),  die  Sammelwerke  (s.  4  —  5),  die  litterarhistorischen 
Schriften  (s.  5  —  9),  die  gesamte  rimenlitteratur  (s.  9  — 14),  sodann  die  werke  über 
grammatik  und  metrik  einschliesslich  der  für  den  gebrauch  des  anfängers  bestirnten 
lesebücher  (s.  14  —  21),  die  lexicographischen  arbeiten  (s.  21 — 23)  und  die  sam- 
lungen  altnordischer  texte  (s.  24  —  36).  Hierauf  folgt  der  hauptteil  des  Werkes, 
das  alphabetische  Verzeichnis  der  in  den  lezten  25  jähren  erfolgten  publicationen 
altnordischer  litteraturerzeugnisse  (s.  37  — 111).  Neben  den  ausgaben  der  Original- 
texte sind  wie  im  catalogus  auch  die  Übersetzungen  und  erläuterungsschriften  ange- 
führt; als  ein  vorzug  des  neuen  buches  ist  es  zu  betrachten,  dass  auch  auf  die 
wertvolleren  recensionen  hingewiesen  worden  ist. 

Als  ein  ,,opusculum  supererogationis "  folgt  hierauf  noch  (s.  112  — 120)  eine 
Zusammenstellung  derjenigen  isländischen  und  norwegischen  werke,  welche  in  der 
altnordischen  litteratur  namentlich  angeführt  werden.  Dem  Inhalte  nach  berührt 
sich  diese  Zusammenstellung  mit  dem  §  23  in  Gudbrand  Vigfussons  prolegomena 
(dessen  angaben  jedoch  durch  die  arbeit  von  Möbius  mehrfache  ergänzung  und 
berichtigung  finden);  sie  ist  litterarhistorisch  wichtig,  weil  uns  die  existenz  man- 
cher sagas  nur  durch  diese  citate  bezeugt  ist:  freilich  wird  man  nicht  allen  unbe- 
dingt glauben  schenken  dürfen,  wie  es  für  mich  z.  b.  zweifellos  ist,  dass  es  eine 
Gnnnbjarnarsaga  niemals  gegeben  hat.  Auch  ist  es  sicher,  wie  Gudbrand  Vigfus- 
son  a.  a.  o.  ausführt,  dass  wir  über  den  ehemaligen  bestand  der  altnordischen  litte- 
ratur aus  den  citierungen  keine  Schlüsse  ziehen  können ,  denn  die  alten  sagaschrei- 
ber  Avaren  sparsam  im  anführen  der  quellen  und  selbst  hochwichtige  werke  (wie 
z.  b.  die  Egilssaga)  finden  sich  nirgends  erwähnt. 

Das  ,, Verzeichnis"  ist  ein  beredter  zeuge  für  den  regen  eifer,  der  in  den 
lezten  25  jähren  der  nordischen  philologie  zugewant  ist.  Nicht  nur  sind  viele  der 
schon  vor  1855  veröffentlichten  quellen  widerholt  herausgegeben  ,  commentiert  und 
übersezt,  sondern  es  ist  auch  viel  neues  material  der  gelehrten  benutzung  zugäng- 
lich gemacht  worden.  Das  neu  hinzugekommene  lässt  sich  von  dem  alten  bestände 
mit  leichter  mühe  sondern ,  denn  die  den  lezteren  betreff'enden  artikel  sind  von  dem 
Verfasser  durch  einen  vorgesezten  stern  kentlich  gemacht.  Den  hauptteil  des  erste- 
reu  verdanken  wir  den  grossen  norwegischen  Sammelwerken :  den  postola  und  hei- 
lagra  manna  sogur,  sowie  der  Flateyjarbok ,  deren  mannigfacher  Inhalt  in  dem 
Verzeichnisse  in  sorgfältigster  weise  ausgezogen   ist;    in    zweiter  linie   sind  sodann 

24* 


370  BERNHARDT 

ZU  erwähnen  die  aus  dem  auslande  importierten  orzeugnisse  der  romantischen  litte- 
ratur,  die  „riddarasQgur,"  welche  erst  in  jüngster  zeit  mehr  beachtung  gefunden 
haben. 

Dass  das  buch,  was  genauigkeit  und  volständigkeit  anbetrift,  kaum  etwas 
zu  wünschen  übrig  lässt,  brauclit  für  diejenigen  nicht  besonders  hervorgehoben  zu 
werden,  welche  wissen,  in  welchem  grade  Tb.  Möbius  sein  fach  beherscht  und  mit 
welcher  peinlichen  Sorgfalt  er  arbeitet.  Sicher  ist  es ,  dass  für  kein  anderes  gebiet 
der  germanischeu  philologie  eine  bibliographie  existiert,  die  den  beiden  werken  von 
Möbius  auch  nur  annäherungsweise  gleich  käme. 

Wie  den  catalogus,  so  beschliesst  auch  das  Verzeichnis  ein  autorenregister 
(s.  121  — 128).  Es  ist  interessant ,  an  der  band  desselben  zu  constatieren ,  wie  sich 
die  arbeit  auf  dem  felde  der  nordischen  altertumsw^issenschaft  auf  die  modernen 
culturvölker  verteilt.  Die  Scandinavier  stehen  natürlich  in  erster  reihe.  Von  den 
im  register  verzeichneten  autoren  gehören  ungefähr  60  procent  dem  nordgermani- 
schen stamme  an ;  und  zwar  stellen  davon  die  Isländer  das  gröste  contingent ,  näm- 
lich 18  procent;  ihnen  folgen  die  Schweden  mit  17  procent,  die  Dänen  mit  13,  die 
Norweger  mit  11  und  die  Paeringer  mit  0,9  procent.  Fast  ein  drittel  (30  procent) 
der  gesamtzahl  entfält  auf  die  Deutschen.  Der  anteil  der  Engländer  ist  verhält- 
nismässig klein:  sie  figurieren  im  register  nur  mit  etwas  über  6  procent.  Noch 
minimaler  ist  die  nütarbeiterschaft  der  Holländer  und  Vlamen:  von  jeder  dieser 
nationen  nent  das  register  nur  einen  namen.  Von  den  nichtgermanischen  Völkern 
sind  nur  die  Franzosen  in  nennenswerter  zahl  vertreten:  sie  liefern  etwa  2  procent 
der  aufgeführten  autoren.  Sonst  sind  nur  noch  die  Bussen  und  Spanier,  und  zwar 
imr  durch  je  einen  namen  repräsentiert. 

HALLE.  HUGO    GERING. 

Vom  Gebrauche  der  Casus  im  Heiland,  von  Karl  Bünting-,  Gymnasial- 
lehrer.    Programm  des  Gymnasiums  zu  Jever.     Jever  1879.     21  s.     4. 
Die  vorliegende  arbeit  beweist,  dass  der  Verfasser  sich  mit  dem-Heliand  ein- 
gehend beschäftigt  hat  und  enthält  im  einzelnen  manche  nicht  unwichtige  beobach- 
tung.     Doch  würde  der  Verfasser  besser  getan   haben,    wenn  er,   anstatt  über   das 
ganze  weite  gebiet  sich  zu  verbreiten,    ein  engeres  gründlich  behandelt  hätte;    auf 
21  selten  ein  so  umfangreiches  thema  auch  nur   einigermassen  erschöpfend  darzu- 
stellen war  unmöglich.     Dazu  komt,    dass  der  Verfasser  mit  dem  stände    der  ein- 
schlagenden   fragen  nicht  gehörig  vertraut  ist;    Erdmanns    Syntax  Otfrids    scheint 
ihm    ebenso  unbekant  zu    sein,    wie  Hübschmanns    schrift   Zur  Casuslehre  und  die 
abhandlung  von  Delbrück  über  den  Dativ  in  Kuhns  Zeitschrift,  XVUI.  bd.  u.  a.  m. 
Schwerer  noch  wiegt  der  Vorwurf  mangelnder  grammatischer  schärfe   und  bestimt- 
heit;  man  vergleiche  z.  b.  seine  definition  des  accusativs  s.  3:  „Während  der  nomi- 
nativ  der  casus  ist,   von  dem  etwas  ausgesagt  wird,    ist  der  accusativ   ein  wesent- 
licher teil  der  aussage,   ja   zugleich  wird    durch   dieselbe  Wendung   auch   von    dem 
accusativ  etwas  ausgesagt ,  und  daher  wird  der  accusativ  bei  Verwandlung  der  aus- 
sage ins  passiv  das  subject."     Wenn  der  Verfasser  hinzufügt,  der  accusativ  scheine 
ursprünglich    die  bedeutung  der  richtung  gehabt  zu  haben,    so  hätte  er   sich  über 
das  irtümliche  dieses  Überrestes  der  localistischen    theorie    aus  den  Erläuterungen 
zu   Curtius    griechischer   scluilgrammatik    unterrrichten   können.      Öfter    sind    auch 
seine  einteilungen  unlogisch,   wie  z.  b.  s.  11:    der  Instrumentalis  steht  zur  bezeich- 
nung  des  mittels   oder  Werkzeugs  a.  bei  verben,    welche   bedeuten    eine  mittcilung 
machen,     b.   bei  verben  verschiedener  bedeutung,    die    alle  den  begriff  einer  luuid- 


ÜBER  BÜNTING ,    CASUS   IM   HELIAND.     NABER  ,    GOT.    PRÄPOS.  371 

luiig  enthalten,  c.  bei  verbcn,  die  bedeuten  „umgeben  mit  etwas."  d.  bei  verbcn 
des  kaufens  und  bezahlens  usw.,  als  ob  die  verba  unter  a,  c,  d  nicht  auch  eine 
handlung  bezeichneten. 

Besonders  dürftig  ist  die  bohandlung  des  accusativs.  Über  den  acc.  bei  tran- 
sitiven Verben  hat  sich  der  Verfasser  sehr  kurz  gefasst,  weil  das  altsäclisische  vom 
nhd.  nicht  abweiche.  Aber  es  finden  sich  doch  sehr  viele  fälle  der  nichtüberein- 
stimniuug,  ganz  abgesehen  von  der  frage,  ob  bei  darstellung  des  altsächsischen 
gebrauclis  die  Übereinstimmung  mit  dem  nhd.  oder  die  abweichung  davon  überhaupt 
für  die  auswahl  des  zu  gebenden  bestimmend  sein  durfte.  So  hat  der  Heliand  viele 
eigentümliche  anwendungen  des  accusativs  des  inneren  objects,  die  dem  nhd.  fremd 
sind,  wie  inen,  hihet,  gelp,  lastar,  samuurdi  sprecan;  auch  der  factitive  accusa- 
tiv  hat  eigentümliches,  wie  hclpa  geradem,  Ion  geklan,  gemödi  gemahlean;  aber 
auch  im  äusseren  objeot  weichen  beide  sprachen  nicht  selten  von  einander  ab,  wie 
l)ei  tuiflian.  Ferner  verdiente  doch  wol  die  Umwandlung  intransitiver  verba  in 
transitive  durch  Zusammensetzung  eine  ausführlichere  besprechung ,  als  sie  auf  s.  4 
erhalten  hat,  vgl.  bibrecan,  bineman,  bihauuan,  antstandan  usw.  Der  reflexive 
accusativ ,  wie  bei  belgan,  uuredian,  giniudon  ist  gar  nicht  erwähnt.  Über  den 
aceusativ  des  zieles  möge  sich  der  Verfasser  aus  meiner  abhandlung  Zur  gotischen 
casuslehre  in  den  Beiträgen  zur  deutschen  Philologie  Halle  1880  s.  74  unterrichten. 
Beim  genitiv  ist  z.  b.  der  so  eigentümliche  partitivus  überaus  dürftig  behandelt ; 
nicht  einmal  die  denselben  regierenden  pronomina  sind  volständig  aufgezählt;  es 
fehlen  sum ,  hue ,  huülk ;  auch  al  ist  nicht  erwähnt ;  angaben ,  ob  solche  worte  auch 
attributiv  verwendet  werden ,  fehlen  gänzlich. 

Ich  könte  dies  Verzeichnis  von  ausstellungen  leicht  um  ein  beträchtliches 
vermehren,  wenn  ich  nicht  fürchten  müste  die  geduld  des  lesers  zu  erschöpfen. 
Ich  schliesse  mit  dem  wünsche,  dass  der  Verfasser  bald  mit  einem  wertvolleren 
beitrage  zu  dem  auf  bau  einer  germanischeu  sj^ntax,  der  jezt  von  so  vielen  selten 
in  angriff  genommen  wird,  hervortreten  möge. 

Gotische  Präpositionen  von  Friedrich  Naber.  I.  Beilage  zum  Pro- 
gramm des  Gymnasii  Leopoldini  zu  De  tmold.     1879.     26  s.    8. 

Der  Verfasser  bespricht  einige  der  mit  dem  accusativ  verbundenen  gotischen 
Präpositionen,  nämlich  and,pairh,  imdar,  vipra,  faur,  inuh,  ana,  in;  für  einen 
zweiten  teil  hat  er  sich  „ die  Verbindungen  mit  anderen  casus,  sowie  die  erörterung 
algemeinerer  fragen"  vorbehalten,  hoffentlich  auch  die  übrigen  den  accusativ  ver- 
langenden Präpositionen. 

Die  vorliegende  arbeit  ist  mit  fleiss  und  Sorgfalt  gefertigt;  wesentlich  neues 
bringt  sie  freilich  nicht.  Ptir  die  behandlung  der  etymologischen  fragen  scheint 
L.  Meyer,  Die  gothische  Sprache  nicht  benuzt  zu  sein.  Bei  den  Übersichten  ist  es 
zuweilen  störend,  dass  erst  die  substantiva,  mit  welchen  die  präposition  sich  ver- 
bindet, dann  die  verba,  zu  denen  solche  ergänzungen  treten,  aufgeführt  werden; 
eine  Übersicht  nach  den  verben ,  mit  beifügung  der  substantiva  würde  genügen, 
etwa  nach  art  der  formelverzeichnisse  in  Sievers  Heliand. 

ERFURT,  IM  OCT.  1880.  BERNHARDT. 


372  KINZEL 

Die   Pariser   Tagezeitcu.     (Handschriftlicher  text.)      Herausgegeben    von 
Stephan  Wsietzold.    Hamburg,  Meissner.    1880.     XXHI  und  167  s.    8. 

Es  ist  schon  öfter  darauf  hingewiesen  worden,  dass  wir  über  die  metrik  der 
spät  -  mittelhochdeutschen  gedichte  mit  geringen  ausnahmen  noch  wenig  besser 
unterrichtet  sind  als  über  die  der  vorklassischen  zeit.  Um  so  erfreulicher  ist  es, 
wenn  unsere  litteratur  dieser  periode  um  ein  reimwerk  vermehrt  wird ,  das  bei  aller 
mangelhaftigkeit  des  poetischen  Inhalts  sich  einer  form  befleissigt,  wie  wir  sie  uns 
nicht  besser  wünschen  können.  Die  hier  zum  ersten  male  herausgegebenen  Tage- 
zeiton  zeigen  klar,  welchen  gesetzen  eine  gewisse  klasse  von  selbst  mittelmässig 
begabten  poeten  nachstrebte,  und  sie  beweisen,  wie  falsch  es  sei,  mit  dem  für 
manche  producte  jeuer  zeit  passenden  stichworte  ,,silbenzählung"  die  metrik  der- 
selben abfertigen  zu  wollen.  Die  zeit ,  welcher  das  gedieht  angehört ,  genauer 
festzustellen,  ist  schwer.  Der  herausgeber  meint,  es  gehöre  in  die  erste  hälfte 
des  14.  Jahrhunderts,  da  der  Verfasser  die  dichtung  des  13.  Jahrhunderts,  soweit 
wenigstens  als  dieselbe  geistlich  war ,  kante  und  da  er  oft  in  reminiscenzen  an 
diese  sich  bewegt.  Wenn  er  aber  glaubt,  es  wegen  seiner  ,, metrischen  unvolkom- 
menheiten"  nicht  vor  das  jähr  1300  setzen  zu  dürfen,  so  ist  er  im  irtum.  Ohne 
diesen  widerlegt  zu  haben ,  können  wir  nicht  an  die  besprechung  des  vielfach  ver- 
stümmelten textes  gehen. 

Nehmen  wir  also   der   grösseren  Übersichtlichkeit  wegen  beliebig  100  verse 
heraus ,  etwa  1255  fgg. ,  um  an  ihnen  den  versbau  zu  erläutern ,    so  finden  wir  fol- 
gende regeln:  I.  vier  hebungen  stumpf,  drei  hebungen  klingend.     Die  zweisilbigen 
reime  mit  kurzem  stammvocal  sind  regelmässig  stumpf.     Einziges  beispiel  1281 
ich  mdnen  minnencliche  magit 
dich,  däz  din  herze  gar  verzagit. 
meist  einsilbiger  auftact,  daneben  zweisilbiger:  1284  ich  man  \  dich  daz  do  ir  beide. 
1307  ich  man  \  dich,  lust  aller  herzen.     Vgl.  1279.  1327. 

n.  Alle  Senkungen  ausgefült  und  hebung  und  Senkung  einsilbig.  Ausnah- 
men nur  scheinbar  in  den  bekanten  fällen :  e  elidiert  von  hebung  in"  Senkung  1270 
der  kusche  ein  tvöl.  1272  die  gute  alleine.  1299  aller  freüde  ein  ängir.  oder  1314 
da  mede  din  pin  ermerit  wart.  Fehlende  Senkung  scheinbar,  wo  ein  e  vom  Schrei- 
ber ausgelassen  ist:  1274  dime  kinde  lief{e)  na.  1279  manchfal! .  1303  und{e). 
1316  heub{e)t  vgl.  1907.  Ein  hiatus  ist  zu  constatieren  1334  der  pine  ordenunge; 
vgl.  2992  in  pine  und  in  groser  not,  3404. 

in.  Keine  silbenzählung,  d.  h.  keine  abweichung  von  der  natürlichen  heto- 
nung.  Ausnahmen  sind  die  gewöhnlichen:  1256  orkünde.  1285.  1331  lebärten. 
1318  liplichen.  1S27 '  arbeiden.  Ferner  die  eigennamen:  1328  Märici  din  scheiden. 
1273  Maria  Magdalena  (vgl.  3210.  3005,  aber  1352  Maria  freuden  zufersicht). 

Widerstrebend  sind  in  diesem  hundert,  weil  offenbar  fehlerhaft  und  daher 
schon  von  Waetzold  gebessert  1276.  1319.  1323.  1324.  Zu  der  stelle  1353  ich  bid 
dich  dugint  exempil  vgl.  811  diigent  ein  foller  sehr  in. 

Ich  glaube  also  schon  hiermit  nachgewiesen  zu  haben,  dass  der  Verfasser 
klaren  metrischen  grundsätzen  folgt ,  deren  keiner  einem  klassischen  gradezu  wider- 
spricht. Der  unterschied  besteht  nur  darin,  dass  die  edle  freiheit  jener  periode  in 
dieser  auf  ein  rainimum  zusammengeschrumpft  ist,  aber  nicht  wie  bei  andern  dich- 
tem auf  kosten  der  natürlichen  betonungsgesetze. 

Hiervon  war  bei  der  emendation  des  vielfach  verderbten  handschriftlichen 
textes ,  der  hier  genau  nach  der  vom  herausgeber  1873  in  der  bibliotheque  nationale 
zu  Paris  gefundenen   handschrift  .gedruckt   ist,   auszugehen.     Manche  stellen   hat 


ÜBER   PARISER   TAGEZEITEN   ED.    WAETZOLD  373 

Wactzold  in  den  anmerkungcn  in  Ordnung  gebracht,  iiher  es  bleibt  noch  immer 
recht  viel  für  das  Verständnis  zu  tun.  Es  wäre  wünschenswert  gewesen ,  dass  die 
parallelstcllen  reichlicher  zusammengebracht  wären,  die  ja  einem  herausgeber  leicht 
zu  geböte  stehen.  Das  gedieht  ist  voll  von  widerholungen  und  dabei  der  ausdruck 
oft  so  schwerfällig,  dass  man  sich  nicht  leicht  von  der  richtigkeit  der  lesart  über- 
zeugen kann. 

Im  folgenden  sollen  einige  vorschlage  zur  hciluug  gemacht  werden,  welche 
auf  den  dargelegten  metrischen  grundsätzen  fussend  diese  zum  teil  bestätigen,  zum 
teil  erweitern. 

Zu  nr.  1.  a)  Verse  erscheinen  oft  zu  lang  durch  ein  angehängtes  e.  Dies  ist 
zu  tilgen: 

345  das  mir  dm  stose[n\  und  din  slan{e) 

also  zu  staden  möge  stan{e). 
945  von  dem  spotte  schemelich{e) 
des  diifels  ummere  eiveclich{e). 
1189  Maria  durtildube  clar{e) 

durch  das  du  stille  und  offinbar(e). 

ebenso   2432.  33.    2436.  37.    2710,  11.    3378.  74.    1443.  44.     1645  —  48.    1731.  32. 
3046.  47.  3261.  62.    Auch  sonst  sind  einige  verse  überladen  wie  2491. 
b)  Umgekehrt  hat  der  Schreiber  oft  ein  e  fortgelassen ,  wie 
1549  do  gingen  alle  gelich 
sa  rechte  Jcrefteclich. 
2688  daz  ich  mit  fmulen  rieh 
geTcu/nde  clegelich. 
ebenso  3002.  3541,  auch  1954.  55. 

Diese  verse  wären  bei  stumpfem  ausgange  offenbar  zu  kurz.  Zu  wenig 
hebungen  zeigen  auch  einige  andre,  denen  man  mit  flickwörtern  zu  helfen  geneigt 
ist.     So  2  ginge  gein  [der'\  dodis  pin. 

816  Tiein  zunge  ummir  [me]  gescit  vgl.  484. 
2960  die  zu  beschreiben  stat. 
2966  fon  dem  du  tvorde  [dol  gekost. 
3710  daz  [do]  of  in  wart  geleit. 
3085  det  got  ein  zeichen  rieh 
vgl.  3253.  3295.  3575.  3790.  2563.  733.  789.  2675. 

Zu  nr.  II.  a)  Einsilbige  Senkung  ist  durchgeführt.  Die  wenigen  fälle,  in 
denen  zweisilbige  erscheint,  sind  meist  leicht  zu  beseitigen  durch  tilgung  eines  e 
wie  I.  a:  423  ^oie  falsch{e)  din  rede  loere. 

947  ich  man  dich,  edel  iuncfrau{we)  zart. 
1084  von  herzeniamer,  frau{we)  noch  {der)  man  vgl.  3154. 
Ebenso  1136  lerte.  1144  stunde  (prt.)  1966  i«'ne.  2734  erliche{n).  893,  419  wem 
446  antlitze.  500  sine  meinunge.  573  koneginne.  875,  905  sule.  In  vers  145  und 
234  ist  wol  ge-,  1669  ver{gift),  2545  er{schotte)  zu  tilgen.  Bisweilen  ist  zusammen- 
gesezt  mit  fallen-  wie  2668  zu  goden  werken  follenkomen;  bisweilen  mit  fol-  wie 
2313  e  daz  ich  gantz  folbrenge,  2457  daz  was  folbrachf  bisunderlich.  Demgemäss 
ist  auch  2650  und  an  andern  stellen  zu  lesen. 

Nach  alter  regel  sind  nur  folgende  fälle  233  swere  ge-.  699  lieze  ge-.  732 
helle  ver-.  81S ,  2114  sine  ge-.  S62  sule  ge-.  2733,  2836  WcÄe  6e-.  2S01  site  be-. 
3056  male  be-.  —    2747  edel  be-. 


374  KINZEL 

b)  Fehlende  Senkung  ist  auf  wenige  fälle  beschränkt.  Oft  ist  ein  e  zu  ergän- 
zen wie  I.  b.  So  ist  unde  für  und  gebräuchlich:  717.  725.  1122.  1789.  1839.  2064 
u.  ö.  tnanich  für  manch  ist  zu  lesen  600.  749.  822.  1468.  —  476  worte  (gen.  pl.). 
854  dine  eleu  (pl.)  915  (vgl.  916)  sussekeide  (gen.).  1100  gerechtekeide  (gen.). 
1190  dines.  2293  helfeliche.  1017  mmne.  Adverbia  1762  ivirdecliche,  1969  rechte 
und  öfter. 

Auch  kleine  wörtchen  mögen  vom  Schreiber  bisweilen  ausgelassen  sein 
manchmal  z.  b.  in  pausa  mag  auch  wirklich  die  Senkung  fehlen.  482  des  si  lop 
und{e)  danc.  995  sin  fader  for  hat  erweit.  1355  zustieze  gar  dui-ch  mich.  — 
398  dich,  herre,  matten  ich.  —  Unvermeidlich  war  es  in  dreisilbigen  Wörtern  wie 
1501  scMppünge,  3727  selige,  oder  in  zweisilbigen  3360  freislich.  Öfter  im  vers- 
schluss:  2019,  2874  orhab.  2476  kusheit.  2722,  2765  freissam.  2771  dotlich. 
2847  sperstich.    2855  demut.    2984  wisheit.    3381  loarheit.    3426  krancheit. 

Zu  nr.  III.  für  die  oben  angeführten  gewöhnlichen  ausnahmen  in  mehrsil- 
bigen Wörtern  vergleiche  man  noch  194  menschlichem.  196.  364.  759.  826.  1205. 
1919.  1944.  1924.  1949.  2191.  2835.  3307.  3644.  Andre  fälle  finden  sich  im  auf- 
tact  wie  206  schepper  da  ivart  erkennet.  Man  vgl.  1463.  402.  776.  1175.  1940. 
2347.  2339.  2447.  2455.  2773.  2873.  3051.  3116.  3293.  3353  u.  ö.  Eigentümlich  ist 
die  betonung  der  eigennamen  wie  669.  715.  751.  803.  925.  2208.  2428.  3259.  3376. 
3672.  2125.  3829.  3798. 

Wenden  wir  uns  nun  zu  einigen  stellen ,  welche  die  zeichen  tieferer  Verderb- 
nis an  sich  tragen.  Die  vorschlage  zur  besserung  sind  ergebnisse  der  lectüre, 
machen  also  keine  höheren  ansprüche. 

Ich  mache  zuvor  auf  eine  eigentümlichkeit  der  Wortstellung  aufmerksam,  die 
wie  es  scheint  zur  manier  des  dichters  gehört  und  sehr  häufig  ist:  272  zu  mensch- 
lich der  natiA/ren  krank.  338  und  menschlich  die  nature  kranc.  508  durch  bitter 
dines  herzen  pin.  517  dorch  siver  die  nacht  so  freissam.  606  dwch  unhesprochen 
dine  zucht.  795  durch  unmezic  die  gedult.  800  for  offen  den  morder e.  908  durch 
uberflussic  dine  pin.  978  durch  scharx>  die  crone.  984  von  gotlich  des  fader  milde. 
1002  Pilato  groz  der  iuden  schar.  1104  durch  bitter  uiver  prime  zit.  1737  laz 
rot  dines  bludes  lootiden.    2381  durch  strenge  bitter  dinen  dot  und  andre  stellen  mehr. 

324  Ye  me  ist  zu  tilgen.  • —    332  lies  des  für  daz. 

393  hs.  were  menschlich  din  creature  wäre  zwar  nach  Stellung  und  metrik 
nicht  unmöglich,  wenn  man  gekürztes  iver  mensch  \  lieh  läse,  doch  wird  es  glatt 
und  gibt  richtigen  sinn,  wenn  man  din  streicht. 

479  ist  nicht  ivaz  zu  ergänzen  sondern  siner  zu  lesen. 

537  lies  dines.  —    562  sin  antlitz  also  licht  verspiet. 

588  daz  du  mit  tvillekur  \  mit  willen  lisse  suchen  dich.  Solche  widerholun- 
gen  liebt  der  dichter.  Vgl.  603  din  unwirde  \  mir  helfe ,  herre ,  ivilliclich  |  mit  wil- 
len zu  dins  fader  rieh. 

689  lies  noch  die  ivisen  underziden. 

832  scheint  mir  von  Wactzold  misverstanden.     Ich  lese 
in  liden  doch  nie  ru/rte 
die  gotheit  die  pine  kein; 
ivie  daz  ein  substancie  rein 
835  da  dri  namen  tveren, 

in  pine,  in  groser  sweren 
so  was  der  son  alleine. 


ÜBER   I'ARISER    TAOEZEITEN    ED.    WAETZOLD  375 

In  833  ist  pine  subjcct:    sein  leiden  berührte   nicht   seine  göttliche  natiir;   obgleich 
drei  personen  ein  wescu  waren ,  so  war  in  der  pein  der  söhn  allein. 
848  lies  der  iudeii  bösen  loillen. 
883  lies  da  mede. 
893  ist  ein  du  ==  dö  ausgefallen. 

929  wird    wol  Jesus    der  guden  Ion  genant.      Waetzold    hat    selbst    crkant, 
dass  seine  Interpretation :  „als  lohn  für  deine  gute"  sehr  künstlich  ist. * 

Misverstanden  hat  er  auch  979  —  988 ,  welche  verse  einen  satz  bilden.     Seine 
conjectur  zu  986  ist  hinfällig,    weil   sie  ja  leides  erforderte.     Ich  lasse  die  ganze 
stelle  folgen  und  setze  die  zu  tilgenden  buchstaben  in  klammer : 
der  von  dem  fader  sa  intsproz, 
980  so  duz  er  tvolde  des  genoz 
mit  ganzen  willen  werden; 
der  von  dem  Tcloz  der  erden 
da  'Wart  ein  menschen  bilde 
von  gotlich  des  fader  milde: 
985  des  ungezalte^n)  mildekeit 
und  sin  ungenantis  leit 
und  unledic  sine{r)  pin{e) 
müsse  lop  und  ere  sin{e). 
Der  sinn  ist:   Christus  (a.  979  —  981.     b.  982  —  984)  ...,    985  seine  unerträglichen 
leiden  usw.     988   müssen  ihm   zur  ehre   gereichen.     Möglich  wäre  auch ,    statt  der 
nominative  985  —  87   dative  anzunehmen,     unlidec  =  unerträglich  vgl.  1739.    1726 
unlidelich. 

1026  lies  Pilato  wart  die  rede  gekunt 

do  sin  frauwe  bat  for  dich. 
1043  ist  diu  =  dö  wie  1239.  1272. 

1376  fgg.  kann  ich  nicht  für  verderbt  halten.     Es  wird  derselbe  gedanke  wie 
833  und  988  ausgesprochen.     Die  stelle  lautet : 

toer  siner  pine  nemet  tvar, 
der  findet  niet  dan  daz  er  ganz 
an  willen  was,  wie  daz  vr  glänz 
em  an  der  menscheit  tvere. 
1380  doch  was  eme  also  sivere 
mit  loillen  ganz  gezeret, 
mit  züchte  gefloreret, 
da  mit  er  wolde  stillen 
den  bösen  argen  loillen, 
den  of  uns  der  fient  druc. 
also :    volkommen    freiwillig   (ganz   an  willen)    übernahm   er   sein  leiden ;    und   der 
rühm  desselben  komt  auf  seine  menschliche  natur.     Und  nun  variiert  v.  1380:    die 
freiwillige  Übernahme  {mit  loillen)  brachte  seiner  bürde  die  ehre.     Wie  kann  ,,zeren 
hier   in   der  bedeutung  hinbringen  zeitlich"   zu  nehmen  sein!     zieren  und  florieren 
sind  offenbar  synonyma  wie  1487  mit  sinnen  ivol  gezerit ,  mit  warten  geflorerit. 
1524  lies  ward  für  war. 

1536  ist  zu  lesen   erquickit   für  erwickit  wie   1538.      Solche   widerholungen 
sind  dem  dichter  grade  geläufig. 

1)  Etwa  die  Juden  hone?     Z. 


376  KINZEL 

1539  lies  o  hoher  Ion  for  (hs.  fon)  seraphin.  Vgl.  v.  1543  daz  der  (jchurte 
waren  fro  die  enget  in  den  lüften  ho. 

1545  fgg.  lies  daz  wol  din  herze  [was]  erkant  da  föne  in  leide ,  [in]  leide 
brant  din  herze. 

Metrisch  anstössig  sclieiuen  mir  folgende  verspaare: 
1565  dar  nach  ivart  dir  geslagen 

ein  nagel ,  daz  follensagen  .  . 
1609  daz  mochte  niet  follensagen 
den  iamer  noch  follenclagen. 

1601  ist  umzustellen:  da  mede  du  firzwickit  worde.  Ebenso  1692  daz  din 
dochter  magit  din  genas. 

1755  will  Waetzold  firwondet  von  mhd.  verwinden  ableiten,  v/älircnd  von  den 
wunden  der  sünde  die  rede  ist:  mit  diner  helfe  mir  sin  blut  der  wonden  artzdie 
si,  sint  ich  mit  müdegelüste  fri  der  sunden  mich  firivondet  han. 

1850  ist  zu  lesen:  Maria,  Abrahams  gesiecht  für  gesicht. 

1857  hat  der  herausgeber  helfe  rat  misverstanden.  Auch  an  allen  von  ihm 
angeführten  stellen  ist  es  =  helfe.  Die  werte  lauten:  wand  kein  sunder  nit  inhat 
so  hohen  drost  und  helfe  rat  als  an  dir,  mudir  unde  magit.  Ebenso  vers  2388 
(nicht  2393),  wo  zu  lesen  ist:  man  ich  dich,  frau ,  durch  din  (für  die)  helfe  rat. 

Umstellungen  sind  vorzunehmen:  1880  sich  mancher.  2013  fwic  sach. 
2094  lies  bit  ich  dich,  ewangeliste ,  daz  du  helfist  mir  gein  criste.  2975  det 
nechtent. 

1912  hs,  an  daz  holtz  gequickit.  Waetzold  will  gedruckit.  Besser  scheint 
mit  1535  gezwickit. 

1938  lies  zu  der  stunt.  —    2010  firsneit. 

2065  si.  —    2182  tilge  alme.  —    2358  brach. 

2603  nicht  ferloschen? 

2681  das  komma  ist  zu  entfernen:  schin  werde  gehört  zusammen. 

2698  zu  der  form  schuft  für  schuf  vgl.  die  belege  in  meiner  ausgäbe  des 
„Junker  und  d.  tr.  Heinrich"  (Berlin  1880)  s.  22. 

2711  lies  mit  folleiste  plicht  vgl.  2803. 

2737  ergänze  er  nach  gäbe. 

2796  ich  man  dich  tmd  bidden  dich  vgl.  2828  und  2838  ich  manen  und  bid- 
den  dich.    Aus  beiden  ist  die  correctur  zu  combinieren. 

2944  ist  zu  lang:  auwe  der  iemerlichen  stunde.  Nach  2942  ist  zu  bessern 
auwe  iemerliche  stunde. 

3020  ist  ein  herre,  2377  hande  zu  tilgen, 

3093  lies  in  lichten  (nicht  entlichten)  =  ihnen  leicht  machen. 

3212  da  gehört  in  den  folgenden  vers. 

3391  lies:  nu  manen  ich  und  bidden  dich 

durch  daz  du  wolde  willecUch 
dich  lasen  legen  in  ein  grap. 

3485  lies  ging.  —     3536  tilge  quam. 

3585  lies  stunden  hinder  sich,  vgl.  3646  da  drat  der  edel  hinder  sich. 

3601  tilge  dri.  —    3619  lies  suchte. 

Die  gegebeneu  besserungen  machen  nicht  ansprnch  auf  volständigkeit ,  auch 
will  sich  so  manche  stelle  nicht  gleich  beim  ersten  anlauf  fügen. 

Die  einleitung,  welche  der  herausgeber  dem  texte  vorausgestelt  hat,  bezieht 
sich  widerholt  wie  auch  die  anmerkungen  auf  seine  dissertation :  Pariser  Tagezeiten. 


ÜBER    I'jVRISER    TAGEZEITEN    ED.    VVAETZOLD 


377 


Halle  1875,  5G  s.,  in  welcher  über  die  litteratur  der  tagezeit-dichtuugeii,  über 
ihren  Inhalt  und  zweck,  über  metrik  und  dialcct  gehandelt  ist.  Die  Unter- 
suchung in  die  einleitung  aufzunehmen,  was  wünschenswert  gewesen  wäre,  „ver- 
bot der  beschränkte  räum  einer  programmabhandlung,"  aus  welcher  das  buch  ein 
abdruck  ist. i  Waetzold  hätte  dann  gewiss  gelegenheit  genommen,  den  gramma- 
tischen teil  umzugestalten,  zumal  da  er  jezt  die  meinung  aufgibt,  das  gedieht  sei 
in  Baiern  entstanden,  und  es  vielmehr  dialectisch  verwant  mit  der  Erlösung,  Elisa- 
beth und  Himmelfahrt,  also  für  hessisch  hält.  Was  für  das  Verständnis  der  dich- 
tung  und  ihrer  Stellung  in  der  geistlichen  litteratur  des  mittelalters  förderlich 
schien,  ist  dann  noch  einmal  s.  X  fgg.  zum  teil  erweitert  zusaramengestelt. 

BERLIN,   SEPTEMBER    1880.  KARL   KINZEL. 


Zur  Gralsage.  Untersuchungen  von  Ernst  Martin.  (=  Quellen  und 
Forschungen  zur  Sprach-  und  Culturgeschichte  der  germanischen 
Völker.  Herausgegeben  von  B.  ten  Brink,  E.  Martin,  W.  Scherer. 
42.  heft.)     Strassburg,  Trübner.  1880.     48  s.     8.     n.  m.  1.20 

Der  entwicklung  des  Gralmythus  ist  erst  in  lezter  zeit  die  gebührende  auf- 
merksamkeit  gewidmet  worden,  denn  weder  San  Marte  noch  Simrock  brachten  es 
in  den  einleitungen  zu  ihren  Übersetzungen  des  Parcival  zu  einer  kritischen  Unter- 
suchung. Erst  Birch- Hirschfeld  gab  in  seinem  1877  erschienenen  buche  ,,die  sage 
vom  Gral"  eine  zusammenhängende  Untersuchung  der  quellen  der  Gralsage,  welche 
durch  einige  abhandlungen  Zarnckes  vorbereitet  war.  So  viel  sorgfalt  Birch - 
Hirschfeld  aber  auf  die  darstellung  der  entwicklung  der  Gralsage  nach  den  vor- 
handenen französischen  quellen  verwant  hat,  so  wenig  hat  er  die  eigentümliche 
gestaltung  der  sage  bei  Wolfram  v.  Eschenbach  in  rechuung  gezogen.  Da  dieselbe 
von  der  algemeinen  französischen  Überlieferung  abweicht,  so  schreibt  er  sie  ein- 
fach Wolframs  freier  erfindung  zu,  trotz  dessen  eigener  ausdrücklicher  Versiche- 
rung, dass  er  aus  dem  werke  eines  Kyot  geschöpft  habe  (vgl.  meine  Wolframlitte- 
ratur  s.  58  anm.).  Birch  -  Hirschfeld  hätte  hier  mit  seinem  urteil  noch  zurückhal- 
ten müssen,  bis  die  Untersuchung  über  die  quellen  Wolframs  ihren  relativen 
abschluss  gefunden  hat.  Dass  sich  doch  noch  erhebliche  gründe  für  die  existenz 
Kyots  geltend  machen  lassen,  hat  Martin  schon  in  der  recension  des  buches  von 
B.  H.  (Anzeiger  zur  zeitschr.  für  deutsch,  altert.  5  s.  87)  gezeigt;  ausführlicher  ver- 
breitet er  sich  nun  darüber  und  über  die  bcdeutung  der  Gralsage  überhaupt  in 
den  vorliegenden  „Untersuchungen  zur  Gralsage,"  auf  die  hier  kurz  aufmerksam 
gemacht  werden  soll. 

Der  grundgedanke  der  schrift  ist  der,  dass  die  bekanten  französischen  Ver- 
sionen und  die  gestaltung  der  Gralsage,  wie  wir  sie  bei  Wolfram  finden,  zwei 
triebe  aus  derselben  wurzel  seien;  der  kern  sei  ein  naturmythus,  jene  seien  die 
verkirchlichte  darstellung,  diese  eine  durch  geistliche  gelehrsamkeit  beeinflusste 
gestaltung  desselben  —  beide  aber  in  Frankreich  ausgebildet,  leztere  mithin  von 
Wolfram  in  der  quelle  vorgefunden  und  herübergenommen. 

Martin  führt  nun  seine  Untersuchung  in  drei  abschnitten  so,  dass  er  in  den 
beiden   ersten   die  wahrscheinliche   oder   doch   mindestens   mögliche   existenz  Kyots 

.1)  Diesem  umstände  ist  es  wol  auch  zuzuschreiben,  dass  der  satz  manches  zu 
wünschen  übriR  lässt,  wie  s.  10.  11.  72.  99.  101.  104.   113  anm.  3. 


378  BÖTTICHER 

darlegt  und  im  dritten  die  vorhandenen  Gestaltungen  der  sage  im  Verhältnis  zu 
ihrem  möglichen  Ursprung  erörtert.  Im  I.  abschnitt  „Wolfram  von  Eschenbach  und 
seine  quellen"  s.  1  — 19  komt  es  dem  Verfasser  zunächst  darauf  an  zu  beweisen, 
dass  Wolfram  neben  Chrestiens  de  Troycs  noch  andere  quellen  benuzt  habe ;  er 
schöpft  diesen  beweis  aus  den  bei  Wolfram  vorkommenden  namen,  indem  er  die 
bisher  unbekante  interessante  tatsache  constatiert,  dass  gewisse  klassen  von  völker- 
namen,  nämlich  alle  auf  -jente  endigenden,  sowie  auch  die  adjectiva  auf  -gentesin 
aus  Soltns  Polyhistor  stammen,  ebenso  die  meisten  der  P.  770  erwähnten  eigen- 
namen.  Eine  menge  anderer,  besonders  geographischer  namen,  die  Chrestiens 
nicht  hat,  waren  schon  früher  nachgewiesen,  Martin  vermehrt  jedoch  ihre  zahl. 
Personennamen  und  ereignisse  endlich,  die  Chrestiens  nicht  hat,  sind  so  zahlreich 
in  der  romanischen  und  mhd.  litteratur  nachweisbar,  dass  man  auch  für  diejenigen, 
deren  quelle  nicht  bekant  ist,  eine  erfiudung  durch  Wolfram  nicht  annehmen  darf, 
zumal  sie  meistens  ganz  gelegentlich,  ohne  irgend  welche  bedeutung  für  den  Zusam- 
menhang der  hauptbegebenheit  vorkommen  (s.  13.  14),  so  dass  also  irgend  ein 
zweck,  den  Wolfram  mit  ihrer  crflndung  gehabt  haben  müsse,  nicht  erkant  werden 
kann.  Selbst  die  annähme ,  dass  Wolfram  die  zahlreichen  deutschen  namen  im 
I.  und  II.  buche  selbständig  eingemischt  habe,  hat  nach  Martin  keine  berechtigung, 
da  oft  deutsche  namen  in  französischen  quellen  vorkommen  (s.  7).  Am  allerwenig- 
sten siud  die  abweichungen  von  Chrestiens  in  namen  wie  Condwiramür  für  Blan- 
che flür  zu  verstehen,  wenn  Wolfram  nicht  noch  andere  quellen  benuzte.  Verfasser 
findet  s.  15  sogar  eine  spur,  dass  Wolfram  verschiedene  von  einander  abweichende 
darstellungen  zu  vereinigen  suchte  darin ,  dass  Gahmuret  im  VII.  buche  zwei  rosse, 
Ingliart  und  Gringuljete,  reitet.  Es  gibt  aber  —  besonders  im  I.  buche  —  eine 
ganze  anzahl  von  stellen,  die  sich  meiner  ansieht  nach  nur  auf  diese  weise  erklä- 
ren lassen.  Ich  führe  hier  nur  eins  an:  P.  4,  27  fgg.  wird  Gahmurets  ausziehen 
auf  abenteuer  merkwürdiger  weise  erst  durch  das  romanische  (?)  erbrecht  (das  majo- 
rat)  motiviert;  nachher  aber  fält  dieser  grund  (6,  29  fgg.)  durch  den  edelmut  des 
erstgebornen  (Gandin)  volständig  weg,  und  Gahmurets  ausziehen  erscheint  lediglich 
als  folge  seines  tatendrangcs.  Ein  motiv  war  nur  nötig,  das  zweite  hat  jedesfals 
mehr  deutsches  gepräge  als  das  erstere ;  zu  dem  leztercn ,  nicht  zum  ersteren  stimt 
auch  8,  9  ich  hän  oucJt,  e  ein  teil  gevarn.  Kann  man  nun  hier  zwei  quellen  anneh- 
men, so  ist  auch  klar,  wie  Wolfram  sie  vereinigte,  nämlich  durch  die  bitte  der 
fürsten  6,  7  fgg.  Ebenso  dürfte,  um  nur  noch  einiges  anzudeuten ,  hierher  gehören 
die  merkwürdige  Veränderung  des  Wappens  Gahmurets  14 ,  12  fgg. ,  die  vertauschung 
Alexandrias  18,  15  mit  Ninive  14,  3fgg. ,  die  bezeichnung  Isenharts  als  mohr  und 
könig  von  Azagouc,  trotzdem  sein  vater  Tankanis  heisst  und  sein  vetter  Fridebrant 
von  Schotten  ist,  u.  a.  m. 

Bei  der  nun  folgenden  prüfung  des  I.  und  IL  und  XIV. —  XVI.  buches  hin- 
sichtlich ihrer  quellen  wäre  genaueres  eingehen  wünschenswert  gewesen.  Wenn 
der  Verfasser  z.  b.  sagt  ,,die  im  I.  buche  geschilderten  zustände  des  Orients  lassen 
sich  mit  denen  nach  11(50  vergleichen "  so  erwartet  man  doch  füglich  einige  erläu- 
terung  dieser  behauptung.  Für  I  imd  II  führt  Verfasser  überhaupt  nur  die  ähulich- 
keit  der  hegebenheiten  mit  einer  einleitung  zu  einer  handschrift  Chrestiens  au  und 
die  allerdings  bedeutsame  art  und  weise  der  ,,einführung  oder  vielmehr  nichteinfüh- 
rung"  der  personen  im  I.  buche.  Sehr  nahe  lag  doch  aber  noch  der  hinweis  auf 
P.  27,  15  fgg.  vgl.  25,  52  fgg. ,  wo  deutlich  ein  misverständnis  des  französischen  wortes 
helberc  =  zeit  vorliegt ,  ebenso  hätte  das  s.  8  erwähnte  misverständnis  in  dem 
namen  der  Fee  56,  18  hier  besonders  hervorgehoben  werden  sollen,  endlich  bezeich- 


ÜBER  MARTIN  ,  GRALSAGE  379 

Illingen  wie  67,  21  die  stolzen  Alemäne,  ■womit  doch  nur  ein  französischer  dichter 
die  Deutschen  bezeichnen  konte.  Auch  für  XIV — XVI  erwartet  man  mehr  als  die 
schon  im  auz.  a.  a.  o.  angeführte  beziehung  auf  die  schwanrittersage  und  die  auf 
den  mnl.  Lancelot,  Dennoch  dürfte  Martin  hinlänglich  gezeigt  haben,  dass  Wolf- 
ram neben  Chrestiens  noch  andere  quellen  benuzte,  die  uns  nicht  mehr  bekant 
sind,  und  damit  ist  die  raöglichkeit  der  existenz  Kyots  klar. 

Eine  weitere  stütze  sucht  Martin  dieser  ansieht  im  II.  abschnitt  ,,(liu  kröne 
Heinrichs  von  dem  Türlin-'  (s.  20—29)  zu  geben  durch  den  allerdings  ebenfals  nur 
in  grossen  zügeu  geführten  nachweis ,  dass  auch  der  kröne  Heinrichs  eine  verlorene 
ijuelle  zu  gründe  gelegen  haben  müsse,  und  zwar  eine  solche,  die  Chrestiens  gedieht 
mit  verschiedenen  anderen  Versionen  bereits  vereint  hatte.  Freilich  löst  verf.  hier 
die  Schwierigkeit  nicht,  dass  die  Widersprüche,  welche  er  in  der  Tcröne  nachweist, 
aucli  schon  in  der  quelle  gestanden  haben  müsten. 

Der  IIL  abschnitt  (die  Gralsage  und  ihr  Ursprung  s.  29  —  48)  zeigt  in  geist- 
reicher weise,  dass  der  kern  der  bretonischen  Artussage  parallelen  zwischen  Artus 
und  Anfortas  nahe  lege ,  dass  beide  dieselbe  mythische  figur ,  nämlich  der  gott  des 
sommers  zu  sein  scheinen.  Artur  erscheine  in  der  ursprünglichen  volkssage  als 
ein  könig,  der  in  der  zurückgezogenheit,  auf  einer  insel  oder  auch  in  bergen, 
prächtigen  hof  halte;  nur  durch  zufall  gelange  ein  sterblicher  zu  ihm;  das  volk 
erwarte  seine  rückkehr.  Mit  dieser  mythischen  figur  des  Artus -Anfortas  bringt 
verf.  nun  auch  die  dem  Gralköuig  beigelegten  attribute  und  schliesslich  den  Gral 
selbst  in  Verbindung.  Hinsichtlich  der  ersteren  freilich  (dem  schwort  und  der 
lanze  —  die  silbernen  messer  werden  nicht  erwähnt)  muss  man  der  einfachen  Ver- 
sicherung des  herrn  verfasssers  glauben:  der  Gral  selbst  aber  erscheint  in  einer 
wolbegründeten  neuen  und  interessanten  auffassung.  Martin  sieht  in  der  darstel- 
lung  des  Grals  als  ,,eine  art  tischlein  deck  dich,"  welche  besonders  in  späteren 
quellen  auftritt,  den  ursprünglichen  sinn  der  sage  (graal  =  gradalis  =  stufenweis 
sich  vertiefende  schüssel,  in  der  verschiedene  speisen  zugleich  vorgesezt  werden). 
Diese  bedeutung  des  Gral,  welche  zu  dem  freudenreichen  geheinmisvollen  hofe  des 
Artus  vortreflich  passe,  fehlt  in  keiner  version  ganz,  auch  bei  Wolfram  nicht,  und 
hat  deshalb  schon  den  schein  der  ursprünglichkeit  für  sich.  Von  Eobert  von  Boron 
ist  dann  um  1200  die  christliche  legende  von  Joseph  von  Arimathia  damit  verbun- 
den worden  und  damit  der  anstoss  zu  immer  weiterer  verkirchlichung  der  sage 
gegeben  worden.  Die  abweichungen  der  kirchlichen  färbungen  unter  sich  zeigen 
deren  unursprünglichkeit,  wenn  ich  auch  nicht  gerade  zugeben  kann,  dass  die  Vor- 
stellung vom  Gral  als  abendmahlsschüssel  undeutlich  sei,  wie  verf.  s.  37  darlegen 
will,  denn  in  der  sage  ist  wol  nicht  gemeint,  dass  die  schüssel  als  weingefäss 
beim  abendmahl  diente ,  sondern  dass  sie  die  Matth.  26  ,  23  erwähnte  schüssel  sei. 
Bei  Wolfram  finden  wir-  nun  keine  Verbindung  mit  der  christlichen  legende,  wol 
aber  nach  Martin  eine  unter  dem  einflusse  geistlicher  gelehrsamkeit  von  jener 
unabhängig  ausgebildete  richtung  der  ursprünglichen  volkssage.  Diese  geistliche 
gelehrsamkeit  erkent  verf.  in  der  erzählung  von  der  herkunft  des  Gralsteins,  in 
den  anklängen  an  die  Verehrung  der  Kaaba  und  in  der  Schilderung  der  Verwun- 
dung des  Anfortas;  besondere  erwähnung  verdient  noch  die  geistreiche  erklärung 
des  namens  des  Gralsteines,  die  Martin  unter  demselben  gesichtspunkte  gibt  er; 
erklärt  nämlich  das  überlieferte  lapsit  exillis  ,  das  bisher  nur  ganz  unzureichende 
erklärungen  gefunden  hat,  als  verderbt  aus  ,,  lapsi  (gen.)  ex  (de)  celis,"  der  stein 
,,  dos  vom  himniel  gefallenen,"  nämlich  Lucifers.  Nicht  minder  würde  geistliche 
gelehrsamkeit  eine  deutung  verraten ,    die   mir  herr  prof.  Zacher  gelegentlich   mit- 


380  ERDMAfTN 

teilte  und  die  er  auch  in  seinen  Vorlesungen  vorträgt:  lapsit  =  lapis,  exillis  (exi- 
lix  dg)  =  electrix,  mit  welchem  sich  nach  Hieronymus  der  Phönix  auf  dem  altare 
verbrent.  —  Endlich  führt  verf.  die  zauber  von  Schastelmarveil ,  welche  Gawein 
löst,  ebenfals  auf  ursprünglich  celtische  sage,  nämlich  auf  das  celtische  totenreich 
zurück.  Eine  reihe  von  hinweisen  auf  andre  anklänge  der  Gralsage  an  celtische 
sagen  beschliesst  die  gehaltvolle  abhandluug,  die  man  freilich  mehrfach  eingehen- 
der gewünscht  hätte,  für  die  aber  dennoch  dem  herrn  Verfasser  aufrichtiger  dank 
aller  freunde  Wolframs  gebührt.  Denn  Wolframs  dichterische  bedeutung  kann  wahr- 
lich nur  gewinnen,  wenn  wir  erkennen,  worauf  auch  Martin  hinweist,  wie  er  die 
von  einem  französischen  dichter  in  oberflächlichen  Zusammenhang  gebrachten  cel- 
tischen  sagen  in  origineller  gedankenvoller  behandlung  dargestelt  hat. 

BERLIN,    OCTOBER    1880.  G.   BÖTTICHEE. 


Auf  die  betreffende  stelle  in  den  werken  des  Hieronymus  hat  mich  vor  jäh- 
ren mein  gelehrter  College,  herr  professor  E.  Böhmer  aufmerksam  gemacht.  Zwar 
haben  sie  die  herausgeber,  und  wol  auch  mit  recht,  als  unecht  bezeichnet;  aber  sie 
ist  doch  älter  als  Guiot,  und  nur  sie  kann  ihn  darauf  geführt  haben,  diesen  neuen 
motivierenden  zug  einzuflechten ,  der  in  der  alten  fassung  der  sage  nicht  vorhanden 
war  und  auch  gar  nicht  darin  vorhanden  sein  konte.  Der  Schwerpunkt  liegt  aber 
nicht  in  dem  steine  an  sich ,  sondern  in  der  Verbindung  desselben  mit  dem  Phönix ; 
und  der  sinn  dieser  motivierung  ergibt  sich  aus  der  bedeutung,  welche  der  Phönix 
in  der  christlichen  Symbolik  schon  seit  alter  zeit  gewonnen  hatte,  so  dass  sie  dem 
lateinischen  abendlande  schon  seit  Clemens  Romanus  ganz  geläufig  geworden  war.  — 
Übrigens  haben  meine  imtersuchungen  über  die  sage  von  Parzival  und  dem  Gral, 
und  über  Guiots  bearbeitung  derselben,  welcher  Wolfram  durchweg  gefolgt  ist, 
mich  zu  ergebnissen  geführt,  die  von  den  gangbaren  und  von  den  hier  vorgetra- 
genen ansichten  sehr  erheblich  und  wesentlich  verschieden  sind.  j.  z. 


Klopstock-Studien.     Von  D r.  Richard  Hamel.    Zweites  und  drittes  Heft. 
Eostock,  Carl  Meyer.   1880.    VIII,  143  und  XXIV,  204  s.    8  m. 

Der  Verfasser  ist  in  der  Veröffentlichung  seiner  Studien  (s.  diese  ztschr.  11, 
371.  12,  256)  rüstig  vorgeschritten.  Das  zweite  heft  gibt  zunächst  s.  1  —  92 
eine  Zusammenstellung  von  textänderungen  im  Messias,  die  durch  sprachliche 
erwägungen  veranlasst  wurden.  Überall  zeigt  sich ,  wie  viel  aus  sorgfältigen  beob- 
achtungen  dieser  art  nooh  gelernt  werden  kann  für  die  deutsche  grammatik.  Por- 
menbildung,  syntax  des  einfachen  und  mehrfachen  satzes ,  bedeutung  und  Verwen- 
dung der  Wortklassen,  Stellung  der  satzbestandteile  —  für  alles  finden  sich  lehr- 
reiche und  wolgeordnete  Zusammenstellungen;  bisweilen  möchte  ich  genaueren 
anscbluss  an  die  wissenschaftliche  terminologie  wünschen.  Beleuchtet  werden  die 
samlungen  gelegentlicli  durch  citate  aus  theoretischen  erörterungen  von  Zeitgenos- 
sen, namentlich  G.  Fr.  Meier,  Breitinger,  Bodmer  (s.  2.  76  u.  a. ;  vgl.  auch  heft  3 
s.  XIV  über  dessen  alliterationen  in  der  Miltonübersetzung) ,  sowie  aus  Klopstocks 
eigenen  grammatischen  schriften.  Wenn  auch  die  ausdrucksweise  derselben  uns 
ungewohnt  ist,  so  erkennen  wir  doch,  dass  Klopstock  mit  feinem  obre  den  genius 
der  spräche  belauschte  und  sich  über  sein  Sprachgefühl  mit  ernst  und  Sorgfalt 
rechenschaft  gab.  Dass  z.  b.  die  schwache  (consonantische)  adjectivflexion  den 
gegenständ  als  einen  bestirnten,  individuel  gedachten  bezeichne,  hat  er  sehr  rich- 
tig erkant,   und  den  gebrauch  der  starken    (pronominalen)   neben  der,    den  sich  in 


ÜRER    HAMBL,    KLOPSTOCKSTUDIEN  381 

jener  zeit  auch  hervorragende  Schriftsteller  erlaubton,  mit  berechtigtem  spotte 
getroffen  (s.  6  fg.).  Sicher  wurden  stilistische  und  grammatische  cigenheiten  der 
stürm-  und  drangperiode  oft  durch  Klopstocks  Vorgang  veranlasst  oder  mächtig 
befördert;  bei  schweben  s.  52,  bei  dem  acc.  des  Innern  objects  und  den  anno- 
minationen  s.  75.  76  muste  ich  sofort  an  Kling  er  denken.  Die  voranstellung 
des  genetivs  (s.  36) ,  die  Klopstock  massvoll  anwendet ,  ist  zur  stilistischen  manie 
geworden  in  der  unberechtigten  Umarbeitung  des  Klingerschen  Faust  („zweyte  ver- 
besserte aufläge "  Carlsruhe  1792).  Mehr  noch  als  das  aufspüren  solcher  einzel- 
heiten  erfreut  der  algemeine  einblick  in  die  sprachbildende  kraft  des  dichters,  die 
sich  namentlich  auch  in  den  mit  urwüchsiger  frische  nach  sinlicher  anschauung 
neugebildeten  oder  erneuerten  compositis  {ver  -  schleichen ,  auf  -  schaffen ,  an -schaf- 
fen usw.)  zeigt;  wilkürlich  freilich  muss  auch  uns  (wie  Schönaich  und  genossen) 
die  flexionslose  „rechte^'  und  einiges  andere  erscheinen. 

Schon  dieser  abschnitt  enthält  algemeine  bemerkungen  über  Klopstocks  Sin- 
nesart. Der  s.  93 — 143  folgende  versuch  ,,zur  erkentnis  Klopstockschen  Wesens 
und  Wirkens"  gibt  eine  von  begeisterter  Verehrung  getragene,  aber  auch  durch 
feine  beobachtung  unterstüzte  Charakteristik  des  dichters,  in  dem  sich  (s.  138)  neben 
dem  zartesten  Idealismus  auch  die  klare,  praktische  —  ich  möchte  sagen  nord- 
deutsche —  Verständigkeit  fand,  deren  Verbindung  mit  jenem  ihn  zum  echt  prote- 
stantischen dichter  machte  (s.  84;  vgl.  heft  3,  140).  Wer  für  Klopstocks  dichte- 
rische eigentümlichkeit  noch  empfänglich  ist  (was  freilich  Danzel  nicht  war),  wird 
vieles  von  Hamel  gesagte  freudig  begrüssen.  Zu  weit  geht  er  für  mich  in  der 
apologie  der  gelehrten  republik  s.  98;  wenn  er  Goethes  jugendbrief  an  Schönborn 
(j.  G.  3,  24)  citierte,  so  hätte  er  auch  das  gereiftere  urteil  DW.  XII  berücksichtigen 
sollen.  Aus  den  gelegentlichen  bemerkungen  über  andere  dichtungen  des  17.  und 
18.  Jahrhunderts  hebe  ich  die  interessanten  nachweise  zu  gedichten  Simon  Dachs 
(s.  52)  und  Flemings  (s.  75)  hervor. 

Im  dritten  hefte  sind  s.  1 — 57  die  bisher  bekanten  urkundlichen  nach- 
weise über  die  entstehungszeit  der  verschiedenen  abschnitte  des  Messias  aufgeführt, 
den  Klopstock  fragmentarisch  ausarbeitete  (s.  56  fg) ,  was  Hamel  gelegentlich  auch 
durch  sprachliche  parallelen  beweist  (s.  196  fg.).  Höchst  interessant  ist  die  bezie- 
hung  einer  1780  eingeschobenen  stelle  des  16.  gesanges  zu  einer  bekanten  äusse- 
rung  Lessings  s.  58  fgg.  S.  70  — 112  folgt  eine  Übersicht  der  ausgaben  des  Mes- 
sias, unter  denen  die  von  1768,  weil  vom  dichter  nicht  als  correct  anerkant,  für 
die  textkritik  ausgeschieden  wird.  Endlich  stelt  Hamel  s.  113  —  203  die  durch  reli- 
giöse und  ästhetische  rücksichten  hervorgerufenen  änderungen  zusammen;  sie  betref- 
fen die  feinere  gestaltung  der  Charaktere  sowie  manche  züge  der  Klopstockschen 
dogmatik.  Genau  erörtert  wird  der  tief  in  die  religiösen  anschauungen  der  zeit 
hineingreifende  Abbadona. 

Den  vorliegenden  drei  heften  soll  noch  ein  viertes  mit  register  folgen.  Ich 
wünsche  vor  allem,  dass  es  Hamel  gelinge,  seine  kritische  ausgäbe  des  Messias  zu 
vollenden  und  für  die  Veröffentlichung  derselben  eine  form  zu  finden,  die  dem 
leser  die  textvergleichung  möglichst  leicht  mache.  Wenn  —  was  in  den  angeführ- 
ten proben  geschehen  ist  —  auf  jeden  vers  jede  änderung  der  späteren  ausgaben 
in  besonderer  zeile  folgen  soll,  so  dürfte  —  neben  der  ausscheidung  unwichtigerer 
Varianten  —  auch  die  anwendung  verschiedener  typen  die  Übersicht  erleichtern. 

KÖNIGSBERG.  OSKAR    ERDMANN. 


382  EBDMANN,    ÜBER   RIEGER,   KLINGER 

Klinger  in  der  Sturm-  und  Drangperiode  dargestelt  von  M.  Kieger.  Mit 
vielen  Briefen.     Darmstadt,  A.  Bergstässer.  1880.     XII  u,  440  s.    n.  m.  8,60. 

Auf  dieses  gediegene  werk  ihres  langjährigen  mitarbeiters  ihre  leser  aufmerk- 
sam zu  machen,  darf  diese  Zeitschrift  nicht  verabsäumen.  Die  hauptbedeutung  des 
treflichen  buches  liegt  in  darstellung  der  persönlichen  entwicklung  Klingers, 
für  welche  dem  Verfasser  neben  genauer  kentnis  aller  gedruckten  Schriften  dessel- 
ben ein  reicher  schätz  von  manuscripten  und  familienüberlieferungen  zu  geböte 
stand.  Aus  diesen  quellen  schöpfend  verfolgt  Eieger  Klingers  bewegtes  jugendleben 
bis  zur  abreise  von  Lübeck  nach  Petersburg  (septbr.  1780)  —  einem  Wendepunkte, 
wol  vergleichbar  demjenigen,  mit  dem  Goethe  seine  Selbstbiographie  abschloss. 
Aus  der  jugeudgeschichte  hebe  ich  hervor,  dass  Rieger  das  Goethesche  gedieht  an 
Klinger  „an  diesem  Brunnen  hast  auch  du  gespielt"  doch  wider  darauf  deutet, 
dass  Klingers  familie  während  seiner  kindheit  wirklich  in  nebenbau  des  Goetheschen 
hauses  gewohnt  habe  und  die  freundschaft  beider  schon  auf  jene  zeit  zurückgehe. 
Die  weitere  entwicklung  des  aufstrebenden  Charakters  beleuchtet  Eieger  durch  ein- 
gehende analyse  aller  seiner  bis  1780  veröffentlichten  dichtungen.  Sie  waren  ja 
sämtlich  (s.  38)  „acte  der  befreiung  von  inneren  gährungsstoffen,"  was  Eieger 
durch  neue  nachweise  bestätigt  für  das  hauptmotiv  des  ersten  Jugenddramas  (s.  71), 
sowie  dadurch,  dass  er  die  drei  freunde  im  drama  „Sturm  und  drang"  als  drei 
Seiten  von  Klingers  eigenem  wesen  darstelt  (s.  198  fg.).  Wie  sehr  im  jungen  Klin- 
ger bald  das  tatkräftige ,  karapfdürstende  dement  (Wild)  über  das  naturselige  schwel- 
gen in  der  resignation  (Blasius)  und  über  das  phantastische  schwelgen  in  der  illu- 
sion  (La  Feu)  den  sieg  davontrug,  das  tritt  sehr  deutlich  in  den  briefen  hervor,  die 
er  aus  dem  kriege  1778  seinen  freunden  Schleiermacher  und  Kayser  schrieb.  Weit 
über  das  persönliche  Interesse  hinaus  aber  greifen  die  urkundlichen  nachweise  über 
Klingers  zusammenleben  und  -streben  mit  den  bedeutendsten  männern  der  littera- 
turepoche,  die  mit  recht  nach  einem  seiner  werke  den  namen  trägt;  und  deshalb 
ist  es  nicht  nur  eine  höchst  genussreiche  lectüre,  sondern  auch  jedem  zu  empfehlen, 
der  sich  von  einem  festen  mittelpunkte  ausgehend  mit  der  litt eraturgeschichte 
jener  zeit  quellenmässig  bekant  machen  will.  Auch  an  feinen  sprachlichen  und 
textkritischen  bemerkungen  (z.  b.  s.  360.  372)  fehlt  es  bei  Eieger  natürlich  nicht. 

Zu  bedauern  bleibt  deshalb  an  dem  buche  nur  eines  —  dass  es  noch  nicht 
den  ganzen  Klinger  umfasst.  Gerade  Eieger  müste  es  am  besten  vermögen ,  in  den 
poetischen  motiven ,  den  sittlichen  anschauungen,  den  Charakteren  die  fäden  zu  ver- 
folgen, welche  Klingers  spätere  dichtung  mit  den  scheinbar  weit  abliegenden 
jugendwerken  verknüpfen.  Fragen  von  eingreifender  bedeutung  treten  bei  der  lec- 
türe derselben  überall  entgegen.  Wissen  möchte  ich  wol,  bis  in  Avelche  zeit  der 
entwurf  des  Klingerschen  Faust  zurückgeht,  und  welche  Umgestaltungen  er  etwa 
erfahren  hat,  bis  er  1791  -  ein  jähr  nach  erscheinen  des  Goetheschen  „Frag- 
ments" —  veröffentlicht  wurde;  dass  er  ursprünglich  ein  drama  werden  solte, 
scheint  die  fassung  mancher  abschnitte  noch  jezt  zu  zeigen.  Nach  einer  mir  von 
Eieger  selbst  gütigst  gemachten  mitteilung  gibt  sein  material  darüber  keine  aus- 
kunft.  Gewiss  ist  das  studium  der  späteren  entwicklung  Klingers  schwierig  wegen 
der  durch  äussere  und  innere  erlebnisse  mit  den  jähren  zunehmenden  Zurückhal- 
tung, die  er  selbst  sich  auferlegte;  aber  interessant  und  vielversprechend  bleibt  es 
dennoch.  Hoffen  wir  also ,  dass  in  nicht  alzu  langer  zeit  der  zweite  band ,  welcher 
Klinger  in  der  reife  seines  lebens  darstellen  soll,  das  von  Eieger  begonnene  werk 
vollende. 

KÖNIGSBERG.  OSKAR    ERDMANN. 


ZUM  PARZIYAL   463,  15  fg. 

An  dieser  stelle  lautet  die  übeiiieferuiig-  in  Dg : 

dö  Lucifer  fuor  die  hellevarf 

mit  schar,  ein  mensche  nach  im,  wart. 

in  G:    do  Lucifer  fuor  die  hellevart, 

mit  schär  ein  mensche  nach  im  wart. 

Laclimann,    der  lezteren   lesart   den   vorzug    gebend,    nahm  doch    mit 

recht  anstoss  an  der  mangelhaften  metrik  des  ersten  verses  '  und  schlug 

zu  lesen  vor 

do  Lucifer  fuor  hellewart, 

mit  schär  ein  mensche  nach  im  wart. 

Bekantlich  liegen  zur  zeit  Bech  und  Sprenger  darüber  in  fehde,  welche 
lesart  die  echte  sei.  Bech  in  der  Germania  7,  298  und  24,  297  hält 
es  mit  der  von  Dg,  Sprenger  in  Bezzenbergers  Beiträgen  zur  künde  der 
indogermanischen  sprachen  .3,  175  mit  der  von  G.  Sprenger  erklärt 
sich  schär  als  germanisierte  form  des  altfranzösischen  car,  char  ,,  fleisch, 
menschliche  natur,"  während  ihm  mit  den  stoflf  angibt,  aus  welchem 
etwas  gemacht  ist;  doch  liat  er  seinen  einfall  nur  einfach  hingestelt 
und  auf  keine  weise  gestüzt.  Bech ,  wie  auch  sonst  in  seinen  beitragen 
zur  erklärung  Wolframs  dem  bedenklichen  grundsatze  huldigend,  dass 
unter  schwierigen  lesarten  die  verständlichste  die  echte  sei,  glaubt  die 
lesart  mit  schar  dadurch  stützen  zu  können,  dass  er  den  ausdruck  in 
verschiedenen  gedichten  nachweist,  in  denen  überall  von  einer  mehr- 
heit  die  rede  ist,  welche  mit  schar  d.  h.  „in  scharen,  haufenweise, 
scharhafte'''-  tätig  ist.  An  unserer  stelle  aber  wird  erzählt,  dass  ein 
einzelner  (Lucifer)  in  die  hölle  fährt.  Tut  er  es  nach  Bechs  auffas- 
sung  der  werte  des  dichters  in  begleitung  der  übrigen  gefallenen  engel, 

1)  Wenn  Bech  Germania  7,  298  durch  zweisilbigen  auftact  ihm  anf  die  beine 
helfen  will  und  dem  dichter  die  betonung  Lucifer  zumutet,  so  hat  er  übersehen, 
dass  Parz.  463,  4  nu  prüevt  loie  Lucifern  gelanc  und  471,  17  Liicifer  unt  Tri- 
nitas  diese  annähme  nicht  erlauben. 

ZEITSCHR.    P.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  25 


384  LtrcAE 

SO  kann  das  doch  nimmermehr  so  ausgedrückt  werden,  dass  gesagt 
wird,  Lucifer  fahre  „in  scharen"  oder  „haufenweise"  zur  hölle.  Bechs 
belege  sind  also  für  unsere  Parzivalstelle  ohne  wert,  sie  beweisen 
nichts,  und  die  von  ihm  mit  wunderlicher  Zähigkeit  festgehaltene  les- 
art  mit  schar  kann  eben  nichts  anderes  besagen  als  dass  Lucifer  „mit 
einer  schar"  zur  hölle  fuhr:  eine  so  unbestimte,  in  ihrer  unbestimtheit 
so  überflüssige  bezeichnung  für  Lucifers  begleitung,  dass  Lachmann 
schon  deshalb  die  lesart  mit  schär  bevorzugen  muste. 

Was  er  darunter  verstanden  haben  mag ,'-'.  entzieht  sich  freilich 
unserer  kentnis.  Wol  aber  wissen  kenner,  dass  sein  Wolframtext  in 
jedem  worte  das  resultat  zusammenhangender,  gelehrtester  und  fein- 
sinnigster forschung,  in  jedem  worte  rücksichtlich  des  algemeinen 
Sprachgebrauchs  sowie  der  eigentümlichkeiten  des  dichters  reiflich 
erwogen,  Lachmann  also  auch  an  unserer  stelle  in  dieser  weise  zu 
werke  gegangen  ist.  Er  wüste  ohne  zweifei  sehr  wol,  dass  Wolfram 
die  praeposition  mit  (cum  substantivo)  da  wo  sie  attribuierend  angeben 
soll,  womit  eine  person  oder  sache  begabt,  versehen,  ausgestattet  oder 
angefüllt  ist,  entweder  auf  die  angäbe  der  lezteren  folgen  oder  aber 
derselben  vorausgehen  lässt.   Ist  das  erstere  der  fall,  z.  b.  im  Parz,  1,  13. 

so  habet  sich  an  die  blanken 

der  mit  stcßten  gedanJcen  („der  beständige"); 

168,  21   dö  kom  der  wirt  mit  triwen  kraft  („der  urgetreue  wirt"); 

im  Willeh.  24,  4  in  die  banier  was  gesniten 

Amor  der  minne  sere, 

mit  einem  tiuren  gere, 
so  liegt  die  umgekehrte  Avortstellung  in  folgenden  fällen  vor: 

Parz.  351,  28    darzuo  der  binnen  iesUch 

mit  armbr liste  ein  schütte   („ein  armbrustschütz") 

pflac ; 
498,  30  da  diu  Greian  in  die  Trä, 

mit  yolde^  ein  waz,z,er   („ein  gold  führendes  wasser") 

rinnet. 
Wolfram  folgt  in  dieser  ausdrucksweise,  wie  so  oft,  dem  stil  der 
edleren  spielmannspoesie,  wofür  nur  angeführt  zu  werden  braucht  Lau- 
rin  (ed.  Müllenhoff)  v.  1176 

mit  gesteine  ein  guldm  vingerltn 
sties,  es,  an  sine  zesewen  hant. 

1)  Nach  (foMe  interpungiert  D,  nach  meiner  meinung  ebenso  nichtssagend 
wie  nach  schar. 


zu  PABZ.  403,  15.  385 

Zuweilen  rückt  er  das  vorausgehende  mit  cum  Substantive  noch  weiter 
von  dem  dadurch  näher  bestirnten  gegenstandsworte  (in  folge  eines  ein- 
geschobenen Satzgliedes)  ab,  wie  denn  im  Parz.  2,  20fg. ,  in  jenen 
langsam  verstandeneu  versen 

sin  triwe  hat  so  Imrson  saget, 
daz,  si  den  dritten  Hs,  niht  galt, 
fuor  si  mit  hremen  in  den  walt 

die  Worte  mit  hremen  nicht  mit  fuor,  sondern  mit  walt  zu  verbinden 
sind,  der  dadurch  als  bremsenreich,  von  bremsen  wimmelnd  bezeich- 
net wird. 

Auf  grund  dieser  erwägungen  und  Zeugnisse  (die  sich  übrigens 
vermehren  lassen,  vgl.  Parz.  542,  20;  auch  Willeh.  4,  27  dürfte  hier- 
her gehören)  wird  an  der  lesart  mit  schär  ein  mensche,  was  die  Wort- 
stellung und  den  gebrauch  des  mit  angeht,  nicht  mehr  gerüttelt  wer- 
den dürfen,  und  die  noch  übrige  aufgäbe  kann  nur  die  sein,  die  bedeu- 
tung  von  schär  zu  ermitteln.  Was  diesen  punkt  betrift,  so  teile  ich 
durchaus  die  von  Sprenger  gehegte  ansieht;  ich  halte  schär  mit  ihm 
für  das  altfranzösische  car,  cliar  „caro"  und  hatte  mir  das  lange  in 
meinen  Parzivalcommentar  notiert,  ehe  Sprenger  mit  seiner  Vermutung 
hervortrat. 

Dass  Wolfram  mit  der  Verwendung  französischer  brocken  ein 
lustiges  spiel  treibt,  sein  publikum  sowie  sich  selbst  gar  gerne  damit 
zum  besten  hat,  französische  werte  bald  mit  bald  ohne  erklärung  den 
deutschen  einflicht,  ist  so  bekant,  dass  es  überflüssig  ist,  beispiele 
dafür  vorzubringen.  Ich  erinnere  nur  an  das  von  Bartsch  in  der  ersten 
ausgäbe  seiner  Parzivalerklärung  misverstandene ,  im  Parz.  167,  10  sus 
äolter  freude  und  eise  mitten  unter  deutschen  werten  verwendete  fran- 
zösische aise,  welches  Wolfram  im  Willehalm  449,  8  ausdrücklich  durch 
guot  gemach  erklärt.  Liegt  schon  hierin  die  möglichkeit,  dass  wir  in 
schär  ebenfals  ein  französisches  wort  vor  uns  haben,  so  wird  die  sache 
dadurch  fast  zur  gewisheit,  dass  in  romanischen  gedichten  typisch  und 
formelhaft  Wolframs  werten  mit  schär  ein  mensche  genau  entsprechende 
ausdrücke  als  bezeichnung  des  menschen  begegnen,  die  unser  dichter 
ohne  zweifei  seinem  romanischen  vorbild  entlehnt  hat.  Auf  altfranzö- 
sischem gebiete  lesen  wir  in  der  Vie  de  Saint  Alexis,  ed.  G.  Paris, 
s.  257  (tiradenbearbeitung)  v.  1247 

„or  par  sui  veve,  sire,"  dist  la  pucelCj 
„jamais  leece  vCarai^  car  no  puef  estre; 
n'a  carncl  houme  rCarai  jamais  a  faire, 
[Diu  servirai ,  le  roi  qui  tout  governe]." 

25* 


386  LÜCAE,    zu   PARZ.  463,    15. 

in  der  Chanson  de  Roland,  ed.  Th.  Müller,  v.  2140 

ensemUe  avruns  e  le  hien  e  le  mal, 

ne  vos  lerrai  pur  nul  hume  de  car. 
V.  2152  li  quens  Rollant  est  de  tant  grant  fiertet, 

ja  n^ert  vencut  pur  nul  hume  carnel. 
in  dem  Roman  de  Roncevaux ,  ed.  F.  Michel ,  Paris  1869 ,  s.  298  t.  337 

nus  hom  de  char  nH  o'ist  Deu  tonnant. 
Auf  provenzalischem  gebiete  singt  Daude  de  Pradas ,  nr.  9 ,  cobl.  2 

qu'anc  hom  de  carn  non  ac  ira  major 
mid  Peire  d'Alvergne,  Mahns  ged.  nr.  1320,  cobl.  8 

e  dautras  meravillas  mouts, 

den  hom  carnals  non  sap  la  ßn. 

Bedeutsam  ist  es,  dass  die  haltung  dieser  romanischen  gedichte 
mehr  oder  weniger  eine  geistliche  ist  und  der  in  rede  stehende  ansdruck 
den  menschen  zu  höheren,  göttlichen  wesen  in  gegensatz  stelt.  Das 
leztere  ist  ja  auch  in  der  Parzivalstelle  der  fall.  Denn  was  endlich 
die  sachliche  seite,  den  tieferen  sinn  derselben  angeht,  so  wird  von 
Wolfram  der  erste,  üs  der  erden  geworhte,  aus  fleisch  und  bein  beste- 
hende mensch  gerade  darum  dass  er  mit  schär  „mit  fleisch  versehen 
und  ausgestattet"  ist  den  engein  gegenüber  gestelt,  die,  wie  ein  blick 
in  die  dogmengeschichte  lehrt,  aus  einer  anderen  oder  vielmehr  kei- 
ner materie  bestehend  gedacht  wurden.  So  sagt  Tatian  in  der  oratio 
ad  Graecos  cap.  15  (Corpus  apologetarum  christianorum  saec.  11,  ed. 
Otto,  vol.  6,  70):  zJalf-ioveg  d^  itävi^o,  aaquov  f.iev  ov  /.eKTi]VTaL,  7cvsv- 
l^iarint)  de  eariv  avvoTg  t)  aof^ucrj^Lg  log  jrvqoq,  ihg  diqog.  Ahnlich  Ter- 
tnllian  de  carne  Christi  cap.  6  (vgl.  Oehler,  Tertulliani  quae  supersunt 
omnia  2,  438):  constat  angelos  carnem  non  propriam  portasse,  utpote 
natura  substantiae  spiritalis,  etsi  corporis  alicnius,  sui  tarnen  generis, 
in  carnem  autem  humanam  transfignrabiles  ad  tempus  videri  et  con- 
gredi  cum  hominibus  posse.  Igitur  cum  relatum  non  sit  unde  surapse- 
rint  carnem,  relinquitur  intellectui  nostro  non  dubitare  hoc  esse  pro- 
prium angelicae  potestatis,  ex  nulla  materia  corpus  sibi  sumere. 

Diesen  erörterungen  zufolge  kann  der  sinn  nnserer  verse  wol 
nur  sein:  „als  Lucifer  in  die  hölle  gefahren  war,  ward  ein  den  engein 
ungleiches,  in  fleisch  gekleidetes  wesen,  ein  sterblicher  mensch  (Adam) 
geschatfen." 

MARBURG,    18.   SEPT.    1880.  K.   LUCAE. 


387 

DIE  ERD  -   UND  VOLKERKUNDE  IN  DER  WELTCHRONIK 
DES  RUDOLF  VON  HOHEN -EMS. 

(Fortsetzung.) 

b.     Beiiut/ung  der  Imago  Miindi  dos  Honoiius  in  dem 
deutschen    Lucidarius. 

«.     Zeit,    veranlassung    und    zweck   der   abfassung  des  Lucidarius 
oder  der  Aurea  gemiiia. 

In  dem  deutschen  Lucidarius  ist  mir  die  erste  deutsche  und  damit 
auch  überhaupt  die  älteste  bis  jezt  nachweisbare  Verwertung  der 
Imago  Mundi  des  Honorius  begegnet. 

1.  Des  Honorius  geographischer  abriss  scheint  nämlich  gegen 
ende  des  12.  Jahrhunderts  auch  die  aufmerksamkeit  Heinrichs  des  Löwen 
erregt  zu  haben.  Und  zwar  geschah  dies  aller  Wahrscheinlichkeit  nach 
zu  der  zeit,  als  der  einst  so  gefährliche  und  machtstolze  gegner  kai- 
ser  Friderichs,  nunmehr  kampfesmüde,  in  seiner  residenz  Braunschweig 
eifrigen  Umgang  mit  den  klerikern  seines  hofes  pflag  und  in  höherem 
masse,  als  es  ihm  vordem  vergönt  war,  sein  augenmerk  auch  auf  die 
pflege  geistiger  wie  künstlerischer  Interessen  verwante :  —  ich  meine 
zu  jener  zeit,  von  der  es  über  den  greisen  Weifen  in  den  Stederburger 
annalen  ^  heisst:  „Ipse  etiam  licet  robore  et  viribus  corporis  deficeret, 
et  infirmitas,  quae  quemlibet  hominem  deiceret,  ipsi  accederet,  animi 
sui  naturalem  virtutem  nobiliter  regebat,  et  antiqua  scripta  cronicorum 
colligi  praecepit  et  conscribi  et  coram  recitari ,  et  in  hac  occupa- 
tione  saepe  totam  noctem  duxit  insomnem."  ^  Der  greise  krieger  suchte 
nunmehr  seine  befriedigung  in  der  Sorgfalt,  die  er  auf  die  ausübung 
frommer  und  gottseliger  werke  verwante,  und  zeigte  sich  demnach 
besonders  bedacht  auf  die  ausführung  und  prächtige  schmückung  kirch- 
licher bauten.  Ein  treflich  unterrichter  Schriftsteller^  äussert  über  seine 
lezten  lebenstage:  „Dux  autem  senior,  uariis  negotiis  deditus,  his 
videlicet ,  quae  ad  ornatum  Domus  Dei  ^  pertinerent,  uel  etiam  aulae 
propriae  in  Brunschwig,  residuum  uitae  suae  tempus  quietus  egit.". 

1)  M.  G.  SS.  XVI.  band,  seite  230. 

2)  Hierzu  bemerkt  Martin  Philippson  (Geschichte  Heinrichs  des  Löwen  und 
der  weifischen  und  staufischen  politik  seiner  Zeit.  Bd.  H,  s.  396)  nicht  unpas- 
send: „Es  scheint  demnach,  dass  er  auch  die  kentnis  des  lateinischen  sich  noch 
in  diesem  seinen  späten  alter  angeeignet  habe." 

3)  Arnold  von  Lübeck  IV,  20,  5. 

4)  D.  h.  des  Sanct-Blasius-domes,  eines  grossartigen  denkmales  seiner  künst- 
lerischen bestrebungen  und  förderungen.     Vergl.  L.  C.  Bethmann ,   ,,Die  gründung 


388  DOBERENTZ 

Wir  werden  demnach  kaum  fehl  gehen,  wenn  wir  vermuten, 
dass  in  dieser  zeit  stiller  zurückgezogenheit,  in  welcher  Heinrich  den 
geistigen  Interessen  zugewendet  belehrung  über  gott  und  die  weit 
suchte ,  auch  seine  aufforderuug  zur  abfassung  des  wertvollen  büchleins 
ergangen  sei,  welches  den  doppeltitel  führt  „Lucidarius"  und  „Aurea 
gemma."  Klingt  doch  das  verlangen  nach  bildung  und  belehrung 
unverkenbar  heraus  aus  einer  stelle  des  textes,  welche  zugleich  über 
den  zweck  des  büchleins  sicheren  aufschluss  gewährt,  und  deshalb  hier 
folgen  möge  nach  ihrem  Wortlaute  in  dem  der  Hallischen  Universitäts- 
bibliothek gehörenden  alten  drucke :  ^ 

Lage  b ,  bl.  7.  rw. :  ^  „  Der  meißer  fprach  (;) ivas  d'  mefch 

nit  weiß  dz,  fol  er  fragen,  mag  er  eiber  das  nit  verßeen  jo  übe  er  dz, 
in  got.  wer  aber  von  fein  felbs  leichtfer[t]ikeit  nit  lernet  von  den  ewi- 
gen dingen,  der  wirt  fchuldig  wider  got.  wenn  er  fecz,t  den  ßnn  [fehlt: 
nit]  auff  den  wücher  de  im  got  gelihen  hat.   auch  mag  niemant  nichts 

lieb  haben  das  er  nit  weiß  noch  erkennet " „  Der  junger  fprach  (;) 

ich  hab  ivol  verstanden  das  es  gut  iß  das  d'  menfch  lernet,  dauon 
foltu  mich  vnderweifen  was  die  Ordnung  bedeute  die  wir  teglich  begeen 
in  d'  crißenheit.  Der  meißer  fprach  (:)  das  wil  ich  thün  durch  das 
das  alle  die  gebeffert  werden  die  diß  buch  horent." 

2.  Zum  zwecke  der  belehrung  für  die  laien  also  hat  der  herzog 
durch  seine  hofcapelläne  ein  in  frage  und  antwort  gekleidetes  deutsches 
handbüchlein  des  wissenswürdigsten  aus  lateinischen  vorlagen  zusam- 
menstellen lassen.  Es  solte  in  ihm  bequem  vereinigt  vorliegen ,  was 
man  sonst  fernher  zusammensuchen  müste.  Wenn  nun  darin,  neben 
anderen  abschnitten  aus  der  Image  mundi  des  Honorius  Augustodunen- 
sis  auch  der  geographische  abriss  beachtung  und  Verwendung  gefunden 
hat,  so  ist  das,  bei  der  grossen  beliebtheit  grade  dieses  Stückes,  sehr 
erklärlich.  Aber  auch  der  herzog  selbst  scheint  nicht  geringen  wert 
darauf  gelegt  zu  haben.    Hatte  er  doch   ausdrücklich    verordnet,    das 

Braunschweigs  und  der  dorn  Heinrichs  des  Löwen."  Westermanns  Monatshefte  1861. 
Bd.  X,  s.  525fgg. 

1)  Diese  mit  einigen  rohen  holzschnitten  ausgestattete  incunabel,  o.  o.  u.  j., 
signiert  Hb.  23.  Fol.,  welche  einen  im  ganzen  guten  text  bietet,  enthält  drei, 
mit  ab  c  bezifferte  bogen  zu  je  8  blättern  in  klein  -  folio ,  und  auf  der  vollen  seite 
40  Zeilen.  Die  vier  ersten  blätter  jeder  läge  sind  mit  römischen  Ziffern  signiert, 
ausser  dem  ersten  leeren  blatte;  ganz  leer  geblieben  ist  auch  die  lezte  seite.  Dem- 
nach ist  dieser  druck  verschieden  von  dem  nach  Naumanns  Serapeum  12,  220  in 
Koblenz  befindlichen,  welchem  ebenfals  angäbe  des  ortes  und  jahres  gebricht. 

2)  Vgl.  K.  Simrock,  Die  deutschen  Volksbücher,  bd.  XIII  s.  415,  wo  der 
abdruck  nach  der  1491  zu  Augsburg  bei  Hans  Schöusperger  erschienenen  ausgäbe, 
aber  leider  in  moderner  Übertragung  zu  finden  ist. 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON    EMS  389 

büchlein  solle  nicht  in  versen  abgefasst  weiden,  damit  es  die  reine  Wahr- 
heit darbiete,  wie  es  in  den  lateinischen  büchern  stehe.  Hatte  er  doch 
gewünscht,  dass  es  den  titel  ,,Aurea  gemma"  erhalte  —  womit  wol 
unverkenbar  eine  Würdigung  seines  treflicheu  und  verlässigen  inhaltes 
ausgesprochen  sein  soUJ 

3.  Durch  diese  eiureihung  in  den  deutschen  Lucidarius  fand  die 
Weltbeschreibung  des  Honorius  widerum  eine  höchst  ausgedehnte  und 
weit  über  das  mittelalter  herabreichende  Verbreitung  in  vielen  hand- 
schriften  und  auch  in  zahlreichen  drucken  der  Lucidarien ,  die  zu  belieb- 
ten Volksbüchern  wurden  und  es  auch  noch  bis  auf  die  gegenwart 
geblieben  sind.  Ja  sogar  über  Deutschlands  grenzen  hinaus  gelangte 
und  wirkte  dies  büchlein  in  mehreren  ausländischen  bearbeitungen.  — 
Bei  so  ausgedehnter,  andauernder  und  vielverzweigter  Verbreitung 
konte  freilich  der  text  nicht  von  vielfachen  und  eingreifenden  änderun- 
gen  und  Wandlungen  verschont  bleiben.  Aber  alle  die  verschiedenen 
gestaltungen ,  in  denen  uns  die  Lucidarien  begegnen,  gehen  zurück 
auf  die  ursprüngliche  gestalt,  die  das  büchlein  auf  herzog  Heinrichs 
geheiss  durch  die  hofkapläne  erhalten  hatte. 

Den  nachweis  der  richtigkeit  dieses  urteiles,  und  die  darlegung 
der  einzelnen  Verzweigungen  auf  andere  zeit  und  gelegenheit  verspa- 
rend,  beschränke   ich  mich   hier  auf  dasjenige,   was  in  unmittelbarem 

1)  Wir  erfahren  das  aus  der  gereimten  vorrede  des  büchleins,  wie  sie 
K.  Schröder  in  Pfeiffers  Germania  (1872)  17,  408  fg.  aus  der  Berliner  handschrift 
(Ms.  Germ.  Oct.  56)  mitgeteilt  hat. 

Sioer  gerne  vremde  mere 

Von  der  schrift  verneinen  tvil 

Der  mac  hie  hören  Wunders  vil 

In  disme  deinen  buche. 

Man  sol  des  verre  suche 

E  man  ez  vunde  entsam  geschrihen. 


{der  herzöge)  hat  daz  sie  (d.  i.  sine 

capellane)  ez  lichten 
An  rimen  ivolden; 
Wan  sie  ensolden 
Nicht  schriben  tvan  die  warheit 
Als  ez  zu  latine  steit. 


Der  herzöge  tvolde 

Daz  man  ez  hieze  da 

Aurea  gemma; 

Do  duchte  ez  dem  meiste r  besser  sus, 

Daz  ez  hieze  Lucidarius, 

Wan  es  ein  irluchter  ist. 


390  DOBERENTZ 

bezuge  steht  zu  der  gegenwärtigen  die  mittelalterliche  geographie  betref- 
fenden Untersuchung. 

ß,     Dur   geugraplii  sehe   abscliuitt   im   deutschen   Lucidarius  nach 
Wichtigkeit,    wesen  und  Verbreitung. 

Bedeutsam  zeigt  sich  der  geographische  abschnitt  im  deutsclicn 
Lucidarius  in  mehr  als  einer  hinsieht. 

1.  Zunächst  erscheint  er  schon  aus  serlich  betrachtet  nicht 
unwichtig.  Denn  gleichwie  der  geographische  abschnitt  in  Rudolfs 
Weltchronik  einerseits  für  die  sonderung  zweier  verschiedener,  wenn- 
gleich ähnlicher  werke  und  andererseits  für  die  gruppierung  der  hand- 
schriften  licht  gewähren  konte,  so  vermag  auch  die  entsprechende 
erdkundliche  einschaltung  im  Lucidarius  einesteils  bei  einer  anordnung 
der  handschriften  des  deutschen  Lucidarius  wesentliche  dienste  zu 
leisten ,  und  anderenteils  bietet  sie  einen  treflichen  anhält  für  die  Unter- 
scheidung, und  die  gemäss  dieser  Unterscheidung  notwendig  werdende 
principielle  Scheidung  der  Lucidarien  überhaupt. 

Eine  solche  kritische  sonderung  sämtlicher  Lucidarien  hat  man 
bisher  fast  gänzlich  vernachlässigt,  obschon  sie  die  notwendige  Vor- 
bedingung ist  für  eine  klare  erkentnis  der  zusammenhänge  und  ver- 
wantschaffcsverhältnisse,  in  welchen  die  einzelnen  verschieden -sprachigen 
Lucidarien  untereinander  stehen.  Nur  C.  J.  Brandt  hat  im  jähre  1849 
in  seiner  treflichen,  aber  von  der  deutschen  forschung  unverwertet 
gelassenen   einleitung   zum   dänischen  Lucidarius  ^   einen   versuch  dazu 

1)  Lucidarius  en  Polkebog  fra  Middelalderen ,  udgivet  af  det  nordiske  Litera- 
tur-Samfund  ved  C.  J.  Brandt.  Kjobenhavn.  1849.  8".  Die  ludledning  umfasst 
XXXVI  Seiten.  ■ —  Hier  sagt  Brandt  s.  III:  „....  pä  Van  dringen  fra  Mund 
tu  Mund  modtage  deres  Bearhejdelse ;  sä  at  när  de  endelig  skreves  op,  og  det  i 
forskjellige  Egne,  havdc  vel  disse  Opskrifter  det  samme  Omrids,  de  samine  Grund- 
trcek,  men  Udferelse ,  Farve  og  Tone  vare  foreskjellige/'  Brandt  sucht  demnach 
die  verschiedenen  gestaltungen  der  Lucidarien  durch  die  annähme  zu  erklären ,  dass 
sie  erst  nach  einer  dui'ch  geraume  zeit  voraufgegangenen  mündlichen  Überlie- 
ferung aufgeschrieben  worden  seien,  und  in  folge  dessen  zwar  im  algemeinen  über- 
einstimten,  im  einzelnen  dagegen  vielfach  von  einander  abwichen.  Dass  ein  skan- 
dinavischer mit  den  jirosaischen  altnordischen  sagas  vertrauter  forscher  auf  eine 
solche  Vermutung  geraten  konte ,  nimt  zwar  nicht  wunder ;  aber  die  berechtigung 
ihrer  anwendung  auf  ein  deutsches  in  prosa  abgefastes  werk  von  derartigem  lehr- 
haftem Charakter,  müste  doch,  als  eine  ungewöhnliche  ausnähme,  ausdrücklich  und 
wirklich  bewiesen  werden.  Überdies  auch  wird  die  weiterhin  anzustellende  ver- 
gleichung  von  angaben  des  deutschen  Lucidarius  mit  entsprechenden  des  dänischen 
mid  des  niederländischen  die  unhaltbarkeit  von  Brandts  Vermutung  entscheidend 
klar  und  sicher  hervortreten  lassen. 


DIE    GEOGRAPHIE    RUDOLFS    VON    EMS  391 

gemacht,  wenngleich  freilich,  meines  eraclitens,  ohne  den  eigentlichen 
angelpunkt  der  gesamten  frage  erkant  zn  haben. 

Um  in  die  noch  sehr  verworrenen  ansichten  über  die  Lucidarien 
klärung  zu  bringen,  ist  es  vor  allem  notwendig,  dass  zwei  nach  Inhalt 
und  bestimmung  sehr  verschiedene  werke  auch  bewust  und  sicher 
unterschieden  und  gehörig  auseinandergehalten  werden,  nämlich:  das 
ursprünglich  lateinisch  abgefasste  Elucidarium,  ein  für  theologen 
bestimtes  werk  theologischen  Inhaltes,  und  der  ursprünglich  deutsch 
abgefasste  Lucidarius,  ein  für  die  Unterweisung  von  laien  bestim- 
tes büchlein  algemein  belehrenden  Inhaltes.  Für  die  Unterscheidung 
der  beiden  werke  bietet  der  geographische  abschnitt  ein  bequemes 
merknial.  Denn  das  Elucidarium,  verfasst  von  Honorius  Augusto- 
dunensis,  und  dessen  erstlingsschrift ,  ist  lediglich  ein  in  gesprächsform 
gekleidetes  dogmatisches  handbuch  scholastischen  gepräges,  und  ent- 
hält demnach  nur  theologisches,  nichts  geographisches.  Der  Lucida- 
rius dagegen  ist  zwar  ebenfals  in  dialogischer  form  abgefasst,  und 
enthält  zwar  auch  theologisches  unter  stellenweiser  benutzung  des  Elu- 
cidarium ,  aber  dies  theologische  doch  nur  in  einer  auf  die  laien  berech- 
neten beschränkung,^  und  ausserdem  enthält  er  noch  mancherlei  ande- 
res wissenswürdige,  und  darunter  namentlich  auch  den  abriss  einer 
Weltbeschreibung. 

Bei  der  überaus  bunten  mannigfaltigkeit ,  welche  die  zahlreich 
vorhandenen  und  oft  sehr  stark  von  einander  abweichenden  Elucidarien, 
Lucidarien  und  deren  Übersetzungen  und  bearbeitungen ,  so  wie  die  von 
ihnen  abgeleiteten  werke  darbieten,  gewährt  demnach  das  vorkommen 
oder  fehlen  dieser  Weltbeschreibung  einen  brauchbaren  ersten  anhält 
für  die  beurteilung,  ob  das  betreffende  Averk  in  die  gruppe  des  Eluci- 
darium oder  des  Lucidarius  einzureihen  sei. 

2.  Bevor  wir  uns  zu  genauerer  erwäguug  der  an  Ordnung  und 
des  Inhaltes  dieser  weltbeschreibung  im  deutschen  Lucidarius  wenden, 
müssen  wir  uns  noch  klar  zu  werden  suchen  über  die  stelle,  an  wel- 
cher sie  in  den  Lucidarius  eingefügt  worden  ist. 

Nachdem  im  beginne  des  ganzen  werkes  durch  fragen  und  ant- 
worten über  die  dreieinigkeit  und  somit  von  dem  „glauben"  gehandelt 

1)  Vgl.  z.  b.  Hallische  incuuabel  bl.  aij.  ivv.  (=  Simrock  s.  379):  „Der  viei- 
fter  fpracli:  von  gott  gethüren  ivir  nicht  ze  fer  reden,  wann  die  leyen  kenient  vil- 
leicht  in  groffen  ztoifel  fo  fg  die  tieffen  rede  vernemend;  und  Simrock  411:  Jün- 
ger: .  .  .  Nun  sage  mir  ....  wie  sich  jeglicher  mensch  bewahre,  dass  er  die  gna- 
den des  h.  geistes  und  der  heiligen  Christenheit  nicht  verliere.  M. :  Du  fragst  gar 
tief:  ich  kann  dich  des  übel  berichten. 


392  DOBERENTZ 

ist,'  folgt  ein  läugerer  abschnitt,  welcher  die  fragen  „über  himmel 
und  erde  und  über  die  vier  elemente"  zum  gegenstände  hat.^  In  die- 
sem widerum  begegnet  eine  längere  partie  „von  der  Ordnung  der  weit," 
wobei  die  frage  nach  der  einteilung  derselben  aufgeworfen^  und  beant- 
wortet wird.  Schliesslich  aber  geht  die  Unterredung  über  zu  einer 
erörterung  der  drei  bewohnten  erdteile.  Nachdem  sich  somit''  die 
Unterweisung  auf  die  weltbeschreibung  bezogen  hat,  verbreitet  sich  das 
Zwiegespräch  weiter  über  naturwissenschaftliche  gegenstände,^  um  dann 
nach  einigen  bemerkungen  über  das  ende  der  dinge  '^  auf  die  deutung 
und  bezeichnung  der  kirchlichen  brauche''  und  einrichtungen,  endlich 
aber  auf  eine  genau  ausmalende  Schilderung  des  lebens  nach  dem  tode^ 
überzuspringen. 

Die  geographische  einschaltung  gliedert  sich  in  vier  natürliche 
abschnitte,  die  sich  in  allen  Lucidarien  wider  erkennen  lassen:  Asien, 
Europa,  Afrika,  die  inseln.'^ 

Vergleichen  wir  den  geographischen  abschnitt  des  deutschen  Luci- 
darius  mit  dem  lateinischen  in  der  Image  des  Honorius  Augustodunen- 
sis,  so  ergibt  sich  derselbe,  sowol  in  der  anordnung  des  Stoffes,  wie 
auch  in   der    ausführung    der    einzelnen    teile    als    eine    auszügliche 

J)  Simrock  s.  377  fg.  2)  Simrock  s.  385  —  396.  3)  Simrock  s.  386. 

4)  Simrock  s.  386  — 396.        5)  Simrock  s.  396—410.       6)  Simrock  s.  410  fg. 

7)  Simrock  s.  411  — 429.  8)  Simrock  s.  430— 442  (schluss). 

9)  Die  Königsberger  hs.  nr.  1157  (früher  X  x.  93) ,  pgm. ,  14.  jh. ,  166  bl.  4«, 
zweispaltig  geschrieben,  enthält  auf  bl.  23" — 24*  ein  bruchstück  des  deutschon 
Lucidarius,  wovon  ich  sorgsame  abschrift  der  gute  des  herrn  Johannes  Keicke  in 
Königsberg  verdanke.  In  diesem  bruchstücke,  welches  übrigens  nicht  frei  ist  von 
lücken  und  Interpolationen,  lautet  die  angäbe  der  gliederung  folgeudermassen : 

Bl.  23''.  1)  D [iscipulus] :  nu  fage  mir  von  dem  daz  do  haizet  afia.  M[agi- 
fter]:  afia  erhebet  fic  do  di  fun  auf  get,  vnd  get  niderthalben  biz  in  [lies:  aw] 
daz  mer  ....     (Vgl.  Simrock  s.  386.) 

Bl.  24''.  2)  D. :  nu  fage  mer  von  den  [1.  dem]  andern  tail.  M.:  das  ander 
tail  haizet  Europa,  daz  raizchet  |1.  raichet]  von  dem  mer  biz  an  daz  geprig 
[1.  gepirg]  ....  (Vgl.  Simr.  s.  393.) 

Bl.  24''.  3)  D.:  Nu  haßu  mier  gefait  von  den  zctvain  tailen.  nu  fage  mir 
von  dem  drittail  daz  do  haizet  affrica.  M.:  affrica  erhebet  ßcz  [1.  fich]  an 
dem  wazzer  daz  do  haizet  indus,  vnd  reichent  gegen  occident.  biz  an  daz  wendel- 
mer  ....    (Vgl.  Simr.  s.  394.) 

Bl.  24''-  4)  D.:  vil  über  maißer  du  haß  mir  gefait  von  de(r)  icerlt  vnd  wi 
ß  iß  geßailt  (1.  getailt).  nu  foUu  mir  fagen  von  den  in  fielen,  di  do  ligen  indem 
mere  vnd  von  den  londern  di  got  in  in  hat  gefchaffen  ....    (Vgl.  Simr.  s.  394.) 

Die  in  der  Königsberger  hs.  fehlende  schlusswendung  dieses  geographischen 
Stückes  lautet  bei  Simrock  s.  396:  ,,Nun  haben  wir  gesagt,  wie  diese  weit  geteilt 
und  wie  sie  beschaffen  ist;  was  du  nun  fragst,  des  berichte  ich  dich  mit  gottes 
hülfe. " 


DIE    GEOGRAPHIE    RUDOLFS    VON    EMS  393 

Übersetzimg  aus  diesem  seinem  lateinischen  vorbilde,  die,  in  einför- 
miger und  behaglich  breiter  redeweise  sich  bewegend ,  das  Ungeschick 
ihres  Verfassers  in  handhabung  deutscher  prosaischer  rede  bekundet. 

Was  wir  aber  als  die  algemeine  bestimmung  unseres  büchleins 
erkanten,  das  prägt  sich  auch  widerum  charakteristisch  in  der  art  und 
weise  aus,  wie  der  durch  Honorius  dargebotene  geographische  stoff  im 
deutschen  Lucidarius  verwendet  worden  ist.  Denn  der  endzweck  des 
werkchens,  in  unterhaltender  form  dem  unkundigen  hörer  Interesse  und 
belehruug  beizubringen,  lässt  sich  auch  hier  allenthalben  wahrnehmen. 

Aus  diesem  gesichtspunkte  werden  wir  es  daher  begreiflich  finden, 
dass  da ,  wo  die  lateinische  vorläge  wesentlich  nur  eine  topographische 
namenaufzählung  gewährt,  der  ausschmückenden  wundergeschichten 
aber  völlig  entbehrt,  im  Lucidarius  die  widergabe  nur  höchst  spärlich 
ausgefallen  ist;  während  dem  gegenüber  der  erste  teil  unserer  welt- 
beschreibung  den  grösten  umfang  gewonnen  hat.  Erzählt  doch  in  die- 
sem erstenteile  der  „meister,"  und  sicherlich  zu  des  „Jüngers"  gröstem 
ergötzen,  von  den  sonderbaren  fabelmenschen  und  den  fremdgear- 
teten und  abenteuerlichsten  uaturgebilden ,  welche  das  uralte  Wunder- 
land Asien,  namentlich  aber  das  geheimnisvolle  Indien  bergen  solle. 
Wo  aber  der  phantasie  keine  nahrung  geboten,  die  neugierde  nicht 
gereizt  wird ,  da  werden  geographische  nameu  und  topographische 
bestimmungen  unbedenklich  übergangen,  und  dann  geht  die  dürftigkeit 
der  angaben  nicht  selten  so  weit,  dass  es  unmöglich  wird,  sich  aus 
ihnen  auch  nur  annähernd  ein  bild  von  der  geographischen  läge  der 
einzelnen  länder  zu  verschaffen,  und  dass,  bei  dem  mangel  fester  grenz- 
angaben, sogar  das  fremdartigste,  nebelhaft  in  einander  verfliesst. 
Zur  veranschaulichung  dieses  mangelhaften  Verfahrens  und  seiner  nach- 
teiligen Wirkungen  lege  ich  hier  einen  abschnitt  vor ,  welcher  deutlich 
erkennen  lässt,  wie  in  folge  alzugrosser  beschränkung  bei  der  auswahl 
des  Stoffes  und  auffälliger  Oberflächlichkeit  bei  ausarbeitung  der  Über- 
setzung nebelhafte  Unklarheit  sich  über  das  ganze  verbreiten ,  und  sogar 
grobe  irtümer  sich  einschleichen  konten.  Ich  sende  vorauf  die  zu 
gründe  liegenden  stellen  des  lateinischen  textes  aus  der  Imago  mundi 
des  Honorius  Augustodunensis ,  nach  dem  drucke  in  der  Max.  biblioth. 
patrum  Lugdun.  XX  s.  968" — 969"  und  zwar  aus  den  auf  Asien  bezüg- 
lichen capiteln  15  bis  21.  Darauf  lasse  ich,  weil  eine  kritische  ausgäbe 
des  deutschen  Lucidarius  noch  nicht  vorhanden  ist,  den  entsprechen- 
den deutschen  text  in  den  vier  fassuugen  folgen,  welche  für  dieses 
stück  mir  vorliegen.     Es  sind  dies: 

a)  die  schon  erwähnte  incunabel  o.  o.  u.  j.  der  Hallischeu  Univer- 
sitätsbibliothek,  welche  den  in  den  drucken  des  15.  Jahrhunderts  umlau- 


394  DOBERENTZ 

feuclen  text  durbietet.  Dieser  text ,  der  als  Vulgata  bezeichnet  wer- 
den kann,  ist  verhältnissmässig  volständig  und  kann  deshalb  als  cor- 
rectiv  für  andere  texte  dienen.^ 

b)  Die  beiden  von  Mone  in  Heidelberg  von  einem  buchdeckel 
gelösten  pergamentblätter  des  12.  Jahrhunderts,  deren  leider  übel  ver- 
stümmelten text  er  in  seinem  Anzeiger  für  künde  der  deutschen  vorzeit 
(1834)  3,  311  fgg  mitgeteilt  hat.  Schon  wegen  seines  alters  ist  dieser 
text  von  hoher  Wichtigkeit,  zumal  gegenüber  den  einschiebsein  wie  den 
auslassungen  jüngerer  handschriften. 

c)  Die  ebenfals  bereits  erwähnte  Königsberger  pergamenthand- 
schrift  des  14.  Jahrhunderts ,  nr.  1157. 

d)  Die  Wolfeubüttler  papierhandschrift,  aus  dem  jähre  1437. 
Cod.  Aug.  78.  4.  2"^,  183  zweispaltig  geschriebene  blätter,  zu  37  bis 
38  Zeilen  „per  manus  Johafi  Stollen  de  perchingen."  Der  Lucidarius, 
reichend  von  bl.  112"  bis  183''  ist  das  lezte  in  dieser  handschrift  ent- 
haltene stück.  Sein  text  ist  leider  sehr  verderbt,  und  namentlich  durch 
bedeutende  Kicken  und  erhebliche  Umstellungen  verunstaltet.  Auskunft 
über  diese  handschrift  und  reichliche  saubere  abschritt  aus  derselben 
verdanke  ich  der  gute  des  herrn  dr.  Milchsack  in  Wolfenbüttel.  Nach 
seiner  freundlichen  mitteiluug  besizt  dieselbe  bibliothek  noch  zwei  andere 
papierhandschriften  des  deutschen  Lucidarius. 

Honoruis,  de  imagine  mundi,  IIb.  l. 
Cap.  XV.  —  De  Mesopotamia.  —  A  Tygri  tiumine  usque  ad 
Euphratciii  est  Mesopotamia,  a  duobus  fluviis  (jraece  ita  dicta,  quod  in 
medio  duornm  Huiuhuini  sit  constituta.  In  hac  est  civitas  Ninive,  itinere 
trium  dierum,  a  Nino  rege  constructa  et  iiominata.  In  hac  etiam  regio 
Babylonia,  a  civitate  Babylonc  uoraiiiata.  Hanc  Nemroth  gigas  fundavit; 
std  Seniiramis  rcgiiia  rcparavit.  Cujus  muri  latitudo  est  quinquaginta 
cubitorum,  altitudo  ducentorum  cubitorum,  ambitus  civitatis  quadrin- 
gentorum  octoginta  stadiorum.  Ceutum  portis  aereis  firmata.  Fluvio 
Euphrato  per  medium  cius  currentc  iriigua.  Hujus  arx  Babel  quatuor 
millia  passuum  alla  scribitur.  - —  In  ca  qiioque  est  Chaldaca,  iu  qua  pri- 
mum  invcuta  est  astrüunmia.  In  ea  et  Arabia,  quae  etiam  Saba  dicitur, 
a  Saba  iilio  Chus.  In  hac  thus  colligitur;  in  hac  est  mons  Sina,  qui  et 
Oreb,  in  quo  lex  a  Moyse  scribitur  accepta;  juxta  (|ueni  urbs  Madiau 
fuit,  in  qua  Jcthro  sacordos  praefuit.  In  ea  sunt  gcntes  multac,  Moabitae, 
Ammonitae,  Idumaei ,  Sarraceni ,  Madianitac ,  ot  aliao  nniltae. 

1)  Sinirocks  widergabe  der  Hans  Schönspergerschen  ausgäbe  (Augsburg  1401) 
im  13.  bände  seiner  Volksbücher ,  modernisiert  nicht  nur  die  spräche,  sondern  lässt 
auch  schwierige  und  dunkle  stellen  entweder  ganz  weg,  oder  ändert  sie  wilkürlich. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  395 

a.     Lucidarius.     Hallische  iucimabel.     (viij".) 

(D)Er  iunger  fragt,  mm  facj  mir  von  dem  land  das  do  heiffct  Mefopota- 
mia.  —  Der  meifter  fprach  Mefopotamia  das  land  heiffet  nach  zweyen  loaffern 
die  dv/rch  daf  landt  rinnend  in  dem  land  iß  ein  brück  die  heiffet  Niniiie  die  iß 
dreyer  tagweyd  lang  vnnd  weit  in  dem  landt  lygt  Babilonie  die  zimmert  ein  wein- 
garter  der  heyß  Memhrot.  Die  brück  Niniue  die  iß  fünffcsig  den  dick  vnnd  zioey- 
hnndert  elen  hoch,  die  felh  brück  iß  vierhundert  vnd  fibenczig  meilen  iveit  darinne 
feind  hundert  öriner  Imrgthor.  in  dem  felben  landt  iß  ein  gcgent  die  heyffet  Arabia 
vnd  vnnd  faba  dannen  kompt  der  ivcyroch.  do  ßeet  ein  berg  der  heiffet  oreb  do 
Moyefes  die  ee  auff  ward  gegeben. 

b.     Mones  Anzeiger  3,  316. 

or  in  deme  lande  lit  ei(n)  gegine  div 

wiroch.  daz  iß  der  berc  Oreb  da,  Moyfi 


c.  Königsbergei"  bruchstück,  (Bl.  24^.) 
iV?t  fag  mier  von  dem  lant  daz  do  haizet  mefopotamia.  in  dem  felben  lant 
leit  ein  purch  di  haizet  nvnive.  die  ist  drier  tag  lanc.  In  dem  lant  iß  babilonia 
di  zcimmert  menrot  der  ivaz  ein  riz.  der  felben  ßat  mauer  iß  zcwanzcic  ein  die 
vnd  zwaier  hundert  ein  ho.  ß  iß  auch  vierhundert  meil  weit,  vnd  zebenzhic  vnd 
hat  febenzchic  burgetar.  In  dem,  lant  iß  ein  gegen  di  haizet  arabia.  vnd  fabba. 
vo)i  dan  kumit  der  weirouch.  Do  ßet  auch  der  perg  ßnai.  do  moyfen  di  e  %vart 
auf  gegeben. 

d.  Wolteub.  hs.  (Bl.  ITS*^— 178".) 
Der  Junger  fprach  Nu  fag  mir  von  dem  lant  Mefopothamiam,  Der  meißer 
fpi'ach  Das  lant  heiß  nach  den  zweien  waßern  In  demfelben  lant  ßet  nyniue 
Dye  ßat  iß  iij  tag  weit  lanck  vnd  weit  In  demselben  lant  iß  auch  die  ßat  Babi- 
lonia dye  pauet  einer  [178'*]  der  hieß  Nemmroth  Diefelbig  ßat  iiij  ivelifch  meilen 
lanck  vnd  prait  vnd  do  gingen  iiij  purg  darein  In  demfelben  lant  do  iß  auch  ein 
gegent  Arabia  Sdbba  von  dann  kumppt  der  weirauch. 

Cap.  XVI.  —  De  Syria.  —  Ab  Euplirate  ustpo  ad  maie  mediter- 
laneum  est  Syria,  a  quodam  Syro  rege  dicta,  in  qua  est  Damascus,  a 
Damasco  Abraae  liberto  constructa  et  dicta,  olini  Reblala  vocata.  Est 
in  ea  Comageiia  provincia.  Est  et  Phoenicia,  a  Phoenice  ave,  quae  sola 
in  hac  terra  invenitur,  sive  a  Phoenice  rege,  filio  Agenoris,  dicta.  In  liac 
sunt  Tyrus  quae  et  Sortyx,  et  Sidon  civitates  sitae.  In  hac  etiam  mons 
est  Lybanus,  ad  cujus  radicem  oritur  Jordanis  tiuvius.  Est  in  ea  quo- 
que  Palaestina,  a  civitate  Palaestiu,  quae  nunc  Ascalon  vocatur,  dicta.  Est 
in  ea  ludaea ,"-'  a  Inda  filio  lacob ,  de  cuius  tribu  reges  ei ant ,  nuncupata. 
In  hac  etiam  Chananaea,  a  Chanaan  iilio  Cham  dicta.  In  hac  est  lerusa- 
lem ,  quam  Sem  filius  Nohae  construens ,  Sakan  nominavit.  Sed  lebus ,  et 
filius  Chanaan  inhabitavit,  unde  lebus  et  Salem  dedit  ei  nomen  rex  David 
Jerusalem,  quasi  lebusalem.  Quam  Salomon  filius  ejus  auro  et  gemmis  deco- 
ravit,  leroselyniam  quasi  lerusalemoniam  appellavit.  Quam  a  Babyloniis 
subversam,    Zorobabel  reaedificavit ;    sed  Romanus    exercitus    postea  funditus 


396  DOBERENTZ 

flelevit.     TIanc  postmodiim  Aolius  Adrianus    imperator   rei)aravit.,    Aeliamque 
nominavit. 

XVI.  a. 

Darnach  lygt  ein  landt  heiffet  fyria  dann,  ligt  Damafcus  die  zimmert  Abra- 
hams geschwey  in  dem  land  iß  ein  berg  der  heyffet  libanus  daraufs  entfpringet  der 
Jordan  in  dem  land  iß  fcalon  vnnd  Jerufalem  die  zimmert  fein  (1.  sem)  Noe  fun. 

XVI.  b. 

dar  nah  lit  ein  lant  daz  heizit  Syria  daz  inne  lit  ein 

vige.  dar  inne  lit  ein  bere  der  heizit 

in  dem  lande  lit  Scalvne.  in  demfelhin 

lande en  fvn. 

XVI.  c. 

Do  noch  leit  ein  lant  daz  haizet  firia.  dar  in  lit  ein  ßat  di  haifet  damafcus 
in  der  waz  fant  paul.  di  zcimmert  Abraham  fun.  Dor  in  liet  ein  purch  di  haizet. 
libanus.  da  entfpringet  der  iordan.  In  dem  lant  iß  fcalin.  vnd  ierufalem  di  cim- 
mert  noes  fun. 

XVI.  d. 

darumb  leit  ein  lant  das  heißt  Damoscus  Darnach  leit  ein  pürg  heist 
Libanus  darauß  erfpringet  der  Jordan  Darnach  leit  Ascolonia  vnd  darnach  leit 
jrlm  dy  päwet  von  erßen  sand  Noes  fun 

Cap.  XVIL  —  De  Palaestina.  —  Est  et  in  Palaestina  regio 
Samaria,  a  civitate  Samaria  dicta,  quae  nunc  Sebastia  est  nuncupata,  olim 
Sicliima,  a  Sichern  vocata.  In  hac  est  (luoquo  Galilaea,  in  qua  est  Naza- 
reth  civitas ,  juxta  montem  Thabor  sita.  In  liac  est  et  Pentapolis  regio, 
a  quinque  civitatibus  dicta.  In  qua  olim  fuit  Sodoma,  et  Gomorrjia.  In 
hac  est  mare  Mortuum,  a  quo  fluonta  lordanis  absoibentur.  In  hac  etiam 
Sarraceni ;  a  Sara  dicti,  qui  et  Agareni,  ab  Agar;  item  Ismabebtae  ab 
Ismael  nuncuj)at,i.  In  hac  et  Nabatbad,  a  Nabaiotli  filio  Tsmael  dicti,  quo- 
rnm  gentos  sunt  duodecim. 

XVII.  a. 

Darnach  geet  ein  landt  das  heyffet  Paleßina  do  fchwebt  das  tod  mure.  das 
iß  fo  lauter  das  kein  vifch  fo  Idein  iß  an  dem  grmid  d'  auff  dem  were  in  bedeuchte 
das  er  in  mit  der  hand  langte. 

XVII.  b. 

dar  nah  hebet  ftch  ein  lant 

daz  alfe  r  daz  dechein  vifch  iß 

dar  iß  den  dimkit  daz  er  in  mohte 

XVIL  c. 

Dar  nach  leit  ein  lant.  daz  haizet  baleßina  do  fwebt  daz  rot  vier,  daz  iß 
fo  lauter,  daz  kain  wichz  iß  fo  Main,  an  dem  grund.  loer  auf  dem  felben  mer 
were.   den  daucht  ivie  er  in  mit  der  hant  wold  vahen. 

XVIL  d. 

Darnach  hebt  sich  an  ein  lant  das  heist  Paleßina  do  ftnebtt  das  tote  wer  das 
iß  da  alfo  lautier  das  man  die  vifchs  ficht  an  dem.  grund 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON   EMS  397 

Cap.  XVIII.  —  De  iEgypto.  —  Hae  superius  dictae  rogioncs, 
al»  orioiite  iiicipiciilos,  roofa  liiioa  ad  Mediterraiioum  marc  cxfoiiHiintnr. 
Quibus  iisque  ad  Austrum  Aegyptus  connectitur,  in  qua  viginti  quatuor 
gentes  esse  feruntur.  Ilaec  in  Oriente  a  Rubro  mari  surgit,  terminum  suum 
versus  (»(•cidcjiti'in  in  Lyliya  figit.  Ilaoc  pritis  et  Bona  copia .  Eiixia  dicta, 
jiostca  ab  Aegypto  rcgo ,  tVatro  Dauai,  Aegyptus  est  vocata,  Ilaoc  fluvio 
Nilo  nndique  oiiicta ,  in  inO(bjm  Dcltao  littei'ae  est  forniala,  ccntnm  millibus 
villanun  iiiclyta.  Haue  nubos  non  obscuraiit,  pliiviac  iioii  irrigant,  sed 
Nilus  inundans  eani  faecundat.  In  hac  est  provinria  Tlioliaida,  a  civitate 
Thebe  cognominata .  quam  Cadmus  Agcnoris  tilius  in  Aogyj)tum  veniens 
aedificavit,  Tbebas  secundum  illam  quam  in  Boeotia  constcuxit,  nominans; 
in  hac  Mauritius  principabatur ,  ot  ab  bac  Tliebaci  difuntur.  Huic  maxima 
adjacet  solitudo,  in  (jua  olim  cnnversahatur  monaflini'nm  mnltitudo.  Cam- 
byses  rex  Aegyptum  superans,  civitatem  coiididit,  cui  nomon  i;al)yl()n  indi- 
dit,  quae  nunc  caput  illius  regni  oxstitit.  In  iiac  et  victor  Alexander  civi- 
tatem aedificavit.  quam  ex  suo  nomine  Alexandi-inm   nancui)avit. 

XVIII.  a. 

yenhalb  des  todten  mores  ftoffet  egipteti.  darinne  lieft  ein  brück  die  heyffet 
Thobe  do  fant  Mauritius  inn  ivas. 

XVIII.  b. 
, r  dar  inne  lit  ein  burc  div  heizit  The- 


XVIII.  c. 

alderhabt  hob  ivir  daz  rote  mer.  Dar  in  leit  ein  jnirch  di  haizet  thehe.  dar 
in  waz  fand  mauritius  herzcog. 

XVIII.  d. 

Anderthalben  ftoffet  daran  Egippten  landt  daffelbe  lant  heift  Talie  Dar 
jnnen  was  fant  Maiiricius  ein  hertzog 

Cap.  XIX.  —  De  Caucaso  et  regionibus  Orientis.  —  Supra- 
scriptis  regionibus,  usque  ad  A(iuiloncin  annectuntur  liao  legiones.  Mons 
Caueasus  a  Caspio  mari  orientis  attoUitur,  et  per  Aquilonem  vergens  pene 
usque  ad  Europam  porrigitur.  Hurie  inhabitant  Amazones  faeminae  videli- 
cet  ut  viri  praeliantes.  His  cohabitant  Massagetao,  et  Colclii,  et  Sarraa- 
tae.  Seres  est  oppidum  Orientis,  quo  Serica  regio,  et  vestis,  et  gens 
est  dicta.  Post  banc  est  Bactra,  a  Bactro  amue  vocata.  Huic  conjungitur 
Ilyrcania ,  ab  Hyrcana  sylva  nonünata ,  in  qua  sunt  aves  quarum  pennae 
splendent  per  noctes.  Huic  jungitur  Scythia  et  Hirnia ,  quarum  gentes  sunt 
quadraginta  quatuor.  Ibi  sunt  Hyperborei  montes.  Hanc  se-iuitur  Albania, 
a  candore  popuU  dicta,  eo  quod  albo  crine  ibi  nascantur.  Cui  connectitur 
Armenia,  in  qua  est  mons  Aratb,  super  quem  arca  Noe  post  diluvium 
requievit,  cujus  usque  hodie  ligna  ibi  videntur.     Huic  copulatur  Iberia. 


398  DOBERENTZ 

Uli  vero  Cappadocia,    a  civitate    ojusdcm  nominis   dicta,   in   hac  equae  a 
vento  concipiunt,  secl  foetus  non  amplius  triennio  vivunt. 

XIX.  a. 

an  das  land  ßoffet  ein  berg  heiffet  Cantapus  der  reychet  einhalb  an  das 
more.  Auff  dem  berg  feind  weyber  die  heyffen  Amafones.  die  fechten  als  die  ritter. 
do  bey  ist  ein  berg  der  heyffet  Seres.  do  findet  man  die  aller  befte  seid  vnnd  ein 
loaldt  der  Jieyffet  Hirttena  darinne  feind  vogel  die  fcheynen  als  das  fewr.  do  bey 
feind  zioen  berg  die  heiffen  Armenie  darauff  fteet  Noes  arch  das  holez  mag  niemant 
gewinne  mit  keinem,  feivr.  noch  mit  keiner  fchlatnnge.  do  bey  ligt  ein  gegent  die 
heiffet  Capadocia  do  feind  pferd  die  geivinnend  füllin  von  den  winden  die  füllin 
werden  dreyierig 

XIX.  b. 

an  das  felbe  lant  ftozit  ein  berc  der  heizet  Cav- 

dem,  berge  ßnt  ivip  die  heizint  Amazo- 

lit  ein  burc  div  heizet  Seres  da  vindet  man 

heizit  Ircana  da  inne  ßnt  vogile  die 

fint  die  berge  die   heizint  Armenij.    da  ftet 

mit  nechevnime  fvre  gewinnin  da 

phaerit  div  ftut  ros  volit  von  deme 

drier  iar  alt. 

XIX.  c. 

An  daz  lant  ftozet  ein  perc.  der  haizet  caucafus  der  ßozet  andirhalb  an  daz 
mer.  auf  dem  perg  fint  tveip.  di  haizen  amazones.  di  loechten  als  die  ritter.  do 
bey  iß  ein  purch  di  haizet  feres.  Dobi  ist  eyn  ivalt  der  haifet  hircana.  dor  in 
fint  vogel  di  fcheinen  des  nachtes  als  dar  ivuer  Da  bi  fint  zctoen  perig.  di  haizent 
armenie.  da  rf  ßet  noes  archa  di  wart  gemacht  von  eynem  holcz  daz  haizet  fethin. 
daz  wault  nivimer  vnd  mac  auch  kein  weuiver  gewinnen.  Da  bi  leit  ein-  gegent 
di  haizet  capadäcia.  do  gewinnen  di  ßuetphert  volen  von  dem.  winde,  ß  werden 
aber  nuer  drier  iar  alt. 

XIX.  d. 

In  dem,  felben  lant  leit  ein  purg  dy  heiß  Caucafus  dye  reichet  andcrthalben 
an  das  mer  vnd  iß  fo  hSch  das  es  nahent  get  an  das  gelmlken  In  derfelben 
gegent  do  iß  ein  perek  vnd  ein  purgk  da  fint  frawen  auff  dye  rechten  als  dye 
Ritter  Do  pey  leit  ein  gegent  dye  heiffet  (kipadocia  auß  dem  felben  lant  was  der 
kunick  Theodorus  des  tochter  hieß  Dorothea 

Cap.  XX.  —  De  Asia  Minore.  —  Asia  minor  post  hanc  con- 
stitnitnr,  quae  pcnc  nii(li(iiie  mari  ciugilur.  In  hac  est  Ephesus  civitas, 
ab  Amazoiiil)iiK  ('oiistrufla,  in  qua  requiescit  corpus  loannis  Evangelistae; 
in  hac  etiara  civitas  Nicaea,  in  qua  magna  synodus  est  facta.  Prima  pro- 
vincia  Asiae  Minoris  est  Bytliinia,  prius  Ben'ca,  post  Migdonia,  mox  a 
ßithyno  rege  ythinia  appellata.  In  qua  est  civitas  ejusdem  nominis.  In 
hac  est  etiam  civitas  Nicomedia,  a  Nicomede  rege  constructa  et  dicta. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  399 

XX.  a. 

(lo  heij  ligt  die  minder  Aßa  darinnen  iß  epJießos  do  fcmt  Johannes  etian- 
(felißa  rußet. 

XX.  b. 

Da  M  iß  div  minre  Aßa 

XX.  c. 

Do  hei  iß  di  minner  Aßa.    Do  hei  iß  ephepiis  do  fant  iohannes  raß. 

XX.  d. 

[fehlt  in  d.] 

Cap.  XXI.  —  De  regionibus  Asiae,  —  Bythinia  quoque  dicitur 
Major  Phrj'gia,  in  qua  est  civitas  Smirna,  a  Theseo  rege  constructa.  Huic 
jungitur  Galatia,  a  Gallis  dicta,  quos  Bythinus  rex  in  auxiliuni  evocavit  et 
post  vicloriam  eis  terrani  divisit.  Haue  sequitur  Phrygia,  a  filia  Europae 
Phrygia  sie  nominata.  Haec  et  Dardania  a  Dardano,  lovis  filio  dicta.  Et 
in  ea  civitas  ejusdem  uominis,  ab  eodem  constructa.  In  hac  est  etiam  civi- 
tas Troja,  a  Troo  rege  constructa  et  nominata.  Haec  quoque  Ilium  ab  Ilo 
rege  est  dicta;  hujus  nioenia  dicuntur  Pergama.  Huic  adjacent  Lycaonia, 
et  Caria,  iibi  fluit  Hiruus  (?.  Hermus)  fluvius,  aureis  arenis  famosus. 
Inde  est  Lydia  a  Lydo  rege,  fratre  Tyrreni  appellata.  In  hac  etiam  Thia- 
tira.  Deinde  est  Isauria,  ab  aura  qua  undique  perflatur,  dicta.  Post  hanc 
est  Cilicia,  a  civitate  ejusdem  nominis  nuncupata,  quam  Cilix,  hlius  Age- 
noris,  construxit,  et  ab  illa  regio  nomen  accepit.  In  hac  est  mons  Amana, 
qui  et  Taurus.  In  hac  et  Tharsus  civitas,  a  Perseo  constructa,  Pauli  apo- 
stoli  inhabitatione  gloriosa.  Deinde  est  Lycia  et  Pisidia  et  Pampbylia. 
Euxinus  Pontus  regio  multarum  gentium,  a  qua  et  Pouticum  mare  appel- 
latur.     la  quo  Ovidius,  et  postea  Clemens  exsilio  relegantur. 

XXI.  a. 

do  bey  liget  die  gröffer  Troya  vfi  Liconia.  do  rinnet  ein  loaffer  iß  genant 
Heremus,  do  bey  findet  man  guldin  grün,  do  findet  manpontum  das  more.  darinne 
lygt  ein  jnsel  die  heiffet  pontus.  darinn  ward  Ouidius  vfi  fant  Clemens  verfandt. 
dife  land  ligen  alle  in  Aßa  das  iß  der  dritteil  der  ivelt. 

XXI.  b. 

Dar  nach  iß  Frigia  da  lit  div   mere 

Troja  dar  inne  vlivzzit  ein  waz^ir  daz  heizit  Hermus   da   hi  vin- 

det   man  golt  Pontum    daz    mer   da   lit:  ein   infula   div 

mens  vir  fant.  [dißv  lant  ligent 

ivelte. 

XXI.  c. 

Do  nach  iß  frigia  do  leit  di  mer  troy.  Do  hei  leit  einjant  daz  haizet  lico- 
nia do  rinnet  ain  wazzer  daz  heizet  erinus.  do  hi  vindet  man  goldein  reiz  f.  fron- 
des.    Do  bei  iß  pontium  dar  mer.    do  bei  leit  ein  inftd  di  haizet  pontus  von  dan 

ZEITSCHR.    F.    DFUTSCHE    PHILOLOGIE.     HD.    XII.  26 


400  DOBERENTZ 

waz  Pilatus,    dar  in  tvart  ouidiiis.    vnd  fant  mauritius  vorfant.    Difeu  lant  ligen 
alle  in  aßa  daz  iß  das  dritteil  der  velt. 

XXI.  d. 

[fehlt  in  d.] 

Post  decursam  Asiam,  transeamus  ad  Europam. 

a. 
(D)Er  junger  fragt  nun  fag  mir  von  dem  andern  teil  der  tvelt   Der  meifter 
fpracJi.    das  anderteil  der  tvelt  heiffet  Europa 

b. 
do  f.  d.  J.    Nv  fage  mir  von  de- 
ine andirin   teile,     do   f.   d.    Meifter.      daz   andir   teil   heizit   Europa 

C. 
[bl.  24".]     D.  nu  fage  mer  von  den  andern  tail.    M.  das  ander  tail  haizet 
europa. 

d. 
[Bl.  177  a/?.]    Der  Junger  fprach  Nu  fag  mir  von  dem  andern  teil  der  loerlt. 
Der  M.  fprach  Der  ij  teil  der  tverlt  heiß  Europa. 

Der  absolute  wert  des  geographischen  abschnittes  im  deutschen 
Lueidarius  ist  mithin  zwar  nur  gering  anzuschlagen,  wichtig  jedoch 
hat  er  sich  erwiesen  für  die  litteraturgeschichtliche  forschung  über  den 
Lueidarius  insgemein.  Denn  es  hat  sich  gezeigt,  dass  er  dienen  kann 
zu  richtiger  sonderung  der  in  mannigfach  abweichenden  gestalten  vor- 
kommenden Elucidarien  und  Lucidarien,  und  dass  er  andrerseits  auch 
einen  massstab  gewähren  kann  für  das  verfahren  der  übersetzenden 
Verfasser. 

3.  Wollen  wir  aber  zu  einer  richtigen  Würdigung  dieser  ältesten 
volständig  erhaltenen  deutschen  weltbeschreibung  gelangen,  so  müssen 
wir  Umschau  halten  nach  der  aufnähme,  welche  sie  bei  den  Zeitgenos- 
sen und  den  nachfolgenden  geschlechtern  gefunden  hat,  und  somit  ihre 
Verbreitung  erwägen. 

Hierbei  gewahren  wir,  dass  man  durch  sehr  geraume  zeit  die 
mancherlei  mängel  und  Verstösse,  mit  denen  dieses  stück  behaftet  war, 
nicht  als  solche  erkant  und  empfunden  haben  kann.  Denn  trotz  der- 
selben hat  gerade  der  geographische  abschnitt  weitgehendste  Verbrei- 
tung gefunden,  und  erst  im  jähre  1578  einen  ungenanten  herausgeber 
unbefriedigt  gelassen,  welcher  ihn  für  besserungsbedürftig  hielt,  und 
sich  darüber  in  der    vorrede   folgendermassen  äusserte :  ^    „Es  ist  die 

1)  „M.  Elucidarius.  Von  allerhand  Geschöpffen  Gottes,  den  Engeln,  den 
Himmeln ,  Gestirn ,  Planeten ,  vnnd  wie  alle  Creaturen  geschaffen  seind  auff  erden. 
Auch  wie  die  Erdt  in   drey  theil  getheilt,    vnd   dero  Länder,    sarapt  der  Völcker 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  401 

sach  vor  zeiten  in  diesem  büclilein  gar  für  gut  vnd  gerecht  erhalten 
worden,  aber  doch  in  etlichen  stücken  weit  gefehlt,  geschweig  der 
1  and  schafften.  Der  halben  wir  diß  buch  in  etliche  vil  weg  gebes- 
sert ,  vnd  was  vnnütz ,  auf  ein  schwam  lassen  fallen ,  vn  außgereut, 
damit  man  nit  für  etwas  hielt,  das  doch  in  der  Wahrheit  nichts  ist, 
derhalben  verworfl'en,  vn  dafür  die  Landschafften  mehr  auß  Plinio  Secundo, 
Solino  vnd  anderen  Cosmographicis  gebessert  vnd  gemehrt,  welches  in 
alle  wege  vil  lustiger  zu  lesen  wirdt  seyn,  dieweil  darinnen  vil  selt- 
zauier  geschöpff  meidung  geschieht." 

Dass  gerade  der  geographische  abriss  dem  deutschen  Lucidarius 
die  teilnähme  der  leser  erwerben  und  erhalten  half,  lässt  sich  aus  der 
Wahrnehmung  schliessen,  dass  wir  ihn  nicht  eben  selten  bevorzugt 
finden.  So  hat  im  14.  Jahrhundert  der  Schreiber  der  Königsberger 
handschrift  aus  dem  deutschen  Lucidarius  nur  ein  stück,  aber  dabei 
gerade  den  geographischen  abschnitt  in  umfänglichem  masse  heraus- 
gehoben, während  er  für  die  theologischen  fragen  volständige  abschrift 
des  reichhaltigeren  und  gelehrteren  lateinischen  Elucidarium  und  stücke 
aus  dem  tractat  Inevitabile  des  Honorius  Augustodunensis  vorge- 
zogen hat.  ^ 

Einen  recht  augenfälligen  beweis  für  die  gunst,  welche  diese  deut- 
sche Weltbeschreibung  weithin  gefunden  hat,  liefert  ein  durch  Van  den 
Bergh  ^  veröffentlichtes  fragment  eener  aardrijhsbesclwijving  in  prosa, 
in  den  vorm  van  zamenspraken  vcrvat,  das  sich  mir  sofort  als  eine 
Übersetzung  aus  dem  deutschen  Lucidarius  ergab. 

Diese  niederländische,  nach  Van  den  Berghs  urteile  mindestens 
wol  in  das  14.  Jahrhundert  gehörende  Übersetzung  ist  völlig  verschieden 
von  einem  anderen,  in  Blommaerts  oudvlaemeschen  gedichten  gedruck- 
ten „dietschen  Lucidarius."^    Denn   dieser  dietsche  Lucidarius  ist  eine 

darinn,  eigenschafften,  und  wunderbarlichen  Thieren,  Auß  Plinio  Secundo,  Solino, 

vnd  anderen  Weltbeschreibern ,  eine  kurtze  vnd  lustige  anzeigung " Franch- 

fort  a.  M.  bey  Christ.  Egenolif  Erben.  1578. 

1)  Der  tractat  Inevitabile  handelt  über  Prädestination  und  freien  willen.  — 
Nach  gütiger  mitteilung  des  herru  Johannes  Eeicke  reicht  in  der  Königsberger  hs. 
nr.  1157  das  Elucidarium  des  Honorius  von  bl.  10"  bis  bl.  22'';  die  stücke  aus  dem 
Inevitabile  von  bl.  22''  bis  23";  das  stück  aus  dem  deutschen  Lucidarius  von  bl.  23* 
bis  24 <i. 

2)  De  nederlandsche  Volksromans.  Eene  Bijdrage  tot  de  Geschiedenis  onzer 
Letterkunde.  Amsterdam  1837.  —  Der  herausgeber  sagt  darüber  s.  143:  Ik  vond 
het  in  Le  Longs  afschrift  van  Maerlants  geestlijJce  gedichten,  ofsclioon  ik  het  dezen 
dichter  niet  durve  toe  schrijven,  hoe  veel  aardrijJcs  kennis  men  overigens  in  zijne 
dichtwerken  aanireft 

3)  Oudvlaemesche  Gedichten,  derde  deel.     Gent  1851  s.  1  —  74. 

26* 


402  DOBERENTZ 

6333  verse  umfassende  gereimte  Umschreibung  des  lateinischen  Eluci- 
darium  des  Honorius  Augustodunensis,  die  nur  stellenweise  auch  durch 
den  deutschen  Lucidarius  beeiuflusst  worden  ist;  dagegen  zeigt  das 
durch  van  den  Bergh  herausgegebene  bruchstück  engste  anlehnung  an 
den  deutschen  Lucidarius,  und  zwar  bietet  es  in  meist  genauer  Über- 
setzung den  über  Afrika  handelnden  dritten  und  den  auf  die  inseln 
bezüglichen  vierten  oder  Schlussabschnitt  der  deutschen  weltbeschrei- 
bung.  ^ 

Zur  veranschaulichung  der  zusammenstimmung  hebe  ich  aus  dem 
lezten  absatze  ein  stück  heraus,  welches  auf  engstem  räume  zugleich 
mehrere  eigentümliche  züge  des  Lucidarius  vorführt  imd  weiterhin  noch- 
mals Verwendung  finden  wird; 

Honorius,  De  imagiiie  mundi.  Lib.  L 
Cap.  XXXV.  —  De  Sicilia.  —  Sicilia  a  Siculo  rege  dicitur. 
Italia  dicta.  Prius  Sycania,  a  Sycano  rege  cognominata,  contra  Italiam  sita. 
Haec  et  Trinacria ;  a  tribus  montibus  dicitur.  In  hac  est  mons  Aethna 
cujus  sulfurea  exaestuant  incendia.  In  hujus  freto  est  Scylla  et  Cha- 
rybdis.  In  hac  erant  olim  cyclopes.  In  hac  inventa  est  comoedia.  Eoliae 
insulae  ab  Eolo  rege  dictae  juxta  Siciliam  positae.  Hae  et  Vulcaniae, 
quia  incendio  sunt  plenae.  Sunt  vero  novem  Staecbades  insulae  contra 
Massiliam  sitae. 

a.  Hallische  Incunabel  bl.  bj  verso: 
Dar  bey  liget  ßcilia.  in  der  Insel  iß  ein  berg  heiffet  ethna  dar  aufs  ßcht 
man  brinnen  fehwehel  faren.  do  werdent  die  feien  in  gepeiniget,  in  dem  viore  feind 
ztven  berg  Cilia  vnd  Karibdis.  an  die  ftat  kommet  kein  fchiff  es  fy  dann  verloren, 
do  bey  lygt  ein  Infel  do  feind  fchmid  innen  das  fagent  die  heydnifchen  bücher  dz 
fy  fchmiden  die  donnerßralen  wan  die  jnfel  iß  vol  feures  vnd  ßeend  die  fchmid 
en  mitten  in  dem  feür  die  fchmid  heiffent  Ciclopes.  In  der  infel  was  tvulcanus 
der  der  hellifchen  porten  pflegt.  Vnfer  bücher  icollent  das  es  teüfel  fein  vnd  die 
feien  darinn  peinigen. 

b.     Königsb.  hs.  nr.  1157.  bl.  24  ^ 

Do  bei  leit  ein  infula  di  haizet  cicilia.  in  der  inful  leit  ein  percz  der  haizet 
ethna  an  dem  perg  ßhet  man  dez  fwebelz  als  ein  grozzem  flam.  do  iverden  di  feien 
inne  getveiczigt.  In  dem  mer  do  fin  zcwen  perge.  der  aine  haizet  fcilla.  der  ander 
kariobois  von  dem  mac  ken  fchif  kumen  daz  zcu  im  kumt.  Do  bei  iß  ein  inful. 
daz  fagen  di  heidnishen  buch,  di  iß  vol  iveuers.  do  ßen  fmid  mitten  in  dem  iceuer 
vnd  fmiden  di  donerßain  di  do  fchadent  inder  werlt.  di  fmide  haifen  ciclopes. 
Inder  felben  infulen  waz  ivlcanus.  der  der  hellenphorten  pfligt  awer  unfer  buch 
wellent  daz  iz  tevuel  fin.  vnd  das  fi  di  feien  marteren. 

1)  Aus  diesem  vierten  abschnitte  ist  auch  ein  stück  gedruckt  bei  Blommaert, 
Oudvlaemesche  Gedichten  teil  I,  s.  93  in  der  einleitung  zu  der  Reis  von  sinte 
Brandaen. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  403 

c.     Mittelniederl.  brachst.     Vau  den  Bergli,   De  uederl.  Volkromans 

s.  145.) 

Daerbi  leecJit  Cecilia.  In  die  leecht  een  herch  heet  Ethau.  Vut  dien  herglie 
ziet  men  falfer  bernen.  Daer  tverden  oec  die  zielen  ghepijnt  tlient  hem  geholpen 
iverdt  ende  zi  hare  zonden  ghearnen.  In  die  lande  zijn  ii  berghe,  die  ene  heet  Cicilla, 
die  ander  Karahdis.  Bi  dien  berghe  en  coemt  gheen  scip  en  zi  verloren.  Daerbi 
is  ene  Infula ,  daerin  zijn  fmede ,  dat  zeit  ons  der  heidene  boec ,  die  fmeden  den 
donre flach  ende  ftaen  al  midden  den  viere.  Di  fmeden  heiten  Cijclopes.  In  der 
eerßer  Infulen  Vulcanus,  die  der  Hellen  plach  ter  portem.  Onze  boeke  willen  weten, 
dat  hi  tsi  die  de  sielen  pijnt. 

d.     Wolfenb.  hs.     Cod.  Aug.  78.  4.   2«.    Bl.  179\ 

Dobey  leit  Secilia  In  der  felben  jnfeln  leit  eyn  pergk  der  heiffet  Ethna 
darauß  rynnet  S7oeuel  vnd  pech  do  iverden  dye  fei  jnnen  gepeinigt  dy  zu  gnaden 
fidlen  kummen.  Dobey  iß  ein  jnfel  du  fmiden  jnn  finide  alfo  fagen  vmis  dy  hei- 
denifchen  pucher  dy  fmiden  den  donerßerol  tvann  dy  jnfel  iß  vollen  dess  goltz 
vnd  die  fmid  ßen  mitten  jn  dem  feivr  dye  heiffen  Ciclopedes  In  derfelben  fmitten 
do  was  vlcanus  turmeißer  vor  der  helle  pforten  vnd  das  ren  puch  fagt  vns  das 
diefelben  fmid  teuffellen  find  dy  die  fei  peinigen  In  dem  wendel  mer  iß  ein  jnfel, 
die  iß  albegen  grün  und  fchon. 

Cap.  XXXVI.  —  De  Sardinia.  —  Sardinia  a  Sardino  rege, 
Herculis  filio,  dicta,  contra  Numidiam  est  sita.  In  hac  nee  serpentes, 
nee  lupi  gignuntur.  In  ea  est  solifuga  animal  ut  aranea,  morsu  homi- 
nes  perimens.  In  ea  est  et  herba  similis  ai)iastro  quae  comedentibus 
rietus  contrahit,  et  quasi  ridentes  interimit.  In  hac  sunt  fontes  calidi, 
infirmis  medela,  furibus  inferentes  caecitatem.  Corsica,  a  Corsa  muliere 
dicta,  contra  Lyguriara  sita:  quae  primitus  taurum  suuni  quaesitura  illuc 
venit,  et  referens  loci  fertilitatem ,  a  Lyguribus  inhabitari  coepit.  Haec  et 
Cyrene  a  Cyrino  Herculis  filio  est  dicta,  quia  ab  eo  est  inhabitata.  Ebosus 
insula  contra  Hispaniam.  Hanc  fugiunt  serpentes.  Ibi  est  et  Colubria 
plena  serpentibus.  Ibi  et  Baleares  insulae.  In  bis  inventae  sunt  fun- 
dae.  Gorgodes  insulae  in  Oceano  juxta  Atlantein.  In  bis  olini  habitaverunt 
Gorgones.     luxta  has  Hesperides,   ab  Hesperia  civitate  dictae  usw. 

XXXVI.  a. 

Do  bey  iß  ein  jnfel  die  heiffet  Sardinia  darinnen  zimmert  künig  Sardinis 
Herculis  fun  ein  veße  bürg,  in  der  jnfel  loirt  weder  nattern  noch  loolff  geboren. 
In  der  jnfel  iß  ein  wurm  der  heyffet  folifuga  der  iß  als  ein  fpinn  vor  dez  wurme 
mag  kein  menfch  genefen  darin  iß  auch  ein  kraut  welches  menfch  das  kraut  yffet 
der  lachet  feins  vngefelles  bifs  er  ßirpt.  Darinnen  iß  auch  ein  brunn  tveleher 
menfch  des  trineket  der  wirt  gefundt.  Vnnd  ivelicher  dieb  fein  trincket  der  beleybet 
an  der  ßat  ßeen  fo  er  ßilet.  Dar  bey  iß  ein  Jnsel  die  heyffet  balgaris.  Do  wur- 
den zu  aller  erß  fehlangen  funden  usw. 


404  DOBERENTZ 


XXXVI.  b. 


Do  hei  iß  ein  inful.  cli  haizet  fabina.  dar  zcimmeret  kunig  fardinus.  ercules 
fun.  ein  vil  vefte  burehz.  Inder  infulen  loirt  kain  menfch  geparn.  Inder  infulen 
iß  eyn  ivrm.  der  iß  Main  als  ein  fpin.  war  dem  lorm.  mac  kain  menfchz  genezen. ' 
[In  der  infeien  iß  ein  hurn  weler  man  des  drüncke  der  kräng  were  der  wurd 
gefunt  vnd  weles  wip  des  druncke  die  tvurde  blint.J  usw. 

XXXVI.  c. 

Daerbi  es  een  Jieit  Dardinas.  Daer  timmerde  Sardin,  die  ivas  Hercules 
Zone.  Hi  maecte  ene  ivel  uaste  horch.  In  der  Insulen  en  werden  nemmer  nadre 
noch  wolf  gheboren.  Daerin  is  oec  een  loorm,  die  heit  Dolifoga.  Daer  is  oec  ene 
fpinne  en  waer  die  worm  daer  niet,  dier  en  mocht  niemen  ghenefen.  In  dier  Infu- 
len is  een  cruut;  welk  zier  menfeh  dat  eet ,  hi  lacht  zijns  ondancs  dat  hi  ßeruen 
moet.  Daer  is  oec  een  hörne,  toelc  ziec  menfche  zoen  drinct,  hi  toert  hlint  altehant 
ghenefen,  ende  icelc  ghefont  mensche  zone  drinct  hi  ivert  blint.  Daerbi  is  ene 
Infula,  daer  worden  deerße  flanghen  vonden  usw. 

XXXVI.  d. 

Darnach  iß  eyn  jnfel  dy  heiß  Sardinis  do  wirt  loeder  wolff  noch  natern 
noch  kein  übel  thir  noch  worm.  Dofelbß  leit  ein  jnfel  do  iß  ein  Burm  pvne  der 
heiß  Solifuga  der  iß  gefchaffen  als  ein  fpin/ne  vnd  iven  derfelhe  ivurm  peiffet  der 
ßirht  ztihant.  Und  jn  derfelhen  jnfeln  iß  ein  kraut  toer  deffelben  krautz  iffet  der 
lachet  ßch  zu  tod  über  [bl.  löd^]  fein  danck.  In  derfelhen  Infeien  dor  iß  ein 
prun  wer  des  trincket  vnnd  iß  er  ßech  er  wirt  gefunnt  vnd  welcher  dypp  den- 
felben  brunnen  trincket  ader  nuczet,  der  muß  ertrincken  oder  erplinden  darpey 
iß  ein  jnfell  dy  heiß  gal  garus  da  ivurden  die  flangen  von  erß  jnnen  erfun- 
den usw. 

Auch  der  dänische  Lucidarius,  wie  er  uns  in  einer  hand- 
schrift  des  lö.^  und  in  einem  drucke  aus  dem  anfange  des  16.  Jahrhun- 
derts ^  erhalten  ward ,  ist  nicht ,  wie  Brandt  meinte ,   eine  selbständige 

1)  In  der  Königsberger  hs.  ist  hier  ein  stück  übersprungen,  ungefähr  10  Zei- 
len der  Hallischeu  incunabel.  Den  in  der  Königsberger  hs.  gebrechenden  schluss 
des  kapitels  ergänze  ich  aus  der  Heidelberger  papierhs.  des  15.  jh.,  nr.  359.  (Vgl. 
Fr.  Adelung,  altdeutsche  gedichte  in  Rom,  oder  fortgesezte  nachrichten  von  Hei- 
delbergischen handscliriften  usw.  Königsberg  1799.  S.  162  fgg.).  Der  flüchtige 
Schreiber  dieser  hs.  hat  nicht  selten  Wörter  widerholt,  meist  aber  gekürzt  und  wil- 
kürlich  geändert ,  und  den  text  oft  bis  zur  völligen  sinlosigkeit  entstelt. 

2)  Arn.  Mag.  76  i  8°.  Blatt  31  — 91:  Lucidarius.  Nach  dieser  hs.  veranstal- 
tete im  jähre  1849  C.  J.  Brandt  seine  sorgfältige  zu  Kopenhagen  erschienene  aus- 
gäbe: ,,  Lucidarius  cn  Polkebog  fra  Middelalderen ,"  in  deren  umfänglicher  und 
gehaltvoller  Indledning  er  auch  über  die  hs.  nähere  auskunft  gibt.  Dio  spräche 
derselben  gehört  nach  Brandt  in  das  14.  oder  in  den  beginn  des  15.  Jahrhunderts, 
aber  die  entstehung  des  Werkes  sezt  jener  in  eine  noch  frühere  zeit,  in  die  mitte 
des  14.  Jahrhunderts. 

3)  Truckt  i  Kepenhafn  hooss  Godfred  äff  ghemen,    nach  Brandt  s.  XXVII, 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  405 

bearbeituug  des  gesamten  Lucidariusstoffes,'  der  zuvor  in  nur  münd- 
licher Überlieferung  durch  geraume  zeit  gelebt  ^  und  durch  viele  län- 
der  sich  verbreitet  hätte.  Denn  auch  im  dänischen  Lucidarius  treten, 
bald  in  wörtliclier,  bald  in  auszügliclier  widergabe,  an  mehr  als  einer 
stelle  die  engsten,  nur  auf  litterarischem  wege  erklärbaren  beziehungeu 
zum  deutschen  Lucidarius  hervor.  Von  erschöpfender  beweisführung 
absehend,  beschränke  ich  mich  hier  darauf,  nur  einiges  hervorzuheben, 
was  zugleich  auf  die  Verbreitung  und  Verzweigung  des  geographischen 
abschnittes  und  auf  die  ihm  auch  bei  ausserdeutschen  Völkern  geschenkte 
gunst  ein  helles  licht  zu  werfen  vermag. 

Insofern  freilich  darf  der  dänische  Lucidarius  als  eine  selbständige 
bearbeitung  gelten ,  als  in  ihm  die  belehrungen  über  religiöse  und  kirch- 
liche gegenstände  den  breitesten  räum  einnehmen,  während  die  welt- 
lichen erörterungen  des  deutschen  Lucidarius  in  ihm  sehr  in  den  hin- 
tergrund  gedrängt  werden.  Wenn  aber  gerade  auch  der  geographische 
abschnitt  des  deutschen  Lucidarius  in  dem  dänischen  werke  berück- 
sichtigung  gefunden  hat,  so  zeugt  dies  einerseits  widerum  für  die  grosse 
beliebtheit  gerade  dieses  Stückes ,  während  andererseits  die  art  und  weise 
seiner  benutzuug  bezeichnend  ist  für  den  Charakter  des  dänischen  Wer- 
kes. Denn  bewies  sein  Verfasser,  unverkenbar  ein  geistlicher,^  wie 
Brandt  bereits  hervorgehoben  hat,  für  geographische  sowie  naturwis- 
senschaftliche gegenstände  allerdings  nur  ein  sehr  geringes  Interesse 
und  Hess  er  sich  in  dieser  beziehung  sogar  die  grösten  Unklarheiten, 
ja  schlimme  Verstösse  zu  schulden  kommen:*  so  gab  er  dennoch  dem 
unserer  weltbeschreibung  gewidmeten  abschnitte  einen  ziemlichen 
umfang. 

Er  hat  sich  nämlich  nicht  versagen  können,  die  geographische 
überschau   aus   des  Honorius   Imago  mundi,    und  zwar   indem   er  ihre 

der  auch  die  von  der  handschriftlichen  Überlieferung  abweichenden  lesarten  dieses 
alten  druckes  in  den  anmerkungen  (s.  65  —  83)  verzeichnet. 

1)  S.  II:  Vores  er  en  felvßcendig  Bearbejdelfe  af  JEmnet. 

2)  S.  IV:  ....  men  ikke  deßomindre  mä  man  holde  ßg  denne  mundtlige 
yBearhejdelfes" -Made  for  Öje,  derfom  man  vil  have  nogen  tydelig  Foreßü- 
ling  om  de  forfkelUge  Folks  forfkellige  Lucidarms.  Syfkende  der  Jiave  alle  vcefen- 
lige  Trceck  tilfcelles ,  fom  vidne  om  det  ncere  Slfsgtfkab ,  men  Jiver  ßn  Hit,  og 
Bedrift  —  den  Ene  Uyrde,  den  Anden  Agerdyrker. 

3)  Brandt  a.  a.  o.  s.  XXI:  Bogens  Forfatter  er  fagtens  en  eller  anden  Munh 
....     S.  XXII:  Man  kommer  da  fnareß  tu  at  tcenke  paa  Veßervig  Kloßer. 

4)  Brandt  s.  XXVIII  und  XXIX.  An  erster  stelle  sagt  Brandt  u.  a.:  J  Fyß- 
Jcen  og  felv  i  Geogrußen  er  vores  Landsmand  ikke  pä  ßn  rette  Hylde;  hvor  de 
andre  her  har  fuldt  op  at  fortcelle,  giver  han  kun  halv  Befked  eller  tilßär  ßn 
Ukyndighed  (s.  52). 


406  DOBERENTZ 

fassung  im  deutschen  Lucidarius  als  graudlage  benuzte,  seinem,  sonst 
überwiegend  theologische  Unterweisung  der  laien  bezweckenden  werke  ^ 
als  dessen  vierten  hauptabschnitt  ^  einzuverleiben.  ^  Und  wir  finden 
sonach  die  vier  abteilungen,  die  wir  früher  beim  deutschen  Lucidarius 
als  die  gliedernde  anordnung  jener  weltbeschreibuug  wahrgenommen 
haben,  auch  in  der  dänischen  gestaltung  wider  und  zwar  im  folgenden 
Wortlaute : 

1)  (Brandt  s.  43):  B.  Sier  mek  ferß  a/f  afia.  M.  Äßa  hjrices 
ther  fom  folen  opp  gaar  (och  liggher  neß  paradUs  . . . .) 

2)  (S.  51):  D.  Sier  mek  nw  uff  then  annen  deel  äff  Verden. 
M.  Then  annen  deel  hedher  ewropaa.  (ther  cer  i  alt  romce  rigcB,  wal- 
land  oc  tythslandh ,  cettgceland  oc  fkotland  . . . .) 

3)  (S.  52):  D.  Sier  mek  äff  then  tridice  dell  äff  werdJien,  fom 
hether  A/fricce.  (M.  I  Äffrica  cer  enktce  kons ,  ther  merkcelict  cer  i  thet 
ßorce  landh.) 

4)  (S.  52) :  Men  i  the  eland  ther  cer  megel  hehennceligh  tingh 
ynnce.  (ther  cer  een  00  ther  m0ghet  langh  cer  ... .) 

Übergang  zum  nächsten  gegenstände  (s.  52):  D.  Kcerce  meßcerce, 
mcethen  i  hance  mek  sawth  äff  verdhen,  Syer  mek  nw  noghet  fauert  aß 
hemmelteghen  .... 

Was  nun  die  ausfülluug  dieser  disposition  anlangt,  so  finden  wir 
gerade  hier  im  wesentlichen  eine  Übersetzung  der  entsprechenden 
stellen  aus  dem  deutschen  Lucidarius  wider.  Trat  aber  schon  in  lez- 
terem  das  bestreben  hervor,  die  wundererzähluugen  stark  zu  bevor- 
zugen, so  komt  dies  im  dänischen  volksbuche  fast  allein  zur  geltung. 
Denn  hatte  man  dort  den  betreffenden  abschnitt  des  Honorius  bereits 
so  ausgezogen,  dass  die  geographischen  bestimmungen  in  der  Über- 
setzung ganz  zurücktraten,  ja  in  nebelhafte  ferne  rückten,  so  blieb 
hier,  wo  der  deutsche  auszug  nochmals  ausgezogen  ward,  von  den 
eigentlich  geographischen  angaben  fast  gar  nichts  mehr  übrig  und  statt 
ihrer  bildete  nun  die  aufzähluug  der  absonderlichsten  wundergebilde 
und  fabelgeschöpfe  den  hauptsächlichsten,  ja  fast  den  einzigen  Inhalt- 
Demnach  ist  es  nicht  verwunderlich,  dass  die  drei  lezten  abschnitte 
arg  zusammengeschwunden  sind ,   und  dass  für  die  Schilderung  Afrikas 

1)  Vgl.  Brandt,  Lucidarius  s.  14  und  7. 

2)  Über  die  von  der  bandschrift  abweichende,  von  dem  herausgeber  aber  mit 
recht  veränderte  anordnung  dieser  hauptabschnitte  siehe  Brandt  s.  XXXVI. 

3)  Auch  in  dem  ,, protestantischen"  dänischen  Lucidarius  —  über  welchen 
man  Brandt  s.  XXXII  fgg.  vergleiche  —  wurde  die  wunderbare  naturgeschichte  und 
geographie  wider  aufgenommen. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  407 

"•ar  nur  die  wenigen  dürftigen  und  inhaltsleeren  eben  angeführten  werte 
genügt  haben.  Der  erste  über  Asien  handelnde  teil  dagegen ,  und  zumal 
der  auf  Indien  bezügliche  abschnitt,  wurde  sogar  mit  derartigen  fabeleien 
noch  weiter  ausgeschmückt.  Daher  finden  wir  hier  als  eigene  zusätze 
des  dänischen  Verfassers  fabelgeschichten  vom  einhorn/  von  den  ele- 
phanten,^  den  panthern,  den  Amazonen, ^  den  Sirenen '*  und  von  sonder- 
baren misgeburten,^  namenthch  aber  einen  besonderen  absatz  über 
wunderbare  steine.*^  Und  gerade  dieser  leztgenante  zusatz  veranschau- 
licht recht  deutlich  das  verfahren  dieses  geistlichen  Verfassers.  War 
nämlich  die  erwähnung  zweier  fremdartiger  wundersteine,  des  Pyrites 
und  des  Selenites,'  bei  Honorius  ursprünglich  an  die  Schilderung  Par- 
thiens  und  Persiens  angeknüpft  gewesen,^  und  auch  im  deutschen  Luci- 
darius  abgekürzt  beibehalten **  worden,  so  fiel  nunmehr  im  dänischen 
Lucidarius  jegliche  geographische  anknüpfung  und  beziehung  weg:  und 
an  die  erwähnung  des  Selenites  oder  Lunaris  ward  das  eben  erwähnte 
einschiebsei  ohne  weiteres  angeknüpft  mit  den  Worten :  Ther  (ßf  fijdhen 
manghce  vnderligh  tingh  iil,  oc  ferleßes  äff  jtence  therce  naturce. 

Es  hatte  demnach  jene  in  den  deutschen  Lucidarius  aufgenom- 
mene Weltbeschreibung  ihre  geographische  einkleidung  nur  noch  als 
höchst  dürftiges  bettlergewand  nach  Dänemark  hinübergerettet  und 
vegetierte  in  solcher  dürftigkeit,  herabgesunken  zu  einem  Sammelplätze 
von  wundergeschichtchen  dort  noch  durch  geraume  zeit. 

Doch  mochten  auch  öfters  andere  als  gerade  die  geographischen 
selten  dieser  Weltbeschreibung  die  aufmerksamkeit  der  leser  erregt  und 
andauernde  gunst  bei  ihnen  gefunden  haben,  so  lässt  sich  doch,  trotz 
solcher  Verkümmerung,  die  ausgebreitete  fortpflanzuugsfähigkeit  dersel- 
ben erkennen.  Demnach  wäre  die  Vermutung,  dass  sich  auch  auf 
Kudolfs  geographie  ihr  einfluss  erstreckt  haben  könne,  nicht  ohne  wei- 
teres von  der  band  zu  weisen ,  zumal  eine  gewisse  ähnlichkeit  der  beiden 
geographischen  abschnitte,  bei  Rudolf  und  im  Lucidarius,  auf  eine 
nähere  verwantschaft  beider  hinzudeuten  scheint.  Deshalb  ist  es  erfor- 
derlich, die  zulässigkeit  einer  solchen  Vermutung  in  Untersuchung  zu 
ziehen. 

1)  Brandt  a.  a.  o.  s.  48  fg.  2)  Ebd.  s.  49. 

3)  Ebd.  s.  50.  4)  Ebd.  s.  48. 

5)  Ebd.  s.  47.  6)  Ebd.  s.  49. 

7)  Siehe  Isidor ,  Etymologiae  XIII  ,4,5  und  ü. 

8)  Imago  Mundi  üb.  I.  c.  14.     (Migne  Patrolog.  172  sp.  125.) 

9)  Simrock,  Volksbücher  XIII,  s.  391. 


408  DOBERENTZ 

y.    Leugnung   eines   unmittelbaren   zusammenlianges  der  geographie 
im    Lucidarius   mit  derjenigen  in   Rudolfs   Weltchronik. 

1.  Werfen  wir  demnach  einen  vergleichenden  blick  auf  beide, 
so  fält  an  ihnen  nicht  nur  sofort  dieselbe  reihenfolge  der  hauptabtei- 
lungen  Avie  auch  derselbe  gang  in  der  besonderen  länderherzählung  auf; 
sondern  es  begegnen  auch  schon  bei  flüchtiger  betrachtung  unter  ande- 
rem jene  zwei  hervorstechenden  züge,  welche  die  Unmöglichkeit  eines 
engsten  Zusammenhanges  der  Rudolfscheu  erdkunde  mit  Isidor  und 
Vincentius  Bellovacencis  ergeben  haben  und  bereits  von  Vilmar  ^  als 
wesentliche  erkennungszeichen  der  Rudolfschen  darstelluug  hervorgeho- 
ben worden  sind.  Denn  im  Lucidarius  finden  wir  die  vögel  mit  leuch- 
tendem gefieder  nicht  im  hercynischen  walde  und  somit  nicht  in  Ger- 
manien ,  sondern  mitten  in  der  Schilderung  Asiens ,  in  Hyrkanien ,  loka- 
lisiert; mithin  ganz  ebenso,  wie  bei  Rudolf  v.  752  fgg.  Ferner  finden 
wir  die  erwähuung  der  insel  Perdita  und  deren  auffindung  durch  den 
heiligen  Brandan  bei  Rudolf  nahe  dem  Schlüsse  des  ganzen  in  den  ver- 
sen  1587  bis  1609,  widerum  ebenso  wie  im  Lucidarius,  wo  es  kurz 
vor  dem  ende  der  gesamten  weltbeschreibung  heisst: 

Zufolge  Honorius,  De  Imagine  Mundi.  Lib.  L  Cap.  XXXVL 
Schluss.  —  Est  quaedam  Oceani  insula  dicta  Perdita,  amoenitate  et 
fertilitate  omnium  rerum  prae  cuuctis  terris  longe  praestantissima, 
hominibus  ignota.  Quae  aliquando  casu  inventa  postea  quaesita  non  est 
inventa,    et  ideo  dicitur  Perdita.     Ad  hanc  fertur  Brandanus  venisse. 

a)  Hallische  incunabel  bj  verso: 

In  dem  wendel  mer  iß  ein  In  fei  die  hei  (Jet  Perdica  die  iß  ym- 
mer  geleich  grün  vnnd  fchmecket  als  wol  vnd  als  füß  als  das  paradeiß. 
In  die  Infel  Jcamment  sü  einem  mal  von  vngefchicht  heylig  leüt  der 
gewand  fchmecket  nach  des  gefchmack  wol  fünffsehen  iar  darin  mbcht 
nie  kein  menfche  kommen  wann  das  got  den  guten  fant  hrandum 
darin  fandt. 

b)  Königsb.  hs.  1157  bl.  24'': 

Indem  wendelmer  iß  ain  inful.  di  hälfet  perdita.  di  iß  immer 
eben  gruen.  vnd  iß  nahen  alfo  fuser  fmac  mer  als  in  dem  paradier. 
Indi  infid  quamen  von  gefchicht  vnd  uon  gotiz  ivillen  heilige  leut.  der 
gewant  ....     [Hiermit  bricht  das  bruchstück  ab.] 

c)  Mnl.  bearbeitung  (Van  den  Bergh  s.  146): 

In  die  ivendelzee  is  ene  Infula  ende  heit  Perßda;  dats  emmer 
euen  groene  ende  waß  aUe  tfuete  paradijs.  Daerin  quamen  ten  enen- 
male  heilighde  liede,    dies  ghefmakeden,    om   die  mate  van  XV  Jaren. 

1)  Die  zwei  recensionen  usw.  s.  34. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  409 

Daer  en  mach  engheen  menfche  metten  lichame  meer  conien  zidert  dat 
God  zente  Brandaen  danen  [1.  daerin]  zende. 

d)  In  der  Wolfenbüttler  hs.  Cod.  Aug.  78.  4  hat  der  flüchtige 
Schreiber  diese  stelle  übersprungen. 

2.  Wenngleich  nun  diese  Übereinstimmungen  zwar  auf  eine  nahe 
verwantschaft  beider  abschnitte  hinweisen,  so  findet  sich  doch  anderer- 
seits auch  nicht  weniges,  was  die  Vermutung  einer  ableitung  der  Ru- 
dolfschen  geographie  aus  dem  Lucidarius  nicht  nur  bedenklich ,  sondern 
schlechtliin  unmöglich  macht. 

Auffällig  ist  schon ,  dass  der  Rudolfsche  abriss  sich  weit  umfäng- 
licher und  fast  überall  genauer  erweist ,  als  der  abschnitt  im  Lucidarius. 
Indes  könte  sich  dies  ja  möglicherweise  daraus  erklären,  dass  der 
gelehrte  dichter  für  herstelluug  seiner  länder-  und  Völkerkunde  auch 
noch  andere  quellen  benuzt  hätte. 

Noch  auffälliger  und  bedenklicher  muss  aber  der  umstand  erschei- 
nen, dass  jene  züge,  welche  sich  im  deutschen  Lucidarius  bei  einer 
vergleichung  mit  seiner  vorläge  als  eigentümliche  Zusätze  seines  Ver- 
fassers herausstellen ,  bei  Rudolf  nirgend  vorkommen.  So  berichtet  der 
Lucidarius  in  der  eben  angeführten  stelle,  dass  die  kleider  Brandans 
und  seiner  genossen  den  duft  der  insel  Perdita  durch  fünfzehn  jähre 
behalten  haben,  während  dieser  eigentümliche  zug  in  der  entsprechen- 
den stelle  Rudolfs  volständig  gebricht.  Und  in  einer  anderen,  auch 
bereits  mitgeteilten  stelle  des  Lucidarius  wird  bei  erwähnung  des  toten 
meeres,  namentlich  die  durchsichtigkeit  desselben  hervorgehoben,  welche 
so  bedeutend  sei,  dass  man  meine  die  fische  auf  seinem  gründe  grei- 
fen zu  können;  in  der  Imago  muudi  des  Honorius  steht  davon  aber 
nichts,  und  auch  bei  Rudolf  heisst  es  nur  schlechthin  v.  661:  da  nü 
lU  daz,  töte  mer. 

Und  das  gewichtigste  bedenken  endlich  erwächst  aus  der  Wahr- 
nehmung, dass  jene  groben  fehler,  welche  der  geographie  im  Lucida- 
rius ihr  charakteristisches  gepräge  gaben ,  in  Rudolfs  abrisse  an  keiner 
stelle  sich  vorfinden. 

3.  Als  völlig  unmöglich  stelt  sich  eine  abhängigkeit  Rudolfs  vom 
Lucidarius  namentlich  durch  solche  stellen  heraus,  in  welchen  beide 
geradezu  verschiedene  angaben  über  einen  und  denselben  gegenständ 
darbieten. 

Während  im  Lucidarius  gegenüber  der  klaren  angäbe  der  latei- 
nischen vorläge  „Sunt  aliae,  quae  quinquennes  pariunt"^  es  mit 
einem  wunderlichen  Übersetzungsfehler  heisst: 

1)  Honorius  Imago  M.  I,  c.  13.    Migne  a.  a.  o.  sp.  124. 


410  DOBERENTZ 

a)  Hallische  incunabel  (a  vij''): 

Do  hey  feind  weyher  die  gewinnendt  m  einem  mal  fünffzeJien 
Jdnd. 

b)  Königsb.  hs.  1157  bl.  23^: 

Do  bei  ßnt  ivelp  di  scu  ainem  mal  vmzchehen  hinder  gewinnen^ 

c)  Wolfenb.  Cod.  Aug.  78.  4    178'': 

In  derfelhen  gegent  do  ßnt  frawen  dy  gewinnen  zeinol  ^V hinder. 

d)  Im  dänischen  Lucidarius  (Brandt  s.  46): 

Ther  neß  cerce  qwinnce,  fhe  fanghce  femthen  harn  at  cen  fynnce. 
sagt  Rudolf  V.  302  richtig : 

Da  hl  iß  oucli  ein  Hut  für  wär^ 
dä^  ieglich  wip  ir  hint  gebirt 
fö  sie  fünf  jär  alt  wirt. 
Während  wir  ferner  die  Charybdis  nebst  der  Scylla  im  Lucidarius 
(Hallische  incunabel  bj  verso)  fälschlich  als  berg  bezeichnet  finden,  nent 
dem  gegenüber  widerum  Rudolf  leztere  unrichtig  eine  in  sei: 
V.  1514:  an  Sicilje  lU  Caribdis, 
Cyllä  diu  isl  und  Eobe^ 
und  darsuo  Vulkänie 
diu  tsel  wU  usw. 
Diese  Verschiedenheit  der  beiden  irrigen  angaben  muss  aber  durch 
eine  Unklarheit  der  gemeinsamen  vorläge  veranlasst  worden  sein.   Denn 
auf  eine  solche  weist  uns  die  ähnlichkeit  beider  abschnitte  im  grossen 
und  ganzen  bei  aller  Verschiedenheit  im  einzelnen.     Und  wirklich  auch 
bietet  Honorius  nur  die  beiden  namen:    „In  hujus   (i.  e.  Siciliae)  freto 
est  Scylla  et  Charybdis ,"  ^  ohne  jede  nähere  bestimnmng. 

Diese  proben  könten  bereits  genügen  als  beweis  für  die  Unmög- 
lichkeit eines  unmittelbaren  Zusammenhanges  zwischen  Rudolf  und  dem 

1)  So  unrichtig  für  Eoliae.     S.  Honorius  I.  M.  I.  c.  35.    Migne  a.  a.  o.  sp.  132. 

2)  Auffällig  bleibt  freilich ,  dass  beide  Verfasser  bei  Honorius  bald  dahinter 
geschrieben  fanden:  IIb.  1.  (c.  43.  Migne  sp.  135):  „Scyllaei  caues  latrare  finguntur, 
dum  procul  navigantes  undarum  fremore  terrentur,  quas  sorbente  voragine  collidit 
aestus."  Und  der  Verfasser  des  Lucidarius  wenigstens  muss  diese  stelle  gelesen  haben, 
da  er  sie  ein  blatt  weiter  hin  (bij  verso)  mit  den  werten  übersezt  hat:  Der  iimger 
fraget  in  dez  (SieiUnus)  more  iß  ein  jlat  do  hellen  die  hund  vnder  dem  waffer  wo 
vö  Tcompt  das.  —  Der  meißer  fprach  die  ßat  heyffet  Cilla.  vns  fagen  die  bücher 
das  das  more  an  der  fclben  ßat  in  die  helle  falle,  so  wirt  dz  geßöffe  alfo  grofs 
fo  das  feilet  in  die  grüben  das  die  schiffleüt  heduncket  das  die  hund  bellen  vnder 
de  waffer.  Demnach  scheinen  die  Verfasser  des  Lucidarius  gemeint  zu  haben ,  dass 
die  bellenden  hunde  im  wasser  unter  einem  berge ,  Eudolf  dagegen ,  dass  sie  unter 
einer  insel  wohnen.  Die  anschauung  der  alten  über  Scylla  und  Charibdis  finden 
wir  in  Pomp.  Melas  Worten  (II,  7,  14):  Scylla  saxum  est,  Charybdis  mare, 
utrumque  noxium  adpulsis. 


DIE    GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON   EMS  411 

Lucidariiis ;  doch  möge,  um  jeden  zweifei  zu  bauuen,   noch  eine  stelle 
folgen,  welche  den  unterschied  beider  recht  grell  zu  tage  treten  lässt: 
In  den  Lucidarien  heisst  es  von  Indien: 

a)  Hallische  Incunabel  a  vij  recto: 

Das  felhige  lande  iß  geteilt  in  wier  vnnd  viertzig  gegent.  Darinn 
feind  manclierhand  leiit.  Indem  felhigen  landt  feind  drey  berge.  Der 
ein  herg  heiffet  Garganus.  der  ander  Croatras.  der  drit  lieiffet  Oreßras. 
die  bäum  die  darauff'  wachsent  die  werdent  fo  hoch  das  fy  der  lufft 
erbrennet. 

b)  Königsb.  hs.  bl.  23 ^ 

India  daz  lant  iß  getailt  an  tvier  vnd  zcwainscig  tail.  ader  gegent. 
inden  gegeten  iß  maniger  lai  leute.  an  dem  lant  ßnt  dreu  per  ig.  der 
ain  haifet  germanus.  der  ander  coatras.  der  drit  oeßras.  auf  den  21er- 
gen  ivafchen  bäum,  di  ßnt  fo  ho.  daz  ß  di  luft  befenget. 

c)  «.  Wolfenbüttl.  Cod.  Aug.  78.  4.  bl.  178'. 

Das  felbe  lant  iß  geteilt  jn  xxiiij  gegend  vnd  ßnd  jnnen  manger 
flacht  leiit  (dahinter  eine  lücke). 
ß.   Cod.  Pal.  359,  bl.  73  a. 

da  inne  ßnt  manger  leige  lüte  in  dem  lande  ßnt  dry  berge  der 

heiffet  einer  gamans  der  ander  heiffet  coattran  das  dritte  heiffet  oraßras 
die  böm  die  vff  den  bergen  wachfent  die  werdent  fo  hohe  das  ßi  die 
lufft  fegent. 

d)  Abweichend  im  dänischen  Lucid.    (Brandt  s.  44  fg.) 
Forthi  thet  cer  VII  honingce  righce  oc  XX  ....  [s.  45]     Ther  neß 

liggher  eth  biergh  i  haweth.  ther  aa  woxer  faa  heuee  fJcouce  at  the 
ganges  forouen  fhyen. 

In  der  lateinischen  vorläge  bei  Honorius,  Imago  mundi,  lib.  1. 
c.  1 1  ^  lautet  die  entsprechende  stelle : 

„India  habet  quadraginta  quatuor  regiones,  populosque  multos,  Gar- 
manos,  Orestas,  Coatras,  quorum  sylvae  tangunt  aethera." 
Und  in  Übereinstimmung  damit  sagt  Kudolf  v.  186: 
diu  selben  künicriche 
in  India  hänt  vierzic  lant 
und  vier  lant  gröz,  und  wtt  erJcant, 
dar  inne  maneger  diete  kint 
in  aller  hande  gefchepfede  sint. 
Garmänen  unde  Orestas 
vindet  man  da  und  Coatras 

1)  Migne  sp.  123. 


412  DOBBBENTZ 

mit  ganzen  landen  wUen, 

der  weide  in  allen  siten 

die  hohen  lüfte  rüerent 

die  diu  himeUeichen  füerent. 
Demnach  liegt  nicht  nur  keine  nötigung,  sondern  sogar  keine 
möglichkeit  vor,  die  Rudolfsche  länder-  und  Völkerkunde  in  unmittel- 
bare beziehung  zur  geographie  im  Lucidarius  zu  setzen.  Und  überdies 
wird  sich  weiter  unten  in  der  benutzungsart  der  gemeinsamen  vorläge 
ein  wesentlicher,  und  zu  gunsten  Rudolfs  ausschlagender  unterschied 
beider  herausstellen. 

c.     Benutzung   der  Imago  Mundi   in    den  Otia  imperialia  des 
Gervasius  Tilberiensis. 

«.     Zeit  und  zweck  der  abfassung   der  Otia   imperialia. 

Sahen  wir  in  dem  vorangehenden  abschnitte,  wie  der  geogra- 
phische abriss  aus  des  Honorius  Imago  Mundi  das  Interesse  des  hoch- 
betagten Heinrichs  des  Löwen  erregt  haben  muste,  und  wie  er  auf  des- 
sen anordnung  hin  aufnähme  in  seinem  lieblingswerkchen  und  dadurch 
die  mächtigste  Verbreitung  bis  in  die  untersten  Volksschichten  durch 
Jahrhunderte  gefunden  hat,  —  so  wird  sich  aus  dem  folgenden  erge- 
ben ,  dass  er  nach  verlauf  mehrerer  jähre  widerum  dazu  verwendet  wor- 
den ist,  auch  das  Wohlgefallen  des  zweiten  sohnes  Heinrichs  des  Löwen, 
des  kaisers  Otto  IV,  erregen  zu  helfen.  —  In  folge  seiner  innigen 
beziehungen  zu  dem  englischen  königshofe,  an  dem  er  ja  seit  seinem 
siebenten  lebensjahre  geweilt  hatte ,  war  Otto  auch  in  berührung  gekom- 
men mit  Gervasius ,  einem  wahrscheinlich  der  Themsestadt  Tilbury  ent- 
stamten  manne  vornehmsten  geschlechtes,  der,  nach  Leibnitzens  aus- 
drucke, Marte  et  arte  ausgezeichnet  war.  Widmete  er  sich  doch  der 
schriftstellerei ,  zu  der  ihn ,  den  laien ,  allerdings  ebensowol  seine  geist- 
liche erziehung,  wie  vor  allem  seine  frühere  lehrtätigkeit  zu  Bologna 
befähigten,  mit  rührigstem  eifer  und  gröster  hingebuug;  wiewol  er  als 
Ottos  Mareschalcus  regni  Arelatensis  mit  staatsmännischen  geschäften 
hinlänglich  belastet  war.  „Et  quod  ex  officio  Mareschalciae  sub  debito 
ministerio  exequi  teneor,  acutae  linguae  gladio  ducam  in  ministerinm"  ^— 
so  drückt  er  selbst  in  pomphafter  bildersprache  in  der  Widmung  an 
seinen  hohen  herrn  sich  hierüber  aus. 

1.  Als  nämlich  von  Italien  her  die  wölken  sich  gefahrdrohend 
für  Otto  zusammenzuballen  begannen  und  der  „  pfaffenkönig "  Friedrich, 
der  Stauferspross ,    von  Palermos  Königsburg   aus  anstalten    traf,    sein 

1)  Leibnitz,  Scriptores  rer.  Brunsv.  I,  s.  883. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  413 

angestamtes  herschevrecht  sicli  in  Deutschland  zurückzuerkämpfen ,  — 
zu  derselben  zeit  ^  hielt  es  Gervasius  für  wol  angebracht,  seines  hohen 
herren  bange  und  kummerreiche  stunden  auch  durch  eine  schriftstelle- 
rische leistung,  eben  die  „Otia  imperialia,"  erheitern  zu  helfen.  „Quia 
ergo  Optimum  naturae  fatigatae  remedium  est  —  so  äussert  er  sich  in 
der  Zueignung^  —  amare  novitates  et  gaudere  variis,  nee  decet  tarn 
sacras  aures  spiritu  mimorum  fallaci  ventilari ,  dignum  duxi  aliquid  auri- 
bus  vestris  ingerere ,  quo  humana  operetur  recuperatio.  Quippe  ex 
animi  mei  voto  pridem  fucrat ,  post  librum  facetiarum ,  quem  ex  man- 
dato  domini  mei  illustriss.  Kegis  Anglorum,  Henrici  junioris,  avun- 
culi  vestri,  dictaveram,  alium  ad  recensendam  ejus  benevolentiam  libel- 
lum  dictare,  per  tres  decisiones  distinctum,  in  quo  totius  orbis 
descriptio  saltem  in  summa  contineretur,  et  provinciarum  divisio  cum 
majoribus  minoribusque  sedibus;  et  sie  singularia  cujusque  provmciae 
mirabilia  subnectere,  quae  fuisse  mirabile ,  audisse  apud  ignorantes  deli- 
ciosasque  aures  delectabile  foret.  —  Nee  jam,  sicut  fieri  solet,  optima- 
tes  per  mimorum  aut  histrionum  linguas  mendaces  percipiant  Dei  vir- 
tutes;  sed  per  fidelem  narrationem,  quam  vel  ex  veteribus  auto- 
rum  libris  congessimus,  vel  ex  oculata  fide  firmavimus,  cui  cotidiana 
subest  probatio,  si  loca  singularia  fuerint  per  descriptas  provincias 
perscrutata." 

2.  Es  war  sonach  des  buches  hauptsächlichster  zweck,  zu  Ottos 
ergetzen  eine  beschreibung  der  ganzen  weit  zu  liefern ,  in  der  aber  vor 
allem  die  ausschmückende  erwähnung  der  staunenswerten  absonderlich- 
keiten  und  Wunderdinge  nicht  fehlen  durften,  „ut,  cum  aliqua  mira- 
bilia cuilibet  terrae  locove  assignabuntur ,  facilius  habeatur  locorum 
et  temporum  gestorum  notitia."  ^  Und  dieses  bestreben ,  durch  bei- 
mischung  von  wundererzählungen  fesselnd  zu  sein,  spiegelt  sich  denn 
auch  in  der  ausführung  jenes  Werkes  überall  wider  und  nimt  in  ihm 
sogar  den  breitesten  räum  in  anspruch,  wenngleich  Gervasius  auch  den 
tiefern  ernst  der  gegenwart  dabei  nicht  ausser  acht  lässt,  ja  —  nach 
Leibnitzens  urteil  -  den  unheildrohenden  Zwiespalt  zwischen  dem  Wei- 
fenkaiser und  dem  grossmächtigsten  kirchenfürsten  sogar  in  löblicher 
weise  mit  mässigung  und  gewich tigkeit  im  urteile  berührt.* 

1)  „Scripsit  autor  a.  1211,  ut  ipse  ostendit,  cum  indictionis  numerum  com- 
putare  docet,"  sagt  Leibnitz,  Introductio  in  coUectionem  nr.  LXIII.  SS.  rer.  Brunsv. 
toin.  I.  —  Wattenbach  (Deutschi.  Geschiehtsqu.  4.  aufl.  II.  s.  375)  sezt  die  abfas- 
sung  für  das  jähr  1212  an. 

2)  Leibnitz  a.  a.  o.  I ,  s.  883. 

3)  Leibnitz  a.  a.  o.  I,  s.  910.     (Decisio  secunda  cap.  11.) 

4)  ,,Controversiam,  quae  tunc  Ottoni  IV.  erat  cum  Innocentio  III.  Pontif.  E. 
aliquoties  attingit,   non  sine  quadam  moderatione  et  judicii  gravitate."     (Leibnitz, 


414  DOBBBENTZ 

ß.     Die   geographie    iu    den    Otia   imperialia   und   ihre   quellen. 

1.  Während  nun  die  Decisio  prima  ^  algemein ere ,  vor  allem  neben 
theologischen  die  kosmologischen  fragen  behandelt ,  kommen  die  eigent- 
lich geographisch  -  topographischen  demente  erst  in  der  Decisio  secunda 
dieses  kaiserlichen  unterhaltungsbuches  zur  geltung;  wozu  sodann  die 
Decisio  tertia  ^  noch  anderweite  ergänzungen  gibt,  insofern  sie  „  mira- 
bilia  uniuscujusque  provinciae,  non  omnia,  sed  ex  Omnibus  aliqua"  — 
wie  es  im  titulus  lautet  —    sich  zum  gegenstände  nimt. 

Die  sehr  beträchtliche,  aber  unförmliche  länder-  und  Völkerkunde 
finden  wir  nun ,  genauer  genommen ,  von  cap.  II ,  anknüpfend  an  Noahs 
drei  söhne  —  „  a  quibus  summa  totius  orbis  coepit  partitio "  —  bis 
cap.  XII 2  dem  zweiten  hauptabschnitte  eingefügt ,  und  weil  wir  in  ihr 
die  umfänglichste  unter  allen  hier  in  betracht  kommenden  mittelalter- 
lichen geographien  erkennen ,  nimt  sie  auch  in  höherem  masse  unser 
Interesse  in  ansprach. 

2.  Überalher  hatte  der  einflussreiche  Staatsmann  mit  anerken- 
nenswerter emsigkeit  seinen  stoff  zusammengeholt.  Deshalb  ist  es  nicht 
zu  verwundern,  wenn  er  bei  seinen  nachrichten  über  Polen  sich  auf 
die  aussagen  der  einheimischen  beruft;*  und  man  darf  ihm  glauben 
schenken,  wenn  er  berichtet,  dass  er  die  umfänglichen  diöcesanver- 
zeichnisse ,  welche  er  an  mehreren  stellen  ^  seiner  geographie  beigab, 
den  päpstlichen  archiven  entnommen  habe,  zumal  er  sich  ja  geraume 
zeit  hindurch  auf  italienischem  boden  aufgehalten  hatte ,  als  er  im  auf- 
trage könig  Wilhelms  des  Guten  von  Sicilien  ff  1189)  das  norman- 
nische Neapel  verwaltete  und  dieses  amt  bis  zur  eroberung  Aecons 
durch  die  Christen  (1191)  bekleidete. 

introd.  a.  a.  o.).     Und  weiter  nent  Leibuitz  ebenda  den  Gervasius:  (virum)  „in  his, 
quae  ad  rempublicam  pertinent  non  spernendum." 

1)  Leibnitz,  tom.  I  s.  884  —  907.  2)  Leibnitz  a.  a.  o.  I,  s.  960  —  1004. 

3)  Leibnitz  a.  a.  o.  I,  s.  910  —  923,  und,  zur  ausfüllung  der  grossen  auf  s.  912 
verbliebenen  lücke,  auch  noch  U,  s.  755 — 771.  —  Ist  Leibnitzens  dickleibiger  foliant, 
welcher  die  bis  jezt  einzige  volständige  ausgäbe  der  Otia  imperialia  enthält,  schon 
an  sich  recht  unhandlich,  so  wird  durch  jene  aus  drei  Pariser  handschriften  ent- 
nommenen, und  erst  im  zweiten  bände  folgenden  nachtrage  die  benutzung  des  Wer- 
kes äusserst  erschwert,  zumal  die  langen  zeilenreihen  im  ersten  bände  unbeziffert 
geblieben  sind.  J,  Mader,  in  seinem  werke:  Gervasius  Tilbur.  de  imperio  romano 
et  Gottorum  usw.  Heimst.  1673.  4.  bietet  nur  bruchstücke.  Um  so  mehr  bleibt 
eine  erschöpfende  und  bequeme  kritische  ausgäbe  des  ganzen  Werkes  und  nament- 
lich des  geographischen  teiles  zu  wünschen. 

4)  Leibnitz  a.  a.  o.  tom.  U,  s.  764:  „ut  ab  ipsis  indigenis  accepi." 

5)  Leibnitz  a.a.O.  II,  s.  760  De  urbibus  Asiae  cathedralibus :  „ordo  talis  ut 
ex  archivis  Domini  papae  collegi."  Ferner  reiht  er  z.  b.  II,  769  —  771  „Europae 
flamines  et  archiflamines  et  civitatum  suarum  nomina"  auf. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  415 

Die  bei  weitem  meisten  seiner  zahlreichen  geographischen  nach- 
richten  entnahm  er  aber,  nach  seiner  eigenen  angäbe,  den  angesehenen 
älteren  werken  mittelalterlicher  Schriftsteller.  So  begegnen  wir  z.  b. 
bei  Leibnitz  II,  765  der  berufung  auf  Augustinus  de  civitate  Dei; 
11,  766  auf  Claudiau;  II,  766  —  767  (bei  den  provinzenverzeichnissen 
Italiens)  auf  die  Historia  Langobardorum,^  wobei  er  am  Schlüsse  noch- 
mals ausdrücklich  hervorhebt:  „Huec  ab  Historia  Lougobardorum 
decerpsi."  Dagegen  hat  er  (II,  967  —  969)  in  Dec.  II,  cap.  9  (De  situ 
Komae),  ohne  jegliche  quellenangabe ,  die  MirabiUa  urbis  Romae,  wie 
sie  bei  Grässe  in  den  „Beiträgen  zur  künde  des  mittelalters "  vorlie- 
gen,^ fast  wörtlich  ausgeschrieben. 

3.  Beziehen  sich  aber  diese  citate  nur  auf  mehr  oder  minder 
umfangreiche  einsclialtungeu  im  geographischen  absclmitte,  so  war  von 
grundlegender  bedeutung  für  die  gestaltung  des  ganzen  einerseits  die 
anlehnung  an  Paulus  Orosius,  auf  den  sich  Gervasius  auch  am  ein- 
gange der  geographischen  partie^  ausdrücklich  bezieht  und  dessen 
benutzung  auch  an  vielen  stellen  klar  zu  tage  tritt,  und  andererseits 
an  die  Etymologien  Isidors ,  deren  ausbeutung  der  kritische  beob- 
achter  ebenfals  allenthalben  gewahrt.  Und  dazu  komt  drittens  noch 
als  ein  belangreicher  gruudbestandteil  in  der  geographie  des  Gervasius 
die  reichliche  Verwertung  dessen  was  Honorius  in  seiner  Imago  Mundi 
dargeboten  hatte. 

y.    Umfang  und  art  der   Verwertung    der    Imago    Mundi   in    den    Otia 
imperialia   im  algemeinen,  in   der  geographie    im  besonderen. 

Wiewol  Gervasius  des  Honorius  an  keiner  einzigen  stelle  auch 
nur  mit  einer  silbe  erwähnt,  ist  eine  unmittelbare  ausnutzung  seines 
geographischen  Überblickes  dennoch  zweifellos. 

1.  Überhaupt  lässt  sich  eine  weitgehende  compilatiou  auch  aus 
anderen  kapiteln  der  Imago  Mundi  in  dem  werke  des  Gervasius  auf  das 
schlagendste  nachweisen ,  welche  sich  der  von  F.  LiebrecUt  aufgezeigten 
ausplüuderung  der  Historia  scholastica  des  Petrus  Comestor  **  an  die  Seite 
stelt,  als  gleich  charakteristisch  für  die  schriftstellerei  des  Gervasius. 

1)  Paulus  Diaconus  lib.  11,  c.  14  —  "23.  Lozterer  aber  hatte  sein  Verzeichnis 
einem  dem  Cod.  Spirensis  ähnlichen  Index  provinciarum  entnommen :  siehe  AI.  Kiese, 
Geographi  latini  minores,    Heilbronnae  1878  s.  130  anmerkuug. 

2)  Vgl.  F.  Liebrecht,  Des  Gerv.  Tilb.  Otia  Imperialia  (Hannover  1856)  s.  XII, 
anmerk.  10. 

3)  Dec.  II,  cap.  2.    Leibn.  a.  a.  o.  I,  910. 

4)  Siehe  Liebrecht  a.  a.  o.  s.  IX ,  wonach  der  gröste  teil  der  ersten  Decisio 
meist  buchstäblich  aus  Comestors  Genes,  c.  1  —  9  entlehnt  ist,  ohne  dass  Gervasius 
seiner  irgend  einmal  gedacht  hätte. 

ZBITSCHE.    E.    DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.  XII.  ^7 


416 


DOBERENTZ 


So  finden  sich  z.  b.  stellen  ans   der  Imago  mundi   des  Honorins, 
welche  der  geographie  voraufgehen,  benuzt  in  partien  von 

Decisio  I.  cap.  6  (Leibn.  I,  889)  =  Hon.  Im.  M.  lib.  I.  c.  1. 
„       I.     „     4H     „       I,  887)  =     „        „      „      „    I.  „  3. 
„       I.     „  10  (     „       I,  892)  =     „         „       „      „    I.  „  6; 
ferner  andere  stellen  aus  der  Imago  raundi,  welche  auf  die  geographie 
folgen,  benuzt  in  partien  von 
Decisio  IL  cap.  12  (Leibn.  I,    922)   =  Imago  lib.  L  c.  (43  und)  41 
„       IL     „     13  (     „       I,  923/4)  =       „        „    L  „  39  bis  51 
und  zwar  so,    dass  jene  lezteren  capitel  zum  allergrösten  teile  einfach 
ausgeschrieben   sind ,   wobei  nur   cap.  47  und  48    der  Imago  mundi    in 
etwas    veränderter  form  widergegeben  werden,   und   das   bereits   zuvor 
verwendete  nunmehr  übergangen  wird.     Zur  veranschaulichung  der  art 
der  ausnutzung   durch  Gervasius   möge  folgendes   besonders  charak- 
teristisches stück  dienen: 


Honorius,  Imago  M.  lib.  1. 

C.49.  De  mortiferis  aquis.  (Migne 
sp.  135).  —  Sunt  alia  loca|  serpen- 
tibus  plena,|qui  viciniam  [1.  vici- 
nam  aquam]  veneno  inficiunt ,  quae 
dum  de  terra  exsurgit,  ]  bibentes 
interimit,  |  ut  fons  Styx  facit.  | 

C.  50.  De  mari  Mortno.  —  Quod 
aqua  maris  Mortui  a  ventis  non 
movetur,  |  et  in  se  nihil  vivere 
patitur ,  I  fit  ex  fontibus  bituminis,  ] 
quibus  aedificata  est  Babel  turris.  | 
Bituminis  autem  natura  resistit 
aquae  ,  |  et  non  dividitur,  nisi  men- 
struo  sanguine.  | 

C.  51.  De  animalibus  aquarum. 
—  Cur  aves  in  aere  volent.  Am- 
phibiae.  —  (Migne  136).  Pisces 
et  Aves  in  aquis  ideo  commoran- 
tur ,  I  quia  de  bis  facta  leguntur.  | 
Quod  autem  aves  in  aere  volant,  ] 
'et  in  terra  habitant,  |  ideo  fit,  quia| 
aer  est  humidus  ut  aqua,  |  et  terra 


Gervasius  Otia  Imp.  Dec.  IL 
(Leibn.  I,  s.  924). 
Sic  et  inhabitatione  serpentum 
iuficitur  vicina  aqua,  quae  dum  de 
terra  corrupta  exsurgit,  bibentes 
interimit. 

Ex  quo  provenit  quod  mare  mor- 
tuum  a  ventis  von  movetur,  et  in 
se  nihil  vivere  patitur.  Quod  ex 
vi  bituminis  lacus  asphaltidis  cre- 
ditur  evenire:  ex  quo  glntino  tur- 
ris Babel  dicitur  aedificata. 


Est  etiam  illud  notandum  quod 
pisces  et  aves  in  aquis  commorentur, 
ut  ex  eis  nutriantur,  quia  de  ipsis 
facta  leguntur;  cum  aves  aere, 
pisces  aqua  portantur.  Aer  enim 
ut  aqua  humidus,  et  terra  aquae 
permixta.  Unde  et  quaedam  bestiae 
de  terra  oriuntur ,    et  tamen   am- 


1)  Wo  mehr  als    die.  liälfte    und   der   schlussteil    des   kapitels   aus  Honorius 
herübergenominen  i.st. 


DIE    GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON    EMS  417 

est  aquae  pevmista.  |  Quod  vero  pliorem  in  aquis  potentiam  habent, 
quaedam  auimalia  de  terra  creata,  aquis  potiiis  iit  potentius  immorau- 
in  aquis  possunt  morari,|  ut  sunt  tes,  ut  sunt  crocodili ,  quorum  ipsa 
crocodili,  et  hippopotami,  |  hoc  potentia  ac  virtus  in  terra  modica, 
ideo  iit,  quod  aqua  I  est  valde  ter-  in  aqua  maxinia,  ita  ut  omnia, 
rae  permista.  |  quac  sub  aquis  comprehendunt,  ad 

se  trahunt. 
Wir  ersehen  hieraus,  dass  Gervasius  gar  kein  bedenken  trug, 
dasjenige,  was  in  den  Schriften  seiner  Vorgänger  ihm  zusagte,  auch 
ohne  nennung  ihres  namens ,  mehr  oder  minder  wörtlich  abzuschreiben, 
und  das  also  entlehnte  ganz  ebenso  zu  behandeln,  als  wäre  es  ein 
ergebnis  seines  eigenen  selbständigen  forschens  und  denkens.  Er  ver- 
fuhr hierin  aber  eben  nur  nach  der  algemein  üblichen  sitte  des  mittel- 
alters,  und  entsprechend  den  damaligen  begriffen  von  litterarischem 
eigentum. 

2.  Bei  der  Verwertung  des  aus  seinen  vorlagen  entlehnten  mate- 
riales  scheint  Gervasius,  zumal  wenn  er  die  vorgefundenen  angaben 
stilistisch  änderte,  und  namentlich  wenn  er  sie  kürzte  und  in  anderen 
Zusammenhang  brachte,  auch  von  versehen  und  irtümern  nicht  frei 
geblieben  zu  sein.  Denn  manches,  was  bei  ihm  unklar  oder  fehlerhaft 
erscheint,  findet  sich  in  der  von  ihm  benuzten  quelle  klar  und  richtig, 
und  dergleichen  begegnet  auch  gerade  in  dem  geographischen  teile,  und 
eben  in  den  aus  Honorius  geschöpften  angaben.  Freilich  aber  ist  es 
unmöglich  über  jeden  derartigen  fall  ein  sicheres  urteil  zu  gewinnen, 
weil  kritische  und  mit  reichem  lesartenapparate  ausgestattete  ausgaben 
sowol  des  Honorius  wie  des  Gervasius  nicht  vorhanden  sind,  und  Ger- 
vasius manche  irrige  angäbe  schon  in  der  von  ihm  benuzteu  durch 
Schreibfehler  entstelten  und  verderbten  handschrift  gefunden  haben  kann. 
Zur  veranschaulichung  solches  Verhältnisses  mögen  einige  wenige  aus 
Leibnitzens  ausgäbe  des  Gervasius  und  aus  Mignes  ausgäbe  des  Hono- 
rius^ gezogene  beispiele  dienen. 

Gerv.  1,  912.     Sunt  et  aliae  quae  quinquies  pariunt. 
Hon.  1,  12.         Sunt  aliae  quae  quinquenues  pariunt. 

Gerv.  2,  755.  ...  quibus  oculi  sunt  in  humeris,  pro  naso  duo 
in  ore  foramina.     In  pectore  setas  habent  ut  pecudes. 

Hon.  1,  12.  ...  quibus  sunt  oculi  in  humeris,  pro  naso  et  ore 
duo  foramina  in  pectore;  setas  habent  ut  bestiae. 

1)  Ich  bemerke  bei  dieser  gelegenheit  ein  für  allemal,  dass  ich  den  Migne- 
schen  abdruck  vor  der  beniitzung  mit  der  für  jenen  zu  gründe  gelegten  ausgäbe 
der  Maxim,  bibl.  patrum  Lugdunensium  tom.  XX  s.  967  fg.  verglichen  habe. 

27* 


418  DOBEßENTZ 

Gerv.  2,  756.  Persida,  quae  pyritem  lapidem  mittit,  sie  dictum, 
quia  manum  prementis  urit ,  et  sine  liitris  ^  non  potest  apprehendi, 
cuius  candor  cum  luna  crescit,  decrescit  et  deficit. 

Hon.  1,  14.  Persida  lapidem  Pyrrliitem  mittit,  qui  manum  pre- 
mentis urit,  et  synelitem,^  cuius  candor  cum  luna  crescit  et  decrescit. 

3.  Für  den  gesaraten  geographischen  teil  der  Otia  imperalia 
ward  aber  die  benutzuug  der  Imago  mundi  von  grosser  bedeutsamkeit 
durch  den  umstand,  dass  Gervasius  den  geographischen  abriss  des 
Honorius  zur  grundlage  nahm  und  in  diesen  rahmen  ausser  anderen 
einschiebsein  namentlich  die  entsprechenden  und  oft  sehr  ähnlichen 
stellen  aus  Orosius  und  Jsidorus  dergestalt  einschaltete,  dass  der  kri- 
tische betrachter  ohne  grosse  mühe  die  einzelnen  stücke  aus  ihrem 
lockeren  verbände  wider  herauslösen  kann. 

Weshalb  Gervasius  aber  gerade  den  abriss  des  Honorius  sich  als 
leitfaden  gewählt  hat,  und  inwiefern  nicht  selten  eine  ähnlichkeit  der 
angaben  des  Honorius  mit  denen  des  Orosius  und  Isidorus  ihn  bei  sei- 
nem streben  nach  volständigkeit  zu  solcher  aneinauderreihung  anlocken 
muste,  dafür  werden  sich  die  beweggründe  herausstellen  bei  der  Unter- 
suchung über  die  quellen  des  Honorius. 

6.    Verbreitung  der  Otia  Imperialia   und  leuguung  eines  unmittel- 
baren Zusammenhanges  derselben   mit  der  Kudolfschen  geographie. 

1.  Die  Otia  imperialia,  und  so  auch  die  darin  enthaltene  geo- 
graphie, wiewol  überwiegend  aus  blosser  compilation  zusammengestelt, 
sind  doch  immerhin  sehr  beachtenswert  wegen  der  fülle  der  aufgenom- 
menen nachrichten  und  bemerkungen.  Auch  scheint  das  werk  durch 
geraume  zeit  ziemlich  beliebt  und  verbreitet  gewesen  zu  sein.  Dafür 
spricht  die  zahl  der  vorhandenen  handschriften  ^  und  seine  Übertragung 
ins  Französische  durch  maitre  Herent  d'Antioche  unter  dem  titel  „Oisi- 
vetez  des  empereurs,"  welche  sich  im  jähre  1373  in  der  bibliothek 
des  Louvre  befunden  hat.^ 

1)  luter,  XüVT^Q,  (3  Eeg.  7,  26  und  öfter,  4  Reg.  16,  17),  eigentlich:  wasch- 
gefäss,  dann:  kessel,  schüssel,  becher. 

2)  1.  selenitem. 

3)  Nach  Liebrecht  (Otia  s.  XIII  anm.  13)  besizt  die  Pariser  bibliothek  allein 
deren  sieben,  vier  pergamentene  aus  dem  13.,  14.  und  15.  Jahrhundert  und  zwei 
papierene  aus  dem  15.  Jahrhundert.  Aus  dreien  derselben  hat  Leibnitz ,  nach  einer 
mitteilung  Le  Longs,  seine  nachtrage  im  zweiten  bände  herausgegeben,  während 
der  text  im  ersten  bände  sich  vornehmlich  auf  einen  cod.  membr.  der  bibl.  Juliaua 
und  eine  unvolständigo  Cambridger  handschrift  gründete.  Andere  hss.  mögen  wol 
noch  in  England  vorhanden  sein. 

4)  Liebrecht,  Otia  imp.  s.  VII  unaierkung. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  419 

2.  Demnacli  wäre  die  möglichkeit ,  dass  die  Otia  imperialia  ihren 
weg  auch  zu  unserem  höfischen  dichter  gefunden  hätten ,  von  vorn- 
herein keiuesweges  ausgeschlossen.  Violmehr  scheint  dieselbe  reihen- 
folge  der  hauptteile  ^  und  die  ganz  älniliche  aufzähluug  der  einzelnen 
länder,  vor  allem  aber  die  auffallende  familienähnlichkeit  vieler  einzel- 
ner stellen,  welche  oftmals  geradezu  wie  Übersetzungen  aus  dem  Ger- 
vasius  klingen,  auf  die  annähme  eines  innigeren  Zusammenhanges  der 
Kudolfschen  geographie  mit  der  des  Gervasius  hinzuführen. 

Dagegen  ist  aber  zu  erinnern,  dass  auch  abweichungen  in  der 
Ordnung  beider  sich  aufweisen  lassen.  So  wird  z.  b.  bei  Gervasius  die 
erwälmung  der  insel  Meroe  und  der  stadt  Siene  sogleich  bei  der  Schil- 
derung Aegyptens  (Leibn.  II,  759)  und  die  der  insel  Perdita,  zu  wel- 
cher einst  Brandan  gelangte,  sogleich  bei  der  darstellung  Africas  (I,  919) 
angeschlossen ,  wogegen  Rudolf  der  ersteren  kurz  vor  dem  ende  (v.  1 567 
fgg.),  der  lezteren  aber  ganz  am  ende  seiner  länderkunde  erwäh- 
nung  tut. 

Und  weiter  ist  zu  betonen ,  dass  die  für  das  werk  des  Gervasius 
so  charakteristischen  und  belangreichen  zusätze  in  der  geographie  Rudolfs 
gänzlich  fehlen. 

Von  entscheidender  Wichtigkeit  endlich  wird  die  Wahrnehmung, 
dass  die  nicht  unerheblichen  abweichungen  der  Otia  imperialia  von  dem 
Wortlaute  des  Honorius  in  Rudolfs  geographie  nicht  anzutreffen  sind. 
Daraus  folgt  der  sichere  schluss ,  dass  Rudolf  bei  abfassung  seines  geo- 
graphischen abrisses  die  Otia  imperialia  des  Gervasius  nicht  benuzt  hat. 

d.    Benutzung  der  Image  mundi   durch  die  Image  du  monde 

und   durch   Jacobus    de   Vitriaco. 

«.    Zeit,   Verfasser,   zweck  und   wesen   der   Image  du  monde. 

1.     Noch    eine   andere  Verwendung   der  geographie  des  Honorius 

im  verlaufe   des   13.  Jahrhunderts   habe  ich  aufgefunden   in  der   Image 

du   monde,    einem   encyklopädischen   lehrgedichte   in   nordfranzösischer 

spräche,    dessen   abfassung   in    mehr   als    5900   achtsilbigen,    paarweis 

gereimten  versen  man  mit  ziemlicher  Sicherheit  in  das  jähr  1245  setzen 

kann.  2    Seinen   Verfasser    wirklich   zu    ermitteln  ist  noch  nicht  gelun- 

1)  Auch  bei  Gervasius  können  wir  die  4  schon  bekanten  hauptabteilungen 
antreffen;  es  wird  gehandelt: 

1.  von  cap.  III  ah  über  Asien  (Leibn.  I,  911); 

2.  „      „    VII    „      „     Europa  (Leibn.  II,  763); 

3.  in      ,,      XI  de  tertia  orbis  parte ,  quamAfrica  dicimus  (Leibn.  I,  918); 

4.  „        „    XII  de  insulis  Mediterranei  maris  (Leibn.  I,  920). 

2)  VgL  Franz  Pritsche,  Untersuchung  über  die  quellen  der  Image  du  monde 
des  Walther  von  Metz.    (Inaugural-dissert.)    Halle  1880  s.  7. 


420  DOBEBENTZ 

gen.  Möge  er  aber,  nach  der  gewöhnlichen  annähme,  Gautier  de  Metz 
geheissen  haben,  oder,  nach  Legraud  d'Aussys  vielleicht  wahrschein- 
licherer Vermutung,  Omons  oderOsmons:^  so  viel  wenigstens  ist  zwei- 
fellos, dass  ihn  v.  d.  Hagen,  um  ihn  mit  dem  deutschen  minnesänger 
herrn  Walther  von  Metze  gleichsetzen  zu  können,  dem  welschen,  unter- 
halb Botzen  am  rechten  Etschufer  belegenen  Metz  durchaus  mit  unrecht 
zuweisen  wolte.^  Denn  aus  mehreren  auf  Lothringen  bezüglichen  stel- 
len des  gedichtes  ist  die  Schlussfolgerung  zu  ziehen,  dass  sein  Verfas- 
ser diesem  lande  angehört  habe.^ 

2.  Über  den  zweck  der  Image  du  monde  belehren  uns  folgende 
verse  aus  dem  eingange  einer  von  Comte  Th,  de  Puygmaigre  ^  erwähn- 
ten und  einst  von  Dom  Calmet  benuzten  handschrift: 

„Qui  veut  entendre  ä  ces  commans 

On  [or?]  peut  apprendre  en  ces  romans 

Des  Oeuvres  Diu  et  de  Clergie 

Qui  pour  layc  gent  commencJiie 

Qui  foutiff^  {fönt)  et  de  hoin  fens 

Dont  phisieurs  trouvai  ä  mon  tetns 

Que  ß  le  latin  appris  euffent 

Maint  grant  hien  favoir  en  puiffent" 

Ganz  dem  entsprechend  heisst  es  auch  in  einer  anderen  bei  v.  d.  Hagen 
(MS.  IV  s.  245)  erwähnten  handschrift: 

„Ä  S.  Ärnolt  une  abaie 

De  moines  noirs,'^  queß  eßahlie 

Droit  devant  Mes  en  Lohereine, 

Trover  {trovai?)  Vißoire  moidt  anteinne, 

De  Latin  la  mis  en  Bounicins, 

Por  fere  entendre  es  laies  gens." 

Daraus  erklärt  sich  auch  der  andere  titel,  mit  welchem  dieses  gedieht 
öfters  bezeichnet  gefunden  wird:  le  livre  de  Clergie,  qui  est  apeles 
l'ymage  du  monde  en  roumans.^ 

1)  Vgl.  über  das  tatsächliche  Victor  le  Clerc,  iu  seiner  umfänglichen  und 
reichhaltigen  abhandluug  über  die  Image  du  monde,  in  Hist.  liter.  de  la  France 
bd.  XXin,  s.  321  fg.  und  Pritsche  s.  9  fg. 

2)  V.  d.  Hagen ,  MS.  IV,  s.  243  ff. 

3)  Victor  le  Clerc  s.  298.    Pritsche  s.  35. 

4)  Notice  sur  Timago  du  monde,  poeme  attribue  ä  Gauthier  de  Metz.  (Extrait 
de  l'Austrasie,  Revue  de  Metz  et  de  Lorraine  N°^  de  Mai  et  Juin  1853)  Metz  1853. 
30  Seiten.    8°.     S.  5. 

5)  =  subtils,  avise$,  6)  =  Benedictinern.  7)  Pritsche  a.  a.  o.  s.  10. 


DIE  GEOGEAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  421 

3.  lu  den  eben  augefühiten  stellen  ward  die  Image  du  monde 
zugleich  bezeichnet  als  übersezt  aus  dem  lateinischen.^  Und  es  leitet 
ja  auch  schon  ihr  titel  darauf,  sie  mit  der  Image  mundi  des  Houorius 
in  nahe  beziehung  zu  bringen.  Denn  es  ist  ein  für  des  Honorius  geist- 
reich pointirte  Schreibweise  charakteristischer  zug,  schon  durch  origi- 
nelle, schlagwortähnliche  titel  Interesse  und  Spannung  erregen  zu  wol- 
len. Und  dass  diese  titel  ihre  Wirkung  auch  nicht  verfehlt  haben, 
lässt  sich  entnehmen  gerade  auch  ans  ihrer  Übertragung  auf  werke, 
welche  zAvar  unter  dem  einliusse  von  schritten  des  Honorius  erwach- 
sen sind ,  aber  doch  den  Charakter  der  Selbständigkeit  tragen  und  bean- 
spruchen solten.  Em  solches  Verhältnis  besteht,  Avie  ich  anderwärts 
nachzuweisen  hoffe,  zwischen  dem  Elucidarium  des  Honorius  und  dem 
deutschen  Lucidarius,  und  ganz  ähnlicher  weise  auch  zwischen  der 
Imago  mundi  des  Honorius  ^  und  der  altfranzösischen  Image  du  monde. 
Denn  diese  ist  nicht  eine  blosse  Übersetzung  der  schrift  des  Houorius, 
wie  dies  bei  dem  italienischen  „libro  de  Imagine  mundi  "-^  der  fall  zu 
sein  scheint ;  sondern  ihr  Verfasser  hat  sich  eine  noch  erweiterte  aufgäbe 
gestelt.  Denn  in  drei  abschnitten  handelt  dieses  gedieht  über  gott  und 
weit,  Über  den  erdenball  und  über  das  himmelszelt.'*  Während  aber  der 
dritte  teil,  die  astronomie,-''  nur  an  mehreren,  der  erste  teil,  die 
kosmogonie,"  gar  nur  an  wenigen  stellen  eine  abhängigkeit  von  der 
vorläge,  der  Imago  mundi  des  Honorius,  wahrnehmen  lässt,  verrät 
dagegen    der  ZAveite  teil,    die   erdkunde,^    zu  derselben  die   engsten 

1)  Vgl.  noch  Victor  le  Giere  s.  300. 

2)  Victor  le  Clerc  s.  295.  308  lässt  auch  den  Vincentius  Bellovaceusis  bei  der 
wähl  des  titeis  für  sein  mächtiges  Sammelwerk  von  der  Imago  mundi  des  Houorius 
in  abhängigkeit  stehen,  da  er  bei  begründuug  des  titeis  „Speculum  majus"*  auf 
ein  kleines  buch  namens  Speculum  oder  Imago  mundi  bezug  nehme,  unter  welchem 
wol  das  albekaute  werk  des  Honorius  gemeint  sei.  Über  die  bezeichnungen  für 
das  Speculum  majus  vergleiche  man  auch  Bourgeat,  Etudes  sur  Vincent.  Bellov. 
Paris  1856.  s.  29. 

3)  Diese  alte  italienische  Übersetzung  findet  sich  handschriftlich  in  Paris 
unter  dem  titel:  ,,I1  libro  de  imagine  mundi  composito  da  Honorio,  filosofo  soli- 
tario,  per  lo  quäle  se  potra  intendere  molte  gontilissime  e  digne  cose."  Vgl.  Histoire 
iit.  de  la  France  bd.  XII,  s.  175  und  bd.  XXIII,  s.  308. 

4)  Hist.  Iit.  bd.  XXIII,  s.  326  .  .  .  ,,les  trois  grandes  divisions  du  poeme, 
c'est-ä-dire  Dieu  et  Fhomme,  la  terre,  le  ciel." 

5)  Vgl.  Hist.  Iit.  a.  a.  o.  s.  314  fgg.     Siehe  Fritsche  a.  a.  o.  s.  43  —  59. 

6)  Vgl.  Hist.  Iit.  a.  a.  o.  s.  302  fgg.     Fritsche  s.  12  —  22. 

7)  Vgl.  Hist.  Iit.  s.  308  fgg.  Fritsche  s.  22  — 43.  Victor  le  Clerc:  [la  seconde 
partie]  ,,peut  etre  regardee  comme  un  traite  de  geographie,  en  donnant  ä  cette 
science  Tetendue  que  lui  ont  conservee  plusieurs  geographes,  et  en  y  comprenant 
l'etude  physique  de  notre  globe." 


422  DOBERENTZ 

beziehungen.  Dass  aber  gerade  dieser  zweite  teil  nicht  am  wenigsten 
dazu  beigetragen  hat ,  dieses  altfranzösische  laienbuch  beliebt  zu  machen, 
ergibt  sich  daraus,  dass  gerade  nach  diesem  teile  zuweilen  sogar  das 
gesamte  werk  in  den  handschriften  als  „Mappemonde"  betitelt  wird.^ 
Übrigens  werden  wir  weiterhin  denselben  titel,  Mappamundi,  auch  auf 
die  Image  mundi  des  Honorius  angewendet  finden. 

ß.    Die   Mappemonde   in    ihrem   Verhältnis   zu  der  Imago  mundi 

des   Honorius. 

Dieser  zweite  teil,  die  Mappemonde  im  engeren  sinne,  besteht 
aus  18  kapiteln,  welche  über  die  vier  demente  handeln,  aus  denen 
unser  erdball  und  seine  atmosphäre  zusammengesezt  sind.  Die  ersten 
8  dieser  kapitel  haben  den  erdkreis,  und  kapitel  2  bis  5  daraus  wider 
die  länder-  und  völkerkundliche  Schilderung  desselben  zum  gegenstände 
und  zwar  so,  dass 

Cap.  2  (v.  2047  bis  2792)2  Asien 
„     3  (v.  2793    „    2818)  Europa 
„     4  (v.  2819    „    2840)  Afrika 
„     5  (v.  2841    „    2924)  die  inseln 
behandelt. 

1.  Diese  kapitel  sind  von  dem  französischen  dichter  ganz  in 
anlehnung  an  den  abriss  des  Honorius  gehalten,  Wiq  aus  folgendem 
beispiele  erhellen  raag:^ 

Image   du    monde   s.  207  Honorius,    Imago   mundi   1.  I, 

(=  V.  2091).  c.  XI. 

De  Ynde   et  de  ses  coses.  De  India. 

Apres  vient  la  contree  d'Ynde  Deinde  est  India,  j  ab  Indo  flu- 

Qui  d'une  eve  ki  a  nom  Ynde,  mine  dicta.  |  Qui  ad  Septentrionem 

Qui  sort  deviers  semptentrion  de  monte  Caucaso  nascitur ,  j  et  ad 

En  miedi,  prent -ele  tel  non.  meridiem    cursuni    suum   dirigens, 

Geste  lüde  est  close  tout  entour  a  rubre  mari  excipitur.  |  Hoc  India 

De  la  graut  mer  ki  prent  son  tour.  ab  occidente  clauditur,  |  et  ab  hoc 

En  Ynde  siet  Probane,  une  ille:  Indicus  Oceanus  dicitur.  | 

1)  Victor  le  Clerc  s.  296. 

2)  Diese  verszahlen  sind  hier  gegeben  nach  der  handschrift  im  British 
Museum,  Egerton  (MS.  Addit.  10015),  wie  sie  mir  in  der  aus  Th.  Wrights  nach- 
lasse stammenden,  jezt  im  besitze  des  herrn  prof.  Suchier  befindlichen  abschrift 
durch  meinen  commilitoncn  Fritsche  in  dankenswerter  weise  zugänglich  geworden  ist. 

3)  Ich  gebe  dieses  stück  nach  dem  abdrucke,  wie  er  nach  der  handschrift  der 
bibl,  du  Eoi  nr.  7595  von  Le  Roux  de  Lincy  im  Livre  des  legendes.  Paris  1836. 
s.  207  —  224  (=  MS.  Addit.  10015  v.  2091—2594)  dargeboten  wird. 


DIE    OEOGRAPIIIK    RUDOLFS    VON    EMS 


423 


Cites  i  a  et  maintes  viles. 
Qiii  cascun  an  a  .ij.  estes, 
Et  .ij.  yvievs  si  atempres 
Qu'il  i  a  verdure  tous  jors, 
Herbes  et  pres,  fuelles  et  flovs. 
D'or  et  d'argent  est  plentiveuse 
Et  d'autres  coses  eureuse. 

La  sont  les  «Tans  montaignes  d'or, 
De  pieres  et  d'autre  tresor; 
Mais  n'i  ose  aprochier  uus  hons 
Por  les  dragons  et  les  grifons, 
Unes  biestes  ki  sunt  sauvages 
Qui  out  cors  de  lion  volages, 
Qui  bien  enporte  tout  arme 
.j.  home,  qant  l'a  atrape. 
Si  a  maint  liu  si  delitable 
Qu'il  samble  si  esperitable 
Que,  s'uns  hom  estoit  dedens  mis, 
II  samble  ^  que  c'est  paradis. 

Des   diversetes  d'Ynde. 
(=  V.  2117.) 
En  Ynde  si  naist  uns  grans  mens 
Qui  est  une  grans  regions 
C'on  apiele  mont  Capien. 
Iluec  a  unes  gens  saus  bien, 
Qu'Alixandres  dedens  enclost, 
Et  sont  la  gent  Got  et  Magot. 
Qui  car  d'ome  manguent  crue 
Et  biestes  com  gent  mescreue. 
Geste  Ynde  dont  nous  vous  disons 
Si  tient  .iiij.  ^  grans  regions, 
U  en  cascune  a  molt  de  gent; 
Et  a  bois  si  haut  et  si  graut 
Qu'il  avienent  jusques  as  nues. 

2.     Tritt   in  diesem   absatze 
das  lateinische  vorbild  zu  tage,  so 


In  quo  etiam  est  sita  [  Taproba- 
nes  insula,  |  decem  civitatibus  in- 
clyta.  I  Haec  duas  aestates  [  et  duas 
hieme  |  suno  anno  habet,  |  et  omni 
tempore  viret.  | 

In  hoc  etiam  Chrisa  et  Argire 
insulae,  |  auro  et  argento  fecundae| 
et  semper  floridae.  ] 

Ibi  sunt  et  montes  aurei,  |  qui 
propter  dracones  et  gryph^s  non 
possunt  adiri,  | 


In  India  est  mons  Gaspius,  a 
quo  Caspium  mare  vocatur.  !  Inter 
quem  et  mare  Gog  et  Magog  fero- 
cissimae  gentes,  a  magno  Alexan- 
dro  inclusae  feruntur.  |  Quae  hu- 
manis  carnibus  vel  crudis  bestiis 
vescuntur.  j 

India  habet  quadraginta  quatuor 
regiones,  populosque  multos,  j  Gar- 
manos,  |  Orestas,  |  Coatras,  |  quo- 
rum  sylvae  tangunt  aethera.  \ 

einerseits  der    engste  anschluss  an 
leuchten  aus  ihm  andererseits  auch 


1)  Egerton  10015  liest:  „diroit." 

2)  Egerton  10015  Tient  xxxiiij   regions,    Turiner  hs.  Si  tient  XIIII  regions. 
Fritsche  s.  25. 


424  DOBERENTZ 

zwei  charakteristische  züge  des  frauzösischeu  Lehrgedichtes  hervor,  die 
wir  im  folgenden  noch  schärfer  ins  äuge  fassen  müssen:  erstens  die 
Vernachlässigung  des  geographisch- topographischen  dementes  und  dem 
gegenüber  zweitens  das  anwachsen  der  fabelhaften  und  wuuderreichen 
bestandteile. 

Es  wird  nämlich  schon  aus  dem  eben  mitgeteilten  absatze  ersicht- 
lich, dass  genauere  geographische  be Stimmungen  durch  den  fran- 
zösischen dichter  meistens  eine  verflachung  erleiden.  So  wird  die 
angäbe,  dass  auf  Taprobane  10  städte  gelegen  seien,  durch  den  vers: 

2098     Cites  i  a  et  maintes  viles 

verflüchtigt.  Ebenso  wird  v.  2127  nur  von  „molt  de  gent"  gesprochen, 
aber  die  drei  völkernamen  Garmaneu ,  Orestas  und  Coatras  werden 
übergangen.     In  entsprechender  beschränkuug  lautet  weiterhin  v.  2480: 

Et  si  a  maint  pule  de  geus 
während  Honorius  in  cap.  15  gesagt  hatte 

In  ea  sunt  gentes  multae,  |  Moabitae,  |  Ammonitae,  |  Idumei,  | 
Saraceni,  |  Madianitae  |  et  aliae  multae.  | 
Cap.  18  des  Honorius  schrumpft  im  Egerton.  manuscript  10015   gar  zu 
nur  einer  einzigen  zeile  (v.  2524)  zusammen: 

Et  puis  vient  egipte  li  grans, 

zu    der  in  dem   abdruck   bei  Le  Roux  du  Lincy   noch  die  zwei  Zeilen 

treten : 

U  nue,  ue  pleuve,  ne  vient; 
Que  xxiiij  peules  tient. 

Und  dass  diese  Vernachlässigung  des  geographisch -topographischen  mit 
bewuster  absieht  geschehen  ist,  lässt  sich  aus  folgender  stelle  ersehen, 
wo  von  dem  ganzen  zwanzigsten  kapitel  des  Honorius  (Migne  s.  127) 
nur  die  worte:  Asia  minor  post  haue  constituitur ,  quae  pene  undique 
mari  cingitur  berücksicbtigung  gefunden  haben,  die  uameu  der  provin- 
ciae  (regions)  aber  ausdrücklich  verschwiegen  werden. 
v.  2595  Apres  est  aise  li  menour, 

Quist  close  de  uier  tout  entour, 

Ou  il  a  mainte  region, 

Dont  les  nous  [1.  nons]  mie  ne  diron. 

Und  nicht  minder  geht  dieselbe  absieht  aus  v.  2793  fgg.  hervor,  wo 
es  heisst: 

Puis  c'aise  devisee  avons, 

Europe  apres  deviserons 


DIE   GEOGBAPHIE   BUDOLFS    VON   EMS 


425 


Legierement  pur  tost  finer: 
Car  souvent  en  oons  parier. 

Die  gesamte  scbilderung  Europas  im  dritten  capitel  umfasst  daher  auch 
nur  35  Zeilen!  —  Ähnlich  kurz  ist  auch  cap.  4  (über  Afrika)  und 
cap.  5  (über  die  inseln)  gehalten.  Weil  aber  das  leztere  für  den  Cha- 
rakter der  Image  du  moude  und  für  ihr  Verhältnis  zur  Imago  mundi 
des  Houorius  das  sprechendste  zeuguis  liefert,  teile  ich  aus  ihm  noch 
ein  besonders  veranschaulichendes  stück  mit. 


Image    du   monde 
(MS.  Egert.) 
2841  Puis  que  descrit  avons  la  tere, 
Si  devons  des  illes  enquere 
Cheles  que  nous  savons  uoumer, 
Dont  il  a  mainte  par  la  mer. 
Outre  ethiope  [1.  Europe]  est  aui- 
dos 
2846  üne  graus  ille,    et  puis  co- 
loos  [1.  coos] 

2850  Un  autre  i  a  c'a  non  naron 
[1.  naxon] 
De  cheli  fu  sains  denis  nes 
Qui  en  franche  fu  decoles. 
Contre  aise  en  (a)  Liiij, 
Mais  du  conte  vaurous  aba- 

tre 
Que  pas  toutes  nes  noume- 
ron, 

2889  üne  ille  eut  cele  part  si  grant, 
Si  com  platous  nos  va  disant, 
Qui  fu  boins  clers  et  de  grant  pris, 
Que  cele  ille  eut  plus  de  purpris 
Que  europe  n'aufrique  toute, 
Mais  puis  fu  ele  si  desroute, 
Si  con  dius  vaut,  qui  le  fondi, 
Et  est  li  mers  betee  ichi. 

2897  üne  autre  i  a  que  on  ne  puet 
Veir  quant  on  veir  le  veut, 
Et  aucune  fois  est  veue: 


Honorius,    Imago  mundi 

lib.  1  c.  33. 
Peragratis    Africae   tinibus,    ad 
iusulas  maris  accedamus. 
C.  34.  De  insulis  et  uovo,  ut 

dicuut,   orbe. 
Abydos  est  insula  in  Hellesponto 

in  Europa Coos  insula  At- 

ticae Naxon  insula  Dionysii, 

qui  et  Bacchus 


Sunt   autem   Cyclades    quinqua- 
ginta  quatuor  contra  Asiam  positae. 


Cap.  36.  Inter  has  fuit  illa  magna, 
quae  Piatone  scribente  cum  populo 
est  submersa ,  quae  Africam  et  Eu- 
ropam  sua  magnitudine  vicit,  ubi 
nunc  est  concretum  mare 


Est  quaedani  Oceaui  insula  dicta 

Perdita ,   hominibus  ignota. 

Quae  aliquando  casu  inventa,  postea 


426  DOBERENTZ 

Si  le  noumon  Tille  perdue.  quaesita  non  est  inventa,    et  ideo 

Gel  ille  troiiva  sains  brandains,       dicitur   Perdita.     Ad    hanc  fertur 
Qui  mainte  mervelle  vit  ains.  Brandauiis  venisse. 

2903  Et  par  decha  a  maint  boine 
ille, 
Gele  de  chipre  et  de  sesille,  Gap.  34.  Cyprus.  —  Gap.  35.  Sicilia. 

Et  mainte  que  ne  sai  noiimer: 
Si  ne  vous  doit  mie  grever. 

y.     Jacobus   de   Vitriaco    in   seiner    ahhängigkei t   von  Honorius    und 
als   quelle   für    die   fabelhafte    naturgeschichte   in    der   Image   du 

m  0  n  d  e. 

Sind  solcherweise  die  kapitel  3,  4  und  5  kümmerlich  zusammen- 
geschrumpft, so  ist  im  gegensatze  das  zweite  capitel,  die  Schilderung 
Asiens ,  verglichen  mit  dem  entsprechenden  abschnitte  des  Honorius ,  so 
mächtig  erweitert,  dass  es  sechsmal  umfangreicher  geworden  ist  als 
die  folgenden  drei  capitel  zusammengenommen.  Denn  hier  konte  ja 
der  nach  abenteuerlichen  wundergeschichten  lüsternen  phantasie  mittel- 
alterlicher leser  und  hörer  reichlichste  nahrung  geboten  werden.  Die 
erreichung  dieses  Zweckes  machte  sich  aber  der  französische  dichter 
nicht  so  beschwerlich  als  Victor  le  Giere  ^  angenommen  hat.  Denn 
abgesehen  davon ,  dass  er  alles ,  was  Honorius  an  wundererzählungen 
ihm  darbot,  sorgfältig  ausnuzte,  nahm  er  nur  noch  zu  einem  einzigen 
werke  seine  Zuflucht,^  welches  seinem  verlangen  nach  fabelhafter  und 
wundersamer  naturgeschichte  vollauf  genüge  leistete  und  erst  seit  kur- 
zer zeit  begonnen  hatte  sich  im  abendlande  zu  verbreiten. 

Es  war  dies  die  Historia  Hierosolimitana  des  Jacobus  de 
Vitriaco  (Jacques  de  Vitry^),  welcher  bis  zum  jähre  1220  in  St.  Jean 
d'Acre  (Accon)  den  bischofssitz  innegehabt  hatte  und  seine  kentnis  der 
geschichte  und  der  natur  des  morgenlandes  den  staunenden  abendlän- 
dern  in  jenem  werke  mitteilte.^  Dieses  buch  muss  sich  darauf  schnell, 
namentlich  in  dem  heimatslaiide  des  Verfassers,  verbreitet  und  eines 
grossen    ansehens    erfreut   haben.      Nicht    allein    unser   altfranzösischer 

1)  Hist.  lit.  XXIII,  s.  300. 

2)  Fritsche  s.  43. 

3)  Vitry  östlich  von  Paris ,  am  einfluss  der  Onie  in  die  Marne. 

4)  1220  aus  Palestina  zurückgekehrt,  ward  Jacobus  1222  vom  papste  zum 
Cardinal  und  bischof  von  Frascati  (Tusculuni)  erhoben,  welche  äniter  er  bis  zu  sei- 
nem tode  (1244)  bekleidete.  Vgl.  Ernst  H.  F.  Meyer,  Gesch.  der  botanik.  III.  bd. 
Königsberg  1856.  s.  541.  —  Seine  Historia  hierosolomitana  ist  unter  anderem  in  den 
Gesta  Dei  per  Francos  ed.  Bongars  (Hanoviao  1611)  bd.  I,  s.  1047  fgg.  zu  finden. 
Sie  erschien  auch  herausgegeben  durch  Franc.  Moschus.     Dnaci  1597. 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON    EMS 


427 


dichter,  sondern  auch  Thomas  Cantimpratensis  ^  muss  es  frühzei- 
tig zu  rate  gezogen  haben ,  als  er  durch  fünfzehn  jähre  (wahrschein- 
lich 1230  —  44)  an  seinem  werke  De  natura  rerum  arbeitete,^ 

Die  erweiternden  zusätze,  welche  der  französische  Verfasser  aus 
der  Historia  Hierosolimitana  entnahm,  fügten  sich  in  sein  gedieht  um 
so  leichter,  weil  bereits  Jacobus  de  Vitriaco  selbst  aus  der  Imago 
mundi  des  Honorius  geschöpft  hatte.  Denn  als  er  bei  ausarbeitung 
seines  buches  alle  ihm  erreichbaren  wundererzählungen  aus  dem  gebiete 
der  naturgeschichte  zusammensuchte  und  mit  weglassung  ihrer  ursprüug- 
Jicheu  lokalen  bezüge  unbedenklich  in  seine  Schilderung  von  Palestina 
aufnahm,^  Hess  er  sich  auch,  wie  namentlich  in  cap.  86  (de  variis  et 
mirabilibus  animalibus)  und  in  cap.  90  (de  mirabilibus  hominibus)  die 
Verwendung  der  entsprechenden  partien  in  der  Imago  mundi  des  Hono- 
rius nicht  entgehen.  Und  es  ist  ihm  hierbei  nicht  einmal  der  Vorwurf 
zu  machen ,  dass  er  seine  quelle  nicht  angegeben  habe ,  denn  ich  werde 
schwerlich  fehl  gehen,  wenn  ich  die  „Mappa  mundi,"  welche  er  unter 
seinen  quellen  aufführt,  auf  den  geographischen  abschnitt  in  der  Imago 
mundi  des  Honorius  deute. ^ 

Gerade  aber  diese  kapitel  des  Jacobus  de  Vitriaco  müssen  beson- 
dere beachtung  seitens  des  Thomas  Cantimpratensis  erfahren  haben,  da 
noch   an  vielen   stellen   in  Konrads   von  Megenberg  Buche  der  Natur, 

1)  Aus  Cantimpre  (in  der  nähe  von  Cambray). 

2)  Dieses  anonym  herausgegebene  und  leider  noch  ungedruckte  werk  des 
Thomas  Cantimpratensis  ward  dann  widerum  nicht  nur  von  Albertus  Magnus ,  Vin- 
centius  Bellovacensis,  Maerlant  und  anderen  für  ihre  naturwissenschaftlichen  anga- 
ben verwertet,  sondern  es  ward  ihm  auch  durch  die  deutsche  bearbeitung  des 
Konrad  von  Megenberg  (1349—50  zu  Eegensburg)  eine  sehr  grosse  Verbrei- 
tung in  Deutschland  zu  teil.  Megenberg  äussert  sich  am  Schlüsse  seines  werkes 
über  die  quellen  seiner  vorläge,  deren  wirklicher  Verfasser  ihm  übrigens  unbekant 
geblieben  war  (s.  494  in  Pfeiffers  ausgäbe) :    An  dem  puocli  ze  latein  hat  ain  mai- 

ßer  gearbeitet  15  Jär und  hat  ez  gesainent  aus  der  gefchrift  der  höhen  mai- 

ßer,  die  haizent  Arißotiles ,  Plinius ,  Solinus,  Ambro ßus,  der  gröz  Baßlius ,  Iß- 
dorus,  Augußinus ,  maißer  Jacobus  von  Viatico,  der  ain  puch  hat  gemacht 
von  etleichen  wunderleichen  dingen  in  den  landen  über  mer,  daz  hat  er  geheizen 
orientalem  hißoriam.  Diese  erwähnuug  des  Jacobus  de  Vitriaco  werden  wir  sogleich 
fruchtbar  finden,  um  für  die  von  Zingerle  geäusserte  ansieht  eines  Zusammenhan- 
ges der  Eudolfschen  geographie  mit  des  Megenbergers  werke  die  richtige  erklärung 
zu  gewinnen. 

3)  Vgl.  z.  b.  über  die  art,  in  welcher  er  Isidors  Etymologien  ausschrieb, 
Etym.  Xin,  13,  1  —  5  =  Jacobus  cap.  84.  Bequem  zusammengedruckt  bei  Prit- 
sche s.  30. 

4)  Jac.  de  Vitr.  cap.  91:  „Haec  praedicta,  quae  partim  ex  historiis  orienta- 
lium  et  mappa  mundi,  partim  ex  scriptis  beati  Augustini  et  Isidori,  ex  libris 
etiani  Plinii  et  Soliui,  praeter  historiae  seriem,  praesenti  operi  adjunximus  . .  .  ." 


428  DOBERENTZ 

namentlich  aber  in  dem  abschnitte  über  die  wundermenschen  (s.  489  — 
494)  die  worte  des  Jacobus  und  damit  auch  des  Honorius  deutlich 
herausklingen.  ^ 

Sicherlich  hat  die  umfängliche  benutzung  des  Jacobus  de  Vitriaco  - 
nicht  wenig  dazu  beigetragen ,  der  Image  du  Monde  einen  derartigen 
Charakter  zu  geben,  dass  ein  französischer  litterarhistoriker  in  der 
Hist.  litt.  XVI,  121  sie  bezeichnen  konte  als  „un  amas  de  descriptions 
plus  ou  moins  merveilleuses." 

Doch  hauptsächlich  eben  der  reichen  anhäufung  von  diesen  und 
anderen  wundergeschichten  mag  die  Image  du  Monde  es  wol  verdan- 
ken, dass  sie  so  grossen  und  so  lange  fortdauernden  beifall  gefunden 
hat;  und  damit  sind  dann  auch  durch  sie  die  geographischen  anga- 
ben des  Honorius,  wenngleich  freilich  in  sehr  verkümmerter  gestalt, 
zu  neuer  und  weitgreifeuder  Verbreitung  auch  in  altfrauzösischer  spräche 

gelangt. 

6.    Verbreitung    der  Image  du  monde. 

Der  bedeutende  anklang,  den  die  Image  du  monde  während  des 
mittelalters  gefunden  hat,  wird  bezeugt  durch  die  statliche  anzahl  von 
sechszig  bis  jezt  bekaut  gewordenen,  mehr  oder  minder  volständigen 
handschriften,^  deren  in  Paris  allein  sich  36  befinden;  und  mehrere 
derselben  verraten  durch  vielfache  Interpolationen  ^  auch  das  lebendige 
Interesse,  welches  man  an  dem  dargebotenen  stoffe  nahm,  indem  man 
sich  zur  Vermehrung  desselben  angeregt  fühlte.  Am  ausgange  des  mit- 
telalters fand  die  Image  du  monde  sodann  in  prosaauflösung  durch 
mehrere  drucke  von  neuem  ihren  leserkreis.  Von  einem  derselben 
stamt  widerum  die  englische  Übersetzung  ab,  welche  im  jähre  1480 
durch  Caxton  besorgt  vs^ard.  ^ 

Ja  frühzeitig,  noch  im  verlaufe  des  13.  Jahrhunderts,  wurde  sogar 
eine  Übertragung  in  das  hebräische  vorgenommen,^  als  deren 
Übersetzer  wahrscheinlich  der  gross  -  rabbiner  Haginus  Deulecres  oder 
Deulecret,  der  Übersetzer  der  werke  des  Ihn  Ezra,   zu  betrachten  ist.^ 

1)  Es  sind  dies  gerade  dieselben  stellen,  welche  Zingerle  („Eine  Geographie 
des  13.  Jahrhunderts")  in  den  erläuterungen  zu  Eudolfs  geographie  aus  Konrads 
Buche  der  Natur  als  parallelen  angeführt  hat. 

2)  Fritsche  s.  43  weist  11  benuzte  kapitcl  nach. 

3)  Pritsche  s.  5.     Hist.  lit.  XXIII,  s.  321-331. 

4)  Fritsche  s.  5  fg. 

5)  Hist.  lit.  XXIII,  s.  332.     Fritsche  s.  4. 

6)  Siehe  das  nähere  in  dem  aufsatze  von  Ad.  Neubauer,  in  der  Romania  1876 
bd.  V,  s.  129  fgg. ,  wo  auch  über  die  verschiedenen  redactionen  derselben  gehandelt 
ist.  Vgl.  Victor  le  Clerc  a.  a.  o.  s.  2t)6  fgg.  —  Das  geograpliische  in  der  hebräischen 
Übersetzung  wird  Romania  V,  s.  132  fg.  behandelt. 

7)  S.  Romania  V,  s.  138. 


DIE  GEOGRAPHIE  KÜDOLFS  VON  EMS  429 

f.     Unmöglichkeit   einer  benutziinf;:    der  Imaj^e  du  Monde  durch 

Rudolf. 
Bei  der  ausserordentlich  grossen  gunst,  welche  sonach  der  Image 
du  raonde  während  des  mittelalters  zu  teil  geworden  ist,  und  bei  dem 
herüberwandern  französischer  stoife  zu  den  höfischen  dichtem  Deutsch- 
lands wäre  eine  benutzung  derselben  durch  Rudolf  zwar  nicht  an  sich 
unmöglich;  aber  die  oben  erörterten  Charaktereigentümlichkeiten  des 
französischen  lehrgedichtes  —  das  verkümmern  und  zurückdrängen  der 
geographischen  elemente  einerseits  und  andererseits  das  überwuchern 
der  sagenhaften  naturgeschichte  —  stehen  von  der  behandlungsweise 
des  geographischen  Stoffes  in  Eudolfs  weltchi-ouik  so  weit  und  so  ent- 
schieden ab,  dass  die  möglichkeit  der  annähme  eines  unmittelbaren 
Zusammenhanges  zwischen  beiden  werken  dadurch  ausgeschlossen  wird. 

e.  Die  Mappa  mnndi  in  einer  spanischen  handschrift  des 
herrn  professor  Heine  als  selbständiger  traktat  aus  der 
Imago  mundi  des  Honorius.  ^ 
Deutete  ich  in  dem  vorangehenden  bereits  an,  dass  die  bezeich- 
nung  Mappa  mundi  zuweilen  auch  auf  die  Imago  mundi  des  Honorius, 
oder  mindestens  doch  auf  den  geographischen  abschnitt  derselben  ange- 
want  worden  sein  müsse,  so  erhält  diese  Vermutung  eine  weitere 
bestätigung  dadurch,  dass  ich  denselben  in  einer  um  die  mitte  des 
13.  Jahrhunderts  in  Spanien  geschriebenen  handschrift,  unter  dieser 
bezeichnung  als  selbständigen  traktat  aufgefunden  habe.  Da  diese 
handschrift  licht  wirft  auf  die  Verbreitung  des  in  der  Imago  mundi 
enthaltenen  geographischen  abschnittes,  dürfen  wir  eine  genauere  betrach- 

1)  Herr  prof.  Heine  hat  raif  die  benutzung  dieser  handschrift  in  der  liberal- 
sten -weise  verstattet,  wofür  ich  ihm  zu  besonderem  danke  verbunden  bin.  Dar- 
nach hat  er  sie  der  Hallischen  Universitätsbibliothek  geschenkt,  in  welcher  sie  sich 
seitdem  befindet.  Vgl.  über  sie  die  kurze  bemerkuug  in  Naumanns  Serapeum  1847 
s,  79.  Sie  besteht  aus  137  blättern  in  8",  die  seite  meist  zu  32  Zeilen ;  bl.  91  und 
117  sind  leer.  Die  schritt  ist  klar  und  gut  erhalten,  nur  in  dem  ersten  traktat 
hat  sie  durch  feuchtigkeit  gelitten.  Die  handschrift  ist  in  Spanien  aufgefunden 
worden,  und  ihr  spanischer  Ursprung  wird  auch  bestätigt  durch  namensformen  wie 
Madius  für  Malus,  Febroarius  für  Februarius,  und  namentlich  durch  häufiges  vor- 
kommen solcher  heiligen ,  die  besonders  in  Spanien  verehrt  wurden ,  wie :  10.  dec. 
Eulalia  Eraeretensis  (aus  Merida);  12.  febr.  Eulalia  Barchinensis  (aus  Barcinona  = 
Barcellona) ;  3.  nov.  Ermeugaud  episcopus  Urgellensis  (von  Urgel  am  fusse  der 
Pyrenäen);  21.  mai.  Quiteria  virgo  (vgl.  AA.  SS.  Boll.  (22.)  mai  V.  s.  171).  Dass 
diese  handschrift  nicht  vor  1235  geschrieben  sein  kann ,  folgt  schon  aus  der  erwäh- 
nung  der  heiligen  landgräfin  Elisabeth,  die  am  19.  november  1235  canonisiert 
worden  ist.  Wahrscheinlich  entstamt  sie  einem  Minoritenkloster ,  denn  ausser  dem 
h.  Franciscus  (am  4.  oct. ;  canon.  1228)  und  dem  h.  Antonius  Patavinus  (am  13.  juni; 
canon.  1232),  wird  auch  am  5.  aug.  Narcissus  als  episcopus  et  sancti  Dominici  con- 
fessor  et  rector  ordinis  praedicatorum  aufgeführt. 


430  DOBERENTZ 

tung  derselben  hier  nicht  unterlassen ,  zumal  ja  auch  Rudolf  möglicher- 
weise eine  ähnliche  handschrift  benuzt  haben  könte. 

Von  einer  einzigen  band  sauber  geschrieben  und  auch  mit 
geschmackvollen  initialen  ausgeschmückt ,  verdankt  diese  handschrift 
ihre  Zusammensetzung  nicht  blosser  wilkür,  sondern  ist  mit  unverken- 
barer  absichtlichkeit  angelegt.  Sie  enthält  1)  bl.  1 — 83  die  Philoso- 
phia  major  magistri  Guillelmi  de  Conchis  (doctoris  Parisiensis) ;  2)  bl.  84 
—  90  desselben  abhandlung  de  Eclipsi  solis;  3)  bl.  92  — - 109  Magistri 
Johannis  de  Sancto  Basco  (Sacro  Bosco)  de  Spera;  5)  bl.  118  — 133 
einen  traktat  de  tempore  nebst  kalendarium;  6)  bl.  134  — 137  tabel- 
len,  welche  man  als  De  divisione  scientiarum  bezeichnen  könte.  Dem 
bedürfnisse  nach  geographischer  belehrung  solte  dann  4)  auf  bl.  110  — 
116  die  Mappa  mundi  entsprechen. 

Die  hier  dargebotene  geographie  ist  aber  im  v^esentlichen  nichts 
anderes  als  eine  wörtliche  abschrift  aus  der  Image  mundi  des  Honorius, 
und  zwar  umfasst  sie  das  kapitel  1  —  33  derselben  bis  zu  den  worten : 
Athlas  autem  erat  rex  africe  frater  promethei  ....  unde  et  celum  susti- 
uere  dicitur ,  so  dass  cap.  34  bis  36  des  Honorius  (De  insuiis  et  novo, 
ut  dicunt,  orbe)  fehlen.  Statt  dessen  sind  einige  kurze  abschnitte 
zugefügt:  erstlich  aus  cap.  83  der  Imago  mundi  „de  certis  hinc  usque 
ad  firmamentum  meusuris";  darauf  aus  unbekanter  quelle  „de  triuallis 
insula";  sodann  bl.  116  „de  duabus  mesopotamiis/'  „de  armeniis"  und 
endlich  „  de  stadiis  et  miliariis  et  leucis  titulus." 

Wie  sehr  aber  eben  dieser  geographische  abriss  den  besitzern  der 
handschrift  zugesagt  haben  muss ,  davon  zeugt  nicht  allein  das  in  folge 
des  häutigen  gebrauches  vielfach  beschmuzte  pergament,  sondern  auch 
namentlich  der  umstand,  dass  der  abschnitt,  soweit  er  aus  Honorius 
stamt,  von  zwei  bänden  sorgfältig  durchcorrigiert  und  nachträglich 
noch  mit  vielen  Verbesserungen  versehen  worden  ist,  von  denen  eine 
dem  Schreiber  gleichzeitig,  die  andere  dagegen  jünger  zu  sein  scheint. 
Ja  um  die  benutzung  durch  Übersichtlichkeit  noch  zu  erleichtern,  sind 
von  der  jüngeren  band  auf  bl.  111''  und  112*  am  rande  noch  die  län- 
dernamen  Partia,  Mesopotamia,  Babilonia  beigeschrieben.  Auch  mag 
das  fehlen  des  abschnittes  über  die  inseln  sehr  bald  als  mangel  empfun- 
den worden  sein,  denn  auf  bl.  83"  ist  auf  dem  unbeschrieben  geblie- 
benen räume  des  pergamentes  sogleich  nach  dem  Schlüsse  des  ersten 
traktates  schon  frühzeitig  in  17  Zeilen  ein  grosser  teil  jenes  abschnit- 
test nachgetragen,  später  jedoch  durch  rasur  wider  entfernt  worden. 

1)  Von  den  Worten :  „Insulae  sunt  dictae  quasi  in  salo  positae"  ....  bis : 
„Delos  in  niedio  Cycladum  sita  a  ci[vitate  ejusdem  nominis  dictaj  =  Hon.  J.  M. 
IIb.  I.  c.  34.     (Migne  sp.  131). 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON   EMS  431 

In  orthographischer  beziehung  ist  anzumerken  die  ungehörige 
weglassung  des  anlautenden  h  in  vielen  Wörtern,  wie  z.  b.  yatus,  oridi, 
ospicia ,  ircino ,  uni'a  (=  Hunnia) ,  und  die  ebenso  ungehörige  hinzu- 
fügung  in  anderen,  wie  z.  b,  inhabundans,  helephautis,  hedeficauit, 
heridamus  (=  Eridanus),  habre  (=  Abrahae). 

Der  text  ist  in  derjenigen  form,  in  welcher  er  aus  der  band  des 
ursprünglichen  Schreibers  hervorgegangen  ist ,  voll  gröbster ,  oft  bis  zur 
sinlosigkeit  gesteigerter  fehler.  Zumal  in  den  eigennamen  verrät  sich 
die  völlige  unkentnis  des  Schreibers.  Als  charakteristische  probe  möge 
die  auf  Deutschland  bezügliche  stelle  dienen: 

Bl.  113''.  Est  et  in  ea  noucus  quae  et  ab  alioaria  in  qua  civi- 
tate  ratis  pomas.  Est  et  orientalis  fraucia  cui  coniungit  coringia 
quem  sequitur  saxonia.  Albia  est  germanica  inferior. 
Bei  Honorius  1,  24  (Migne  s,  128)  lautet  sie: 
Est  in  ea  (sc.  Germania  superiore)  Noricus,  quae  et  Bavaria, 
in  qua  est  civitas  Ratispoua.  Tum  et  Orientalis  Francia,  cui  con- 
jungitur  Thuringia,  quam  sequitur  Saxonia.     Ab  Albia  est  Germania 

inferior 

Beachtenswert  scheint,  dass  dieser  text,  wie  er  ursprünglich  aus 
der  feder  des  Schreibers  geflossen  ist,  nicht  selten  eine  nahe  verwant- 
schaft  mit  jenem  texte  zeigt,  der  bei  der  compilation  der  Otia  impe- 
rialia  dem  Gervasius  Tilberiensis  vorgelegen  haben  muss.     Z.  b. : 

Honor.  1,  12  (Migne)  Scinopodae  (dieSkiapoden);  Gervas.  (Leibn. 
2,  755)  Cenopodes;  cod.  Heine  (bl.  110)  ceuo  pede;  Rudolf  v.  316 
Cenopodes. 

Honorius  1,  13  (Migne): 
India  quoque  Magnetem  lapidem  gignit,    qui  ferrum  rapit;    Ada- 
mantem  etiam,  qui  non  nisi  hircino  sanguine  frangi  potest. 
Gervas.  (Leibn.  2,  756): 
In  India  magnes  lapis  gignitur ,  qui  ferrum  trahit.     Illic  gignitur 
adamas,  qui  solo  sanguine  hircino  fraugitur. 

Cod.  Heine  (bl.  111''): 
In   India   quoque  magnis  lapis   gignitur,    qui   rapit  ferrum  et  in 
gignitur  adamans  qui  non  potest  nisi  in  ircino  sanguine  frangi. 

Honor.  1,14  (Migne) : 
Persida   lapidem  Pyrrhitem   mittit,    qui  manum  prementis  urit; 
et  Synelitem,  cujus  candor  cum  luna  crescit  et  deficit. 
Gervas.  (Leibn.  2,  756): 
Persida,  quae  pyritem  lapidem  mittit,  sie  dictum,  quia  manum 
prementis  urit  et  sine   lutris   non    potest   apprehendi,   cuius   candor 
cum  luna  crescit  decrescit  et  deficit. 

ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.      BD.    XII.  28 


4S2  DOBERBNTZ 

Cod.  Heine  (bl.  111"): 
perssia  lapidem  piridem  emittit.  qui  magmim  prementis  urit,   et 
sine  litt'is  non  potest  apprehendi.    cuius   candor   cum  luna  crescit  et 
decrescit  et  deficit. 

und  in  beziehung  grade  auf  Eudolfs  text  in  der  Weltcbronik  ist 
es  von  besonderem  interesse  zu  gewahren,  dass  manche  fehler,  welche 
im  Cod.  Heine  auffallen ,  auch  bei  Eudolf  sich  widerfinden.     So  z.  b. : 
Cod.  Heine  bl.  114"  gallia  bellica 
Rudolf  V.  1197:  der  teile  einer  und  des  lant 
sint  Gallia  bellica  genant.^ 

Cod.  Heine  bl.  113":  elemannia  ab  elemanna  lacu  appellata 
Rudolf  V.  933:  daz,  Älemaniä  Jiie§  e 

nach  Alemane,  dem  Bodemfe. 
Honor.  1,  24:    Haec  et  Alemania,  a  Leraano  lacu  appellata. 

Cod.  Heine  bl.  113*  Deinde  est  licia  et  pssidia  et  pamphilia 
Rudolf  V.  840 :  Daran  ßö^et  Licia 

Perßdä  und  Pamphilia, 
Honor.  1,  21 :  Deinde  est  Lycia  et  Pisidia  et  Pamphylia. 

Bei  aller  Übereinstimmung  im  ganzen  und  selbst  in  manchen  ein- 
zelheiten  macht  aber  doch  schon  das  fehlen  des  abschnittes  über  die 
inseln  in  dem  Cod.  Heine  eine  unmittelbare  beziehung  zwischen  dieser 
Mappa  mundi  und  dem  geographischen  abrisse  Rudolfs  unmöglich. 

§  6.  Kudolfs  geographie  nach  ihren  quellen  und  nach  ihrem  werte. 

a.  Rudolfs  geographie  nach  ihren  quellen. 
In  Rudolfs  geographischem  abschnitte  findet  sich  eine  ausser- 
ordentlich häufige  berufung  auf  eine  vorläge.  Die  art,  in  welcher 
dieses  geschieht,  ist  für  die  Charakteristik  Rudolfscher  sprachweise 
nicht  unwesentlich ,  insofern  sich  dabei  eine  widerholte  Verwertung  der- 
selben oder  äusserst  ähnlicher  Wendungen  auf  engstem  räume  erkennen 
lässt.  Die  häufigkeit  der  berufung  aber  liefert  ein  untrügliches  Zeug- 
nis für  das  streben  Rudolfs  nach  einer  gesicherten  grundlage :  in  seiner 
schriftlichen  quelle  glaubte  er  diese  gefunden  zu  haben.  Hierin  zeigt 
sich  demnach  dasselbe  bemühen,  welches  wir  in  Rudolfs  „Alexander" 
wahrnehmen  können ,  in  welchem  er  für  eine  darstellung  der  taten  sei- 
nes beiden  fordert,^  der  dichter  solle  (v.  15686) 

1)  Dieselbe  fehlerhafte  form  bellica  gallia  begegnet  auch  in  der  Vorauer 
handschrift  der  Kaiserchronik,  ed.  Diemer  s.  13,  16  und  in  der  Wolfenbütler ,  ed. 
Massmann  1 ,  25  v.  399. 

2)  Siehe  diese  zeitschr.  X,  s.  97. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  433 

die  wärheit  dar  an  hewarn 
daz,  er  von  inie  niJit  anders  jehe 
wan  daz,  er  gefchrihen  fehe 
und  weiterhin  (v.  15703)  da^  er  diu  mcere  dichte 
nach  der  hißorien  richte 
als  ich  ße  gelefen  hän. 
Eine  Zusammenstellung  der  beziehungen  Rudolfs  auf  seine  quelle, 
wie   sie    sich   innerhalb  des  geographischen  abschnittes  finden,    scheint 
nach  alledem  nicht  fruchtlos. 

1.  Es  finden  sich  nicht  nur  algemeine  und  kurze  Wendungen,  wie: 
V.  382  und  1002  als  ich  gelefen  hän 
476,  1014  und  1253  als  ich  ez,  las 
875  als  ich  las 
1317  nach  der  huoche  fage 
527  jehent  diu  mcere 
372  und  920  als  ich  bewtfet  hin 
746  von  den  ich  hin  heivifet  des 
sondern    es   wird    auch    auf    eine    bestirnte   quelle,    diu  fchrift,    hin- 
gewiesen :         V.  1 67  des  uns  diu  fchrift  urJcünde  git 
1438  als  uns  diu  fchrift  Urkunde  git 

833  als  ez,  diu  fchrift  hefcheiden  Tcan 
1138  den  underfcheit  der  lande  da 
diu  fchrift  alfus  hefcheiden  hat 
128  als  es,  bis  her  an  dife  friß 

noch  von  der  fchrift  genennet  iß 
1347  daz>  iß  fus  an  der  fchrift  genant 
887  lant  und  Hute  und  ouch  der  ßift 

nennet  uns  alfus  diu  fchrift 
1230  diu  nennet  uns  diu  fchrift  alfo 
1248  diu  lant  hat  üheral 

diu  fchrift  Yfpäniä  genant 
1183  diu  andern  weifchen  riche 
nennet  algeltche 
diu  fchrift  mit  namen  Galliä 
1188  ir  lantmarJce  tuot  erJcant 

diu  fchrift 
1236  als  diu  fchrift  uns  giht 
1481  da  feit  diu  fchrift 
345  feit  diu  fchrift  für  war 
638  nü  giht  alfus 

28* 


434:  DOBERENTZ 

diu  fchrift  gewcerliche 
1492  Sicilie  daz,  riche  lant 

hat  ouch  diu  fchrift  mit  wärheit 

in  der  ifeln  zal  gefeit 
1065  als  uns  ir  underfcheit  ir  ftift 

genennet  hat  diu  rehtiu  fchrift 

diu  noch  fürhaz,  uns  wifet  hie 

hefcheidenliche  rehte,  wie  usw. 

Während  aber  leztere  stellen  das  feste  zutrauen  Rudolfs  zu  sei- 
ner quelle  bekunden,  findet  sich  ein  zweifei  an  den  angaben  derselben 
überhaupt  nur  ein  einziges  mal  geäussert,  indem  bei  erwähnung  der 
Vögel,  deren  gefieder  während  der  nacht  leuchtet,  hinzugefügt  wird: 

V.  754  ob  uns  diu  buoch  niht  lieyent 
Dem  gegenüber  stehen  aber  nicht  nur  vielfache  Wendungen  wie: 
V.  399  mit  wärheit  funder  wän 
,  312  mit  wärheit  und  an  allen  wän 

836  gewcerliche  und  an  allen  wän 
998  äne  Widerrede  wer 
sondern  M^ie  Rudolf  betreffs  der  Historia  scholastica  des  Petrus  Come- 
stor  sagt:  ^  als  uns  mit  rehter  wärheit 

diu  huoch  der  wärheit  hänt  gefeit 
diu  mit  der  heiligen  fchrift 
ßnt  des  gelouben  rehtiu  ßift 
ganz  ebenso  bezeichnet  er  auch  seine  geographische  quelle 
V.  83  als  uns  mit  rehter  wärheit 

diu  fchrift  der  ivärheit  hat  gefeit 
und  V.  265  daz,  feit  diu  fchrift  der  wärheit 
diu  von  den  felhen  landen  feit 
ja  er  nent  sie  nach  mittelalterlicher  denkart  geradezu  schlechtweg  diu 
wärheit:  v.  334  und  1552  als  diu  wärheit  giht 

89  und  513  als  uns  diu  wärheit  feit 
699  als  uns  diu  wärheit  befehlet 
902  und  1454  als  uns  diu  wärheit  wifet  des 
548  von  dem  gefchriben  ßät  alfus 

und  tuot  diu  ivärheit  uns  geivis 
653  und  1513  als  uns  diu  wärheit  tuot  geivis 
959  als  uns  diu  wärheit  tuot  erhant 
123  und  nach  der  wärheit  erhant 

1)  Vilmar,  Die  zwei  reconsionen  s.  62''  v.  181. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  435 

Diese  quellenberufimgen  insgesamt  gehen  aber  auf  diejenige  geo- 
grapliie  zurück,  welche  wir  im  vorhergehenden  bereits  als  grundlage 
so  verschiedener  bearbeitungen  kennen  lernten;  denn  sie  beziehen  sich 
mit  ausnähme  von  nur  drei  stellen  auf  den ,  mittelalterlichen  ansprüchen 
durchaus  gemässen  und  daher  so  ungemein  weit  verbreiteten,  geogra- 
phischen abriss,  welchen  Honorius  für  seine  Imago  mundi  her- 
gerichtet hatte.  Es  ist  demnach  die  behauptung,  dass  jener  abriss 
auch  unserm  gelehrten  und  vielbelesenen  dichter^  für  seine  länder- 
und Völkerkunde  als  quelle  und  vorläge  gedient  habe,  über  jeglichen 
zweifei  erliaben  und  als  durchaus  gesichertes  ergebnis  zu  betrachten. 
Ob  aber  jener  abriss  dem  Kudolf  in  dem  weitverbreiteten  volständigen 
werke  des  Honorius  vorgelegen  habe  oder  in  einer  Sonderabschrift  des 
geographisch -topographischen  Stückes,  ähnlich  jener  Mappa  mundi  in 
dem  Heineschen  codex ,  das  lässt  sich  freilich  nicht  sicher  und  bestimt 
ermitteln  und  ist  auch  wenig  belangreich. 

2.  Unser  höfischer  dichter  hat  sich  aber  bei  seinem  geographi- 
schen abschnitte  keinesweges  lediglich  auf  das  allein  beschränkt,  was 
diese  seine  vorläge  ihm  darbot.  Vielmehr  finden  sich  ausser  den  eben 
besprochenen  hinweisungen  auf  seine  hauptquelle  auch  noch  einige 
bezüge  auf  andere  schriftliche  quellen.  So  heisst  es  im  offen- 
baren gegensatze  zu  „der  schrift,"  d.  i.  dem  Honoriusschen  abrisse, 
ausdrücklich : 

V.  809  Nicea  unde  Nicke 

von  den  wir  lefen  dicke 

an  andern  Miochen  anderswä 

Von  den  drei  stellen,  welche  nicht  auf  Rudolfs  vor-  und  grund- 
lage bezogen  werden  können,  weist  v.  167  auf  Genesis  H,  12  oder 
vielmehr  auf  einen  bibelcommentar  zu  jener  stelle,  ähnlich  dem  des 
Hrabanus  Maurus,^  Vers  875  und  1253  dagegen  stellen  zurückbezie- 
hungen  auf  jenes  geschlechterverzeichnis  der  Noahschen  nachkommen 
dar,  wie  es  unser  dichter  kurz  vor  dem  geographischen  abschnitte  mit 
benutzung  der  Historia  scholastica  seinem  werke  einverleibt  hat.  — 
In  den  versen  1570  fgg.: 

ein  liolz  heilet  Ehenus 

dem  man  der  art  mit  wärJieif  gilit 

daz,  es,  miige  verhrinnen  niht 

1)  Vgl.  Barlaam  ed.  Franz  Pfeiffer  (Leipzig  1843.  Dichtungen  des  deutsch. 
Mittelalters  bd.  III)  s.  XIII  fg. 

2)  Commentariorum  libri  IV  in  Genesim.  lib.  I ,  c.  12.  Migne  Patrolog.  tom. 
107,  sp.  478. 


436  DOBERENTZ 

finden  wir  eine  beziehiing  auf  Flore  und  Blanscheflur  v.  2071  fgg.,  denn 
dass  leztere  dichtung  Eudolf  von  Ems  sehr  wol  bekant  gewesen  ist, 
ersehen  wir  ja  aus  dem  lobe,  welches  er  in  seinem  „Wilhelm"^  ihrem 
Verfasser  gespendet  hat. 

Wenn  Kudolf  dagegen  betrefs  der  versunkenen,  vordem  uuermess- 
lich  grossen  insel  bemerkt: 

V.  15Ö3  daZ;  feit  und  hat  gefchrihen  alfö 

der  buochmeißer  Pläto 

des  hunß  noch  wUen  iß  erhant 
so  entnahm  er  diese  angäbe  über  die  Atlantis  der  alten  keineswegs, 
wie  man  es  jener  anführung  zufolge  vermuten  solte,  unmittelbar  dem 
Platonischen  Timaeus,^  wiewol  lezterer  in  der  lateinischen  Übersetzung 
des  Chalcidius  während  des  mittelalters  sich  einer  nicht  unbedeutenden 
Verbreitung  erfreute:  er  fand  jene  nachricht  vielmehr  bei  Honorius  mit 
der  quellenbemerkung  „Piatone  scribeute"  versehen,  vor ,3  und  verfuhr 
daher  nach  mittelalterlicher  art  auch  in  diesem  falle  ganz  so,  wie 
dies  Vilmar  *  in  bezug  auf  die  in  der  Historia  scholastica  angeführten 
gewährsmänuer  Josephus ,  Methodius  und  Philo  schon  früher  für  andere 
stellen  unserer  Weltchronik  entsprechend  dargetan  hat. 

3.     An  mehreren   stellen  begegnen   in   Rudolfs   geographie    auch 
beziehungen  auf  mündlich  überkommene  nachrichten;  so 

V.  1123 mit  den  beiden 

marken  iß  gefcheiden 
tiutfchiu  lant  von  windfchen  landen.    ■ 
die  al  die  erde  erkanden 
die  hänt  uns  ftis  mit  ivärheit 
der  lande  gelegenheit  gefeit 
funder  zwwelUchen  wän 
Ferner  sezt  unser  dichter  bei  erwähnung  Brandans  zur  weiteren 
bestätigung  hinzu: 

V.  1608  als  ich  vernomen  hän 
und  genau  ebenso  stüzt  er  in  v.  1355  seine  bemerkung,   dass  alle  län- 
der  in  Afrika  nach  Marroch  hin  Untertan  sein  sollen.     Durch  die  ganz 
ähnliche  Wendung: 

V.  983  als  ich  hän  vernomen  e 
begründet  er  sodann   die  nachricht,    dass  Dänemark  viele  länder   und 
inseln  in    zinspflicht  halte.     Gleichfals   auf  mündlichem  Avege  war  ihm 

1)  Siehe  Wackernagel ,  Lesebuch  ^  I ,  sp.  787. 

2)  Cap.  III,  §24  fg. 

3)  Image  mundi  lib.  I  c.  36.    Migne  Patrolog.  tom.  172  sp.  132. 

4)  Die  zwei  recensioneu  s.  13. 


DIE   GEOGKAPHIE   HUDOLFS    VON    EMS  437 

die  nachricht  vou  der  unermesslichen  breite  Norwegens   zugegangen; 
denn  er  fügt  ihr  bei: 

V.  987  als  wir  dicke  hän  vernomen. 

Bei  antührung  der  Sibylle  auf  Samos  sezt  er  hinzu: 
V.  1491  als  uns  iß  von  fage  erJcant. 

Können  wir  aus  alledem  schon  auf  ein  reges  Interesse  Rudolfs 
für  seinen  gegenständ  schliessen,  so  tritt  dieses  noch  sichtlicher  zu 
tage,  wenn  wir  seine  länder-  und  Völkerkunde  weiterhin  nach  ihrem 
Inhalte  prüfen  und  mit  den  zuvor  beleuchteten  geographieen ,  welche 
von  demselben  Honoriusschen  stamme  ihren  Ursprung  herleiten ,  in  ver- 
gleichung  setzen. 

b.    Rudolfs   geographie   nach  ihrem  Inhalte. 

1.  Da  sich  unser  dichter  bei  der  stof liehen  gruppierung  eng  an 
seine  vorläge  hält,  so  erkennen  wir  gleichsam  als  den  rahmen,  zwi- 
schen welchen  die  einzelnen  länder-  und  völkerkundlichen  angaben 
gespant  sind ,  auch  in  Rudolfs  Geographie  jene  vier  hauptabteilungen 
wider,  welche  wir  bei  den  früher  betrachteten  geographieen  feststellen 
konten.     Jene  gliedert  sich  nämlich  solcher  gestalt: 

1)  V.  68  —  877  diu  gr6§e  Äfiä 

2)  V.  878—1311  Europa 

3)  V.  1312—1424  Affricä 

4)  V.  1425  —  1612  diu  lant  der  ifeln 

Aber  nicht  nur  bei  der  anordnung  des  Stoffes  und  im  algemeinen, 
sondern  im  einzelneu  und  einzelsten  hält  sich  unser  mittelalterlicher 
dichter  an  den  ihm  vorliegenden  Honoriusschen  abriss  und  tritt  damit 
in  schroffen  gegensatz  zu  dem  deutschen  sowie  besonders  dem  däni- 
schen Lucidarius,  welche,  den  eigentlich  geographischen  stoff  arg  ver- 
nachlässigend, ohne  umstände  die  geographischen  namen  und  bezeich- 
nungen  öfters  bei  seite  lassen.  Geradezu  aber  im  entschiedensten 
gegensatze  zu  dem  leichtfertigen  darüberhin,  mit  welchem  in  der  Image 
du  raonde  die  geographischen  demente  behandelt  werden,  macht  sich 
bei  unserem  höfischen  dichter,  ähnlich  wie  bei  Gervasius,  in  erfreu- 
lichster weise  ein  unzweifelhaftes  interesse  für  den  geographi- 
schen stoff  selbst  bemerklich.  Denn  wenngleich  der  abschnitt  über 
Asien  mehr  als  die  hälfte  der  gesamten  Rudolfschen  geographie  aus- 
macht und  der  abschnitt  über  Indien  widerum  mehr  als  die  hälfte  jenes 
ersteren  abschnittes  (d.  i.  die  verse  112—545)  eiunimt,  so  liegt  für 
Rudolf  der  reiz  einer  länder-  und  Völkerkunde  trotzdem  nicht  allein  in 
der  Vorführung  einer  fülle  von  merkwürdigkeiten  und  wundergeschöpfen. 


438 


BOBERENTZ 


wiewol  jene  die   mittelalterliche  phautasie  doch  so  wundersam  anhei- 
melten imd  so  mächtig  bestrickten. 

Eudolf  erklärt  dem  gegenüber  vielmehr  für  seine  aufgäbe 
V.  887  lant  und  Hute  und  auch  der  ßiß 
zu  nennen ,    oder ,   wie  er  sich  sogleich  am  eingange  zu  seiner  geogra- 
phischen einschaltung  ausdrückt,  anzugeben: 

V.  86  wie  diu  lant,  Hut  und  der  kint 
gelegen  und  genatüret  ßnt. 
Er  bietet  demgemäss  keinesweges  wie  dieses  beim  dänischen  Lucida- 
rius,  vor  allem  aber  in  der  Image  du  monde  der  fall  ist,  die  geogra- 
phischen bestandteile  fast  nur  so  weit  sie  unvermeidlich  sind  und 
gleichsam  nur  als  folie  für  die  wunder-  und  fabelgeschichten  dar,  son- 
dern er  verwendet  leztere  allem  anscheine  nach  vielmehr  allein  zur 
farbenreicheren  ausmalung  seines  bildes  einer  länder-  und  Völkerkunde. 

Zeichnet  sich  doch  Eudolfs  geographie  gerade  in  sofern  aus,  als 
in  ihr  mehrere  für  mittelalterliche  hörer  höchst  fesselnde  wunder- 
geschichtchen  wol  sicherlich  nicht  ohne  absieht  fehlen  und  demnach 
übersprungen  sind,  wogegen  Eudolfs  Vorgänger  die  bei  Honorius 
gegebenen  andeutungen  sich  nicht  entgehen  Hessen  und  ihren  absieb- 
ten gemäss  für  ihre  geographischen  abschnitte  sehr  wol  zu  verwerten 
wüsten:  so  z.  b.  die  erzählung  von  der  wunderbaren  quelle  in  Epirus, 
in  welcher  angezündete  fackeln  erlöschen  und  erloschene  angezündet 
werden ;  ^  von  dem  steine  Asbestes  in  Arkadien ;  ^  von  den  wunderbaren 
steinen  Pyrites  und  Selenites  ^  in  Persien;  von  dem  holz  der  arche 
Noäh ,  welches  noch  auf  dem  berge  Ararat  liegen  solle ;  ^  von  der  rei- 
nigenden kraft  der  erde  aus  der  insel  Tauatus  ^  u.  dgl. 

1)  Honorius  I.  m.  I.  c.  27.  (Migne  Patrolog.  172,  sp.  128)  nach  Isidors 
Etym.  XIII,  13,  10,  welcher  aus  Augustinus  de  civit.  dei  XXI,  5,  1  geschöpft  hat. 
Lezterer  entnahm  sie  wiederum  dem  Solinus ,  Rer.  mem.  collectan.  7,  2.  (Mommsen 
s.  60,  18  his  61,  2),  der  sie  seinerseits  dem  Mela  II,  3,  5  verdankte. 

2)  Bei  Honorius  (nach  Migne  und  nach  Bibl.  Patr.  Lugd.  tom.  XX)  Arhaston 
genant  (lib.  I,  c.  27).  Honorius  schöpfte  aus  Isidors  Etym.  XIV,  4,  15  (oder  XVI, 
4,  4),  lezterer  widerum  aus  August,  de  civ.  dei  XXI,  5,1,  welcher  sie  aus  Solinus 
7,  13  (Mom.  s.  63,  12  —  14)  entnommen  hatte. 

3)  Bei  Honorius,  nach  Mignes  ausgäbe,  verunstaltet  zu  Pyrrhites  und  Syne- 
lites  (lib.  I,  c.  14).  Erstere  nachricht  entstamt  schliesslich  aus  Plinius  Hist.  Nat. 
XXXVII,  189;  leztere  ebendaher  181;  über  den  weg,  auf  welchem  beide  sich  in 
das  mittelalter  verbreiteten,  siehe  die  trefliche  Solinausgabe  von  Mommsen  (Bero- 
lini   1864)  seite  177  und  178. 

4)  Honorius  a.  a.  o.  c.  19  nach  Isid.  Et.  XIV,  8,  5. 

5)  Honorius  a.  a.  o.  c.  31  nach  Is.  Et.  XIV,  6,3,  lezterer  schöpfte  aus  Soliii. 
22,  8  (Momms.  s.  114,  5  —  10.) 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS 


439 


Kudolfs  eigene  ziisätze  dagegen  verdanken,  wie  wir  sogleich 
näher  betrachten  wollen,  ihre  entstehung  dem  löblichen  streben  unse- 
res dichters  nach  einer  ergänzung  und  vervolständigang  der  geogra- 
phischen namensangaben.  Zusätze  anderer  art  aber  begegnen  so  gut 
wie  gar  nicht  oder  wenigstens  nur  ganz  vereinzelt.  Während  so  z.  b. 
bei  Honorius  nur  einfach  des  raagnetsteines  erwähnung  geschieht,  spie- 
geln Rudolfs  verse  (533  fgg.) 

von  ageßein  der  drinne  wirt 
als  ein  gros,  hochgehirge  wit 
der  zücket  an  ßcli  zaller  zU 
das,  tfen  über  des  meres  trän 

eine  kentnis  von  dem  am  meere  belegenen,  unkundigen  schiffern  ver- 
derben drohenden  magnetberge  wider,  wie  ihn  die  reisen  Sindbads  schil- 
derten, und  wie  er  durch  die  herzog -Ernst -sage  im  mittelalter  zur 
geläufigen  Vorstellung  geworden  war.  Der  kurze  zusatz  über  den  fang 
des  einhorns  (v.  482  — 489)  ist  gleichfals  der  im  mittelalter  algemein 
herschenden  anschauung  entnommen,  wie  sie  durch  Isidors  Etymolo- 
gien (XII,  2,  12)  nicht  wenig  verbreitet  wurde;  Eudolfs  weitere  bemer- 
kuug  über  die  räche  desselben  (v.  490  — 496)  ist  allerdings  weit  sel- 
tener zu  finden.^  Eigenartig  ist  der  zusatz  über  das  Pantier  (v.  499  — 
509),  welches  nach  Eudolfs  angäbe  von  den  reinsten  wurzeln  lebt 
und  darauf  durch  seinen  süssen  atem  andere  sieche  tiere  gesund  zu 
machen  vermag;  wogegen  nach  dem  Physiologus  leztere  eigenschaft 
sich  entwickeln  soll,  wenn  es  zuvor  gejagt  und  andere  tiere  gefressen 
hat.-'  Der  unbedeutende  zusatz  über  die  unverbrenlichkeit  des  ebenhol- 
zes ,  welchen  der  dichter  nach  Flore  und  Blanscheflur  veranstaltete ,  ist 
schon  früher  erwähnt  worden.  Auch  der  zufügung  über  den  stein  Oni- 
chilus  und  den  Bdellium-baum  ^  in  Ejulät,  welche  nach  einem  bibel- 
commentare  erfolgt  sein  mag,  ist  bereits  andeutungsweise  gedacht 
worden. 

Sonach  sind  zu  dem  bei  Honorius  gebotenen ,  sagenhafte  züge  nur 
äusserst  spärlich  durch  Eudolfs  band  nachgetragen  worden.  Welch 
greller  gegensatz  zwischen  Eudolfs  deutscher  und  der  fast  gleichzei- 
tigen französischen  geographie ,  die  beide  geschwisterlich  auf  Honorius- 
schem  stamme  erwuchsen!  Während  der  französische  dichter  in  der 
Image  du  monde    seinen   geographischen  abschnitt  durch  umfangreiche 

1)  Vgl.  J.  Berger  de  Xivrey,  traditions  terat.     Paris  1836.     S.  559. 

2)  Siehe  deu  Wiener  Pliysiol.  aus  dem  XII.  jahrh.  in  HofFmanns  Fundgr.  I, 
s.  23:  fo  das  felhe  tier  fleh  gefatet  uon  den  manichfalten  tiefen. 

3)  Die  nachricht  gellt  auf  Plinius  H.  N.  XII,  19  zurück. 


MO  DOBERENTZ 

Zusätze  wunderbarer  und  fabelhafter  naturgeschicbte  erheblich  ange- 
schwelt und  dadurch  nach  seiner  meinung  für  mittelalterlichen  gaumen 
erst  gehörig  gewürzt  hat,  bediente  unser  heimischer  höfischer  dichter 
sich  dieses  reizmittels  in  weit  geringerem  masse:  denn  er  liess  sich  in 
diesem  betracht  fast  schon  an  dem  genügen,  was  ihm  aus  des  Hono- 
rius  abrisse  zufloss. 

Ja  noch  mehr.  Während  der  französische  dichter  mit  ausgespro- 
chener absichtlichkeit  die  geographische  beschreibung  nur  streifend 
berührt,  gibt  Kudolf  die  namen  der  länder,  die  zahlangaben  der  Völ- 
ker, welche  hie  und  da  bei  Honorius  eingestreut  sind,  die  beschreibung 
geographischer  läge  u.  dgl.  nicht  nur  nach  seinem  Vorbild  möglichst 
genau  wider, ^  sondern  sein  streben  nach  volständigkeit  macht 
sogar  den  wünsch  in  ihm  rege ,  noch  mehr  zu  bieten,  als  er  in  seiner 
vorläge  angegeben  fand.  So  heisst  es  z.  b.  bei  erwähnung  der  länder 
zv^^ischen  Euphrat  und  Tigris 

V.  578  der  ich  ein  teil  hie  nennen  wil 
während  Rudolf  doch    alle   anführt,   die   er  bei  Honorius  im  15.  cap. 
antraf     Vernehmlich  klingt  ein  ton  von  Unzufriedenheit  wider  aus  den 
Worten : 

v.  552  da^  iß  geheimen  Parthid 

da  driz,ic  lande  inne  lit 

mit  fundernamen  gro^  und  wit 

alß  da^  lant  Aretufä 

daz,  lit  in  dirre  marke  aldä 

und  manic  ander  riche  lant 

daz,  hie  diu  fchrift  niht  hat  genant 
Bei  Honorius  heisst  es  nämlich  an  entsprechender  stelle   (im  cap.  14): 
„Parthia   triginta  tribus   regionibus   distincta.     Est  in  ea  regio  Aracu- 
sia."  —  Ähnlich  fügt  Rudolf  in  dem  abschnitt  über  Africa  bei: 
V.  1409  ....  doch  hat  ßn  sil 

tfeln  und  fundernamen  vil 

diu  hie  diu  fchrift  niht  hat  genant 
und  ebenso  in  dem  über  Egypten: 

V.  680  mit  maniger  diet  mit  landen  vil 

diu  doch  ßnt  hie  genennet  iiiht 

1)  Wenn  Rudolf  v.  765  statt  von  44  Völkern,  welche  bei  Honorius  erwähnt 
werden,  von  24;  v.  553  statt  von  33  ländern  von  30  spricht,  so  sind  diese  fehler 
augenscheinlich  auf  Verderbnis  des  ihm  vorliegenden  Honoriustextes  zurückzufüh- 
ren. In  V.  1227  dagegen  ist  der  handschriftlichen  Überlieferung  zum  trotz  statt 
ßhen  offenbar  felis  zu  verbessern,  da  die  in  frage  kommenden  6  teilländer  Hispa- 
niens  gleich  darauf  hergenant  werden. 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  441 

Wie  gern  hätte  unser  dichter  diese  vermeintlichen  Kicken  noch 
ausgefült;  doch  wo  hätte  er  das  material  hierz.u  hernehmen  sollen? 

2.  Können  wir  demnach  löbliches  und  liebevolles  Interesse  für 
seinen  geographischen  stoff  bei  unserem  höfischen  dichter  wahrnehmen, 
so  zeigt  sich  auch  in  der  art  wie  er  seinen  gegenständ  behan- 
delt, dass  er  demselben  eben  so  sehr  mit  beherschung  wie  mit  reger 
teilnähme  entgegengekommen  ist.  Denn  was  nach  Vilmars  beobachtung 
die  gesarate  Weltchronik  auszeichnet,  tritt  auch  bei  der  geographischen 
einschaltuug  zu  tage:  wiewol  sein  stoff  ein  umfänglicher  und  schwer 
zu  behandelnder  genant  werden  muss,  so  lässt  sich  Rudolf  doch  keines- 
weges  durch  denselben  erdrücken.  Vielmehr  entspricht  der  planmässigen 
einfügung,  die  wir  bereits  kennen  lernten,  auch  eine  planmässige  aus- 
führuug  im  einzelneu. 

Wenngleich  nämlich  unser  dichter  sich  genau  an  des  Honorius 
geographischen  abriss  hält,  so  darf  sein  abschnitt  füglich  doch  nicht 
als  blose  Übersetzung  desselben  betrachtet  werden.  Bemerkenswert  ist, 
dass  Eudolf  bei  seiner  widergabe  gar  mancherlei,  was  nicht  eigentlich 
geographisch  -  topographischer  natur  ist,  mit  richtigem  takte  bei  seite 
lässt,  damit  die  länder-  und  völkerkundlichen  bestandteile  um  so  licht- 
voller hervortreten  möchten :  dem  zufolge  hat  unser  dichter  die  namens- 
ableituugeu,  welche  sich  bei  Honorius  nach  des  Isidorus  vorbilde  so 
zahlreich  eingefiigt  finden,  fast  allenthalben  gänzlich  unberücksichtigt 
gelassen.  Durch  diese  seine  enthaltsamkeit  geschieht  dem  geographi- 
schen bestandteile  jedoch  nicht  nur  nirgend  ein  eintrag,  im  gegenteile 
unterscheidet  sich  dadurch  gerade  Rudolfs  geographische  partie  auf  das 
vorteilliafteste  von  dem  geographischen  teile  der  Otia  imperialia,  wel- 
cher durch  den  zügellosen  Sammeleifer  des  Gervasius,  gegenüber  der 
knappen  Honoriusschen  vorläge,  so  bedeutend  angeschwelt  ward,  dass 
ihm  der  tadel  einer  wüsten  Zusammenhäufung  nicht  erspart  werden  kann. 

Sehr  anerkennenswert  ist  es  aber,  dass  Rudolf,  keinesweges  zu- 
frieden mit  einem  sinlosen  herübernehmen  der  geographischen  angaben, 
sich  vielmehr  nach  kräften  bemüht,  jene  dadurch  zu  beleben,  dass  er  — 
seinem  ausdrucke  gemäss  —  hinzusezt  (v.  61)  wie  ße  nü  verJccret  fmt. 
Charakteristisch  tritt  dieses  höchst  erfreuliche  bestreben  bei  dem  absatze 
über  Yspauien  hervor,  wo  es  ihm  zu  seinem  leidwesen  nicht  geglückt 
war ,  die  in  der  vorläge  verzeichneten  alten  ländernamen  sich  und  sei- 
neu hörern  verständlich  zu  machen:  denn  er  sagt  in  betreff  derselben: 
V.  1230  diu  nennet  uns  diu  fcJiriß^  alfö: 
Tracönja  und  Carthägö 

1)  Honorius  I.  m.  lib.  I  c.  30. 


442  DOBERENTZ 

Galicje  und  Lußtäniä 
Tinguifänje  ^  unde  Beticä. 
wie  dißu  ruhe  und  dißu  laut 
in  tiutfcher  sungen  ßn  genant, 
des  kan  ich  wol  herihten  niht; 
ich  nennen  als  diu  fchrift  uns  gihf; 
und  iß  ouch  der  geloiibe  min, 
ez,  mugen  ivol  verwehfeit  ßn 
der  lande  name,  und  dißu  lant 
in  andern  namen  ßn  genant 
ßt  der  lande  anegenges  0U. 

Er  ergänzt  sodann  die  namen  der  länder  soweit  er  es  nach  seiner  kent- 
nis  vermochte  2  und  schliesst  darauf  mit  den  werten: 

V.  1248  diu  lant  hat  liberal 

diu  fchrift  Yfpänid  genant. 

Dieses  bestreben,  die  bei  Honorius  vorgefundenen  namen  zu  ver- 
deutschen und  verständlich  zu  machen,  tritt  aber  auch  an  anderen 
stellen  genugsam  hervor.  Denn  während  z.  b.  Honorius  in  cap.  25 
einfach  Pannonia  inferior  namhaft  macht,  sagt  Eudolf  an  entsprechen- 
der stelle  seines  abschnittes: 

v.  1002  Als  ich  gelefen  hän 
diu  nider  Pannonia 
nimt  ir  marhe,  ir  namen  da; 
da^  ßnt  windifchiu  riche; 
diu  hei^ent  wcerliche  ^  ^ 

Pannonia 

Hierzu  halte  man  noch,   was   er  bei  erwähuung  der  Pannonia  superior 
des  Honorius  im  cap.  27  anführt: 

1)  Tingitania  korat  dadurch  unter  die  spanischen  teilländer,  dass  es  in  der 
römischen  kaiserzeit  administrativ  in  der  regel  mit  der  diöcese  Spanien  verbunden 
war.  Siehe  Th.  Monimsen,  Provincialverzeichnis  vom  jalire  297  p.Chr.  (Abhandig. 
der  königl.  akademie  zu  Berlin  aus  dem  j.  1862)  s.  514.  —  Mauritania  Tingitana 
ward  aber  deshalb  in  der  Verwaltung  von  M.  Caesariensis  getrent,  weil  die  von 
rebellischen  Maurenstämmen  bewohnte ,  schwer  zugängliche  landschaft  um  den 
Muluchath  (jczt  Muluja),  den  grenzfluss  zwischen  jenen  beiden  provinzen,  die  Ver- 
bindung zu  lande  ungemein  erschwerte.  Siehe  H.  Kiepert,  Lehrbuch  der  alten 
Geographie.     Berlin  1878.  §  199  s.  220. 

2)  Zu  V.  1245  fg.  ist  zu  bemerken,  dass  Waskunje  sowie  Gahgunio  =  Vas- 
conia  d.  i.  Baskenland  ist. 

3)  D.  i.  weil  es  so  in  seiner  vorläge  steht. 


'  DIE  GE06RAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS  443 

V.  1135 dkl  windfchen  laut 

in  latine  fint  genant 
diu  ober  Pannöniä 
und  V.  1074  diu  ober  Panöniä 

diu  tvindifcher  fpräche  lant 
tuot  und  ir  underfcheit  erkant. 
Ebenso   ist  es   als   eine  verdeutschende  Übersetzung  aufzufassen,    wenn 
Rudolf  gemäss   seiner   vorläge    von   Carthago   gesprochen   hat  und   in 
V.  1351  sodann  fortfährt: 

das,  iß  Marroch 
diu  Jioubetßat 
Denn  dass  man  Marocco  und  Carthago  damals  für  identisch  hielt,  geht 
aus  zwei  stellen  des  Jacobus  de  Vitriaco  ganz  unzweifelhaft  hervor.^ 

3.  Aber  trotz  dieses  Interesses  und  der  mühe,  die  wir  unseren  bie- 
deren dichter  auf  seinen  gegenständ  verwenden  sehen,  sind,  bei  begreif- 
licher und  daher  verzeihlicher  Unzulänglichkeit  seiner  kentnisse,  ir  tu- 
rn er  und  fehler  in  seiner  länder-  und  Völkerkunde  nicht  ausgeblieben. 

Zunächst  finden  sich  mehrere  erhebliche  Verderbnisse  in  den 
namensformen.  Zum  teil  trift  die  schuld  hierbei  nicht  unsern  dich- 
ter, sondern  die  verschlechterte  textesrecension  seiner  vorläge,  wie  ich 
dieses  bei  der  Mappa  mundi  des  Codex  Heine  in  kürze  bereits  andeu- 
tete. Zum  teil  mögen  sie  auch  einer  verderbten  Überlieferung  des 
Rudolfschen  textes  schuld  zu  geben  sein;  jedoch  hielt  ich  gröste  Zurück- 
haltung in  diesem  punkte  für  den  herausgeber  dringend  geboten,  da 
sonst  die  gefahr  ungebührlicher  textveränderung  zu  nahe  liegt.  Andere 
fehler,  welche  der  Verfasser  der  vorläge  selbst  verschuldete,  wurden 
oben  bereits  berührt  und  werden  hier  nur  nebenbei  erwähnt. 

In  Rudolfs  geographie  findet  sich  fälschlich : 

V.  131  Prohane  für  Taprohane  ^  bei  Honorius 
555  Ar  etil  fa  für  Aracußa  {=  Arachoßa) 
731  von  Calpia  für  a  Caspio  mari 

1)  Historia  Orientalis  cap.  IX  (in  Bongars,  Gesta  Dei  per  Francos  tom.  I 
s.  1061):  ,,Princeps  autem  occidentalium  Saracenorum  omnium  qui  Machometi  legem 
obseruant  potentissimus ,    qui  Caput  et  imperii  sui  dignitatem   et  regni  sui   solium 

civitate  Maroch  quae   quondam  Carthago   dicebatur"   und  c.XLIII 

(Bongars  a.  a.  o.  s.  1071):  ,,Ex  hac  etiam  Dido  traxit  originem,  quae  in  Africa 
condidit  Carthaginem ,  quam  hodie  Marroch  appellant." 

1)  Über  lezteres ,  welches  eine  schon  früh  durch  die  alten  veranlasste  Ver- 
stümmelung des  sanskritnamens  (Tamraparna  ==  Kupferblatt)  ist,  siehe  Eugene 
Burnouf ,  Geogr.  ancienne  de  Ceylan  im  Journ.  Asiat.  Jan.  1857.  Vgl,  0.  Peschel, 
Gesch.  der  Erdkunde,  2.  aufl.  1877,  s.  59  und  H.  Kiepert,  Lehrb.  der  alten  Geogr. 
§  42  s.  41  fg. 


444  DOBEHENTZ 

825  Liconiä  für  Lycaonia 

1330  Afßnoe  für  Är/inoe 

1342  Ärome  für  Ädronieus^ 

1343  Bifantium  für  Byzantium^ 
1366  Ä^#e/^s  für  Sti/fenßs^ 
1449  Ahyvidos  für  Ahydos 

1515  ^o6e  für  JE'oZte  (:=  Äeoliae) 

1553  Parchäres  für  Baleares 

1556  Efpide  für  Efperide  (=  Hefperidae) 

Weiter  finden  sich  bei  Kudolf  aber  geradezu   sachliche  irtümer.-   so 

z.  b.   in   V.  1398:    Gädes   ein   kreftic   wUes    lant,    während    Honoriiis 

c.  33  richtig  von  der  „urbs  Gades"  spricht;  ferner  in  v.  1514:  an  Sici- 

lie  lit  Caribdis,    Cylld  diu  ifel,    wogegen  Pomponius  Mela  II,  7,  14 

bemerkt:    Scylla   saxum  est,   Charybdis  mare;   in  v.  1275  und  1273, 

wo  er  von  Thyle  spricht ,  als  wären  dies  mehrere  inseln.  —  Dass  aber 

andere  irtümer,  wie  sie  sich  in  v.  1449  fgg. : 

Ahyvidos  ein  tfel  wit 

dähi  in  Ellefpontö  lU 

einßt  dort  in  Europa 

und  in  v.  1520  fg. : 

Niun  ifel  fint  da  bi  gelegen 

die  Jiei^ent  Stecädes,  der  ßrich 

gein  Marßlie  ßrecket  ßch 
finden,  nicht  Rudolf,  sondern  Honorius  schuld  gegeben  werden  müssen, 
wird  sich  bei  der  quellenuntersuchung  noch  zeigen. 

Der  bereits  oben  s.  270  erwähnte  Übersetzungsfehler  in  via, 
statt  invia,  steht  nicht  vereinzelt  da,  wiewol  unser  dichter  im  ganzen 
eine  recht  gute  kentuis  des  lateinischen  besass.  Ich  füge  hier  eine 
Zusammenstellung  der  übrigen  Übersetzungsfehler  an,  um  dadurch  die 
möglichkeit  zur  erklärung  eines  eigentümlichen  zuges  in  der  Kudolf- 
schen  geographie  zu  geben. 

Honorius  (cap.  20):  „ Prima  provincia  Asiae  minoris  estBythinia, 
prius  Berica,  post  Migdonia,  mox  a  Bythyno  rege  Bythinia  appellata" 
Rudolf  V.  804  fgg.: 

Daz,  erße  künicrtche 

daz,  in  der  mindern  Äßä 

lit,  da^  iß  Bittiniä. 

1)  statt  Ädrometus,  l4ÖQv/u.riros  =  Hadrumetum. 

2)  Fälsclilich  bei  Honorius  statt  Byzacium. 

3)  Bei  Honorius  fälsclilich  statt  Sitifenßs  provincia:  siehe  Isidor.  Etym.  XIV, 
5,  10  aus  Orosius,  Chorogr.  §93  (Zangemoister). 


DIE  GEOGRAPHIE  RUDOLFS   VON   EMS  445 

JBerica  das,  ander  hiez,, 

Migdonjä  an  daz,  felhe  ßie^ 

Honorius   (c.  15):    „In  ea  quoque  est  Chaldea   lu  ea  et 

Arabia,  quae  etiam  Saba  dicitur." 
Rudolf  V.  585  fg.: 

dar  an  lU  Caldeä 

Äräbja  undz,  lant  Sahhd 
Honorius  (c.  15):  „lu  hac  est  mens  Sinai,  qui  et  Oreb 
Rudolf  V.  592  fg.: 

an  die  lantmarke  ßo^et  ouch 

Oreb  der  herc  und  Si/näi^ 

Honorius   (c.  21):    „Hanc    sequitur    Phrygia   Haec   et 

Dardania  " 

Rudolf  V.  821  fg.: 

diu  minder  Frigid  da  Ut 

und  Dardania 
Honorius  (c.  21):  „In  hac  est  mons  Amana,  qui  et  Tauriis" 
Rudolf  V.  836  fg.: 

Ämänä  unde  Taurus 

2 IV ei  gehirge  Meli  erJcant 

Honorius  (c.  27):  „Ibi  et  Thessalia  ....    Ibi  et  Macedonia 

Haec  et  Emathia In  hac  est  et  Thessalonica " 

Rudolf  V.  1048  fg.: 

Theffalje  und  Macedonje 

Salnegge  und  Emathia 

Honorius  (c.  27):  „Est  et  Chaonia Haec  et  Molosia" 

Rudolf  V.  1042:    Caönja  und  Moloßä 

Honorius   (c.  34):    „Melos,    quae   et  Storia,    rotunda  insula. 
Paron"  etc. 

Rudolf  V.  1474:    Stör  ja ,  Melos  und  Päron 
Honorius  (c.  34):  „Delos  ....     Haec  et  Ortygia" 
Rudolf  V.  1466:    ß  Ut  Telos  \  in  der  Cycläden  lande 
und  V.  1469 :    da  Ut  ouch  Ortigiä 
diu  ifel 

1)  An  anderer  stelle  der  Weltchronik  heisst  es  dagegen  ganz  richtig  (Haupts 
zeitschr.  XVIII,  s.  108): 

vn  lach  da  nahen  pei 
daz  rote  mer  vn  Synay 
der  gotes  perch,  dar  auf  was 
dev  pefte  waide  unde  gras 
die  man  in  der  wufte  vant: 
Oreb  was  da  der  perch  genant 


446  ÖOBERENTZ 

Honorius  (c.  35) :  „Eoliae  insulae  ....     Hae  et  Vulcauiae" 

Kudolf  V.  1515:    ^o&e 

und  darzuo  VulJcäuie^ 

In  allen  diesen  fällen  jedoch  einen  blossen  Übersetzungsfehler  zu 
finden,  will  mich  wenig  passend  bedünken.  Doch  wage  ich  es  nicht, 
eine  bestirnte  erklärung  für  dieselben  vorzubringen.  So  viel  gebt  indess 
auch  hieraus  hinlänglich  hervor ,  dass ,  trotz  seines  Interesses  und  sei- 
ner bemühungen,  unseres  dichters  kentnis  in  geographischen  dingen 
keine  tiefgehende  war:  denn  auch  sie  bestand  in  wenig  mehr  als  in 
einer  blossen  aufzählung  von  namen.  Jedoch  wer  dürfte  ihm  hieraus 
einen  Vorwurf  machen,  wenn  er  nach  massgabe  der  Zeitverhältnisse 
urteilt?  Statt  dessen  verdient  der  gute  wille ,  den  unser  dichter  in 
bezug  auf  seinen  stoff  vor  allem  durch  seine  vervolständigungen  und 
Verdeutschungen  bekundet,  seitens  eines  unparteiischen  betrachters  unter 
berücksichtigung  der  damaligen  zeit-  und  bildungsverhältnisse  alle 
anerkennuug.  Aber  erst  durch  eine  sorgsame  prüfung  der  formellen 
Seite  wird  man  der  geographischen  leistung  unseres  höfischen  dichters 
völlig  gerecht  zu  werden  vermögen. 

c.     Rudolfs  geographischer  abschnitt  nach  seiner  formellen 

Seite. 

1.  Auf  mehrere  unschön heiteu  der  Rudolfschen  Geographie 
in  formeller  hinsieht  ist  bereits  nebenher  aufmerksam  gemacht  worden. 
Denn  wir  rausten  ebensosehr  einen  mangel  an  abwechslung  in  den  rei- 
men wie  eine  gleichförmigkeit  in  Verwertung  gewisser  Wendungen  ver- 
schiedentlich hervorheben.  Auch  die,  modernem  geschmacke  zuweilen 
widerwärtige  breite  Rudolfscher  redeweise  ward  schon  früher  so  geken- 
zeichnet,  dass  ein  längeres  verweilen  bei  diesem  punkte  überflüssig 
erscheint.  Nur  an  die  so  charakteristische  häufung  der  epitheta  will 
ich  an  dieser  stelle  noch  erinnern.     So  heisst  es  vom  Zenocrota :  ^ 

1)  Hierher  zu  rechnen  ist  es  wol  auch,  wenn  Kudolf  bei  der  erwähnung  von 
Nicaea  sagt :  v.  809  Niceä  unde  Nicke, 

von  den  wir  lefen  dicke 

an  andern  buoehen  andersivä, 

ligent  in  Bittiniä 
während  unter  Nicke  doch  wol  nur  die  verdeutschte  form  von  Nicaea  zu  verstehen  ist. 

V.  1260  daß  Britanje  und  Engellant 
wird  hingegen  dadurch  erklärlich,  dass  unser  dichter  hei  Honorius  (c.  31)  geschrie- 
ben fand:    „Contra  Hispaniam  versus  occasum  sunt  in  Oceano  hae  insulae,    Britan- 
nia,  Anglia,  Hibernia"  etc. 

2)  D.  i.  der  leucrocota  des  Plinius  (H.  N.  VIH,  73.  Sillig). 


DIE   GEOGRAPHIE   RUDOLFS   VON   EMS  447 

V.  375  daz  iß  vil  hüene,  frevel,  halt 
von  dem  einhoru: 

V.  480  ß  ßarc,  ß  zornic  und  ß  fier 
iß  ez,  und  alß  unverzaget 

von  Fenix  und  Comägeuä: 

V.  613  daz,  ßnt  zwei  lant 

rieh  und  groz,,  und  wite  erJcant 
Ähnlich  heisst  es: 

V.  1325  Pentapolis  ein  michel  lant 

daz,  iß  gröz,,  rieh  und  wit  erkant 
714  fiuMe,  veiz,t  und  herhaft 
1387  . .  . .  l<^rc ,  wüeße,  unhühaft 

770 in  wi^er  varwe  gar 

fchoene,  hlanc  und  wiz,gevar 
Sind  alle  diese  gerügten  eigenschaften  nicht  dazu  angetan ,  in 
unseren  tagen  für  des  dichters  kunstgeschick  eine  günstige  meinung 
zu  erwecken,  so  darf  man  doch  bei  der  beurteihmg  einerseits  nicht 
vergessen,  dass  von  Rudolfs  Zeitgenossen  und  den  nachfolgenden 
geschlechtern  alle  jene  fehler  wol  nur  selten  als  solche  empfunden  wur- 
den. Im  gegenteile  wird  unser  dichter  statt  des  Vorwurfes  der  breite 
aus  dem  munde  seiner  hörer  öfters  ein  wort  des  lobes  und  der  anerken- 
nung  für  seine  geschmückte,  wortspielende  redeweise  erwartet  und 
empfangen  haben. 

Andererseits  darf  der  heutige  beurteiler  den  umstand  nicht  ausser 
rechnung  lassen,  dass  es  unser  höfischer  dichter,  bei  seinem  redlichen 
streben  nach  gewissenhafter  volzähligkeit  in  den  geographischen  anga- 
ben, allerdings  mit  einem  äusserst  spröden  Stoffe  zu  tun  hatte.  Denn 
um  seine  rhetorisch  geschulten  landsleute  auf  eine  gerechte  beurteilung 
hinzuleiten,  betonte  Mela,  der  formale  Schönheit  würdigende  geogra- 
phische Schriftsteller  der  Römer,  in  dem  eingange  zu  seiner  chorogra- 
phie  ^  mit  vollem  fuge:  „Orbis  situm  dicere  aggredior,  impeditum  opus 
et  facundiae  minime  capax  —  constat  enim  fere  gentium  locorumque 
nominibus  et  eorum  perplexe  satis  ordine,  quem  persequi  longa  est 
magis  quam  benigna  materia  —  verum  aspici  tarnen  cognoscique  dig- 
nissimum."  Auch  Rudolf  von  Ems  hat  ohne  zweifei  ganz  in  dersel- 
ben weise  die  ungefügigkeit  seines  namenreichen  geographischen  Stoffes 
empfunden.  Als  getreuer  schüler  des  formgewanten  meisters  Gotfrid 
fühlte  er  jedoch  offenbar   gerade  dadurch  sich  um  so  mehr   dazu  auf- 

1)  Pomponii  Melae  de  Chorographia  libri  III  ed.  Gust.  Parthey.  Berlin 
1867.  üb.  I,  §  1. 

ZBITSCHR.    F.   DEUTSCHE   PHILOLOGIE.     BD.  XII.  29 


448  DOBERENTZ 

gefordert,  seinen  länder-  und  völkerkundlichen  abschnitt  nach  bestem 
künstlerischen  vermögen  zu  schmücken  und  so  formschön  wie  nur  mög- 
lich zu  gestalten.  Und  hieraus  wird  zugleich  begreiflich,  inwiefern 
Vilmar ,  namentlich  hinsichtlich  der  vermissten  einfachheit ,  in  dem 
geographischen  stücke  etwas  von  dem  tone  der  übrigen  partien  der 
Eudolfschen  Weltchronik  abweichendes,  unbestimt  herausfühlen  konte. 

2.  Unser  dichter  hat  nämlich,  um  die  trockenheit  seines  Stoffes 
vergessen  zu  machen,  fast  sämtliche  ihm  zu  geböte  stehenden  kunst- 
mittel  innerhalb  der  seiner  geographie  gewidmeten  verse  nach  mög- 
lichkeit  zur  Verwendung  und  zur  geltung  gebracht. 

Wenn  auch  Rudolfs  spräche  stets  unplastisch,  ja  —  wie  sich 
schon  aus  der  soeben  betrachteten  häufung  nichtssagender  epitheta  und 
wenig  abgestufter  synonyma  ergibt  —  oft  genug  unkräftig  und  ver- 
schwommen genant  werden  muss,  so  findet  sich  zuweilen  dennoch, 
wiewol  nur  schwach,  das  streben  nach  anschaulichkeit  im  aus- 
drucke vor.  Es  äussert  sich  z.  b.  an  folgenden  stellen  seiner  geogra- 
phie bei  widergabe  seiner  vorläge  unverkenbar: 
Honorius:  „ingens  cornu  bisulcum" 
Rudolf:    V.  385  tmd  ein  grd§  liorn,  da^  alle  wege 

iß  weffe  und  fnidef  als  ein  fege 
Honorius:    ,,quarum  pennae  splendent  per  noctes" 
Rudolf:    V.  757  man  fehe  ße  fclünen  alle  friß 
reht  als  ein  lieht,  das,  vaße 
git  lieht  mit  hrehendem  glaße 
Honorius:    „cornu  splendens" 

Rudolf:    V.  475 lieht  als  ein  glas 

hat  er  ein  hörn 
Honorius:    „cauda  (est)  Scorpio" 
Rudolf:   V.  445  und  hat  an  im  vil  fcharpfen  zagel 

in  weffer  fpitze  als  ein  nagel 
Honorius:    „Qui  fuerint  capti,  ...." 
Rudolf:    V.  432  gefüegt  ez,  ßeh  fo,  da^  ez,  wirt 

gevangen  junc  in  halhesnamen 
In  stilistischer  beziehung  sucht  er  die  einförmigkeit  des  auf- 
zählens  dadurch  zu  unterbrechen,  dass  er  durch  anwendung  der  frage, 
vor  allem  aber  durch  eine  zusammenfassende  schlussweudung  in  form 
eines  ausrufes  den  Sätzen  eine  grössere  frische  zu  geben  beflissen  ist, 
So  z.  b.  einerseits 

V.  820  was,  der  hilande  mere  ß  ? 
925  weihe  der  undermarJce  fin? 


ßlK   GEOGRAPHIE    RUDOLFS   VON    EMS  449 

andererseits         363  und  ßnt  verdorben  fä  zehant 

Wirt  in  ein  boefer  fmack  beJcant  — 

da^  tvirt  ir  lehens  ende  iefä! 
1289  wan  nieman  drinne  mac  gewefen 

noch  von  vil  großem  froße  genefen: 

des  muo2,  da  ßn  der  bü  verhorn! 
ebenso:  447  da  mite  ez,  ofte  fchaden  tuot! 

457  fwä  ez,  daz,  bejagen  mac  — 

daz,  iß  ßn  beßer  bejac! 
718  an  genuhticUcJier  fruht 

iß  bez,z,er  lant  niht  ander swäl 
1541  da  mit  gefchiht  da  manegem  liep! 
Um  der  spräche  ferner  den  Charakter  der  natürlichkeit  und  leich- 
tigkeit  zu  wahren ,  finden  wir  das  übergehen  von  einer  construction  zur 
anderen  im  anmutigen  hingleiten  von  Rudolf  auch  für  seinen  geogra- 
phischen abschnitt  nicht  unschicklich  angewant;  wie  ja  sein  gefälliger 
satzbau  überhaupt  die  Gotfridsche  schule  verrät  und  alles  lob  ver- 
dient.    So  heisst  es  z.  b.  v.  1627  —  35: 

Von  iegelicJier  krifte 

da^  lant  daz,  er  da  ßifte  — 

die  ich  almeißic  nennen  wil, 

ß  mich  diu  mcere  tmd  ouch  ir  zil 

nach  der  antreite  bringet  hin; 

da  ich  ir  mcere  fol  von  in 

fagen  unde  tihten 

und  ir  getät  berihten  — 

da^  nü  fol  beliben  hie 
Ferner  vgl.  v.  862  —  69. 

Ist  unser  dichter  bestrebt,  durch  diese  berührten  stilistischen 
eigentümlichkeiten  seiner  länder-  und  Völkerkunde  woltuende  frische 
und  anmutsvolle  beweglichkeit  zu  verleihen ,  so  erreicht  er  diesen  zweck 
durch  geschickteste  handhabung  seiner  vers-  und  reimkünste  unstrei- 
tig in  noch  weit  höherem  masse.  Denn  es  ist  ihm  ohne  zweifei  gelun- 
gen, sowol  durch  enjambements  als  auch  durch  rime  famenen  und 
brechen,  sowie  durch  glückliche  Verwendung  und  Unterdrückung  der 
auftakte  ^  erfreulich  abwechslungreiche  und  lebensvoll  dahin  fliessende 
verse  zu  erzielen ,  welche  für  Rudolfs  rhythmisches  feingefühl  ein  schö- 
nes Zeugnis  liefern. 

1)  Oben  auf  s.  276  anm.  1  solte  es  heissen:  „Schwere  auftakte  sind  bei 
Rudolf,  wie  überhaupt,  so  auch  in  unserem  geographischen  abschnitte  allerdings 
nur  ganz  selten." 

29» 


450  DOBERENTZ 

Dazu  erhalten  seine  verse  noch  eine  grössere  mannichfaltigkeit 
und  reichere  gliederung  durch  eine  bemerkenswert  häufige  betätiguug 
von  reimkünsten ,  wie  er  sie  grösten  teiles  seinem  formkünstelnden  mei- 
ster  achtsam  abgelauscht  hatte.  Während  Rudolf  diese  künste  und 
künsteleien  aber  sonst  gewöhnlich  nur  vereinzelt  zur  schmückung  seiner 
verse  verwant  hat,  begegnen  sie  innerhalb  der  geographischen  partie 
verhältnismässig  sehr  zahlreich. 

So  z.  b.  hat  Rudolf  den  gehäuften  reim,  den  er  meist  zur  her- 
vorhebung  und  kenzeichnung  gewisser  stellen  ^  und  gern  zugleich  mit 
den  akrostichen^  zur  anwendung  bringt,  für  zierung  seiner  geographie 
in  folgenden  fällen  verwertet:  v.  839  —  42  aldä  :  Ltciä.  PampMliä  : 
da;  V.  1403  —  6  Atlas  :  was.  Atlas  :  las;  v.  1635  —  38  hie  :  ergie. 
lie  :  anevie;  ferner:  v.  667  —  70  gebar  :  fcMr.  fürwärijär;  v.  763  — 
66  genant  :  lant,  Jiänt  :  hegänt  und  ebenso  umgekehrt  v.  1115  — 18 
Mnt  :  hegänt.  lant :  genant.  Bei  v.  1319  —  22  zit :  git.  wit :  lit  komt 
in  V.  1321  noch  der  mittelreim  Itt  :  wit  hinzu.  —  Finden  wir  in  all 
diesen  fällen  die  reimhäufung  ganz  nach  Gotfrids  art  für  nur  je  zwei 
reimpaare^  gebraucht,  so  begegnet  eine  solche  für  drei  reimpaare  in 
V.  595  —  600  Mdahiten  :  Ammoniten.  Mädianiten  :  ßten.  Elatmten  : 
sUen. 

Den  gedoppelten  und  erweiterten,  in  der  verszeile  gleichsam 
rückwärts  verlängerten  reim  treffen  wir  an  in 

V.  239  nach  ir  alter  niuwiu  jugende 

Jcome  mit  üf  gender  tilgende 
V.  441  hat  an  dem  antlütse  ßn 
menfchen  antlütse  schin 
V.  879  der  teile  beßtsen  folden 

und  ze  teile  heßtsen  wolden 
Am  häufigsten  glaubte  Rudolf  durch  den   bei  Gotfrid   so  belieb- 
ten mittelreim   seine  geographie  auszieren   zu   können.    Da   lezterer 
bei  dem  vortrage  hörbar  werden  und  in  folge  dessen  leise  heraustreten 
muss,  so  erzeugt  er  in  der  verszeile  gleichsam  eine  cäsur. 
V.  83  als  uns  mit  rehter  wärheit 

diu  fchriß  der  wärheit  \  hat  gefeit 
237  unde  brennent  ßch  durch  das, 

in  dem  fiure,  da^  \  in  bas, 
289  daz,  ße  gebaren  fuln  ir  Teint: 
diu  Mnt  I  an  der  gebürte  ßnt 

1)  Siehe  diese  zeitschr.  IX,  s.  467. 

2)  Siehe  daselbst  s.  466  und  463. 

3)  Siehe  W.  Grimm ,  Zur  Geschichte  des  Reimes.     Berlin  1852.    S.  104. 


DIB   GEOGRAPHIE   RUDOLFS    VON    EMS  451 

449  fm  ßinime  [langen  wifpel  iß 

ftn  gedcene  iß  \  alle  friß 
519  /o  grö^,  ß  ßarc,  ße  ziehen  in 

zuozin  in  \  das,  waz,z,er  hin 
675  die  diet,  die  ifeln  und  diu  lant 

der  houhetlant  \  hie  ßnt  genant 
749  und  fwaz,  von  ßden  iß  erJcant 

der  lant  \  ßdz,t  an  difiu  lant 
999  vil  hoher  lande  houhetlant. 

ein  lant  \  iß  Mefßä  genant 
1043  unde  Elladiä  daz,  lant. 

ein  lant  \  iß  Atticä  genant 
1321  dar  inne  lit  \  vil  lande  tvlt. 

zem  erßen  in  der  lantmark  lit 

Hierher  sind  auch  fälle  zu  rechnen  wie 
V.  337  die  ßnt  äne  houbet 

und  houhet\es  herouhet 

717  an  landes  güete  mit  genuht 

an  genuht'icUcher  fruht 

1381  den  iß  mit  fnelleJceit  bereit 

alß  bereit \iu  fnelleJceit 

Darin  findet  zugleich  die  tautologie  dieser  verse  ihre  erklärung. 

Als  eine  besondere  art  des  mittelreimes  ist  ohne  zweifei  derjenige 
fall  aufzufassen,  in  welchem  die  beiden  reimworte  der  zeile  unmittel- 
bar auf  einander  folgen:  man  kann  alsdann  füglich  von  einseitig- 
gedoppelten oder  einseitig  verlängerten  reimen  sprechen.  Dass  diese 
reimart  aber  in  der  tat  eine  gesuchte  künstelei  ist,  welche  er  seinem 
meister  und  muster  abgesehen  hatte ,  erhelt  aus  folgender  Zusammen- 
stellung zur  genüge: 

Tristan  ^  riim  und  reine  ir  ßräz,e 
noch  an  ir  ßräz,e  läz,e 
V.  2701  die  gefuoren  alle  ba^  dan  ich 
wand  äne  ßtc  verreit  ich  mich 
Gut.  Gerh.  483  ze  lone  durch  min  arbeit  hän 
die  ich  durch  dich  hän  getan 
ebenda  1666  diu  edele  und  diu  reine 
was  ob  in  gar  fo  fchoene 
da^  ich  ir  fchoene  Jcroene 

1)  Siebe  Wackernagel ,  Lesebuch  I,  5.  aufl.  s.  667,  5. 


452  DOBERENTZ 

Bari.  300,  9  da^  ße  hegunden  ßre 
ie  mere  und  aber  mere 
den  junkherren  minnen 
in  ßnen  minnen  hrinnen 
Weltchr.  v.  11   (Vilmar  s.  60") 
aller  anegenge 
der  anegenge  lenge 
Geogr.  V.  87  das,  iß  daz,  Jiöhße  lanf 

das,  in  dem  teil  iß  lant  genant 
789  da  ßöz,et  an  ein  michel  lant 
daz,  ouch  iß  lioubetlant  genant 
Wiewol  diese  besondere  art  der  mittelreime  wie  die  gewöhnlichen 
und  einfachen  zumeist   durch  widerholuug   des  reimwortes  der  vorher- 
gehenden  (bez.  der  folgenden)    zeile  gebildet  werden,    so   stösst  man 
doch  auf  beispiele,  wo  dieses  nicht  der  fall  ist:  z.  b. 
Bari.  129,  9  das,  er  müeße  län 
vil  fchiere  leitliche 
da$  sergäncliche  riche 
Weltchr.  v.  287  (Vilmar  s.  64") 

das,  teilte  in  vier  teile  ßch 
der  vier  teile  ieglich  ßrich 
Geogr.  V.  1128  die  Jiänt  uns  fus  mit  wärheit 

der  lande  gelegenheit  gefeit 
Erscheint  unser  dichter  in  all  diesen  künsteleien  und  Spielereien 
als  der  gelehrige  schüler  Gotfrids,  so  hat  er  sich  in  löblichster  weise 
aber  auch  seinem  vorbilde  gemäss  den  wollaut  weicher  und  melodischer 
spräche  zum  ziele  gesezt  und  in  Wirklichkeit  auch  vielfach  mit  glück 
erreicht.  Wie  der  formgewante  grosse  epiker  sucht  er  dieses  vor  allem 
durch  widerholung  zumal  klangvoller  consonanten  im  wort- 
anlaute zu  bewirken.^ 

v.  280  (die)  se  houpten  hundes  houhet  liänt 
286  man  Jioert  ße  hundes  ßimme  hän 
375  hals  und  houbet  als  ein  hirs,^ 

1)  Durch  diese  Vorliebe  für  gleichklang  des  anlautes  entstehen  zuweilen 
unwilkürlich  und  naturgemäss  an  alliterationen  erinnernde  zeilen  wie: 

Tristan  v.  2164   dö  wcBren  yalken  yeile 

und  ander  fchcene  yederfpil 
Gut.  Gerh.  3374   der  -weide  hcehße  yierdelceit 

bejagt  ein  man  der  yväpen  treit 

2)  In  der  entsprechenden  stelle  der  vorläge  wird  von  „clunes  (=  hinterkeulen) 
cervi"  gesprochen:  Rudolf  wich  ohne  zweifei  hiervon  in  der  Übersetzung  ab  zugun- 
sten jenes  gleichklanges. 


DIE    GEOGRAPHIE   EüDOI.FS   VON   EMS  453 

469  hirzes  lioubet  hat  er  vor 
270  Bl  dl  feil  landen  hat  ein  laut 
ein  Hut 
1321  Dar  inne  lU  vil  lande  wit 

zem  crßen  in  der  lantmark  Vit 
ein  gro^  lant  heilet  Lihyä. 
dar  nach  lU  Cirenäicä 
1617  mit  namen  noch  genennet  niht 
330  fchirm  und  [chatte  zaller  zit 
707  noch  [chatte  für  der  [unnen  [chin 
534  der  züchet  an  [ich  zaller  zU 
367  da^  ße,  fivä  ße  die  vindent 
471  ßn  ßte  ßnt  unfüe^e 
496  die  ße  von  ir  felher  feit 
504  in  füez,es  fmaches  fiiez,e  git 
1534  fwer  ßn  felhes  ß  vergiz,z,et 
935  der  in  der  Swäbe  lande  fwebt 
603  alß  noch  ßiuz,et  unde  flöz, 
105  wan  in  der  wüeße  und  under  wegen 
iß  ivüeßer  wilde  vil  gelegen 
lu  1592  daz,  nach  dem  ivunfche  in  alle  wis 
aller  wünne  Wunsches  rät 
iibr  al  der  erde  wunne  hat 
sucht   unser  dichter  die   Schönheit   des  paradieses   durch   den  wonnig - 
weichen  TF-laut  zu  malen,  der  nebst  dem  fi'-laut  überhaupt  gern  von 
ihm   zum  klangvollen    spiele  verwendet  wird  —  gemäss  dem  glänzen- 
den  vorbilde    seines   formbegabten  meisters,   bei  dem  es  z.  b.  im  Tri- 
stan ^  heisst: 

diu  wifet  ße  ze  wunfche  wol; 
diu  weis,  wol,  ivä  ße  fuochen  fol 
Aus  demselben  streben  nach  wolklang  erklärt  sich  auch  Rudolfs 
Vorliebe  für  ausdrücke  wie  v.  1652  hinnan  hin;  711  dan  und  dar; 
1583  daz,  der  fchin  niht  abe  noch  an  \  fürhaz,  wenket  dar  noch  dan; 
15  von  jenen  her,  von  difen  hin;  371  mit  großer  kraft  her  unde  hin; 
1304  und  in  Europa  her  und  hin  \  diu  lant  zerteilten  fus  und  fö. 

3.  Werfen  wir  zum  Schlüsse  auf  Rudolfs  leistung  noch  einen 
prüfenden  blick,  so  müssen  wir  allerdings  gestehen,  dass  die  flihte, 
deren  unser  dichter  sich  in  seinem  ganzen  werke  befleissigen  wolte,  in 
der  geographischen  partie  freilich  sehr  vermisst  wird :  denn  die  umberede 

1)  S.  Wackernagel  Leseb.  I,  s.  664,  23. 


454  DOBERENTZ,  DIE  GEOGEAPHIE  RUDOLFS  VON  EMS 

ist  keinesweges  vermieden  worden,  sondern  umspint  vielmehr  mit  ihrer 
umrankuug  den  sonst  so  dürren  und  starren  geographischen  stoff. 
Jedoch  glaubte  Rudolf  all  dieser  zierraten  und  kunstmittel  benötigt  zu 
sein,  um  sein  Interesse  für  den  geographischen  gegenständ  auch  ande- 
ren mitteilen  zu  können.  Daher  hülte  er  seine  länder-  und  Völker- 
kunde in  die  kunstvoll  gewobene  höfische  prunkgewandung  ein.  Nicht 
als  die  „durchaus  schwächste/'  sondern  als  die  am  meisten  geschmückte 
und  gekünstelte  partie  der  Rudolfschen  Weltchronik  ist  demnach  deren 
geographische  einschaltung  hinzustellen.  Dass  Rudolf  sich  hinsichtlich 
der  Wissenswürdigkeit  seines  stoffes  und  der  art  seiner  behandhmg  des- 
selben über  die  erwartete  Wirkung  auch  wirklich  nicht  getäuscht  hatte, 
davon  überzeugten  wir  uns  bereits  eingangs  des  ersten  kapitels  dieser 
abhandlung:  fand  der  geographische  abschnitt  doch  noch  eine  grössere 
Verbreitung  als  die  Weltchronik  selber! 

In  Summa:  Rudolfs  Geographie  ist  nach  ihrem  Inhalte  keinesfal- 
les  „unbedeutend,"  sondern  als  Spiegelbild  geographischer  kentnisse 
des  mittelalters  höchst  beachtenswert.  Ihrer  form  nach  aber  ist  sie 
das  getreue  abbild  des  gekünstelten  wesens  während  der  nachblute  der 
klassischen  periode  höfischer  zeit.  Demzufolge  muss  sie  als  der  zeit 
ihrer  abfassung  ^  völlig  angepasst  und  durchaus  würdig  genant  und 
erachtet  werden. 

Aus  welchen  grundbestandteilen  aber  jene  geographie  sich  zusam- 
mengefügt hatte ,  als  deren  niederschlag  wir  Rudolfs  leistung  betrachten 
müssen;  welche  Völker  und  welche  zeiten  hierzu  beigesteuert,  und  sonach 
dazu  beigetragen  hatten,  jene  länder-  und  Völkerkunde  zu  bilden,  — 
darüber  wollen  wir  uns  schliesslich  im  folgenden  noch  klar  zu  werden 
suchen. 

1)  Ich  nehme  hier  gelegenheit ,  eine  ungenauigkeit  in  meiner  beweisführung 
(oben  s.  258  anm.  3)  betrefs  des  terminus  a  quo  der  abfassungszeit  von  Eudolfs 
Weltchronik  zu  berichtigen.  Nicht  darauf  ist  gewicht  zu  legen,  dass  Konrad,  als 
er  den  auftrag  erteilte,  schon  „könig"  genant  wurde:  denn  bereits  im  märz  1237 
liess  ja  Friedrich  IL  seinen  söhn  „den  könig  von  Jerusalem"  zum  deutschen  könig 
und  künftigen  kaiser  wählen.  Vielmehr  soll  aus  dem  umstände,  dass  jene  a.  a.  o. 
ausgehobeue  stelle  nach  der  erwähnung  des  todes  Friedrichs  II.  folgt,  die  Vermu- 
tung nahe  gelegt  werden,  dass  Konrad,  als  er  Eudolf  beauftragte,  bereits  „nach- 
folger  seines  vaters"  war.  Beweisend  bleibt  für  mich  aber  meine  schlussbemer- 
kung,  dass  Rudolf  es  sicherlich  nicht  unerwähnt  gelassen,  sondern  wol  eher  her- 
ausgehoben haben  würde,  wenn  er  wirklich  schon  vor  1247  an  der  Weltchronik 
gedichtet  hätte. 

(Fortsetzung  folgt.) 


455 


ACKERMANN   UND   AGRICOLA. 

In  der  mitte  des  16.  Jahrhunderts  lebten  ziemlich  gleichzeitig 
mehrere  mänuer  dieses  namens,  die  schon  häutig  mit  einander  ver- 
wechselt worden  sind ,  zumal  da  sie  alle  den  vornamen  Johann  führen 

1.     Jobanii  Aekermaim. 

Dieser,  ein  Zeitgenosse  Paul  Rebhuns  und  Joachim  Greffs,  lebte 
in  Zwickau  und  gilt  algemein  als  der  Verfasser  eines  dramas  vom  Ver- 
lorneu söhn  (zuerst  in  Zwickau  1536  aufgeführt  und  gedruckt)  und  von 
Tobias  (1539).  Ausserdem  wird  ihm  noch  ein  gedieht  „  Die  Burkharts 
vn  Martini  Gans''  mit  recht  zugeschrieben,  denn  der  Gutknechtsche 
druck  hat  am  schluss  den  namen  des  Verfassers:  Hans  Ackermann. 
(Goed.  281,  35.  Weimar.  Jahrb.  6,  35  fgg.)  Von  seinen  lebensver- 
hältnissen  ist  leider  nichts  bekant.  Betrefs  der  litteratur  verweise  ich 
auf  Holstein,  Das  Drama  vom  verlornen  Sohn,  Halle  1880.  S.  21  fgg. 
Sein  Verlorner  söhn  wurde  von  vielen  bearbeitern  dieses  biblischen  Stof- 
fes benuzt,  u.  a.  auch  vom  Goslarer  rector  Johann  Nendorf,  der  in 
der  Widmung  seines  Asotus  (1608)  bekent  einiges  aus  der  comödie 
Johannis  Agricolae  entlehnt  zu  haben.  Hier  nennt  ihn  Nendorf  ganz 
wilkürlich  Johannes  Agricola,  offenbar  nur  veranlast  durch  das  streben 
zu  latinisieren. 

3.    Johann  Agricola  aus  Eisleben. 

Dieser  ist  der  durch  seine  antinomistischen  Streitigkeiten  und  als 
mitverfasser  des  Interims  bekante  theologe,  der  eigentlich  Schnitter 
hiess,  gewöhnlich  mit  dem  zusatz  Islebius  benant,  weil  er  aus  Eis- 
leben stamte.  Hier  wirkte  er  auch  von  1525  — 1536  als  rector  der 
schule  und  prediger  au  der  S.  Nikolaikirche. 

Da  die  Stellung  Agricolas  in  der  litteraturgeschichte  noch  immer 
zu  wenig  gewürdigt,  auch  zulezt  von  Gass  in  der  Allg.  Deutschen  Bio- 
graphie 1,  146  mehr  seine  theologische  bedeutung  hervorgehoben  ist, 
so  will  ich  versuchen  dies  nachzuholen.  Ich  sehe  indes  von  seiner 
bekanten  sprichwörtersamlung  ab. 

Schon  während  seiner  lehrtätigkeit  in  Eisleben  entstand  eine  latei- 
nische und  deutsche  ausgäbe  der  Andria  des  Terenz,  die  aber  erst  1543 
im  Druck  erschien.  (Goed.  288,  1.  g.)  Schon  1544  erschien  eine 
zweite  ausgäbe. 

Terentii  An-  |  DRIA  GERMANICE  REDDITA  |  et  Scholijs  illuf-  | 
trata.  |  lOANN.  AGRI.  ISLEB.  AVTORE  |  M.  D.  XLIIII.  |  —  Turpe 
eft  minima  nefcire  |  üne  quib.  magna  preitari  |  non  poITunt.  |  —  Am 
schluss:  Impreflum  Berlin.     Anno  Domini  M.  D.  XLIIII.  310  bl.    8«. 


456  HOLSTEIN 

Die  an  Erich  II  von  Braunschweig  -  Lüneburg  gerichtete  Widmung, 
datiert  Vigilia  Natalis  Christi  (24.  Dezember)  Berlini  M.  D.  xliiii, 
erwähnt,  dass  dies  eine  arbeit  seiner  jüngeren  jähre  sei,  die  er  bereits 
vor  mehr  als  den  sprichwörtlichen  neun  jähren  begonnen  habe.  Mit 
Vorliebe  trieb  der  junge  schulmann  terenzianische  Studien  und  war  von 
dem  werte  und  der  bedeutung  des  Terenz  so  sehr  überzeugt,  dass  er 
ihn  auswendig  zu  lernen  empfahl,  teils  zur  förderung  der  sprachlichen 
gewantheit,  teils  zur  aneignung  einer  reichen  füUe  praktischer  lebens- 
weisheit.  In  dieser  beziehung  besteht  Agricolas  arbeit  nicht  eigentlich 
in  einer  Übersetzung  oder  in  einem  fortlaufenden  commentar.  In  dem 
nach  der  recension  des  Johann  Rivius  gegebenen  text  ist  die  deutsche 
Übersetzung  dazwischen  geschoben  und  dann  und  wann  sind  in  latei- 
nischer spräche  geschriebene  anmerkimgen  und  erklärungen  eingeschal- 
tet. Wenn  auch  Agricola  namentlich  auf  den  deutschen  ausdruck 
grosse  Sorgfalt  verwendet  hat,  so  hat  die  ausgäbe  doch  für  den  Philo- 
logen keinen  wissenschaftlichen  wert. 

Über  eine  zweite  verbesserte  ausgäbe  von  1602  s.  Gottsched  Not. 
Vorrat  2,  241  und  Kordes,  Joh.  Agricolas  Schriften  s.  339. 

Agricola  gab  1536  sein  schul-  und  geistliches  amt  in  Eisleben 
auf  und  begab  sich  nach  Wittenberg,  wo  er  die  erlaubnis  erhielt,  Vor- 
lesungen zu  halten,  1537  veröjffentlichte  er  seine  gegen  die  bedeutung 
des  gesetzes  für  die  busse  gerichteten  thesen  und  begann  damit  einen 
kämpf  gegen  Luther,  der  ihm  1538  in  fünf  disputationen  und  1540  in 
einer  sechsten  antwortete.  1537  gab  er  anonym  eine  tragödie  „Johann 
Huss"  heraus. 

Tragedia  Jo-  I  hannis  Hufs,  welche  |  auflf  dem  Vnchriftlichen  Con- 
cilio  I  zu  Coltnitz  gehalten,  allen  Chri-  |  ften  nützlich  vnd  troftlich 
zu  I  lesen.  [Brustbild  von  Huss  mit  dem  namen  Johannes  Huss.] 
Witemberg.  M.  D.  xxxvij.  Am  schluss:  Gedruckt  zu  Vittem  |  berg 
durch  Georgen  |  Rhaw.  |  —     48  bl.     8*^.     (In  Zwickau.) 

Eine  ausgäbe  ohne  angäbe  des  druckortes  und  jahres  findet  sich 
ebenfals  in  Zwickau.  Das  auf  dem  titel  befindliche  bild  Hussens  trägt 
in  kapitalbuchstaben  die  Umschrift :  Credo  uuam  esse  ecclesiam  sanctam 
catholicam.  Das  auf  der  lezteu  seite  befindliche  bild  zeigt  Huss  mit 
der  ketzermütze  auf  dem  Scheiterhaufen  und  trägt  in  zwei  concentri- 
schen  kreisen  die  Umschrift:  Centum  revolutis  annis  deo  respondebitis 
et  michi.  anno  a  Christo  nato  1415  Jo.  Hus  condemnatur. 

Eine  dritte  in  Berlin  befindliche  ausgäbe:  „Wittemberg  M.  D. 
xxxviij."  Am  schluss:  „Gedruckt  zu  Wittemberg  durch  Georgen 
Rhaw"  führt  Goedeke  s.  308,  140  an. 


ACKERMANN   UND   AGRICOLA  457 

„Allen  Christgleubigen  Lesern  Guad  vnd  Fried  von  vnferm  Hei- 
land Jhefu  Chriilo''  so  begint  die  vorrede,  in  welcher  sich  der  Verfas- 
ser über  den  zweck  der  abfassuug  folgendermassen  äussert:  „  Derhalben, 
nachdem  die  hütoria,  des  heilige  Merterers  Johannis  Hus  jnn  reime 
vnd  einer  Tragedienweife ,  verfaffet,  habe  ich  gerne  gefehen ,  das  folche 
Hilloria  auch  dermaffeu  gelefen  vnd  gefpielt  wiirde ,  Auö"  das  jederman, 
jung  vii  alt,  diefes  greulichen  lefterers,  des  Antichrifts,  vnd  aller  sei- 
ner rotte,  vorfürung  vnd  Tyranney,  vö  tag  zu  tage  feinder  wurde. 

Wie  wir  denn  jnn  diefer  Hiftoria  fehe,  das  Chriftus  mit  feim  wort,  von 
der  Antichriftifchen  Synagog  jm  Concilio  zu  Coftnitz,  on  alle  fchew 
oifentlich  vordampt  worden  ift."  Weiter  spricht  er  von  der  Prophe- 
zeiung Hussens :  „Inn  deme  das  fie  [die  antichristliche  rotte]  verhoffen, 
durch  jren  mord,  diefer  Gans  gefchrey  zu  Mlen,  erweckt  Gott  der 
Herr  (wie  Johan  Hus  zuuor  verkündiget  hat)  diefe  vorfengte  Gans, 
wider  von  den  toten  auff,  vnd  gefchicht  eine  folche  vorwandlunge ,  das 
fie  jnn  ein  fchnee  weilfen  Schwä  vorwandelt  wird  vn  dieweil  fie  der 
heifchern  Gans  gefang,  zuuor  nicht  haben  wollen  boren,  so  muffen  fie 
jtzund,  es  fey  jnn  lieb  oder  leid,  one  allen  danck,  diefes  Schwane 
helle  vnd  liebliche  ftimme,  nicht  jnn  Behem  allein,  fondern  vber  die 
gantze  weit  schier,  boren  fingen  vnd  klingen." 

Der  zweck,  den  der  Verfasser  mit  der  herausgäbe  des  spieles 
verband,  war  also  ein  rein  theologischer.  Er  wolte  die  papistischen 
Umtriebe  schildern ,  welche  Hus ,  einen  märtyrer  der  christlichen  kirche, 
auf  den  Scheiterhaufen  gebracht  hatten.  Dass  Hus  noch  in  vieler  bezie- 
hung  von  der  protestantischen  lehre  entfernt  war,  vergass  der  Verfas- 
ser volständig,  und  darum  muste  er  auch  den  zorn  Luthers  und  der 
Wittenberger  theologen  erfahren,  wie  wir  nachher  ausführen  werden. 

Das  stück,  das  auch  von  Gottsched  Not.  Vorrat  I,  75  imter 
angäbe  des  personals  und  des  Inhalts  erwähnt  wird,  liefert  ein  treues 
bild  von  den  vergangen,  welche  sich  auf  dem  concil  zu  Kostnitz  bei 
dem  process  des  Johann  Hus  abspielten.  Es  treten  38  personen  auf, 
darunter  der  papst  Johann  XXHI,  könig  Sigismund,  der  patriarch  von 
Konstantinopel,  die  cardinäle  von  Florenz  und  Camerach,  11  bischöfe, 
der  pfalzgraf  bei  Ehein,  der  burggraf  von  Nürnberg. 

In  der  vorrede  zeigt  der  Verfasser,  wie  gott  über  die  menschen, 
die  sein  heiliges  wort  nicht  annehmen,  immer  strafen  gesant  habe,  so 
zu  Noahs  zeit,  beim  untergange  von  Sodom  und  Gomorra,  über  Pharao 
in  Ägypten ,  das  jüdische  volk ,  Nebucadnezer  usw.  Endlich  komt  er 
zum  papsttum  und  dem  antichrist. 

Den  Bablt  ich  mein  zu  diefer  frift. 
Der  ilt  derfelbig  Antichrilt 


458  HOLSTEIN 

Mit  feinem  Reich  jnn  großer  pracht, 

Der  wirt  billich  dauor  geacht. 

Nach  dem  er  auch  gantz  nichts  thut  lern, 

Allein  Gottes  wort  verkeren. 

Und  ob  wol  Gott  zu  zeiten  fend 

Ein  fromen  man,  doch  so  behend. 

Der  Babft  den  hat  hören  nennen, 

Hat  er  jn  bald  thun  verbrennen. 

Wie  auch  gefchehen  ift  verwar, 

Vor  hundert  drey  vnd  zwentzig  jar 

Den  fromen  man  vnd  Gotteskind 

Johann  Hufs;  dauon  wir  fpielen  hint. 

Vnd  hie  erzelen  fein  gefchicht. 

Wie  graufamlich  er  ift  gericht  usw. 
I.  Der  kanzler  des  concils  eröfnet  namens  des  papstes  und  königs 
das  concilium.  Die  böhmischen  edelherren  Johann  von  Chlum  und 
Heinrich  von  Latzenbock  erklären,  dass  sie  Johann  Hus  zum  Concil 
begleitet  haben.  Darauf  erhebt  Michael  de  Causis  und  mag.  Stephan 
Paleö  die  anklage  gegen  Hus,  indem  sie  drei  gegen  die  katholische 
lehre  gerichtete  artikel  aus  seinen  Schriften  anführen.  Ein  prediger, 
ein  barfüsser-  und  ein  frauenbrüdermönch  erklären  die  lehre  von  Hus 
für  ketzerei. 

n.  Hus  wird  vor  den  kardinalen  verhört,  nachdem  er  durch  die 
bischöfe  von  Augsburg  und  Trieut  eingeladen  ist. 

Wir  habn  dich  bofswicht  in  henden. 
Wirft  dich  fobald  von  vns  nicht  wenden, 
sagt  Michael  de  Causis.     Hans  von  Chlum  beruft  sich  auf  den  geleits- 
brief  des   kaisers.     Auf  verschlag  Michaels   werden   der  patriarch   von 
Constantinopel  und  die  bischöfe  von  Castel  und  Lübeck  zu  commissa- 
rien  des  processes  ernant, 

HI.  Die  böhmischen  freunde  Hussens ,  ausser  den  genanten  noch 
Wenzel  von  Duba,  verwenden  sich  noch  einmal  für  Hus  unter  berufung 
auf  den  kaiserlichen  geleitsbrief.  Der  kanzler  verliest  ihnen  11  ketze- 
rische artikel  aus  hussischen  Schriften.  Der  pfalzgraf  bei  Rhein  und 
der  burggraf  von  Nürnberg  verkündigen  den  wünsch  Sigismunds,  Hus 
nicht  zu  verdammen.  Verhandlungen  zwischen  den  cardinälen  und  Hus. 
Der  könig  ermahnt  ihn  sich  dem  concil  zu  unterwerfen. 

IV.  Weitere  Verhandlungen.  Sie  enden  damit,  dass  der  könig 
Hus  den  cardinälen  zum  richten  übergibt.  Hus  wird  zu  dem  altar 
geführt,  auf  welchem  die  messgewänder  liegen. 


ACKERMANN   UND    AGRICOLA  459 

V.  Predigt  des  bischofs  von  Limd.  Hus  wird  seines  priester- 
gewandes  entkleidet,  mit  einer  ketzerniütze  versehen  und  zum  Schei- 
terhaufen geführt.     Seine  lezten  werte  sind : 

Herr  Jhefu  mein  Erlöfer  vnd  Gott, 

Diefen  fchentlichen  greulichen  todt 

Wil  ich  vmb  deines  Namens  not 

Vmb  dein  Zeugnis  vmb  dein  wort 

Gedftltig  mit  deiner  hülff  trogen, 

Thu  dir  lob,  ehr  vnd  danck  fogen. 

Vor  dein  gnad  auch  allermeÜt, 

Inn  dein  Hend  befehl  ich  meinen  geilt. 
Darauf  verkündet  ein  prophet,   dass  über  hundert  jähr  ein  weis- 
ser schwan   kommen   werde,    der   einen   lieblichen   gesang   anstimmen 
werde ,  nachdem  sie  eine  gans  verbrant  hätten. 

Zum  beschluss  eine  ermahnung,  an  der  reinen  lehre  und  dem 
Worte  gottes  festzuhalten. 

Laffen  vns  gefallen  fein  wort, 

Tragen  fein  Creutz  an  allem  ort 

Er  hilfft  vns  auch  ftetiglich 

Nach  allem  wundfch  erzeigt  er  fich. 

Des  jm  danckt  die  gantz  Chriftenheit 

Von  nun  an  bis  jnn  ewigkeit. 

Grosse  dramatische  Vorzüge  hat  das  spiel  nicht ,  aber  es  ist  neben 
den  anderen  dramatischen  erzeugnissen  des  XVI.  Jahrhunderts  ein  denk- 
würdiges Zeugnis  für  die  ausserordentliche  productivität  jener  zeit  und 
für  das  fast  krankhafte  streben,  alle  möglichen  stoflfe  zu  dramatisieren. 
Obwol  der  stoff  des  Spieles  an  sich  so  spröde  als  möglich  war,  da  es 
sich  doch  nur  um  eine  äussere  inscenierung  der  concilsverhandlungen 
handelte,  die  mit  der  Verurteilung  des  Hus  enden,  während  eine  fei- 
nere Charakterisierung  der  auftretenden  personen  nirgend  bemerkbar  ist, 
so  hat  es  doch  der  Verfasser  verstanden,  dem  leser  ein  lebendiges  bild 
von  dem  treiben  der  gegnerischen  partei  zu  geben,  und  sein  bestreben, 
den  Vorläufer  der  reformation  durch  sein  drama  zu  verherrlichen,  ver- 
dient unsere  anerkennung. 

Der  beweis ,  dass  die  tragödie  von  Johann  Hus  den  Eisleber  Johann 
Agricola  zum  Verfasser  hat,  ist  bis  jezt  noch  nicht  geführt  worden. 
Nach  Adelung  zu  Jöcher  wird  sie  auf  grund  der  bemerkung  im  Catal. 
Bibl.  (Em.  Goth.)  ßeckeri,  Dresden  1773,  dem  Agricola  zugeschrieben, 
während  Gottsched  Not.  Vorr.  I,  76  den  Verfasser  gar  nicht  nent.  Kor- 
des,  Joh.  Agricolas   Schriften   s.  200   führt  den  titel  der  tragödie  an, 


460  HOLSTEIN 

fügt  aber  sonst  niclits  liinzu.  Ebenso  bemerkt  Goedeke  s.  111,  3  unter 
Job.  Agricola  von  Eisleben:  „Von  ihm  auch  ein  Schauspiel:  J.  Huss." 
Den  titel  gibt  er  s.  308,  139.  140  au  mit  dem  zusatz  „von  Johann 
Agricola."     Aus  der  sodann  folgenden  erwähnuug  von 

„Ein  heimlich  Gefprech  |  von  der  Tragedia  Johannis  Huffen,  |  zwi- 

fchen  D.  Mart.   Luther  vnd   fei-  |  nen   guten  Freunden ,    Auff  |  die 

weiß  eyner  Co-  |  medien.  |  Durch  Joan.  Vogelgefang.  |  Anno  |  M.  D. 

XXXIX.     23  bl.     4«. 

macht  Goedeke   die   Schlussfolgerung,   dass  Agricola  der  verfasset   der 

tragödie  sei,    indem   er  hinzufügt:    „Es  geht   darin  über  Agricola  als 

Verfasser  und  unbesonnenen  herausgeber  der  tragödie  her." 

Das  genante  gespräch  liefert  den  untrüglichen  beweis  von  der 
Urheberschaft  Job.  Agricolas  aus  Eisleben.  Es  verlohnt  sich  der  mühe, 
da  das  gespräch  auch  in  anderer  beziehung  wichtig  ist,  auf  dasselbe 
etwas  näher  einzugehen. 

Procopius  Spalicius  von  Piltze  (Pilsen)  entbietet  in  der  vorrede 
dem  ehrwürdigen,  achtbaren  und  wolgelahrten  herrn  mag.  Johannes 
Horatius  zu  Budweis  seinen  willigen  dienst  und  alles  gute.  Er  bemerkt 
im  eingang,  dass  ihm  in  diesen  tagen  des  neuen  Jahres  (die  vorrede 
datiert  aus  Przibram  am  8.  Januar  1538)  als  neue  zeitung  aus  Witten- 
berg zwei  Schriften  über  den  mag.  Johann  Hus  zugesant  seien,  und 
zwar  eine  im  druck  erschienene  tragödie  Jobannis  Huss,  ohne  namen 
des  autors,  die  andere  geschrieben  unter  dem  titel:  Ein  heimlich  Ge- 
spräch über  genannte  Tragödie,  verfasst  von  Joan  Vogelgesang  latei- 
nisch Avicinius.  Diese  zweite  schrift  habe  bei  ihm  weit  grösseres  anse- 
hen als  die  gedruckte  tragödie,  obwol  der  druck  derselben  zu  Witten- 
berg nicht  zugelassen  sei.  Er  bemerkt  ferner,  es  sei  ihm  geschrieben 
worden ,  dass  die  genante  tragödie  zu  Torgau  öffentlich  gespielt  worden 
sei.^  Es  erscheint  ihm  aber  diese  nachricht  nicht  glaubhaft,  weil  sich 
der  Verfasser  nicht  dazu  bekenne  und  so  vieler  grosser  herren  löbliches 
gedächtnis  darin  angetastet  und  wider  die  Wahrheit  der  akten  verun- 
glimpft werde.  Es  wird  die  tragödie  ein  „Namlos  vnd  auffrürerifch 
gedieht  vnd  famoses  libell "  genant ,  an  welchem  ehrliebende  leute  kein 
gefallen  finden  könten.  Selbst  Luther  habe  sie  nicht  gefallen,  wie  das 
„heimlich  Gesprech"  beweise.  Nun  übersendet  der  Vorredner  beide 
Schriften  an  mag.  Horatius  mit  der  bitte ,  dieselben  als  neue  zeitung  von 

1)  Dass  die  tragödie  „des  heil.  Merterers  Sanct  Johannis  Huss"  oebst  der 
,, Judith"  und  dem  „Spiel  von  Jacob  und  seinen  zwölf  Söhnen"  auf  befehl  und  in 
gegen  wart  des  kurfürsten  Johann  Friedrich  öffentlich  aufgeführt  worden  ist,  sagt 
Greff  in  der  vorrede  zum  Abraham  (1540). 


Ä.CKERMANN   UND   AGRICOLA  461 

ihm  anzunehmen ,  damit  ev  die  ansieht  anderer  gelehrten  leute  in  Böh- 
men über  dieselben  erfahre.  Er  bemerkt  weiter,  er  liabe  noch  von 
keinem  Hussiten  seiner  nachbarschaft  vernommen,  dass  ihm  die  genante 
tragödie  gefallen  habe.  Die  Hussiten  legten  es  den  Deutscheu  übel 
aus,  dass  sie  mit  diesem  spiel  den  Böhmen  zu  „hofiren"  vermeinten, 
wodurch  sie  ihre  eigenen  vorfahren  hohen. Standes  und  adels  mit  sol- 
chem gedieht  „  berüchtigen "  und  die  verstorbenen  verurteilen.  Sie 
sagen  auch ,  wenn  sie  einen  Böhmen  wüsten ,  der  an  seinen  voreitern 
und  Vaterland  so  übel  täte  und  so  unehrlich  handle,  weiten  sie  ihn 
spiessen  oder  zum  wenigsten  in  die  Mulde  oder  in  die  Eger  werfen. 

Das  „  heimlich  Gesprech "  könte  man  versucht  sein  für  ein  drama 
zu  halten,  da  es  in  fünf  akte  zerfält,  von  denen  jeder  wider  verschie- 
dene scenen  enthält  (nur  der  dritte  enthält  nur  eine  scene).  Es  ist 
aber  in  der  tat  nur  eine  Unterredung,  die  handlung  tritt  ganz  zurück. 
Die  personen  sind  Luther,  Melanchthon,  Jonas,  Spalatin,  Agricola, 
sowie  deren  frauen  Käthe,  Prisca,  Elsa,  Gutta,  Martha  und  Agricolas 
tochter  Ortha. 

1,  1.  Luther  fragt  den  mag.  Philipp,  ob  er  die  neue  tragödie 
von  Johann  Huss  in  druck  gegeben  habe  ?  Dieser  antwortet :  Ich  höre 
sagen,  mag.  Agricola  von  Eisleben  sei  der  Verfasser,  sie  gefalle  ihm 
nicht  sehr ,  sie  sei  einer  tragödie  so  ähnlich  wie  ein  rabe  einem  schwan. 
„Der  tolle  Dumküen"  unterstehe  sich  tragödieu  zu  schreiben  und  ver- 
stehe nichts  davon ;  es  wäre  besser  gewesen ,  er  wäre  zu  Eisleben  geblie- 
ben und  hätte  den  schützen  und  bacchanten  seinen  Terentius  resumirt; 
er  tue  der  ganzen  Universität  schände  und  Unehre  an  mit  dieser  töl- 
pischen  tragödie.  „Wenn  ich  sie  mit  den  tragödien  des  Sophokles, 
Euripides  oder  Seneca  vergleiche,  so  werde  ich  schamrot.  Zunächst 
ist  der  stil  viel  zu  gering  und  niedrig,  sodann  ist  die  zahl  der  auftre- 
tenden personen  zu  gross ,  da  auch  noch  eine  menge  diener  nötig  sind. 
Dazu  sind  die  reime  oft  ungereimt  und  kindisch  gekuppelt  und  mit 
unnötigen  werten  genötigt." 

2.  Jonas  bedauert,  dass  sich  der  Verfasser  nicht  genant  habe, 
als  ob  er  sich  seines  namens  schäme.  „Als  viel  ich  aber  abmerken 
kann,  so  hat  freilich  Agricola  solche  tragedie  in  druck  gegeben,  denn 
er  auch  (vor  8  jähren)  des  Hussiten  historie  (darauß  diese  tragedie 
gezogen   ist)  hat   drucken   lassen."  ^     Spalatin   und  Agricola  kommen 

1)  Agricola  liess  1529  anonym  erscheinen:  ,,Hiftory  vnd  warhafftige  Geschieht, 
wie  das  heilig  Euangelion  mit  Joh.  Huffen  ym  concilio  zu  Coftnitz,  durch  den 
Bapft  vnd  feinen  anhang,  öffentlich  verdamjjt  ift,  Jm  Jahre  nach  Chrifti  vnfers 
Herrn  Geburt,    1414.    Mit  angehängter  Proteftation  des  Schreibers,  der    bei  allen 


462  HOLSTEIN 

hinzu.  Wer  ist  der  autor,  fragt  Jonas.  Weisst  du  nicht,  welcher 
unter  uns  ein  poet  ist?  sagt  Spalatin.  Jonas:  Es  ist  aber  hier  nicht 
schlechte  poeterei  sondern  es  ist  historia  und  theologie  mit  eingemen- 
get.  Da  der  name  des  autors  fehlt,  so  werden  die  papisten  die  tragö- 
die  für  apokryphisch  und  verdächtig  halten  usw. 

II,  1.  Luther  klagt-,  dass  seine  gehülfen  aus  Hus  einen  rechten 
papisten  in  der  lehre  gemacht,  da  sie  brächen,  was  er  baue,  und  ver- 
dürben ,  was  er  gut  mache.  „  Ich  wolte  das  man  solchen  buchschreibern 
die  fiuger  abhawet  vnd  die  hende  in  heiß  pech  stecket."  „Warum 
habt  ihr  das  buch  nicht  zuvor  besichtigen  lassen ,  so  ihr  doch  des  kur- 
fürsten  befehl  vom  buchdrucken  kent?"  Agricola  wendet  hierauf  ein, 
dass  seine  tragödie  den  Hus  lobe  und  die  Papisten  schände  und  Luther 
weit  über  Hus  rühme,  soweit  ein  schwan  besser  und  edler  denn  eine 
gans  sei,  dass  er  nur  das  was  in  der  von  ihm  vor  acht  jähren  heraus- 
gegebenen historia  überhaupt  stände ,  reimweise  in  die  tragödie  gezogen 
habe.  Luther  bespricht  nun  einzelne  artikel  der  hussischen  lehre, 
besonders  die  vom  Sakrament  des  altars. 

2.  Agricola  macht  besonders  geltend,  dass  die  tragödie  dem 
gemeinen  mann  deutlich  vor  äugen  stelle,  wie  grosses  unrecht  dem 
Hus  durch  das  concil  geschehen  sei.  Melanchthon  spricht  sich  gegen 
den  nutzen  der  dramatischen  aufführungen  aus:  „Es  gebricht  zwar  one 
das  jederman  geldes  vnd  were  besser,  der  gemeyne  mann  wartet  seiner 
arbeyt,  damit  er  weih  vnd  kinder  erneret,  denn  das  er  sich  mit  sol- 
chem spiel  bekümmere  usw. 

III.  Luther  wünscht,  die  neue  tragödie  und  die  alte  historia 
wären  beide  mitten  in  der  Elbe  oder  mitten  im  loch  des  feurigen  ber- 
ges  Aetna  in  Sicilien;  der  teufel  habe  beide  hervorgebracht,  um  seine 
lehre  des  reinen  evangeliums  zu  verhindern.  „Solche  geselln  die  mir 
in  rück  zu  nachteyl  meiner  lere  vnd  des  Evangelii  bücher  vnbesichtigt 
lasset  außgehen ,  sind  werd ,  das  man  sie  über  eine  kalte  klingen  sprin- 
gen lasse."  Agricola  bekent ,  dass  er  es  dem  evangelium  zu  gut  getan 
habe,  denn  Joh.  Hus  habe  sich  auch  für  gut  evangelisch  ausgegeben. 
Luther:  „Er  ist  wol  gut  evangelisch  gewest  wider  des  Papst  weltliche 
pracht  vnd  der  Pfaffen  geitz  vnd  hurenleben,  ist  aber  sonst  in  vielen 
Artikeln  der  Lehre  vnd  des  Glaubens  papistisch  geblieben."  Im  anfang 
seiner  Verteidigungsschrift  rede  Hus  vom  obersten  bischof,  er  meine 
offenbar  den  papst  damit.  Es  werden  weiter  die  andern  artikel  der 
hussischen  lehre  besprochen,   zulezt  auch  die  lehre  vom  Sakrament  des 

ftücken  vnd   puncten  gewefen  ift."    Ein  nachdruck  erschien  1548.    (Kordes,   Agri- 
colas  Schriften  s.  194.  195.     Biederer,  Nachrichten  3,  468.) 


ACKERMANN  UND   AGRICOLA  463 

altars.  Zulezt  verbietet  Luther  dem  Agricola  als  dem  erklärten  Ver- 
fasser Vorlesung  und  predigt,  so  lange  die  tragödie  feil  stehe.  Wider- 
ruft ihrs?  „Ich  weiss  niclit  zu  widerrufen,"  sagt  Agricola.  Luther: 
Ei  so  heb  dich  immer  davon,  du  loser  mann,  meinst  du,  ich  soll 
meine  sache  um  deinetwillen  verderben. 

IV  und  V.  Agricolas  frau  vermittelt  in  Verbindung  mit  den  ande- 
ren frauen  bei  Luthers  Katharina,  dass  dieser  das  an  Agricola  erlas- 
sene verbot,  Vorlesungen  zu  halten  und  zu  predigen,  zurücknimt. 
Käthe  verkündet  das  urteil :  „Wiewol  mein  herr  hart  wider  euch  erzörnt 
was,  fo  hab  ich  doch  fo  viel  bitt  vnd  fleiß  fürgewendt,  das  mein  Herr 
lall  allen  zorn  gegen  euch  fallen,  ihr  folt  Lesen  vnd  Predigen,  wie 
vor,  er  will  ewer  gnediger  Herr  fein,  jedoch  mit  diefem  beding,  das 
ihr  hinfort  one  fein  wiflen  vn  willen  nichts  folt  in  druck  laffen  auß- 
gehen.     Gott  gebe  euch  glück  dazu." 

Das  ist  der  inhalt  des  heimlichen  gespräches.  Es  erhelt,  dass 
der  Eisleber  Agricola  der  Verfasser  der  tragödie  Johannis  Hussen  ist. 
Wir  führen  zum  überfluss  noch  IV,  1  an.  Martha  fragt:  was  habt  ihr 
ihm  (Luther)  getan  ?  Agricola  erwidert :  Nichts  anders  dann  das  ich 
des  Huffen  Tragedia  hab  in  Druck  gegeben. 

Es  ist  noch  zu  bemerken,  dass  akt  IV  und  V  eine  beissende 
Satire  auf  Luthers  ehe  bilden.  Ich  werde  hierüber  und  über  den  Pseu- 
donymen Verfasser  des  gesprächs ,  Simon  Lemnius ,  noch  ausführlich 
sprechen. 

3.    Johann  Agricola  aus  Spreniberg. 

Über  Johann  Agricola  aus  Spremberg  in  der  Niederlausitz  ist  nur 
wenig  zu  sagen  und  ich  kann  zu  dem,  was  Gass  in  der  Allg.  Deut- 
schen Biographie  1,  148  (nach  Kordes,  J.  Agricolas  Schriften  s.  25  —  36) 
über  ihn  mitteilt,  fast  nichts  hinzufügen.  Er  lebte  in  der  ersten  und 
bis  in  die  zweite  hälfte  des  16.  Jahrhunderts,  war  pastor  prim.  in  Bautzen 
und  starb  am  30.  august  1590.  Mit  Sicherheit  werden  ihm  folgende 
Schriften  beigelegt. 

1.  Kurtze  Kegeln,  |  Wie  man  fich  im  gantzen  Leben  halten 
foU,  für  die  |  Jungen  Knaben  vnd  Mägdlein,  in  Reim  ge-  |  bracht, 
durch  I  Joh.  Agr.  Spremb.  45  bl.  8^.  Abgedruckt  hinter  Oecono- 
mia  Bericht  von  Haußhalten  M.  Johann  Mathesius.  (Haußhaltung 
Johannis  Mathelii  Prediger  im  Joachimsthal.)  1564  und  in  Leip- 
ziger Sammlungen  von  Wirthfchafftlichen ,  Policey-Cammer-  und 
Finantz- Sachen.     VIII,  306—323. 

Der  dichter  begint  mit  einer  ermahnung  zur  anrufung  gottes: 

ZEITSCHB.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.     BD.    XII.  30 


464  HOLSTEIN 

Vor  allen  Dingen  den  ewigen  Gott 
Euf  sehnlich  an  in  aller  Noth. 

Es  folgen  dann   eine   reihe   von  pädagogischen  regeln  und   Sprüchen, 

mitunter  auch  nicht  ganz  decenter,  wie: 

Glaub  keinem  Wolff  auf  grüner  Heid, 
Auch  keim  Juden  auf  feinen  Eid, 
Auch  keinem  Münch  auf  fein  Gewißen, 
Du  wirft  fonft  von  allen  Dreyeu  be 

Der  schluss  lautet: 

Die  Kegel  fein,  ihr  jungen  Knaben, 
Solt  ihr  mit  Fleiß  für  Augen  haben, 
Euch  darnach  richten  in  ewerm  Leben, 
So  wirdt  euch  Gott  hie  zeitlich  geben 
Glück,  Seegen,  Heil,  Wolfart  und  Kunft, 
Das  Jr  bey  Leuten  gewinnet  Gunft, 
Und  fo  Jr  Chriftum  recht  erkendt, 
Jm  Glauben  verharrt  bis  an  das  Endt, 
Wird  er  hernach  die  himnielifche  Frewd, 
Die  er  fein  Kindern  hat  bei'eit, 
Jn  Ewigkeit  auch  fchenken  thun, 
Dazu  helf  uns  Gotts  ewiger  Sohn.  Amen. 
Es  folgt  dann   eine  gereimte  Übersetzung  des  128.  psalm.     Beati 
omnes  qui  timent  Domi[num].     Merck  auf  all  hie  o  frommer  Christ  usw. 
Daran  schliessen   sich  Luthers   reime  von  guter  und  kluger  aufführung 
der  eheleute  (2  bl.j ,  einige  lebensregeln  von  Paul  I]ber  (1  bl.)  und  ein 
gebet  (3  bl.). 

2.   Warhaffte  Bildnis  |  etlicher  Hochloblicher  Fürften  vnd  |  Her- 
ren, welche  zu  der  zeit,  da  die  heilige  |  Gottliche  Schrifft,  fo  durch 
Menfchen  fatz-  |  unge  vertunckelt  gewefen,  durch  Got-  |  tes  gnaden 
wider  an  Tag  konien  ift,  |  Regieret  vnd  gelebet  |  haben.     M.  D.  LXH. 
Gedruckt  zu  Wittenberg,  Durch  |  Gabriel  Schuelboltz.     26  s.   4^. 
Widmung    an   den    erzbischof  Sigismund   von  Magdeburg,    datiert  aus 
Wittenberg   „am  newen  Jarftag,   Anno  Chrifti  M.  D.lxij,"   unterzeich- 
net von  Gabriel  Schnelboltz ,  Buchdrucker  zu  Wittenberg.     Am  schluss 
findet  sich  eine  poetische  Übersetzung  des  2.  psalm:    Ach  Gott  wie  ift 
die  Welt   fo   blind.    Wie  toben  jtzt   die  Menfchen  Kind"   von  Johan. 
Agricola  Spremb. 

Jedem  fürsteu  sind  zwei  selten  gewidmet;  die  linke  enthält  das 
gedieht,  die  rechte  das  bild  des  fürsten.  Die  samlung  enthält  folgende 
fürsten:    Karl  V,    Ferdinand  I,    Maria,    Schwester  Karls  V,   Christian 


ACKERMANN  UND    AGRICOLA  465 

von  Dänemark,  Sigismimd  August  II  von  Polen,  Friedrich  III,  Kur- 
fürst von  Sachsen ,  und  nach  ihm  sämtliche  forsten  zu  Sachsen  aus  der 
reformationszeit,  dann  folgt  Joachim  von  Brandenburg ,  zwei  erzbischöfe 
von  Magdeburg,  Otto  Heinrich  Pfalzgraf  am  Khein,  Georg  von  Anhalt 
usw.,  im  ganzen  21  bildnisse.  Als  probe  teilen  wir  die  verse  mit, 
mit  denen  sich  Friedrich  III,  kurfürst  von  Sachsen,  einführt: 
Fridrich  bin  ich  billich  genandt. 

Den  fchöun  fried  erhielt  ich  im  land, 
Durch  gros  vernüft,  gedult  vn  glück 

Wider  manchen  Ertzbofen  tück. 
Mein  Land  zieret  ich  mit  Gebew^ 

Vnd  ftifft  ein  hohe  Schul  auffs  new. 
Zu  Wittenberg  im  Sachffner  land. 

Die  in  allr  Welt  ift  wol  bekandt. 
Denn  aus  derfelben  kam  Gotts  Wort, 

Welchs  wirckt  gros  Ding  an  manchen  ort. 
Das  Bebftifch  reich  Mrtzet  er  nider, 

Vnd  brachte  rechten  glauben  wider. 
Jm  funffzehuhundert ,  fiebenzehn  Jar, 

Martin  Luther  erklert  die  Lahr. 
Zum  Keifer  auch  erkorn  ward  ich, 
Des  mein  alter  beschweret  sich. 
Darfur  ich  Kaifer  Carl  erweit, 

Von  dem  mich  nicht  wand  gunft  noch  gelt. 

3.  Die  Zwelff  Artickel  ]  vnfers  Chriftlichen  glaubens ,  fampt  |  der 
heiligen  Apofteln  ankunfift,  beruf,  glau-  |  ben,  Lere,  Leben  vnd 
feiiges  abllerben ,  etc.  |  Aus  heiliger  Schrifft,  vnd  glaubwirdi-  |  gen 
Hiftorien,  auffs  aller  kfirtzelt  |  in  deudfche  Reime  verfaffet,  |  Für 
die  Leien  vnd  |  Einfeltigen,  |  Durch  |  Johan  :  Agric  :  Spremb  : 
M.  D.  LXII.  Am  schluss:  Gedruckt  zu  Wit-  |  teuberg,  Durch 
Gabriel  Schnellboltz.     20  s.    4». 

Eine  längere  gereimte  vorrede  spricht  über  den  zweck  des  Wer- 
kes. Dann  folgen  die  zwölf  apostel  (an  stelle  des  Judas  steht  Mat- 
thias), vor  ihnen  Christus  und  am  ende  Paulus  und  das  jüngste  gericht. 
Den  zwölf  aposteln  sind  übergedruckt  die  zwölf  artikel  des  christlichen 
glaubens,  d.  h.  das  apostolische  glaubensbekentnis  in  12  abschnitte 
zerlegt.  Wie  in  dem  unter  2  genanten  werke  befindet  sich  auf  jeder 
rechten  seite  das  bildnis  des  durch  ein  gedieht  gefeierten.  Das  ganze 
schliesst  mit  einer  gereimten  Übersetzung  des  15.  psalm:  Erhalt  mich 
Herr  in  diefer  not,  Beware  mich  du  trewer  Gott. 

30* 


466  HOLSTEIN 

4.  Warhaffte  Bildnis  |  etlicher  gelarteii  Meuner,  durch  wel-  ]  che 
Gott  aus  vnausfprechlicher  Gnaden,  die  [  reine  Lehr  des  heiligen 
Euangelij,  notige  |  Sprachen,  vnd  andere  lobliche  vnd  nutze  |  Kun- 
Iten,  zu  diefer  letzten  zeit  der  |  Welt,  Aviderumb  erwecket,  gerei- | 
niget,  vnd  in  der  Chriften-  |  heit  gepflantzet  |  hat.  M.  D.  LXII. 
Gedruckt  zu  Wittenberg.  Am  schluss:  Gedruckt  zu  Wit-  |  teuberg, 
durch  Gabriel  |  Schnellboltz.     24  bl.    4». 

Widmung  an  Joachim  Ernst  und  Bernhard,  fürsten  zu  Anhalt,  datiert 
aus  Wittenberg  „am  newen  Jarftag.     Jm  M.  D.  Ixij.  jar,"  unterzeich- 
net von  Gabriel  Schnelboltz ,  Buchdrucker  zu  Wittenberg.     Enthält  fol- 
gende bildnisse:  Huss  (am  schluss  die  bekante  Weissagung: 
Ein  Ganß  brädt  jr,  fagt  ich  in  dar, 
Vbr  hundert  Jar,  nemet  wol  war, 
Wird  komen  ein  fchneeweiffer  Swan, 
Denlelbn  werd  jr  vugbraten  lan.) 

Luther,  Melanchthoii ,  Jonas,  Creuziger,  Bugenhageu,  Eber,  Joh.  För- 
ster, Georg  Major,  Georg,  fürst  zu  Anhalt,  Erasmus  Rotterdam,  Eoban 
Hesse,  Pfeffinger,  Aepinus,  Sebast.  Fröschel,  Jacob  Milich,  Erasm. 
Sarcerus,  Joh.  Schöner. 

5.  Abcontrafacfcur  ]  Vnd  Bildnis  aller  Groshertzogen ,  Chur  |  vnd 
Eurften,  welche  vom  Jare  nach  Chrifti  Geburt  [  842  bis  auff  das 
jtzige  1563.  Jar,  das  Land  |  Sachffen,  löblich  vnd  Chriftlich  regie- 
ret haben,  |  fampt  kurtzer  erklerunge  jres  Lebens,  |  aus  glaubwir- 
digen  Hiftorien  zu-  |  famen  getragen,  vnd  in  |  deudsche  Reime  ] 
bracht,  |  Durch  |  M.  Johannem  Agricolam  |  Sprembergenfem.  |  1563. 
Am  schluss:  Gedruckt  zu  Wit-  |  tenberg  durch  Gabriel  Schnell- ( 
boltz,  neben  der  Kupffergaffen  |  am  Wahl.  |  ANNO.  |  M.  D.  Lxiij. 
38  bl.    40. 

Widmung  an  den  bischof  Alexander  von  Merseburg,  datiert  aus  Wit- 
tenberg am  tage  Michaelis  (d.  i.  29.  September)  1563,  unterzeichnet 
von  Gabriel  Schnellboltz  von  Merseburg,  buchdrucker  zu  Wittenberg. 
Enthält  die  bildnisse  sämtlicher  herzöge  zu  Sachsen  von  Leutholff  an 
bis  zum  kurfürst  August.  Die  der  reformationszeit  angehörigen  säch- 
sischen fürsten  sind  aus  nr.  2  widerholt. 

6.  Ein  zeitgenössisches  Lied  „Wach  aufif  du  Deutfche  Nation 
Vom  fchlaff  thu  itzund  abelon."  Gedruckt  zu  Magdeburg,  durch 
Pangratz  Kempf ,  1  bl.  fol.  mit  holzschn.  (Anz.  d.  germau.  Mus. 
1855,  365.     Goedeke  s.  1161.) 

7.  Endlich  ist  er  Verfasser  des  kirchenliedes  „0  Vater  aller 
Frommen,"    das  er   im   jähr  1580   dichtete.     (Mützell,    Geistliche 


ACKERMANN   UND   AGRICOLA  467 

Lieder  des  16.  Jahrhunderts,  3,  742.     Wackernagel,  Das  deutsche  Kir- 
chenlied 5,  13. 

Das  resultat  ist  demnach  folgendes.  Es  leben  ziemlich  gleich- 
zeitig im  16.  Jahrhundert:  Johann  Ackermann,  Johann  Agricola 
aus  Eislebeu  und  Johann  Agricola  aus  Spremberg.  Alle  drei 
sind  genau  zu  scheiden,  der  erste  als  dramatiker,  der  zweite  überwie- 
gend als  theolog,  der  dritte  als  Verfasser  von  gedichteu.  Diese  Schei- 
dung ist  bis  auf  einige  litterarische  Verwechselungen  zwischen  den 
beiden  lezteren  bisher  streng  festgehalten.  Namentlich  scheidet  Goedeke 
im  register  des  grundrisses ,  nur  ist  Johann  Ackermann  und  Hans 
Ackermann  s.  307  und  315  identisch,  und  181  ist  in  281  zu  ändern. 
Johann  Agricola  (Isleb.)  ist  111.  194.  288.  308,  Johann  Agricola 
(Spremb.)  1161  angeführt.  Indessen  fehlen  die  anderen  Schriften  des 
lezteren. 

Ich  würde  mich  nicht  veranlast  gesehen  haben,  dies  noch  beson- 
ders hervorzuheben,  wenn  nicht  die  gewichtige  stimme  Goedekes  vor 
kurzem  sich  gegen  diese  strenge  Scheidung  der  drei  namensvettern 
erhoben  hätte.  Goedeke  ist  nämlich  geneigt  alle  drei  zu  einer  person 
zu  vereinigen,  und  nimt  als  geburtsort  Spremberg  und  als  wohnort 
Zwickau  an.  Er  sagt  in  der  recension  meiner  arbeit  über  das  drama 
vom  verlornen  söhn  in  den  Gott.  gel.  Auz.  1880,  660:  Johann  Acker- 
mann ,  auch  Agricola  genant ,  der  Verfasser  des  Verl.  Sohnes ,  des  Tobias 
und  des  gedichtes  von  der  Burkhartsgans ,  „ist  ohne  zweifei  auch  der 
Verfasser  der  tragödie  des  Job.  Huss,  da  die  gegenschrift  des  Joan. 
Vogelgesang  einen  Joh.  Agricola  als  solchen  nent.  Er  war  aus  Sprem- 
berg vmd  lebte  als  Schulmeister  in  Zwickau.  Auch  die  von  W.  Gass 
in  der  Allg.  Deutschen  Biogr.  I,  148  genanten  Schriften  gehören  ihm. 
Mit  dem  jähre  1562  verschwindet  er  aus  der  litteratur,  doch  war  er 
nicht  vergessen,  da  Nendorf  (Grundriss  s.  315,  228)  ihn  noch  im  jähre 
1608  als  einen  seiner  gewährsmänner  nent." 

Ich  kann  diesen  ausführungen  nicht  zustimmen.  Zunächst  glaube 
ich  hinlänglich  bewiesen  zu  haben ,  dass  der  Verfasser  der  tragödie  von 
Joh.  Hus  der  Eisleber  Joh.  Agricola  ist.  Sodann  ist  der  unterschied 
der  beiden  andern  sehr  auffällig.  Der  Zwickauer  Ackermann,  der  nur 
einmal  von  Nendorf  Agricola  genant  wird,  ist  fast  ausschliesslich  dra- 
matiker, während  der  andere  Verfasser  von  reimen  ist,  die  er  für  die 
holzschnittwerke  des  Wittenberger  druckers  Gabriel  Schnellboltz  machte.^ 

1)  Der  verstehende  aufsatz  war  schon  vollendet,  ehe  G.  Kaweraus  abhand- 
lung  in  Schnorrs  Archiv  10,  6  fgg.  erschien. 

GEESTEMÜNDE.  H.   HOLSTEIN. 


468 


BKUCHSTÜCK  EINER  MITTELDEUTSCHEN 
MARGAEETENLEGENDE. ' 

bl.  l^  *       *       * 

Der  gutte  hot  sy  oucli  vil. 
Ir  vatir  neyt  sy  oucli  .... 
Durch  dy  gotis  ere. 
Got  der  wart  ir  recht  holt, 
5  Den  nam  sy  vor  der  werlede  golt. 
Do  sy  czwelf  ior  alt  wart, 
Do  hup  sy  sich  an  dy  gotis  vart. 
Sy  horte  sagen  mere. 
Das  dy  heyligen  merterere 
10  Ir  blut  durch  got  vergossen, 

1)  Eine  andere ,  von  Fr.  Vogt  (in  Paul  und  Braunes  beitragen  usw.  [1874J 
1,  263  fgg.)>  wie  es  scheint,  noch  nicht  gekaute  bcarbeitung  der  Margaretenlegende 
in  niederdeutschen  versen  hat  neuerdings  dr.  Joh.  Wegen  er  nach  einem  Magde- 
burger drucke  vom  jähre  1500  im  osterprogramrae  (1878)  des  pädagogiums  zum 
kloster  Unserer  Lieben  Frauen  in  Magdeburg  s.  14 — 23  wider  abdrucken  lassen, 
und  s.  30  —  42  mit  seinen  anmerkungen  begleitet.  Diese  Magdeburger  bearbeitung 
stimt  in  einigen  stellen  wörtlich  überein  mit  der  Kölner  in  Schades  Geistlichen 
Gedichten  des  14.  und  15.  Jahrhunderts  vom  Niederrhein,  und  in  wenigen  mit  der 
von  Bartsch ,  Germania  4,  440  fgg.  herausgegebenen ,  so  dass  folglich  für  diese  drei 
eine  gemeinsame ,  wol  bis  in  das  12.  Jahrhundert  zurückreichende  grundlage  vor- 
auszusetzen ist.  Eigentümlich  aber  scheint  dem  Magdeburger  bearbeiter  das  ver- 
fahren, dass  er  mehrere  andere  bearbeitungen  benüzt  hat,  wie  er  selbst  am 
Schlüsse  sagt,  v.  871  fgg. 

Desse  passie  is  vt  velen  tosamende  genomen, 

Sunte  Margareten  to  laue  vncl  vns  to  vromen, 

Vnde  darff  ök  nemande  grot  tvunder  haen, 

Dat  se  nicht  alle  licke  geschreuen  staen, 

Wente  de  worde  werden  vaken  vorsath, 

Dar  allyTce  wol  de  rechte  sin  ynne  steyt. 
Einen  anfang  einer  deutschen  Margaretenlegende,  deren  abfassung  er  ins 
12.  Jahrhundert  (1170  —  1180)  sezt,  hat  Bartsch  aus  einer  jezt  in  der  Berliner  biblio- 
thek  befindlichen  papicrhandschrift  des  15.  jh.  (Germ.  fol.  927)  herausgegeben  in 
seiner  Germania  (1879)  24,  294  fgg.  —  Eine  lateinische  Passio  S.  Margaretae,  9  bl. 
in  einer  hs.  des  14.  jh.  befassend,  wird  aufgeführt  in  Eccl.  Metrop.  Colon,  codd. 
mss.  descr.  JafFe  et  Wattenbach.  Berol.  1874.  s.  69.  —  Eine  ausgäbe  der  Marga- 
retenlegende hat  neuerdings  Stejskal  geliefert:  Büchelin  der  heiligen  Margareta. 
Beitrag  zur  geschichte  der  geistlichen  literatur  des  XIV.  Jahrshunderts.  Heraus- 
gegeben von  Dr.  K.  Stejskal.     Wien  1880.  J.  Z. 


469 

HASENJÄGER ,  MARGARETENLEGENDE 

Des  sy  dornach  genossen 
Vnde  nomen  von  yni  dy  ere; 
Czu  der  czeyt  pWag  man  sere.^ 
Got  der  gap  ir  seynen  geyst, 
15  Tr  dyust  sy  ym  wedir  leyst. 
Her  behutte  sy  vil  steticlich 
An  ir  kewscheyt  werlich. 

Eynis  tagis  qwam  is  alzo, 
Olibrins  der  reyt  aldo 
20  Von  Asya  keyn  Antioch. 

Den  cristen  wolde  her  ein  iocli 
Legen  2  an  mit  grosser  noth, 
Das  sy  von  peyn  blebin  toth. 

bl.  l^   Do  sach  her  an  dem 

25  Margaretham  wol 

Sy  hutte  ir  amen  scheffeleyn. 
An  sy  warf  her  das  hercze  seyn. 
Her  sprach  czn  seynen  knechten, 
Das  sy  ym  dy  mayt  brechten. 
30  Her  sprach:  „is^  sy  frey,  so  neme  ich  sy 
Czu  eynem  waybe,  das  glewbit  mir. 
Mit  ir  sal  mir  wol  seyn. 
Schone  ist  das  megeteyn.'' 
Do  dy  botin  qwomen 
35  Vnde  dy  mayt  nomen, 
Dy  der  grofe  sante, 
Do  das  dy  mayt  irkante, 
Sy  ruffte  czu  gotis  gute, 
Das  her  sy  behüte. 
40  Sy  sprach  mit  grosser  ynnikeyt: 
„Herre  got,  ich  klage  dir  meyn  leyt. 
Yrbarme  dich,  irbarme  dich 
Got  herre,  hewte  obir  mich 

1)  Ist  so  nicht  zu  verstehen.  Am  wahrscheinlichsten  scheint  mir  dass  zwi- 
schen 12  und  13  eine  lücke  ist  Zur  besserung  würde  die  kentnis  der  entsprechen- 
den'telle  der  Göttinger  (G.)  niederdeutschen  bearbeitung  (besprochen  und  .m  au  - 
zuL  mitgeteilt  von  Fr.  Vogt  in:  Beiträge  zur  Geschichte  d.  d.  Sprache  und  Litte- 
:X  heru^von  Hermann  Paul  und  Wilhelm  Braune  I.  266  fgg.)  nöüg  sem. 

2)  Cod.  Liegen,  so  immer  bis  auf  v.  234. 

3)  Dieser  abfall  des  t  begegnet  sonst  noch  einmal  vor  s  v.  109:  dorumme 
syn  sy  eyu  gethon  und  vor  d  v.  113:  is  ach  dy  mayt  wenig. 


470  HÄSENJÄGER 

Durch  dy  grosse  gutte  deyn. 
45  Nicht  vorlews  dy  zele  meyn 

Mit  desen  bösen  hundert 

Nw  czu  desen  stunden, 
bl.  2".   Irfrewe  mich  czu  desir  czeyt, 

Wenne  alle  frewde  an  dyr  leyt. 
50  Nicht  wirff  mich  czu  der  sunden  grünt, 

Do  von  dy  zele  wirt  vorwunt. 

Behutte  meyne  synnen 

Durch  deyner  muter  willen. 

Los  meynen  leyp  nicht  vallen 
55  Yn  der  sunden  gallen. 

Behutte  meyne  kewscheyt 

Ane  sunde  vnde  ane  leyt 

Vnde  sende  mir  den  engel  deyn, 

Der  do  offenet  ^  den  munt  meyn 
60  Keygen  dem  bozen  sundere.^ 

Yo  leyde  ich  grosse  swere: 

Ich  sehe,  das  ich  bin  wordin 

Also  eyn  schoif  vortorben. 

Das  mitten  vnder  den  wolffin  leyt. 
65  Hylff  nw  mir,  is  ist  czeyt. 

Auch  byn  ich  als  das  fogeleyn 

Das  do  leyt  yn  dem  netczeleyn 

Vnde  von  dem  vogelere 

Leydet  grosse  swere. 
bl.  2".   70  Meyn  leyt  ist  des  fischis  leyt, 

Der  yn  der  rewsen  leyt  bereyt. 

Hylff  mir  hyr  yn  desir  not 

Durch  deynen  sweren  bittern  tot 

Durch  deyne  heyligen  fimf  wunden 
75  Nw  czu  desen  stunden. 

Got  herre ,  mich  erwende 

Von  desir  lewte  hende." 
Do  dy  botin  das  irhorten, 

Keygen  dem  grofen  sy  wedir  körten 
80  Sy  sprachen  alle  gleyche: 

„Deyne  gewalt  vnde  deyn  reyche 

1)  Cod.  offnnt.  ^ 

2)  Cod.  keygen  den  bozen  sundern;    verbessert  nach  Mombritius:    —    et  ad 
respondendum  cum  fiducia  impio  et  iniquo  praefecto  sanguinario. 


MARGARETENLEGENDE  471 

Mag  ir  nicht  geneme  seyn, 

wen  sy  acht  nicht  der  gote  deyn." 

Der  grofe  de  Olibrius 
85  Ir  czoruete  vnde  sprach  also: 

„Dy  mayt  heyset  komen  her!" 

Czu  ir  dese  wort  sprach  her: 

„  So  sage  mir ,  mayt  gut, 

Vnde  ist  abir  edil  deyn  blut?" 
90  Margaretha  hyn  wedir  sayt 

Dy  reyne  schone  kewsche  mayt: 

„Meyn  blut  ist  czwor  edel  wol 

Ap  ich  des  selber  iehen  sal." 

bl.  3*.   Der  grofe  sprach  ir  abir  czu: 

95  „Sage  mir,  wy  heysest  du?" 

Sy  sprach:  „ich  heyse  Margaretha. 

Meyne  hoffenunge  steet  czu  gote." 

Der  grofe  sprach  ir  abir  czu: 

„Weichin  got  meynestu?" 
100  Do  sprach  wedir  en  Margaretha: 

„Der  alle  ding  geschaffiu  heth, 

Jhesum  Cristum  gotis  son. 

An  seyner  gute  bistu  blynt. 

Her  hot  mir  meyne  kewscheyt 
105  Behut  an  allis  leyt. 

Der  grofe  sprach:  „do  ist  nicht  an. 

Meyne  vetir  en  gecrewiziget  han." 

Sy  sprach:  „habin  sy  das  gethon, 

Dorumme  syn^  sy  eyn  gethon 
110  Yn  den  ^  grünt  der  helle. 

Böse  ist  ir  gefelle." 
Do  wart  der  grofe  czornig. 

Is  ach  dy  mayt  wenig. 

Her  lys  sy  legen  swere 
115  Yu  eynen  kerkere.^ 

Eyn  andir  tag  dornach  irscheyn. 

Her  hys  ym  brengen  dy  mayt  reyn. 

Czu  ir  sprach  her  senftiglich: 
bl.  3''.   „  Schone  mayt ,  bedencke  dich 

1)  Vgl.  anm.  zu  y.  30.  2)  Cod.  der.  3)  V.  114  und  115  bilden  im 

codex  eine  zeile. 


472  HASENJÄGER 

120  In  desen  grosen  noten 

Vnde  oppir  meynen  goten." 

Sy  sprach:  „her  grofe,  ich  tu  syn  nicht, 

Ewer  Worte  synt  kegen  mir  eyn  Avicht. 

Der  weg,  den  ich  begriffen  ha, 
125  Do  wil  ich  stete  wezen  an. 

Got  sage  ich  lop  vnde  ere 

Vnde  forchte  en  ouch  vil  sere; 

Ouch  forehtet  en  das  hymmilreich 

Dy  engil  vnde  das  ertreych 
130  Dy  wynde  vnde  dy  steyne 

Dy  Wasser  alle  gemeyne 

Der  tewfel  aus  der  hellen  grünt. 

Seyne  craft  ist  en  allen  kunt. 

Seyn  reych  das  ist  ewiglich." 
135  Do  wart  der  grofe  czornlich: 
I  „Opper  meynen  goten, 

Ader  meyn  swert  mus  dich  totin, 

Vnde  alles  deyne  gebeyne 

Beyde  gros  vnde  kleyne 
140  Los  ich  dich  mit  creweleyn  gar  czu  crawen 

Vnde  mit  beyeln  gar  czu  hawen." 
bl.  4".   Sy  sprach :  „  ich  forchte  nicht  dy  not. 

Got  leyt  durch  meynen  willen  den  tot. 

Dorumme  forchte  ich  dich  nicht, 
145  Vnde  was  du  gelegen  magist  an  mich."  * 

Der  grofe  lys  sy  yn  dy  lofft  ^ 

Hengen  dar  mit  grosser  croft. 

Her  lys  sy  slawen  swere 

Durch  dy  gotis  ere, 
150  Das  das  blut  czu  der  erdin  flos 

Manch  mensch  do  trene  gos 

Vor  yonier  vnde  vor  leyde 

Beyde  Juden  vnde  heydin. 

Yn  den  hymil  sy  do  sach, 
155  Dese  wort  sy  ynuiglichen  sprach: 

„Meyne  hoffenuuge  leyt  an  dir, 

1)  Cod.  micht. 

2)  Cod.  146 — 147:  Der  grofe  lys  yn  sy.  dy  lofft  hengen 

Dar  mit  grosser  groft. 


MARGARETENLEGENDE 


473 


Herre  got,  gnode  mir." 

Sy  sprachin  alle  gleych  czu  ir: 

„Margaretha,  wy  ist  dir? 
160  Du  forchtest  uiclit  des  grofeii  czorn, 

Dorurmne  mustu  seyu  verlorn." 

Sy  sprach:  „meyue  zele  sal  genesen 

Vnde  mit  gote  ymmer  wezen 

Yn  dem  hymmilreyche. 
bl.  4^   165  Keyn  ende  liotli  seyn  reyche." 

Auch  sprach  czu  en  sante  Margarete: 

„Ir  gebit  mir  vil  bozen  rot. 

Glewbit  an  den  got  meyn, 

Der  mag  wol  ewer  helfer  seyn 
170  In  ewreu  notin,  ap  irs  begert. 

Her  bewart  ewch  vor  des  tewfels  swert." 

Sy  riff  abir  got  an, 

Dese  wort  sy  began: 

„Got  sende  mir  dy  hulflfe  deyn 
175  Vnde  irlose  dy  zele  meyn 

Nw  czu  desen  stunden 

Von  der  lewen  munde. 

Sende  mir  eyn  tewbeleyn 

Do  von  ich  stete  müsse  seyn, 
180  Das  ich  mich  nicht  vorkere 

Von  desir  not  swere, 

Das  an  dir  .raeyde  bilde  haben 

Vnde  an  togenden  nicht  vorzagen. 

Vnde  euch  dy  merterere/ 
185  Dy  do  leyden  grosse  swere, 

Dy  do  herre  selbir  weyst, 

E  du  off  gobist  deynen  geyst. 
bl.  5'.   Du  ledist  not  obir  noth 

E  dir  an  gefegete^  der  toth." 

1)  Vor  vers  184  ist  wol  lücke  anzunehmen,  da  ,,merterere"  als  subj.  zu 
haben  und  vorzagen  in  dieser  Stellung  wenig  passend  erscheint.  Den  Schreiber, 
der  wie  aus  v.  114.  115  und  14ti.  147  zu  schliessen,  wol  nach  einer  vorläge  gear- 
beitet hat,  welche  die  reimzeilen  nicht  absezte,  hat  vermutlich  noch  ein  in  der  lücke 
enthalten  gewesener  reim  auf  -ere  geirt.  Ähnlich  wird  auch  die  lücke  vor  v.  12 
entstanden  sein.  An  beiden  stellen  steht  übrigens  kurz  vor  der  lücke  ein  reimpaar 
auf  -ere.    Aufschluss  wird  wol  auch  hier  G.  geben. 

2)  gesegete? 


474  HASENJÄGEK 

190  Man  slug  dy  mayt  here 

Czu  der  czeyt  sere 

Den  lobelicMn  leychnam, 

Als  ap  is  were  eyn  unreyn  slam. 

Der  grofe  nam  das  liewpt  yn  dy   band 
195  Vnde  is  yn  den  mantil  want 

Das  her  das  yomer  nicht  sehe. 

Man  teth  der  mayt  also  wee, 

Das  alle,  dy  do  worren, 

Gros  yomer  an  er  sohen. 
200  Der  grofe  der  sprach: 

„Nw  höre  noch  meynen  roth 

Vnde  opper  meynen  goten, 

Odir  ich  mus  dich  totin." 

Sy  sprach:  „ach,  du  sundiger  man, 
205  An  der  rede  do  ist  nicht  an. 

Meyn  fleysch  ich  hy  vorkewifen  wil. 

Das  gebit  mir  dort  der  frewdin  vil 

Tmmer  ewiglichin 

In  dem  hymmilreyche." 

210  Der  grofe  wart  czornes  vol, 

bl.  6^.  Dy  rede  ich  euch  sagen  sah 

Her  hys  sy  legen  swere 

Yn  einen  kerkere. 

Do  sy  yn  den  kerker  qwam, 
215  Gotis  crewcze  sy  vor  sich  nam. 

Sy  bat  vnde  sprach:  „herre  got, 

Dy  werlet  stet  an  deynem  gebot 

Vnde  alle,  dy  dorinne  seyn. 

Du  bist  euch  der  trost  meyn. 
220  Du  bist  eyne  hofifenunge 

Der  gerechten  woren  czunge. 

Du  bist  eyn  licht  der  ev^ikeyt. 

Gedencke  an  meyn  gros  leyt. 

Ich  bin  eyn  eyniges  tachtirleyu. 
225  Meyn  vater  bot  dy  trawe  seyn 

An  mir  vorgessin  sere. 

Das  kompt  von  deyner  martir,  here.^ 

Meyn  vatir  mich  gelossin  bot, 

Dorumme  suche  ich  czu  dir  rot, 
1)  Cod.  ere. 


MARGAEETENLEGENDE  475 

230  Das  du  mich  lozist  icht, 

Wenne  du  ineyn  herre  vnde  got  bist. 
Irhore  mich  eyner  bethe, 
So  werde  ich  an  frewden  stete, 
bl.  6°.  Los  mich  meynen  vinth  sehen 
235  Das  her  selber  müsse  iehen, 
Was  ich  ym  habe  gethon, 
Das  her  mich  so  zere  vicht  an. 
Durch  seynen  willen  sitze  ich  hy. 
Vorflucht  sey  her  hewte  vnd  y. 
240  Von  hymmelreych  herre  got, 
Meyn  richtir  bis  yn  der  noth. 
Heys  en  komen  her  czu  mir, 
Mit  ynnikeyt  das  bethe  ich  dich. 
Meyne  hoffeuunge  leyt  an  dir, 
245  Meynen  vint  sende  mir." 
Do  sach  sy  hyu  vnde  her. 
Do  sach  sy  yn  dem  kerker 
Aus  eynem  vynstern  wynckel  geen 
Den  tewfel  vnde  vor  ir  stehen. 
250  Her  was  engistlichen  gar 

Vnde  mancherley  hende  gevar.^ 
Das  hör  was  ym  goldeyn, 
Der  hart  was  ym  silbereyn, 
Dy  czunge  Avas  ym  eysereyn, 
255  Dy  ougen  clarfunckelsteyneyn. 
bl.  6^  Aus  seyner  nasen  gynck  eyn  rauch,  ^ 
Dorczu  eyn  michil  cryl  fewer  auch. 
Do  von  eyn  gros  licM  seh  eyn.  ^ 
Ir  frewde  dy  was  harte  cleyn. 
260  Her  legete  seyne  czunge 
Off  dy  mayt  iunge. 
Nw  höret  alle,  wy  dy  mayt 
Vor  dem  tewfel  v^as  vorczayt. 
Sy  wart  als  eyn  wachs  bleych. 
265  An  dy  erde  sy  nedir  weych. 
Vor  grosen  engesten  sy  vorgas, 
Was  ir  yn  dem  mute  was. 

1)  Cod.  gewar.  2)  Cod.  räch.  3)  Cod.  do  von  ym  gras  licht  em 

scheyn.    Das  richtige  gibt  G:  Dar  von  eyn  grot  licht  sehen. 


476  HASEyjAGEB 

Dommine  das  sy  selber  bat, 

Got  sy  wol  irhort  bot. 
270  Off  ere  kny  vil  sy  clo, 

Ir  hende  hub  sy  off  ho, 

Key  gen  dem  hymmil  sy  do  sach.' 

Nw  boret  alle,  wy  sy  sprach: 

„Herre,  du  bist  wondirlich 
275  Ar  deynen  beyligen,  das  spreche  ich.^ 

Du  host  gemacht  das  paradis 

Dy  wasser  vnde  helle  flis. 

Den  tewfel  hostu  gebunden, 
bl.  7*.  Dy  helle  obir  wenden. 
280  Von  deyner  craft  sy  alle  iehen. 

Wenne  du  wilt,  sy  müssen  stehen. 

Sy  synt  von  dir  beczwongen  ^ 

Dy  viude  vnde  alle  czungen. 

Got  herre,  nw^  gip  mir  guttin  sen, 
285  Wen  ich  eyn  arm  weyse  byn. 

In  desir  noth  irhore  mich, 

Scheppher  meyn,  das  bethe  ich  dich, 

Das  dys  gar  vorfluchte  thyr 

Icht  geschaden  möge  mir. 
290  Is  vicht  mich  an  ane  noth 

Gerne  tete  is  mir  den  toth. 

Do  sy  das  ymer  ^  sayte 

Vnde  gote  sere  clayte. 

Her  begunde  czu  brymmen  als  ein  ber. 
295  Nw  merket,  wy  der  mayt  wer.^ 

Off  thet  her  den  munt  seyn. 

Dy  schone  mayt  uam  her  doreyn. 

Dy  ^  czunge  ym  off  dy  erde  hynck. 

Do  methe  her  dy  mayt  vynck. 
300  Her  vorslang  sy  mit  grosser  craft. 

Doch  sy  das  crewcze  vor  sich  haft, 
bl.  1^.  Do  von  der  tewfel  reys  enczwey  ^ 

Als  her  wer  eyn  fawles  ey. 

Dy  mayt  dy  bleyb  wol  gesunt. 
305  Der  tewfel  der  wart  sere  wunt 

1)  Mirabilis  deus  in  sanctis  suis.  Ps.  67,  36.    2)  Cod.  beqwougen,    3)  Cod. 
4)  Cod.  yomer.      5)  Cod.  ver.      6)  Cod.  do.      7)  Cod.  enczwe. 


MARGAKETENLEGENDE  477 

Von  des  crewczos  swerte. 

Dy  mayt  nicht  anders  begerte. 

Nw  merket  alle  gleych 

Iczlichs  sunderleyeh, 
310  Welche  macht  das  crewcze  hot, 

So  is  vor  dem  menschen  stat. 

Do  sach  sy  abir  vmbe  sich 

Eynen  tewfil  engistlich.* 

Der  sas  bey  ir  an  der  want, 
315  Is  was  eyn  michil  vollant. 

Her  was  gebildet  alzo  eyn  man, 

Dy  swercze  lag  ym  zere  an. 

Do  vil  sy  abir  vff  dy  kny, 

Der  togent  der  vergas  sy  ny 
320  Sy  sprach  onch  mit  ynnikeyt: 

„Here  got,  ich  byn  deyne  mayt. 

Deyn  uamen  der  ist  ewiglich. 

Herre  got,  hewte  du  irfrewst  mich. 

Du  bist  eyne  lebinde  ewikeyt, 
325  Eyn  born  der  ewigen  weysheyt. 


Vorstehendes  bruchstück  einer  Margaretenlegende  stamt  aus  einer 
papierhaudschrift  des  15.  Jahrhunderts  (7  blätter  in  octav,  die  seite  zu 
22  —  24  Zeilen),  die  von  herrn  archivsecretair  dr.  ß.  Prümers  in  Stet- 
tin in  der  bibliothek  der  geselschaft  für  pommersche  geschichte  und 
altertumskunde  aufgefunden  worden  ist.  Wann  und  woher  die  hand- 
schrift  in  den  besitz  der  geselschaft  gekommen  ist,  hat  sich  nicht 
ermitteln  lassen.  Von  einer  unbekanten  band,  die  mindestens  den 
anfang  des  gedichtes  noch  vor  sich  gehabt  haben  muss,  sind  die  Zei- 
len der  handschrift  gezählt  und  von  5  zu  5  zeilen  durch  Ziffern  mit 
bleistift  bezeichnet  worden;  desgleichen  sind  die  ungraden  Seitenzahlen 
angegeben.  Danach  begint  das  jetzige  blatt  I  mit  v.  46  und  trägt  die 
Seitenzahl  3.  Somit  wäre  am  anfange  nur  der  verlust  eines  blattes 
von  45  Zeilen  zu  beklagen,  was  allerdings  die  gewöhnliche  auf  einem 
blatte  befindliche  anzahl  von  verszeilen  ist.  Wieviel  am  Schlüsse  ver- 
loren gegangen  ist ,  wird  die  vergleichung  mit  der  bereits  in  der  anm. 
auf  s.  469   erwähnten   niederdeutschen   bearbeitung  (G.)   ergeben,    die, 

1)  Cod.  engistlicht. 


478  HASENJAGER 

wie  wir  weiter  unten  sehen  werden ,  mit  der  vorliegenden  Stettiner  (S.) 
in  nahem  zusammenhange  steht. 

An  den  stellen  des  textes,  die  im  drucke  durch  punkte  bezeich- 
net sind,  ist  die  schrift  verwischt  und  unleserlich. 

Was  zeit  und  ort  der  abfassung  der  handschrift  anbetrift,  so 
weist  die  spräche  wol  an  das  ende  des  XIV.  oder  den  anfang  des 
XV.  Jahrhunderts  und  die  neben  dem  sonst  vorwiegenden  mitteldeut- 
schen typus  fast  gänzlich  durchgedrungenen  diphthongen  ei,  au,  eu 
für  *;  ou,  ü;  iu  auf  Böhmen  oder  auf  eine  der  angrenzenden  mittel- 
deutschen landschaften.  (Müllenhof  und  Scherer.  Denkm.  XXP.  XXV  ^) 
Bemerkenswert  erscheint  daher,  dass  die  spräche  vorliegenden  gedich- 
tes  bis  auf  die  eben  erwähnten  diphthonge  selbst  bis  auf  einzelheiten 
derjenigen  sehr  nahe  steht ,  die  sich  in  der  von  Bartsch  Bibliothek  des 
litterarischen  Vereins  in  Stuttgart  LIII  1860.  veröffentlichten  Marien- 
legende vorfindet. 

Die  zahl  der  ungenauen  reime  ist  nicht  gering.  Es  reimt  kurzer 
voeal  auf  langen,  oder  auch  auf  diphthong,  z.  b.  an-.hän  106.  124. 
angetan  236.  hat :  hat  268.  tier  :  mir  289  got :  not  240.  mo  :  du 
98.  göten  :  toeten  136.  202.  noeten  :  göten  120.  Kurzes  oder  langes  e 
reimt  auch  auf  ae,  und  wie  es  scheint  selbst  auf  oe,  z.  b.  Jcnehten  : 
hrcehten  28.  hete  :  staete  232.  stvcere  :  ere  149.  verJcere  :  swcere  180. 
Margarete  :  hcete  (?)  100.  Margarete  :  rcete  166.  erhoerten  :  kerten  78. 
Auslautende  vocale  werden  weggelassen  z.  b.  erschein  :  rein  116.  schein: 
dein  258.  her  :  herhcer  246.  Starke  zusammenziehungen  werden  nicht 
gemieden,  z.  b.  se  :  we  196.  Auch  consonantisch  ungenaue  reime 
kommen  nicht  wenige  vor,  und  darunter  so  rohe,  dass  man  sie  dem 
dichter  kaum  zumuten  darf,  zumal  der  schreiber  auf  sorgsame  Ortho- 
graphie nicht  geachtet,  und  überhaupt  ziemlich  incorrect  und  fehler- 
haft geschrieben  hat.  Im  algemeinen  jedoch  zeigen  reime  und  Sprach- 
gebrauch den  Charakter  eines  mitteldeutschen  gedichtes  aus  dem  XIV. 
Jahrhundert. 

Auf  dasselbe  ergebnis  wie  die  betrachtung  des  reimes  und  des 
Sprachgebrauches  führt  auch  die  Untersuchung  über  den  Zusammenhang 
von  S  mit  den  anderen  bereits  bekanten  Margaretenlegenden ,  insonderheit 
mit  E  ^  und  G,  für  welche  bearbeitungen  Fr.  Vogt  a.  a.  o.  (anm.  s.  331) 
eine  mitteldeutsche  vorläge  des  XIV.  Jahrhunderts  nachgewiesen  hat. 
Schon  die  wenigen  verse  aus  G,  die  nach  den  mitteilungen  von  Vogt 
mit  S  verglichen  werden  können ,  lassen  deutlich  genug  den  Zusam- 
menhang   zwischen   den   beiden  bearbeitungen  erkennen,    um  so  mehr 

1)  Das  von  Schura  Germania  18,  98  fgg.  veröffentlichte  Erfurter  bruchstück. 


hasenjIger,  margaretenlegende  479 

als  die   betreffende  stelle,    die  im  anschluss   an   Mombritius   gegebene 
beschreibuug   des   zuerst   erscheinenden  teufeis  G  eigentümlich  ist  und, 
da  nun  S  mit  G  übereinstimt,  also  auch  dem  original  augehört  hat. 
■  G.  fol.  14"  z.  3  fgg.  S.  Via.  13  — b.  3.  (246—258.) 

Do  sach  sie  hen  vnd  her.  Do  sach  sy  hyn  vnde  her 

Do  sach  sie  in  den  kerkener        Do  sach  sy  yn  dem  kerker 
5  Den  dufel  sach  sie  vor  sik  sten  Den  tewfel  vnde  vor  ir  stehen 
Vth  eynen  vinstern  winkel  gen.   Aus  eynem  vynstern  wynckel  geen. 
He  was  gruwelich  gar  Her  was  engestlichen  gar  250 

Vnde  mennigher  varffe  har:        Vnde  mancherley  hende  gevar. 
Dy  har  weren  suluerin.  Das  hör  was  ym  goldeyn, 

10  De  hart  was  em  guldin.  Der  hart  was  ym  silbereyn, 

Dy  tene  weren  iszeren.  Dy  czunge  was  ym  eysereyn 

Syne  ougen  waren  kopperin  Dy  ougen  clarfunkelsteyneyn  255 
Vth  syner  neszen  gingk  eyn  rock  Aus  seyner  nasen  gynck  eyn  rauch 
Vnde  eyn  mehtic  fuer  ock,  Dorczu  eyn  michil  cryl  fewer  auch 

15  Dar  van  eyn  grot  licht  sehen.     Do  von  eyn  gros  licht  scheyn. 

Der  gang  der  erzählung  ist,  soweit  die  von  Vogt  a.  a.  o.  s.  274  fg. 
mitgeteilte  Inhaltsangabe  von  G  mit  S  verglichen  werden  kann,  in  bei- 
den bearbeitungen  derselbe;  nur  hat  G  zwischen  den  beiden  teufels- 
erscheinungen  ein  dankgebet  der  heiligen ,  während  S  die  episode  mit 
einer  betrachtung  über  die  macht  des  kreuzzeicheus  schliesst. 

Zum  Schlüsse  will  ich  auch  noch  eines  äusseren  umstandes  geden- 
ken, der  die  Vermutung  wahrscheinlich  macht,  dass  unser  gedieht  die 
recension  eines  Originals  des  XIV.  Jahrhunderts  ist.  Die  verschreibun- 
gen  in  v.  114.  115  und  146,  meine  ich,  werden  doch  wol  darauf  zu- 
rückgeführt werden  müssen,  dass  in  der  vorläge,  wie  es  im  XIV.  Jahr- 
hundert noch  Sitte  war,  die  verse  nicht  abgesezt  und  auch  nicht  durch 
punkte  unterschieden  waren. 

GRABOW  A.  0.,  FEBRUAR  1878.  R.  HASENJÄGER. 


BEITRÄGE  AUS  DEM  NIEDERDEUTSCHEN. 

CJrauscheu,  grein. 

Für  diese  beiden  im  Mnd.  wb.  aufgeführten  Wörter  war  das  skan- 
dinavische zu  vergleichen.  Grafischen,  dessen  bedeutung  dort  richtig 
augegeben  ist,  entspricht  schwed.  granska;  grein  aber  in  den  Geistl. 
L.  aus  d.  Münsterl.  IV,  3;  XVI,  4  bedeutet  nicht  körn,  sondern  reis, 
zweig,  wie  schwed.  greri;  vgl.  Jes.  11,  1. 

ISERLOHN.  FR.    WOESTE. 


ZEITSCHR.    F.    DEUTSCHE    PHILOLOGIE.     BD.    XII. 


31 


480 


LITTERATUR. 

W.  Braune,  Gotische  Grammatik.  Mit  einigen  Lesestückeu  und 
Wortverzeichnis.  (Sammlung  kurzer  Grammatiken  germanischer  Dialekte,  I.) 
Halle,  Niemeyer,  1880.     VII  und  118  s.     8.    M.  2. 

Dem  Verfasser  machte  sich  bei  seinen  Vorlesungen  über  gotische  grammatik 
das  bedürfnis  geltend,  „einen  abriss  in  den  bänden  der  zuhörer  zu  wissen,  wel- 
cher es  denselben  gestattete ,  die  praktische  erlernung  der  gotischen  spräche  selb- 
ständig vorzunehmen."  Er  wolte  also  in  dem  vorliegenden  buche  eine  ,,  übersicht- 
liche darstellung  der  laut-  und  formenlehre"  geben,  ,, welche  die  spräche  möglichst 
nur  aus  sich  selbst  zur  anschauung  brächte ,  ohne  zerstreute  brocken  aus  der  ver- 
gleichenden grammatik  einzumischen."  ,,Die  vorgeschichtlichen  fragen  sind  des- 
halb möglichst  ferngehalten,  oder  wo  dies  nicht  völlig  angieng,  doch  vom  rein 
gotischen  gesichtspunkte  betrachtet." 

Diese  grundsätze,  wie  sie  im  vorwort  entwickelt  werden,  sind  denn  auch 
bei  der  darstellung  im  grossen  und  ganzen  festgehalten  worden.  Übersichtlich 
wird  das  laut-  und  formenmaterial  des  Gotischen  (unter  ausschluss  der  wortbildungs- 
lehre  und  der  syntax)  aufgeführt.  Ein  reichhaltiger  stoff  in  möglichst  gedrängter  fas- 
sung,  klarheit  und  präcision  des  ausdrucks,  Sorgfalt  und  Sauberkeit  in  der  anord- 
nung  und  darstellung  des  gebotenen.  Ist  das  buch  auch  für  anfänger  geschrieben, 
so  darf  es  doch  den  rang  eines  wissenschaftlichen  hilfsmittels  beanspruchen.  Der 
Verfasser  begnügt  sich  nicht  damit,  tatsachen  zur  gedächtnismässigen  einprägung 
aneinander  zu  reihen,  sondern  gibt  möglichst  auch  die  quellen  an,  auf  welche  die 
darstellung  sich  gründet.  Es  wird  nicht  blos  gelehrt,  der  und  der  buchstabe  sei 
so  und  so  auszusprechen,  sondern  es  wird  gleichzeitig  angeführt,  welche  mittel 
uns  zu  geböte  stehen,  um  die  ausspräche  der  einzelnen  zeichen  des  gotischen 
alphabetes  festzustellen ,  und  in  der  formenlehre  wird  zwischen  belegten  und  erschlos- 
senen formen  gewissenhaft  geschieden.  Man  merkt  dem  abrisse  an ,  dass  er  auf 
wissenschaftlicher  keutnis  der  germanischen  grammatik  beruht.  Auch  an  selbstän- 
digen bemerkungen,  wie  über  die  auffassung  des  got.  ai  in  Wörtern  wie  saian, 
vaian  (§  22) ,  über  silbenbildende  liquiden  im  Gotischen  (§  27)  u.  a.  fehlt  es  nicht. 
Die  fernhaltung  der  vorgeschichtlichen  fragen  zeigt  sich  augenfällig  darin, 
dass  nicht  die  rede  ist  von  der  lautverschiebung,  nicht  von  den  Westphalschen 
auslautsgesetzen ,  nicht  vom  „grammatischen  Wechsel"  und  von  Verners  auf- 
deckung  der  alten  accentuation.  Diese  beschränkung  hat  zwar  den  nachteil, 
dass  nun  manches  als  gotisches  lautgesetz  dargestelt  werden  muss ,  was 
weit  älter  ist  als  die  übrigen  speciell  gotischen  gesetze.  Aber  eine  syste- 
matische heranziehung  der  verwanten  sprachen  würde  den  ganzen  charakter  des 
buches  verändert  haben;  und  jedenfals  ist  es  besser,  wenn  der  lernende  bei 
der  ersten  aneignung  des  Gotischen  von  den  sprachgeschichtlichen  theorien  nichts 
erfährt,  als  wenn  er  die  zum  grossen  teil  unrichtigen  hypothesen,  mit  denen 
die  gebräuchlichen  hilfsbücher  durchtränkt  sind,  sich  von  vorn  herein  mit  aneig- 
net. —  Indessen  hat  der  Verfasser  es  sich  nicht  versagt,  doch  in  einigen  fäl- 
len den  lehren  der  vergleichenden  Sprachwissenschaft  eine  hintertür  zu  öffnen: 
trotz  der  im  Vorworte  ausgesprochenen  abneiguug  gegen  ,,  unsystematische  bemer- 
kungen" und  „zerstreute  brocken  aus  der  vergleichenden  grammatik."  Er  scheidet 
§  4  die  beispiele  für  got.  a  =  südeurop.  a   von  denen   für  got.  a  =  südeurop.  o; 


COLLITZ,    ÜBER   BRAUNE,    GOT.    GRAMM.  481 

ebenso  §  14  die  fälle  wo  got.  u  einem  urspr.  u  entspricht,  von  denen  wo  es  als 
Vertreter  eines  schwachen  vocals  fungiert.  Auch  bei  der  darstellung  der  mediae 
(§§  55  b.  62.  6Ü)  ist  auf  den  verschiedenen  Ursprung  derselben  rücksicht  genommen. 
Consequenz  herscht  in  diesen  beracrkungcn  nicht.  Unter  den  beispielen  für  ö 
(§  12)  ist  eine  scheidung  von  ö  =  südeurop.  ä  und  6  =  südeurop.  ü  nicht  vor- 
genommen: und  in  der  formenlehre  wird  bei  der  ,,a-declination"  (§  79)  und  der 
,,ö-doclination  "  (§86)  die  entsprccliung  im  Griechischen  und  Lateiuischen  angege- 
ben ,  während  bei  den  übrigen  declinationen  die  aussergotischen  analoga  nicht 
erwähnt  sind.  Diese  inconsequenz  einerseits  ist  zu  tadeln ,  und  andererseits  mis- 
billigcn  wir  es,  dass  der  Verfasser  nicht  wenigstens  in  einer  note  angegeben  hat, 
aus  welchem  gründe  er  jene  beispiele  sondert.  Offenbar  ist  er  bemüht  gewesen, 
die  berücksichtigung  der  vorgotischeu  sprachentwickelung  so  vorzunehmen,  dass 
der  grammatik  ihr  einheitlicher  Charakter  gewahrt  bleibt  und  dass  es  möglichst  so 
aussieht,  als  sei  alles  vom  rein  gotischen  Standpunkte  aus  dargestelt.  Aber  gemäss 
der  vorrede  ist  das  buch  nicht  lediglich  zur  unterläge  für  Vorlesungen  bestimt, 
sondern  auch  zu  selbständigem  gebrauche,  auch  für  denjenigen,  welcher  von  der 
vergleichenden  grammatik  noch  nichts  weiss.  Eechnet  der  Verfasser  nicht  darauf, 
dass  solche  leser  die  sonderung  der  beispiele  übersehen,  so  hätte  er  ihnen  auch 
über  den  grund  derselben  auskunft  geben  und  nicht  blos  ihre  wissbegierde  rege 
machen  sollen. 

"Wer  die  demente  einer  spräche  einem  anfänger  zur  erlernung  darbietet,  der 
wird  sich  vor  allem  hüten  müssen,  ihm  unrichtige  oder  halbrichtige  annahmen  als 
feststehende  tatsachen  mitzuteilen.  So  correct  und  wolüberlegt  nun  auch  im  alge- 
meinen die  darstellung  Braunes  ist,  so  wenig  ist  es  ihm  gelungen,  völlig  jenen 
fehler  zu  vermeiden.  §  2  wird  angegeben ,  die  buchstaben  q  und  w  (nach  der 
bezeichnung  von  Gabelentz  und  Loebe)  seien  einfache  zeichen  für  zweifachen  laut; 
von  derselben  ansieht  geht  die  fassung  der  §§  40,  57  anm.  1,  59  anm.  2  aus. 
Braune  schreibt  demgemäss  kv  und  hv.  Aber  hätte  Ulfilas  Icv  und  hv  gesprochen, 
so  würde  er  auch  wahrscheinlich  so  geschrieben  haben.  Und  er  schreibt  ja  auch 
hv ,  aber  in  fällen ,  wo  kein  „  iv ",  sondern  eine  zusammeurückung  von  h  und  v  vor- 
liegt: ubuhvöpida  Luc.  18,  38  und  pairhvakands  Luc,  6,  12.  Auf  diese  tatsache 
hat  Holtzmann,  Altd.  Gramm.  I  s.  25  (den  Braune  zwar  citiert,  dessen  ausführungen 
er  aber  nicht  in  ihre  cousequenzen  verfolgt)  hingewiesen,  und  Holtzmann  hat  zugleich 
ein  weiteres  moment  angeführt,  welches  beweist,  dass  jenes  w  etwas  anderes  als 
7^  -j-  ^  ist:  sanvan  wird  als  kurzsilbige  wurzel  behandelt,  das  iv  macht  hier  keine 
Position,  kann  also  kein  doppellaut  sein.  Und  kann  man  sich  denn  diese  {j[  und  w 
nicht  anders  gesprochen  denken,  als  kv  oder  hv?  Mein  freund  Hoffory,i  mit 
dem  ich  vor  längerer  zeit  auf  diese  frage  zu  sprechen  kam,  wolte  in  den  gotischen 
lauten  labialisierte  gutturale  im  sinne  von  Sweet,  A  Handbook  of  Phonetics  — 
Oxford  1877  —  s.  42  sehen:  eine  auffassung,  welche  mir  die  frage  nach  dem 
lautlichen  Charakter  ansprechend  zu  beantworten  scheint.  Man  erinnere  sich,  dass 
auch  das  lateinische  qu  kein  doppellaut  ist  —  ebensowenig  wie  das  gruudsprachliche 
q,  wenn  ich  recht  gehabt  habe  (Bezzenberger  Beitr.  III,  192),  dasselbe  als  gleich- 
wertig mit  dem  lat.  qu  hinzustellen  — ;  und  man  halte  beispiele  gegeneinander  wie 

l)  Derselbe  macht  mich  noch  aufmerksam  auf  das  altn.  —  mit  got.  7-iqiz-  zusam- 
mengehörige —  verbum  rokkva  (Wimmer,  Altn.  Gramm.  §  119  anm.)  Das  part.  rekvit 
(aus  *rekvit)  zeigt,  dass  es  derselben  ablautsreihe  angehört,  wie  got.  saiwan;  es  macht 
also  die  tenuis  altn.  kv  =  got.  q  ebensowenig  position,  wie  die  spirans  got.  lo. 

31* 


482  COLLITZ,  ÜBER  BRÄUNE,  GOT.  GRAMM. 

ahva  und  lat.  aqua,  aihva-  und  lat.  equo-,  stigqan  und  lat.  di-stinguere.  Noch 
ein  nahe  liegender  einwurf  ist  zu  berücksichtigen.  Weshalb  verwendete  Ulfilas 
nicht  auch  für  gv  ein  einheitliches  zeichen?  Die  lösung  dieses  scheinbaren  Wider- 
spruches scheint  mir  mit  der  beachtung  der  herkunft  des  q  und  lo  gegeben.  Got.  w 
ist  die  fortsetzung  des  grundsprachlichen  q,  got.  q  die  fortsetzung  der  zugehörigen 
media;  die  entsprechende  aspirata  aber  hat  im  Gotischen  in  der  regel  das  guttu- 
rale element  aufgegeben,  und  erscheint  als  v.  snaivs  =  lit.  snegas ,  vgl.  gr.  vtcpf- 
Tog,  vei(f(i;  siuns  neben  saiivan  u.  a.  (vgl.  Sievers,  P,-B.  Beitr.  V,  149).  Aller- 
dings scheint  das  gv  in  aggvus  und  siggvan  mit  dem  q  und  ^o  auf  einer  stufe  zu 
stehen.  Aber  mau  ist  nicht  berechtigt,  auf  grund  dieser  beiden  beispiele  jenen 
einheitlichen  zeichen  die  geltung  eines  doppellautes  zuzuschreiben.  Es  wäre  ja  auch 
umgekehrt  möglich,  dass  dieses  gv  einen  einheitlichen  laut  bezeichnete,  und  dass 
die  einführung  eines  besonderen  Zeichens  für  denselben  nur  deshalb  unterblieb,  weil 
die  anzahl  der  betreffenden  beispiele  zu  geringfügig  war.  Oder  es  wäre  anderer- 
seits denkbar,  dass  der  ursprüngliche  laut  hier  in  folge  des  vorausgehenden  nasals 
auch  in  der  spräche  eine  Umgestaltung  erfahren  hätte.  Jedenfals  bleiben  die  oben 
angeführten  momente ,  welche  für  einfachheit  des  q  und  w  sprechen ,  bestehen, 
und  die  frage  kann  unserer  ansieht  nach  nur  sein,  ob  es  nicht  ratsam  ist,  statt 
des  w,  das  zur  bezeichnung  einer  gutturalen  spirans  sich  gewiss  nicht  besonders 
eignet,  ein  anderes  einheitliches  zeichen,  etwa  eine  ligatur  aus  h  und  v  einzufüh- 
ren. —  §  24  anm.  wird  unter  den  belegen  für  diphthongisches  aw  vor  r  haurus 
„schwer"  angeführt,  unter  berufung  auf  Kz.  24,  427.  Allerdings  hat  Möller  an 
jener  stelle  das  wort  als  erstes  der  beispiele,  in  welchen  w-epenthese  im  Germa- 
nischen vorliegen  soll,  aufgeführt.  Aber  das  beispiel  ist  falsch.  Das  gotische  au 
ist  ,,brechung"  des  w,  und  dieses  ebenso  Vertreter  eines  schwachen  vocales,  wie 
die  entsprechenden  vocale  in  sskr.  gun'o,  griech.  ßctQv-g,  lat.  grav-i-s.  Die  vocal- 
verhältnisse  sind  genau  dieselben  (vgl.  de  Saussure,  Systeme  primitif  des  voyelles 
s.  267),  wie  in  sskr.  pura,  puräs ,  gr.  nagd,  ndgog,  got.  faur,  wo  niemand  an 
diphthongisches  au  denken  wird.  —  Nach  §  74  anm.  1  ist  z  im  ausjaut  zuweilen 
stehen  geblieben.  Man  hätte  also  anzunehmen ,  es  sei  hier  ein  altes  lautverhält- 
nis  in  einigen  raritäten  gewahrt.  Aber  gewiss  ist  hier  nichts  ,,  stehen  geblieben," 
sondern  etwas  neu  eingeführt.  Die  z  sind  aus  den  casus,  wo  sie  im  inlaute  stan- 
den, in  den  auslaut  übertragen  und  haben  dort  das  regelrechte  s  verdrängt,  genau 
so  wie  in  den  §  70  anm.  1.  2  angeführten  fällen  J5  unrichtig  durch  d  ersezt  ist.  — 
Endlich  sei  hervorgehoben,  dass  die  bemerkungen  über  den  Wechsel  des  u  und  au 
in  der  M-declination  (§§  14  anm.  4;  24  anm.  4;  25  anm.  3)  nicht  in  die  lautlehre 
gehören ;  mag  dieser  Wechsel  auch  lediglich  den  späteren  Schreibern  zur  last  fallen, 
so  liegt  hier  doch  nicht  eine  blosse  Verwechselung  der  laute,  sondern  eine  Verwir- 
rung der  formen  vor;  die  anmerkung,  welche  darüber  in  der  formenlehre  (§94 
anm.  2)  gemacht  wird ,  genügte  volständig. 

Das  wären  denn  aber  auch  so  ziemlich  die  einzigen  ausstellungen ,  welche 
wir  an  dem  buche  zu  machen  haben.  Im  grossen  und  ganzen  darf  dasselbe  als  ein 
dem  jetzigen  stände  der  Wissenschaft  entsprechender  und  geschickt  gearbeiteter 
leitfaden  bezeichnet  werden,  der  dem  lernenden  bestens  empfohlen  werden  kann. 

BERLIN.  HERMANN   COLLITZ. 


VON   BAHÜER,    WEINHOLD    UND   PAUL,    MHD.   GRAMM.  483 

K.  WeinhoM,  Kleine  mittelhochdeutsche  Grammatik.     Wien,  Braiimüller, 

1881.     Vm,  100  s.    8.    M.  2. 
H.  Paul,    Mittelhochdeutsche   Grammatik    (Sammlung  kurzer  Grammatiken 
germanischer  Dialecte  II).    Halle,  Niemeyer,  1881.    VIII,  69  s.     8.    M.  1,20. 

So  ist  denn  endlich  dem  bedürfnis  nach  einer  gedrängten,  aber  ergiebigen 
und  für  das  ganze  gebiet  des  Mittelhochdeutschen  ausreichenden  Übersicht  der  mhd. 
grammatik  genügt  und  durch  das  gleichzeitige  erscheinen  von  Weinholds  und  Pauls 
büchern  an  die  stelle  des  früheren  mangels  sogar  ein  gewisser  überfluss  getreten. 
Weinhold  sah  sich  durch  den  umstand,  dass  seine  grössere  grammatik  für  den 
anfänger  zu  umfangreich  (und  wol  auch  zu  teuer)  sei,  zur  herstellung  eines  kür- 
zeren abrisses  veranlasst,  Pauls  buch  schliesst  sich  der  die  samlung  kurzer  german. 
grammatiken  cröfnenden  gotischen  grammatik  von  Braune  an,  namentlich  in  dem 
bestreben  bei  Verwertung  der  neuesten  forschungen  auf  grammatischem  gebiet  doch 
immer  das  bedürfnis  des  anfängers  im  äuge  zu  haben  und  daher  die  wissenschaft- 
liche Untersuchung  selbst  zurücktreten  zu  lassen. 

Jedes  der  beiden  bücher  hat  seine  eigentümlichen  Vorzüge.  Weinhold  bietet 
in  dem  seinigen  allerdings  kaum  neues,  wenn  auch  zum  grossen  teile  eigenes, 
durch  seine  forschungen  gesichertes,  aber  die  auswahl  ist  passend  getroifen  und 
die  anordnung  sehr  übersichtlich.  Anzuerkennen  ist,  dass  Weinbold  ihm  eigen- 
tümliche anschauungen ,  die  aber  nicht  durchaus  den  beifall  der  fachgenossen  gefun- 
den haben,  hier  zurückhält  und  nur  wissenschaftlich  gesichertes  bietet.  Einiges 
anfechtbare  begegnet  allerdings  auch  hier,  z.  b.  die  annähme,  dass  ie  uo  im  md. 
bereits  im  12.  Jahrhundert  zu  i  ü  geworden  seien  (§§  39.  40).^  Die  anordnung  ist 
im  wesentlichen  die  der  grösseren  mhd.  grammatik.  In  der  vocallehre  sind  jedoch 
nicht  wie  hier  die  vocale  des  mhd.,  sondern  ideale  urvocale  zu  gründe  gelegt,  es 
wird  z.  b.  das  umlaut-e  unter  a,  o  unter  «  behandelt  usw.  Durchweg  sind  auch 
mundartliche  erscheinungen,  wenn  auch  nur  in  aller  kürze,  herangezogen. 

Sehr  wesentlich  unterscheidet  sich  Pauls  buch  von  dem  Weinholdschen.  Seine 
Vorzüge  bestehen  in  der  exacten  methode ,  mit  der  der  Verfasser  seinen  stofF  behan- 
delt. Paul  unternimt  es  die  neuesten  forschungen  auf  dem  gebiet  der  lautlehre  in 
die  mhd.  grammatik  einzuführen.  Er  selbst  hat  schon  in  mehreren  aufsätzen  („Bei- 
träge zur  Geschichte  der  Lautentwicklung  Formenassociation "  bei  Paul  und  Braune, 
Beiträge  bd.  6  und  7)  versucht  einige  schwierige  erscheinungen  im  mhd.  zu  beleuch- 
ten und  namentlich  das  rein  lautgesetzliche  von  dem  durch  ausgleichung  eingetre- 
tenen zu  scheiden.  Einige  weitere  beitrage  hiezu  bringt  er  in  der  vorliegenden  gram- 
matik. Allerdings  komt  er  bei  diesem  bestreben  manchmal  in  eine  eigentümliche 
läge.  Trotz  seiner  abweichenden  Stellung  kann  er  oft  nicht  vermeiden  auf  früher 
herschende  ansichten  hinzuweisen,  weil  diese  eben  noch  fast  algemein  geteilt  werden; 
dadurch  komt  aber  ein  polemischer  ton  in  seine  darstellung  hinein  und  es  fehlt  an 
der  aus  pädagogischen  gründen  erforderlichen  präcision.  Mit  §  9  z.  b.  wird  der 
lernende  nicht  viel  anzufangen  wissen.  —  Am  charakteristischsten  für  das  ver- 
fahren Pauls  in  der  lautlehre  ist,  dass  derselbe  zur  erläuterung  des  mhd.  nicht 
ältere  sprachstufen,  sondern  im  gegenteil  das  nhd.  heranzieht.  Das  ist  an  sich 
gewiss  nur  zu  loben.  Der  erfolg,  den  Schleichers  buch  „Die  deutsche  Sprache" 
aiifzuweisen  hat,  beruht  auf  der  gleichen  Verbindung  von  Mhd.  und  Nhd.     Es  hätte 

1)  Die  historischen  belege  für  die  riehtigkeit  dieser  angäbe  (nicht 
annähme)  bietet  Weinhold  in  seiner  grösseren  mhd.  grammatik  (handbuch:  Paderborn, 
Schöningh.   1877).    §  73.  86.     Z. 


484  VON   BÄHDEE 

nur  uach  meiner  ansieht  die  vergleichung  zwischen  Mhd.  und  Nhd.  mit  der  mhd. 
lautlehre  selbst  verbunden  werden  müssen,  wie  es  nachher  ähnlich  bei  der  flexions- 
lehre  der  fall  ist.  Dass  aber  die  vergleichung  der  mhd.  laute  mit  den  nhd.  beson- 
ders, der  mhd.  lautwechsel  besonders  und  dialektische  abweichungen  besonders 
behandelt  werden,  trägt  keineswegs  zur  Übersichtlichkeit  bei.  Fals  nicht  münd- 
licher vertrag  nebenher  geht,  ist  es  für  den  anfänger  eine  schwierige  aufgäbe  die 
mhd.  laute  erst  nach  der  einen,  dann  nach  der  anderen  seite  hin  betrachten  zu 
müssen.  Auch  ist  eine  systematische  Übersicht  über  die  mhd.  laute  nicht  wol  zu 
entbehren,  da  es  nicht  vorauszusetzen  ist,  dass  die  benutzer  der  grammatik  ein- 
sieht in  das  deutsche  lautsystem  bereits  mitbringen.  Die  betreffende  partie  der 
Weinholdschen  grammatik  ist  bei  weitem  übersichtlicher,  wenn  auch  lange  nicht 
so  inhaltreich. 

Ich  gehe  jezt  auf  einige  punkte  ein,  wo  Paul  neues  bringt,  namentlich  ver- 
sucht bekante,  aber  ihrem  wesen  nach  noch  unaufgeklärte  erscheinungen  unter 
gesetze  zu  bringen.  Im  §  64  bespricht  er  einige  fälle  von  assiniilation.  Sehr  rich- 
tig stelt  er  unter  2.  hierher  formen  wie  enkelten  für  entgelten,  empern  für  entbern, 
emphellien  für  entfelhen.  "Weinhold  hatte  in  der  grösseren  grammatik  §  143  eine 
andere  erklärung  zu  geben  versucht.^  Pauls  regel,  dass  das  t  der  partikel  ent- 
sich  an  den  folgenden  verschlusslaut  assimiliere,  lässt  sich  wol  dahin  erweitern, 
dass  überhaupt  t  vor  labialem  und  gutturalem  verschlusslaut  in  die  homorgane 
tenuis  übergeht ,  also  t  -{-  f  wird  pf,  t  -{-  b  =  ph  {pp ,  p) ,  t  -\-  g  =  Tcg  {hh ,  k), 
t  -{-  k  ^  kJc  (k).  Auch  t  -{-  d  und  t  -\-  t  muss  natürlich  ==  t  werden.  Dieser  regel 
lassen  sich  dann  noch  unterordnen  eigennamen  wie  Liapolt  =  Liutbolt,  Liukart 
=  Liutgart,  Buoker  =  Buotger,  ferner  spätmhd.  achper  =  ahtbaere,  himper  = 
hintber  (nhd.  wider  himbeere),  mumper  =  muntbar,  wimper  =  ■wintbrä.  In  vie- 
len anderen  fällen  ist  die  regel  durch  ausgleichung  durchkreuzt.  Durch  diese 
erscheinung  wird  übrigens  nachgewiesen,  dass  das  mhd.  auch  in  der  labial-  und 
gutturalreihe  eine  von  der  tonlosen  lenis  sich  durch  die  Intensität  unterscheidende 
tonlose  fortis  hatte,  was  man  gewöhnlich  nur  für  die  dentalreihe  zuzugeben  pflegt. 

Unter  3.  wird  die  erweichung  des  t  nach  nasal  (ahd.  mitar  =  mhd.  under) 
durch  partielle  assiniilation  erklärt.  Das  ist  natürlich  die  einzig  richtige  auffas- 
sung,  an  „erhaltung  der  alten  media"  (Weinhold  gr.  Gr.  §  171,  kl.  Gr.  §  60)  darf 
nicht  gedacht  werden.  Den  Übergang  des  t  in  d  nach  l  und  r  erwähnt  Paul  hier 
nicht,  sondern  bei  vergleichung  des  mhd.  und  nhd.  lautstandes  §  30.  4.  Das  tut 
doch  der  Übersichtlichkeit  entschieden  eintrag.  Der  gang  der  lauterscheinung ,  die 
ich  nirgends  ausreichend  besprochen  gefunden  habe,  ist  folgender.  Im  älteren  ahd. 
ist  ndd.  nd  Id  rd  regelrecht  zu  nt  It  rt  verschoben.  Seit  dem  10.  Jahrhundert 
wird  nt  zu  nd  assimiliert:  bindan,  undar.  Ausgenommen  sind  nur  ivintar,  mun- 
tar  wegen  des  dem  t  ursprünglich  folgenden  r.  Im  mhd.  ergreift  auch  diese  Wör- 
ter zuweilen  assimilation  (icinder,  munder),  die  in  Wörtern  wie  binden,  under  her- 

1)  Weinhold  berichtet  in  §143  echt  philologisch  die  tatsache,  unter- 
scheidet richtig  philologisch  die  verschiedenen  arten  der  vorkommenden  erscheinun- 
gen, und  gibt  die  nächstliegende  und  wahrscheinlichste  erklärung.  Er  wüste,  dass  in 
zusammengesezteu  Wörtern  der  schlussconsonant  des  praefixes  ausfallen  konte ,  und  dass 
gleichwol  eine  assimilierende  Wirkung  auf  den  unmittelbar  folgenden  anlautenden  con- 
sonanten  zwar  eintreten  konte,  aber  doch  nicht  notwendig  eintreten  muste.  Er 
wüste  z.  b.  und  beachtete,  dass  Otfrid,  Tatian,  Notker  stets  schreiben  in-gän  (statt 
int  -  gän) ,  nicht  aber  in  -  hän.  Z. 


WEINHOLD    UND    PAUL,    MHD.    GRAMM.  485 

sehend  ist.  Im  nhd.  lieisst  es  wider  winter,  munter,  ausserdem  zeigen  auch  unter, 
hinter,  tinten,  hinten  den  frühahd.  stand.  Auch  in  praet.  wie  diente  ist  das  laut- 
gesetzliche nd  (mhd.  diende)  durch  ausgloichung  verwischt.  —  Nach  l  tritt  assimi- 
lation  erst  im  mhd.  und  auch  hier  nicht  durchgängig  ein;  ahd.  solta  scilti  spaltan 
=  mhd.  soUe  und  sohle,  seilte  und  scilde,  spalten  und  spalden.  Im  nhd.  ist  t 
wider  das  alleinlierschende  mit  ausnahine  der  werte :  gedidd  und  dulden  (ahd.  dul- 
ten),  milde  (ahd.  milti),  schild  (ahd.  seilt).  —  Nach  r  erscheint  assimilation  blos 
im  mhd.  und  zwar  nur  ausnahmsweise  z.  b.  arde,  gerde.  vierde  =  altsächs.  fiordha 
bei  Weinhold  kl.  Gr.  §  60  gehört  nicht  hierher. 

Ein  weiterer  fall  von  assimilation,  den  Paul  aber  nicht  hier,  sondern  im 
cap.  III  §  29  bespricht,  ist  der  Übergang  von  mb  in  imn,  z.  b.  nhd.  um  =  mhd. 
uinhe.  Auffallend  ist,  dass  er  an  derselben  stelle  nicht  auch  die  Verwandlung  der 
lautgruiipe  ng  in  blossen  gutturalnasal  im  nhd.  erwähnt,  die  gerade  deshalb  betont 
werden  muss,  weil  sie  in  der  schrift  niclit  hervortritt.  Bei  Weinhold  fehlt  ein  sol- 
cher hinweis  allerdings  auch.  Ein  dritter  ganz  entsprechender  Übergang,  der  aber 
blos  dialektisch  ist,  ist  der  von  nd  in  nn,  den  das  westraitteld.  hat,  z.  b.  kinner  = 
kinder.  Die  drei  Vorgänge  haben  sich  nicht  gleichzeitig  entwickelt,  sind  aber  alle 
vom  md.  ausgegangen,  welches  nasal  und  homorgane  media  nicht  duldet.  Zuerst 
erfolgte  die  assimilation  von  mb ,  die  sich  auch  über  ganz  Oberdeutschland  verbrei- 
tet hat,  dann  die  von  «y/,  die  auch  fast  algemein  geworden  ist,  schliesslich  die  von 
nd,  die  sich  auf  einen  teil  Mitteldeutschlands  beschränkt.  Die  assimilation  erleidet 
aber  bedeutende  einschränkuugen.  Wie  ich  glaube,  liegt  folgendes  gesetz  zu 
gründe:  der  verschlusslaut  wird  dem  vorausgehenden  homorganen  nasal  im  inlaut 
assimiliert,  bleibt  dagegen  im  aus  laut.  Dies  gesetz  besteht  noch  in  kraft  bei  der 
jüngsten  assimilation,  der  von  nd.  Der  Md.  sagt  kinner, ^  aber  n.  sg.  kint  und  so 
durchweg.  Bei  ng  ist  es  in  der  norddeutschen  ausspräche  lebendig :  hier  hört  man 
in  langer  keine  spur  eines  g  mehr,  aber  im  auslaut  lank.  In  Mittel-  und  Ober- 
deutschland ist  das  schwinden  des  g  vom  inlaut  auf  den  auslaut  übertragen.  Bei 
mb  scheinen  die  formen  mit  lautgesetzlich  erhaltenem  verschlusslaut  ganz  aus- 
geglichen. Man  sagt  nicht  allein  krummer,  sondern  auch  krumm.  Doch  werden 
sich  noch  einige  reste  ausfindig  machen  lassen.  Mir  ist  z.  b.  südfränk.  stump  = 
stumm  bekant.  Der  grund ,  dass  im  auslaut  assimilation  nicht  eintritt ,  ist  der, 
dass  hier  die  lenis  in  die  fortis  übergegangen  ist.  Gewiss  beruht  der  mhd.  ersatz 
von  d,  b,  g  durch  t,  p,  c  im  auslaut  auf  einem  lautgesetz  und  nicht  auf  wilkür- 
licher  regelmacherei,  wie  wol  behauptet  worden  ist. 

In  den  §§78.  171  bespricht  Paul  eine  erscheinung,  über  die  auch  bis  jezt 
noch  keine  exacte  regel  gegeben  worden  ist,  die  vocalcontraction  nach  ausfall  zwi- 
schenstehender media.  Paul  erkent  nur  die  fälle  als  lautgesetzliche  an,  wo  der 
erste  vocal  ein  i  (z.  b.  gibet  =  glt,  liget  =  lU,  quidet  =  qiiit)  oder  e  [tegedinc  = 
teidinc ,  treget  =  treit,  megede  =  meide,  darnach  auch  im  n.  sg.  meit)  ist.  Ich 
glaube,  die  regel  lässt  sich  so  fassen:  ausfall  und  contraction  tritt  nur  dann  ein, 
wenn  der  vocal  der  zweiten  silbe  ursprünglich  ein  i  war,  also  die  zwischeustehende 
media  mouilliert  ist.  Diese  Voraussetzung  trift  für  alle  im  §78  aufgeführten  bei- 
spiele  zu.  Das  lezte,  reit  reite  gereit  geht  zurück  auf  ahd.  rediöt  rediöta  girediöt, 
also  ebenfals  mit  mouillierung  des  d.    Die  in  der  anmerkung  aufgeführten  sprechen 

1)  Aber  er  sagt  auch :  die  kinger  (=  kinder) ,  die  hänge  (==  bände) ,  zengsrüni 
(=  zu  ende  herum ,  ganz  herum ,  rings  herum) ,  und  der  Engländer  sagt  im  part.  praes. 
auch  auslautend:   singing ,  finding ,  loving  usw.  Z. 


486  VON  BAHDER,  WEINHOLD  UND  PAUL,  MHD.  GRAMM. 

wol  uicht  gegen  diese  regel;  slä  kann  =  slahe  sein,  bei  tälanc ,  Hdtvart  ist  viel- 
leicht der  umstand,  dass  das  erste  glied  der  Zusammensetzung  unverständlich  gewor- 
den ist ,  grund  der  Verstümmelung ,  für  schadet ,  badet  usw.  ist  wol  bestirnt  bat, 
schat  (mit  Verschmelzung  des  wurzelauslauts  und  der  endung)  und  nicht  bat,  schät 
anzusetzen.  Der  Süddeutsche  spricht  bat,  schät  und  nicht  bot,  schöt,  wie  es  heis- 
sen  müste,  wenn  bat,  schät  zu  gründe  läge  (vgl.  höt  =  hat).  Volkommen  stimme 
ich  Paul  bei,  wenn  er  im  §  171  seit,  seite  usw.  aus  segit ,  segita  erklärt  und  kleit, 
beheit,  verdeif  usw.  als  analogiebildungen  hiernach  fasst.  Es  ist  noch  besonders 
darauf  hinzuweisen,  dass  die  lezteren  formen  in  einem  beschränkten  gebiet,  fast 
ausschliesslich  dem  Österreichischen  und  Steierniärkischen  vorkommen.  Auch  beit, 
scheit  =  badet ,  schadet  im  welschen  Gast  sind  sicher  auf  gleiche  weise  zu  deuten. 
Endlich  gebe  ich  Paul  darin  recht,  dass  er  die  zusammengezogenen  formen  von 
haben  und  läzen  nicht  auf  rein  lautlichem  wege ,  sondern  durch  die  einwirkung 
von  gän  und  stän  sich  entstanden  denkt.  —  Das  von  mir  gegebene  gesetz  gilt 
nur  für  das  Oberdeutsche.  Das  Md.  hat  auch  sonst  contractionen ,  z.  b.  phlegen  == 
phlem,  vgl.  Weinhold,  grössere  mhd.  Gr.  §  103.  Es  erklärt  sich  das  aus  der  spi- 
rantischen natur  dos  g  im  Md. 

Ich  habe  diese  punkte  hervorgehoben  um  zu  zeigen,  dass  Pauls  buch  auch 
für  den  fachmann  manches  neue  bringt.  Ich  könte  diese  hinweise  leicht  vermeh- 
ren: Paul  bewährt  auch  in  diesem  schriftchen  die  ihm  eigene  feine  beobachtung 
und  scharfe  auffassung  grammatischer  erscheinungen.  Die  methode  Weinholds  in 
seinem  buche  bedarf  weniger  der  ausdrücklichen  hervorhebung,  da  wir  dieselbe 
durch  seine  früher  erschienenen  grammatiken  kennen.  Die  kleine  mhd.  gramma- 
tik  reiht  sich  diesen  für  die  deutsche  dialektforschung  grundlegenden  werken  in 
würdiger  weise  an. 

Beide  grammatiken  sind  gut,  die  Weinholdsche  sogar  vortreflich  ausgestattet 
und  sorgfältig  gedruckt.  Von  versehen  ist  mir  aufgefallen ,  dass  bei  Paul  §  150 
anm.  1  die  bedeutung  von  hliben  als  „spalten"  statt  ,, kleben''  angegeben  ist  [ver- 
wechselt mit  Tdieben.     Z,]^ 

LEIPZIG,   DEN    10.  M.ÄRZ    1881.  K.   V.    BAHDER. 


l)  Der  principielle  unterschied  dieser  beiden  grammatiken  entspringt  aus 
dem  principiel  verschiedenen  Standpunkte  der  beiden  Verfasser.  "Weinhold  näm- 
lich steht  principiel  auf  philologischem  Standpunkte,  d.  h.  er  sammelt,  sichtet 
und  ordnet  die  tatsachen,  und  sucht  sie  dann  auch,  so  weit  er  vermag,  unter 
Zuhilfenahme  der  linguistik  zu  erklären.  Nie  aber  vergisst  er,  dass  allein  die  kritisch 
festgestelten  tatsachen  das  sichere  und  massgebende  sind,  die  erklärungen  dagegen  das 
unsichere ,  und  nur  mehr  oder  minder  wahrscheinliche ,  und  dass  der  forscher  sich  nur 
alzuoft  bescheiden  muss  bei  einem  ignoramus  oder  auch  ignorabimus.  Paul  dagegen 
steht  principiel  auf  einem  linguistischen  Standpunkte,  auf  welchem  der  an  sich  ja 
sehr  natürliche  wünsch  vorherseht,  alle  sprachlichen  erscheinungen  begreifen  und 
erklären  zu  wollen.  Dabei  geschieht  es  denn  aber  freilich  nur  alzuleicht ,  dass  theo- 
rien  und  hypothesen,  weil  sie  dem  Verfasser  als  zweifellos  richtig  erscheinen,  von  ihm 
als  wirkliche  objektive  Wahrheit  behauptet,  und  mit  der  wirklichen  Wahrheit  der  tat- 
sachen auf  ganz  gleiche  linie  gestelt  werden.  —  Pädagogischer  und  didak- 
tischer grundsatz  für  alles  Sprachstudium  ist  aber,  und  muss  stets  blei- 
ben: zu  allererst  gründliche,  tüchtige,  sichere  und  ausgedehnte  kentnis  der  tat- 
sachen,   d.  b.  solides  philologisches    Studium;    dann,    versuch,    soweit  es  auf 


LEHFELD,    ÜBER   MILCHSACK,   OSTERSPIELE  487 

Die  Oster-  und  Passionsspiele.  Literarhistorische  Untersuchungen 
über  den  Ursprung  und  die  Entwickelung  derselben  bis  zum  sie- 
benzehnten Jahrhundort  vornehmlich  in  Deutschland  nebst  dem 
erstmaligen  diplomatischen  abdruck  des  Kuenzelsauer  Fron- 
leichnam sspieles  von  Gustav  3Iilclisack.  I.  Die  lateinischen  Osterfeiern. 
Wolfenbüttel,  Julius  Zwisslor.  1880.     VIII,  136  s.     gr.  4.    n.  8  m. 

Es  ist  Docens  verdienst  im  jähre  1806  als  der  erste  zwei  mittelalterliche 
Schauspiele  veröfFentlicht  zu  haben.  Sein  boispiel  trieb  zu  lebhafter  nacheiferung 
auf  diesem  gebiete,  so  dass  gegenwärtig  ein  sehr  reiches  matorial  an  dramatischen 
producten  des  mittelalters  dem  littorarhistoriker  zur  Verfügung  steht.  Hand  in 
band  mit  diesen  Veröffentlichungen  giengen  die  versuche ,  die  entstehung  und  die 
almähliche  entwickelung  des  altdeutschen  Schauspiels  aufzuhellen ,  ohne  dass  es 
jedoch  einer  der  gegebenen  erkliirungsweisen  gelungen  wäre,  sich  einer  durchgrei- 
fenden anorkennung  zu  orfreuen.  —  Der  Verfasser  der  vorliegenden  Untersuchungen 
über  die  Osterfeiern,  welche  den  ersten  teil  eines  umfangreich  angelegten  Wer- 
kes bilden ,  referiert  zunächst  in  dem  ersten  hauptabschnitte  (s.  3  — 15)  über  die 
auslebten,  die  bisher  über  den  Ursprung  und  die  antriebe  zur  Weiterbildung  des 
altdeutschen  oster-  und  passiousdramas  aufgestelt  worden  sind.  Während  Hoff- 
mann,  veranlasst  namentlich  durch  den  benedictbeuerner  ludus  paschalis,  den 
Ursprung  der  spiele  direct  in  die  kirche  und  deren  gottesdienstliche  gebrauche  legt, 
ist  Jacob  Grimm  der  ansieht,  dass  die  geschichte  des  deutschen  Schauspiels  auszu- 
gehen habe  von  den  altgermanischen,  mit  wechselreden  verbundeneu  aufzügen  und 
Vorstellungen  von  sommer  und  winter.  Freytag  sucht  zwischen  beiden  ansichten 
eine  vermittelnde  Stellung  einzunehmen.  Erst  das  erscheinen  von  Mones  Schau- 
spielen des  mittelalters  bezeichnet  einen  wesentlichen  fortschritt  in  der  kentnis  des 
mittelalterlichen  dramas:  denn  nicht  nur,  dass  durch  ihn  die  zahl  der  bis  dahin 
bekanten  dramatischen  denkmäler  mehr  als  verdreifacht  wurde,  sondern  auf  grund 
dieses  reichern  materials  stelt  er  auch  die  ansieht  auf,  dass  die  dramatische 
osterfeier  sich  aus  den  responsorien  des  gottesdienstes,  d.  h.  aus  dem  wechsel- 
gesange  zwischen  priester  und  volk  entwickelt  habe;  das  passionsspiel  dagegen 
lässt  Mone  durch  dramatisierung  des  evangeliums  entstehen ,  nachdem  man  ange- 
fangen hatte,  den  vertrag  desselben  auf  mehrere  personen  zu  verteilen.  —  26  jähre 
nach  Mones  arbeiten  erschien  Wilkens  ,,  Geschichte  der  geistlichen  Spiele  in  Deutsch- 
land ,"  in  welcher  der  Ursprung  der  dramatischen  osterfeier  auf  das  osterevangelium 
(Marc.  16)  zurückgeführt  wird ,  mit  welchem  bald  Job.  20 ,  1  —  10  combiniert  wor- 
den sei.  Erst  nachdem  die  osterspiele  hinreichende  entwickelung  nach  vorwärts 
erfahren  hätten,  sei  man  auch  zur  dramatisierung  des  rückwärtsliegenden  Stoffes 
geschritten,  so  dass  demnach  die  passionsspiele  jüngeren  Ursprungs  wären  als  die 
osterspiele.  —  Der  Wilkenschen  ansieht  stelte  Schönbach  eine  neue  entgegen, 
indem  er  die  deutschen  osterspiele  im  anschlusse  an  die  Sequenz  Victimae  paschali 
sich  entwickeln  lässt. 

so  gediegener  grundlage  geschehen  kann,  auch  die  erklärung  der  tatsachen  zu  finden, 
und  zu  diesem  zwecke  eingehende  linguistische  studieu.  Daraus  folgt  mit  logischer 
notwendigkeit :  für  den  anfänger,  der  in  das  studium  des  Mittelhochdeutschen  rich- 
tig und  gründlich  eingeführt  werden  will ,  ist  Weinholds  grammatik  als  trefliehe ,  nach 
inbalt  und  form  ausgezeichnete  anleitung  zu  empfehlen ;  wer  aber  tüchtige  griechische, 
lateinische,  gotische,  althochdeutsche,  mittelhochdeutsche  Studien  gemacht  hat,  und 
nicht  mehr  neuling  ist  in  linguistik  und  lautphysiologie,  der  mag  auch  Pauls  gramma- 
tik mit  nutzen  brauchen  können.  J.  Z. 


488  LEHFELD 

Im  zweiten  hauptabschuitte  (,,Unkentnis  und  falsche  auffassung  der  Mone- 
schen  theorie  bei  den  späteren"  s.  16  —  22)  zeigt  der  Verfasser  mit  einschneidender 
schärfe,  dass  die  grundsätze,  die  Mone  zur  erklärung  des  Ursprungs  und  der  ent- 
wickelungsformen  der  oster-  und  passionsspiele  aufgestelt  hat,  bisher  stets  misver- 
standen  worden  sind.  Der  Verfasser  hebt  mit  nachdruck  hervor,  dass  Mone  stets 
passions-  und  osterspiele  als  zwei  verschiedene  gattungen  bezeichnet,  dass  er  die 
passionsspiele  für  die  älteren  gehalten  und  bei  seinen  combinationen  diese  stets  in 
den  Vordergrund  gestelt  habe.  Das  volständige  misverständnis  der  Monescben 
ansichten  zeige  sich  aber  erst  in  der  fälschlichen  Übertragung  von  erläuterungen 
über  den  Ursprung  der  ostermj'-sterien  auf  denjenigen  der  passionsspiele.  Des  Ver- 
fassers ausführungen  in  diesem  abschnitte  richten  sich  vor  allem  gegen  Wilken, 
für  dessen  werk  der  irtum  geradezu  ,, verhängnisvoll"  geworden  sei.  —  Im  drit- 
ten, umfangreichsten  und  wichtigsten  hauptabschuitte  (s.  23  — 119)  teilt  uns  der 
Verfasser  in  ausführlichster  weise  seine  eigenen  Untersuchungen  über  den  Ursprung 
und  die  entwickelung  der  osterfeiern  mit.  Er  gibt  zunächst  ein  volständiges  Ver- 
zeichnis der  28  von  ihm  benuzten  lateinischen  osterfeiern  und  bezeichnet  jedes 
stück  mit  einem  buchstaben  in  der  weise,  dass  die  alphabetische  folge  derselben 
mit  den  entwicklungsstufen  der  durch  sie  bezeichneten  stücke  übereinstimt.  Von 
diesen  28  stücken  entfallen  13  auf  Deutschland,  12  auf  Frankreich  (nicht  14,  wie 
der  Verfasser  irtümlich  angibt,  da  er  die  beiden  aus  Cividale  stammenden  stücke 
zu  den  französischen  rechnet),  1  auf  Holland,  2  auf  Italien.  Ausgehend  sodann 
von  der  tatsache,  dass  gewisse  sätze ,  wenn  auch  mit  mannigfachen  stilistischen 
abweichungen ,  in  fast  allen  stücken  widerkehren,  gibt  er  eine  Zusammenstellung 
derselben:  es  sind  ihrer  vier  resp.  fünf,  die  den  deutschen,  französischen,  italieni- 
schen und  dem  holländischen  mysterium  gemeinsam  und  unter  benutzung  von 
Marc.  16,  3.  6.  7  und  Matth.  18,  6.  7  zu  einem  dramatischen  dialog  frei  componiert  sind: 

[I.    Quis  revolvet  nobis  lapidem  ab  ostio  monumenti?] 

II.    Quem  quaeritis  in  sepulchro,  o  christicolae  ? 

III.  Jesum  Nazareuum  cruciflxum ,  o  coelicolae ! 

IV.  Non  est  hie,  surrexit  sicut  praedixerat! 
V.    Ite,  nuntiate  quia  surrexit. 

In  dieser  einfachen  fassung,  die  der  Verfasser  als  ,,  erste  recension"  bezeichnet 
zum  unterschiede  von  der  stilistisch  überarbeiteten  fassung  („zweite  recension"), 
erblickt  er  die  ursprüngliche,  von  einem  dichter  herrührende  form  der  lateinischen 
osterfeiern  überhaupt.  Da  in  der  überwiegenden  anzahl  der  stücke  zum  Schlüsse 
der  ambrosianische  lobgesang  Te  deum  laudamus  folgt,  so  ist  auch  dieser  als  ein 
von  anfang  an  notwendiger  bestandteil  der  osterfeiern  zu  betrachten.  —  Diejenigen 
stücke ,  welche  —  geringe  Zusätze  abgerechnet  —  die  osterfeiern  in  dieser  einfach- 
sten form  überliefern,  werden  vom  Verfasser  als  erste  gruppe  zusammengefasst:  es 
gehören  dazu  sechs  stücke  (zwei  deutsche,  drei  französische  und  ein  holländisches). 
Der  text  dieser  stücke  und  ebenso  der  der  grösten  anzahl  der  stücke  der  folgenden 
gruppen  ist  in  übersichtlichsterweise  parallel  nebeneinander  zum  abdruck  gebracht; 
das  zu  dieser  gruppe  gehörige  S  findet  erst  später  berücksichtigung,  weil  der  Ver- 
fasser erst  nach  einsieht  der  handschrift,  als  die  arbeit  bereits  im  drucke  war, 
sich  von  der  Zugehörigkeit  dieses  Stückes  zur  ersten  gruppe  überzeugte.  —  Zur 
zweiten  gruppe  werden  diejenigen  8  stücke  (7  Deutschland  angehörig,  1  Italien) 
gerechnet,  in  welchen  jene  fünf  sätze  des  primitiven  dramas  nicht  nur  in  stilisti- 
scher Überarbeitung  (II.  recension)  erscheinen,  sondern  die  überdies  eine  weitere 
entwickelung  auch  insofern  zeigen,  als  sie  einige  zusätze  enthalten,  die,  nicht  aus 


ÜBER   MILC'HSACK,    OSTERSPIELE  489 

kirchlichen  quollen  geflossen,  eigens  für  diese  dramen  verfasst  sind:  vier  stücke 
lassen  die  vom  grabe  zurückkehrenden  frauen  die  anti])hono  (Dicaut  nunc  Judaei) 
anstimmen,  sieben  fügen  einen  neuen  zusatz  hinzu  (Ad  monumentum  veninius  ijIo- 
rantes,  angelum  sedentom  vidimus  ac  dicentem  quia  surrexit  Jesus)  im  anschluss 
an  Joh.  20,  1,  fünf  führen  die  apostel  Petrus  und  Johannes  dramatisch  ein,  indem 
diese  (nach  Joh.  20 ,  4  —  8)  den  wettlauf  zum  grabe  unter  dem  chorgesange  Curre- 
bant  duo  simul  etc.  antreten  und  mit  den  worten  Cernitis,  o  socii  etc.  die  vom 
grabe  mitgebrachten  schweisstücher  vorzeigen.  Das  was  der  Verfasser  s.  54  —  56 
zur  erklärung  des  entstelicns  dieser  sconen  vorbringt,  gehört  mit  zu  den  besten 
Partien  der  ganzen  arbeit:  nirgends  können  wir  einen  so  richtigen  und  interessan- 
ten einblick  in  das  alraähliche  werden  dieser  spiele  gewinnen  als  gerade  hier.  — 
Als  dritte  .gruppe  werden  zwei  französische  dramen  aus  Narbonne  und  Sens  hin- 
gestelt,  welche  zwar  die  älteste  scene  in  einfachster  fassung  bieten ,  in  der  weitern 
entwicklung  aber  insofern  ihren  eigenen  weg  gehen,  als  das  eine  von  ihnen  die 
ganze  sequenz  Victimae  iiaschali  von  drei  personen ,  das  andere  die  zweite  hälfte 
der  sequenz  durcli  zwei  personen  zum  vertrag  bringt.  —  Zur  vierten  gruppe  wer- 
den sieben  stücke  gerechnet.  Sie  zeigen  die  älteste  scene  zwischen  den  frauen  und 
engein  am  grabe  im  wesentlichen  in  der  fassung  der  I.  gruppe;  in  allen  stücken 
identisch  ist  femer  der  auftritt  Magdalenens  mit  Jesu ;  diese  beiden  scenen ,  beschlos- 
sen durch  das  Te  deum  sind  als  ursprüngliche  form  der  IV.  gruppe  anzusehen: 
ob  diese  fassung  von  einem  bearbeiter  herrührt  oder  ob  zwei  bearbeiter  in  Deutsch- 
land und  Frankreich  unabhängig  von  einander  darauf  gekommen  sind,  wagt  der 
Verfasser  nicht  zu  entscheiden ,  denn  die  Deutschland  angehörigen  drei  dramen  die- 
ser gruppe  fügen  zu  dem  bisherigen  noch  das  ad  monumentum  etc.  und  je  einen 
hymnus  resp.  die  sequenz  victimae  paschali  vor  jeder  scene  und  vor  dem  Te  deum 
hinzu,  die  vier  französischen  stücke  aber  schufen  eine  zweite  grabscene  und  einen 
eigentümlichen  schluss.  Dass  diese  IV.  gruppe  unabhängig  von  der  II.  gruppe 
entstanden  ist,  hat  der  Verfasser  durch  seine  erörterungen  s.  80  fgg.  in  für  mich 
überzeugender  weise  nachgewiesen.  —  S.  91  fg.  werden  die  erhaltenen  bruchstücke 
dramatischer  osterfeiern  einer  genauem  besprechung  unterzogen.  Von  Wichtigkeit 
ist  hier  besonders,  dass  es  dem  Verfasser  gelungen  ist,  die  beiden  bruchstücke  aus 
Lichtenthai  und  Eeichenau  als  ein  zusammengehöriges  ganze  hinzustellen.  —  Von 
s.  97  ab  folgt  ein  correcter  abdruck  des  mysteriums  von  Tours,  das,  obwol  unter 
den  denkmälern,  welche  die  osterfeiern  betreffen,  eins  der  wichtigsten,  bisher  nur 
in  zwei  fehlerhaften  drucken  von  Luzarche  und  Coussemaker  zugänglich  war.  Der 
Verfasser  hat  hier  zahlreiche  misverständnisse  Luzarches  beseitigt  und  eine  ziem- 
liche anzahl  von  ergänzungen  des  oft  nur  angedeuteten  textes  gemacht,  die  für 
das  Verständnis  und  die  beurteilung  des  stückes  wertvoll  sind.  Die  eingehende 
analyse  desselben,  die  sich  hieran  schliesst,  zeigt  aufs  deutlichste  die  liebevolle 
hingäbe,  die  den  Verfasser  je  länger  je  mehr  zu  seiner  arbeit  erfasst  hat.  Durch 
die  zweite  grabscene  steht  das  mysterium  von  Tours  in  Verbindung  mit  den  fran- 
zösischen stücken  der  IV.  gruppe;  durch  seine  ganze  form  unterscheidet  es  sich 
aber  wesentlich  von  den  bisherigen  osterfeiern:  wir  haben  in  ihm  nicht  mehr  eine 
osterfeier,  sondern  ein  dramatisches  osterspiel  zu  erblicken.  —  Den  schluss  des 
buches  machen  sechs,  vom  Verfasser  zum  teil  selbst  aufgefundene  denkmäler,  die 
für  die  geschieh  te  des  religiösen  dramas  von  Wichtigkeit  sind. 

Dies  ist  in  kurzen  umrissen  der  reiche  Inhalt  des  vorliegenden  Werkes.  Ehe 
ich  jedoch  zu  einer  algemeineren  beurteilung  desselben  übergehe,  möchte  ich  einen 
speciellern    punkt   besonderer    Untersuchung  noch    empfehlen;    ich  meine    die   vom 


490  LEHFELD 

Verfasser  aufgestelte  behauptung  zweier  recensionen  der  ältesten  form.  Schönbach 
bestreitet  in  seiner  ausführlichen  beurteilung  des  werks  (Anzeiger  f.  d.  A.  u.  d.  Litt. 
VI,  302  fgg.)  die  richtigkeit  dieser  hypothese :  wie  mir  scheint,  nicht  gerade  mit 
recht.  I*:  Quis  revolvet  nobis  lapidem  ab  ostio  monumenti?  ist  wörtlich  aus 
Marc.  16,  3.  I'':  Quis  revolvet  nobis  ab  ostio  lapidem,  quem  tegere  sanctum  cer- 
nimus  sepulcrum  GHKLNQT  ist  doch  wol  eine  freie,  antiphonenartige  umdich- 
tung  jenes  satzes,  und  die  Übereinstimmung  in  sieben  stücken  beweist  für  diese 
die  verwantschaft  einer  auf  derselben  quelle  beruhenden  gruppe,  die  principiel, 
nicht  blos  zufällig  von  der  andern  einfachem  und  biblischem  fassung  verschieden 
ist.  Wenn  Schönbach  sagt,  dass  I,  weil  es  in  den  ältesten  stücken  fehle,  ausser 
rechnung  falle,    so    dürfte   dies  wol   zu  bestreiten  sein.     Die  älteste  form  hat  zwar 

I  noch  nicht  enthalten,  dann  aber  wurde  es  aufgenommen,  und  als  die  II.  recen- 
sion  entstand,  da  war  auch  I*  schon  vorhanden.  —  Von  II  gibt  Schönbach  zwar 
die  charakteristischen  unterschiede  zu,  geht  aber  schnell  darüber  hinweg;  und  doch 
ist  besonders  hier  noch  zu  beachten,  dass  in  11^  genau  dieselben  stücke  GHKL 
NQT  wider  zusammenstehen.  —  In  III  — V  sollen  die  differenzen  gering  sein.; 
Dass  sie  nicht  sehr  stark  sein  können  hat  seinen  grund  in  der  kürze  dieser  sätze 
das  zwingende  für  die  annähme  einer  IL  recension  liegt  aber  auch  hier  in  der  Über- 
einstimmung, welche  stets  in  den  gleichen  punkten  bei  denselben  stücken  auf- 
tritt. III»:  lesum  Nazarenum  crucifixum,  o  coelicola  ABMPQSUVX.  III'': 
lesum  Nazarenum  crucifixum  quaerimus  G  H  K  L  N  T.  Wie  in  II  ^  das  christicolae, 
so  fehlt  hier  in  III *"  das  o  coelicola;  dafür  haben  alle  stücke  von  III''  quaerimus; 
diese  beiden  differenzen,    von  denen  sich  die  erste  durch  die  Übereinstimmung  mit 

II  als  beabsichtigt  erweist,  genügen  volständig ,  um  auch  hier  eine  11.  recension 
zu  behaupten.  Dass  Q  hier  zu  a  übergetreten  ist,  kann  auf  einem  zufall  beruhen; 
gegenüber  GHKLJSTT  ist  es  von  geringer  bedeutung.  —  IV*:  Non  est  Mg,  sur- 
rexit  sicut  praedixerat  A  B  C  E  M  P  S  U  V.  IV ":  Non  est  hie,  quem  quaeritis 
H  K  L  N  Q.  Auch  hier  scheint  mir  die  diiferenz  nicht  zufällig  zu  sein:  das 
quem  quaeritis  in  IV ''  weist  direct  auf  das  quaerimus  in  III "  hin,  —  Auch 
durch  satz  V  wird  des  Verfassers  theorie  nicht  erschüttert:  der  zusatz  von  et 
Petro  und  lesus  in  den  bisherigen  Vertretern  kann  nicht  als  bedeutungslos  ange- 
sehen werden.  —  Doch  welcher  ansieht  man  auch  in  diesem  punkte  sich  zuwenden 
mag,  an  dem  hauptergebnis  der  Untersuchung  wird  dadurch  nichts  geändert.  Mit 
höchster  befriedigung  kann  der  Verfasser  auf  dasselbe  blicken ,  denn  die  richtigkeit 
desselben  ist  so  unanfechtbar,  dass  ihm  die  uneingeschränkte  Zustimmung  aller  zu 
teil  werden  muss.  Die  bisherigen  schwankenden  Vermutungen  über  den  Ursprung 
und  die  entwickelung  der  osterfeiern  können  als  beseitigt  angesehen  werden,  da 
durch  den  methodisch  geführten  beweis  festgestelt  ist,  dass  die  lateinisch -drama- 
tische osterfeier  in  Deutschland,  Frankreich,  Holland  und  Italien  sich  aus  jener 
einzigen ,  oben  näher  skizzirten ,  mit  dem  Te  deum  abschliessenden  scene  entwickelt 
hat,  die  von  einem  Verfasser  an  einem  bestimten  orte  verfasst  wurde;  aus  ihr 
gingen  almählich  durch  hinzufügung  weiterer  biblischer  scenen  drei  von  einander 
unabhängige,  verschieden  geartete  entwickelungen  hervor.  Die  ursprüngliche  scene 
hatte  ihren  platz  in  der  matutine  des  ersten  osterfeiertages ,  und  ihre  mimische 
darstellung  ist  hinreichend  gesichert  durch  die  darauf  bezüglichen  spielan Weisun- 
gen. —  Zu  diesem  sichern,  für  alle  weitern  Untersuchungen  auf  diesem  gebiete 
grundlegenden  resultate  konte  der  Verfasser  nur  auf  dem  von  ihm  eingeschlageneu 
wege  der  genauesten  vergloichung  aller  vorhandenen  stücke  gelangen.  Zwar  hat 
Schönbach  schon  vor  jähren  auch  den  weg  der  vergleichung  eingeschlagen;    da  er 


ÜBER   MILCHSACK,    OSTERSPIELE  491 

aber  nur  eine  geringe  anzahl  von  stücken  seiner  Untersuchung  zu  gründe  legte, 
(obwol  doch  A  B  C  D  E  I  M  Y  b,  darunter  also  einige  der  ältesten  und  wichtig- 
sten, in  den  von  ihm  benuzten  werken  von  Du  Meril  und  Mone  zu  linden  waren,) 
so  konte  er  auch  zu  keinem  genügenden  resultate  gelangen.  Die  art  und  weise, 
wie  Milchsack  diese  vergleichung  durcligeführt  hat,  ist  ein  beredtes  zeugnis  von 
der  eingehenden  Sorgfalt,  die  er  der  ganzen  Untersuchung  gewidmet  hat.  Nur 
möchte  es  uns  scheinen,  als  ob  der  Verfasser  nicht  nöthig  gehabt  hätte,  uns  von 
jeder  einzelheit  seiner  Untersuchungen  so  genaue  rechcnschaft  zu  geben  als  es 
geschehen  ist:  der  genuss  bei  der  lectüre  des  werkes  vnrd  zuweilen  dadurch  beein- 
trächtigt, zumal  die  dictiou  des  Verfassers  nicht  gerade  leicht  zu  nennen  ist;  solte 
er  sich  entschliessen  können  in  seinen  weitern  Untersuchungen  uns  weniger  gross 
angelegte  pcrioden  zu  bieten,  so  würde  die  klarheit  der  darstellung  dadurch  nur 
gewinnen.  —  Für  einen  glücklichen  und  recht  dankenswerten  entschluss  halten 
wir,  dass  der  Verfasser  den  grösten  teil  des  in  frage  kommenden  materials  zum 
abdruck  gebracht  hat,  und  zwar  in  so  gelungener,  die  Übersichtlichkeit  wesentlich 
fördernder  weise.  Das  misliche,  das  die  dadurch  entstehende  unbedeutende  Preis- 
erhöhung mit  sich  bringt,  wird  mehr  als  aufgewogen  durch  den  vorteil  der  dadurch 
erreichten  durchsichtigkeit  der  Untersuchung.  Nicht  jeder  hat  ja  das  glück  in  der 
nähe  einer  grössern  bibliothek  ansässig  zu  sein:  alle  diese  aber  werden  dem  Ver- 
fasser und  in  dieser  beziehung  nicht  minder  dem  Verleger  zu  dank  verpflichtet  sein. 
Auch  dürfte  gerade  durch  diesen  umstand  das  interesse  weiterer  kreise,  die  sonst 
aus  mangel  am  nötigen  apparat  auf  jegliche  teilnähme  verzichten,  für  den  vorlie- 
genden gegenständ  geweckt  werden :  ich  denke  hierbei  namentlich  an  die  theologen, 
denen  das  buch  nicht  minder  als  den  germanisten  hiermit  aufs  wärmste  empfoh- 
len sei. 

BRANDENBURG   a/h.  RICHARD  LEHFELD. 


Lamprecht  von  Eegensburg.  Sanct  Francisken  Leben  und  Tochter 
Syon.  Zum  ersten  mal  herausgegeben  von  Karl  Weinhold.  Paderborn, 
Schöningh ,  1880.     VII  und  645  s.    n.  8  m. 

Die  gedichte,  welche  hier  zuerst  volständig  erscheinen,  waren  bisher  nur 
zum  teil  bekant.  Vom  h.  Franciskus  hatte  Pfeiffer  in  seinem  altdeutschen  Übungs- 
buche proben  gegeben,  von  dem  späteren  gedichte  zuerst  Welcker  in  den  Heidel- 
berger Jahrbüchern  (1816),  dann  Hoffmann  in  seinen  Fundgruben,  und  Weinhold 
in  der  lezten  (3.)  aufläge  seines  mhd.  lesebuches.  Auf  besondren  poetischen  wert 
können  beide  keinen  grossen  anspruch  machen ,  besonders  nicht  die  Übersetzung  des 
h.  Franciskus ,  welcher  die  lebensbeschreibung  des  heiligen  von  Thomas  von  Celano 
zu  gründe  liegt.  Auch  das  mittelalter  muss  ihr  keine  Wichtigkeit  beigemessen 
haben;  denn  weder  Berthold  von  Eegensburg,  „dessen  Lamprecht  in  dem  gedieht 
widerholt  rühmend  gedenkt  und  zu  dem  er  nähere  beziehungen  gehabt  hatte,"  noch 
der  dichter  des  passionals  verraten  eine  kentnis  derselben.  Und  uns  können  die 
matten  färben,  in  denen  der  jugendliche  Verfasser  malt  und  die  recht  mangel- 
hafte subjectivität,  mit  der  er  seinen  stoff  überträgt,  wenig  interesse  abnötigen. 
Anders  steht  es  mit  der  Tochter  Syon.  Sie  ,, gehört  der  mystischen  litteratur  an. 
Sie  ist  gleich  dem  Franz  kein  selbständiges  gedieht;  aber  der  lateinische  tractat, 
der  zu  gründe  liegt,  ist  von  dem  dichter  nicht  einfach  in  verse  übertragen,  son- 
dern nur  als  aufzug  eines  breiten  gewebes  benuzt.  Es  ist  ein  merkwürdiges  erzeug- 
nis  des  deutschen  Franziskaners,  der  keine  gelehrten  theologischen  Studien  gemacht 


492  KINZEL 

hatte,  aber  von  seinem  meister  mündlich  gut  unterwiesen  war  und  in  seiner  dich- 
tung  das  gelernte  und  das  erlebte  verarbeitete."  Weinhold  teilt  s.  285  —  291  den 
lateinischen  tractat  mit  und  gibt  darauf,  um  einen  übersichtlichen  vergleich  zu 
ermöglichen,  während  die  anmerkungon  auf  das  einzelne  eingeheVi,  eine  gedrängte 
aber  umfassende  inhaltangabe  von  Lamprechts  gedieht.  Der  grundgedanke  ,, liegt 
in  dem  gegensatz  der  vergänglichen  weltlichen  guter  und  flüchtigen  irdischen  freu- 
den  gegen  die  beständigkeit  der  himlischen  wonne;  in  der  notwendigkeit  für  die 
menschliche  seele,  die  eitle  weit  zu  fliehen  und  nach  dem  ewigen  heile  zu  trach- 
ten; in  dem  nachweis^  der  mittel,  die  ersehnte  Vereinigung  mit  gott  zu  gewinnen, 
welche  als  dem  menschen  möglich  geschildert  wird.  Als  einkleidung  für  dieses 
grundthema  der  religion  überhaupt  benuzt  er  die  allegorie  der  liebe  der  tochter 
Syon  zu  dem  himlischen  könige,  die  er  in  dem  lateinischen  tractat  ausgebildet 
fand"  (s.  300).  Wir  sehen  also:  dieses  gedieht  Lamprechts  beschäftigt  sich  mit 
einem  algemein  interessanten  problem ,  das  eben  weil  es  das  grundthema  der  reli- 
gion ist,  stets  neue  teilnähme  zu  erregen  im  stände  ist  und  das  im  13.  Jahrhun- 
dert nicht  bloss  geistliche  beschäftigt  hat,  wie  wir  aus  der  werlte  Ion  des  Konrad 
von  Würzburg  sehen.  Dazu  komt  noch  etwas,  das  unser  gedieht  in  besondrer  weise 
belebt.  Der  dichter  erörtert  in  ihm  nicht  nur  so  ein  theoretisches  problem ,  das 
ihm  als  ein  geeigneter  stoff  für  poetische  behandlung  erschien ,  sondern  diese  dinge 
waren  ihm  wirkliche  erlebnisse  geworden  und  er  konnte  seine  erfahrungen  mit  in 
die  wagschale  legen.  Wir  wissen  zwar  von  seinem  leben  nur  aus  seinen  werken, 
aber  dies  genügt,  um  uns  zu  dieser  auffassung  zu  berechtigen.  Er  sagt  Syon  1350 
ich  hän  wider  gotes  hulde  min  tage  getan  so  vil ,  daz  mir  diu  zal  ist  äne  zil.  von 
got  ich  mich  versten  hegan:  dö  huop  ich  ze  dienen  an  der  werlde  an  allen  Sachen, 
da  ich  mich  künde  zuo  gemachen,  ich  was  zer  werlde  höhers  muotes,  dan  ich 
gehurt  wccr  oder  guotes.  lipliclies  schines  het  ich  gnuoc,  den  ich  mit  übermüete 
truoc  nach  der  werlde  üppecheit.  So  hatte  er  seine  jugend  in  den  stricken  der 
weit  verbracht ;  nun  wante  er  sich  zu  dem  stricke  der  wären  minne.  Seine  umkehr 
erfolgte  ,,  almählich  und  in  verständiger  erwägung.  Lamprecht  war  von  klaren 
ruhigen  sinnen.  Er  lernte  die  Regensburger  Minoriten  kennen ,  verkehrte  mit 
ihnen  viel  und  lange,  beobachtete  ihr  ganzes  tun  und  es  erhub  sich  in  ihm  nach 
und  nach  der  wünsch,  in  ihre  geraeinschaft  zu  treten"  (s.  2  fgg.).  In  dieser  zeit 
um  1240  entstand  Sanct  Francisken  leben.  Danach  wurde  er  durch  den  geschicht- 
lich nicht  nachweisbaren  provinzialmeister  Gerhard  in  den  Minoritenorden  zu  Regens- 
burg aufgenommen,  auf  dessen  geheiss  er  die  rede  von  der  tohter  Syon  dichtete. 
1240 — 1255  sezt  Weinhold  in  seiner  algemeinen  einleitung  s.  8  die  zeit  seiner  dich- 
terischen arbeiten.  Er  gibt  dann  im  folgenden  ein  bild  derselben  und  seiner  per- 
sönlichkeit und  handelt  eingehend  über  stil  s.  lOfgg. ,  verskunst  s.  21  fgg. ,  reim 
s.  30fgg. ,  grammatik  s.  39  —  42. 

Interessant  ist  die  beobachtang,  dass  auch  ein  solcher  notdichter  wie  Lam- 
precht, dem  das  ,,von  gottes  gnaden"  fast  ganz  fehlt,  sich  technisch  entwickelt 
und  sich  in  der  tochter  Syon  fortgeschritten  zeigt  in  der  kunst,  wiewol  er  doch 
vermutlich  auf  die  ausbildung  der  form  nicht  eben  alzu  grosses  gewicht  legte. 
Dass  er  eine  eigentümliche  Stellung  zu  seiner  kunst  einnahm  und  von  ihrem  hohen 
werte  und  vermögen  weniger  stark  überzeugt  war,  sondern  vielmehr  nur  aus 
gewohnheit  sich  dieser  form  bei  der  Übersetzung  bediente,  wie  es  sitte  der  zeit 
war,  das  geht  u.  a.  aus  den  Worten  hervor,  mit  welchen  er  des  papstes  lateinische 
predigt  in  prosa  widergibt.    Er  sagt  F.  4980: 


ÜBEE   LAMPR.    V.    EEGENSB.    ED.   WEINHOLD  493 

entiuschen  sage  ich  waz  daz  si 
imgerimet^  umbe  daz, 
daz  irs  vernemet  deste  baz. 
Die  tochter  Syon  ist  vielfach  volkommener  als  der  h.  Franciscns.    Jene  hat  z.  b. 
bei  4300  versen  nur  25  vocalisch  ungenaue  reime,  dieser  dagegen  70  bei  5000  Ver- 
sen.    Mögen  diese  reime,   wie  Weinbold  sagt,   auf  der  mundartlichen  dehnung  der 
kurzen  vocale  beruhen,    so  kann  man  doch    nicht  zugeben,   dass  Lamprecht  ,,auch 
hier  genauigkeit  erreicht  zu  haben  wähnte."     Grade  dass  er  sich  darin  vervolkom- 
nete,    beweist    doch  vielmehr,    dass    er    die    unvolkommenheit   dieser    bindungen 
empfand. 

Das  sorgfältige  werk  Weinholds,  welches  in  der  bekanten  treflichen  ausstat- 
tung  des  Schöninghschen  Verlages  vorliegt,  zerfält  in  zwei  gleiche  teile,  welche 
gewissermassen  durch  die  eben  skizzierte  algemeine  einleitung  und  das  angefügte 
100  seiton  starke  glossar  verbunden  werden.  Dasselbe  beschränkt  sich  nicht  auf 
seltene  werte  und  gibt  die  wichtigen  belegsteilen  zum  grossen  teil  in  extenso.  Es 
liegt  nicht  gleich  auf  der  band,  weshalb  sich  der  Verfasser  eine  solche  mühe 
gemacht  hat,  zumal  da  man  nicht  sieht,  nach  welchem  grundsatze  einige  stellen 
citiert ,  andre  weggelassen  sind.  Aber  es  ist  zu  bedenken ,  dass  unsre  grossen  Wör- 
terbücher die  gedichte  nicht  ausnutzen  konten ,  Lexer  wenigstens  nicht  rechtzeitig. 
Und  die  mitteilungen ,  welche  ihm  Weinhold  zu  den  nachtragen  machte,  waren  so 
viel  wir  sehen  nicht  so  ausführliche ,  dass  sein  glossar  nicht  seinen  speciellen  wert 
erhielte.  Dieser  wird  durch  zwei  gesichtspunkte  erhöht,  die  der  Verfasser  in  der 
vorrede  angibt:  es  soll  für  den  Sprachgebrauch  der  mystiker  und  allen  denen  dienste 
leisten,  welche  ein  mhd.  Wörterbuch  nicht  zu  geböte  steht. 

Jedes  der  beiden  gedichte  hat  seine  eigene  einleitang ,  unter  dem  text  den 
apparat,  hinter  demselben  die  anmerkungen. 

Die  einleitung  zum  Franciskus  s.  45  —  52  beschäftigt  sich  mit  der  einzigen 
Würzburger  hs.,  der  quelle  und  der  entstehung  des  gedichtes.  Das  Verhältnis  zur 
quelle  geben  in  jedem  einzelnen  falle  die  anmerkungen  s.  233  —  260.  Einzelne 
widerholungen  konten  bei  dieser  einrichtung  des  buches  schwer  vermieden  werden. 

Die  Tochter  von  Syon  ist  in  drei  handschriften  überliefert:  Lobriser,  Pra- 
ger, Giessener.  Jene  wurde  vom  herausgeber  abgeschrieben,  diese  lagen  iu  abschrif- 
ten  Weigands  vor.  Alle  drei  werden  in  der  einleitung  s.  263  —  305  einer  eingehen- 
den sprachlichen  und  textkritischen  Untersuchung  unterzogen.  ,,  Keine  gibt  einen 
volständigen  und  überall  zuverlässigen  text.  Den  verhältnismässig  besten  gewährt 
L ,  auf  eine  gute  vorläge  geht  P  zurück ,  am  meisten  äudruugen  gestattet  sich  G, 
die  doch  wider  an  nicht  wenigen  stellen  die  Überlieferung  treuer  erhielt  als  LP. 
Keine  der  drei  hss.  ist  abschrift  einer  der  andern,  sie  stehen  neben  einander,  so 
zwar,  dass  LP  näher  unter  sich  im  text  verwant  sind  als  mit  G,  und  dass  G  von 
P  entfernter  steht  als  von  L  "  (s.  280).  Auf  Lamprechts  Stellung  zu  seiner  quelle 
haben  wir  schon  hingewiesen.     Auf  sein  Verhältnis  zur  alemannischen  Syon   (früher 

1)  Kurz  vorher  v.  4941  heisst  es  ähnlich  bei  der  prosaischen  Übersetzung  einer 
lateinischen  predigt :  slehtes  diute  ich  wol  diu  wort ,  diu  ir  latin  hie  hat  gehört.  Der 
gegensatz  scheint  slehtes  :  latin.  Drum  erklärt  Weinhold  im  Wörterbuch:  „in  schlich- 
ter, ungelehrter,  d.  i.  deutscher  spräche."  Man  könte  nach  der  oben  angeführten 
parallelstelle  bei  slehtes  an  prosa  denken.  Vgl.  in  meiner  ausgäbe  des  Junker  und  der 
treue  Heinrich  (Berlin  1880)  die  anmerkung  zu  v.  12  fgg.  [Ist  iz  prosun  slihti  :  thaz 
drenkit  thih  in  rihti.     Otfr.  1,  1,   19.     Z.] 


494  BUSCH 

dem  mönch  von  Heilsbronn  zugeschrieben,  vgl.  Wack.  lit.  gesell. 2  363  anm.),  über 
das  nun  erst  endgültig  zu  urteilen ,  geht  Weinhold  s.  284  fgg.  und  in  den  anmer- 
kungen  näher  ein:  beide  bearbeitungen  sind  von  einander  unabhängig,  beruhen 
vielleicht  sogar  auf  verschiedenen  recensionen  des  tractats ,  und  scheinen  gleich- 
zeitig. Zum  schluss  gibt  der  Verfasser  eine  Übersicht  über  die  entwicklung  jener 
allegorie  von  der  liebe  der  tochter  Syon  zu  dem  himlischen  könige. 

Nachdem  wir  so  versucht  haben  einen  wenn  auch  nur  oberflächlichen  über- 
blick über  die  arbeit  Weinholds  zu  geben,  wobei  wir  uns  absichtlich  aller  klein- 
lichen kritik  enthalten  haben ,  scheint  es  unnötig ,  noch  ein  algemeines  urteil  hin- 
zuzufügen. Schon  allein  der  text  und  besonders  die  anmerkungen  zur  tochter  Syon 
machen  das  werk  zu  einem  unentbehrlichen  und  wertvollen  beitrage  für  gesqhichte 
und  Verständnis  der  deutschen  mystik. 

BERLIN,   AUGUST    1880.  KAKL   KINZEL. 


Der  Junker  und  der  treue  Heinrich.  Ein  Rittermärcheu.  Mit  Ein- 
leitung und  Anmerkungen  herausgegeben  von  Karl  Kinzel.  Berlin 
1880,  W.  Weber.     105  ss.     8. 

Das  gedieht  ist  erhalten  in  einer  einzigen,  ziemlich  späten  handschi-ift  (jeden- 
fals  in  der  zweiten  hälfte  des  15.  Jahrhunderts  geschrieben,  vgl.  Kinzel  s.  16),  aus 
welcher  es  v.  d.  Hagen  GA.  III,  197  —  270  edirte,  indem  er  das  md.  der  hs.  in 
gutes  mhd.  umzuschreiben  versuchte.  Kinzel  gibt  s.  1  —  32  eine  einleitung  und 
s.  33  — 102  einen  genauen  abdruck  der  hs. ,  den  er  mit  anmerkungen  begleitet.  Die 
einleitung  bringt  zunächst  zum  besseren  Verständnis  des  in  dem  gedichte  herschen- 
den  tones  eine  kurze  Schilderung  des  zur  zeit  der  abfassung  schon  bedeutend 
in  verfall  geratenen  höfischen  lebens  nach  den  Zeugnissen  zeitgenössischer  dichter. 
Es  folgt  eine  beschreibung  der  hs.  (s.  16—17)  und  endlich  eine  gedrängte  übersieht 
der  lautlichen  und  metrischen  ersch einungen  (s.  17 — 32). 

Die  reime  sprechen  ganz  algemein  für  Mittelfranken  als  heimat.  des  dichters 
oder  vielmehr  der  dichterin  (vgl.  s,  32) ;  eine  genauere  bestimmung  lassen  sie  nicht  zu. 
Kinzel  sezt  das  gedieht  nach  dem  südlicheren  teile  (s.  27),  und  dafür  spricht  aller- 
dings der  umstand,  dass  die  Verfasserin  an  hd.  bindungeu  wie  daz  :  was  (vgl.  s.  24. 
26)  keinen  anstoss  nimt;  in  den  nordmfr.  gedichten  jener  zeit  ist  meist  noch  die  dem 
dialekt  eigentümliche  lautgebung  gewahrt  (vgl.  besonders  Schades  geistl.  gedichte 
vom  Niederrhein).  Allerdings  fallen  bei  dieser  annähme  einige  reime  auf,  so  frou- 
tven  :  ruwen  39.  727.  1193  (daneben  übrigens  nuwe  :  rmve  39.  rmven  :  buwen  61), 
welche  mir  bisher  nur  in  nordmfr.  gedichten  aufgestossen  sind  (vgl.  mein  legendär 
§  24) ,  ebenso  knecM  :  versecht  913.  1025 ,  knechten  :  Seiten  2060 ,  worauf  ich  noch 
zurückkomme. 

Dass  unter  diesen  Verhältnissen  Kinzel  es  nicht  versucht  hat,  den  ursprüng- 
lichen sprachstand  herzustellen,  ist  nur  zu  billigen,  eine  andre  frage  aber  ist  es, 
ob  zu  einer  neuen  ausgäbe  des  gedichtes  überhaupt  genügender  grund  vorhanden 
war.  Da  die  sprachliche  Untersuchung,  bei  welcher  überdies  nicht  viel  heraus- 
komt,  auch  ohne  neuabdruck  geführt  werden  konnte,  so  hätte  —  zumal  bei  Vor- 
handensein blos  einer  einzigen  hs.  eine  gründliche  textbesserung  unmöglich  und 
auch  von  Kinzel  nicht  versucht  ist  —  nur  ein  grösserer  kunstwert  des  gedichtes 
die  Separatausgabe  rechtfertigen  können,  und  da  muss  ich  trotz  J.  Grimms  und 
V.  d.  Hagens  anerkennender  worte  (s.  15)  gestehen,  dass  mir  das  werk  die  übrigen 
litterarischen  produkte  jener  zeit  nicht  alzusehr   zu  überragen   scheint.    Der  inhalt 


ÜBER  DER  JUNKER  ED.  KINZEL  495 

ist  nicht  sonderlich  bedeutend,  die  darstellung  breit  und  farblos.  Bei  nebensäch- 
lichem oft  ein  endloses  gercde  (vgl.  z.  b.  1606  —  29.  1778  — 1823),  während  über 
haujitsachen  kurz  und  trocken  hinweggegangen  wird  (so  besonders  über  das  turnicr 
1085  fgg.  1442  fgg.).  Der  ausdruck  ist  nicht  selten  abgeschmackt,  wie  Kinzcl 
selbst  zugesteht  (zu  v.  741).  Auch  fornigowantheit  kann  man  der  dichterin  nicht 
zusprechen;  bis  ins  unendliche  werden  reime  und  ganze  verse  widerholt,  so  reimt 
hove  stets  auf  loce  87.  109.  117.  138.  179.  189  usw.,  dem  ofemvisch  folgt  bestän- 
dig ein  risch  1412.  1465.  1478.  1490.  1506.  1512  usw. ,  der  kröne  ein  schöm  1285. 
1300.  1314.  1380.  1396.  1448.  1452.  1474  usw.  usw. 

Sonst  bemerke  ich  noch:    s.  19  führt  Kiuzel   unter   den  reimen  iu  :  ou  auch 
tauive  :  nauive  1867  an  und  meint  in  der  anmerkung  zu  v.  1867,  das  numoe  müsse 
hier  nnitve  sein,   da  noiiive  =  „genau"  (so  Lexer)  keinen  sinn  ergebe.     Nun  tritt 
nordmfr.  in  einigen  Worten,  wie  trowwe ,  rouwe,  allerdings  ein  ou  für  mhd.  iu  ein, 
aber  nomoe  fm  niuioe  lässt  sich  nii'gend  belegen,    und  zudem  ist  nomve  hier  vol- 
ständig  am  platze.     Wenn  wir,   wie  schon  v.  d.  Hagen  richtig  getan,    v.  1867  das 
er  in  ez  bessern,    so  erklärt   sich  ganz  ohne  zwang:    ,, Hätte   mich   nicht  übergös- 
sen I  dein  süsser  thau,  |  so  würde  es  sehr  genau  (knapp)  gehalten  haben,    dass  ich 
mein  leben  behalten  hätte,    d.  h.  so  hätte  ich  kaum  mein  leben  behalten.     Schon 
das  stete  praeteritum  in  v.  1867  —  69:    must ,    solt,   must   hätte  Kinzel  vor   seiner 
erklärung  bewahren  können.     Für  die  bedeutung  des  nouwe  vgl.  ausser  Lexer  noch 
Schiller -Lübben,  wb.  III,  205  fgg. ,  z.  b.  ü  tvas  nouwe,  dat  men  mi  niht  enhink. — 
S.  23   führt  Kinzel    die   reime   hneclit :  versecht  913.    1025 ,    knechten  :  seilen  2  60, 
macht :  knecht  1131,  (fesacft :  macht  541  auf,  spricht  von  diesen  913,  1025  dem  ori- 
ginal   zu    und    will   danach    ändern    2060    in  knechten  :  sechten,    1131    in  mochte  : 
knechte,  541  in  mechte  :  sechte.     Dazu  bemerkt  er  s.  27:    „Auffallend   ist  die  form 
sechte  (vgl.  Braune  Zs.  f.  d.  Phil.  IV,  260)  neben  sagen,  gesagt."     Gewiss  sehr  aut- 
fallend ,    denn   sagen   mit   umgelautetem  e  ist  ndfr. ,    in  Mittelfr.  begegnet  es   nur 
äusserst  selten.     Weinhold  grm.  §  104  kann  aus  dem  nördlichsteii  teil  nur  zweimal 
ein  seichte  beibringen,    ausserdem  fand  ich   nur  einmal  sechten  (3  pl.  conj.  praet.) 
in  einem  Weistum  von  Reichswald    (in   der  nähe   von  Monjoie),    Grimm  Weist.  II, 
s.  772  a.  1342.     Ich  möchte  für  das  original  lieber  die  formen  geseit ,  selten,    wel- 
ches leztere  ja  auch  v.  2060  bringt,   ansetzen,     sein ,  Seite,  geseit  ist  nämlicli  nicht 
allein   mndl.,    wie   Braune   a.a.O.   allerdings   anzunehmen    scheint,    sondern    auch 
nifr. ,    wenigstens   nordmfr.   (vgl.  Weinhold  §103).     Im  13. — 14.  Jahrhundert  muss 
nun  aber  auch  in  Wörtern  wie  knecht,   recht,  nacht,   acht  das  ech  resp.  ach  zu  ei 
geworden  sein,  denn  in  Urkunden  findet  sich  hier  ganz  häufig  reicht,  reiht,  kneicht, 
kneiht,    vgl.  Weinhold  grm.  §  105,    reyght  z.  b.  bei  Höfer,    älteste  Urk.  deutscher 
Spr.  nr.  114  — 15  (Sinzig  "/Rh.)  a.  1327,    sogar  reith   stets  in   einer  Cölner  Urkunde 
Lacomblet  II  nr.  435,  eyght  für  acht  vgl.  Weinhold  §  104.     Ein  nachgeschlagenes  i 
können  wir  hier  nicht  annehmen,    da  der  vokal  kurz  ist,    und  dass   wir  nicht  blos 
eine  orthographische  eigenheit  vor  uns  haben,    zeigt   der  heutige  dialekt  des  nörd- 
lichen Mfrs.  mit  seinem  kneit  für  knecht,  reit  iiu  recht,  neitfür  nacht  usw.    Aller- 
dings wären  die  bindungen  kneit :  verseit,    kneiten  :  Seiten  auch   nur  für   Nordmfr. 
unanstössig ,    denn  für  den  süden  kann  ich  derartige  formen   nicht  beibringen  und 
auch  der  heutige  dialekt  spricht  dagegen,  vgl.  Firmeuich,  Germaniens  Völkerstimmen 
3  sg.  praet.  säüt  I,  448  (21).    481   (110).    510.    512  (56).     sät  I,  522   (9).     soot  I, 
523  (7).    536  (76),    partic.   gesaat  I,  480   (94)   usw.    —     S.  27  sucht  Kinzel   einen 
beweis  für  die  spätere  zeit  der  abfassung    in  dem  steten  gebrauche  des  üch,    denn 
„nach  Weinhold   gelangt  üch   im  14.  Jahrhundert  zur  herschaft."     Aber  Weinholds 

ZEITSCHK.    F.    D^u  ISCHE    PHILOIiOGIE.      BD.    XII.  32 


496  BUSCH,    ÜBER    DER  JUNKER   ED.    KINZEL 

äusserung  (§  456)  bezieht  sich  nur  auf  das  hd. ;  im  md.  und  besonders  mfr.  ist  üch 
schon  sehr  frühe  allein  herschend  (vgl.  mein  legendär  §  64).  Ebensowenig  durfte 
hier  zioalien,  zioingen  angezogen  werden,  denn  hier  kann  sehr  wol  der  abschreiber 
die  schuld  tragen.  —  V.  283  verliclen  =  vergangen ,  hätte  unter  den  dialektischen 
eigentümlichkeiten  angezogen  werden  können.  Im  mhd.  ist  das  wort  sehr  selten; 
das  mhd.  wb.  verzeichnet  es  in  dieser  bedeutung  gar  nicht,  Lexer  ausser  unserer 
stelle  nur  noch  einmal  aus  späterer  zeit.  Im  ud.  und  besonders  auch  mfr.  ist  es 
häufig,  vgl.  Schiller -Lübben  V,  394  fg.  Im  heutigen  ndrh. :  verlie  (wie  gerie  == 
geritten),  verleen  usw.;  vgl.  Firmenich  I,  386  (34).  408  (3).  428  (45).  —  v.  543. 
1408  so  mir  min  loän  =  gewisslich ,  eine  beteuerung ,  die  Lexer  nicht  belegt.  Beide 
mal  ist  sie  dem  knecht  in  den  mund  gelegt.  Wol  entstanden  aus :  wenn  mir  meine 
hofnung  nicht  lügt,  sie  kann  uicht  lügen,  es  ist  sicher.  Vgl.  Jer.  102:  miehn 
triege  danne  min  ivän.  Schmeller  bayer.  wb.  II,  918:  auf  meinen  wän.  —  v.  601 
bereit :  üzgeleit  (d.  i.  üzgeleitet  =  h.eYa\isgeü\hvt).  Kinzel  fügt  dazu  die  anmerkung: 
,,vgl.  287  üzgelacht  :  nacht."'  Er  meint  doch  nicht  etwa,  dass  hier  üzgeleit  iden- 
tisch sei  mit  üzgelacht.  —  V.  1024  Negation  en.  Noch  im  heutigen  ndrh.  ist  die 
negation  en  fest,  z.  b.  dat  en  donn  eck  net  =  das  tue  ich  nicht,  aber  dat  donn 
ech.  Vgl.  auch  Firmenich  III,  225  (1):  ich  en  lüg  net,  wo  en  fälschlich  ,,ein 
flickwörtchen"  genant  wird.  —  V.  1245  sich  vederlesen  wird  erklärt  sls  ,, schmei- 
cheln." Schon  in  Grimms  wb.  III,  1405  ist  richtig  darauf  hingewiesen,  dass  das 
wort  mit  der  Verwandlung  des  Junkers  in  einen  vogel  in  Zusammenhang  stehen 
muss.  —  V.  1412  ofemvisch  :  der  da  were  risch.  Ich  glaube  nicht,  dass  man  hier 
für  das  risch  eine  andere  bedeutung  anzunehmen  hat,  als  an  den  12  anderen  stel- 
len ,  wo  es  in  derselben  bindung  begegnet.  Die  Verfasserin  wüste  eben  keinen 
anderen  reim. 

HALLE.  H.   BUSCH. 


Über  die  Wiener  und  Heidelberger  Handschrift  des  Otfrid.  Von 
Oskar  Erdmaim.  Aus  den  Abhandlungen  der  Königl.  Akademie  der 
Wissenschaften  zu  Berlin  1879.  Mit  fünf  Tafeln.  Berlin  1880.  In  Com- 
mission  bei  F.  Dümmlers  Verlags  -  buchhandlung.  21  s.  text  und  5  tafeln  facsi- 
mile- druck.    4.     n.  m.  3. 

Diese  abbandlung  enthält  die  ergebnisse  einer  höchst  sorgsam,  mit  volster 
Sachkunde  und  richtigem  blicke  ausgeführten  Untersuchung  der  beiden  haupthand- 
schriften  Otfrids,  der  Wiener  (V),  und  der  Heidelberger  (P),  und  ist  für  die  text- 
kritik  dieses  gedichtes  von  entscheidender  und  massgebender  bedeutung.  Die  ange- 
hängten facsimiletafeln,  welche  dreien  besonders  charakteristischen  und  wichtigen 
Seiten  der  Wiener,  und  zweien  ebensolchen  der  Heidelberger  handschrift  ent- 
sprechen, bleiben  zwar,  wie  das  auch  kaum  anders  sein  konte,  hinter  der  vollen 
genauigkeit  und  schärfe  der  ursprünglichen  photographisclien  aufnahmen,  welche 
ihnen  als  vorläge  gedient  haben,  um  etwas  zurück,  doch  sind  sie  mit  löblicher 
technik  ausgeführt  und  geben  den  jedesmaligen  Schriftcharakter  so  zutreffend  wider, 
dass  sie  volkommen  ausreichen,  um  aus  ihnen  eine  richtige  anschauung  und  ein 
sicheres  urteil  zu  gewinnen. 

Ich  versuche  nun,  die  von  herrn  dr.  Erdmann  gewonnenen  ergebnisse  kurz 
und  übersichtlich  zusammenzufassen. 

In  der  Wiener  handschrift  (V)  lassen  sich  fünf  bände  bestimt  und  sicher 
unterscheiden.     Der  erste  hauptschreiber  (I)  hat  ungefähr  5^/4,  der  zweite  (II)  unge- 


J.    ZACHER,    ÜBER   ERDMANN,    OTFRID-HSS.  497 

fähr  Vi  <J'-'s  textes  geschrieben;  dazu  kommen  kleinere  textteile,  geschrieben  von 
einem  dritten  und  vierten  (III.  IV);  zwei  wenig  uml'äiigliclie  textstücke  und  die 
correctur  des  ganzen  durch  einen  fünften  Schreiber,  den  corrcctor  (V);  endlicii 
noch  spätere  unwesentliche  zusätzo  durch  andere  (VI). 

I.  Der  erste  Schreiber  hat  geschrieben  bl.  9''  — 142",  oder  das  Inhaltsver- 
zeichnis des  ersten  buches,  und  dann  den  text  bis  4,  26,  1.  (mit  ausnähme  der 
vom  dritten  Schreiber  herrührenden  vier  verse  1,  11,  27  —  30);  darnach  hat  er  auf 
dem  vorgehefteten  einzelblatte  8  und  auf  9"  noch  hinzugefügt  die  widmung  an 
bischof  Salomon  von  Constanz.  Von  ihm  rühren  her  die  textworte,  die  phone- 
tischen accente  über  den  vocalischen  i  und  u,  die  meisten  teilungspuukte  in  der 
mitte  der  langverse,  einige  gleich  beim  schreiben  gemachte  correcturen,  die  mei- 
sten der  roth  geschriebenen  marginalien,  die  capitelüberschriften  in  majuskeln  und 
die  initialen  der  ungraden  verse.  Anfangs  schreibt  er  zwar  fein  und  sauber,  jedoch 
nicht  sonderlich  achtsam,  später  zwar  minder  sauber,  mit  häufigerer  Verwendung 
von  ligaturcu  und  mit  schlechterer  dinte,  aber  achtsamer.  Daher  hat  er  in  den 
ersten  beiden  1)ücliern  dem  corrcctor  (V)  häufig  veranlassung  zu  besseruugen  gege- 
ben ,  während  solche  im  dritten  und  in  dem  von  ihm  geschriebenen  teile  des  vier- 
ten buches  weniger  notwendig  geworden  sind.  —  Seine  schrift  und  leistung  wird 
veranschaulicht  durch  tafel  I  und  II. 

IL  Der  zweite  hauptschreiber  hat  geschrieben  bl.  142  *  zeile  2  bis  zum 
Schlüsse  des  ganzen  Werkes,  oder  von  4,  26,  2  bis  Hartmut  105,  (nur  ein  kleine- 
res dazwischen  liegendes  stück  4,  29,  13  —  4,  30,  5  und  der  schluss  der  widnmng 
an  Hartmut  rührt  von  anderer  band,  von  der  des  correctors  (V)  her).  Wahrschein- 
lich hat  dann  derselbe  zweite  Schreiber  auch  noch  geschrieben  die  auf  den  voran- 
gehefteten blättern  1  —  3  stehende  widmung  an  könig  Ludwig.  Auch  dieser  Schrei- 
ber hat  zu  dem  von  ihm  geschriebenen  texte  hinzugefügt  die  phonetischen  accente, 
die  meisten  marginalien ,  die  kapitelüberschriften  und  die  initialen.  Seine  buch- 
staben  sind  runder,  gefälliger  und  niedriger,  aber  breiter  als  die  des  ersten  Schrei- 
bers. Ligaturen  meidet  er  anfangs  im  deutschen  texte;  später  bindet  er  st,  sel- 
tener rt.  Auch  in  der  Orthographie  weicht  er,  wie  schon  Graff  angemerkt  hat, 
von  dem  ersten  schreiber  ab.  Lange  yocale  bezeichnet  er  durch  doppelung  {liib, 
ziit).  Für  anlautendes  dr  des  ersten  Schreibers  und  des  correctors  bietet  er  tr, 
zuweilen  thr;  und  wo  jene  beiden  ein  d  gewähren  (dtmicha ,  hindu)  sezt  er  t. 
Diesen  zweiten  schreiber  hat  der  corrector  oft,  aber  nicht  durchgängig  corrigiert, 
daher  zeigen  die  von  ihm  geschriebenen  abschnitte  die  ungleichmässigste  Schrei- 
bung. Almählich  fügte  er  sich  den  regeln  des  correctors,  woraus  zu  schliessen 
ist,  dass  der  corrcctor  ihn  noch  während  des  Schreibens  beeinflusste.  Zum  teil 
haben  die  abweichungen  dieses  Schreibers  auch  auf  den  zweiten  schreiber  von  P 
gewirkt.  —  Eine  veranschaulichung  seiner  schrift  und  seines  Verfahrens  bietet 
taf.  III  zeile  1  —  15. 

III.  Der  dritte  schreiber  hat  auf  bl.  23''  nur  die  vier  verse  1,  11,  27  —  30 
mit  ungeschickter  schrift  und  vielen  textfehlern  geschrieben.  Auffällig  ist,  dass 
der  erste  schreiber  von  P  grade  an  dieser  stelle  ebenso  unförmliche  grosse  z  dar- 
bietet, als  ob  er  versucht  hätte,  sie  hier  eben  diesem  dritten  schreiber  nach- 
zumalen. 

IV.  Die  Widmung  an  den  erzbischof  Liutbert,  auf  den  für  sich  bestehenden 
blättern  4  —  7  ist  von  einem  vierten  geübten  schreiber  in  gefälligen  und  regel- 
mässigen Zügen  geschrieben.  Sie  enthält  beachtenswerte  correcturen  und  Zusätze 
des  correctors  (V). 

32* 


498 


J.    ZACHER 


V.  Der  fünfte  sclireiber,  der  corrector.  bat  selbst  gescbrieben  1)  auf  rasur 
bl.  31«'^  die  beiden  versa  1,  18,  45.  46.  2)  auf  bl.  144".  145»"  die  49  verse  4,  29, 
13  — 4,  30,  5.  3)  auf  bl.  193".  194""  den  schluss  des  ganzen,  nämlich  die  verse 
Hartm.  106  — 168.  Seine  schrift  ist  nicht  hoch,  aber  breit,  und  charakteristisch 
auszeichnend  sind  namentlich  seine  buchstabenformen  für  h  a  und  besonders  für  z 
(in  der  form  ?,  während  die  anderen  Schreiber  sämtlich  die  form  z  darbieten).  Die 
von  ihm  geschriebenen  stücke  sind  frei  von  nachträglichen  orthographischen  correc- 
turen,  und  vorgekommene  Schreibfehler  sind  von  ihm  selbst  sogleich  während  des 
Schreibens  verbessert  worden.  —  Zur  veranschaulichung  seiner  schrift  dienen  die 
Zeilen  16  —  22  auf  taf.  3. 

Ganz  dieselben  charakteristischen  buchstabenformen  und  dieselben  orthogra- 
phischen grundsätze ,  wie  in  den  von  V  geschriebenen  textstücken ,  springen  in  die 
äugen  in  der  mehrzahl  der  zahlreichen  durch  die  ganze  handschrift  gehenden  äude- 
rungen  und  Zusätze,  die  teils  auf  rasur  stehen,  teils  übergeschrieben  sind,  und 
sich  auf  einzelne  buchstaben  oder  Wörter  beschränken,  oder  auch  zu  ganzen  sätzen 
ausdehnen.  Diese  correcturen  beschränken  sich,  wie  Kelle  1,  161  bereits  richtig 
erkant  hat,  nicht  auf  Verbesserung  von  blossen  Schreibfehlern,  sondern  bieten  eine 
volständige  revision  des  textes  nach  grammatischen,  stilistischen  und  rhyth- 
mischen erwägungen;  und  es  ergibt  sich  bei  genauer  prüfung,  dass  der  corrector 
zugleich  auch  die  rhythmischen  accente  hinzugefügt  hat,  deren  gestalt  über- 
dies durch  das  ganze  die  völlig  gleiche  bleibt,  und  deren  dinte  auch  übereinstimt 
mit  der  dinte  der  correcturen.  —  Veranschaulichung  solcher  correcturen  bieten  die 
tafeln  I  und  II. 

Aus  diesen  Wahrnehmungen  ergibt  sich  die  Vermutung,  der  corrector  habe 
seine  regelnde  und  revidierende  tätigkeit  hintereinanderweg  ausgeübt,  je  nachdem 
einzelne  blätter  oder  lagen  fertig  geschrieben  waren.  Und  eine  merkliche  einwir- 
kung  seiner  orthographischen  correcturen  auf  die  beiden  hauptschreiber  ist  ja  auch 
bereits  hervorgehoben  worden,  sofern  nämlich  ihnen  anfangs  oft  corrigierte  fehler 
später,  im  weiteren  verlaufe  ilires  Schreibens,  immer  mehr  abnehmen.    . 

VI.  Mit  dieser  tätigkeit  des  correctors  ist  derjenige  text  von  V  abge- 
schlossen, der  uns  als  authentisch  gelten  muss.  Geringfügige  spuren  von  ande- 
ren jüngeren  bänden  (VI)  scheinen  nur  vereinzelt  vorzukommen;  aber  manche  rasu- 
ren  scheinen  von  späterer  unberufener  hand  herzurühren. 

Durch  all  dies  wird  wahrscheinlich ,  dass  die  Wiener  handschrift  zu  Weissen- 
burg  aus  dem  entwürfe  des  Verfassers  als  reinschrift  abgeschrieben  und  vom  Ver- 
fasser ,  also  von  Otfrid  selbst ,  corrigiert  worden  ist.  Auch  zeigen  die  hände  I.  IV.  V 
in  der  Wiener  Otfridhandschrift  grosse  ähnlichkeit  mit  bänden  im  Codex  traditio- 
num  Wizenburgensium ,  den  Erdmann  selbst  mit  P  im  original  und  mit  Photogra- 
phien und  durchzeichnungen  aus  V  vergleichen  konte. 

Auch  die  Heidelberger  handschrift  (P)  ist,  wie  Graff  schon  richtig  ange- 
geben hat,  von  mehreren  bänden  geschrieben,  und  zwar  von  zweien.  Jeder  dieser 
beiden  Schreiber  hat  ungefähr  eine  hälfte  geschrieben,  und  der  erste  hat  überdies 
das  ganze  rubriciert,  accentuiert  und  corrigiert.  —  Facsimile  der  ersten  band  bie- 
tet taf.  IV,  der  zweiten  (mit  den  hinzugefügten  zutaten  der  ersten)  taf.  V. 

I.  Der  erste  schreiber  hat  geschrieben  bl.  l"^  — 95"  (bis  zum  schlussblatte 
der  pergamentlage  XIII),  oder  (nach  dem  verloren  gegangenen  anfange)  Ludw.  76 
bis  3,  15,  49 ;  ferner ,  den  zweiten  schreiber  unterbrechend ,  die  lezten  6  zeilen  auf 
bl.  188"  und  die  ganze  seite  189*,    oder  5,  23,  133  — 159;    endlich  wahrscheinlich 


ÜBER   ERDMANN,    OTFRID-HSS.  499 

auch  auf  bl.  200  die  versc  Hartra.  14:2  — 168.  —  Dieser  erste  schrciber  bleibt  sich 
in  den  formen  der  buchstaben  im  wesentlichen  gleich ;  nur  für  z  verwendet  er  zwei 
verschiedene  formen,  und  zwar  die  eine,  welche  dem  z  des  ersten  Schreibers  von  V 
ähnelt,  auf  den  ersten  30  blättern.  Die  andere,  mit  gekrümten  horizontalstrichen, 
bcgint  auf  bl.  32''  (1,  20,  8),  komt  dann  vereinzelt  neben  der  ersten  vor,  über- 
wiegt von  bl.  58*  (2,  11)  an,  und  wird  endlich  fast  ausschliesslich  gebraucht  von 
bl.  65"— 95'". 

II.  Der  zweite  schreiber,  besonders  in  den  buchstabenformen  für  g  h  f  a 
vom  ersten  schreiber  abweichend ,  hat  in  runden  und  regelmässigen  zügen  den 
gesamten  übrigen  teil  des  tcxtcs  geschrieben,  nämlich  3,  15,  50  —  5,  23,  132  und 
5,  23,  160-264. 

Die  rubricicrung  von  P  ist  kunstvoll  und  verschwenderisch  ausgeführt.  Die 
phonetischen  accente  sind  in  der  regel  gleich  beim  schreiben  gemacht,  die  rhyth- 
mischen dagegen  erst  nach  der  rubricieruug  hinzugefügt  worden,  gleichzeitig  mit 
correcturen ,  die  durch  überschreiben  oder  auf  rasur  ziemlich  häufig  vorkommen  und 
der  band  des  ersten  Schreibers  angehören.  Darnach  scheint  der  erste  schreiber  den 
ganzen  text  von  P  revidiert  und  accentuiert  zu  haben,  und  zwar  scheint  ihm  hierbei 
der  revidierte  und  accentuierte  text  von  V  als  vorläge  gedient  zu  haben.  Seine 
accentuation  ist  jedoch  flüchtig  ausgeführt  und  nicht  selten  fehlerhaft.  Zuweilen 
hat  er  einen  eben  fehlerhaft  gesezten  und  noch  nassen  accent  durch  verwischen 
getilgt,  und  dafür  den  richtigen  nach  V  eingesezt;  wonach  zu  schliessen  ist,  dass 
ihm  die  accentuation  von  V  als  authentisch  gegolten  habe.  —  Die  correcturen  des 
ersten  Schreibers,  sowol  in  den  von  ihm  selbst,  wie  in  den  von  dem  zweiten 
schreiber  geschriebenen  stücken,  stellen  meist  wider  her  was  in  V  und  in  deren 
correcturen  bereits  dargeboten ,  und  in  P  nur  beim  abschreiben  verfehlt  worden 
war.  Selten,  und  nur  in  unbedeutenden  dingen,  gehen  sie  über  das  in  V  stehende 
hinaus;  und  einigemal  hat  der  corrector  selbst  durch  irrige  correctur  fehler  in  den 
text  hineingetragen.  —  Demnach  war  die  vorläge  beider  schreiber  der  Heidelber- 
ger handschrift  (P),  wie  Kelle  bereits  richtig  geurteilt  hat,  die  bereits  corrigierte 
und  accentuierte  Wiener  handschrift  (V). 

Aus  der  beschaffenheit  der  bände  und  aus  der  in  vielen  punkten  gleich- 
massigen  einrichtung  beider  handschriften ,  der  Wiener  (V)  wie  der  Heidelberger 
(P),  wird  wahrscheinlich,  dass  die  herstellung  von  P  derjenigen  von  V  räumlich 
und  zeitlich  nicht  fern  gelegen  hat.  Identisch  jedoch  scheint  keiner  der  beiden 
schreiber  von  P  mit  einem  von  V,  oder  mit  einem  der  schreiber  des  Codex  tradi- 
tionum  Wizenburgeusium. 

Eine  gemeinsame  übercorrectur  beider  handschriften  V  und  P  durch  dieselbe 
band  hat  nicht  stattgefunden. 

Einzelne  vorhandene  kleine  abweichungen  beider  handschriften  von  einander 
lassen  sich  mit  den  hier  entwickelten  Schreiberverhältnissen  wol  vereinigen.  Für 
keine  abweichung  von  P  aber  ist  die  gleiche  authenticität  in  anspruch  zu  nehmen, 
wie  sie  die  persönliche  mitwirkung  des  correctors  von  V  dem  texte  dieser,  der  Wie- 
ner handschrift,  verleiht.  Von  der  band  dieses  correctors  ist  in  P  keine  spur  anzu- 
treffen. Die  abweichungen  von  V  in  P,  welche  den  sinn  und  den  Zusammenhang 
der  werte  betrefl'en,  sind  als  textverderbnisse  zu  betrachten,  nicht  als  ergebnisse 
einer  überlegten  schlussredaction. 

Aus  den  vorstehenden  sehr  scharfsichtigen  und  erschöpfenden  beobachtungen 
und  den  daran  geknüpften  erörterungen  wird  klar  und  einleuchtend,  dass  jeder 
künftigen  kritischen  ausgäbe  Otfrids   der  corrigierte   text  von  V  zu  gründe  gelegt 


500  BRANTS    NARRENSCHIFF 

werden  muss:  eine  glänzende  bestätigung  dessen,  was  Lachmanns  kritischer  Scharf- 
sinn schon  vor  45  jähren  vermutet  hatte.  Eine  solche  von  herrn  dr.  Erdmann 
unternommene  kritische  und  zugleich  exegetische  ausgäbe  befindet  sich  bereits  im 
druck.  Sie  wird  enthalten  den  kritisch  berichtigten  und  sorgsam  intcrpungierteu 
text,  und  unter  diesem,  in  knapper,  aber  klarer  fassung,  den  kritischen  apparat, 
soweit  er  wirklich  von  wert  ist ,  mit  ausscheidung  und  weglassung  des  für  die  text- 
kritik  wertlosen,  und  ferner  diejenigen  lateinischen  bibel-  oder  commontarstellen, 
welche  dem  Otfridischen  texte  zu  gründe  liegen;  und  daran  Avird  sich  dann  ein 
begründender  und  erklärender  commentar  schliessen. 

HALLE,   APRIL    1881.  J.   ZACHER. 

BRANTS  NARRENSCHIFF,    NEUHOCHDEUTSCH  VON  SIMKOCK. 

Nachdem  Sebastian  Brants  Narrenschiff  1854  durch  Zarnckc  eine  kritische 
und  mit  reichhaltigen  crläuterungen  ausgestattete  ausgäbe  erhalten  hatte,  verfasstc 
Simrock  eine  neuhochdeutsche  Übertragung  desselben ,  die  1872  in  Berlin  bei  Franz 
Lipperheido  erschien.  Der  wert  dieser  schön  gedruckten  Übersetzung  ward  wesent- 
lich erhöht  durch  hinzufügung  von  nachbildungon  der  randleisten  und  namentlich 
der  holzschnitte  der  ersten  echten  ausgaben,  deren  älteste  1494  zu  Basel  erschie- 
nen ist.  Denn  diese  den  einzelnen  kapiteln  beigegebenen  bilder  sind  nach  vorlagen 
geschnitten  worden,  die  Brant  selbst  entworfen  hatte,  und  gehören  als  notwendige 
ergänzungen  zum  texte,  sofern  sie  diesen  erläutern  helfen  und  widerum  durch  ihn 
erläutert  werden.  Der  ursprüngliche  durch  die  herstellungskosten  bedingte  preis  die- 
ser Übersetzung  von  15  mark  ist  nunmehr  von  dem  herrn  Vorleger  auf  die  hälfte ,  auf 
m.  7,50  für  ein  gebundenes  exemplar  ermässigt  worden,  wodurch  litteraturfreuuden 
und  gymnasial-  und  realschulbibliotheken  die  wünschenswerte  anschaffung  erheblich 
erleichtert  wird. 


PREISAUFGABEN 

DER   FÜRSTLICH  JABLONOWSKISCHEN   GESELLSCHAFT   IN   LEIPZIG. 

Für  das  jähr  1882.  —  Vergleichende  darstellung  des  litauischen  und  slavi- 
schen  vocalismus.  —  Erwartet  wird,  dass  die  arbeit  das  Verhältnis  des  litauischen 
zum  slavischen  vocalismus  festzustellen  suche,  und  dass  sie  den  lit. -slav.  vocalis- 
mus in  beziehung  setze  zu  den  theorien  und  problemen,  die  in  den  neueren  arbei- 
ten über  den  indogerm.  vocalismus  überhaupt  niedergelegt  sind.  —  Preis  700  mark. 

Für  das  jähr  1884.  —  Darstellung  der  geschichtlichen  entwicklung  und  des 
gegenwärtigen  bestandes  der  grenzen  zwischen  dem  hochdeutschen  und  dem  nie- 
derdeutschen Sprachgebiete  östlich  der  Elbe.  Beigabe  einer  karte  wird  dringend 
gewünscht.  —  Preis  700  mark. 

Die  anonym  einzureichenden  bewerbungsschriften  sind  in  deutscher,  latei- 
nischer oder  französischer  spräche,  deutlich  geschrieben  und  paginiert,  mit  einem 
inotto  versehen,  und  begleitet  von  versiegeltem,  aussen  gleiches  motto  tragendem, 
innen  des  Verfassers  namen  enthaltendem  couverte ,  bis  zum  30.  november  des  ange- 
gebenen Jahres  an  den  secretär  der  geselschaft  einzusenden.  Die  gekrönten  bewer- 
bungsschriften werden  eigentum  der  geselschaft. 


501 


I.     8  A  C  H  K  E  G  I  S  T  E  K. 


Acccntgesetz ,  gcnium.  118. 

Ackermann.  Job.,  drania  v.  verlornen 
söhn,  Ijcnuzt  v.Xenilorf  im  Asotus  455.  — 
verschieden  v.  den  beiden  Agricola  455. 
467. 

Aggregator,  medic.  Sammelwerk  198. 

Agricola,  Joh.  aus  Eisleben  (Schnit- 
ter) 455  —  63.  lat.  und  deutsche  ausg. 
d.  Andria  d.  Terenz  455  f.  —  Seine 
trag.  Joh.  Huss  456  —  63.  in  Torgau 
gespielt  460  anm.  beweis  seiner  autor- 
schaft  aus  dem  heimlichen  gespräch 
usw.  460  tf.  vgl.  dieses.  —  verschied, 
von  d.  folg.  u.  V.  Ackermann  467. 

Agricola,  Joh.  aus  Spreniberg  463. 
seine  Schriften  463  —  67.  —  verschied. 
V.  d.  vorhergehend,  u.  von  Ackermann 
467. 

alba,  älteste  roman.  333  —  41. 

althochdeutsch.  Wirkung  des  accent- 
gesetzes  auf  d.  fiexion  118.  —  vocal- 
reichtum  b.  Otfr.  118.  über  ontstehung 
d.  conson.  lautverschiebung  118  f.  — 
vgl.  fraueunamen. 

altsächsische  eigennamen  in  westfäl. 
Urkunden  des  9.  — 11.  jh.  255  f.  b  im 
anlaut  für  th  256.  —  vgl.  Heiland. 

Anaxilaus  168  anm.  1. 

annalen ,  mittelniederdeutsche,  s.  Olden- 
kop. 

Apulejus ,  Pseudo  -  196. 

Arnoldus  de  Saxonia  200  anm. 

Arndes ,  Steffan ,  und  seine  angebl.  reise 
nach  Palaestina  349  ff. 

arzneibuch  (Diemers)  193.  194  anm.  1. 

Aurea  gemma  s.  Lucidarius. 

badewesen ,  mittelalterl.  226  ff. 

Bartholomaeus  v.  Benevent  351. 

Bartholomaei  Practica  194  u.  anm.  2. 

Bertholds,  bruder,  predigten  183 
—  188.  —  I,  2  (ed.  Pfeiffer)  u.  II,  39 
(ed.  Strobl)  2  verschied,  auffassungen 
derselb.  pred.  183  f.  —  das  Halberst. 
bruchstück  1  nicht  ein  teil  von  I,  2 
(129  anm.  1) ,  sondern  von  II,  39.  184. 
verh.  beider  texte  zu  einand.  184  f.  — 
pred.  V,  himmel  184  anm.  —  von  II,  68 
ist  das  4.  Halb,  bruchst.  ein  teil  187  f. 
vgl.  Halberst  bruchstücke  u.  Macer. 

besprechungsformeln  heidn.  Charakters  196 
u.  anm.  2. 

Bibliothek  der  schön.  Wissensch.  (Neue 
Bibl.  d.  seh.  W.  u.  freyen  Künste)  222 
anm.  2.  3.  5.     223  anm.  12. 

Bock  (Tragus),  Hieron.,  New  Kreuter- 
buch  205  ff.  vgl.  botanik. 

Bonifacius,  zerstöret  deutsch,  kirchenfrei- 
heit  118. 


botanik,  ontstehung  der  deutschen,   189 

—  215.  —  Macer  Floridu.s  189—95  vgl. 
diesen.  —  Pseudo -Plinius  usw.  195.  f. 

—  Pseudo -Apulejus  196.  —  Matthaeus 
Platearius  197  f.  —  Scrapion  d.  jung. 
198.  —  Matthaeus  Sylvaticus,  Pandec- 
tae  medicinae  198.  —  gedruckte  kräu- 
terbücher  (Herbarius  u.  Ortus  sauitatis) 
199  —  202.  vgl.  Halberst.  bruchst.  — 
neue  wissenschftl.  behandl.  d.  bot.  202. 
Otto  Brunfels  202  —  204.  Seine  fort- 
schritte  203  f.  —  Hieron.  Bock  (Tra- 
gus) new  la-euterbuch  205  —  207.  S. 
Vorzüge  206.  —  Leonh.  Fuchs  207  — 
209.  —  Jac.  Theodor  gen.  Tabernae- 
montanus  210  f.     vgl.  349  ff. 

Brunfels,  Otto  202  —  204.    vgl.  botanik. 

Cato ,  deutscher ,  siehe  Macer. 

Christ -herre- Chronik,  landgr.  Heinr.  v. 
Thür.  gewidm.  258. 

cleriker,  lat.  lieder  vagierender  118. 

dänischer  Lucidarius,  s.  Luciclarius. 

Dübbelin,  Karl  Theoph.  223,  anm.  11. 

Ebert,  Joh.  Arn.  224  anm.  13. 

Edda,  Snorra-  83  —  113.  —  verh.  d. 
Völsunga-saga  z.  SE.  103  —  107.  — 
verh.  d.  pidrekss.  z.  Gudrünarqvida  III. 
108  u.  anm.  —  Saemundar-E.  über- 
liefrung  von  strophen  d.  Saem.  E.  in 
Nornagestsfjättr  und  Völs.  saga  siehe 
beide.  —  Eddalieder  benuzt  v.  d.  Völs. 
saga  93  —  97.  —  Saem.  E.  vorläge  d. 
Völs.  saga  97  —  103. 

eigennamen  b.  Eud.  v.  Ems  276  ff.  — 
vgl.  altsächs.  u.  fraueunamen. 

Elucidarium  des  Honorius  Aug.  391.  vgl. 
Lucid. 

epistel-  u.  evangelienbuch,  altdeut- 
sches 1  —  72.  323  —  333.  —  herkunft 
d.  hs.  323.  dialect  323  f.  eigentüm- 
liehkeiten  u.  wertschätz  324  —  31.  verh. 
z.  vulgata  331  S. 

Eschenburg ,  Joh.  Joach. ,  briefe  an  ihn 
V.  Ckr.  Fei.  Weisse  und  Nicolai  217 — 
21.    vgl.  222.  —   s.  gattin  225  anm.  23. 

fastnachtsspiele  Lübecker  patrizier  359  f. 

fetisch  81.  352. 

fraueunamen ,  althochdeutsche  120. 

Frechulf  v.  Lisieux,  chronik  286. 

friesische  rechtsbücher,  wert  für  d.  lit. - 
gesch.  117. 

fi-ohe  frau,  verf.  derselb.  304. 

Fuchs,  Leonh.  207  —  209.   vgl.  botan. 

fuchtelmänner  345 — 48. 

Füllmaurer,  Hnr.    siehe  holzschn. 

Gärtner,  K.  Christ.  224,  anm.  14. 

gebet  a.  Maria,  frgm.  139  f. 


502 


SACHREGISTEE 


geheimes  gespräch  v.  d.  Tragedia  Joh. 
Hussen  zwisch.  Luth.  u.  sein,  freund. 
460  ff. 

gcographie,  mittelalterliche,  geo- 
graph.  excurse  i.  Frechulfs  v.  Lisieux 
chron.  286.  in  Otto  v.  Freisingen  286. 
in  Orosius  286.  —  einfl.  des  Isidor  auf 
d.  geogr.  vor  Rud.  v.  Ems  296  f.  be- 
nuzt in  d.  versus  de  rota  raundi  296  f. 
von  Paul.  Diaconus  297.  von  Hraba- 
nus  Maurus  297.  im  Merigarto  297. 
im  2.  teile  der  Herzog-Ernst-sage  297. 

—  einfl.  d.  Image  mundi  298  —  300. 
387  —  432.  vgl.  diese,  benuzt  im  deut- 
schen Lucidarius  (aurea  gemma)  387— 
412.  vgl.  diesen,  in  d.  Otia  iraperia- 
lia  des  Gervasius  412  —  419.  vgl.  die- 
sen, durch  die  Image  du  monde  und 
durch  Jac.  de  Vitriaco  419  —  29.  vgl. 
beide.  —  verh.  der  Mapjja  mundi  in 
ein.  span.  hs.  z.  Image  mundi  429  —  32. 
vgl.  jene.  —  Rudolfs  geogr.    s.  diesen. 

Gervasius  Tilberiensis  412.  Otia 
imperialia  413.  geogr.  desselb.  u.  ihre 
quellen  414.  verh.  z.  Image  mundi 
415  ff.  verh.  z.  Rud.  v.  Ems  geegr. 
abschnitt  418  f.     z.  Image  mundi  431. 

gevatter  tod  s.  Hugo  v.  Trimberg. 

Göntgen ,  verf.  d.  frohen  frau  304. 

Goethe ,  sprachgebr.  348. 

gotische  bibelübersetzg,  vorlagen  362  f. 
Charakter  d.  griech.  vorl.  362.  der  lat. 
363.  —  gotisches  q  und  to  einfache 
laute  481  f.  s  im  auslaut  482.  Wech- 
sel von  u  und  au  ebda. 

Gotfried  v.  Pranken,  obst-  u.  weinbuch 
(Lucidarius)  212  u.  anm. 

Gralsage  s.  Wolfram. 

Gudrünarqvida,  verh.  z.  pidrekssag.  108  u. 
anm. 

Guiot  73.  Vorbild  Wolframs  auch  i.  theol. 
dingen  80  anm.     vgl.  377  ff. 

Guttenberg,  fracturdrucke  v.  G.  bis  Lu- 
ther 253  f.     vgl.  orthogr. 

Hadamar  v.  Laber,  die  jagd  243  —  49. 

Halberstädter  bruchstücke.  4  pre- 
digten 129  —  139.  183  —  188.  bestimt 
für  ein  Franzisc.  frauenklost.  188.  erstes 
brachst,  ein  teil  v.  bruder  Bertholds 
pred.  II,  39.  184.  (nicht  von  I,  2,  129 
anm.  1).  verh.  beider  texte  z.  einand. 
184  f.  —  drittes  bruchstück  134  —  37. 
stimt  z.  Strobl,  anhang  C  nr.  IL  185. 
verh.  beider  z.  einand.  185  ff.  —  vier- 
tos bruchst.  137 — 139.  entspricht  der 
68.  Bertholdschen  pred.  (Strobl)  187. 
verh.  beider  z.  einand.  187  f.  vgl.  brud. 
Berthold.  —  katechismusstücke  140  — 
143.  —  sogen  143  f.  —  gevatter  tod 
(==  Hugo  V.  Trimberg,    Renner  23666 

—  795).    144  —  149.    —     medicinisches 


149  —  55.  —  alphabetisch  geordnet, 
kräuterbuch  155  — 182. 

hansischer  geschichtsverein  s.  ver.  f.  nie- 
derdeutsche Sprachforschung. 

Hartmann  v.  Aue.  üb.  die  hss.  des  Iwein 
362. 

Hederich,  Benjamin  224,  anm.  17.  An- 
leitung z.  d.  fürnehmsten  bist,  wissen^ 
schaffen  usw.  224  anm.  18.  19. 

Heinrich  d.  Löwen  literar.  bestrebungen 
387  f. 

Heinrich  III,  landgrf  v.  Thür.  s.  Christ- 
herre  -  chronik. 

Heliand,  vom  gebr.  der  cas.  im  H.  370  f. 

Helreid  Brynhildar  s.  Nernagestsl)ättr. 

herbarius,  Mainzer  199.  —  niederdeut- 
scher 201  f.  349  ff. 

Herders  Adrastea  225  anm.  25. 

Herrand  v.  Wildonie  250.  silbenzählg  i. 
13.  jh.  251.  Chronologie  s.  erzählungen 
251.     verh.  z.  and.  dichtem  251  f. 

Hochschwab,  sagen  vom,  342  —  48. 
sag.  vom  borg-  u.  wildfräulein  (tyrol. 
saligen)  342  f.  fuchtelmänner  345  ff. 
woher  d.  gedrehten  schwänze  d.  schweine 
348. 

holzschnitte,  i.  deutschen  kräuterbü- 
chern  199  f.  rohe  i.  Ortus  sanitatis  201. 
vorzügliche  b.  Brunfels  v.  Hans  Wei- 
ditz  i.  Strassburg  204.  bei  Bock  v.  Dav. 
Kandel  i.  Strassburg  206.  vorzügliche 
b.  Fuchs  V.  Füllmaurer,  Meyer,  Speckle 
209.  —  in  Brants  narrenschiff  500. 

Honorius  Augustodunensis  298f. — 
Image  mundi  299  ff.  —  Elucidarium 
391.  —  verh.  des  deutsch.  Lucidarius 
z.  Image  m.  392  —  400.  —  tractat  In- 
evitabile  401  u.  anm.  —  Image  m.  (od. 
Mappa  mundi)  benuzt  i.  d.  Otia  impe- 
rialia 415  ff.  i.  d.  Image  du  monde 
419  ff.  422  ff.  von  Jac.  de  Vitriaco 
427  f.  —  Spanische  hs.  d.  Mappa  m. 
429  ff.  verh.  derselb.  z.  Gervasius  vor- 
läge 431.     zu  Rud.  V.  Ems  432.  435. 

Hugo  V.  Trimberg,  bruchst.  aus  d. 
Renner  (23666  —  795)  i.  d.  Halb,  bruch- 
stücken  144  —  49. 

Hulsius,  Levinus,  über  fetisch  81. 

Huss,  Job.,  tragöd.  v.  Agricola,  s,  diesen. 

Jacobus  de  Vitriaco,  bonuzt  in  d.  Image 
du  monde  426  ft'.  —  sein  verh.  z.  Image 
mundi  427  f. 

Image  du  monde  419  ff.  —  verh.  ihrer 
erdkundc  (=  mappemonde)  z.  Image  m. 
421  ff.  z.  Jac.  de  Vitriaco  426  ff.  — 
ihre  verbreitg.  428.  —  verh.  des  Rud. 
V.  Ems  z.  ihr  429. 

Imago  mundi  siehe  Henerius. 

Isaac  Judaeus  350  f. 

Isidors  Etymologien  296.  sein  einfl.  auf 
mittelalt.  geogr.  296  f.     vgl,  geogr. 


SACHREGISTER 


503 


italiänisch.  entstcliung  der  it.  sjir.  3G3  f. 

jndciispit'ss,  mit  d.  j.  laut'on  S2. 

Kuiidcl ,  l);iv. ,  siclic  holzsclm. 

kalccliisuuisstücke  siehe  Halberst.  brucbst. 

Klingers  Faust  382. 

Klopstociv ,  sprachliches  380.  Sinnesart 
381.     entslehnngszeit  des  Messias  381. 

kräuterbuch,  alphab.  geordnet.,  Über- 
setzung aus  Macer  155  —  182. 

Langer,  Lessings  nachfolger  in  Wolfen- 
büttel 225  anm.  20. 

Lapidarius  des  Marbod  190  aniu.  4.  vgl. 
213. 

lautverschiebung,  entstehg  siehe  althochd. 

leopard  in  Gahinurets  wappen  73  ff.  — 
im  Wappen  unterschieden  vom  löwen 
74  f.  —  im  engl,  wappen  73  ff. 

Lessing,  Emilia  Galotti  223  anm.  7.  zur 
gesch.  u.  lit.  224  anm.  16. 

löwe  als  Wappentier  siehe  leopard. 

Lübecker  fastnachtsspiele  359  f.  —  arz- 
neibuch  siehe  Macer  Flor. 

Lucidarius  od.  Aurea  gemma  benuzt 
die  Imago  mundi  387 — 412.  zeit,  ver- 
anlassung, zweck  387  ff.  sein  geogr. 
abschn.  390  ff.  vorrede  389  anra.  ver- 
schied. V.  Elucidarium  391.  inh.  des 
Luc.  391  f.  verh.  z.  Imago  m.  392  — 
400.  niederl.  bearbeitung  401  ff.  dän. 
Luc.  390  anm.  404  ff.  verh.  des  Rud. 
V.  Ems  z.  Luc.  408  ff.  —  vgl.  Gotfr. 
V.  Frank. 

Luther,  Orthographie  254  f.  vgl.  orth., 
Agricola  u.  heiml.  gespr. 

Macer,  Aerailius  189  u.  anm.  2. 

Mac  er  Floridus,  bruchstücke  einer 
deutsch,  übersetzg  155  — 182.  —  titel 
des  Werkes  189  f.  verf. ,  zeit  d.  abfas- 
sung  190.  verbreitg  190  f.  hss.  191— 
194.  —  verh.  eines  niederd.  Lübecker 
arzneib.  z.  M.  201  f.  vgl.  203.  211.  — 
cultur-  u.  litteraturhist.  wert  der  übers. 
211  ff.  Zeugnisse  dafür  (brud.  Berthold 
n.  d.  deutsche  Cato)  212  f.  verh.  der 
übers,  z.  lat.  text  213  f.  ihre  quellen 
ausser  Mac.  214  ff.  —  übers,  des  Mac. 
in  deutsche  gereimte  verse  215. 

Mappa  mundi  s.  Imago  m. 

Mappemonde  s.  Image  du  m. 

Marbod  s.  Lapidarius. 

Margaretenlegenden,  niederdeutsche 
(Magdeb.)  bearbtg  468  anm.  —  mittel- 
deutsche bruchstücke  468  —  77.  hs.  S 
477.  Sprache,  reim  478.  verh.  z.  and. 
Marg.  leg.  478  f. 

Maria,  fragm.  eines  gebet,  a.  M.  139  f. 

medicinisches  (recepte)  in  den  Halberst. 
bruchst.  149  —  155. 

Meneraachus  166  anm.  4. 

metrik.  Silbenzählg  im  13.  jh.  siehe 
Herrand. —  vgleich.  der  reime  i.  Rud.v.  E. 


gcogr.  abschn.  u.  i.  Wolfr.  265  anm.  2. 
—  vgl.  Marg.  leg.,  Par.  tageszeiten, 
Rud.  V.  Ems. 

Mej^er,  Albr. ,  siehe  hnlzschn. 

mittelhochdeutsch,  consonantcnassi- 
niilation  484  f.  vocalcontraction  nach 
ausfall  zwischensteh,  media  485. 

Nendorf,  Job.,  siehe  Ackermann. 

Nicolai ,  Friedr. ,  2  briefe  a.  Eschenburg 
219  ff.  —  s.  ältest.  söhn  Sam.  Friedr. 
225  anm.  22.  —  brief  an  legationsrat 
Preuss  225,  anm.  26.  —  s.  beid.  and. 
söhne  226  anm.  27.  vgl.  anm.  28.  29.  — 
s.  töchter  226  anm.  30.  31. 

niederdeutsch,  verein  für  n.  Sprach- 
forschung, verh.  z.  hans.  geschichts- 
verein  353  f.  —  zur  gesch.  der  n.  S]jra- 
che  356  f.  vgl.  Nobiskrüge.  —  fast- 
nachtsspiele Lübecker  patriz.  359  f.  — 
Lüb.  arzneibuch  s.  Macer.  —  n.  bear- 
beitg  d.  Margarctenleg.  468  anm.  1.  — 
mittelniederdeutsch,  annalen  s.  Oldenkop. 

niederländ.  Lucidarius  s.  diesen. 

Nobiskrüge  357  f. 

Nor  nagestspättr,  hsverhältnis  87  ff. 
S  verdient  d.  unbedingt,  vorzug  vor  F 
91.  92.  —  überliefrg  Eddischer  stroph. 
88  ff.  schöpft  d.  Edd.  stroph.  aus  der 
Volkstradition  88.  verh.  der  Volksdich- 
tung z.  skaldendichtung  89.  verh.  z. 
samlung  u.  z.  Völsungasag.  108.  109  ff. 
112.     benuzt  eine  Sigurdarsaga  110  f. 

Oldenkop,  Joh.,  mittelniederdeutsche  an- 
nal.  354  f.     s.  leben  355. 

innerösterreichische  minnesinger  252  f. 

Orosius,  quelle  für  mittelalt.  geogr.  286. 

Orthographie,  beitr.  z.  gesch.  d.  deut- 
scheu rechtschrbg  253.  fractiirdrucke 
V.  Guttenberg  bis  Luther  253  f.  Luther 
254  f. 

Ortolf  V.  Baierland,  arzneib.  351. 

Ortus  sanitatis  200. 

osterspiele,  lat.  über  2  recensionen  der 
ältest.  form  489  f. 

Otfrid  s.  althochd. 

Otto  V.  Freisingen  286. 

Pandectae  (medic.  sammelwerk)  198. 

panther  als  Wappentier,  s.  leopard. 

Parcival,  ahnherr  des  hauses  Anjou  73. 

Pariser  tageszeiten  372  —  77.  metrisches 
372  ff.     Wortstellung  374. 

Petrus  Comestor,  Historia  scholastica, 
hauptquelle  des  Rud.  v.  Ems  285. 

Plinius,  naturalis  historia ,  angebl.  quelle 
für  Rud.  geogr.  290  K 

Pseudo-Plinii  medicina  195  f. 

Platearius,  Matthaeus  197  f. 

predigten,  brud.  Bertholds,  s.  diesen, 
vgl.  Halberst.  bruchstücke,  epistel-  u. 
evangelicnb. 

romanisch,  älteste  r.  alba  333 — 41. 


504 


SACHREGISTER 


Rosvitba  v.  Gandcrslieim  117.  vgl.  121. 

RüL-kcrt  als  geruiauist  3G4. 

Rückliug,  Hcinr.  224,  aniii.  15. 

Eiidolf  von  Ems.  weltchronik 257.  zeit 
der  abfassuDg  258  anm.  3.  454  anm. 
verschiedne  beurteilg  derselb.  i.  ueuerer 
zeit  257  flf.  reime  b.  Rud.  265  f.  Wort- 
spiele 268.  neiguug  z.  breite  u.  tau- 
tologie  269  ff.  versbau  274  ff.  beband- 
lung  fremd,  eigennameu  276.  haupt- 
quelle ausser  d.  bibel  d.  histor.  schola- 
stica  des  Petr.  Comestor  285.  —  geo- 
graphischer abschn.  darin  265  ff. 
Zugehörigkeit  z.  weltchr.  261  —  65.  ihr 
verh.  z.  and.  weltchr.  in  dies,  beziehg 
261  ff.  Rudolfs  autorschaft  bewiesen 
aus  äusseren  gründen :  sprachl. eigen- 
tümlichkeiten  265  —  69.  stilistischen 
269  —  74.  metr.  u.  rhythm.  274-78. 
aus  inneren:  anklänge,  rückerinne- 
rungen  278  —  82.  organ.  einfügung  in 
d.  weltchron.  282  —  87.  —  abstammung 
u.  verwantschaft  d.  Rud.  geogr.  287  — 
301.  verh.  z.  Vincentius  ,  speculum  hi- 
storiale  287  ff.  292  ff.  vgl.  diesen,  z. 
Pliu.  290  ff.  verh.  z.  Isidor  292  ff.  vgl. 
diesen,  zum  deutsch.  Lucidarius  408  ff. 
vgl.  diesen,  z.  d.  Otia  imperialia  418. 
vgl.  Gervasius.  z.  Image  du  monde  429. 
vgl.  diese.  z.  span.  hs.  der  mappa 
mundi  432.  vgl.  lezteres.  —  quellen 
der  Rud.  geogr.  432  —  37.  Honorius, 
Imago  mundi,  hauptquelle  435.  vgl. 
diesen,  andre  uiündl.  u.  schriftl.  quell. 
435  ff.  —  inhalt  437-46.  irtümer, 
fehler  443  ff',    formales  446—  54. 

Ruodlieb ,  verh.  z.  kön.  Ruotliep  i.  Ecken- 
liede  117.  stultus  i.  R.  =  töricht, 
nicht  statlich,  ebda. 

Saligen,  tyroler,  s.  Hochschwab. 

Seharphenberc  252  f. 

Schnitter  s.  Agricola. 

segen ,  unt.  d.  Halberst.  brachst,  s.  diese. 

Sorapion  d.  jüngere  198. 

Sigurdarsaga ,  hat  ursprünglich  für  sich 
bestanden  111  f. 

Solins  Polyhistor,  quelle  für  Wolfr.  378. 

Sonntag ,  personificiert  usw.  143  anm.  2. 

Sounecke  252  f. 


Specklo ,  Veit  Riidolff  s.  holzschn. 

Stadecke  252  f. 

Steiermark ,  volksüberlieferg  aus  342 — 48. 
vgl.  Hochschwab. 

Strassburger  eide  119. 

Sylvatieus ,  Matthaeus ,  Pandectae  medi- 
cinao  198. 

Tabernaemontanus  s.  Theodor. 

Taprobane  443  anm.  2. 

Tereuz,  Andria  s.  Agricola. 

Theodor,  Jac,  gen.  Tabernaemontanus  210. 

Thomas  Cantimpratensis  427  u.  anm.  2. 

fjidrekssaga.  verh.  d.  Völs.  sag.  z.  J). 
83  f.  107.  der  p.  z.  Snorra  Edda  s.  Edda. 

Tingitania  442  anm.  1. 

troubadours.  Vorläufer  der  poesie  der  tr. 
339  f. 

Valescus  v.  Taranta  351. 

Vincentius  Bellovacensis,  verh.  z.  Rud. 
V.  Ems  geogr.  287  ff.  292  ff.  benuzt 
Isidor  als  quelle  295.  vgl.  421  anm.  2, 

VQlsungasaga.  verh.  z.  J)idrekssaga 
83  f.  107.  textkritik  84—92.  quellen 
d.  saga  (Eddalied.)  93  ff.  benutzung  d. 
Saeniundaredda  83  f.  97  — 103.  auf 
Island  geschr.,  nicht  in  Norweg.  103 
anm.  1.  verh.  z.  Snorraedda  103—107. 
nicht  identisch  mit  Sigurdarsaga  110  f 
vgl.  diese. 

wadel  226  ff. 

Wappen  Gahmurets  73.  Steiermarks  ebda, 
englisches  73  ff. 

Weiditz ,  H. ,  s.  holzschn. 

Weisse,  Christ.  Tel.,  bricf  a.  Eschenburg 
217  f.  sein  trauerspiel  Sophie  oder  die 
brüder  223  anm.  10. 

weltchronik  Rudolfs  v.  Ems  s.  diesen. 

westfäl.  Urkunden,  s.  altsächs. 

Wildonie  252. 

Wolfram  v.  Eschenbach,  sein  theol. 
Standpunkt  80  u.  anm.  abfassungszeit 
der  Titurellieder  127.  seine  gestaltung 
der  Gralsage  377.  seine  quell,  ausser 
Chrestiens  (Kyot)  378.  vereinigt  von 
cinand.  abweichende  darstellungen  378. 
Ursprung  d.  Gralsage  379  ff.  —  gebrauch 
der  praep.  mit  c.  subst.  384  f. 

Xenocrates  171. 

Zimmermann,  E.  A.  W.  225  anm.  21. 


IL     VEKZEICHNIS  DER  BESPROCHENEN  STELLEN. 


Gotisch. 

Luc.  n ,  14  s.  363. 
Phil.  1 ,  15  s.  363. 
Rom.  X,  1  s.  363. 
Marc.  I,  11  s.  363. 
Col.  I,  10  s.  363. 
Joh.  XVm,  2  s.  363. 


Altnordisch. 

Nornagestsjiättr 
c.  I  s.  91. 

-  III,  IV,  V  s.  109  f. 

-  VIII  s.  HO. 


Reginsmäl 

13 ,  2.  6.  7.  8  s.  89.  vgl. 
368. 

14,  7.  8  s.  89. 

15,  8  s.  89. 

16 ,  4  s.  90. 

16,  5.  6.  7  s.  89 


VERZEICHNIS   DER   BESPROCHENEN   STELLEN 


505 


Eeginsraäl 

Snorra  Edda 

17,  2  s.  89. 

c.  39.  40-^  s.  1(14  f. 

17,  6  s.  90. 

-  40''  — 42  s.  105. 

18,  1  s.  90. 

18,  4  s.  92  anm.  2. 

Ang'elsiiclisiscli. 

18,  1—4  s.  3G8. 

Beöwulf. 

20 ,  4  s.  90. 

31  s.  123. 

21 ,  5  s.  90. 

33  s.  123. 

23,  3.  6  s.  90. 

161  s.  123. 

25,  4  s.  89. 

208,  209  s.  124. 

25,  5  s.  90. 

303  —  305  s.  123. 

26 ,  2.  6  s.  90. 

307  s.  124. 

Helreict  Brynhildar 

395  s.  124. 

1,  6  s.  3G8. 

414  s.  123  f. 

1,  8  s.  89. 

445  —  51  s.  124. 

2,2  s.  89. 

574  s.  125. 

2,  3  s.  91. 

643  s.  124. 

2,  5  ff.  s.  89. 

707  s.  124. 

2,  6  s.  90. 

720  s.  124. 

2,7  s.  91. 

759  s.  125. 

3,  7.  8  s.  90.  91. 

1152  s.  124  f. 

4,  5  s.  90. 

1175  s.  125. 

6,  s.  89. 

1538  s.  125. 

7.  6  s.  90. 

2616  s.  125. 

8,  2  s.  88  anm. 

2917  s.  125. 

8,  6  s.  91. 

8,  7  s.  90. 

Mittelhocluleutscli. 

10,  5  s.  91. 

10,  7.  8  s.  90  u.  anm. 

Wolfram ,  Parcival. 

12,  5  s.  90. 

463,  15  ff.  s.  383  — 86. 

13,  3—6  s.  90. 

499,  20  ff  s.  77  ff 

14,  2  —  4  s.  90. 

501,  15  ff  s.  77  ff 

14,  8  s.  91. 

502,  25  ff.  s.  77  ff. 

Hyndluljöa  38  s.  91  anm.  3. 

Willehalm  65,  24  ff.  s.  77. 
69,  11  s.  77. 

Volundarkviaa  17,  1  s.  368. 

Hadamar  v.  Laber,  die  jagd 

Völsungasaga.  (Wilken) 

(ed.  Stejskal). 

152,  15  s.  85. 

15,  6  s.  244. 

153,  2—5  s.  85. 

29,  7  s.  248. 

153,  32  s.  85. 

91,  7  s.  245. 

154,  18  s.  85. 

112,  4  s.  245. 

159,  18  s.  85. 

129,  4  s.  246. 

164,  14  s.  85. 

132,  5  s.  246. 

164,  25  s.  85. 

134,  5  s.  246. 

167,  26  s.  85  f. 

158,  6  s.  248. 

169,  13—15  s.  86. 

180,  5  s.  248. 

171,  27  f.  s.  86. 

184,  6.  7  s.  248. 

172,  22  f.  s.  96. 

203,  1.  2  s.  248. 

173,  4  ff.  (Wilk.)  =  112, 

275,  7  s.  245. 

11  ff.  (B)  s.  98  ff. 

312,  2  s.  245. 

177,  3  s.  368. 

317,  3  s.  246. 

182,  7  s.  86. 

330,  1  s.  245. 

183,  18  s.  86. 

334,  4  s.  245. 

197,  9  s.  86. 

346,  3.  4  s.  248. 

199,  1  ff.  s.  86. 

397  s.  246  f. 

202,  4  ff.  s.  86. 

411,  1  ff.  s.  249. 

205,  21  s.  86.  vgl.  368. 

441  s.  246. 

206,  5  s.  86. 

490,  1  s.  245  f. 

210,  27  ff  s.  86. 

497,  5  s.  246. 

214,  4  f.  s.  86  f. 

517,  1  s.  247. 

230,  13  s.  85  anm.  2. 

555  s.  249. 

Hadamar  v.  Laber  usw. 
560,  6  s.  246. 
Strophe  p,  7    (seite  147) 

s.  246. 
stroplie  s  (s.  148)  s.  247. 
Pariser     tageszeiten    (ed. 
Waetzold). 

324  s.  374. 

332  s.  374. 

393  s.  374. 

479  s.  374. 

537  s.  374. 

562  s.  374. 

588  s.  374. 

603  s.  374, 

689  s.  374. 

832  ff.  s.  374. 

848  s.  375. 

883  s.  375. 

893  s.  375. 

929  s.  375. 

979  —  88  s.  375. 
1026  s.  375. 
1043  s.  375. 
1239  s.  375. 
1272  s.  375. 
1376  ff  s.  375. 
1524  s.  375. 
1536  s.  575. 
1539  s.  376. 
1545  s.  376. 
1565  s.  376. 
1601  s.  376. 
1609  s.  376. 
1692  s.  376. 
1850  s.  376. 
1857  s.  376. 
1880  s.  376. 
1912  s.  376. 
1938  s.  376. 
2010  s.  376. 
2013  s.  376. 
2065  s.  376. 
2094  s.  376. 
2182  s.  376. 
2358  s.  376. 
2377  s.  376. 
2603  s.  376. 
2681  s.  376. 
2698  s.  376. 
2711  s.  376. 
2737  s.  376. 
2796  s.  376. 
2942  s.  376. 
2944  s.  376. 
2975  s.  376. 
3020  s.  376, 
3093  s.  376. 
3212  s.  376. 
3391  s.  376. 
3485  s.  376, 


506 


WORTREGISTEK 


3536  s.  376. 
3585  s.  376. 
3601  s.  376. 
3619  s.  376. 

Neuhochdeutsch. 

Uliland,  jagd  v.  Winchester 

s.  75  f. 
Lessing,  Haniburgische  di'a- 

maturgie     (v.    Schröter - 

Thiele) 

II,  2.  3  s.  237  f. 


Lessing,  Hamb.  dramat. 
II,  10  s.  238. 
II,  14  s.  238. 
m,  3  s.  238. 

III,  4  s.  238f. 

IV,  2  s.  239. 
VI,  18  s.  239. 
VI,  20  s.  239. 

XX,  9  s.  239. 
XXXI,  s.  194  s.  239. 
XXXVIII  s.  239  f. 
XLIX,  5  s.  240. 
XLIX,  7  s.  240. 


Lessing,  Hamb.  dramat. 
LIX,  s.  240. 
LXXm,  24  s.  240  f. 
LXXVI,  2  s.  238. 
LXXVI,  4.  5  s.  241. 
LXXVII,  1  s.  241. 
LXXVII,  13  s.  241. 
XCII,  6  s.  24L 
XCIV,  5  s.  241. 
XCVI,  7  s.  241. 
XCVm,  4  s.  241. 
CI— CIV,  6  s.  241. 


Mittellateiuisch. 

acidula  161  anm.  1. 
aegilopa  175  anm.  7. 
aizoon  ct.  161  anm.  1. 
albumen  167  anm.  1. 
allopitia  167  anm.  2. 
althea  158. 
amarica  174  anm.  2. 
anethum  162. 
aristolochia  156. 
atriplex  161. 

beta  167  anm.  1.  vgl.  214. 
betonica  164. 
brassica  181. 
buglossa  166. 
centaurea  171. 
cerefoliiim  169. 
cerviboletum  214.  vgl.  179. 
chamomilla  172. 174  anm.  1. 
cinnama  176. 

colubrina  174.   175  anm.  1. 
couium  167. 
coriandrum  169. 
costus  177. 
cucumer  178  f. 
elleborus  182. 
haenioptoicus  180  anm.  1. 
humula  (fürinula)  152  anm. 

3.  179. 
ictericum  162  anm.  3. 
orthopnoicus  180  anm.  1. 
pecten  168  anm.  2. 
pusca  175  anm.  5. 
rob  179  anm.  1. 
sempervivum  (sedum)    161. 
sisymbrium  153  anm.  4. 
sciasis    166    anm.  2.     172 

anm.  2. 
stera  166  anm.  2. 
syre  179  anm.  2. 
zedoar  176. 


III.     WOETKEGISTER. 
Gotisch. 

kaurus  482. 

Altnordisch. 

barnstokk  85. 

blotstokk  85. 

erendi  86. 

Hamdir  (nicht  Hamdir)  87. 

ofrlid  85. 

ßandver  87. 

sönardreyra  87. 

Angelsächsisch. 

breme  125. 
ealdorceani  125. 
ehtan  125. 
heriau  125. 
isig  123. 
rcced  125. 
scop  125. 
segn  125. 
wiildor  125. 

Altliochdeutsch. 

hulft  81  f. 

Mittelhochdeutsch. 

(Mittelfränkiscli.) 
bekobern  249. 
beobern  249. 
bilde  248. 
brucb  248. 
en  (negat.)  496. 
gerehticlich  248. 
geriuwcn  c.  dat.  217. 
bei:5en  c.  dat.  217. 
mit  c.  subst.  (Wolfr.)  384  f. 
mouwen  c.  dat.  217. 
nouwe  (nauwc)  495. 
önen  (änen)  249. 
plane,  diu  u.  der  plan  127. 
risch  496. 


sein,  Seite,  geseit  (für  sa- 
gen usw.)  495. 

üch  495  f. 

vederlesen ,  sich  496. 

verliden  496. 

wan  (so  mir  min  w.)  496. 

zoubern  c.  acc.  d.  prs.  (= 
trans.)  144  anm.  9. 

Mittelniederdeutsch. 

bemigen  157  anm.  8. 
bennigen  157  anm.  8. 
belaten  (betalen)  303. 
betekalk  158  anm.  10. 
bordeol  303  f. 
brüggc  302. 
drinden  163  anm.  2. 
duug  302. 

duunigen  168  anm.  5. 
düschen  302  f. 
geschiverte  177  anm.  4. 
getwagen  167  anm.  6. 
grauschen  479. 
grein  479. 
kichen  162  anm.  3. 
lütersalz  162  anm.  2. 
mengelwürz  161  anm.  1. 
pesmalte  215  anm. 
resclicn  159  anm.  3. 
risen  (lentigo)  181  anm.  1. 
(santorij ,  santorie ,  niederl. 

172  anm.  1.) 
stopfdenbuch  214.  vgl.  179. 
triben  165  anm.  4. 
ungenutten  169  anm.  2. 
vorletzon  163  anm.  1. 
zengTent  177  anm.  1. 
zutrunden  171  anm.  3. 

Neuhochdeutsch. 

fetisch  81.  352. 
liespfund  82. 


Hallo  a.  S.  j  Buchdruckeroi  des  "Waisenhauses. 


Literarische  Anzeigen. 


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Wien,  Febr.  1881.  Alfred  Holder, 

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wissenschafttichen  Studium  der  eug-lischeu  Sprache 

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Johan  Storm, 

ord.  Professor  der  romanischen  und  englisclien  Philologie  an  der  Universität 

Christiania. 


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jedes  englische  Philologie  Studirenden  bilden." 

Henry  Sweet  schliesst  eine  Besprechung  des  Werks  in  der  „Academy": 
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Deutsche  Litteraturdenkmale 

des  18.  Jahrhunderts 

in  Neudrucken  herausgegeben 

von 

Bernhard  Seuffert. 


Unter  diesem  Titel  ist  beabsichtigt,  aus  Einzeldrucken,  Sammelwerken  und 
Zeitschriften  eine  Auswahl  von  Dichtungen ,  Abhandlungen  und  kritischen  Anzeigen, 
welche  für  die  Kenutniss  der  deutschen  Litteratur  von  Gottsched  bis  zu  den  Roman- 
tikern von  Bedeutung,  ihrer  Seltenheit  wegen  aber  schwer  erreichbar  sind,  in  diplo- 
matisch getreuen  abdrücken  zu  veranstalten. 

Das  erste  der  nach  Zeit  und  Umfang  zwanglos  erscheinenden  Hefte: 

Otto,  Trauerspiel  von  F.  M.  Klinger 
wurde  soeben  vollendet  (Preis  90  ^.) ;  weiter  sollen  zunächst  erscheinen : 

Voltaire  am  Abend  seiner  Apotheose,  von  H.  L.   Wagner 

Faust's  Leben,  von  Maler  Müller 

Preussische  Kriegslieder  von  einem  Grenadier,  von  Gleim. 

Ferner : 

Sammlung  französischer  leudrucke 

herausgegeben  von 
Karl    Vollmöller. 


Unter  vorstehendem  Titel  werden  seltene  und  schwer  erreichbare  französische 
Schriftwerke  aus  dem  16.,  17.  und  18.  Jahrhundert:  Dichtungen,  Grammatiken  (so 
vor  allem  die  wiclitigen  des  16.  Jahrhunderts)  und  literarhistorische  Abhandlungen 
zum  Abdruck  kommen. 

Zunächst  sollen  erscheinen : 
de  Villiers'  Testin  de  Pierre  ou  l'Athee  foudroye,   1660,   (unter 

der  Presse), 
Jacobi  Sylvii  ambiani  in  linguam  gallicain  Isagtoge,  1531, 
Traite  de  la  Comedie  et  des  Speetacles,  1667. 


Neuer  Verlag  der  Buclihandlung  des  Waisenhauses  in  Halle. 

(Zu  beziehen  durch  jede  Buchhandlung.) 

Bernhardt,  F.,  Professor  am  Gymnasium  zu  Erfurt,  Abriss  der  mittelhoch- 
deutschen Laut-  und  Flexionslehre  zum  Schulgebx'auch.  Mit  einem 
Anhange  i'iber  mittelhochdeutschen  Versbau.  Zweite,  verbesserte  Autlage.  8. 
(VI  u.  33  S.)     geh.     48  Pf. 

Rieliter,  Dr.  Gustav,  (llufrath,  Gymnasialdirector  zu  Jena),  Zeittafeln  der 
deutschen  Geschichte  im  Mittelalter  von  der  Gründung  des  fränkischen 
Reichs  bis  zum  Ausgang  der  Hohenstaufen  mit  durchgängiger  Erläuterung  aus 
den  Quellen  für  den  Gebrauch  an  höheren  Unterrichtsaustalten  und  zum  Selbst- 
studium bearbeitet,     gr.  4.     (XII  u.  176  S.)    geh.    4  M.  50  Pf. 


Halle  a.  S. ,  Buclidruckerei  des  Waiseiihauses. 


PF       Zeitschrift  für  deutsche 
3003        Philologie 

Z35 
Bd.  12 


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